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Full text of "Goethe-jahrbuch"

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THE NEW YORK 

PUBLIC LIBRARY, 







Piologr, roB Loult Held, Wetmat, 



Goethe -Jahrbuch 



Herausgegeben 



VON 



Ludwig Geiger. 



Zweiundzwanzigster Band. 



Mit dem sechzehnten Jahresbericht 



DER 



Goethe-Gesellschaft. 



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Frankfurt vm. 

Literarische Anstalt 

ROTTEK & LoEKIKG. 






1901. •-: :• • « - 



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THE NEW YORK 

PUBLIC LIBRARY 

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A8T0R, LENOX AND 
TILDEN re'.'"DATiONS. 

R i:ci L. 



Mit dem Bild 

Seiner Königlichen Hoheit 

DES Hochseligen 

Grossherzogs Karl Alexander 

VON Sachsen-Weimar-Eisenach. 



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Vorwort. 




on vielen Todten spricht dieser Band, manchem 
Verstorbenen gönnt er das Wort. Unter den 
Todten, deren Andenken er durch Bild und Aufsatz fest- 
zuhalten sucht, verdient der Großherzog Karl Alexander 
von Sachsen den ersten Platz. 

Berufenere als ich, die entweder ein ganzes Leben mit 
Ihm zugebracht, oder viele Jahre in Seiner unmittelbaren 
Nähe geweilt haben, werden in den nachfolgenden Blättern 
die Erinnerung an Ihn festhalten oder haben anderwärts 
diese bei aller Wehmuth herzerquickende Pflicht zu er- 
füllen gesucht. 

Mir, als Herausgeber dieses Jahrbuchs, liegt es nur ob, 
zu bezeugen, daß dieses periodische Unternehmen von 
seinem Erscheinen an durch den Verstorbenen gefördert 
und in huldvollster Weise unterstützt wurde. Wäre schon 
«durch diese Begünstigung allein mein lebhafter Dank her- 
-vorgerufen worden, so wurde er gesteigert durch das 
{)ersönliche Wohlwollen, das mir durch den hohen Herrn 
erzeigt wurde. Seit den mir unvergeßlichen Junitagen 
des Jahres 1880, in denen ich auf eine Empfehlung der 
^em verewigten Fürsten nahestehenden Frau Fanny Lewald- 
3tahr, von Ihm in einer Audienz im Römischen Hause 
•empfangen, mehrmals in Belvedere zur Hoftafel gezogen 
wurde, in Gesellschaft des Meisters Liszt, bis zum 2. April 
1900, an welchem Tage ich Ihm das von mir herausge- 
gebene Buch: »Gefühltes und Gedachtes von Fanny Lewald« 



IV Vorwort. 



überreichen durfte, habe ich manchmal , besonders auf 
der Wartburg (Oct. 1897) bei Uebergabe meines Werkes 
»Aus Alt -Weimar« längere Gespräche mit dem Heim- 
gegangenen geführt. Wo und wann es mir vergönnt war. 
Ihm zu nahen, — im Einzelgespräch mehr, als in den 
Massenunterhaltungen bei den Versammlungen der Goethe- 
Gesellschaft, wo sich besonders glänzend Sein Tact, Seine 
Begabung bewährte, einem Jeden ein freundliches Wort 
und gerade das für ihn passende zu sagen — immer habe 
ich Seine Milde, Sein echt menschliches Gefühl und Em- 
pfinden, Seine freisinnige Anschauung und Auffassung bei 
allem Bewußtsein fürstlicher Würde, Seine geistige Frische 
trotz der zunehmenden körperlichen Hinfälligkeit zu er- 
kennen Veranlassung gehabt. Trotz regster Antheilnahme 
an der Gegenwart, deren Bestrebungen Er begriff und 
förderte, lebte Er, wie es dem Aelteren geziemt und wie 
es der Weimarischen Fürsten glorreiche Tradition mit sich 
bringt, in der ruhmvollen Vergangenheit. Er, auf dem als 
Knabe des hohen Greises Goethe segnender Blick geruht 
hatte, fühlte sich zeitlebens als Schüler und dankbarer Ver- 
ehrer des großen Meisters. In dem Geiste des Unver- 
gänglichen zu leben und zu handeln erachtete er für Seinen< 
schweren, aber lohnenden Beruf. In die Segenswünsche 
Seines dankbaren Volkes mische sich auch dieser schlichte 
Tribut meiner Liebe und Verehrung. 

Die Verfasser dreier Aufsätze weilen nicht mehr unter 
den Lebenden. Theodor Creizenach (S. 131) ist seit 1877,. 
Rudolf Hildebrand (S. 205) seit 1894 ^odt; V. Valentin ist 
am 24. December 1900 gestorben. Gegen diese Art von 
Ausgrabungen wird hoffentlich Niemand etwas einzuwenden 
haben. Ich wenigstens habe es für eine Ehrenpflicht ge- 
halten, eine vor langer Zeit gehaltene und in einem Local- 
blatt gedruckte Rede meines verehrten Lehrers Creizenach 
zu wiederholen, der durch seinen Unterricht vor vielen < 
Jahrzehnten mir die Anregung zu den Studien gab, denen 
ich mein Leben gewidmet habe. Hildebrands feinsinnige 
Ausführungen werden gewiß willkommen sein, selbst wenn 
sie sehr bald in größerem Zusammenhange in Buchform 
wiedererscheinen sollten. Mit großer Wehmuth habe ick 



Vorwort. 



V. Valentins Aufsatz zum Druck befördert. Dem treflFlichen 
Genossen, dem tüchtigen Gelehrten, dem ausgezeichneten 
Menschen sucht ein besonderer Nekrolog und die vom 
Vorstand der Goethe-Gesellschaft ausgehende Würdigung 
gerecht zu werden; hier sei es nur gestattet, dem treu- 
bewährten Mitarbeiter, dem edlen erprobten Kameraden 
ein letztes Lebewohl nachzurufen. Wer noch bei der 
letzten Zusammenkunft der Glieder unserer Gemeinschaft 
die kraftvolle Erscheinung, das blühende Aussehen des 
Wackeren erblickte, konnte ein so schnelles Ende nicht 
für möglich halten. Ein harmonisch durchgebildeter, in 
sich gefesteter Mann ist mit ihm dahingegangen: tüchtig 
in seinem Berufe, vielseitig als Schriftsteller, liebevoll und 
geliebt in seinem Hause, ein Freund den Freunden. Einfach 
und bescheiden, unermüdlich thätig und doch voll ruhigen 
Behagens, entschieden in seinen Ueberzeugungen aber maß- 
voll in deren Ausdruck, streng in den Anforderungen, die 
er an sich stellte und milde in der Beurtheilung Anderer, 
edel in seinen Gesinnungen und Handlungen und kindlich 
rein in seiner Lebensauffassung, — so erschien er mir in 
den vielen Jahren freundlichen Zusammenwirkens, so soll 
sein Bild weiter vor mir stehen. 

»Ueber Gräber vorwärts«, so lautet der Zuruf, den 
Goethe nach schweren Verlusten sich selbst ertönen ließ; 
er muß auch den in seinem Geiste Arbeitenden erschallen. 
Daher darf ich auch diesmal, nach dem wehmütigen Aus- 
blick in die Vergangenheit, freudig der Gegenwart ge- 
denken und auf eine gedeihliche Zukunft hoffen. Ich be- 
grüße eine Reihe neu eingetretener Mitarbeiter, darf mich 
auch der alten bewährten Genossen erfreuen , und übe 
gern die angenehme Pflicht, ihnen allen Dank zu sagen, 
vornehmlich auch den Leitern der großen Weimarer An- 
stalten, ohne deren Unterstützung dieses Jahrbuch seines 
Schmucks und seiner besten Kraft verloren ginge. 

Zum Schlüsse aber sei der ehrerbietige Dank abge- 
stattet Seiner Königlichen Hoheit, dem Großherzog Wilhelm 
Ernst, dem hohen Besitzer des Goethe- und Schiller-Archivs 
für die auch diesmal dem Jahrbuch gewährte Ueberlassung 
wichtiger ungedruckter Stücke. Möge es dem Herausgeber 



VI Vorwort. 



vergönnt sein, auch für sein Unternehmen sich der Huld 
des hohen Herrn zu erfreuen, die dieser, in würdigster 
Erkenntniß Seiner großen Aufgabe und in pietätvoller Er- 
innerung an Seine Ahnen den Anstalten und Einrichtungen 
feierlich zugesagt hat, die Sein Großvater begründete oder 
förderte. 

Berlin, 15. Mai 1901. 
W. 50, Schaperstr. 8. 



Ludwig Geiger. 



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Inhalt. 

Seite 

Karl Alexander, Großherzog v. Sachsen- Weimar-Eisenach I*— VII* 

I. Neue Mittheilungen. 

I. MittheilungenausdemGoethe-u.Schiller-Archiv. 

1. Homerisches ausGoethes Nachlaß. Herausgegeben 

von Bernhard Suphan 3—16 

2. Gedanken über Freiheit und Gleichheit. Heraus- 
gegeben von Bernhard Suphan 16—19 

3. Goethe und Carl Friedrich v. Conta. Neunund- 
dreißig Briefe von Goethe an v. Conta, Fünf- 
zehn Briefe v. Conta*s an Goethe. Herausge- 
geben von Max Hecker i9~73 

n. Verschiedenes. 

1. Fünf Briefe Goethes 1790— 18 19. Mitgetheilt 

von Ludwig Geiger 74—84 

2. Goethe-Blätter auf der VesteKoburg. Mitgetheilt 

von Karl Koetschau 84—90 

3. Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel mit Bei- 
trägen von £. V. Bamberg und P. Weizsäcker. 
Herausgegeben von Ludwig Geiger . . . . 91—109 

4. Königin Luise in Weimar. Mitgetheilt von 

P. Bailleu , 109— 113 

5. Goethe und Lili Parthey. Mitgetheilt von Otto 
Harnack 113— 128 

Abhandlungen : 

1. Theodor Crehenach: Goethe als Befreier . 131— 138 

2. Veit Valentin: Goethes Freimaurerei in seinen 
nichtfreimaurerischen Dichtungen 139—149 

3. Max Morris: Mephistopheles 150 -191 

4. Eugen Kilian: Eine Auffuhrung des Götz von 
Berlichingen nach der Originalausgabe von 1773 192—204 



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VIII Inhalt. 

5. Rudolf Hildebrand: Aus Vorlesungen über Seite 
Goethe. Herausgegeben von Julius Goebel . 205^224 

6. Adolf Stern: Goethe und Dresden II. . . . 22$— 243 

7. Wilhelm Stieda: Goethe und die Porzellan- 
Fabrik zu Ilmenau 244—251 

Miscellen, Chronik, Bibliographie: 

1. Miscellen. 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Wirken. 

i. Zu Goethes Briefwechsel mit Lavater. Von 

Heinrich Funck 255—257 

2. Clavigo in Wien. Von Maximilian Schle- 
singer 257—258 

3. Zum Erlkönig. Von F. Sintenis .... 258—262 

4. Zur Mignon-Ballade. Von Franz Kahn . 262—263 

5. Zur Achilleis. Von Albert Leitzmann . 264—265 

6. Goethes rhythmische Prosa. Von Julius 
Burghold 265—266 

7. Zu Werther. Von Herman Haupt . . . 266—269 

8. Zum ersten Drucke des Aufsatzes: »Der 
Tänzerin Grab« ( 1 8 1 2). Von TheoiTor Distel 269— 27 1 

9. Goethe und Gerhart Hauptmann. Von 

H. Morsch 271—272 

. IG. Eine Goethe -Silhouette von 1784. Von 

M. VON Waldberg 272-773 

B. Nachträge und Berichtigungen 273—274 

2. Chronik. 

Nekrologe : 

Martin Schub art. Von K. Koetschau . 275—277 

Friedrich Nietzsche. Von R. M. Meyer 277—281 

VErr Valentin. Von Julius Ziehen . . 281-287 

3. Bibliographie. 

Weimarer Goethe- Ausgabe 288—300 

Register 301—312 

Goethe als Psycholog. Von Richard M. Meyer. Festvortrag 
gehalten in der 16. Generalversammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar am i. Juni 1901 i*— 26* 

Sechzehnter Jahresbericht der Goetho-Gesellschaft. 
Mitglieder- Verieichniß. 



Carl Alexander 

Grossherzog von Sachsen. 

Geboren am 24. Juni 181 8. Gestorben am 5. Januar 190 1. 



Mögt zur Gruft Ihn senken — 
Doch nicht starb, 

Wer solch Angedenken 
Sich erwarb! 

Das ernste Wort, das von Goethes Hause her- 
niedergrüßte, als am Mittag des 11. Januar ein 
unabsehbarer Zug Leidtragender dem Großherzog 
Carl Alexander die letzte feierliche Gefolgschaft 
leistete, dies VALE soll hier noch ein Mal ge- 
sprochen sein im Namen der Goethe -Gesellschaft. 
Ein Lebewohl, tiefster Trauer entquellend. 

Um den Greis, den völlig vollendeten, rinne 
die Thräne kaum, sagt der Dichter, dem es ge- 
geben war, Grundformen des Menschlichen in aller 
Reinheit zu oflFenbaren. Aber auch Goethe hat er- 
fahren, daß der wehmuthvoUen Klage sich nicht 
wehren läßt, wenn einer der Auserwählten von 
dannen geht, die, im Ganzen und für das Ganze 
lebend, sich den Jugendsinn bis in die höchsten 
Tage erhalten ; wenn ein verehrtes Haupt sich zur 
Ruhe legt, dem ein Volk, eine große Familie sich 



VIII Inhalt. 

5. Rudolf Hildebrand: Aus Vorlesungen über Seite 
Goethe. Herausgegeben von Julius Goebel . 205—224 

6. Adolf Stern: Goethe und Dresden IL . . . 225—243 

7. Wilhelm Stieda: Goethe und die Porzellan- 
Fabrik zu Ilmenau 244—251 

Miscellen, Chronik, Bibliographie: 

1. Miscellen. 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Wirken. 

1. Zu Goethes Briefwechsel mit Lavater. Von 
Heinrich Funck 255—257 

2. Clavigo in Wien. Von Maximilian Schle- 
singer 257—258 

3. Zum Erlkönig. Von F. Sintenis .... 258—262 

4. Zur Mignon-Ballade. Von Franz Kahn . 262—263 

5. Zur Achilleis. Von Albert Leitzmann . 264—265 

6. Goethes rhythmische Prosa. Von Julius 
Burghold 265—266 

7. Zu Werther. Von Herman Haupt . . . 266—269 

8. Zum ersten Drucke des Aufsatzes: »Der 
Tänzerin Grab« (18 12). Von TheoiTor Distel 269—271 

9. Goethe und Gerhart Hauptmann. Von 

H. Morsch 271—272 

. 10. Eine Goethe -Silhouette von 1784. Von 

M. VON Waldberg 272—773 

B. Nachträge und Berichtigimgen 273—274 

2. Chronik. 

Nekrologe : 

Martin Schubart. Von K. Koetschau . 275—277 

Friedrich Nietzsche. Von R. M. Meyer 277—281 

Vett Valentin. Von Julius Ziehen . . 281-287 

3. Bibliographie. 

Weimarer Goethe- Ausgabe 288—300 

Register 301—312 

Goethe als Psycholog. Von Richard M. Meyer. Festvortrag 
gehalten in der 16. Generalversammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar am i. Juni 1901 i*— 26* 

Sechzehnter Jahresbericht der Goetho-Gesellschaft. 
Mitglieder- Verieichniß. 



Carl Alexander 

Grossherzog von Sachsen. 

Geboren am 24. Juni 181 8. Gestorben am 5. Januar 190 1. 



Mögt zur Gruft Ihn senken — 
Doch nicht starb, 

Wer solch Angedenken 
Sich erwarb! 

Das ernste Wort, das von Goethes Hause her- 
niedergrüßte, als am Mittag des 11. Januar ein 
unabsehbarer Zug Leidtragender dem Großherzog 
Carl Alexander die letzte feierliche Gefolgschaft 
leistete, dies VALE soll hier noch ein Mal ge- 
sprochen sein im Namen der Goethe -Gesellschaft. 
Ein Lebewohl, tiefster Trauer entquellend. 

Um den Greis, den völlig vollendeten, rinne 
die Thräne kaum, sagt der Dichter, dem es ge- 
geben war, Grundformen des Menschlichen in aller 
Reinheit zu oflFenbaren. Aber auch Goethe hat er- 
fahren, daß der wehmuthvoUen Klage sich nicht 
wehren läßt, wenn einer der Auserwählten von 
dannen geht, die, im Ganzen und für das Ganze 
lebend, sich den Jugendsinn bis in die höchsten 
Tage erhalten ; wenn ein verehrtes Haupt sich zur 
Ruhe legt, dem ein Volk, eine große Familie sich 



VIII Inhalt. 

5. Rudolf Hildebrand: Aus Vorlesungen über Seite 
Goethe. Herausgegeben von Julius Goebel . 205^224 

6. Adolf Stern: Goethe und Dresden II. . . . 225—243 

7. Wilhelm Stieda: Goethe und die Porzellan- 
Fabrik zu Ilmenau 244—251 

Miscellen, Chronik, Bibliographie: 

1. Miscellen. 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Wirken. 

1. Zu Goethes Briefwechsel mit Lavater. Von 
Heinrich Funck 255—257 

2. Clavigo in Wien. Von Maximilian Schle- 
singer 257—258 

3. Zum Erlkönig. Von F. Sintenis .... 258—262 

4. Zur Mignon-Ballade. Von Franz Kahn . 262—263 

5. Zur Achilleis. Von Albert Leitzmann . 264—265 

6. Goethes rhythmische Prosa. Von Julius 
Burghold 265—266 

7. Zu Werther. Von Herman Haupt . . . 266—269 

8. Zum ersten Drucke des Aufsatzes: »Der 
Tänzerin Grab« (i 812). Von TheoiTor Distel 269—271 

9. Goethe und Gerhart Hauptmann, Von 

H. Morsch 271—272 

. 10. Eine Goethe -Silhouette von 1784. Von 

M. VON Waldberg 272—773 

B. Nachträge und Berichtigungen 273—274 

2. Chronik. 

Nekrologe : 

Martin Schubart. Von K. Koetschau . 275—277 

Friedrich Nietzsche. Von R. M. Meyer 277—281 

VErr Valentin. Von Julius Ziehen . . 281-287 

3. Bibliographie. 

Weimarer Goethe-Ausgabe 288—300 

Register 301—312 

Goethe als Psycholog. Von Richard M. Meyer. Festvortrag 
gehalten in der 16. Generalversammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar am i. Juni 1901 i*— 26* 

Sechzehnter Jahresbericht der Goetho-Gesellschaft. 
Mitglieder- Verieichniß. 



Carl Alexander 

Grossherzog von Sachsen. 

Geboren am 24, Juni 181 8. Gestorben am 5. Januar 190 1. 



Mögt zur Gruft Ihn senken — 
Doch nicht starb, 

Wer solch Angedenken 
Sich erwarb! 

Das ernste Wort, das von Goethes Hause her- 
niedergrüßte, als am Mittag des 11. Januar ein 
unabsehbarer Zug Leidtragender dem Großherzog 
Carl Alexander die letzte feierliche Gefolgschaft 
leistete, dies VALE soll hier noch ein Mal ge- 
sprochen sein im Namen der Goethe -Gesellschaft. 
Ein Lebewohl, tiefster Trauer entquellend. 

Um den Greis, den völlig vollendeten, rinne 
die Thräne kaum, sagt der Dichter, dem es ge- 
geben war, Grundformen des Menschlichen in aller 
Reinheit zu oflFenbaren. Aber auch Goethe hat er- 
fahren, daß der wehmuthvollen Klage sich nicht 
wehren läßt, wenn einer der Auserwählten von 
dannen geht, die, im Ganzen und für das Ganze 
lebend, sich den Jugendsinn bis in die höchsten 
Tage erhalten ; wenn ein verehrtes Haupt sich zur 
Ruhe legt, dem ein Volk, eine große Familie sich 



VIII Inhalt. 

5. Rudolf Hildebrand: Aus Vorlesungen über s«ite 
Goethe. Herausgegeben von Julius Goebel . 205—224 

6. Adolf Stern: Goethe und Dresden II. . . . 225—243 

7. Wilhelm Stieda: Goethe und die Porzellan- 
Fabrik zu Ilmenau 244—251 

Miscellen, Chronik, Bibliographie: 

1. Miscellen. 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Wirken. 

1. Zu Goethes Briefwechsel mit Lavater. Von 
Heinrich Funck 255—257 

2. Clavigo in Wien. Von Maximilian Schle- 
singer 257—258 

3. Zum Erlkönig. Von F. Sintenis .... 258—262 

4. Zur Mignon-Ballade. Von Franz Kahn . 262—263 

5. Zur Achilleis. Von Albert Leitzmann . 264—265 

6. Goethes rhythmische Prosa. Von Juuus 
Burghold 265—266 

7. Zu Werther. Von Herman Haupt . . . 266—269 

8. Zum ersten Drucke des Aufsatzes: »Der 
Tänzerin Grab« ( 1 8 1 2). Von TheoiTor Distel 269— 27 1 

9. Goethe und Gerhart Hauptmann. Von 

H. Morsch 271—272 

. 10. Eine Goethe -Silhouette von 1784. Von 

M. VON Waldberg 272—773 

B. Nachträge und Berichtigungen 273—274 

2. Chronik. 

Nekrologe : 

Martin Schubart. Von K. Koetschau . 275—277 

Friedrich Nietzsche. Von R. M. Meyer 277—281 

Veit Valentin. Von Julius Ziehen . . 281 — 287 

3. Bibliographie. 

Weimarer Goethe-Ausgabe 288—300 

Register 301—312 

Goethe als Psycholog. Von Richard M. Meyer. Festvortrag 
gehalten in der 16. Generalversammlung der Goethe- 
Gesellschaft in Weimar am i. Juni 1901 i*— 26* 

Sechzehnter Jahresbericht der Goetho-Gesellschaft. 
Mitglieder- Verieichniß. 



I 



Carl Alexander 

Grossherzog von Sachsen. 

Geboren am 24, Juni 181 8. Gestorben am 5. Januar 190 1. 



Mögt zur Gruft Ihn senken — 
Doch nicht starb, 

Wer solch Angedenken 
Sich erwarb! 

Das ernste Wort, das von Goethes Hause her- 
niedergrüßte, als am Mittag des 11. Januar ein 
unabsehbarer Zug Leidtragender dem Großherzog 
Carl Alexander die letzte feierliche Gefolgschaft 
leistete, dies VALE soll hier noch ein Mal ge- 
sprochen sein im Namen der Goethe -Gesellschaft. 
Ein Lebewohl, tiefster Trauer entquellend. 

Um den Greis, den völlig vollendeten, rinne 
die Thräne kaum, sagt der Dichter, dem es ge- 
geben war, Grundformen des Menschlichen in aller 
Reinheit zu oflFenbaren. Aber auch Goethe hat er- 
fahren, daß der wehmuthvoUen Klage sich nicht 
wehren läßt, wenn einer der Auserwählten von 
dannen geht, die, im Ganzen und für das Ganze 
lebend, sich den Jugendsinn bis in die höchsten 
Tage erhalten ; wenn ein verehrtes Haupt sich zur 
Ruhe legt, dem ein Volk, eine große Familie sich 



in Treue zugethan fühlt. Dies haben nun auch 
wir beim Scheiden des Mannes erlebt, den ein 
langjähriges Wirken mit unserer Gesellschaft zum 
Segen verknüpft hat. Er hat uns zu den Seinen 
gezählt und wir dürfen und sollen nun das »Er 
war unser!« im Goethischen Vollsinn hierund hin- 
fort aussprechen. 

Das Protectorat der eben begründeten Goethe- 
Gesellschaft hat der Großherzog Carl Alexander 
übernommen in Tagen, die er, an der Seite seiner 
fürstlichen Gemahlin, der unvergeßlichen Groß- 
herzogin Sophie, als eine Zeit der Erfüllung mit 
erhöhter Seele zu begehen wohl berechtigt war, 
und bis in das sechzehnte Jahr ihres Bestehens hat 
er dieses Protectorats gewaltet. Wenn es damals, 
in froher Begeisterung, zum guten Zeichen ge- 
nommen ward, daß die Sache Goethes im Schutz 
und Schirm des Fürsten stehen sollte, den der 
Dichter beim Eintritt ins Leben prophetisch ge- 
segnet, auf dessen Erziehung er noch persönlich 
eingewirkt hatte, so hat Carl Alexander selbst, jene 
Vorbedeutung zur Wahrheit zu machen, das Beste 
hinzugebracht: die unter dem Fortwirken treulich 
gehegterjugendeindrücke gewonnene und vollendete 
Bildung zur Humanität. Zum Protector der Goethe- 
Gesellschaft war er geboren und gebildet. Leichter 
fiel es ihm, als uns Nachgebomen, sich in Goethe 
einzuleben; doch hat er es niemals leicht genommen. 
Ohne alle Prätension von Kennerschaft hat er sich 
in seiner Weise mit Goethe vertraut gemacht. Es 
bereitete ihm einen eigenen Genuß, des Dichters 
Tagebücher zu lesen, zumal die der letzten Jahr- 
zehnte. Was uns darin Wort und Name bleibt, 



war ihm durch die Erinnerung belebt, die für jene 
fernen Zeiten, je betagter er wurde, immer heller 
und treuer zu werden schien. Besonders aber zog 
ihn die Beobachtung der Consequenz, des bewußten 
Zusammenhangs in Goethes Thätigkeit an. Es er- 
freute ihn, hier, am großen Muster, lebendig zu er- 
fassen, daß ein Erfolg sich nur versprechen lasse 
von dem, was in einer steten Folge betrieben wird. 
Das Beschauliche des alternden Dichters war seiner 
eigenen Sinnesart gemäß, und in den letzten Jahren 
waren die »Sprüche« ihm ein Lieblingsbuch, das 
er auch auf Reisen nicht gern von seiner Seite 
ließ, seitdem es ihm in schwerer Zeit zu Trost 
und Erhebung gedient hatte. Vieles fand er darin, 
was mit seiner Denkart verwandt, ihn im eigenen 
Sinnen und Schauen beglaubigte« »Pflicht: wo man 
liebty was man sich selbst befiehlt« — ein Wort 
wie dies war ihm aus der Seele gesprochen. 

Wie durch einen idealen Erbgang lag mancher 
Zug in seinem Wesen, der an die alte schöne Zeit 
gemahnte. In dem Glauben an den Sieg des Edlen 
und Schönen, in der entschiedenen Abkehr vom 
Gewöhnlichen, Gemeinen war ihm Schillers Genius 
vorbildlich: seine Gabe, anmuihig zu unterhalten, 
dürfte man an Wieland anknüpfen: wie einst die 
Herzogin Luise, war er im Stande, durch ein 
Herderisches Kapitel von der Unsterblichkeit sich 
über das Gefühl des Vergänglichen hinwegheben zu 
lassen; aber in der Zeit der Reife und Vollendung 
hat ihm doch der Größte von Allen Richtung und 
Stimmung gegeben: Goethe mochte er, wie er 
gern bekannte, nicht entbehren. Er hielt es mit 
dem Goethischen Memento vivere ! Er kannte des 



lU» 



Altmeisters Mittel, seinem Geiste »die Ewigkeit zu 
ertheilen«. Und von Herzen kam ihm jenes warme, 
liebenswürdige »Anerkennen«, das nach dem Worte 
unseres Dichters des Alters zweite Jugend ist. Das 
Verbindliche (im feinen und ächten Sinn des Wortes) 
war ihm Natur, Anregung zu geben und zu em- 
pfangen war sein tägliches Bedürfniß. 

Sein Dasein bedeutete Förderung. Mancher 
aus unserem Kreise hat das persönlich erfahren und 
den wohlthuenden Eindruck selbst eines kurzen Be- 
gegnens und Gesprächs, wie ein festlicher Tag es 
etwa gestattete, für sein Leben mitgenommen. Ihm 
aber war es vornehmlich darum zu thun, in be- 
wußter Thätigkeit und ernster, treuer Hingabe der 
Gesellschaft zu dienen. Dieses active, in Rath und 
That fruchtbare Interesse soll hier mit lauterem 
Danke bezeugt werden. Jeder Jahresbericht unserer 
Gesellschaft bezeugt es ja, im Ganzen aber ist dies 
auszusprechen : von ihrer Begründung an ist keine 
wichtige Angelegenheit ohne ihn bedacht oder ins 
Werk gesetzt worden. Zum fördersamen Eingreifen 
fand er selbst die rechte Stelle. Sein Gedanke war 
es, die Urkunden von Goethes amtlicher Wirksam- 
keit aus den Archiven der Ministerien und der 
wissenschaftlichen Anstalten des Landes zusammen- 
zubringen und so einer Darstellung dieses ausge- 
breitet vielseitigen Wirkens, die er mit Recht für 
unentbehrlich erachtete, die Wege zu ebnen. All 
seinem Thun, das sich als Pflege der Weimarischen 
Traditionen überhaupt ansprechen läßt, lag eben 
so sehr ein planvolles Denken zu Grunde, wie es 
in einem frommen Gefühl wurzelte. Jede klassische 
Erinnerungsstätte war seiner Fürsorge empfohlen. 



IV* 



Wie hat er von früh an sein Tiefurt gehegt, an 
dem er mit besonderer Liebe hing; wie hat er es 
sich angelegen sein lassen, der städtischen Wohnung 
ÄnnaÄmaliens ihre ächte geschichtliche Erscheinung 
wieder zu geben und zu wahren, dem Witthums- 
palais, in dem er so gern die Vertreter unserer 
Gesellschaft zu andächtig heiterer Erholung um 
sich versammelte. 

Die Pietät für die Denkmäler von Alt- Weimar 
kräftigte und verjüngte sich bei ihm an dem vater- 
ländischen Gedanken. Auf sein Veranlassen wurde 
dem Hause am Frauenplane, den Räumen, die er als 
Knabe schon ehrfürchtig betreten hatte, Einrichtung 
und Charakter eines National-Museums enheilt, und 
völlig eines Sinnes mit der Großherzogin Sophie, 
betrachtete er den literarischen Nachlaß Goethes 
und Schillers und Alles, was sich von den großen 
Dichtem und Denkern der Folgezeit ihm angliedern 
sollte, als ein Eigenthum des ganzen deutschen 
Volkes und seine Verwaltung als Ehrenpflicht des 
Weimarischen Fürstenhauses, als eine von der Vor- 
sehung diesem Hause zugedachte hohe Mission. 
Mit Freuden ist er ein Mehrer dieses Schatzes ge- 
wesen und glücklich machte ihn die Mitwirkung 
derer, die zu seinem Anwachsen beitrugen, wie die 
reichlichen Erweise von Einverständniß und Bei- 
hülfe auch die letzten Jahre der Großherzogin 
Sophie verschönt hatten. 

Wo immer die Verehrung Goethes zur That 
wurde, konnte man auf seinen Antheil zählen. Als 
am Brenner-Posthause das Reliefbild, das an des 
Dichters dortigen Aufenthalt erinnert, mit schlichter 
Feier eingeweiht wurde, gedachte man huldigend 



des Großherzogs Carl Alexander, und von der 
Wartburg kehrte Gruß und Dank dorthin zurück. 
In seinem Protectorate fanden die Männer, die ein 
Denkmal für den Straßburger Goethe planten, eine 
Gewähr des Gelingens, und noch in den letzten 
Zeiten hat er Worte voll freudiger Anerkennung 
und Zuversicht an den Vorstand des Wiener Goethe- 
Vereins zur Enthüllung des Goethe-Denkmals in 
Wien gerichtet. Er verstand es in vornehmer Weise 
Propaganda zu machen und für das Würdige würdig 
einzutreten. 

Nicht dem Vergangenen gehöne seine Seele, 
sondern dem Unvergänglichen, Fortwirkenden, 
Lebenskräftigen. Er glaubte an ein Reich des 
Schönen, das kommen werde. Mit hellem Äuge 
blickte er vorwärts und in die Ferne. Sein Vor- 
satz war und blieb, im Endlichen nach allen Seiten 
zu gehen, und so ins Unendliche zu schreiten. 
Das war recht eigentlich seine Goethe- Verehrung. 

Was man in der Jugend wünscht, hat man im 
Alter die Fülle. Er hat das erfahren, reicher und 
völliger als unser Dichter selbst ; denn ihm war es 
beschieden, Erfüllung höchster nationaler Hoff- 
nungen zu schauen, ja sie mit herbeizuführen. Und 
wenn Goethe mit Recht den als den glückUchsten 
preist, der fremdes Verdienst zu empfinden weiß 
und sich an fremdem Genüsse freut wie am eigenen, 
so ist Carl Alexander zu den Glücklichen zu zählen. 
Sein Leben sei Melodie, sich und den Seinen; 
diesen Wunsch hat Goethe für ihn gethan. Wer 
je am guten Tage sein Genosse war, hat Töne 
dieser Melodie, dieser Lebens- Weise vernommen. 
Sie ist nicht verstummt. Unter den Bäumen von 



VI* 



Tiefurt klingt sie weiter, an allen den Statten, wo 
er gern geweilt, wo er Näherstehenden seinen 
inneren Werth erschlossen hat. 

Die Goethe-Gesellschaft hält sein Vermächtniß 
werth und heilig. So lange sie dauert, wird sie in 
Ihm und in der Großherzogin Sophie ihre häus- 
lichen Genien verehren, wird sie zu beiden als 
einem leitenden Gestirne aufschauen. 

Weimar, am 8. April 1901. 

Im Auftrage 

des Vorstandes der Goethe-Gesellschaft 

Bernhard Suphan. 



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I. Neue Mittheilungen. 



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I 



I. MlTTHEILUNGEN AUS DEM GOETHE- 

UND Schiller-Archiv. 



I. HOMERISCHES AUS GOETHES NACHLASS. 

Odyssee. VIL 78. 
Als sie die Worte gesprochen entfernte sich Pallas 

Athene. 
Wandlend über das Meer verließ sie die Uebliche tnsel. 
Kam nach Marathon, kam nach Athen, die herrlichen 

Gassen 
Leiteten sie zum befestigten Hause des hohen Erechteus. 
Aber Ulysses erreichte des Königs Wohnung, da stand er. 
Dachte vieles bey sich eh er die Schwelle berührte. 
Denn wie Sonn und Mond uns blenden, so leuchtet es 

glänzend 
Um die hohe Wohnung Alcinous, ehrene Mauren 
Waren hQben und drüben errichtet von vornen biß hinten, 
Himmelblau lief das Gesimse herum. Es schließen von 

innen 
Goldene Thüren das Hauß, es stehen silberne Pfosten 
Auf der chrenen Schwelle, die Obcrschwelle von Silber 
Deckt die Pforte, daran ein goldner Thürring bewegt wird. 
Golden' und silberne Hunde, zu beyden Seiten, bestellte 
Vor Alcinous Hauß unsterbliche Wächter Hephaistos.' 



' Verschrieben: Hyphaistos. 



Neue Mittheilxwgen. 



Drinne waren Bäncke befestigt, so hüben als drüben, 
Rings von vorn biß hinten umher und Teppiche glänzten 
Feine, wohlgestickte, darüber gebreitet, der Frauen 
Künstliche Wercke es saßen darauf die ersten Phaiaken 
Assen und trancken, sie hatten genug. Es standen im Saale 
Goldene Knaben umher auf schönen Gestellen und hielten 
Brennende Fackeln den Gästen zu leuchten. Es waren 

im Hause 
Fünfzig Mägde vertheilt, die einen mahlen den Waizen, 
Andre sitzen und weben, geschickt die Fäden verwechselnd. 
Wie die Blätter der Pappel bewegt sich die Arbeit der 

Hände 
Und es träufelt das Oel vom festgeschlagnen Gewebe. 
Wie vor allen Menschen Phäacische Männer verstehen 
Schiffe zu führen durchs Meer, so wissen die Frauen der 

Insel 
Herrlich zu weben zu sticken, es lehrte sie Pallas Athene 
Mit verständigem Geist fürtreffliche Wercke vollenden. 

An * den Seiten des Hofes war ein geräumiger Garten, 
Der vier Acker enthielt, von allen Seiten umzäunet. 
Wohlgewachsen trugen daselbst die grünenden Bäume 
Birnen, Granaten und Aepfel die Aeste glänzten gebogen 
Süsse Feigen fanden sich da und Beeren* des Oelbaums. 
Niemals mangelt es hier an Früchten. Im Sommer und 

Winter 
Bringet Zephir die einen hervor und reifet die andern. 
Apfel eilet ^ nach Apfel dem süßen Alter entgegen. 
Bim nach Bim und Feige nach Feigen und Traube nach 

Trauben. 
Denn es stehen Reben gepflanzt im sonnigen, weiten 
Raum, es trocknet daselbst ein Theil der Trauben am 

Stocke, 
Andere lieset man ab und keltert sie, andere nähern 
Langsam der Reife sich noch und andre blühen der Zukunft. 



' Davor gestrichen: Vor der 
^ Zuerst: Früchte. 
3 Zuerst: reifet. 



Homerisches aus Goethes Nachlass. 5 

Immergrünend wächst das Gemüs' auf zierlichen Beeten, 
Wohlgeordnet zuletzt und schmücket das Ende des Gartens. 
Auch zwey Quellen dringen hervor, es theilet die eine 
Durch den Garten sich aus, es eilet die andre dem Haus zu. 
Unter der Schwelle des Hofes hindurch und träncket 

die Bürger. 
Solche Gaben der Götter ersah man im Hause des Königs.' 



Im hohen Alter hat Goethe einem philologischen Freunde, 
der mit einer rhythmischen Uebersetzung der Ilias begonnen 
hatte, den Wink gegeben : »Ich rathe, von Zeit zu Zeit daran 
fortzufahren, theilweise, wenn Ihnen im Augenblick irgend 
eine Stelle besonders aufföllt und lieb wird«. Er hatte es 
selbst in früheren Jahren ähnlich gehalten und Homer über- 
setzt, wenn ihn die Lust anwandelte. Auf Sicilien, an »dem 
wunderbarsten Orte von der Welt«, im giardino publico, an 
der Rhede von Palermo ftihlt er sich völlig ins Alterthum 
versetzt. »Der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu 
tief geblieben«^ meldet er nach Hause; »die schwärzlichen 
Wellen am nördlichen Horizonte, . . . selbst der eigene Geruch 
des dünstenden Meeres, das alles rief mir die Insel der seligen 
Phäaken in die Sinne sowie ins Gedächtniß«. Da eilte er, 
sogleich einen Homer zu kaufen, »jenen Gesang« (den siebenten 
der Odyssee) mit großer Erbauung zu lesen und eine Ueber- 
setzung aus dem Stegreif seinem Reisebegleiter, dem Maler 
Rniep vorzutragen. Und alsbald verschmelzen sich Verse der 
homerischen Lieblingsstelle mit der Schilderung der um- 
gebenden Natur zu der lieblichen Rede Nausikaas, die dem 
»umgetriebenen, vielgeplagten Manneu süße Ruhe und Labung 
in ihres Vaters Garten verheißt. 

Dort dringen neben Früchten wieder Blüten 
Und Frucht auf Früchte wechseln durch das Jahr. 
Die Pommeranze, die Citrone steht 
Im duncklen Laube, und die Feige folgt 

Der Feige 

Dort wirst du in den schönen Lauben wandlen, 
An weiten Teppichen von Blumen dich erfreun. 
Es rieselt neben dir der Bach, geleitet 
Von Stamm zu Stamm, der Gärtner träncket sie 
Nach seinem Willen. 



' Zuerst: Solche Herrlichkeit gaben die Götter dem Hause des 
Königs. " 



Neue Mittheilungen. 



Wir besitzen die Blättchen noch, auf denen Goethe diese 
Verse wohl im öffentlichen Garten selbst, auf dem Knie als 
Unterlage, aufgezeichnet hat, so wie wir zum Theil die »Pensa« 
noch nachlesen können in dem am 15. April gekauften 
Bändchen Homeri Odyssea. Graece et Latine, wie der Dichter 
sie absolvirt hat. Ich erwähne hier nur in Kürze, was in der 
Einleitung zu den Nausikaa-Paralipomenen (Band 10, 413 fgg. 
W. A.) ausführlich dargelegt ist. 

Nun ist noch ein ziemlich weiter Weg von jener Stegreif- 
Uebersetzung, die der gute Kniep zu hören bekam, zu der- 
jenigen, die uns hier vorliegt. Diese geschriebene Gestalt 
gehört der Mitte der neunziger Jahre an, der Zeit liebevoller 
Einwohnung in Homers Vortragsweise. Zu der eigenhändigen 
Reinschrift (denn das ist unsere Vorlage) hat Goethe zwei 
Bogen klein Folio benutzt und zwar nur die beiden vorderen 
Blätter. Er mag also an eine Weiterftihning gedacht haben ; 
nachher aber hat er es vorgezogen sich wieder an einer 
anderen Perikope zu versuchen. Dies eine formell zu Ende 
gebrachte Stück indessen könnte uns allein schon sagen, wie 
Goethe sich damals einen deutschen Homer gedacht hat. Es 
ist, als habe er auf engbegrenztem Raum darthun wollen, wie 
manches auch nach Voß für Homer noch geschehen könne. 
Jeder, der die »Odüßee« von 1781 zur Hand nimmt, merkt 
und ftlhlt den Unterschied. Es fällt sogleich auf, daß Goethes 
Uebertragung mit sechs Hexametern gegen das Original im 
Rückstande bleibt, mit dem Voß Vers ftlr Vers Schritt hält. 
Bis 92 sind es schon zwei Verse weniger, bis 100 wiederum 
zwei, und auch auf der letzten Strecke, bei 113 und 120, zieht 
sich der Text der Uebersetzung zusammen. Hauptsächlich 
deßwegen, weil Goethe den conventionellen Schmuck der 
stehenden epischen Beiwörter, den Voß geflissentlich wahrt, 
nicht mit hinttbernimmt. So gleich im Anfange, wo Voß 
übersetzt : 

Also redete Zeus hlauäugichte Tochter, und eilte 
Ueber das ivüste Meer aus Scherias lieblichen Auen . . . 

Von den ausgelassenen Attributen abgesehen, hat sich 
Goethe näher an den homerischen Text gehalten, der von 
Auen eben so wenig wie vom Eilen etwas sagt. Ueberhaupt 
aber meidet Goethe das Ausweiten, Ziehen und Dehnen, 
worauf ein Uebersetzer, der die Verszahl halten will, sich ein- 
lassen muß, wie eben bei den »Auen« Scherias sich zeigte. 
In der Beschreibung der Hunde, die Hephaestos gebildet, 
beschränkt er sich auf zwei Verse, während Voß, um die vier 
des Originals herauszubringen, einen Halbvers eigener Mache 
zubüßen muß: 

Drohend standen sie dort, unsterblich und nimmer veraltend. 



Homerisches aus Goethes Nachlass. 



Nichts ist getreu, was nicht natürlich ist; so auch eine 
Uebersetzung nicht, der man den Zwang anmerkt. Wunder- 
lich und nichts weniger als natürlich nehmen sich neben den 
zwei Goethischen Hexametern 115, ii6 die vielbelobten Verse 
Vossens aus: 

Birnen reifen auf Birnen, auf Aepfel röthen sich Aepfel, 
Trauben auf Trauben erdunkeln, und Feigen schrumpfen 

auf Feigen. 

Verschrumpften Feigen gleichen die Vossischen Verse 
öfters, während an Goethes Bäumen rothwangige Aepfel 
gedeihen. Nicht im Einzelnen (Verfehltes soll hier nicht 
angemerkt werden), aber im Wesentlichen ist Goethe dem 
Original treu, nämlich in der gleichmäßigen, stetigen Bewegung, 
im innerlichen Rhythmus des Vortrags. Da es schwer, ja fast 
unmöglich ist, das Fließende der homerischen Sprache einem 
anderen Idiom mitzutheilen, so hat Goethe (so sehr ihm auch, 
neben dem Griechischen, sein Deutsch als ein minderwerthiger 
Stoff erschien) seinen Vortheil klüglich ersehen. Um Bewegung 
zu erzielen, verstärkt er aus den Mitteln seiner Sprache das 
verbale Element Das schmückende Beiwort der grossen 
Stadt, die »weitstraßige«, wandelt sich unter seiner Hand in 
den Satz: »die herrlichen Gassen leiteten;« die gleiche Be- 
lebung verspürt man, wenn man Vers 83 mit Voß V. 84 
zusammenhält : 

Gleich dem Strale der Sonn\ und gleich dem Schimmer 

des Mondes; 

und so kommt Fluß zumal in die Beschreibung, die bei Voß 
eben jener regsamen Kraft des verbalen Ausdrucks ermangelt.* 
Man vergleiche nur Stellen, wie V. 87 »gekrönt mit blauem 
Gesimse«, V. 90 »der Ring der Pforte war golden«, V. 127 
»An dem Ende des Gartens sind immerduftende Beete«, mit 
Goethes Uebertragung. Aus seinen leicht einhertretenden 
Sätzen spricht uns ein behagliches Herrenleben ganz anders 
an, als wenn Voß anhebt: 

Alda saßen stets der Faiaken hohe Beherscher 
Festlich bei Speis' und Trank, und schmausten von Tage 

zu Tage. 

Es ist in jenen Sätzen derselbe bald läßliche, bald anmutig 
behende Gang zu merken, von dem schon im Reineke Fuchs 
der Leser sich angenehm fortgezogen fühlt — »aßen und 
tranken, sie hatten genug« .... 

Goethe hat sich, wie schon gesagt, im Verfolg dieser 
Uebung mit einer andern homerischen Lieblingsstelle befaßt. 
Er wählt wiederum einen begränzten, abgerundeten Stoff: 
den Gesang desDemodokos aus dem achten Buche, V. 266—366. 



8 Neue MnTHEauNGEN. 



Man darf ihn — da er den Tanz der Jünglinge begleitet — 
wohl eine homerische Ballade nennen. Als ein kleines Epos 
hat auch Goethe das Stück herausgehoben und behandelt. 
Er giebt ihm, seine Selbständigkeit zu kennzeichnen, den 
gebührenden Eingang: 

Singe Muse mit Lust den Liebeshandel des Ares 
Den er einst sich erkühnt mit Aphroditen zu wagen. 
Die Uebersetzung ist nicht zu der formalen Vollkommenheit 
gebracht, wie die oben dargebotene Probe, auch ist sie nicht 
vollständig; ihre Mittheilung bleibt vorbehalten. 



Vorstehendes war in den Druck gegangen, ehe mir die 
zweite Ausgabe der Vossischen Odyssee, Altona 1793, ^^ 
banden kam. Sie befindet sich nicht in Goethes Bibliothek, 
auch nicht in der Großherzoglichen zu Weimar, und vergebens 
war Anfrage nach mehreren Seiten ergangen. Jetzt erhalte 
ich das Buch aus nächster Nachbarschaft, von der Jenaer 
Universitätsbibliothek und erkenne darin Goethes eigenes 
Exemplar. Das Titelblatt mit August v. Goethes Namenszug, 
Hlie Deckblätter mit den Namen Ottiliens und Wolfgang 
V.Goethes, des Enkels (1836), machen das unzweifelhaft. Von 
xlem Bücher-Besitz der Enkel ist ein Theil durch Schenkung 
nach Jena gekommen. 

Eine Einwirkung der Gestalt von 1793 läßt sich nur an 
zwei Stellen annehmen. In Vers 78 hat schon Voß selber 
die ächte homerische Umschreibung beseitigt, dafür freilich 
wieder eine andere Verbrämung des Namens angebracht: 

Dies gesagt, enteilte die Herrscherin Pallas Athene, 

und V. 84 lautet nun bei ihm: 

Denn wie der Sonne Glanz umherstralt, oder des Mondes. 

Indessen die durch den homerischen Text selbst vorge- 
schriebene causale Einführung hätte Goethe, dem ja das 
Motiviren ein Bedürfniß war, sich ohnehin schwerlich ent- 
gehen lassen. 

Goethe hat also die zweite Odyssee bei Seite geschoben. 
Dennoch lohnt es, die Vossischen Uebersetzungen beide als 
Ganze mit der seinigen zu parallelisiren. Man sieht da vollends, 
was eine congeni^e Uebersetzung ist. Goethe schaltet mit 
der Sprache auch übersetzend als Hausherr, Voß als ein 
Schaffner. Und er wird immer unhomerischer, je mehr er 
sich befleißigt, das Sprachgewand seiner Odyssee dem Original 
genau nachzufälteln. Dabei mehren sich die Schrullen und 
Härten, die verkalkten Ausdrücke und Phrasen: »Dies ge- 
sagt«, »gesimst mit der Bläue des Stahles« (V. 87) u. dgl. 
Und der Vers holpert stellenweise noch mehr als früher: 



Homerisches aus Goethes Nachlass. 



Birne reift auf Birn*, es röthen sich Äpfel auf Äpfel, 
Traub* auf Traub' verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf 

Feigen. 

Will etwa hie und da das verbale Element mehr zur Geltung 
kommen, so gerinnt und stockt die Sprache dafür wieder, wo 
vorher das Bessere schon gefunden war. V. 82. 83 »Vieles 
im Geist nun Dacht' er stehend daselbst«. Wie viel ange- 
messener 1781: »Nun stand er und dachte Vieles im Herzena. 
Goethe mit seinem Versschluß : »Da stand er« und dem ohne 
Conjunction angeschlossenen »Dachte vieles bey sich« hat 
das Rechte getroffen. 

B. SUPHAN. 



Versuch eine homerische, dunckle Stelle 

zu erklären. 

OAYZZEIAZ K. g. 81/ 

81 *EßÖ0)iaTTi ö*iK0|Liecr6a Aaiub amu TnoXieOpov, 
TtiXcttuXov AaicTTpuTOviTiv, 061 7T0i|Lieva ttoi^tiv 
Httuci ei^eXaujv, ö be t iEeXaujv uTraKöei. 
EvOa K^aüTTVO^ avrip boitfq eSTiparo jiucrOtfq, 

86 Tov |Liev ßtfKoXeujv, tov b'apTUipa }xr\\a vo)ieuujv. 
Ett^* fOLQ vuKTO^ te KQi Ti]LiaTO^ 61(71 KeXeuOoi. 

Bodmerische Uebersetzung. 

so kamen 
Wir am siebenten Tag nach Lamos; der Lästrügonen 
Thürmende Stadt und Pforten erschienen. Allda ist es 

üblich 
Daß ein Hirte das Vieh in die Fluren treibet, der andre 
Sie in die Hürden sammlet ; der muntre Hirte verdiente 
Zweyfachen Lohn, der des Nachts die Stiere, die Schafe 

des Tages 
Hütete. Kurz ist der Weg von der Stadt und nahe die 

Triften. 



« 5. 81 « aT(xo(;, Vers 8i. * Siehe S. 15.'. 



10 Neue Mittheilungek. 



Voßische Uebersetzung. 

Landeten wir bei der Veste der Laistrügonen, bei Lamos 
Stadt Tälepülos an. Hier wechseln Hirten mit Hirten; 
Welcher heraustreibt, hört das Rufen deß der hereintreibt. 
Und ein Mann ohne Schlaf erfreute sich doppelten Lohnes 
Eines als Rinderhirte, des andern als Hirte der Schafe; 
Denn nicht weit sind die Triften der Nacht und des 

Tages entfernet. 

Voß hat sich nahe an den Text gehalten und ist also 
eine Spur des wahren Sinnes in seiner Uebersetzung ge- 
blieben, Bodmer dagegen hat das Original auf eine un- 
begreifliche Weise verlaßen und völlig falsch übersetzt. 

Nun lege ich meine Erklärung und Paraphrase zur 
Beurtheilung vor: 

V. 8i. Und am siebenten Tage err ächten wir Lamos die 
hohe wohlbefestigte Stadt, Lamos ist hier der Nähme der 
Stadt, wie es auch Bodmer nimmt; der Genitivus steht 
wie:* Agamemnons Kraft für Agamemnon der starcke. 

V. 82. 8j. Der Stadt mit doppelten Thoren von Laistrü- 
gonen bewohnet. Tälepülos ein Beywort, eine Stadt mit 
doppelten, von einander abstehenden Thoren, zu bezeichnen, 
die durch einen engen Weg verbunden sind. Lamos hatte 
also ein äuseres und inneres Thor und der Gang der beyde 
verband war wahrscheinlich ein Hohlweg, wie die Zugänge 
gebürgicher Städte sind,* nach dem Felde und nach der 
Stadt zu befestigt. Homer bezeichnet uns gleich durch 
dieses Wort eine feste Stadt, und erklärt, erweitert nur 
dasselbe Bild, dieselbe Vorstellung in den folgenden Versen. 

V. 82. 83. IVo der Schäfer der eintreibt ruft oder Pfeift. 
Warum ruft er? Er giebt ein Zeichen daß der Heraus- 
treibende halten soll, damit die Heerden sich nicht in dem 
langen Gange verwirren, damit kein Aufenthalt keinUnglück' 
geschehe. Und zwar scheint T)Tru6t auszudrücken: er stimmt 
ein Lied an und setzt es fort solang er durchtreibt, damit 



' Danach gestrichen ,in' 
^ Danach gestrichen ,vom* 
? Zuerst: keine Unor(dnung). 



Homerisches aus Goethes Nachlass. il 

der andre sich darnach richten kann. Wie die Fuhrleute 
im Hohlweg klatschen. 

Der heraustreiben will hört. Er hört nicht allein sondern 
er gehorcht, uTtaKtfet. Er hält an biß der andre durch 
getrieben hat. 

Nun folgen die drey letzten Verse, zu denen ich den 
Uebergang folgendermaßen verständlich mache: 

Dieses ist /;will der Dichter sagen:/ nicht ein Zufall 
der manchmal vorkommt, nein es ist eine eingeführte Ord- 
nung denn sie müßen einander täglich zweymal begegnen. 

V. 86. Denn^ nahe folgt* das Treiben der Nacht und 
des Tags aufeinander. Mit Sonnenuntergang und Aufgang 
wechseln beyde Heerden regelmäsig mit einander, der- 
gestalt daß 

V. 84. 85. Ein Mann der niemals schliefe doppelten Hirten- 
lohn verdienen konnte, wenn er sowohl die Rinder^ als die 
Schafe auf die Weide brächte. Diese beyden Verse sind ein 
Homerischer Pleonasmus um uns das Dargestellte recht von 
allen Seiten sehn zu lassen*, dergleichen in der Odyssee 
besonders viele vorkommen. 

Ich wiederhole nun meine ganze Erklärung indem ich 
die Paraphrase der Stelle hierhersetze. 

Paraphrase. 

Und am siebenten Tage erreichten wir Lamos die hohe, 
befestigte Stadt der Laistrügonen, welche^ doppelte, von 
einander abstehende Thore hat, die* durch einen langen, 
engen Weg verbunden werden. Hier giebt der Hirte indem 
er hineintreibt ein Zeichen durch Rufen oder Pfeifen und 
der heraustreibende hört ihn und richtet sich darnach. Dies 
ist eine eingeführte Ordnung, damit sich die Heerden in 
dem langen schmalen Wege zwischen^ den Thoren nicht 



' Zuerst: V. 84. 8$. Weil die beyden Hirten. 

* Ueber gestrichenem ,ist*. 

3 Zuerst: einmal wenn er die Rinder. 

^ Zuerst: zu zeigen. 

^ Zuerst: die. 

< Zuerst: welche. 

7 Davor gestrichen »nichts 



12 Neue Mittheilungen. 



verwirren.* Denn sie müssen einander täglich zweymal 
begegnen, weil mit jedem Sonnen-Unter und Aufgang die 
Hirten mit den Heerden auf die Gemeine Trift wechseln 
und zu gleicher Zeit der eine herein der andere hinaus- 
zieht, so daß ein Mann der niemals schliefe doppelten Lohn 
verdienen könnte, indem er beständig eine Heerde nach 
Hause brächte und die andre abhohlte. 



Man lese nun wieder das Original und sehe wie schön 
Homer, mit wenigem, uns erst eine befestigte Stadt und 
dann ein karackteristisches Costüm derselben vor Augen 
stellt und mit dem ihm eignen Vortrag uns ein kompli- 
cirtes Bild sinnlich zu machen weiß. 

Noch eins bemercke ich: daß man sich ja die alten 
Städte nicht nach Bodmerischer Art thürmend und mit weit 
erscheinenden Pforten^ sondern gar einfach dencken müße, 
wie mich der Anblick von Girgent und Pestum belehrt hat. 

G. 



I. Daß Goethe gelegentlich unter die Homer-Erklärer 
gegangen, wird Vielen neu sein. Hört man doch noch immer 
einmal das Wort : »Goethe und Schiller verstanden auch kein 
Griechisch !« das jedenfalls, was den Ersteren anbetrifft, ganz 
unverständig ist. Ein Philologe und Kenner der Alten, der 
wenigstens als solcher ein unverwerHicher Gewährsmann und 
nachgerade seiner Menschlichkeiten wegen (die sein littera- 
risches Verdienst nicht beeinträchtigen) genug gescholten 
worden ist, Karl August Böttiger, der Direktor des Weimarischen 
Gymnasiums, hat den Homer-Abenden der Freitagsgesellschaft 
im Winter 1794 auf 95 beigewohnt und über die Sitzungen 
vom Oktober und November für sich Buch geführt. (Litera- 
rische Zustände und Zeitgenossen 1,81 fgg.) Vossens Ilias- 
Uebersetzung war 1793 erschienen. Es wurde beschlossen, 
berichtet er, jedesmal einen Gesang daraus vorzulesen und 
sich dann die dabei von selbst kommenden Bemerkungen mit- 
zutheilen. »Goethe ist Vorleser. Einige lesen im Originale nach. 
Die andern sitzen im Zirkel herum.« Ueber Goethes Vor- 
lesen ist Böttiger des Lobes voll. »Die härtesten Stellen wurden 
durch seine trefHiche Declamation und richtig wechselndes 
Andante und Adagio außerordentlich sanft und milde.« Im 



' Zuerst: begegnen. 



Homerisches aus Goethes Nachläse. 13 

ersten Satze vernehmen wir also nebenher auch eine Ausstellung 
an der Vossischen Uebersetzung, und im Rückblick auf unsern 
vorigen Beitrag ist auch das Weitere bedeutend: »Es ist 
unläugbar, daß Voß nur fürs Ohr und den lebendigen succes- 
siven Eindruck, nicht fürs Auge und zergliedernden Ueberblick 
des Styls gearbeitet hat.« Ob der Referent damit eine vom 
Vortragenden oder von einem andern Mitgliede der Gesellschaft 
geäuf^erte Meinung, oder bloß seine eigene wiedergiebt, läßt 
sich nicht sagen. Er führt in jedem der drei Protokolle 
Goethe namentlich an, im zweiten auch Wieland und notirt 
ihre Bemerkungen. »Das xöXov KaiaTreTTTeiv (r. : KaraTT^crcTeiv 
Gesang I, 81) ist zu schwach übersetzt (Wenn er auch die 
Galle denselbigen Tag noch zurükhält;) und Galle wollte 
Goethen, der verschiedenen Nebenbegriflfe wegen, durchaus 
nicht gefallen. So tadelte er auch das mehrmals wieder- 
kommende: traun ki Bei V. 401—406 (Briareos, der Hundert- 
händige) nimmt er Anlaß über die Rohheit der ältesten 
Mythen zu reden. »Goethe verglich sie mit dem Gradlinigten . 
und Steifen des alten Styls in der Kunst.« Zweite Sitzung 
(7. November): »Goethe hatte bei einer vorausgehenden 
Durchlesung die Bemerkung über den Catalogus navium 
gemacht, daß Homer nach einer fest angenommenen Rangliste 
die Völkerschaften sich nebeneinander stellen lasse.« Einen 
Halbbogen mit Aufzeichnungen aus dem SchifTskatalog habe 
ich aus den Papieren zur »Achilleis« ausgesondert, er gehört 
gewiß zu der Vorbereitung auf diesen Vortrag. Goethe hat 
seine Annahme, Homer »singe hier nach Stammsagen und 
Registern,« zu begründen gesucht, und auf einer Karte von 
Griechenland den Weg gezeigt, den der Dichter bei seiner 
Aufzählung gegangen ist. »Er fängt mit Aulis an und macht 
einen doppelten Kreis.« Auch dieses Mal hat er sich auf das 
Wörtliche der Uebersetzung mit eingelassen. In Vers 595 miß- 
billigte Goethe die Uebersetzung von ävTÖ]Li€vai mit »fanden« 
(»Findend den Thrakier Thamyris einst«). Und zwar mit 
Recht: es heißt: »als sie (die Musen) begegneten, trafen«. 
An den SchifTskatalog knüpft er dann wieder an mit einer 
Erläuterung zum dritten Buche; doch geht diese, wie alles 
Uebrige, was Böttiger noch mit Goethes Namen notirt, lediglich 
auf Züge der Dichtung und Absichten des Dichters. So zu 
Vers 166 (Teichoskopie) : »Nur den einzigen Agamemnon 
nennt uns Homer nicht in voraus und hebt ihn durch die 
so gespannte Erwartung vor den Uebrigen heraus.« 

Wir wissen nicht, wie weit Goethe gekommen ist. Doch 
möchte ich mit jenen Vorlesungen noch ein handschriftliches 
Stück, das ich ebenfalls bei den Achilleis-Papieren gefunden, 
in Zusammenhang bringen, die Uebersetzung einer Stelle des 
dreizehnten Buchs, V. 95—110: Poseidon feuert, unter der 



14 Neue Mittheilungen. 

Gestalt des Sehers Kalchas, die Griechen zum Widerstände 
an. Ersichtlich ist das Bestreben sich der Sprache Homers 
auch in der Wortfolge anzugleichen, also die Reihe der Bilder 
und Vorstellungen im genauen Anschluß an das Original vor- 
zuHlhren; man gedenkt des Urtheils über Voß in den ersten 
Böttigerschen Sätzen. 

95 Schämt euch, Argiven, ihr seyd nur Knaben, ich hatte 

euch immer 
Streitenden sonst vertraut das Wohl der sämmtlichen' 

Schiffe. 
Nun vergeßt ihr auf einmal des grimmigen Kampfes 
Und so kommt auch der Tag daß euch die Troer besiegen. 
O fürwahr ein gewaltiges Wunder erblick ich mit Augen 
IOC Grimmiges was ich nicht dachte vor mir vollendet zu sehen I 
Troer auf eure Schiffe sie dringen, die ehmals wahrhaftig 
Fluchtigen Hindinnen gleich erschienen, wie durch den 

Wald sie 
Luchsen Pardeln und Wölfen bequem zur Speise gereichen 
Schwankend irrend ohnmächtig, keines Gestreites. 
105 Hätten Troer wohl sonst die Kraft und die Hände der 

Griechen 
Abzuwarten vermocht, zu stehn auch nur im geringsten ? 
Nun entfernt von der Stadt bey unsem Schiffen sie streiten 
Weil es der Fürst versah und weil sich die Völker vergessen. 
Mit ihm zürnen und nicht sich wacker zu helfen besinnen 
HO Ihren Schiffen und sich und lassen sich lieber erschlagen. 

V. 106 lautete zuerst: 

Bleibend erwarten und stehn entgegen auch nur ein wenig. 

V. 96 hat Goetjie den Anfang abgeändert in: »Da ihr 
strittet«, er hat es ^ann bei den spärlichen Besserungen be- 
wenden lassen und den Versuch bei Seite gelegt, der nicht 
vor Mitte 1795 zu setzen ist, wie die Schreiberhand beweist. 

2. Aelter als alles bisher Besprochene ist der Versuch 
über die dunkle Stelle im zehnten Buche der Odyssee. Ich 
verlege ihn in die erste Zeit des zweiten römischen Aufenthalts. 
»Vorgestern nach Mittage bin ich wieder hier angekommen«, 
meldet Goethe, Rom, d. 8. Juni, an Frau von Stein. 

»Wie mich der Anblick von Girgent und Pestum belehrt 
hat« — mit dem Schlußsatze war der erste zeitliche Anhalt 
gegeben. Ein äußeres untrügliches Merkmal kam hinzu. Der 
Goldschnitt der beiden * zu der sorgfältigen Niederschrift ge- 
brauchten Großquartbogen von feinem geripptem Papier er- 



' Goethe hat ä^öc; unser nicht gekannt. 

* Das zweite Blatt von Bogen i ist bis auf einen fingerbreiten 
Streif abgeschnitten. 



Homerisches aus Goethes Kachlass. 15 

innerte mich an den einen nur mit wenigen 2^ilcn beschriebenen 
Bogen, der von der Reinschrift der Nausikaa-Scenen in Goethes 
Besitz verblieben ist (Band 10, 412 W. A). Auf völlig gleichen 
Bogen stehen die Briefe an Frau v. Stein: Neapel d. 25. May 
(4 Seiten), Neapel d. i. Jun., fortgesetzt Rom d. 8. Juni 
(8 Seiten), femer zwei an Kayser: Rom d. 14. Aug., Rom 
d II. Sept. Auch unsere Bogen sind zum Einlegen in ein 
Couvert gefaltet. Sie sind mit derselben jetzt bräunlich aus- 
sehenden Tinte geschrieben, die sich gleich mit dem Datum 
»Rom d. 8. Jun.« gegen die schwärzliclie Tinte der Briefe 
und sonstigen Schriften aus Neapel abhebt und hinfort wieder 
das Merkzeichen der römischen Correspondenz bildet. Die 
Schriflzüge, desgleichen die Zeilenabstände (24—26 Zeilen auf 
der Seite) stimmen so sehr ttberein, daß man, wttrde ein Bogen 
unseres »Versuchs« etwa in den Brief vom 8. Juni eingelegt, 
beide dem Aeußeren nach fllr Theile ein und desselben Schrift« 
Stücks halten müßte. 

Schwerlich ist, auch abgesehen von diesen äußeren Kenn- 
zeichen, in der Zeit der Abfassung eine grössere Differenz an- 
zunehmen. Nur so lange die Meer- und Inselwelt mit dem 
Zauber der Gegenwart wirkte, hat Goethe, empfangend und 
dichtend, in der Welt der Odyssee gelebt. Nausikaa taucht 
unter. Und die Odyssee-Leetüre geht über die durch den 
dramatischen Plan gegebene Grenze wenig hinaus. Das aus 
Sicilien mitgebrachte Exemplar der Odyssee ' weist Spuren der 
Lectüre bis zum 13. Gesänge auf, der die endliche Heimkehr 
des Odysseus erzählt. Ich wUsste nicht, was in den späteren 
römischen Monaten den Dichter veranlaßt haben sollte, auf 
eine einzelne Stelle des 10. Gesanges zurückzukommen. 

An Herder schreibt Goethe, Neapel den 17. Mai (wir 
besitzen den Brief nur in der redigirten Gestalt) : »Nun bleibt 
meiner Sehnsucht kein Gegenstand mehr im Mittag, da ich 
auch gestern von Pästum' zurückgekommen bin .... In 
einem beiliegenden Blatte sage ich Dir etwas über den Weg 
nach Salerno und über Pästum selbst .... Was den Homer 
betrifft, ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen .... 
Nun ich alle diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, 
Inseln und Erdzungen .... Klippen und Bänke und das 
Alles umgehende Meer mit so vielen Abwechselungen und 
Mannichfaltigkeiten im Geiste gegenwärtig habe, nun ist mir 
erst die Odyssee ein lebendiges Wort.« Mir ist nicht zweifelhaft, 
daß un^er Versuch als ein »beiliegendes« Stück mit einem 



• Aus diesem Texte stammt die fehlerhafte Form Ettv^ in V. 86 
(sutt Erru^). 

* In den Handschriften Pestum und Pest (nach dem Italienischen); 
erst bei der Ueberarbeitung corrigirt. 



i6 Neue Mittheilungen. 



der nächsten Briefe an Herder gegangen ist. Herder allein 
war dem Verfasser Autorität, wo es sich um die Griechen 
handelte. Wie er als Jüngling, bei erster LectUre der »Frag- 
mente über die neuere Deutsche Litteratur« freudig bekennt : 
»Daß ich Euch, von den Griechen sprechenden, meist erreichte, 
hat mich ergötzt« ; wie er seine Briefe an ihn in jener Früh- 
zeit reichlich mit Citaten aus Pindar und Plato sdimttckt, 
so ist Herder der einzige, dem er in einem Briefchen aus 
Venedig Kunde von seinem Zustand giebt durch Sophokleische 
Verse, die er wie einen »Text« vorausschickt, über den er 
mit dem Freunde »viel verhandeln möchte.« (Schriften der 
Goethe-Gesellschaft 2, 319.) Ihm konnte er ohne Bedenken 
seine Erklärung und Paraphrase »zur Beurtheilung vorlegen«. 
Gab doch diese Interpretation zugleich den besten Beleg 
dafür, daß dem Reisenden die Odyssee »ein lebendiges Wort«, 
und »die lebendige Umgebung^ ihm nder beste Kommentara 
geworden war. 

In unserem kleinen Aufsatze ist somit ein Stück zu den 
Urkunden des »zweiten römischen Aufenthalts« zurückge- 
wonnen' und ferner die erste und älteste homerische Studie 
Goethes ermittelt. Sie zeigt uns, wie er auch in diesem Be- 
zirk das Verständniß sich auf Anschauung gründen läßt. Dies 
giebt ihr für immer einen Werth. Von dem zu jener Zeit 
beliebten »Paraphrasiren«, dem Vermengen von Uebersetzung 
und Interpretation, ist schon Herder kein Freund gewesen. 
Ob Goethes Auslegung im einzelnen vor dem Blicke des 
zünftigen Philologen noch heute die Probe besteht, ist eine 
Frage, die hier nicht erörtert zu werden braucht. 

B. SUPHAN. 



M 



2. GEDANKEN ÜBER FREIHEIT UND GLEICHHEIT. 

Jeder Mensch fühlt sich privilegirt. 
Diesem Gefühl widerspricht 

1. die Natumothwendigkeit 

2. die Gesellschaft. 

ad I. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht aus- 
weichen, nichts abgewinnen. Nur kann er durch 
Diät sich fügen und ihr nicht vorgreifen. 



^ In Kräuters »Repertorium über die Goethische Repositur« findet 
es sich mit der Ziffer 6 c unter der Rubrik »Eigen Poetisches« ein- 
geordnet. Seitdem war die ursprüngliche Zugen&rigkeit verdunkeh. 



Gedanken über Freiheit und Gleichheit. 17 



ad 2. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht aus- 
weichen, aber er kann ihr abgewinnen daß sie ihn 
ihre Vortheile mitgenießen läßt, wenn er seinem 
Privilegien-Gefühl entsagt. 
Der höchste Zweck der Gesellschaft ist Consequenz 
der Vortheile iedem gesichen. Jeder einzelne Vernünftige 
opfert schon der Consequenz vieles auf. Geschweige die 
Gesellschaft. Ueber diese Consequenz geht fast der momen- 
tane Vortheil der Glieder zu Grunde. 

In der Gesellschaft sind alle gleich. Es kann keine 
Gesellschaft anders als auf den Begriff der Gleichheit ge- 
gründet seyn, keineswegs aber auf den Begriff der Freyheit. 
Die Gleichheit will ich in der Gesellschaft finden, die Frey- 
heit nämlich die sittliche, daß ich mich subordiniren mag, 
bringe ich mit. 

Die Gesellschaft, in die ich trete, muß also zu mir 
sagen: du sollst allen uns andern gleich seyn, sie kann 
aber nur hinzufügen: wir wünschen,' daß du auch frey seyn 
mögest, das heißt, wir wünschen, daß du dich mitUeber- 
zeugung aus freyem vernünftigen Willen deiner Privilegien ■ 
begiebst. 

Gesetzgeber oder Revolutionairs, die Gleichheit und 
Freyheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Char- 
latans. 



Wann Goethe diese Gedanken über die Schlagworte der 
französischen Revolution niedergeschrieben hat, läßt sich, 
dank seiner haushältischen Art mit dem Papier umzugehen, 
ziemlich genau angeben. Der Bogen, zu dem er gegriffen 
hat, hatte ihm schon zu einer kurzen eigenhändigen Aus- 
fertigung gedient, die, selber undatirt, doch einen festen 
Anhalt bietet. Auf dem rückwärtigen Blatte stehen die 
folgenden Zeilen: 

»Da Ltnant Vent schon ttber den Domburger Bau Auftrag 
erhalten hat so möchte nur das Verfahren des Rentamtes zu 
approbiren und ihm aufzugeben seyn die qu, Beyträge seiner 
Zeit von den Contribuenten beyzubringen. 

s, fft, 

G. 

■ Zuerst: »ich wünsche«. 
* Zuerst: »Rechte«. 

GosTHf-JtHmiuai XXII. ^ 



l8 Neue Mittheilungen. 



Die beiden Collegen von der betreffenden Commission 
haben beistimmend ihren Namenszug zugefügt, und die Sache 
ist dann den dienstlichen Weg gegangen. »An den Lieutenant 
Vent, gegenwärtig in Dornburg«, ist eine Ordre ergangen, 
datirt »Jena den 17 April 1795« (Goethes Werke IV, 10, 
352 Nr. 3146), die mit dem Satze schließt: »Worauf Sie 
mir . . . sogleich berichten und dabey Nachricht geben werden, 
wie es gegenwärtig mit dem Wasserbau bey Dornburg steht.« 

Nicht so einfach liegt die Frage nach Anlaß und nächster 
Bestimmung unserer Skizze. Gab jenen etwa die Literatur 
des Tages? War vielleicht ein Vortrag in engerem Kreise 
über das zeitgemäße Thema beabsichtigt? War der Gegenstand 
im Gespräche mit Schiller bertihrt worden? Man könnte noch 
manche Frage thun. Mir kam der Gedanke von ungefähr, 
es möchte die Beschäftigung mit Kant zu diesem politisch- 
socialen Aufsätzchen geleitet haben. Ich wandte mich des- 
halb an den Freund, der mir in diesen Sachen die nächste 
Instanz ist. Und er hat mir, bei knapper Ferienmuße, seine 
»Weihnachtsgedanken« bescheert, die ich, wie ich früher schon 
im nämlichen Falle ein Gleiches gethan (G.-J. 1898, S. 43 fgg.), 
den Lesern des Jahrbuchs nicht vorenthalten will. Er schrieb 
mir, am 25. December, Folgendes: 

»Mit Kant, auf den Sie anspielen, hat die Aufzeichnung 
wohl wenig zu schaffen. Denn Kant geht fllr seinen. Begriff 
der staatlichen Gesellschaft durchaus von der Freiheit aus, 
sofern er das Recht als den Inbegriff der Bedingungen bestimmt, 
unter denen die Willkür des Einen mit der Willkür der Andern 
nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit vereinigt werden 
könne. Also Freiheitsbeschränkung um der Freiheit willen, 
während bei Goethe das Freisein der Einzelnen nur als Wunsch 
der Gesellschaft ausgesprochen wird. Mehr, wie mich dünkt, 
stimmt das, was unser weltmännischer Philosoph von dem Ver- 
hältniß der Einzelnen zur Gesellschaft sagt, mit Spinozistischen 
Anschauungen zusammen, sofern bei Spinoza die staatliche 
Gesellschaft^ aus dem Suum utile quaerere abgeleitet wird und 
das vernünftige Streben nach dem eignen Vortheil am besten 
durch das gleiche Streben Aller danach, also in der ver- 
nünftigsten Gesellschaft ihr Ziel erreicht. Damit soll aber 
keineswegs gesagt sein, daß Goethe irgendwie bei seiner 
Aeußerung von der Gleichheit Aller in der Gesellschaft 
bewußter Weise die betreffenden Sätze in der Ethica im Sinne 
gehabt habe. Ich sage nur : er steht seiner ganzen Denkweise 
nach Spinoza näher als Kant. Dasselbe gilt von dem mit 
kluger Diät sich Fügen und Resigniren in die Naturnoth- 
w^ndigkeit. Daß Goethe sein Aufsätzchen geschrieben, um 
sich mit der libert^ und dgalit^ der französischen Revolution 
auseinanderzusetzen, geht aus dem Schluß der Aufzeichnung 



Goethe und Carl Friedrich v. Coxta. ^9 

hervor. Den Protest gegen die Privilegien setzt der köstUcl^^ 
Mann ganz ins Ethische um ; er macht zu einer sittlichen For<- 
derung für den Einzelnen, was die Revolution in ihrem Vernunft- 
staate objectiv systematisiren zu können sich einbildete«. 

So weit Rudolf Haym. Es wäre schön, wenn aus dem 
Kreise der Goethefreunde sich noch manche Erläuterung an 

die seinige anschlösse. .. » 

B. SüPrtAN. 



% 



3. GOETHE UND CARL FRIEDRICH V. CONTA. 

NeununddreiOig Briefe von Goethe an v. Conta, 
Fünfzehn Briefe v. Contas an Goethe. 

I. Conta an Goethe. ,. 

Ew. Excellenz werden mit solchem Verlangen hipr 
erwartet, daß man mich von allen Seiten bestürmt, ob ich 
noch keine Nachricht von Ihrer baldigen Ankunft habe. 
Eine Dame besonders treibt dieses so weit, daß sie mir 
endlich geradezu Auftrag gegeben hat, Ihnen ihre Wünsch^ 
vorzutragen. Es ist Frau von Savigny, Tochter der Max 
Brentano, wie ich sie Ew. Excellenz nennen soll, die gar 
nicht aus der Art ihrer Mutter geschlagen sey, deren un- 
begrenzte Hochachtung für Ew. Excellenz sie geerbt habe, 
und die keinen größern Wunsch hege als den, Sie persönlich 
kennen zu lernen. Sie läßt daher Ew. Excellenz bitten, 
mir gnädigst zu schreiben, ob Wien sich Ihrer Gegenwart 
erfreuen wird; denn im entgegengesetzten Fall will sie selbst 
auf einige Tage nach Karlsbad gehen. Sie meinte, sie sey 
schon oft weiter nach einer schönen Gegend gereist, und 
könne wohl um so mehr diese Reise unternehmen, um den 
größten Mann seiner Zeit kennen zu lernen. Das Gerücht 
von Ihrer Absicht, von Karlsbad aus Wien zu besuchen 
hat sie bis jetzt von einer Reise nach Italien abgehalten. 

Unter diejenigen, die mich, so oft sie mich sehen, nach 
Ew. Excellenz fragen, und sich unendlich freuen, Sie viel- 
leicht wieder zu sehen, gehören die Herren Grafen Purgstall 
und Fries, die beide das Glück gehabt haben Ew. Excellenz 
in Weimar kennen zu lernen. 

Ew. Excellenz bitte ich wegen dieser Freiheit unter- 
thänig um Verzeihung. Ich hätte es nicht gewagt sie mir 

2* 



20 Neue Mittheilungen. 



zu nehmen, wenn nicht der Auftrag einer Dame und zwar 
Ihrer Landsmännin mir Entschuldigung hoflfen ließ. 
Wien, 17. Juny 1807. 

2. Goethe an Conta. 

Wenn ich Ew. Wohlgebornen Schreiben nicht gleich 
beantwortete, so geschah es weil ich mich wirklich in einer 
Art von Verlegenheit befinde, was ich eigentlich darauf zu 
erwidern habe. Ich kann nicht läugnen, daß es mein 
Wunsch, sogar meine Absicht war, aus drlsbad über Prag 
nach Wien zu gehen, um beyde Städte, welche ich un- 
verantwortlicher Weise noch nicht besucht, endlich einmal 
zu sehen und soviel werthen Gönnern und Freunden daselbst 
aufzuwarten. Auch befinde ich mich gegenwärtig ganz 
wohl; nur muß ich in beständiger Sorge leben, weil mein 
Uebel gewisse Paroxysmen macht vor denen ich kaum 
sicher bin, wenn ich mich auch noch so sehr in Acht nehme, 
und es also noch weniger seyn würde, wenn ich mich auf 
der Reise oder in den Zirkeln einer großen Stadt befände. 
Schwerlich glaube ich daher, daß ich mich dießmal zu einer 
solchen Tour entschließen werde. Eben so wenig wüßte 
ich zu sagen, wie lange ich mich in Carlsbad aufhalten 
werde, weil ich theils von Zeit zu Zeit kleine Excursionen 
mache,, theils auch meine frühere oder spätere Rückkehr 
von mancherley Umständen abhängt. 

Haben Sie die Gefälligkeit dieses der Frau von Savigny 
mit meinen besten Empfehlungen zu hinterbringen und ihr 
zu versichern, daß es mir unendlich leid thue, sie, wie ich 
schon längst gewünscht, dießmal nicht persönlich kennen 
zu lernen, um so mehr als ihre Schwester Bettine mich 
vor kurzer Zeit in Weimar durch ihren Besuch sehr glücklich 
gemacht hat. Möge sichs doch auf irgend eine Weise 
fügen, daß wir bald irgendwo zusammentreflfen. 

Der ich in dem lebhaften Wien Ew. Wohlgeboren 
recht vergnügte Tage wünsche, ob ich gleich daran nicht 
ganz ohne Empfindung des Neides denken kann. 
Carlsbad Ew, IVohlgeb. 

den 30. Junius ergebenster Diener 

1807. /. W. V. Goethe. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 21 



3. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz kann ich nicht beschreiben, welches 
innige Bedauern Ihr Entschluß, nicht nach Wien zu kommen, 
bei allen denen bewirkt hat, welchen ich diese traurige 
Nachricht mitgetheilt habe; aber besonders ist Frau vop 
Savigny ganz niedergeschlagen und nur durch das feier- 
liche Versprechen ihres Mannes, so bald als möglich mit 
ihr nach Weimar zu gehen, einigermaßen getröstet. Er 
verläßt nächstens Wien um den Rest des Sommers und 
vielleicht auch noch den ganzen Winter in München zu- 
zubringen, wo er die dasige Bibliothek benutzen will; er 
wird also schwerlich vor künftigem Frühjahr mit seiner 
Frau nach Weimar kommen. Morgen habe ich das Ver- 
gnügen mit diesen beiden und noch einigen andern inter- 
essanten Menschen auf einige Tage mit dem Graf Fries 
auf eins seiner Güter zu gehen, und weiß also daß ich 
noch recht viele Klagen über diese gescheiterte Hoffnung 
hören werde. Ew. Excellenz Schriften findet man hier, 
wie überall wo es Menschen von Geschmack giebt, nicht 
nur in den Bücherschränken, sondern in den Händen und 
im Gedächtniß aller gebildeten Stände; aber um so un- 
begreiflicher ist es wie man zugeben kann, daß eins Ihrer 
vortrefflichen dramatischen Werke, Clavigo, so beschnitten, 
verstümmelt und so schlecht dargestellt auf der Bühne er- 
scheine, und es ist sehr zu wünschen, daß man sich nicht 
an mehreren versündigen möge. Mit wahrem Unwillen 
habe ich die schönen Worte des Clavigo von dem erbarm*- 
liehen Ziegler wie von einem Schulknaben absingen höreuw 
Haide als Beaumarchais und Krüger als Carlos waren die 
einzigen die Lob dabei verdienen, und ersterer ist schon so 
degoutirt von dem hiesigen Theaterwesen, daß er nichts 
sehnlicher wünscht als wieder in Weimar zu seyn, und Ew. 
Excellenz schriftlich um diese Gnade ersuchen wird, wenn 
er es nicht schon gethan hat. 

Graf Purgstall brachte mir heute dielnlage; er gehört 
unter die welche sich mit dem größten Enthusiasmus auf 
Ew. Excellenz Ankunft freuten, und Ihnen gern sein ganzes 
Haus in der Stadt eingeräumt hätte. 
Wien, den 8. July 1807. 



11 Neue MtTTHFILUNGEN. 



4. Goethe an Conta. 

Ew. Wohlgeboren den Brief des werthen und wohl- 
gesinnten Mannes und Freundes in Gotha dankbar zuruck- 
iseiidend, füge noch den Wunsch hinzu, daß diese An- 
gelegenheit vor der Hand ja ruhen möge. Wenn man den 
eigentlichen Zweck einer solchen Anstellung bedenkt, so 
läßt sich mehr als eine Form finden, unter welcher das 
beabsichtigte Gute statthaben kann, ohne daß geradezu 
ein auffallend verneinender Entschluß ausgesprochen zu 
werden braucht. Ich werde die Sache, an der mir mehr 
in wissenschaftlicher als ästhetischer Hinsicht gelegen seyn 
riiuß, fernerhin überdenken und in vertraulichem Gespräch 
rti\c\i weiter darüber äußern. Bis dahin empfehle ich Ihnen 
die sämmtlichen Geschäfte, auf die ich einigen Bezug habe, 
zu geneigter Mitwirkung, wie ich sie bisher und noch in 
diesen letzten Tagen erfuhr. 

Mit den aufrichtigsten Wünschen 

ergebenst 
Jena, den 19. December 1817. Goethe. 

i . 

5. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
haben mir den schmeichelhaften Auftrag ertheilt, Ihnen 
8 Tage nach Ihrer Abreise von hier zu schreiben ; ich erfülle 
diei^es mit vielem Vergnügen, indem ich Ew. Excellenz 
gehorsamst mittheile, was mir seitdem bemerk enswerth 
geschienen hat. 

Um mit der Natur, wie billig, anzufangen, habe ich 
sehr bedauert, mir nicht einigen Unterricht erbeten zu haben, 
wonach ich die meteorologischen Beobachtungen, die Ew. 
Excellenz hier verfolgt haben, nothdürftig hätte fortsetzen 
können. Im Allgemeinen war das Wetter, vom 28. May an 
bis heute, sehr schlecht; täglich und fast stündlich Regen 
und kalte Winde, nur von kurzen Sonnenblicken unterbrochen. 
Nur der 2^ Juny war ohne Regen j aber desto stürmischer 
war der Wind. 

Dieses böse Wetter hat mich von meinen minera- 
logischen Wanderungen nicht abgehalten und ich habe einige 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 2} 

häbsche Exemplare zusammen getragen, die ich unterthänig 
vorzulegen die Ehre haben werde. . . . 

Professor Hermann ist nicht recht wohl und hat hypo- 
chondrische Anwandelungen. In solcher Stimmung kam er 
von Ew. Excellenz Werken, die er bewundene, auf die 
neuern Producte der Zeit und weissagte den gänzlichen 
Verfall der deutschen Sprache und Literatur nach loo Jahren. 
Mit einem tiefen Seufzer setzte er hinzu: nur Ew. Excellenz, 
wenn Sie jetzt Ihren Lebenslauf begönnen, hätten dieses 
Unglück verhüten können. Ich meinte, dafür würden auch 
wohl die vorhandenen klassischen Werke sorgen und die 
Verirrten wieder zur Erkenntniß des ewig Wahren und 
Schönen zurückführen. Uebrigens sey ja eben das Uebel 
des Augenblicks, daß die Autorität des Guten nicht gelte. 
Sieht man indeß ein Product, wie Houwalds »Leuchtthurm« 
an, (Böttiger hat es mich im Manuscript lesen lassen) und 
hört, mit welchem Beyfall es (durch Böttiger) bey der 
Herzogin von Kurland ist vorgelesen worden, und vergleicht 
damit das Urtheil darüber in den Nrn 105. 106 und 107 der 
Abendzeitung (ohne Zweifel wieder von Böttiger), so gehört 
freilich ein starker Muth dazu, um nicht auch mit Hermann 
zu verzagen. Ich für mein Theil — der ich freylich weit 
entfernt bin, Kunstrichter zu seyn — habe in dem Werkchen 
weder Poesie, noch einen erquicklichen Gedanken, noch 
eine neue Wendung finden können. Indeß kann ich mir 
wohl denken, daß es, einiger rührenden Situationen wegen, 
zum erstenmal gesehen, Effect machen kann. 

... Den 9ten verläßt die Herzogin von Kurland und 
Frau von der Recke Karlsbad. Ich soll den Damen heute 
Abend vorgestellt werden. Dafür muß ich aber morgen und 
übermorgen »die Albaneserin« von Böttiger dort vorlesen 
hören. Auf Verlangen Ihrer Durchlaucht wurden gestern 
Cuno's »Ruinen von Engelhaus« aufgeführt. Ich zog eine 
geologische Excursion vor, bemerkte aber Abends an meinem 
Fenster, daß das Stück, von 5 Uhr an, bis V* auf 9 Uhr 
spielte. Bis auf einige glücklich getroffene Situationen soll 
das Stück, welches das Dresdner Theater dem Verfasser 
zurückgeschickt hatte, trotz aller Anstrengungen der Schau- 
spieler, ganz erbärmlich ausgefallen seyn, und Verse sollen 



24 Neue Mitthetlukgen. 



darin vorkommen, daß man davon laufen möchte. Dieß ist 
das einstimmige Urtheil der Männer, die ich darum befragt 
habe. Die Damen aber wollten es gar nicht so schlecht 
finden. 

Cuno ist sehr glücklich, daß Ew. Excellenz ihn ge- 
würdigt haben, sich in sein Stammbuch einzuschreiben. Das 
Eingeschriebene geht hier von Mund zu Munde und erfreut 
die Badewelt. 

Bey dieser Gelegenheit bitte ich um Erlaubniß, Ew. 
Excellenz eine Anekdote mittheilen zu dürfen, wie Hofrath 
Gehler aus Leipzig, unmittelbar nach dem Ereigniß, sie mir 
erzählt hat. Er stand vorigen Donnerstag auf der Straße, 
um die Procession des Frohnleichnamsfestes mit anzusehen. 
In dem Zuge bemerkte er drey junge Leute, dem Anschein 
nach Karlsbader, in den Studentenjahren. Sie gingen neben- 
einander und der mittelste hielt ein Buch, in dem sie alle 3 
mit Aufmerksamkeit lasen. Dieß konnte nicht auffallen, 
da die Mehrsten im Zuge Gebetbücher in den Händen hatten. 
Als sie an ihm vorüber gingen, trat einer von ihnen in 
eine Pfütze, so daß der Mittelste und sein Buch sehr besprützt 
wurde. Dieser, ohne sich um den Koth zu bekümmern, 
rief in demselben AugenbUcke Ew. Excellenz Namen mit 
einem enthusiastischen Lob in Studentenmanier aus, in das 
die andern freudig einstimmten. Hofrath Gehler, hierdurch 
äußerst aufmerksam gemacht, verfolgt die jungen Leute; 
es gelingt ihm endlich in das Buch zu sehen, und was war 
es? — Hermann und Dorothea. — 

Hasenhut, der die Kur hier braucht, wird zwölf Gast- 
rollen geben. Ich sah ihn als Poldel in den »Bürgerlichen 
Brüdern«, wovon ich den Zettel mitbringe. Das Stück, von 
Schikaneder, läuft . . . darauf hinaus, das Thörichte und 
Verderbliche zu zeigen, wenn ein zu Vermögen gekommener 
Handwerker sein Metier verläßt und nach Höherem strebt. 
Der Adelstand, ein Amt bey Hof oder in einer Canzley, oder 
ein Titel ist der Köder, womit Glücksritter und -Ritterinnen 
den Gimpel ins Netz locken und ins Verderben bringen. 
Ein Bruder oder Verwandter, der seinem Stande treu ge- 
blieben und darum von dem HofFärthigen verachtet und 
verspottet wird, steht dem Verirrten zur Seite und rettet 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 25 

ihn noch zu rechter Zeit. Poldel in den »Bürgerlichen 
Brüdern« ist vom Lehrjungen zum Hausofficianten gestiegen, 
kann aber das vorige Verhältniß und den Titel Meister 
nicht vergessen und setzt damit den neuen gnädigen Herren 
in seinen vornehmen Gesellschaften oft in große Verlegenheit 
und Zorn. . . 
Karlsbad, 5. Juny 1820. 

[Concept] 6. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. sende die mir anvertrauten Papiere 
dankbarlichst zurück, mit der Bitte mir ähnliche Nach- 
richten, insofern sie für mittheilbar gehalten werden, auch 
fernerhin geneigtest zukommen zu lassen, welches be- 
sonders in der gegenwärtigen prägnanten Zeit sehr ange- 
nehm seyn würde ; auf die vollkommenste Discretion kön- 
nen Dieselben sich verlassen. 

Die auf die akademische Einrichtung sich beziehenden 
Hefte habe sorgfältig durchgelesen, und nun ist vor allen 
Dingen meine Dankbarkeit auszudrücken, daß die beyden 
Herrn Commissarien sich der oberaufsichtlichen Verhält- 
nisse so ernst und gründlich annehmen wollen, so daß 
mir weiter nichts zu wünschen noch zu sagen übrig bleibt; 
welches ich denn in meiner schuldigen Erklärung nicht er- 
mangeln werde anzuerkennen, wie ich denn auch meinen 
Beyfall den übrigen Bemerkungen bescheidentlich zu zollen 
nicht versäumen darf. 

Zwey Abschriften liegen bey von jenen gutachtlichen 
Vorschlägen des vorsorgenden Bibliothekars, davon die eine 
Herrn von Hoff mit vielen Empfehlungen zuzustellen bitte.' 
Jena den 7. August 1820. 

7. Goethe an Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeboren 

sende die mitgetheilten Blätter dankbarlichst zurück. Es 

giebt freylich zu ernsten Betrachtungen Anlass, wenn wir 

uns von gleich brennbaren Stoffen unmittelbar umgeben 

fühlen. 



' Geschrieben »bittea« in eigeohändtger Correctur. 



26 Neue Mittheilungen. 



Sodann erkenne den Werth der Bemerkung zu dem 
bibliothekarischen Bericht mit besonderem Vergnügen. 
Wollten Sie bey Herrn von Hoff etwa nachfragen : ob der- 
selbe vielleicht auch einiges mitzutheilen hätte; so könnte 
meinen unzureichenden Bericht mit solchen gründlichen 
Motiven gar gut ausstatten. 

Fernerer für geneigte Theilnahme mich angelegent- 
lichst empfehlend.' 

Vorstehendes war geschrieben als durch eine kurze 
Abwesenheit von Hause mir das Vergnügen entging den 
Herrn Geh. Staatsrath Schweitzer bey seiner Rückkehr zu 
verehren. Danken Sie in meinem Namen gelegentlich zum 
allerschönsten für die mitgebrachte zahlreiche Carlsbader 
Liste und drücken gefällig meine Hoffnung aus den wür- 
digen werthen Mann in meiner Einsiedeley zu begrüßen. 
Jena den 14. August 1820. 

8. Conta an Goethe. 

. . . Was wird uns die nahe Zukunft bringen ? — Wo 
man hinsieht, glaubt man den Thurmbau zu Babel zu sehen. 
Wird auch einmal ein brauchbarer Baustein gebracht, gleich 
finden sich emsige Mitarbeiter, die nichts Angelegentlicheres 
haben, als ihn zu verstümmeln. Mit neuen Belegen aus unsrer 
Nachbarschaft hiezu kann ich Ew. Excellenz dienen, wenn 
ich wieder die Ehre haben werde, unterthänig aufzuwarten. 
Herr Geh. Staatsrath Schweitzer, dem sehr schmeichel- 
haft war, was Ew. Excellenz mir für ihn zu schreiben die 
Gnade hatten, will in diesen Tagen, vormittags, seinen 
Besuch wiederholen. Er hat Auftrag mit Ew. Excellenz 
über die Statuten-Angelegenheit zu sprechen. Der Groß- 
herzog ertheilte ihm solchen in Neustadt. 
Weimar, 16. August 1820. 

9. Goethe an Contn. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeboren 
erhalten die mir anvertrauten Papiere mit dem verbind- 
lichsten Dank zurück wobey ich inliegendes Bittschreiben 

" »Fernerer* eigenhändig. Beabsichtigt war wohl: ,Für geneigte 
Theilnahme dankend, fernerer michlu. s. w. B. Suphan. 



Goethe und Carl Friedrich v. Costa. 27 

zu geneigter Aufmerksamkeit empfehle. Sollren nicht ent- 
schiedene Hindernisse entgegen stehen, so bitte günstig 
einzuwirken.' 

Der Besuch von Berliner Freunden hat mich in meiner 
Einsamkeit überrascht und erquickt; es thut mir leid, daß 
ihre Eile mich hindert diese würdigen Geschäfts- und Kunst- 
männer auch werthen Weimarischen Freunden vorzustellen. 

Möge mir ein freundlicher Antheil im Lebens- und 
Geschäftskreise immerfort zu statten kommen. 
Jena den 22. August 1820. 

10. Conta an Goethe. 
Ew. Excellenz 
hoffte ich die Ehre zu haben meine ehrerbietigen Glück- 
wünsche zu Ihrem heutigen Feste persönlich darbringen 
zu dürfen. Eine dringende und unaufschiebliche Arbeit 
hält mich aber leider davon ab. 

Ich bitte daher Ew. Excellenz den schriftlichen Aus- 
druck der verehrungsvollen und ergebenen Gesinnungen 
gütig aufnehmen zu wollen, wovon ich tief durchdrungen 
bin und womit ich Ihnen vom Grund meines Herzens 
noch eine lange Reihe gesunder und heiterer Lebensjahre, 
d|cp ungetrübten Genuß der Freuden, die ein wirkungs- 
reiches schönes Leben wie das Ihrige gewähren muß, und 
der allgemeinen Verehrung die die Welt Ihnen zollt, wünsche. 

Darf ich dabey an mich besonders denken, so füge 
ich den Wunsch und die ehrerbietige Bitte hinzu, daß 
Ew.. Excellenz mir auch ferner die gütige Wohlgewogen- 
heit schenken mögen, die mich so glücklich macht und 
die mir meinen letzten Aufenthalt in Karlsbad als einen 
schönen Lichtpunkt meines Lebens erscheinen läßt. 
Weimar, am 28. August 1820. 

. V Auf die Eckhardtische Angelegenheit bezieht sich femer folgendes 
imdatirte Fragment eines Briefes an Conta, das gemäß seiner Stellung 
unter, den »Abgesendeten Briefen« etwa auf den 9. oder 10. August 
allen mag: »Ew. Hochwohlgeboren besuche dieOmal mit einem Schreiben 
einem hübschen Kinde zu Gefallen und hoffe deshalb Verzeihung. Der 
Kektör und Professor zu Raab in Ungarn Joseph von Gödör welchen 
ubser gnädigster Herr« [bricht ab.] 



28 Neue Mittheilungen. 



II. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
freundliche, herzliche Theilnahme an dem gestrigen mir 
zu Freuden und Ehre so traulich gefeyerten Feste war 
mir höchst willkommen, ob ich Sie gleich persönlich her- 
bey gewünscht hätte. Solche Gelegenheiten lassen die 
Menschen fühlen daß sie einander verwandt sind; das 
Entfernteste nähert sich und das Unebenste gleicht sich 
aus; wenn vielleicht auch nur für den Augenblick. Möge 
der Eindruck, wie er empfunden worden, in der Stille 
fortwirken. 

Die mitgetheilten Blätter folgen mit Dank zurück, mit 
der Bitte um gefällige Fortsetzung, wozu ich noch den 
dringenden Wunsch hinzufüge, des Herrn Staats-Minister 
von Gersdorfi Excellenz aufs Beste zu danken, daß die 
Hoffnung gegeben worden, das unerwartete Glück eines 
guten Mädchens ganz vollkommen zu sehen. In dem 
neusten Hefte von Kunst und Alterthum, das ich nächstens 
übersende, hoflfe einiges was Ihnen und Ihrer Frau Ge- 
mahlin angenehm seyn könnte, mitgetheilt zu haben. 

Der ich mich angelegentlich empfohlen zu seyn wünsche. 

Die mir übergebenen Acten und sonstigen Papiere, 
nicht weniger die an mich eingegangenen Anfragen hoffe 
noch vor Serenissimi Ankunft geordnet, nach bestem 
Wissen und Gewissen, nebst einigen Bemerkungen zu über- 
senden. 

Jena gehorsamst 

den 29. August /. IV. v. Goethe. 

1820. 

12. Goethe an Conta. 
Ew. Hochwohlgeb. 
nehme mir die Freyheit hiebey zu übersenden die Berichte 
über Güldenapfels Vorschlag zu künftiger Verbesserung 
der Bibliothekscasse. Einem kleinen Mangel hilft ab das 
beygelegte kurze Pro Memoria. Möge diese, ins Ganze 
greifende Angelegenheit Ihnen bestens empfohlen seyn. 
Nicht weniger folgt meine unzielsetzüche Mejmung wegen 
Charakterisirung des Mechanicus Schmidt. In kurzem sende 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 29 

die neuen Statuten mit sämmtlichen Acten zurück. Die 
beyden Herrn Commissarien haben mir in allem vorge- 
arbeitet, so daß ich nur beyzustimmen brauche. Auch 
was mein Verhältniß zunächst betrifft haben sie alles er- 
schöpft. Eines nur will ich vorläufig erwähnen, worin ich 
auch mit Ihnen vollkommen einstimmig bin: man publicire 
ja nicht diese Statuten provisorisch; denn das hieße von 
vom anfangen und jedem Einzelnen Zeit und Gelegenheit 
geben, was ihm unangenehm wäre anzufechten. Steht 
doch dem Fürsten auch ohne ausdrücklichen Vorbehalt das 
Recht zu, solche Einrichtungen zu modificiren, und dieß zu 
thun müßte man wenigstens drey Jahre genauen Auf- 
merkens und Beobachtens vorüber lassen. Möge dieses 
Geschäft welches durch seine bisherige Behandlung so un- 
bequem ward, endlich wenigstens auf ein Triennium zur 
Ruhe kommen. 

Daß die freundliche Feyer meines Geburtstags, zu der 
ich etwas übereilt meine Einwilligung gab, glücklich vor- 
über gegangen freut mich sehr : denn ich will nur gestehen 
daß in der Zwischenzeit die Reue mich einigemal anfiel, 
weil selten etwas Gutes heraus kömmt wenn das Oeffent- 
liche bewegt wird ; so aber hat sichs dießmal recht mäßig 
und schicklich erwiesen, daß, hätten Sie uns Ihre werthe 
Gegenwart gegönnt, Sie nicht wären unzufrieden gewesen. 
Erhalten Sie mir zunächst und künftig Neigung und Wohl- 
wollen und freundliche jugendliche Mitwirkung, deren man 
gar sehr bedarf um die Schwerfälligkeit der altern Tage 
zu beleben. 

Beyliegendes möge, nach ernsten Geschäften, im stillen 
Hauskreise einige gute Stunden gewähren! Die fehlenden 
Bogen kommen zunächst. 

Mich zum besten empfehlend 
Jena gehorsamst 

den I. September /. W,v. Goethe, 

1820. 

Hinzufügen darf ich wohl die Bitte, da meiner nicht 
völlig eingerichteten Reise-Canzley ein schickliches Siegel 
abgeht, diesem Mangel gefällig abhelfen zu lassen. 



30 Neue Mittheilukgen. 



13. Conta an Goethe. 
Ew. Excellenz 
machen mich immer mehr zu Ihrem ewigen dankbaren 
Schuldner, denn wie darf ich hoffen, je das gütige Wohl- 
wollen und Vertrauen im mindesten vergelten zu können, 
wodurch ich mich so hoch geehrt und so mächtig angeregt 
fühle, solcher Gunst mich möglichst werth zu bezeigen. 
Unendlich viel und Unschätzbares verdanke ich Ew. Excellenz 
für mein ganzes Leben und ich kann nur wünschen^ daß 
Sie sich der Rechte, die Sie sich auf dasselbe erwerben, 
zu bedienen geruhen möchten. 

Herrlichen Genuß verspreche ich mir und meiner Frau, 
die meine Gesinnungen innigst theilt, von dem uns so gütig 
verehrten neusten Heft von Kunst und Alterthum. Wir 
haben uns vorerst an die so anziehende Ballade gehalten 
und uns mit Vergnügen den Kindern des Refrains zugezählt. 
Nun freue ich mich schon auf Zelters Composition, die 
gewiß nicht ausbleiben wird. Das Lied hat einen ganz 
eigenthümlichen Zauber, den Ew. Excellenz selbst in der 
Anrede erklären. 

Seit einigen Abenden lese ich meiner Frau den Werther 
vor, den sie noch nie gelesen, und ergötze mich von neuem 
am Werke und an dem Genuß den es meiner Frau ge- 
währt. Es muß Ihnen doch immer ein liebes Kind seyn, 
dieses höchst poetische Werk, das allein Sie unsterblich 
machen würde. 

Wenn man die Zusammensetzung der Tischgesellschaft 
zu Ew. Excellenz Geburtsfest betrachtet, so kann nur 
Ihre verehrunggebietende Persönlichkeit die Mäßigung und 
den Anstand erklären, der dabey geherrscht hat. Ich habe 
mit Vergnügen vernommen, wie schön das Fest war; daß 
nichts Unschickliches dabey vorfallen würde, davon war 
ich aus der angegebenen Ursache im voraus überzeugt. 
Meine erste Sorge war, mich zu erkundigen, wie Ew: 
Excellenz sich darauf befunden, weil eine Erkältung bey 
solchen Gelegenheiten gar zu leicht möglich ist. Aber ich 
wurde darüber gleich am andern Morgen zu meiner Freude 
beruhigt. Und ich darf nun wünschen, daß sich dieses Fest 
noch recht oft so erneuern möge. Auch wir haben es 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 



nicht still vorübergehen lassen, sondern Sie bey gutem 
Champagner hoch leben lassen. 
Weimar 4. September 1820. 

14. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeboren 
nehme mir die Freiheit gegenwärtig zu übersenden die bei 
herannahendem Michaelis Termine nunmehro nöthigen Be- 
richte, betreffend die Entlassung des Bibliothek-Schreiber 
Baum, so wie die Anstellung des jungem Compter; mit 
dem freundlichsten Ersuchen diese schon bekannte und ge- 
billigte Sache, beim unterthänigsten Vortrag, zu begünstigen. 

Ich habe verschiedenes in dem Güldenapfelschen Be- 
richt enthahenes nicht hervorgehoben, um Wiederholungen 
zu vermeiden, weshalb dasselbe bei gnädigsten Resolutionen 
geneigtest zu bemerken wäre. Wie ich denn auch ein 
Curriculum vitae, von Compter aufgesetzt, hiebei vertraulich 
mittheile; um das kümmerliche und sorgenvolle Heran- 
kommen eines so brauchbar gewordenen Menschen ins 
Klare zu stellen. 

Auch dießmal, wie das vorige Mal, einige Canzley- 
Nachhülfe mir erbittend, versichere aufrichtig, daß es mir 
zur größten Freude gereiche, wenn Aelteres und Neueres, 
von mir ausgegangen, einem hochgeschätzten Freundes- 
Paare vertrauliche Stunden erheitern und beleben kann. 

Jena gehorsamst 

den 7. September /. fV. v. Goethe, 

1820. 

15. Conta an Goethe. 

. . . Ich weiß nicht, wie ich Ew. Excellenz meine Freude 
und meine Dankbarkeit ausdrücken soll für das herrliche 
Geschenk. Mir, meiner Frau, der Geh. Cammerräthin- 
Stichling und andern Damen und Männern habe ich damit 
die schönsten genußreichsten Abende bereitet. Allgemeines 
Interesse erregen die Xenien, die einen Schatz von großen 
Lebensregehi und die interessanten Ansichten Ew. Excellenz 
über wichtige Gegenstände enthalten. Hier und da wollten 
Einige sie doch nicht für ganz zahm passiren lassen. Nicht 



32 Neue Mittheilungen. 



genug vorlesen kann ich die Ballade und die orphischen 
Urworte ; meine Frau muß ihren Freundinnen Abschriften 
davon machen, da ich den Heft nicht aus den Händen gebe. 
Auch Männer von der verschiedensten Art waren alle gleich 
ergriffen von dem letztem Gedicht. Der Frau von Gries- 
heim, Zöglingin der Frau von der Recke, habe ich es 3 mal 
lesen müssen; sie fand es über alles erhaben. 

Entschuldigen Ew. Excellenz, daß ich es wage, Ihnen 
solche Bemerkungen mitzutheilen, die nicht den mindesten 
Werth für Sie haben können. Es ist mir Bedürfniß, 
von dem was mich so lebhaft beschäftigt und erfüllt, zu 
sprechen, und dann verschmähen ja Ew. Excellenz nirgends 
die Natur zu beobachten und also wohl auch nicht die 
natürlichen Eindrücke und Gefühle, die Ihre Werke auf 
ihre Leser machen. 

»Das Bild« von Houwald habe ich noch nicht gesehen. 
Die Urtheile darüber sind sehr getheilt und zum Theil ein- 
ander ganz entgegengesetzt. Nach der Erzählung scheinen 
höchst unnatürliche Motive gebraucht zu seyn. 
Weimar 8. September 1820. 

16. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
übersende, für gefällige Mittheilung höchlich dankbar, die 
mir anvertrauten Actenstücke; wie ich denn zugleich die- 
jenigen Hefte welche auf die neuen Statuten Bezug haben, 
an die Geheime-Staats-Canzley überschicke. 

Die von den beyden Herrn Commissarien, auch in Be- 
zug auf mein Verhältniß, aufgeführten Erinnerungen habe 
dankbar anerkennend benutzt und wiederholt, wovon bey- 
liegender unterthäniger Vortrag das Zeugniß giebt. 

Mögen Sie die Gefälligkeit haben solchen weiter zu 
befördern; so ist wenigstens dießseits gebührende Schuldig- 
keit beobachtet worden. 

Mit Bitte meiner geneigtest in allen Fällen zu gedenken 
unterzeichne mich mit voller Hochachtung und Zutrauen 

Jena gehorsamst 

den 9. September /. IV. v. Goethe. 

1820. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 33 

17. Goethe an Conta. 
Ew. Hochwohlgeb. 
verleihen mir ein wahres Vergnügen durch die Nachrichten 
von der freundlichen Einwirkung, welche meine neusten 
Sendungen in Ihrem werthen Kreise hervorgebracht. In 
der Jugend erringt man sich, durch persönliche Zudringlich- 
keit und leidenschaftliches Vorlesen, erfreulichen Beyfall, das 
Alter trennt uns nach und nach von empfänglichen Menschen, 
selten kehrt ein Klang und Ton, den man aussendet, lebhaft 
und ergötzlich zurück. Lassen Sie mich auch künftig von 
solchen wünschenswerthen Einwirkungen erfahren. 

Bedenkt man, daß die Ueberschrift : Zahme Xenien eine 
contradictio in adjecto im eigentlichen Sinne enthält ; so 
läßt es sich vermuthen, daß hie und da etwas von der 
alten wilden Natur hervorblicken werde; es ist bekannt, 
daß man die angebornen Eigenheiten nicht leicht durch 
Kunst und Erziehung austreiben könne. 

Hiebey folgen die beyden letzten Bogen nebst Um- 
schlag ; haben Sie die Güte das Heft nicht aus Händen zu 
geben bis es versendet wird ; sonstige Mittheilung hat kein 
Bedenken. 

Für die überschickten, obgleich älteren politischen 
Nachrichten danke verbindlichst; in solchen Blättern findet 
man immer etwas Besonders, was die Zeitungen nicht auf- 
nehmen, auch allgemeine Betrachtungen, welche leider 
dießmal mit unsem eigenen Folgerungen und Ueber- 
zeugungen nur allzusehr übereinstimmen. 

Höchst erfreulich war es uns allen daß Serenissimi 
Glaube an die hiesige Atmosphäre von dem Himmel in so 
hohem Grad honorirt worden. Der Eintritt, obgleich leicht 
umwölkt, war doch wohl zu beobachten, die ringförmige 
Erscheinimg und der Austritt ganz vollkommen, beyde 
erstere in der Prinzessinnen Garten, wohin die nöthigsten 
Instrumente geschafft waren; letzteres in der Sternwarte, 
unter Beystand der Astronomen und Mechaniker. Möge 
dieß als ein glückliches Wahrzeichen sich bewähren! 

Mich und die Meinigen und meinen kleinen Geschäfts- 
kreis zu geneigtester Aufmerksamkeit und Theilnahme 
bestens empfehlend. 

CorrHB-jABstuCH XXn. 3 



34 Neue Mittheilungen. 



Noch bemerke daß den Brief des Herrn Grafen Beust 
nicht bey der Sendung gefunden. 

Jena gehorsamst 

den II. September /. fKv, Goethe. 

1820. 

18. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
das Mitgetheilte dankbarlichst zurücksendend und eine 
Artigkeit womit mich die Herrn Maynzer angebunden 
beylegend, darf ich wohl gleichfalls beyliegendes Billet zu 
geneigter Beruhigung eines hübschen Kindes so wie mich 
und das Meinige bestens empfehlen. 

Jena gehorsamst 

den 19. September /. fV. v. Goethe, 

1820. 

19. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
statte ich meinen innigsten unterthänigen Glückwunsch zu 
dem neuen Enkelchen ab. Möge es zur Freude seiner 
Eltern und seines herrlichen Namens werth aufblühen, und 
mögen Ew. Excellenz lange lange Zeuge davon seyn! — 

Wer unterschriebe nicht gern und mit voller Ueber- 
zeugung, was die Mainzer Verehrer in dem artigen Gedicht 
sagen, dessen gewogentliche Mittheilung ich Ew. Excellenz 
verdanke. Wir alle, die wir das Glück haben, Ihre Zeit- 
genossen zu seyn, sind zu stolz auf diesen Vorzug, als 
daß wir nicht unsre eigne Eitelkeit durch die Xenie : »Denn 
bist du nur erst hundert Jahr berühmt, so weiß kein Mensch 
mehr was von dir zu sagen« verletzt fühlen sollten. Nach 
Jahrtausenden wird man uns deshalb noch beneiden. 

In Bezug auf den gehaltvollen Heft von Kunst und 
Alterthum darf ich Ew. Excellenz die Bemerkung nicht 
vorenthalten, daß nur Männer hier und da einer Erklärung 
der »Urworte« bedurften, allen Frauen aber, denen ich das 
schöne Gedicht vorlas, es sogleich auf das erste Mal ganz 
verständlich war und sie es lieber ohne die Erklärung hören 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 35 

wollten. Ich nenne z. B. die Stichling, die Günther, die 
Froriep, die Professorin Schrader aus Erlangen, meine Frau. 
Tief ergriffen und begeistert waren sie, besonders beym 
mehrmaligen Lesenhören, und sehr gerührt von derXenie: 
»Ein alter Mann ist stets ein König Lear«. Alle versicherten 
einstimmig: so lieb hätten sie Sie nicht gehabt, wie Sie 
ihnen durch diese Gedichte würden. Stichlings haben mich 
und den Heft oder, vielleicht richtiger, den Heft und mich 
heute Mittag wieder zu sich gebeten. Das lasse ich mir 
gern gefallen und fühle mich dennoch geehrt, denn ich bin 
stolz auf das Vorlesen, wie der Buchhändler auf seine ver- 
legten Werke. 
Weimar 20. September 1820. 

20. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
letztes Schreiben kommt mir abermals sehr zu gute; Sie 
bekämpfen meinen Unglauben: denn der ist es doch, der 
solche Commentare, auch dergleichen mißmuthige Reime 
hervorbringt. Ihrem Kreise sey daher der schönste Dank. 
EigentHch sind es auch nur Männer welche mich zu 
dem verzweifelten Entschluß bewogen haben, mich selbst 
zu commentiren. Deutsche Männer und Frauen mögen 
auf einer Stufe der Kultur stehen, einer sehr hohen. Die 
Frauen jedoch haben den Vortheil, daß sie nicht nach 
außen getrieben und von außen nicht gezwängt sind. Es 
hängt von ihnen ab, wenn sie sich mit ihrem häuslichen 
Kreise abgefunden haben, ganz durchaus ein eignes Selbst 
zu seyn. Wenn nun verstehen heißt, dasjenige, was ein 
anderer ausgesprochen hat, aus sich selbst entwickeln; so 
sind die Frauen, sobald es Innerlichkeiten gilt, immer in 
Vortheil. 

Und so nehmen Sie es gewiß freundlich auf, wenn 
ich das eigentliche Bild welches jenem Gedicht zum Rahmen 
dient, zugleich übersende. 

Eine gute Gelegenheit nicht zu versäumen eile ich 

Jena gehorsamst 

am 25. September /. W. v, Goethe, 

1820. 

5* 



36 Neue Mittheilüngen. 



21. Goethe an Conta. 
Ew. Hochwohlgeb. 

hätte den Mitgenuß von unseres Blumenbachs Gegenwart 
von Herzen gewünscht; Serenissimus haben ihn durch Ihro 
Herüberkunft, durch höchst erfreuliche Abend- und Mittags- 
tafel, eigenes Herumführen in den neusten Anstalten höchlich 
geehrt und erfreut. Mir blieb heute nur noch die Veterinair- 
schule und die Bibliothek. Er hat gar vieles mitgetheilt 
und angeregt, auch manches freundlich aufgenommen und 
empfangen. Daß Herr Geb. Staatsrath Schweitzer an diesen 
guten Stunden Theil nahm, freut mich gar sehr. Unsere 
Herren Professoren haben sich auch in vortheilhaftem Lichte 
gezeigt. 

Haben Sie fernerhin die Güte mich mit den geschriebenen 
Nachrichten bekannt zu machen ; selbst spät gelesen lassen 
sie immer mehr in das Innere blicken als die Zeitungen. 
Mich hier loszulösen ist jetzt das Geschäft. Bey einem 
Aufenthalt von vier bis fünf Monaten knüpft man immer 
mehr Thätigkeitsfaden an als man denkt. 

Möge Ihnen und den werthen Ihrigen alles Gute ge- 
gönnt seyn. 

Jena gehorsamst 

den IG. October Goethe, 

1820. 

22. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 

nehme mir die Freyheit abermals einen unterthänigsten 
Bericht mit Bitte um besiegehe Beförderung hiedurch vor- 
zulegen, mit dem Wunsch daß auch Sie den Inhalt be- 
günstigen mögen. 

Das gnädigste Rescript vom 22. September gelangte 
zu mir am 5. October. Der erste Punkt berührte mich 
nicht, da aus den Landschaftlichen Gassen nichts in die mir 
untergebenen fließt; bey dem zweyten aber könnt ich mich 
der Versuchung nicht enthalten auch etwas vorzuschlagen 
und zu erbitten. Ich wünsche daß man den Gegenstand 
geeignet und die Motive hinreichend finden möge. 



Goethe und Carl Friedrich v. Costa. 37 

Wie ich denn auch diese Sache Ihrer geneigten Mit- 
wirkung empfehle. In Hoffnung persönlicher baldiger Be- 
grüßung 

Jena gehorsamst 

den II. October Goethe. 

1 820, 

23. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeboren 
für die zurückgehenden Papiere zum schönsten dankend, 
nehme abermals Abschied, jedoch nur auf kurze Zeit, zu- 
gleich vermeldend, daß ein Gothaisches gnädigstes Rescript 
bei mir angekommen, völlig übereinstimmend mit den ge- 
thanen Vorschlägen. Sobald mir von hiesiger Seite ein 
gleiches erfolgt, werde auch dieses Geschäft ungesäumt zur 
Ordnung bringen. 

Mich bestens zu fernerem Andenken und Antheil 
empfehlend 
Weimar d. 19. October gehorsamst 

1820. Goethe. 

24. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeboren weiß recht vielen Dank für das 
beschleunigte gnädigste Rescript, wodurch auch diese An- 
gelegenheit, wie die übrigen, reinlich abgethan hinter mir 
lassen kann. Der Termin Michaeli ist ganz der richtige, 
auch habe ich in angehoffter gnädigster Genehmigung den 
guten Baum, den seine Stelle zuletzt äußerst drückte, ab- 
und Comptern antreten lassen. 

Beyliegt abermals ein Güldenapfelscher Bericht, in 
Dupplo copirt. (Sie haben ja wohl die Güte, so wie auch 
Herr von Hoff, daß diese Blätter, ohne besonderen Bericht, 
zu den Acten kommen und gnädigster Aufmerksamkeit 
empfohlen werden.) 

Lächeln möchte man vielleicht, wenn ein Orientalist, 
Literator, Bibliothekar, ins Financiiren übergeht. Eine 
gewisse Originalität kann man ihm jedoch nicht absprechen. 
Sonst gewöhnlich pflegt man das Vermögen zu besteuern, 
er besteuert aber das Unvermögen, und wer weiß wohin 
das führen kann. 



38 Neue Mittheilüngen. 



Daß Sie, mein Theuerster, beytragen, meinen lieben 
Verwandten den Weimarischen Aufenthalt höchst angenehm 
zu machen, ist mir sehr viel werth. Leider, daß ich in dem 
Augenblick, wo diese guten vorzüglichen Personen unter 
uns verweilen, noch immer abwesend seyn muß. Ich halte 
es jedoch für vortheilhaft und für sehr gerathen, den Jena- 
ischen Kelch, der mir dießmal keinesweges bitter schmeckte, 
bis auf den letzten Tropfen auszutrinken. 

Daß Serenissimus den Ankauf des Starkschen Kabinetts 
genehmigen, ist mir ein großer Trost in gegenwärtigen 
Zeiten. Es sind vier bis fünf Folgen (Suiten) darin, die 
in Jena wohl schwerlich wieder zusammenkommen. 

* Jeden Tag wird etwas bey Seite geschafft und hoffe 
bald das Vergnügen zu haben, Sie persönlich zu begrüßen, 
wie es mir dena höchst erfreulich war, am hohen Feste, 
dem Sinn und Geiste nach unter Ihnen zu seyn. 
Jena gehorsamst 

den 27. October /. IV. v. Goethe. 

1820. 

25. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
sende die mir anvertrauten Papiere, freylich etwas spät, 
aber höchlich dankbar zurück; möchten die angefügten 
Lieder meinem Zaudern einigermaßen zur Entschuldigung 
dienen. 

Weimar gehorsamst 

den 16. November /. IV. v. Goethe. 

1820. 

26. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
wünsche recht bald wieder hergestellt zu wissen und darzu 
persönlich freundlichst Glück zu wünschen. Möge sich 
unter den übersendeten Musikalien manches recht an- 
sprechend finden. 

Wegen Dr. Weller kann folgende Auskunft geben: 
als im Jahre 1817 der Oberaufsichtlichen Behörde auch das 
akademische Bibliotheks-Geschäft übertragen wurde, ward 



Goethe ukd Carl Friedrich v. Cokta. 39 

Dr. Weiler mit Zustimmung des Herrn Geh. Raths von 
Voigt sei. bey uns angestellt, sogleich aber zu jener Arbeit 
angewiesen, der er sich denn auch ausschließlich widmete. 
Für das Jahr 181 8 erhielt er eine billige Remuneration, 
worauf denn demselben für das Jahr 1819 und künftig von 
den höchsten Herren Erhaltern die Summe von Zweyhundert 
Thalem als fixe Besoldung gebilligt ward. 

Sollte dieses Verhältniß noch einigem Zweifel einer 
wirklichen Anstellung ausgesetzt seyn, so würde denselben 
gnädigst zu heben, die höchsten Herren Erhalter in meinem 
nächst zu erstattenden Jahresbericht tmterihänigst angehen. 
Diese Angelegenheit so wie alles worauf ich gern noch 
meine Thätigkeit verwende, freundlicher Theilnahme bestens 
empfehlend 
Weimar den 20. November gehorsamst 

1820. Goethe, 

27. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
erlauben, Sie mit einer kleinen Bitte anzugehn. 

Am 17. November habeSerenissimo den Original-Schluss- 
Bericht des Professor Güldenapfel übersendet, damit Höchst- 
dieselben vorläufig mit dem was diesen Sommer geschehen, 
bekannt würden; nun habe ich aber dieses Exhibitum nicht 
wieder zurückerhalten, bitte daher gefällig nachsehen zu 
lassen, ob es vielleicht auf die Geheime Staats-Canzley 
gekommen, und die Rückgabe an mich geneigtest zu be- 
wirken. Eine solche Bemühung dankbar anerkennend 
Weimar den 29. November gehorsamst 

1820. /. IV. V. Goethe. 

28. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
verbinden mich sehr wenn Sie die Mittheilung der aus- 
wärtigen Nachrichten gefällig fortsetzen; erhalt ich sie 
auch etwas später, so sind sie doch immer ein bedeutendes 
Supplement zu den Zeitungsblättern. 

Beyliegendes enthält die Andeutung eines Scherzes 
den man wohl ganz kennen möchte; vielleicht gelingt es 



40 Neue Mittheilungen. 



Ihnen von Wien ein gedrucktes, oder geschriebenes Exem- 
plar davon zu erhalten. 

Glückliche und erfreuliche Feyertage so wie gleichen 
Uebergang ins neue Jahr von Herzen anwünschend 
Weimar den 24. December gehorsamst 

1820. /. ff^. V. Goethe. 

29. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
sey gefällig auf beykommendes Exhibitum einige Auf- 
merksamkeit zu richten; da der Fall ganz einzig ist, so 
wünschte ich Ihre Gesinnung darüber, zu erfahren und er- 
suche Dieselben daher mir nächstens das Vergnügen Ihrer 
Gegenwart auf eine Viertelstunde zu gönnen. 

Mich zu geneigtem Andenken bestens empfehlend 
Weimar den 7. April 1821. gehorsamst 

J. W. V. Goethe. 

30. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
die Munda des Berichts wegen der Güldenapfelschen Caution 
gegenwärtig überreichend, füge die Bitte hinzu eine gütige 
Besorgung und Beförderung zu übernehmen. 

Da der Schluß des Berichts auf rechtliche Gründe 
hindeutet deren ich mich jedoch bescheidentlich enthalten 
habe, so füge das Gutachten unsers Herrn Canzlers in 
doppelter Copie bey, wovon vielleicht eine mit meiner 
schönsten Empfehlung an Herrn von Hoff gesendet werden 
könnte. 

Für die fortgesetzte Mittheilung neuer diplomatischer 
Meldungen danke zum allerschönsten und empfehle mich 
angelegentlichst. 

Weimar gehorsamst 

den 26. April /. W. v. Goethe, 

1821. 

31. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
erhalten, da es etwas schwierig war eine Zeichnung zu 
erlangen, in beykommendem Schächtelchen zwey Abgüsse 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 41 

der neulich vorgezeigten Medaille, um solche nach Paris 
zu senden. Zugleich wäre zu bemerken, daß man zwar 
die Aehren als Hauptverbindung des Kranzes beybehalten, 
statt der Trauben aber Blumen, statt des Weinlaubs Epheu 
wünsche. Unsere Medaille würde etwas kleiner werden. 

Dürft ich um Beyschluß des Briefes an Herrn von Hum- 
boldt bitten? 

Auch darf ich nicht versäumen anzuzeigen, daß ein 
gnädigst gewährendes Rescript von Gotha eingelangt, wes- 
halb Herrn von Hoff den besten Dank für geneigte Mit- 
wirkung abzustatten bitte. 

Weimar gehorsamst 

den 17. May /. W^. v. Goethe. 

1821. 

32. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
sende mit vielem Dank die mitgetheilten Blätter zurück; 
es scheint ohngeachtet so manchen Schwankens, daß wir 
so bald noch keine Kriegsnachrichten zu hoffen oder wenn 
man will zu befürchten haben. 

Sehr ungern vernehme daß Sie nach Ihrer Zurückkunft 
von häuslichen Leiden umgeben worden ; mich hat das 
Unglück von Entfernten, der Tepler, Carlsbader und aller 
dazwischen liegenden schmerzlich getroffen und von einem 
Besuch den ich eben abstatten wollte zurückgehalten. 

Erlauben Sie bey dieser Gelegenheit zu fragen, wo 
sich Af^ (fOhfon, Chargi d* affaires de Sa Majesti le Roi 
de Sutde pris de Sa Majesti le Roi des Pays-Bas aufhält.^ 
Wahrscheinlich in Brüssel, wohin denn auch wohl ein Brief 
allenfalls abzusenden wäre? 

Möge in der Beylage etwas Erfreuliches zu finden 
seyn. In Hoffnung baldigen freundlichen Wiedersehens 
Jena gehorsamst 

den 2. October /. fV, v, Goethe. 

1821. 

33. Conta an Goethe. 

... In meinen Freystunden fahre ich fort, mir aus Ew. 
Excellenz neuestem literarischen Geschenk Genuß zu be- 



42 Neue Mittheilungek. 



reiten. Von hohem Interesse ist der Aufschluß, den Sie 
über das schöne Gedicht »die Harzreise« geben. Wenn 
Ew. Excellenz in solcher Mittheilung' der Anlässe zu Ihren 
Gedichten fortfahren, so bin ich ganz besonders auf die 
Erklärung der »Braut von Corinth« begierig; ein Gedicht, 
das mich immer von neuem wieder anzieht, das ich aber 
doch nie ganz zu verstehen glaube. 

Nach einem so eben entchifFerten Wiener Bulletin will 
der Kaiser Alexander zwar nicht eine förmliche Ver- 
mittelung der alliirten Höfe in den Türkischen Angelegen- 
heiten annehmen, aber doch auch nichts darin beschließen 
ohne deren Einverständniß. Man glaubt noch an die Er- 
haltung des Friedens. 
Weimar lo. Oktober 182 1. 

34. Goethe an Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeboren 

sende den mitgetheilten Probedruck dankbarlichst zurück, 
nach Rücksprache mit Hofr. Meyer das gestern Geäußerte 
wiederholend. Es ist zu wünschen daß der geschickte 
Künstler, der die Ähnlichkeit vorzüglich zu treffen das 
Glück hatte, seine Arbeit an der größern Medaille noch- 
mals prüfe, den Haaren etwas mehr Ausführung und Be- 
deutung gebe, sodann auch die wenige Draperie, mit 
dem Knopf auf der Schulter befestigt, anbringe; es wird 
sodann ein höchst erfreuliches und bedeutendes Kunst- 
werk seyn. 

Mich zu wohlwollendem Andenken bestens empfehlend. 
Weimar d. 24. December 1821. 

35. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
danke zum allerbesten für die Mittheilung der diplomatischen 
Nachrichten, die den Friedensliebenden wohl keinen Zweifel 
mehr übrig lassen, wozu wir uns denn doch am Ende Glück 
zu wünschen haben. 

Daß unser gnädigster Herr glücklich .über den Rhein 
gekommen, macht mir viel Freude, ob ich gleich bedauern 
muß, daß das neue Fuhrwerk die erste Probe so schlecht 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 43 

bestanden. In einigen Tagen werde wieder in Weimar 
seyn und mich zu meiner Reise nach Marienbad bereiten, 
da ich denn wohl hoffen darf, abermals mit Ihnen ange- 
nehme Stunden zuzubringen, besonders wenn uns dießmal 
die Witterung begünstigt. 

Vorstehendes sollte von Jena abgehen, meldet aber 
zugleich meine Ankunft in Weimar die etwas früher er- 
folgt als ich mir vorgenommen. 

Mir fernere geneigte Mittheilungen erbittend 
Weimar gehorsamst 

den 8. Juny /. fV. v, Goethe. 

1822. 

36. Goethe an Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
für neuerlich geneigten Besuch und die hier zurückkehrenden 
Blätter bestens dankend, wollte hiedurch anfragen: ob mir 
nicht die zwey und dreyßig Beylagen zu dem Berichte der 
Maynzer Commission an den hohen Bundestag, worauf 
Serenissimus Höchstselbst mich aufmerksam gemacht, für 
kurze Zeit könnten mitgetheilt werden. Auch diese wie 
so manche andere Gefälligkeit dankbar anerkennend 
Weimar gehorsamst 

den 8. September /. fV. v, Goethe. 

1822. 

37. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
nehme ich mir die Freyheit anzuzeigen, daß der junge 
Doctor Naumann aus Dresden, von seinen mineralogischen 
Reisen und Studien in Schweden, Dänemark und Norwegen 
zurückkommend, mit Empfehlungen der Frau von der Recke 
hier ist und Ew. Excellenz unterthänig aufwarten zu dürfen 
wünscht. Frau von der Recke ersucht mich, dem jungen 
Mann zu diesem Vorzug behülflich zu seyn, und ich wage 
daher, unterthänig anzufragen, ob und zu welcher Stunde 
ich ihn wohl Ew. Excellenz vorstellen darf. Er hat den Vor- 
satz um Erlaubniß zu Privatvorlesungen in Jena» anzuhalten. 
Weimar 22. Januar 1823. 



44 Neue Mittheilüngen. 



38. Goethe an Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeb. 

verzeihen wenn ich den mir zugedachten angenehmen 
Besuch dießmal ablehne ; mich hält eine kleine Indisposition 
bey dieser Kälte im Zimmer, und bitte daher mich auf 
einige Tage zu entschuldigen. Wobey ich aufrichtig ver- 
sichern kann, daß es mir sehr angenehm seyn wird unseren 
Reisenden zu sprechen, ja mich mit ihm länger zu unter- 
halten, da mir eben gegenwärtig nähere Kenntniß von den 
nordischen Gebirgen höchst erwünscht wäre. Erlauben Sie 
daher daß ich nächstens anfrage welche Stunde beyderseits 
gefällig seyn möchte. 
Weimar d. 23. Januar 1823. 

39. Goethe an Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeb. 

haben wohl die Gefälligkeit nach Paris wissen zu lassen: 
daß die beyden Bände meiner Lebensbeschreibung nebst 
einem Briefe des Herrn Aubert de Vitry zu rechter Zeit 
angekommen, leider aber gerade im Augenblick wo ich 
von schwerer Krankheit befallen lag, von der ich mich 
noch nicht ganz erholt habe. 

Sobald ich dieser bedeutenden Arbeit die gehörige 
Aufmerksamkeit widmen kann, verfehle nicht die freund- 
liche Sendung schuldigst zu erwidern. 
Weimar d. 7. Februar 1824. 

40. Goethe an Conta. 

Ew. Wohlgeb. 
für die übernommene Bemühung zum allerbesten dankend 
vermelde nur zu näherer Aufklärung daß die von mir ver- 
mißten Acten Privatacten sind von den Jahren 1803 und 
folgenden, etwa drey bis vier Fascikel; sie sind bey irgend 
einem Anlaß Serenissimo vorgelegt worden und wenn sie 
sich auf Geheimer Staats-Canzley nicht finden, so muß ich 
in meinen ähern Reposituren nachsehen. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 45 

Die Acten auf welche sich Herr von Motz bezieht, sind 
die currenten, welche so eben vor mir liegen. 
Mit wiederholtem Dank 
Weimar gehorsamst 

d. 3. Juny /. W. v. Goethe, 

1825. 

41. Goethe an v. Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
verzeihen der übereilten und sogleich wieder hergestellten 
EntSiegelung eines so eben bey mir eingelangten mit dem 
Couvert durch Siegellack zusammenhängenden Briefes. Ich 
ergreife die Gelegenheit um mich geneigtem Andenken 
bestens zu empfehlen. 
Weimar den 22. Februar gehorsamst 

1826. /. fV, V, Goethe, 

42. V. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
eile ich für ein köstliches Geschenk, welches ich in dem 
gestrigen Packet rückgesendeter diplomatischer Berichte 
gefunden, meinen lebhaftesten unterthänigsten Dank dar- 
zubringen. Diese ewig denkwürdige Medaille wird nebst 
anderen schätzbaren Beweisen von Ew. Excellenz Gewogen- 
heit als ein Denkmal dieser mich ehrenden wohlwollenden 
Gesinnung auf meine Kinder und Kindeskinder übergehen. 
Wenn meine und die allgemeinen Wünsche in Erfüllung 
gehen, so feyern wir noch oft den Tag mit freudigem 
Herzen, den das erhabene Fürstenpaar so würdig als einen 
Tag ihrer Freude der Nachwelt kund thut. 
Weimar 17. December 1826. 

43. v. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
habe ich die Ehre den ersten Band des Hermite de la 
Chaussee d'Antin, welchen Sie mir geneigtest mitgetheih, 
mit dem gehorsamsten Dank zurückzusenden. Bey dem 
Lesen dieses Buches ist mir das Treiben von Paris wieder 



46 Neue Mittheilungen. 



ganz lebhaft vor die Augen getreten; aber obgleich es nur 
4 Jahre später, als mein letzter dortiger Aufenthalt, ge- 
schrieben ist, so bemerke ich doch in den Sitten und Ge- 
bräuchen eine bedeutende Veränderung, und wer dieß Buch 
in der Hand das heutige Paris suchen wollte, würde es wahr- 
scheinlich noch weit mehr verändert finden. 
Weimar 6. September 1827. 

44. Goethe an v. Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 

pm eine kleine Gefälligkeit zu ersuchen veranlaßt mich 
nachgemeldeter Fall. Indem ich mich nämlich, in Gefolg 
Ihrer vorgestrigen Zustimmung zu meinen vorseyenden 
Planen für die Akademische Bibliothek in Jena, einen unter- 
thänigsten Bericht mit Bey lagen des abgeforderten Etats zu 
erstatten anschicke, trifft sich gerade daß das kleine Acten- 
Fascikel, welches meine Berichte und die gnädigsten Re- 
scripte vom Jahre 1827 enthält, wie es leider, bey sonst 
auch guter Ordnung, wohl zu geschehen pflegt, sich irgend- 
wo untergeschoben hat, wo es nicht gleich zu entdecken ist. 

Mein Wunsch wäre daher die dieses Geschäft be- 
treffenden Staats-Canzley -Acten 'mitgetheilt zu erhalten, 
um dessen Erfüllung Ew. Hochwohlgeboren Geneigtheit 
wohl ansprechen darf. 

Mich fernerem freundlichen Andenken bestens em- 
pfehlend 
Weimar den 10. März gehorsamst 

1828. /. IV, V. Goethe, 

45. Goethe an v. Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeb. 

haben die Gefälligkeit dem Überbringer irgend ein Zeug- 
niß mitzugeben, worauf er bey Mad. Günther das bewußte 
Portrait in Empfang nehmen könnte. Das Copiren des- 
selben wird wohl ohne Unstatten zum erwünschten Zwecke 
führen. 

Weimar den 14. März 1828. Hochachtungsvoll 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 47 

46. Goethe an v. Conta. 

Ew. Hocinvohlgeb. 
danke verpflichtet tur gefällige Mittheilung, vorzüglich aber 
für eine diesem Geschäft gegönnte Aufmerksamkeit. In- 
dem ich nun mir vorbehalte nächstens hierüber das Weitere 
zu besprechen, empfehle ich mich bey Zurücksendung der 
Acten und neusten Communicationen zu geneigtem An- 
denken und fernerer Mitwirkung. 

Weimar gehorsamst 

den 3. April /. /F. v. Goethe, 

1828. 

47. V. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
glaube ich keinen Anstand nehmen zu dürfen, einen jungen 
Mann ehrerbietig vorzustellen, der eben sowohl durch seine 
Abkunft von einem viel genannten Vater, als durch seine 
persönliche Liebenswürdigkeit und durch die bedeutenden 
Erfahrungen, welche er auf seiner Reise in den Orient und 
in Aegypten gemacht hat, allgemeines Interesse erregt, und 
den Ew. Excellenz gewiß gern erzählen hören werden. 
Herr Marquis Leon Laborde reist nach Weimar in der 
alleinigen Absicht Ew. Excellenz seine Verehrung zu be- 
zeigen. Er ist hier in Kassel bey seinem Oheim, dem 
französischen Gesandten, Chevalier de Cabre, erzogen und 
in der deutschen Sprache und Literatur wohlbewandert. 
Kassel 17. Oktober 1828. 

48. Goethe an v. Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeb. 

können mir, in diesen kalten und kurzen Tagen, nichts 
Erfreulicheres gewähren, als wenn Sie mich in den Stand 
setzen, von den bisher so ernst und glücklich geführten 
Geschäften näher unterrichtet zu werden. Die Anerken- 
nung Ihrer Verdienste um uns und die Nachbarstaaten, 
welche ich Denenselben bisher im Allgemeinen gewidmet 
habe, würde dadurch auch im Besondern aufgeklärt und 
frisch belebt seyn. 

Weimar d. 28. December 1829. 



48 Neue Mittheilungen. 



49. Goethe an v. Conta. 

[Concept] Ew. Hochwohlgeb. 

die mitgetheilten Bände dankbar zurücksendend, erbitte 
mir die Ehre auf morgen Mittag zu einem frugalen Familien- 
mahle. Ich würde mich freuen einiges Interessante vor- 
zuweisen, so wie denn auch die Tage wichtige Unter- 
haltungen hervorrufen. 
Weimar den 10. August 1830. 

50. V. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
hätte ich mir schon früher die Ehre gegeben, einige Notizen 
von hier aus gehorsamst mitzutheilen, wenn ich nicht durch 
die Furcht zurückgehalten worden wäre, zu früh ein Er- 
eigniß zu berühren, welches Ew. Excellenz so schmerzlich 
getroffen hat. Von meiner innigsten Theilnahme sind Ew. 
Excellenz gewiß überzeugt, sie ist eben hier eine allgemeine, 
und es hat sich auch bey dieser Gelegenheit wieder die 
große Verehrung ausgesprochen, welche die ganze Welt 
Ew. Excellenz zollt. Möge der Anblick Ihrer geistreichen 
Frau Schwiegertochter und Ihrer blühenden hoffnungsvollen 
Enkel Balsam in das verwundete Vaterherz gießen. 

Ew. Excellenz Aufträge habe ich alle pünktlich erfüllt, 
wie Ihnen bereits der Herr Geheime Rath von Müller 
gütigst wird ausgerichtet haben. Der Auktionator Schmidmer 
in Nürnberg hoffte Ew. Excellenz bald ein altes Manuscript 
mit gemalten Anfangsbuchstaben verschaffen zu können; 
er sey auf der Spur eines solchen. Der gute Mann zeigte 
mir triumphirend ein Portrait, das Ew. Excellenz vorstellen 
sollte, von Heideloff gemalt. Es war auch nicht ein Zug 
daran richtig und meine Versicherung, daß ich eher, wen 
er sonst wolle darin erkannt haben würde, als Ew. Excellenz, 
bewog ihn das Bild sogleich wegzuthun. Ich verwies ihn 
auf die Medaille, die er besaß und machte ihm bemerklich, 
daß ja damit jenes Bild in keinem Zuge übereinstimme. . . 

Des Königs erste Frage war nach Ew. Excellenz Be- 
finden, und als ich versichert, daß ich Sie wohl und kräftig 
verlassen und daß Sie mir aufgetragen Sr. Majestät Ihre 
Ehrfurcht zu Füßen zu legen, erwiderte Er heiter und leb- 



Goethe und Carl Friedrich v. Cokta. 49 

haft, Ew. Excellenz müßten hundert Jahre alt werden, und 
wenn es nur möglich wäre, daß Sie einmal nach München 
kommen könnten ! Er wünsche das sehnlich. Dieser Wunsch 
wurde mir oft und von allen Seiten wiederholt. Zu Ew. Ex- 
cellenz wärmsten Verehrern gehört auch der Herr Oberberg- 
rathKleinschrod; er hofft, daß Sie seine letzten Sendungen 
erhalten haben, und will mir interessante Mineralien für 
Sie mitgeben. 

Herr Boisserie d. ä. wird Ew. Excellenz in diesen Tagen 
wieder schreiben und sein Portrait von Cornelius senden. 
Der arme Stieler ist sehr gebeugt durch den Tod seiner Frau ; 
ich habe daher auch sein Atelier noch nicht gesehen. . . Auch 
Schellings wünschen Ew. Excellenz gehorsamst empfohlen 
zu seyn; ich sehe sie oft. 

Die herrlichen Bilder der Boisserieschen Sammlung 
und den übrigen reichen Schatz von Schleißheim habe ich 
bey dem schönsten Licht von der Welt gesehen . . am 
meisten aber zieht die Glyptothek mich an. Ew. Excellenz 
Abguß des knienden Sohns der Niobe ist aber so schön, 
daß das Original wenig Vorzüge hat. Ganz hinreißend 
ist der Medusenkopf und der schlafende Faun. 

Einen Grund- und Aufriß der bey Regensburg zu er- 
bauenden Walhalla habe ich in diesen Tagen gesehen; es 
wird ein Steinabdruck davon heraus kommen. 

Mein Geschäft geht langsam, und unter vier Wochen 

kann ich kaum wieder in Weimar seyn ; mündHch hoffe ich 

dann die Ehre zu haben, Ew. Excellenz manche interessante 

Mittheilung zu machen; es ist ein ganz eignes Wesen hier. 

[München, Ende 1830.] 

51. V. Conta an Goethe. 

Ew. Excellenz 
die lebhafteste Freude über Ihre gänzliche Wiederherstellung 
von einem nicht unbedeutenden Übel darzulegen bin ich 
doppelt und dreyfach aufgefordert. Außer dem nämlich, 
daß mein eignes Gefühl und die Stimme der hiesigen un- 
zähligen Verehrer mich dazu drängt, bin ich auch von 
Sr. Majestät dem Könige ausdrückUch ersucht worden, 
Ew. Excellenz Seine aufrichtigen Glückwünsche auszu- 

Goetme-Jahrbucb XXII. 4 



50 Neue Mittheilüngen. 



drücken. Se. Majestät fügte hinzu: nun hoffe er, daß 
Ew. Excellenz Hundert Jahre alt werden würden. 

Sollten Ew. Excellenz es für angemessen halten, mir 
einige Worte der Erwiderung auf diese Aufmerksamkeit 
des Königs zukommen zu lassen, so habe ich Gelegenheit, 
sie unter die Augen Sr. Majestät zu bringen. 

Meine Verhandlungen beschäftigen mich jetzt so sehr, 
daß ich, zumal bey den kurzen Tagen, die Besuche in den 
Kunstsammlungen ganz habe einstellen müssen. Mit Ver- 
gnügen aber würde ich Aufträge besorgen, welche Ew. 
Excellenz mir möchten zukommen lassen. Mit großem Inter- 
esse hat Herr Oberbergrath Kleinschrod Ihre Beurtheilung 
des Streits zwischen Cuvier und Geoffroy gelesen. Eine 
leidenschaftUche Verehrerin haben Ew. Excellenz auch in 
der geistreichen ältesten Tochter des Preußischen Ge- 
sandten von Küster. Die Nachrichten von Ihrem Übel- 
befinden hatten sie wahrhaft niedergebeugt; Boisseree er- 
kundigte sich täglich bey mir. 
München 13. December 1830. 

52. Goethe an v. Conta. 

Wenn ich, in bedenklichen Augenblicken, die. mich 
von dem Erdkreis abzurufen schienen, nochmals auf dem- 
selben meine Gedanken und Erinnerungen umher schweifen 
ließ, mußte ich nothwendig auf den Hauptpunkten länger 
verweilen, wo ich von edler Theilnahme verehrter Gönner 
und geliebter Freunde mich gewiß fühlen konnte. Daß 
ich alsdann in dem Bezirk von München vorzüglich fest- 
gehalten ward, darf ich nicht erst versichern, indem ich 
jenen erheiternden Trost an einem Orte fand, wo so große 
und würdige Unternehmungen und Einleitungen fortdauernd 
wirksames Leben bethätigen. 

Ew. Hochwohlgeb. versichern mich nun eines solchen 
entschiedenen Antheils durch ein geneigtes Schreiben, und 
ich darf wohl dagegen den Wunsch äußern, Ihro Majestät 
dem Könige betheuert zu wissen, daß Allerhöchst Ihro 
Gunst und Gnade mir auch da vorleuchtete, wo die Sonne 
des Lebenstages für mich unterzugehen schien. 

Die Dauer dieser höchsten Gesinnungen wird mich 



GOETHB UND CaRL FRIEDRICH V. CoNTA. JI 

über die mir noch vergönnten Stunden hinaus begleiten 
und mich vor der Vergänglichkeit sichern, da mein Daseyn 
in der Erinnerung eines solchen Geistes fortgeführt zu 
werden das Glück hat. 

Wenn meine neuesten öflFentlichen Bemühungen in der 
wissenschaftlichen Region den Beifall eines einsichtigen 
Mannes erhalten haben, so will ich gern gestehen, daß ich 
mir noch einiges Leben wünsche, weil ich gerade in diesem 
Augenblick, nach manchen Seiten hin, mich nützlich zu 
erweisen hoflen dürfte. 

Auch die Versicherung daß eine schöne Frauenseele 
meine Arbeiten mit ihren Gesinnungen und Ueberzeugungen 
harmonisch gefunden, dient mir zu inniger Beruhigung; 
indem dadurch mir die Sicherheit gegeben wird, meine 
Absicht sey erreicht, die ich von je her gehegt: dasjenige 
darzustellen und zu fixiren, was die Frauen von edlen An- 
lagen, unter jeden Bedingungen, in und an sich selbst aus- 
zubilden wünschen und trachten. 

Haben Ew. Hochwohlgeb. ja die Güte, mich den ver- 
ehrten und werthen Gönnern und Freunden in München 
dankbarlichst zu empfehlen. 

Alle und jede Sendungen sind mir lieb und werth, 
besonders wenn sie mir die erfreulichen Zustände gleich- 
zeitiger Kunst vor Augen bringen, und wenn es mir ganz 
unmöglich fällt einzeln meine Ansichten und Ueberzeugungen 
auszusprechen, so bleibt es mir doch das Wünschens- 
wertheste, man möge selbst mein Schweigen als eine reine 
Anerkennung des Vorzüglichsten geneigtest auslegen. 
Manches vorbehaltlich 
Dankbar vertrauend 

Weimar, Ew. Hochwohlgeb. 

den 28. December ganz gehorsamster Diener 

i8?o. J. W. V. Goethe. 

Das Concept im Goethe-Archiv enthält noch folgenden, 
nicht ausgestrichenen Schlußsatz: 

Zum Beweis, daß mit dem Leben auch Lust und Neigung 
zu Natur und Wissen sogleich zurückkehren, möchte ich 
die bittende Frage hinzufügen: ob nicht ,Herr Bergrath 

4* 



52 Neue Mittheilüngen. 



Kleinschrod mir einen solchen Hippuriten, wie sie bey jener 
Versammlung der Naturforscher in München zur Sprache 
gekommen und vorgezeigt worden, verschaffen könnte? 
Ich würde denselben mit besonderm Vergnügen der vor- 
züglichen Sammlung von Fossilien, welche bey mir verwahrt 
sind, dankbar einverleiben. 

53. Goethe an v. Conta. 

Concept ] Ew., Hoch wohlgeb. 

loffe meinen verpflichteten Dank für die höchstbedeutende 

Mittheilung bald mündlich abzustatten. 

Der ich, mit Rücksendung des Heftes sowohl als der 
lithographirten Blätter, die Ehre habe mich unausgesetzt 
zu nennen 
Weimar den 5. May 183 1. 

34. Goethe an v. Conta. 

Ew. Hochwohlgeb. 
muß dringend um die Gefälligkeit ersuchen das Heft noch- 
mals genau durchzugehen; denn ich glaube mich für ge- 
wiß zu erinnern, daß ich jenes Schreiben, sobald ich es 
gelesen, gleich wieder in das Packet gesteckt, und zwar 
zwischen die Blätter, nicht an den Anfang oder ans Ende 
wo es hingehörte. Auch ist das Ganze nicht von der 
Stelle gekommen wo ich es gelesen; hier hab' ich alles 
sorgfältig durchsucht und nichts gefunden. 

Möge durch diese Andeutung die Sache sich aufklären. 
Mit diesem Wunsche mich unter:^eichnend 
Weimar Hochachtungvoll 

den 5. May gehorsamst 

183 1. J. fV.v, Goethe. 

Zu den Männern im höheren Weimarischen Staatsdienste, 
deren Beziehungen zu Goethe sich aus einem anftlnglich nur 
geschäftlichen Verkehr heraus zu freundschaftlichem Umgange 
ausgestaltet haben, gesellt sich in den hier mitgetheilten Ur- 
kunden der nachmalige Großherzoglich Sächsische Landes- 
Direktions-Präsident Carl Friedrich Anton von Conta auf 
Ballstädt, ein vielseitig bewährter Mann, der, wie ihn Thatkraft 
und Gewandtheit zu den höchsten Stellen des Weimarer Be- 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 53 



amtenthums emporhoben, auch in dem engeren CirkelGoethischer 
Interessen vom Gehülfen bei amtlicher Thätigkeit zu will- 
kommenem Freunde aufstieg und dank einer umfassenden 
Bildung seine fördernde Betheiligung innerhalb der Geschäfts- 
führung Goethes durch gern gewährte Gemeinschaft auf wissen- 
schaftlichem und künstlerischem Gebiete belohnt sehen durfte. 
Als Sprößling eines aus dem Mailändischen nach Südfrankreich 
gewanderten Geschlechtes, das, durch die Hugenottenverfolgung 
vertrieben, bei der Uebersiedelung auf deutschen Boden den 
Adel abgelegt hatte, wurde Conta am 13. December 1778 zu 
Erfurt geboren als ältester Sohn jenes Christian Erdmann Conta, 
den Goethe im September 1776 als Weimarischen Obergeleits- 
mann* so nachdrücklich gegen die Uebergriffe eines verab- 
schiedeten Nebenbuhlers geschützt hatte. Nach 3 Vt jährigen 
juristischen Studien in Erfurt und Jena suchte er auf langen 
Reisen in Deutschland und Frankreich seine Fachbildung zu 
einer universellen zu erweitern ; in Paris besuchte er die Vor- 
lesungen der l^cole polytechnique und verwerthete seine hier 
gewonnenen technischen Kenntnisse in einem Werke über 
»Grundlinien der bürgerlichen Baukunst Halle i8o6a. So konnte 
er, nachdem er im Jahre 1805 als Hof-Kommissions-Sekretär 
angestellt worden war, kurze Zeit darauf die Verwaltung der 
Militärbibliothek und Landkartensammlung Karl Augusts über- 
nehmen, in welcher Stellung er sich dem Herzog so vortheilhaft 
empfahl, daß dieser ihn auf den bevorstehenden Feldzug gegen 
Napoleon in seinem Gefolge mitzuftthren gedachte. Aber die 
Schlacht bei Austerlitz ließ solche Kriegspläne schnell zur Ruhe 
kommen, und Conta wurde mit der Vertretung des Gouverneurs 
des Prinzen Bernhard (zweiten Sohnes Karl Augusts) in Dresden 
beauftragt, bis er, im September 1806, aufs Neue als Begleiter 
des Herzogs ins Feld gerufen wurde, freilich nur, um bald 
nach seiner Ankunft in Weimar sich durch die verhängnisvolle 
Niederlage bei Jena von der Armee Karl Augusts völlig ab- 
geschnitten zu sehen. 

Seine Fähigkeiten sollten in anderer Weise dem hart 
bedrängten Herzog zu Gute kommen; denn in den verwickelten 
Verhandlungen mit den feindlichen Militärbehörden bewies 
Conta sich auf Grund seiner Kenntnisse französischen Wesens als 
trefflichen Gehülfen Müllers. Damals auch ist der junge Diplomat 
mit Goethe bekannt geworden, in den Räumen der Johanna 
Schopenhauer, und es war wohl seine Schwester, jene anmuthige 
sechzehnjährige Conta, die als Freundin Adelens zugegen war, 
als Goethe am 25. December 1806 mit dieser die harmlos- 
neckischen Spiele trieb, wovon die Schopenhauer ihrem Sohne 



* Später Großherzogl. Sachs. Hofrath und Chef des Thüringischen 
Hauptgeleits. »Rath« Conta kommt in Goethes Tagebüchern öfters vor. 



54 Neue Mittheilungen. 



berichtet hat. (Biedermann: Goethes Gespräche II 147). Aber 
der Verkehr kann damals nur erst in flüchtigeren Begegnungen 
bestanden haben; denn schon im December desselben Jahres 
ging Conta als Legationssekretär mit dem damaligen Geh. 
Regierungsrath Müller in diplomatischer Sendung nach War- 
schau, nach seiner Rückkehr sodann als Rath und Geheimer 
Sekretär nach Wien, wo er die Geschäftsführung an Stelle des 
preussischen Legationsrathes von Piquot übernahm mit der 
Erlaubniß unmittelbarer Berichterstattung an den Herzog^ 

Nach dem Tilsiter Frieden sah sich Conta im September 
1807 genöthigt, Wien mit Paris zu vertauschen ; nach kurzer 
Thätigkeit daselbst als Gesandtschaftssekretär unter der Leitung 
von Wolzogens kam er im folgenden Jahre nach Weimar 
zurück, um ein Amt in der Geheimen Kanzlei zu übernehmen. 
Das Jahr 181 2 brachte ihm Sitz und Stimme in dem damaligen 
Landes-Polizei-Kollegium, der December 181 5 bei der Organi- 
sation des Großherzoglichen Staatsministeriums die Stellung 
eines Geheimen Referendars und den Titel Legationsrath. In 
den Tagebüchern Goethes wird seiner während dieser Zeit 
nur selten Erwähnung gethan ; 1814 erscheint er unter den 
Neujahrsgratulanten. 

Die Neugestaltung, der alle öffentlichen Zustände des 
kleinen Staates nach den Stürmen der verwirrenden Kriegs- 
jahre unterzogen wurden, hatte sich nicht zum wenigsten auf 
das wichtige Institut der Universität zu erstrecken, die in 
allen ihren Theilen einer Erfüllung mit frischem Leben, einer 
gründlichen Erhebung dringend bedürftig war. Conta erhielt 
somit den Auftrag, mit Gotha über eine erhöhte Dotation 
für Jena zu verhandeln ; ein dahin zielender Staatsvertrag 
kam Februar 181 7 durch ihn zu Stande, in dem zugleich die 
künftige Leitung der akademischen Angelegenheiten bestimmte 
Formen erhielt. Von Gotha wie von Weimar sollten Immediat- 
kommissarien bestellt werden, mit der Verpflichtung, alle halben 
Jahre gleichzeitig mehrere Wochen hindurch in persönlichem 
Meinungsaustausch mit den Organen der Hochschule nach 
dem Rechten zu sehen, in Berathungen mit dem Senat Miß- 
stände zu beseitigen und Verbesserungen anzubahnen. Von 
Weimar aus wurde Conta mit diesem verantwortungsvollen 
Amte betraut, der Gothaische Vertreter war der Geh. Assistenz- 
rath Karl Ernst Adolf von Hoff. So traf sich Conta mit 
Goethe auf dessen eigenstem Gebiete. Denn seitdem sich 
Goethe mit Voigt in die (1809 gestiftete) »Oberaufsicht über 
die unmittelbaren Anstalten für Wissenschaft und Kunst« 
theilte (Vogel: Goethe in amtlichen Verhältnissen S. 6), hatte 
er mit unermüdlichem Eifer die verschiedenen Kabinette natur- 



' Brief I. 2. 3. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 55 

wissenschaftlichen Charakters der Universität Jena gehütet, 
gestützt, gefördert. Ein reger Verkehr that sich nunmehr 
hervor, ein treuliches Miteinanderarbeiten, von dem zahl- 
reiche Tagebuchnotizen Kunde geben (181 7: 2. Januar, 7.,* 9., 
10. April, 12., 19. Mai, 23. Oktober, 2., 26., 27., 28. November, 
10., II., 12. December). In diese Zeit ^Ut denn auch der 
erste Brief, mit dem sich Conta seit jenen Wiener Schreiben 
wiederum an Goethe wandte ; er ist nach Jena gerichtet, einige 
wenige Begleitworte vom 22. April 181 7 zu einem von Berlin 
aus für Goethe bestimmten Packete, wobei Conta die Ge- 
legenheit ergreift, sich aufs Neue »zu gnädigem Wohlwollen« 
zu empfehlen. 

Was Contas Thätigkeit angeht, so nahm er zunächst för- 
dernden Antheil an den Verhandlungen über die Verleihung 
höherer Titel an die beiden Jenenser Voigt, Vater und Sohn. * 
Vor allen Dingen aber handelte es sich um eine Regelung 
der rechtlichen Verhältnisse der Universität, um die Prüfung 
ihrer alten und den Entwurf von neuen Satzungen. »Man 
untemahma, so berichtet Goethe in den Tag- und Jahres- 
heften 181 8 (Werke I 36, 140), »die älteren Statuten der 
neuen 2^it gemäss einzurichten, und auch ich, in so fern die 
unmittelbaren Anstalten mit der Akademie sich berührten, 
hatte das Mein ige durch diensame Vorschläge beigetragen.« 
Die Kommissarien erwiesen sich als brauchbare Helfer, so 
daß Goethe an Voigt rühmend melden konnte (Jahn S. 363 ; 
vergL auch 379): »Die Herren Conta und von Hoff gehen 
bedächtig zu Werke, sorgfältig aufmerkend. Ich habe ihnen 
meine Ueberzeugungen gesagt, mit dem Ersuchen mir gleich- 
falls zu vertrauen wenn sie es anders finden.« 

Zu solchen Arbeiten brachte das letzte Drittel des Jahres 
eine neue, weit schwierigere, die dir lange Zeit die besten 
Kräfte Goethes in Anspruch nehmen sollte: die Neugestaltung 
der akademischen Bibliothek. ' Schon oft war die unwürdige 
chaotische Verwirrung, worin sich dieses wichtigste Institut 
einer Universität befand, sein »bis zur Verzweiflung krank- 
hafter Zustand« Gegenstand ernstlicher Bedenken der fürst- 
lichen Erhalter gewesen, aber Goethe hatte sich bisher jedem 
Ansinnen, hier Wandel zu schaffen, zu entziehen gewußt. 
Es war ihm deutlich, mit welchen Schwierigkeiten er zu 
kämpfen haben würde, und sie sind auch nicht ausgeblieben, 

■ An diesem Tage überbrachte Conta die Kupferlasuren, deren 
glückliche Ankunft Goethe in dem Briefe vom 10. April 1817 Voigt 
meldete (Jahn S. 365). 

* Vergl. den Brief an Voigt vom 16. Mai 181 7 (Jahn 368 f.). 

5 Vogel S. 67 ff., Tag- und Jahreshefte 1817 (Werke I 36 S. 1 16 ff.); 
vergleiche auch Düntzer: »Goethe und die Bibliotheken zu Weimar und 
Jena« im Centralbl. für Bibliotheks- Wesen 1884, Heft 3. 



5 6 Neue Mittheilungen. 



seitdem er auf einen direkten Befehl vom 7. Oktober 181 7 
hin sich mit dem mühseligen Geschäfte hatte beladen müssen. 
Es galt namentlich das Uebelwollen der akademischen Kreise 
zu überwinden, den offenen Widerstand der Fakultäten zu 
brechen, in deren Rechte und Besitzthümer mit rücksichts- 
loser Hand einzugreifen war. Da war es denn die Immediat- 
Kommission, von der thatkräftige Unterstützung ausging. 
Und so kann Goethe nicht umhin, in seinem Berichte an die 
höchsten Behörden vom 15. Januar 181 8 der Arbeit Contas 
und von Hoffs dankbar zu gedenken (Vogel S. 88 (f.). Die 
Concepte seiner Berichte theilt Goethe von jetzt ab dem 
Weimarer Gehulfen mit, um von ihm die Angabe neuer Ge- 
sichtspunkte zur Einfügung zu empfangen, seine Referate an 
die Nutritoren werden jenem zur Weiterbeförderung über- 
geben. 

(Das weitere Biographische im Verlauf der Anmerkungen.) 

1. Nach Karlsbad gerichtet, wo sich Goethe seit dem 
28. Mai befand. — Gottfried Wenzel, Graf von Purgstall 
(1773 — 181 2) hatte 1793 bei Reinhold in Jena Kantische 
Philosophie studirt. Im September 1797 war er mit seiner 
Gemahlin, von England kommend, mit Goethe in Stäfa zu- 
sammengetroffen. — Moritz Graf von Fries war 1794 — 1797 
Student der Rechte in Leipzig gewesen, Goethes Jugendfreund 
Lerse diente ihm als Hofmeister. Oktober 1798 schickte 
Fries ungarische Mineralien, am 30. November erschien er 
selbst mit seinem Begleiter bei Goethe. 

2. Von Briefen Goethes an Conta befinden sich 27 in 
Contaschem Familienbesitz, einer (Nr. 52) freilich nur in be- 
glaubigter Abschrift; auch von diesen sind die Concepte der 
meisten unter den »Abgesendeten Briefen« erhalten. — Tage- 
buch 1807 vom 30. Juni. — Bettina hatte sich zum ersten 
Mal am 23. Mai 1807 in Weimar vorgestellt. 

3. Nach Karlsbad. — Friedrich Wilh. Jul. Ziegler 
(1759—1827), Schauspieler am Wiener Hof-Nation altheater, 
dem späteren Burgtheater, ein vielschreibender Verfasser sehr 
beliebter Bühnenstücke, die von ihrem Verleger unterm 
18. März 1800 auch dem Weimarer Theater im Manuscript 
angeboten worden waren. — Karl Krüger (1765—1828), der 
vortreffliche Schauspieler und schlechte Direktor, hatte (zum 
zweitenmale) am 12. Mai 1791 in W*eimar debutirt und der 
dortigen Bühne bis 1793 angehört. — Friedrich Haide (gest. 
1832), der Anfang 1807 aus dem Verband des Weimarer 
Theaters ausgeschieden war, kehrte wirklich wieder dorthin 
zurück, wo er am 12. März 1808 zum ersten Male auftrat. — 
Von Graf Purgstall selbst muß Goethe auch eine Einladung 
erhalten haben ; er verzeichnet im Tagebuch am 24. Juli : 
»Abermalige Einladung nach Wien«, und schrieb an seine 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 57 

Frau (27. Juli): »Graf Purgstall, ein alter Bekannter von Jena 
und aus der Schweiz her, hat mir sein Haus offerirt, da er sich 
den Sommer auf dem Lande aufhält, und was dergleichen An- 
träge mehr sind.« — Gunda von Savigny traf Anfang November 
mit ihrem Gatten in Weimar ein. 

4. Vorher geht ein Brief Goethes an Conta am 27. No- 
vember 181 7 in Bibliothekangelegenheiten, der sich bei 
Strehlke, Goethes Briefe II 458, mit unzutreffender Verrauthung 
über den Adressaten abgedruckt findet. Am 12. December 
hatte Goethe sodann ebenfalls in Sachen der Bibliothek ein 
Promemoria an Conta abgehen lassen — das Begleitschreiben, 
datirt vom 13. December, bei Strehlke S. 460 — , dem der 
Entwurf der neuen Statuten beigelegt war, und Conta hatte 
nicht verfehlt, in seiner Antwort vom 16. December die 
eifrige Besorgung der aufgetragenen Geschäfte nach Jena 
zu melden. Eingeschlossen war ein vertraulicher Brief Hoffs 
in Sachen des Malers Jakob Mich. Chr. Roux, den Goethe 
als Leiter der projektirten Kunstschule in Jena ins Auge ge- 
faßt hatte (Tagebuch vom 12. November: »Herrn Staats- 
minister von Voigt Acten und Bericht, Dr. Roux Anstellung 
betreffend«). Hoffs Brief war offenbar ablehnenden Inhalts, 
Conta bemerkte dazu: »Es sollte mir sehr leid thun, wenn 
der Plan mit Roux unterbleiben mtlßte.« Er unterblieb that- 
sächlich ; denn als zwei Jahre später die Genehmigung zu 
der Neuschöpfung eintraf, siedelte Roux nach Heidelberg über. 

Die Tagebuchnotizen des folgenden Jahres 18 18 (6. Februar, 
15. Juli, 4., 6., 19., 29. Oktober) lassen namentlich erkennen, 
wie weit Conta an den Bemühungen betheiligt war, den Biblio- 
thekar Professor Georg Gottlob Güldenapfel (1776— 1826), der 
seit 1810 die Stelle eines zweiten Bibliothekars bekleidete, von 
seinem Verhältniß als Gehülfe der Redaktion der Allgem. 
Litteraturzeitung loszulösen, damit seine ganze Thätigkeit für 
das Bibliothekgeschäft gewonnen werde.' Ein Brief Goethes 
an Conta, den das Tagebuch vom 29. Oktober verzeichnet, 
ist nicht erhalten. 

So schien sich durch die Bemühungen zahlreicher Kräfte 
die Universität in all ihren Zweigen zu heben, als durch die 
Ermordung Kotzebues ihrem Aufblühen ein neues, unheil- 
volles Hinderniß bereitet zu sein schien. Karl August mußte 
mit Recht von den freiheitfeindlichen Umtrieben im Reiche 
das Schlimmste für seine Hochschule erwarten, und Conta, 
der inzwischen den Titel eines Geheimen Legationsrathes 
erhalten, wurde im Frühjahr 18 19 mit einer Sendung an die 
Höfe von Baden und Hessen betraut, wo er sich fUr die thüring- 
ische Akademie verwenden sollte. Trotz dieses neuen Amtes 



Goethe an Voigt bei Jahn S. 392, 411, 41 j. 



5 8 Neue Mittheilungen. 



erfuhren seine Kommissariatgeschäfte keine Unterbrechung, 
und was das Tagebuch Goethes in zerstreuten Aufzeichnungen 
(21., 24., 25., 26. Februar, 7., 22. Mai, 4. Juli) vermerkt, fassen 
die Tag- und Jahres-Hefte in der Notiz zusammen: »Die 
Weimar- und Gothaischen Regierungsbevollmächtigten von 
Conta und von Hoff sprachen gleichfalls wegen akademischer 
Besorgnisse bei mir ein« (Werke I 36 S. 152), Was bis dahin 
geleistet worden, lehrt Goethes Bericht vom i. December 
(bei Vogel S. 90 ff.). 

In den traurigen Zeiten innerer Zwistigkeit, in denen 
das Streben nach deutscher Einheit mit der Beschränktheit 
einer verknöcherten Staatskunst zu kämpfen hatte, that Conta 
als gewissenhafter Diener eines national gesinnten Fürsten 
an seinem bescheidenen Platze redlich das Seine, eine innigere 
Zusammenfassung der getrennten Staaten anzubahnen. Er 
nahm Theil an den Verhandlungen des Frankfurter Bundes- 
tages, er war thätig in den Vorarbeiten zur Gründung eines 
thüringischen Zoll Verbandes, den Karl August plante (Düntzer: 
Goethe und Karl August, zweite Auflage, S. 782, 810, 815), 
zu welchem Zwecke er in den Jahren 1820— 1823 an ver- 
schiedenen Orten mit den Bevollmächtigten der Nachbar- 
staaten mancherlei Berathungen zu pflegen hatte. Und wie 
er im Vertrauen seines Großherzogs wuchs, so gewann er 
auch mehr und mehr die Freundschaft Goethes. Er war be- 
stimmt, die Lücke, die der Tod Voigts in Goethes Leben 
gerissen, ausfüllen zu helfen. Ein zweiwöchentliches Zu- 
sammensein in Karlsbad vom 13. — 28. Mai 1820 brachte beide 
Männer in nahe Berührung. In fast täglichem Verkehr (Tage- 
buch 1820: 13. — 15., 18., 19., 21.— 27. Mai) lernte Goethe seinen 
Arbeitsgenossen auch als Menschen und vielseitig gebildeten 
Naturfreund schätzen, der ihm in seinen geologischen Be- 
strebungen so sehr begegnete, daß der Dichter es nicht ver- 
schmähte, selbst für den wissensdurstigen Neuling eine Stein- 
sammlung zusammen zu stellen. »Legationsrath Conta nimmt 
einsichtigen Theil an den geognostischen Excursionen« heißt 
es dem entsprechend in den Tag- und Jahres-Heften (I 36 
S. 181). 

5. Begegnungen mit Gottfried Hermann, dem berühmten 
Philologen (1772— 1848), professor poeseos et eloquentiae in 
Leipzig, verzeichnet das Tagebuch mehrfach vom 20. Mai 
ab. — Houwalds Trauerspiel »Der Leuchtthurm« war am 24. April 
1820 in Dresden aufgeführt worden. Im Druck erschien es 
erst 1821 bei Göschen. — Müllners »Albaneserina erschien 
1820 bei Cotta als Taschenbuch für 1821. — Heinrich Cuno, 
ein früherer Schauspieler, unterhielt in Karlsbad eine Buch- 
handlung und Leihbibliothek. Er verfaßte zahlreiche Lust- und 
Trauerspiele, von denen das bekannteste »Die Räuber auf 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 59 

Maria Culmcc ist. Sein Trauerspiel »Das Diadem oder die 
Ruifien von Engelhaus« erschien Karlsbad 1821. Goethe 
schrieb ihm ins Stammbuch das Gedicht: »Heuer, als der Mai, 
beflügelt,« (Weim. Ausg. I, 4, 254). — »Die bürgerlichen 
Brüder, oder die Frau aus Krems. Ein bürgerliches Familien- 
gemählde in 5 Akten« von Emanuel Schikaneder (175 1 — 181 2) 
war schon 1797 zur Aufführung gelangt. 

6. Conta als Diplomat hatte nach seiner Rückkehr von 
Karlsbad Gelegenheit gefunden, sich dem Dichter in will- 
kommener Weise nützlich zu bezeigen. Mancherlei Schrift- 
stücke und Akten gelangten, nachdem der Großherzog und 
sein Staatsminister Einsicht genommen hatten, durch Contas 
Vermittelung auch zur Kenntniß Goethes, der in ihnen die 
Unterströmungen der politischen Welt deutlicher als in den 
Tagesblättem verfolgen konnte und hier sein dichterisches 
Bedürfniß nach genauerer Motivirung der Welthändel befriedigt 
fand. — Goethe war damals mit der Abfassung des Haupt- 
bibliothekberichtes. beschäftigt. — Tagebuch 1820: 16. Juni, 
2., 12., 16. Juli, 4., 7. August. 

8. Mit diplomatischen Bulletins. 

9. Die verwittwete Frau Rentsekretär Eckhardt aus Jena 
wollte ihre Tochter Emilie, die sich mit dem Professor Joseph 
von Gödör in Raab zu verheirathen gedachte, in deren 
eigenen neuzugründenden Hausstand nach Ungarn begleiten 
und bat um die Auszahlung einer Pension dorthin ohne den 
üblichen Procentabzug.' — Am 16. August war Staatsrath 
Schultz, begleitet von den Bildhauern Tieck, Rauch und 
Schinkel, in Jena eingetroffen. — Ein Schreiben Contas vom 
23. August giebt günstigen Entscheid auf das Eckhardtische 
Gesuch, ein weiteres vom 25. war Begleitbrief zu neuen gesandt- 
schaftlichen Berichten. 

11. Contas Gemahlin Friederike (geb. 5. April 1785) war 
eine Tochter des Kaufherrn Weiss aus Langensalza, eine Enkelin 
des Weimarischen Geheimrathes und Kammer- Präsidenten 
Johann Christoph Schmidt, der seit 1786 Goethe in der 
Kriegskommission vertreten hatte, und damit Großnichte von 
Klopstocks »Fanny« und Nichte jener Caroline Schmidt, der 
Schiller 1787 den Hof gemacht. Sie starb 16. August 1842. 

12. Güldenapfel hatte einen Entwurf ausgearbeitet, wie 
der Bibliothekkasse, mit der es nicht immer zum Besten bestellt 
war, aufzuhelfen sei. Goethe verfaßte für die fürstlichen 
Nutritoren je einen Bericht darüber, die er beide an Conta zur 
Weiterbeförderung übersandte. (Tagebuch vom i. September.) 



* In der auf Conta bezüglichen Ta^ebuchnotiz vom 22. August 
muß demgemäß der Schreibfehler »Ebertische Bittschreibena in »fick- 
hardtische« geändert werden. 



6o Neue Mittheilungen. 



Andere geschäftliche Papiere waren beigelegt, aber auch die 
am Schlüsse des letzten Briefes in Aussicht gestellte poetische 
Gabe, die ersten Aushängebogen von des zweiten Bandes 
drittem Hefte »Kunst und Alterthum«, die, wie eine dem 
Fascikel »Abgesendete Briefe 1821« vorgeheftete Notiz lehrt, 
außer Conta nur noch Karl August erhielt. — Des Mechanikus 
Schmidt gedenkt Goethe schon in dem Aufsatze : »Ueber die 
verschiedenen Zweige der hiesigen Thätigkeit« von 1795. 
G.-J. XIV, 14. — Der Passus von »man publicire« bis »modi- 
ficiren« findet sich bei Vogel S. 59 citirt. — Am 22. August 
waren Abgesandte der Universität bei Goethe erschienen, ihn 
zu einem auf der »Rose« abzuhaltenden Festmahle einzuladen. 

13. Die »Ballade«: »Herein, o du Guter! Du Alter herein I« 
eröffnete das neue Heft von »Kunst und Alterthum«. 

14. Ueber Johann Gottlob David Compter siehe Chronik 
des Wiener Goethe -Vereins XII Nr. 9. 

15. Mit diplomatischen Berichten. — Des zweiten Bandes 
drittes Heft von »Kunst und Alterthum« enthielt auf S. 81—96 
die »Zahmen Xenien« (Weim. Ausg. I, 3, 229—244) und auf 
S. 66 — 78 »Urworte Orphisch« (I, 3, 95) mit eingehendem 
Kommentar. — Theodore Luise, die einzige Tochter Herders, 
hatte den Kammerrath Carl VVilh. Constantin Stichling ge- 
heirathet. — Houwalds Trauerspiel »Das Bild«, 18 18 und 1819 
entstanden, war am 3. Januar 1820 bereits in Dresden zur 
Auffuhrung gelangt. Goethe erwähnt seiner im Tagebuch am 
17. April 1820, sein hartes Urtheil darüber findet sich in den 
Tag- und Jahresheften 1820 S. 175. 

17. Am 7. September hatte eine Sonnenfinsterniß stattge- 
funden, zu deren Beobachtung Karl August nach Jena ge- 
kommen war. Vergleiche die Aufzeichnung des Tagebuches 
und Tag- und Jahreshefte 1820 S. 153. — Seinem Briefe vom 
8. September wollte Conta einen Brief des Grafen Karl Leop. 
von Beust (1780 — 1849, damals Gesandter der thüringischen 
Herzogthümer am Bundestage) voll pessimistischer Betrach- 
tungen über die Weltlage beifügen, was er zu thun vergaß ; er 
holte das Versäumte nach in einer Sendung vom 10. September. 

18. Das Mainzer Angebinde bestand aus mehreren Exem- 
plaren eines Steindrucks, eine gothische Kapelle darstellend, 
mit einem Huldigungsgedicht übersandt von dem Professor 
und Bibliothekar Lehn^; es war am 18. September bei Goethe 
eingetroffen (Tag- und Jahreshefte 1820 S. 169; ein Dank- 
schreiben findet sich unter den Abgesend. Briefen 1820, 251). 
Conta erhielt vorläufig nur das Gedicht zur Kenntnißnahme, 
der Kanzler von Müller, ebenfalls am 19., beides, Bild und 
Gedicht. — Emilie Eckhardt hatte sich selbst am 18. September 
1820 an Goethe gewendet, mit der Bitte, die Pensionsan- 
gelegenheit ihrer Mutter zu beschleunigen. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 6l 

19. Goethes zweiter Enkel, Wolfgang Maximilian, wurde 
am 18. September 1820 geboren. — »Denn bist du nur erst 
hundert Jahr berühmt u. s. w.« »Zahme Xenien«, Kunst und 
Alterthum, zweiten Bandes drittes Heft S. 87 (Weim. Ausg. I. 
3« 235)- — ^^ Xenion »Ein alter Mann ist stets ein König 
Lear«, Kunst und Alterthum II, 3, 84 (W. A. I, 3, 232). — 
Die Gattin des Oberkonsistorialrathes Günther in Weimar, 
desselben, der Goethes Trauung vollzogen, war eine Tochter 
des Superintendenten Löffler aus Gotha, eine Freundin Luise 
Seidlers. Ihre Tochter wurde die Frau des jüngeren Frommann 
in Jena. — Die Frau des Obermedicinalrathes Friedr. Ludwig 
von Froriep, Lottchen, eine Tochter Friedr. Just. Bertuchs. — 
Beigelegt war außer diplomatischen Berichten eine Abschrift 
des gewährenden Entscheids in der Eckhardtischen Sache. 

20. Beigelegt war der Mainzer Steindruck. Conta dankt 
am 27. September. Am i. Oktober besucht er Goethe in 
Jena. Am 7. Oktober läßt er eine neue Sendung Wiener 
und Dresdener Depeschen abgehen. Ein beigefügter Brief 
des Grafen Beust verbreitete sich über eine Denkschrift, die 
auf Deutschlands künftige Eintheilung in vier Königreiche 
vorbereiten sollte. Gemeint ist jenes berüchtigte »Manuscript 
aus Süddeutschland. Herausg. von G. Erichson (Lindner) 
London 1820« (siehe Treitschke: »Deutsche Geschichte im 
Neunzehnten Jahrhundert« 3. Theil S. 55 f.), das seiner Zeit 
viel Aufsehen erregt hatte. Die Fassung der darauf bezüg- 
lichen Tagebuchnotiz vom 9. Oktober läßt das Interesse 
erkennen, das auch Goethe an diesem abenteuerlichen Plane 
nahm. 

21. Am 8. Oktober war der berühmte Naturforscher 
Joh. Fr. Blumenbach aus Göttingen (1752 — 1840) mit seiner 
Familie in Jena eingetroffen. 

22. Tagebuch vom 6. Oktober: »Bericht an Serenissimum 
wegen der Landständischen Beyträge zu den Jenaischen An- 
stalten.« — Am 14. Oktober traf Goethe nach so langer Ab- 
wesenheit wieder in ^yeimar ein. 

23. Am 19. Oktober ging Goethe aufs Neue nach Jena 
ab. — Das erwähnte Gothaische Rescript genehmigte die 
Anstellung Co mpters, das Weimarische gelangte am 26. Oktober 
in Goethes Hände. 

24. Conta hatte in einem Briefe vom 25. Oktober, mit 
dem er die Weimarische Verfügung in Sachen Compters ein- 
gesendet, um Entschuldigung gebeten für seine Eigenmächtig- 
keit, den Termin Michaeli als Anfangstermin bestimmt zu 
haben. — Von Güldenapfel lag ein zweiter Vorschlag zur 
Vermehrung des Bibliothekfonds vor. — Am 16. Oktober 
war Fritz Schlosser, der Neffe Corneliens, mit seiner Gattin 
in Weimar eingetroffen. Schon in seinem Billet vom 23. August 



62 Neue Mittheilungen. 



hatte Conta gemeldet: »Noch lege ich ein Blättchen vom Grafen 
von Beust gehorsamst bey, woraus hervorgeht, daß ich in 
diesen Tagen die Ehre haben werde, einen Verwandten Ew. 
Excellenz persönlich kennen zu lernen, mit dem ich in Ge- 
schäften schon Briefe wechselte.« Am 17. Oktober war Conta 
mit Schlosser bei Goethe zu Mittag, für den 25. hatte er 
seinerseits Schlosser mit August von Goethe zum Abendessen 
geladen. — Schon seit 18 11 war Goethe beim Großherzog 
mehr als einmal wegen Ankaufs der vom Geh. Hofrath Stark 
hinterlassenen anatomischen Sammlung vorstellig geworden; 
durch Blumenbachs Besuch ^rst war Karl August zur Hergabe 
der nicht unbeträchtlichen Gelder hierzu vermocht worden, 
worüber das Rescript bei Goethe am 25. Oktober eingelaufen 
war. (Vogel S. 107 ff., Lesarten zum Tagebuch 1820, 235, 
13.) — Am 24. Oktober hatte die Loge in Weimar ihr Stiftungs- 
fest begangen ; Goethe hatte dem Tage das Gedicht »Gegen- 
toast der Schwestern« gewidmet. »In der gestrigen Festloge 
hat uns Ihr Herr Sohn mit Ew. Excellenz poetischem An- 
denken außerordentlich erfreut«, berichtet Conta dem Dichter, 

25. Tagebuch vom 16. November: »Herrn Legationsrath 
Conta, politische Nachrichten zurück nebst Zelterischen 
Liedern.« Die Musik wurde in Contas Hause eifrig gepflegt; 
er selbst hat als junger Mann seine Mußestunden gern dem 
Gesänge gewidmet. — Am 4. November war Goethe wieder 
in Weimar eingetroffen. 

26. In einem Briefe vom 19. November hatte Conta, 
durch Krankheit an persönlichem Erscheinen verhindert, seinen 
Dank für dies neue Geschenk ausgesprochen und zugleich an- 
gefragt, ob Dr. Ernst Weller, jener Schützling Goethes, der beim 
Bibliothekgeschäft wirksame Hülfe geliehen (Tag- und Jahres- 
hefte 1818, S. 142, Brief an Voigt vom 7. Dec. 1817, 7. April 
und 8. Mai 1818), als akademischer Diener oder als Angestellter 
der Museen, der nur zeitweilig auch bei der Bibliothek Ver- 
wendung finde, anzusehen sei, ob er seine Besoldung aus der 
akademischen Rentkasse oder aus der Museumskasse beziehe. 

27. Conta sandte das vermißte Schriftstück am i. De- 
cember an Goethe zurück. 

Am 2. December ließ er neue Berichte an Goethe ab- 
gehen, die er Tags vorher beizulegen vergessen hatte. 

Die nächste Sendung diplomatischer Bulletins vom 7. De- 
cember war mit einer Frage na« h der Adresse des Grafen 
Edward Vargas Bedemar verbunden. Dieser, geboren 1770, 
dänischer Kamraerherr und Aufseher des Mineralien-Kabinetts 
in Kopenhagen, hatte, wie er Goethe mit schönen Opalen 
erfreut, auch des Großherzogs Sammlung geschliffener Edel- 
steine durch werthvolle Stüt ke bereichert, wofür ihm Conta 
im Namen Karl Augusts danken sollte. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 63 

28. Neue Diplomatica waren mit einem Billet vom 
33. December eingegangen. — Die Einlage bestand in einem 
Auszug aus dem AGesellschafter« von F. W. Gubitz, in dem 
über eine Spielerei berichtet wurde, die in Wien alle Stände 
und Gesellschaften beschäftigte. Unter dem Namen »Repertoire 
der hiesigen Bühnena gingen Listen von Hand zu Hand, in 
denen man bekannte Persönlichkeiten oder Einrichtungen 
durch danebengestellte Titel von Theaterstücken ironisch zu 
charakterisiren suchte. 

29. Original in den Herzoglichen Sammlungen auf der 
Veste Coburg; hier gedruckt nach einer Collation durch 
Dr. Koetschau. 

29. 30. beziehen sich auf die Bemühungen, den Biblio- 
thekar Güldenapfel von seiner Caution zu entbinden, die, im 
ungeordneten Zustand der Büchersammlung übernommen, 
keine rechtliche Grundlage mehr hatte, seitdem die Biblio- 
thek umgewandelt und erweitert worden war. Der betreffende 
Bericht (und das Schema dazu) abgedruckt bei Vogel S. 41 ff., 
Tagebuch 1821: 4. Februar, 9., 21., 23., 25., 26. April; der 
günstige Entscheid wurde dem Bibliothekar am 27. Mai über- 
mittelt. 

31. Im Auftrage des Großherzogs, der eine neue Me- 
daille herzustellen gedachte, hatte Conta mit Goethe dieser- 
halb Rücksprache genommen (Tagebuch 13. April, 10., 11. Mai, 
I. Juni); als Vorlage einigte man sich auf die vortreffliche 
Denkmünze, die 18 16 von Bertr. Andrieu in Paris gearbeitet 
worden war, und von der eine Zeichnung genommen werden 
sollte. Die Arbeit ward dem Bildhauer Barre in Paris über- 
tragen. Vergl. hierzu Bojanowsky: »Hundert und vierzig 
Jahre Weimarischer Geschichte in Medaillen« in der Fest- 
schrift: »Zum 24. Juni 1898« S. 14 (Nr. 15, 15a). — Tage- 
buch vom 15. Mai: »Herrn Alexander von Humboldt nach 
Paris, an Herrn Conta gegeben.« — Das Gothasche Rescript 
in Sachen der Güldenapfelschen Caution. 

In einem Briefe vom 12. Juli 1821 erhielt Goethe so- 
dann mit einer weiteren Sammlung Berliner und Wiener 
Nachrichten die Ankündigung eines Abschiedsbesuchs, der 
denn auch am 15. Juli stattfand, da Conta sich nach Marien- 
bad zu begeben gedachte. Am 26. ging Goethe gleichfalls 
dorthin ab ; gleich am Tage seiner Ankunft, am 29., machte 
ihm Conta seine Aufwartung, worauf der vertrauliche Ver- 
kehr des vorigen Jahres hier seine Wiederholung fand (Tage- 
buch: 29., 31. Juli, I., 6., 7., 9., 17., 19. August). Eine Fahrt 
ins Gebirge ward geplant, kam aber nicht zur Ausführung; 
die Unterhaltung wird sich vielfach um geologische Dinge 
gedreht haben. — Am 25. August verließ Goethe Marienbad 
und traf am 15. September wieder in Jena ein. 



64 Neue Mittheilungen. 



32. Am 26. September hatte Conta seinen Glückwunsch 
zu der gut abgelaufenen Badereise ausgesprochen, Wiener 
Berichte übersandt und in einer Nachschrift* bemerkt : »In 
diesen Tagen wird Herr von Motz die akademischen Statuten 
publiciren.« — Am 11. September traf die Nachricht von der 
Karlsbader Ueberschwemmung bei Goethe in Eger ein. — 
Diesem Briefe lag des dritten Bandes zweites Heft von »Kunst 
und Alterthum« bei, seinem Dank wird Conta bei seinem Be- 
such am 7. Oktober Ausdruck gegeben haben. 

33. Holt in dem ausgelassenen Theile nach, was mtlndlich 
zu berichten vergessen worden war, die Angabe der Adresse 
d'Ohsons und verbreitet sich eingehend über akademische 
Angelegenheiten. — Goethes Ausführungen über Kannegiesser*s 
Schrift: »Ueber Goethes Harzreise im Winter« finden sich 
»Kunst und Alterthum« III, 2, S. 43—59. 

34. Vergl. Nr. 31.' — Am 15. Februar 1822 stellte sich 
Conta mit den neuen Medaillen bei Goethe ein. 

35. Vom 26. Mai bis 7. Juni weilte Goethe in Jena. — 
Am 5. Juni erhielt er daselbst ein Schreiben Contas, datirt 
vom 4., dem Bücher und gesandtschaftliche Bulletins beilagen 
und worin es hieß : »Graf Beust schreibt mir, daß er am 
29. May 1 1 ^1% Uhr Mittag durch Staffette zu unserm gnädigsten 
Herrn nach Offenbach entboten worden, daß er Se. Königl. 
Hoheit munter und gnädig, wiewohl im Zorn gegen den 
Offenbacher Wagenfabrikanten fand, der die neue Troschke 
für 90 Carolin so liederlich gebaut habe, daß sie in Offen- 
bach mehrere Tage liegen bleiben müsse. . . Nach dem 
Mittagsmahl, 5«/4 Uhr, haben S. K. H. Ihre Reise nach Darm- 
stadt fortgesetzt. Den 30. wollte der Großherzog bis Auerbach 
und dann weiter nach Karlsruhe gehen.« — Am 22. Mai hatte 
sich Karl August von Goethe verabschiedet, um seine Bade- 
reise nach Teplitz anzutreten. 

36. Conta wird das Verlangte persönlich bei seinem Be- 
such am 9. September übergeben haben. 

37. 38. Karl Friedrich Naumann (1797 — 1873), der her- 
vorragende Mineraloge, hatte in Jena studirt und 1821 und 
1822 das nördliche Europa bereist. Da Goethe Mitte Februar 
gefährlich erkrankte, konnte der Besuch erst am 8. Mai statt- 
finden; Naumann, der sich inzwischen als Privatdocent der 
Mineralogie in Jena habilitirt hatte, überreichte damals seine 
Habilitationsschrift: De granite iuxta calcem transitoriam 
posito (Büchervermehrungsliste Mai 1823). In Jena übernahhi 



■ Anderweitige Tagebuchnotizen 1821 auf Conta bezüglich : 1 5. Ja- 
nuar, 4., 6., 14. Februar, 28. März, 25. April, 8. Juni, 2., 7., jo. Oktober, 
von 1822: 31. Mai, 9. September, 4. November, 28. December. Für 
Dienstag, 5. November war Conta zum Thee geladen. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 65 

Naumann die Leitung eines mineralogischen Kabinettes, doch 
siedelte er schon 1824 Qäch Leipzig über (Tagebuch 1824: 
18., 29. September). Mit Naumanns Buche »Beiträge zur 
Kenntniß Norwegens^, der Frucht jener Reise, finden wir 
Goethe 16. September 1823 und 14. April 1824 beschäftigt.' 

Das Jahr 1824 brachte die Beendigung des langwierigen 
Bibliothekgeschäftes. Goethes Schlußbericht vom 1 8. NQvember 
1824 (abgedruckt bei Vogel S. 98 ff.) verfehlte nicht, »manche 
vorbereitende Bemühungen späterer Bevollmächtigten, welche 
zu Aufklärung damaliger Verworrenheiten bedeutende Dienste 
leisteten,« dankend hervorzuheben. Von nun an werden die 
Beziehungen Contas zu Goethe spärlicher. Gab zwar die 
Bibliothek im Lauf der Jahre noch manchen Anlaß zu persön- 
lichen Rücksprachen und gemeinsamen Conferenzen, so war 
doch dem Verkehr der stärkende Boden lebendiger Arbeit- 
gemeinschaft genommen, um so mehr, als Goethe die ober- 
aufsichtlichen Geschäfte immer mehr seinem Sohne August 
überließ. Ein gemeinsamer Badeaufenthalt kam nicht wieder 
zu Stande; 1824 weilte Conta in Liebenstein. 

39. Fran9ois Jean Philibert Aubert de Vitry, »^conoraiste 
fran9ais(( (1765 — 1829) hatte seine Uebersetzung: »LesM^moires 
de Goethe, traduits de Tallemand avec une introduction et un 
essai sur la litt^rature allemande. Paris 1823. 2 Vol.« mit einem 
Briefe vom 5. November 1823 (Alphab. Briefe) Goethe zu- 
gesendet, wie denn auch dieses Werk in der Büchervermehrungs- 
liste Januar 1824 sich verzeichnet findet. Diese französische 
Huldigung erschien dem Dichter so wichtig, daß er ihrer in 
den Annalen gedenken wollte (»Aubert de Vitry er schreibt 
im May« in der »Uebersicht« für 1824, I ^6^ 435)* dennoch 
aber kam er nicht dazu, dem Uebersetzer für seine Gabe zu 
danken, so daß dieser sich an den Weimarer Geschäftsträger 
in Paris Treitlinger wandte, der seinerseits Conta um Nach- 
richten über Goethe anging. Conta berichtete über die An- 
gelegenheit an Goethe unterm 5. Februar 1824, Trotzdem das 
Tagebuch vom 31. März die Notiz enthält: »Ueberlegung wegen 
des Briefs an Aubert de Vitry in Paris« scheint ein Dank- 
schreiben nicht ergangen zu sein. 

Noch dreimal fand Conta im laufenden Jahre Gelegenheit, 
sich brieflich an Goethe zu wenden (persönliche Zusammen- 
künfte verzeichnet das Tagebuch: i. Januar, 25., 29. Juli, 
26. August, 29. Oktober): am 8. Februar verspricht er, ent- 
sprechende Antwort nach Paris zu geben, am 25. Juni über- 
sendet er die letzte Lieferung der Arterienlehre von Friedrich 
Tiedemann (1781 — 1861) in Heidelberg — die erste hatte er 

* Tagebuchnotizen 182?, auf Conta bezüglich: 4., 23. Januar, 
19. März, 15., 20. April, 26. Mai, 21., 28. Oktober. Unter den zur 
Abendgesellschaft Geladenen erscheint Conta am 27. Mai. 

Goitbc-Jahibgch XXII. S 



G6 Neue Mittheilungen. 



persönlich am 4. Januar 1823 überbracht — , die Roux mit 
folgenden Worten eingeschickt: »Von allen Werken, bey deren 
Ausführung ich in Zukunft als Zeichner bin, werde ich, aus 
Anhänglichkeit an mein Geburtsland, das ich auch bey den 
glücklichsten Verhältnissen in der Entfernung nie vergessen 
werde, Exemplare der Jenaer Uni versitäts- Bibliothek senden.« 
— im November endlich lässt er mit undatirtem Brief Bibliothek- 
akten zurückgehen. Allen diesen Sendungen lagen diplomatische 
Berichte bei, wie denn auch das Tagebuch vom 1 1 . November 
den Empfang gesandtschaftlicher Bulletins meldet. Ein Brief 
Goethes vom 8. November: »Herrn Geh. Legationsrath Conta, 
wegen Hesse in Rudolstadt« liegt nicht vor ; es handelte sich 
wohl um den Schwarzburg -Rudolstäd tischen Archivar und 
Bibliothekar Ludw. Friedr. Hesse (1783— 1867). 

Das Festjahr 1825 kam auch für Conta nicht mit leeren 
Händen : beim Regierungsjubiläum am 3. September erneuerte 
Karl August zu Gunsten Contas und seiner Nachkommen den 
alten Adel, den die vertriebene Hugenottenfamilie abgelegt hatte. 

Mit einem kurzen Billet vom 9. April 1825 übersandte 
Conta auf Befehl des Großherzogs zwei Exemplare des von 
dem Bureau des longitudes zu Paris herausgegebenen » Annuaire 
pour Tan 1825«, das eine für die Jenenser Sternwarte, das zweite 
zu Goethes beliebiger Verfügung. Vorausgegangen war eine 
persönliche Besprechung am 3. Januar, wie dem Bildhauer 
Joh. Jak. Flatters, der dem Großherzog seine Büsten Goethes 
und Bjrrons verehrt hatte, zir danken sei ; am 4. April erschien 
Conta, um vom Großherzog eine »Relation der vergangenen 
Theaterbauten« einzuhändigen. 

40. Goethe hatte von ihm verfaßte Akten über die 
Jenaische Litteraturzeitung vermißt und von Conta unterm 
27. Mai 1825 die Mittheilung erhalten, daß sie auf der Geh. 
Staatskanzlei nicht zu finden seien. — Hinsichtlich weiterer 
Beziehungen 1825 siehe Tagebuch: 16., 26. Mai. 

41. Vorangegangen ist ein Brief Goethes vom 11. Januar, 
der nicht vorliegt, nachfolgt ein solcher Contas vom 8. März, 
mit dem er im Auftrage des Großherzogs ein an diesen ge- 
richtetes Schreiben des Grafen Leopold Cicognara (1767 — 
1834), des damaligen Präsidenten der Akademie der schönen 
Künste in Venedig, überreicht. 

42. Die erwähnte Medaille war ein Exemplar der Denk- 
münze, die Karl August zur Feier des 7. November, des 
Ankunfttages Goethes in Weimar, 1825 hatte prägen und 
dem Dichter in verbesserter Gestalt am 7. November 1826 
zugehen lassen.' — Den Sommer war Conta in Karlsbad 



' Vergl. Bojanowski: Hundert und vierzig Jahre Weimarischer 
Geschichte in Medaillen S. 18 ff. (Nr. 20, 20a, 2r, 21a). 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 67 

gewesen ; seiner Rückkunft am 2. August mit »Nachrichten 
und Grüßen dorther« thut Goethe am 3. im Briefe an Kanzler 
von Müller Erwähnung (G.-J. III 236). — Siehe noch Tage- 
buch 1825: 15., 16. März, 8. Juni. 

43. Aus dem Jahre 1827 haben sich nur zwei Billets 
Contas erhalten, das erste vom 18. April, mit dem er, außer 
den üblichen politischen Neuigkeiten, ein von ihm versehent- 
lich geöffnetes Kistchen aus Russland übersendet, das zweite 
(Nr. 43) vom 6. September. — »L'Hermite de la chauss^e 
d' Antin, ou observations sur les moeurs et les usages parisiens 
au commencement du XIX* sifecle« von Victor Joseph Etienne 
de Jouy (1769 — 1846) erschien in erster Auflage zu Paris in 
5 Bänden 1812— 1814, in zweiter 18 13 — 1814. Mit diesem 
Werke, das Goethe August 181 5 kennen gelernt hatte, be- 
schäftigte er sich wieder mehrfach Oktober 1826. — Am 
25. August war Conta bei Goethe zu Tische, wo er außer 
Meyer, Vogel, Eckermann den bekannten Philologen Gustav 
Friedr. Parthey (1798 — 1872) traf, der vieles von seinen Orient- 
reisen zu erzählen hatte, in seinem späteren Bericht über 
diesen Besuch bei Goethe übrigens auch Contas zu erwähnen 
nicht unterläßt. (Biedermann, Goethes Gespräche VI 177 ff.) 
Späterhin erschien auch der Kanzler von Müller, voq dem 
gleichfalls eine Aufzeichnung über die anregende Gesellschaft 
erhalten ist. (Unterhaltungen, S. 202 f) Andere Besuche 
oder Sendungen Contas : 18. Januar, 8. Februar, 22., 27. August, 
25. September, 31. Oktober, nach Ausweis des Tagebuches. 

44. Am 8. März — wie schon vorher am 26. Januar und 
später am 17. Mai — war Conta bei Goethe zu Tische ge- 
wesen zugleich mit Müller, von Holtei und anderen. 

45. Am 10. März hatte Conta die verlangten Akten der 
Geheimen Kanzlei übermittelt; es heißt in seinem Briefe: 
»Zugleich melde ich gehorsamst, daß Frau Oberkonsistorial- 
Räthin Günther sehr gern übernommen hat, die Frau Kriegs- 
sekretärin Meyer, welche nächstens das 9oste Lebensjahr 
erfüllt haben wird, zu disponiren, daß sie sich für Ew. Excellenz 
Sammlung durch Herrn Schmeller malen lasse, wenn Ew. 
Excellenz nicht vorziehen sollten, das vor einem oder zwey 
Jahren von Dem. Seidler gemalte recht wohlgelungene Portrait 
der Mad. Meyer kopiren zu lassen, welches Mad. Günther 
besitzt.« 

46. Unterm 30. März 1828 hatte Conta geschrieben: »Ew. 
Excellenz ist es vielleicht nicht uninteressant, die S. Alten- 
burg. Antwort auf das hiesige Ministerialschreiben wegen der 
nunmehr der Großherzogl. Oberaufsichtskasse zurück zu 
erstattenden Vorschüsse für die akademische Bibliothek zu 
sehen. Ich beehre mich daher, solche Ew. Excellenz in der 
Urschrift ganz gehorsamst . . . vorzulegen . . .« — Politische 



68 Neue Mittheilungen. 



Nachrichten waren auch schon am 29. Januar an den Ver- 
mittler zurückgegangen. 

Am 14. Juni starb Karl August im königlichen Schlosse 
Graditz bei Torgau; Goethe erhielt die Trauerkunde am 
folgenden Tage. Seine neue Verpflichtung, dem jungen Groß- 
herzog gegenüber, der zur Zeit noch in Wilhelmsthal weilte, 
legte er wenige Stunden darauf in die Hände des Ministers 
von Gersdorif und Contas. 

Für Conta bedeutete der Thronwechsel keinerlei Einbuße 
im Vertrauen seines Fürsten. Dies erwies sich alsbald durch 
seine Sendung zu den in Kassel gepflogenen Verhandlungen, 
die Errichtung eines mitteldeutschen Handels- und Zollvereins 
betreffend, wo es seiner Geschicklichkeit gelang, in den Jahren 
1828 — 1830 fördernde Staatsverträge mit sämmtlichen be- 
theiligten Regierungen, insbesondere mit der Königlich-Säch- 
sischen und der Kurfürstlich-Hessischen, abzuschließen. 

47. Leon, Marquis de Laborde (1807 — 1869), war der 
Sohn des späteren Präsidenten der Pariser Akademie, des Grafen 
Alexander von Laborde (1774— 1842), mit dessen »Reise in 
Spanien« wir Goethe am 3. März 1820 beschäftigt finden (Tag- 
und Jahreshefte 1820, 176). Er hatte in Göttingen studirt 
und mit seinem Vater 1825 eine Reise in den Orient gemacht. 
Als Frucht derselben erschien 1830 — 1833 sein »Voyage de 
TArabie P^tr^e«, dessen erstes Heft Goethe am 18. Februar 
1830 erhielt, und wodurch er »mit einem nie gesehenen, Sinne 
verwirrenden Zustand bekannt« gemacht wurde. Der an- 
gekündigte Besuch fand am 21. Oktober statt, wobei Laborde 
ein »Programm über die Stadt Petra« überreichte. In Labordes 
Werken suchte Goethe noch spät Anregung und Belehrung: 
Tagebuch vom 11. December 1831, 12. Januar 1832. 

48. Die Kasseler Thätigkeit war dem Verkehr nur wenig 
förderlich. Am 21. April meldete sich Conta in Bibliothek- 
angelegenheiten, wobei auch die Kasseler Zusammenkunft zur 
Sprache kam. Am 26. December sandte er bei einer erneuten 
Anwesenheit in Weimar den von Goethe entliehenen ersten 
Theil der Histoire du Congrfes de Vienne — Goethe hatte 
das Werk, von G. Raxis de Flassan, erschienen 1829 zu Paris 
in 3 Bänden, am 15. December von der Großherzogin er- 
halten und gleich gelesen — dankend zurück und föhrt dann 
fort : »Bey dieser Gelegenheit erlaube ich mir, gehorsamst an- 
zufragen, ob Ew. Excellenz noch mit den Wiener diplomatischen 
Berichten gedient wäre, oder ob Sie solche vielleicht schon 
vor mir erhalten? Durch meine wiederholten langen Ab- 
wesenheiten bin ich mit diesen Dingen aus der Ordnung ge- 
kommen.« — Am 7. Januar 1830 erschien denn Conta bei 
Goethe. Das Gespräch drehte sich um die Verzögerung der 
Zollangelegenheiten durch die »Braunschweigischen Händel.« 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 69 

49. Tagebuch vom 11. August: »Mittag Herr von Conta. 
Wurden die Vorfälle des Tages in manch erley Bezügen durch- 
gesprochen.« — Voraus liegt ein Billet Contas, datirt Weimar 
2. Juni 1830, in dem um Gewährung einer Audienz für den 
Oberbergrath Schwedes aus Kassel nachgesucht wird. Der 
Besuch fand am 3. statt. Auch Conta war zugegen, wie er 
auch schon am 28. Februar, 23. Mai, 5. August seine Auf- 
wartung gemacht hatte. Grüße von Kassel bringend, von seinen 
Geschäften, aber auch von seinen geognostischen Wanderungen 
erzählend. Noch einmal kam es zu lebhafterem Verkehre. 
Die Bibliothek (5., 22. August, 17. September), die Politik 
(8. August, 2. September) führten mancherlei Begegnungen 
herbei; am 12. August überbrachte Conta die Nachricht, der 
Herzog von Orleans sei zum König der Franzosen »aus- 
gesprochen« worden. Er war am 1 1 . August wieder zu Tische 
geladen. Aber diese unmittelbaren Berührungen mußten eine 
Unterbrechung erfahren, als durch den Verfolg der Zollverband- 
verhandlungen Conta Ende 1830 nach München geführt wurde 
(Abschiedsbesuch bei Goethe am 17. Oktober; Goethe gab ihm 
ein Empfehlungsschreiben mit an Sulp. Boisser^e: siehe dessen 
»Briefwechsel mit Goethe« II S. 550; vergl. auch S. 553. 556. 
557- 5^'« 5ÖÖ)» wo er im Winter 1830/31 Handelsverträgen 
mit Bayern und \^ürttemb'erg zu glücklichem Abschluß verhalf. 

50. Am 27. Oktober 1830 war Goethes Sohn August in 
Rom gestorben. — Johann Lorenz Schmidmer, Buchhändler 
und Auctionator in Nürnberg, hatte Goethe mehrfach bei 
seiner Majolikasammlung unterstützt; die Uebersendung einer 
Medaille, jedenfalls der Jubiläumsmedaille, meldet das Tage- 
buch vom II. Februar 1827. — Karl Alexander von Heideloff 
(1788—1865), Maler und Architekt, hat seiner Angabe ge- 
mäß Goethe nach dem Leben am 8. September 1829 ge- 
zeichnet. Zarnckes hartes Urtheil über dieses Werk (Goethe- 
bildnisse 56) wird durch Contas Brief bestätigt. — Der Ober- 
bergrath Kleinschrod, »von früher Jugend auf an Goethes 
Schriften gekettet und denselben die schönsten Lebensmomente 
verdankend«, hatte mit einem enthusiastischen Briefe vom 
14. März 1830 eine Studie über den Basalt eingesendet. Ueber 
seine Verdienste um Goethes Naturaliensammlungen (Tagebuch 
vom 12. November 1831) berichtet der Briefwechsel Boisser^es 
mit Goethe häufig vom März 1831 ab. — Joseph Stieler (1781 — 
1858), der Maler des bekannten Goethebildes, hatte kurz vor 
Contas Ankunft seine Gattin Pauline, geborene Becker aus 
Moskau, verloren. — Schleißheim, ein Königliches Lustschloß 
in der Nähe Münchens, mit hervorragender Gemäldesammlung ; 
auch Stielers Goethebildniß befand sich bis 1853 dort. 

51. Am Abend des 26. Novembers hatte Goethes Krank- 
heit mit heftiger Lungenblutung begonnen ; in der ausgelegten 



yo Neue Mittheilungen. 



Besuchsliste findet sich auch der Name Conta eingetragen. — 
Die Besprechung des in der französischen Akademie zwischen 
GeofTroy de Saint-Hilaire und Cuvier ausgebrochenen Streites 
(W. A. II, 7, 167 — 1 8 1) war zuerst in den »Berliner Jahr- 
büchern für wissenschaftliche Kritik« 1830, 2, Band, Nr. 52 — 53 
erschienen. — Ueber Betty von Küster, die Tochter des preuß. 
Gesandten, eine vielseitig gebildete Dame, die intime Freundin 
der Luise v. Herder, vgl. Geiger, Therese Huber Stuttg. 1901, 
passim, bes. S. 251. 

52. Das Original befindet sich im Weimarer Schillerhause. 

53. Anfang März kehrte Conta aus München zurück, 
nicht ohne mancherlei Zeitungen und erfreuliche Notizen für 
Goethe mitzubringen (Tagebuch 17. März); er war an jenem 
Abend des 31. März zugegen, von dem der Kanzler von 
Müller erzählt (Unterhaltungen, S. 247), wo sich der Groß- 
herzog mit dem von Paris kommenden Spontini bei Goethe 
traf. Am 27. April brachte Conta fünf Porträts in Steindruck, 
am folgenden Tage einen Münchener Studienplan, in einem 
Briefe vom 5. Mai ersuchte er dann um die Rücksendung 
sowohl der Lithographieen als aucli der Dokumente. 

54. Conta vermißte in der zurückgekommenen Sendung 
ein Schriftstück, er fand es noch am selben Tage wieder, 
wie er in einem zweiten Billet vom 5. Mai gnit der Bitte um 
Verzeihung für die verursachte Mühe berichtet, mit welchem 
der Briefwechsel sein Ende erreicht hat. 

Der persönliche Verkehr bestand bis ans Ende, wie die 
Gemeinsamkeit wissenschaftlicher Interessen. 

Als Conta im August 1831 von Karlsbad zurückkehrte, 
legte er am 12. und 18. August mitgebrachte Mineralien vor, 
am 3. September producirte er, was er auf einer Reise ins 
Voigtland gesammelt. Ein Tagebuchvermerk findet sich vom 
12. December 1831: »Ottilie präsentirte sich . . in dem Ball- 
putz, zur Reunion bey Herrn von Conta. Derselbe war vor 
Tische bey mir gewesen, als neuangestellter Vicepräsident bey 
der Landesdirektion.« Es ist das letzte Mal, daß Conta erwähnt 
wird in dem Tagebuch, in das am 15. März 1832 der letzte 
Eintrag für immer geschehen sollte. 

Im Jahre 1837 wurde von Conta zum zweiten Präsidenten 
der Landesdirektion ernannt, im Jahre 1845 zum ersten und 
einzigen Präsidenten. Als im September 1 849 diese Behörde 
aufgelöst wurde, berief ihn das Vertrauen des Großherzogs 
zur Führung der Direktorialgeschäfte im Minister ial- Depar- 
tement des Innern. Er starb am 27. December 1850 zu 
Weimar nach kurzem Krankenlager an Lungenentzündung. 

Max Hecker. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 71 

Schon vor zwei Jahren waren Vorbereitungen zur Heraus- 
gabe der Goethe-Conta*schen Correspondenz gemacht; nun 
ist es dem jungen Freunde, der sich seit dem vorigen Sommer 
uns zugesellt hat, zugefallen sie auszuführen. Er hat zu diesem 
Zwecke den gesammten in den Quartalheflen und Tagebüchern 
weit auseinanderliegenden Stoff emsig zusammengetragen und 
was das Archiv sonst an Hülfsmitteln lieferte, gründlich ver- 
werthet. Ich selbst war in der Lage, mitthätig die Redactor- 
pflicht im weitesten Bereich wahrzunehmen, und so stehe ich 
selbstverständlich für das hier Dargebotene mit ein. 

Goethes Briefe an v. Conta befinden sich der Mehrzahl 
nach (27) im Familienbesitz.' Herr Staatsrath Dr. Alfred 
V. Conta zu Weimar* hat sie zum Zweck dieser Publication 
dargeliehen und uns damit, eben so sehr aber durch sein 
persönliches Mitwirken zu Dank verpflichtet. Der biographischen 
Darstellung, die einen beträchtlichen Raum in den obigen 
Erläuterungen einnimmt, liegen die Angaben zu Grunde, die er 
in einem »Lebenslauf des Präsidenten Carl v. Conta« zusammen- 
gestellt hat. Ein Aufsatz von seiner Hand, »Beziehungen meines 
Vaters zu Goethe,« hat unsere Publication angeregt und die 
Umrisse gegeben, die nun durch Urkunden und deren Erklärung 
ausgefüllt sind. Jene Niederschrift aber war von werthvollen 
Beilagen begleitet. Die erste, bezeichnet »Excerpte aus Briefen 
meines Vaters an meine Mutter, Goethe betreffend — Karls- 
bad, vom 14. bis 27. Mai 1820, Marienbad, vom 26. Juli bis 
19. August i82i(( enthält vertraulichen Bericht über jene 
Wochen, die v. Conta wegen des Verkehrs mit dem Dichter 
zu den »Lichtblicken« seines Lebens zählte. Eine zweite 
kleinere Sammlung bezieht sich auf Goethes letzte Zeiten ; es 
sind eigene Erinnerungen Carl v. Contas an das Verhalten 
des Dichters in schweren Momenten und Briefe Anderer an 
ihn (Kanzler v. Müller über den Tod Augusts). ' 

Im Goethehause befindet sich unter den von Schmeller 
gemalten Bildnissen der Freunde auch C. F. v. Conta's Porträt. 
Bei seinem Nachkommen ist die Tradition der Goethezeit 
wohl gewahrt und das Wort, das er bei Empfang der Medaille 
auf den 7. November 1775 dankbar an Goethe geschrieben 
hat, wird in Ehren gehalten. In dem mir anvertrauten Auf- 
satze »Beziehungen meines Vaters« sind einige im Familien- 
kreise lebendig gebliebene Geschichtchen aufgezeichnet, die 
sich im Wortlaut hier anreihen mögen. 

' Im Jahrgang 1839 ^^^ Dresdner Abendzeitung stehen sieben Briefe 
gedruckt, in der Greizer Zeitung von 1877 ist einer derselben (52) 
wiederholt. Nr. 4 bei Strehlke II, 460 unter den Briefen an Unbekannte. 

* Contas jüngster Sohn, der von dessen hinterlassenen fünf Kindern 
(einer Tochter und vier Söhnen) gegenwärtig allein noch am Leben ist. 

3 Die Herausgabe bleibt vorbehalten. 



72 Neue Mittheilungen. 



»Seit den gemeinsam in Karlsbad verlebten Wochen« — 
schreibt Herr Dr. v. Conta — »verkehrte mein Vater auch 
vielfach im Goethischen Hause und nahm öfters an Diners 
und Abendgesellschaften theil. In den letzteren beschränkte 
man sich selten auf Conversation ; öfters wurde musizirt, 
mit vertheilten Rollen vorgelesen, gelegentlich wurden wohl 
auch lebende Bilder gestellt oder kleine Stücke aufgeführt. 
Bei letzteren Gelegenheiten haben auch meine beiden älteren 
Brüder, Bernhard und Richard * als sechs- bis achtjährige 
Kinder mehrmals mitgewirkt. So hatte der eine bei einem 
zum Schluß gestellten lebenden Bilde als Amor mit Köcher, 
Pfeil und Bogen auf einer Säule Platz zu nehmen. Nachdem 
der Vorhang zugezogen war und die andern Mitwirkenden 
sich entfernt hatten, sah sich der verlassene Liebesgott ver- 
gebens nach einem Retter um; bei seiner Unruhe gerieth 
die Säule ins Wanken und fiel um, glücklicher Weise nach 
dem Vorhang zu, wo der Kleine auf sein Geschrei, noch 
ohne Schaden genommen zu haben, wieder auf die Füße 
gesetzt wurde. Goethe nahm ihn sogleich bei der Hand und 
suchte ihn zu beruhigen: »Nun, mein lieber Kleiner, wirst 
du wohl rechten Hunger und Durst haben.« Aber Amor 
hatte sich schon gefaßt und erwiderte artig: »Ach nein! 
denn wo man so viel Schönes sieht und hört, wird man 
schon davon satt!« Aus den Erzählungen meines Vaters 
erinnere ich mich einiger Beispiele, wie Goethe in diesen 
Gesellschaften zu scherzen liebte. So hatte er einmal ge- 
hört, wie eine Dame ihre Nachbarin um eine Stecknadel 
bat. Er nahm sogleich eine und bot sie ihr mit den Worten 
dar : »Mein liebes Fräulein, darf ich ihnen vielleicht mit 
dieser Nadel unter die Arme greifen ?« Als man darüber 
lachte, fuhr er fort: »Ja, unsere liebe deutsche Sprache hat 
gar schöne Ausdrucksweisen«. Ein anderes mal wurde von 
einer jungen Dame ein Lied sehr undeutlich gesungen. Nach- 
dem sie geendet, sagte Goethe: »Das Lied war recht hübsch, 
doch möchte ich nun auch gern wissen, in welcher Sprache 
der Text abgefaßt war«. »Es war ja von Ihnen!« erwiderte 
das Fräulein, worauf Goethe sagte: »So? das habe ich nicht 
bemerkt«. — 

»Das alles war Ergötzlichkeit und Lehre« — selbst vom 
Unbedeutenden, ja Trivialen, das wir gelegentlich einmal von 
Goethe hören, läßt sich das noch sagen. Auch sein Wort- 
witz hat noch ein sprachliches Interesse. »Daß goldene 



' Bernhard v. Conta ist als Kgl. Preuß. General-Lieutenant z. D. 
im 83. Lebensjahr am 28. Mai 18^9 in Weimar, Richard v. Conta als 
Kgl. Preuß. General-Major z. D. im 74. Lebensjahr am 23. September 
1895 zu Arnstadt gestorben. 



Goethe und Carl Friedrich v. Conta. 73 

Mädchen mit Sinn und Anmuth ihrem Schöpfer (Hephaistos) 
unter die Arme greifen«, fand ich eben in diesen Tagen in 
einem ungedruckten homerischen Aufsatze, der vom 3. No- 
vember 1820 datirt ist. In den allgemeinen Gebrauch war 
die Redensart damals schwerlich schon übergegangen. 

Um nun schließlich von den Mittheilungen Contas über 
Goethe hier wenigstens eine Vorstellung zu geben, füge ich das 
älteste erhaltene Sttlck an, zugleich eines der hübschesten: 
»Auszug aus einem Briefe an seine in Langensalza lebende 
Braut, vom 15. März iSop«. Es wird heißen: »vom 16. März«, 
denn unter diesem steht in Goethes Tagebuch der Eintrag: 
»Abends bey Frau Hofrath Schopenhauer«, und von dieser 
Gesellschaft ist im folgenden Berichte die Rede. 

Ich war heute einoial, nach langer Zeit, wieder bei der 
Schopenhauer; es war sehr interessant. Göthe hatte die 
beste Laune von der Welt und erzählte viel, besonders von 
Sicilien, wo er gewesen ist. Für uns ist es auffallend, daß 
man in Rom und Neapel eigene Karten hat, worauf be- 
merkt ist, in welchen Straßen zu jeder Stunde des Tages 
eben Schatten ist, wonach sich dann diejenigen, welche am 
Tage ausgehen müssen, richten und lieber einen großen Um- 
weg machen, um nur nicht Straßen ohne Schatten zu passiren. 

Es ist ein neues Werk über China erschienen von einem 
Franzosen, der 60 Jahre in diesem Lande gelebt hat und 
welcher beweist, daß das angegebene hohe Alter der Chinesen 
erdichtet sei, indem der Staat China sich kaum von einigen 
Jahren ' vor Christi Geburt her datire. Göthe rief bei dieser 
Bemerkung freudig aus: »Nun, es ist mir immer lieb, wenn 
einer Nation von ihrem prätendirten Alter etwas genommen 
wird, denn so erscheint denn doch das ganze Menschen- 
geschlecht nicht mehr so alt, sondern in einem artigen 
Jünglingsalter, sonst wäre es auch eine Schande, wenn noch 
so viele alberne Dinge in der Welt passirten. So sind wir 
denn aber, wie es Jünglingen geziemt«. 

B. SUPHAN. 




' Wohl verhört für »Jafirhunderten«. 



mw; 




II. Verschiedenes. 



1. FÜNF BRIEFE GOETHES 
1790 — 1819. 

UilgclhEill und crllultn Ton 

Ludwig Geigek. 

(An Göschen.) 3. März 1790. 

Hier übersende ich den Ueberrest des Manuscripts. Jery 
und Bätely wird zuerst, Scherz List und Rache zuletzt gedruckt. 

Den Betrag dieses Bandes haben Sie die Güte gelegentÜch 
H. Leg. R. Bertuch zuzustellen, und davon abzuziehen was 
ich Ihnen indessen schuldig geworden. 

H. Lips wird Titelkupfer und Vignette beylegen. Lassen 
Sie mir von beyden einige Abdrücke machen. 

Leider sind die Vignetten des sechsten Bandes wenigstens 
in den Exemplaren die ich erhalten habe, sehr übel und 
schmutzig gedruckt. Schärfen Sie doch dem Kupferdrucker 
ein daß es beym siebenten Bande nicht wieder geschehe. 

Ich verreise auf einige Zeit, also senden Sie mir nichts 
und schreiben Sie mir auch nicht. Die Exemplare des 
siebenten Bandes, wenn sie fertig sind, senden Sie mir in 
der Zahl u. Art wie des sechsten. Ich wünsche wohl zu 
leben u. danke für das deutsche Museum. W. d. 3. März 1790. 

V. Goethe 
in tergo: Weimar d. j. Merz 90. 

V. Goethe 
empf. d. 6. d.ö ^__^ 



Fünf Briefe Goethes. 75 

Der vorstehende Brief ist in einem Zweiblattdruck ver- 
öffentlicht, aufdessen Titelblatt Folgendes steht: »Der römischen 
Montagsgesellschaft zum Gruß ! Ein ungedruckter Brief Goethes 
mitgetheilt von Ludwig Pollak. Rom. Ende März 1 899. Privat- 
druck in 50 Exemplaren.« Da es voraussichtlich längere Zeit 
dauert, bis der Brief in dem Nachtrage der W. A. Platz findet, 
so möge er hier den Mitgliedern der großen Goethe-Gemeinde 
zugänglich gemacht werden. Der Brief ist, wie der Heraus- 
geber bemerkt, ganz eigenhändig von Goethe geschrieben, 
nimmt eine Seite in Klein-Folio ein und befindet sich im 
Besitz des Herrn Fritz Donebauer in Prag. 

Der Brief fehlt in der That in der Reihe der von Goethe 
an Göschen gerichteten Briefe, die theils an dem ihnen chrono- 
logisch zukommendem Platze, zum Theil in den Nachträgen 
der Goethe- Ausgabe Band 18 abgedruckt sind. Er ist wichtig, 
weil damit die Absendung der Manuscripte zum 7. Band genau 
festgestellt ist, während uns das Tagebuch für jene Zeit völlig 
im Stich läßt. »Der siebente Band soll bald folgen«, hatte 
G. am 9. Sept. 89 geschrieben, aber in dem einzigen ferneren 
Briefe an Göschen (4. Jan. 1790) war von einer weiteren 
Manuscriptsendung nicht die Rede. Es muß daher im Laufe 
des Jan. (vgl. die Notiz des Tagebuchs) die wichtige Manuscript- 
sendung des Faust, des Fragments, erfolgt sein; die Briefe 
jener Zeit enthalten darüber gar nichts, auch das Verzeichniß 
der Postsendungen fuhrt keinen weiteren Brief an G. als den 
oben erwähnten vom 4. Jan. 1790 auf. Faust aber bildete, 
im Verein mit den beiden oben genannten Dramen, den 
Inhalt des 7. Bandes. 



2. 

(An Hoffmann.) (9. Mai 1802.) 

Wollten Sie mir, Werthester Herr Hoffmann, mit 
einigen Worten eine Nachricht geben: ob die Zeichnung 
wieder zu Ihnen zurückgekommen ist, ob Sie das Bild an- 
gefangen haben und ob Sie noch glauben, daß Sie es im 
August werden endigen und abschicken können. Bey dieser 
Gelegenheit wollte ich Sie ersuchen, mir ein Kästchen mit 
sechs Gläsern Eau de Cologne mit dem Postwagen zu 
überschicken. Wofür ich den Betrag mit dem übrigen 
gern erstatten werde. Es ist dieses wohlriechende Wasser 
seit den Verwirrungen der Zeit schwer bey uns zu haben 
Der ich recht wohl zu leben wünsche. 

Weimar am 9. Mai 1802. Goethe. 



76 Neue Mittheilungen. 



3. 
(An Hoffmann.) (i. Februar 1805.) 

Für die baldig erteilte Nachricht danke recht sehr, ich 
eile mit umgehender Post zu antworten. 

Lassen wir also die Aschen-Urnen und Opferkrüge, 
die übrigen bezeichneten Alterthümer haben Sie die Güte 
für mich zu erstehen. Fünf bis sechs Gulden werden ja 
wohl hinreichen. 

Wenn die Platte Heliotrop recht schön ist, so könnte 
allenfalls das Doppelte des im vorigen Brief angesetzten 
gegeben werden. 

Nächstens übersende ich das Programm und erkläre 
mich näher auf Ihr gefälliges Anerbiethen, mir gelegentlich 
irgend etwas antiquarisches einzuhandeln. Indessen wün- 
sche ich recht wohl zu leben, ersuche das allenfalls er- 
standene wohl einzupacken und mit dem Postwagen zu 
übersenden. 
Weimar, den i. Februar 1805 Goethe. 

An 
Herrn Joseph Hoffmann 
angesehenen Mahler 

in 
Frank. Colin 



Die Beziehungen Goethes zu dem Maler Joseph HofTmann 
1764— 1812 sind aus den Briefen des Dichters in der Weimarer 
Ausgabe zu verfolgen. (Vgl. auch die Zusammenstellung in 
dem Catalog der rheinischen Goethe-Ausstellung S. 169 ff.) 

Hoffmann hat Bilder für vier Weimarer Concurrenzen 
dorthin übcrsandt: 1800 den Tod des Rhesus, wobei er den 
dritten Preis erhielt; 1801 den Kampf des Achilles mit den 
Flußgöttern, wo er den halben ersten Preis davontrug; 1802 
Achill auf Skyros, wobei er sich mit Nahl in den ersten Preis 
theilte und 1805 Herkules reinigt den Augiasstall, ein Bild, 
wofür er endlich allein mit dem ersten Preise gekrönt wurde. 

Die 7 bisher bekannten Briefe an den Maler, von denen 
6 zum ersten Mal in der Weimarer Ausgabe gedruckt sind, 
beginnen mit dem 24. Sept. 1800 und schließen mit dem 
28. März 1803. Sie haben die oben genannte Preisarbeiten, 
daneben aber auch den Ankauf eines Hoffmannschen Bildes 
durch Goethe oder Goethes Freunde, Anfragen über Kölner 



Fünf Briefe Goethes. 77 



Kunstler und Erörterungen über ein Plafondbild im Weimarer 
Schlosse (Diana unter ihren Nymphen) zum Gegenstand. 

Zu diesen Briefen bilden die im Vorstehenden abgedruckten 
eine gute Ergänzung; auch sie geben freilich die Briefreihe 
noch nicht vollständig wieder, denn daß im März 1802 ein 
Brief Goethes an den Kölner Maler abgeschickt wurde, ersieht 
man aus einer Notiz in dem Briefe an Christiane W. A. Band 
16 Seite 50; am 16. December folgte ein fernerer Brief an 
Hofimann, wovon in dem schon erwähnten rheinischen Katalog 
nur folgende Worte gedruckt stehen: »Ihr Gemälde ist in 
Weimar glücklich angelangt und wie ich höre . . .« Sodann 
muß, wie aus dem oben an zweiter Stelle abgedruckten Briefe 
hervorgeht, ein anderer Brief gegen Ende 1804 an HofTmann 
geschickt worden sein. 

Der erste der vorstehenden Briefe ist dem rheinischen 
Katalog S. 170 entnommen, der zweite dort S. 171 nur seinem 
Inhalt nach angedeutete, hat mir durch die Güte des Besitzers 
Herrn Hermann Hoffmann in Köln vorgelegen, der den Ab- 
druck freundlichst gestattet hat. Nur die Unterschrift ist 
eigenhändig, alles andere von Schreiberhand. Zur Erklärung 
der Briefe ist kaum etwas hinzuzufügen. Die Sendung, auf 
die Goethe am Anfang des ersten Briefes anspielt, ist eben 
die, welche er seiner Frau zur Besorgung aufgetragen hatte. 

Wie sehr Goethe den Maler schätzte, geht aus einigen 
von Herrn Hoffmann mir eingesandten Briefen Heinrich 
Meyers an den Kölner Maler vom 20. April 1801 und 12. Nov. 
1804 deutlich hervor. 

[J. E. Hitzig an Goethe.] 

Berlin d. d. 11. März 1816. 

Am Ende des verflossenen Jahres wurde in dem unter 
dem Namen Herzogthum Sachsen mit Preußen vereinigten 
Theile von Sachsen eine Schmähschrift unter dem Titel »Recht- 
fertigung des aus Königl. Sächsischen in Preußischen Dienst 
übergetretenen ♦ ♦ Rath N« heimlich verbreitet, welche die 
hämische Absicht hat, die in den Preußischen Dienst über- 
getretenen ehemals Sächsischen Beamten unlauterer, ja landes- 
verrätherischer Absichten verdächtig zu machen. 

Als Verfasser dieser Schrift ist ein jetziger Preußischer 
Staatsdiener, der Registrator Dr. Ernst Carl John, ausgemittelt 
worden, und des Königs Majestät haben befohlen, sowohl 
gegen ihn als gegen den Verbreiter des Pamphlets eine 
Criminal- Untersuchung einzuleiten, mit deren Führung ich, 
der Unterzeichnete, beauftragt bin. Diese Untersuchung scheint 
in Rücksicht des p. John bis jetzt das Resultat zu geben, 
daß derselbe einem Vorgesetzten, der seine Willfährigkeit ge- 



yS Neue Mittheilungen. 



mißbraucht, bloß als Werkzeug gedient habe. Wenn aber 
die Motive der ganzen That überhaupt noch sehr im Dunklen 
liegen, mithin es auf nähere Kenntniß des Mannes ankömmt, 
sich aber aus der Geschichte seines früheren Lebens ergiebt, 
daß er in den Jahren 1812 — 13 zu Ew. Excellenz in einem 
näheren Verhältnisse gestanden hat: so bitte ich für den Zweck 
der Untersuchung gehorsamst, mir die Erfahrungen mitzu- 
th eilen, die Sie in diesem Zeiträume über seinen Character 
gemacht; wobei es sich von selbst versteht, daß Sie davon 
nur den vorsichtigsten Gebrauch erwarten dürfen. 

Vorzüglich ist es mir erheblich zu wissen, ob der p. John 
früher wohl Neigung und Talent zu politischer Schiiftstellerei 
gezeigt habe, und ob man ihm zutrauen könne, daß er aus 
eigenem Antriebe das Wagstück unternommen, als kaum erst 
vereideter Preußischer Beamte, eine Schrift zur Verbreitung 
in dem Preußischen Sachsen zu entwerfen, in welcher unter 
anderen die Hoffnung ausgesprochen wird, daß Oestreich, die 
Unnatürlichkeit des Bundes mit Preußen erkennend, als 
Sachsens Rächer aufstehen werde, oder ob es ihm ähnlicher 
sieht, daß, wie er behauptet, er sich blind in das Verlangen 
seines Chefs gefügt, der tiefer liegende Zwecke vor Augen 
habend, von ihm gefordert, daß er die im Herzogthum Sachsen 
im Schwange gehenden Hoffnungen zu einer Wiedervereinigung 
mit dem Mutterland' in ein recht grelles Licht zusammen- 
fassen solle. 

Endlich bemerke ich noch, daß der p. John mir bei 
Gelegenheit seines Verhörs geäußert, daß er in Weimat* eine 
große Anzahl von Verwandten habe. 

Diese wissen vielleicht nicht sein Schicksal, und es wäre 
mir schmerzlich, wenn sie es durch mich erführen und da- 
durch beunruhigt würden. Ich erlaube mir daher die Bitte, 
insofern die Geschichte dort noch nicht bekannt seyn sollte, 
um die gefällige Verschweigung des Inhalts dieses Briefes. 

Mit der Gesinnung der aufrichtigen Verehrung habe ich 
die Ehre zu sein 

Ew. Excellenz 
p. p. 

4- 
An J. E. Hitzig. 18. März 18 16. 

Auf die von Ew. Wohlgeboren an mich erlassene zu- 
trauliche Anfrage verfehle nicht sogleich das Nothwendige 
zu vermelden. 



' So habe ich aus dem in der Handschrift stehenden: Mutterband 
verbessert. 



Fünf Briefe Goethes. 79 

Die Familie des gedachten John befindet sich wirklich 
hier in Weimar, eine Mutter und unverheirathete Schwester. 
Sein Stiefvater, Hr. Geheimer Cammerrath Büttner, ist ein 
bejahrter und würdiger Großherzogl. Diener, dessen Söhne 
wohlgerathen und versorgt. Durch mich sollen diese guten 
Leute nichts von dem vorliegenden Falle erfahren. 

Obgedachter Sohn studirte mit meinem Sohne in Jena, 
dieser empfahl mir seinen Universitätsgenossen wegen 
schöner Handschrift und vorzüglichen Kenntnissen in alten 
und neuen Sprachen, und ich konnte die zwey Jahre die er 
in meinen Diensten stand, ganz wohl mit ihm zufrieden 
seyn. Heimliche Untugenden, Neigung zum Trunk u. d. g. 
wußte er geschickt zu verbergen, doch kamen solche mehr 
zum Vorschein, als er mich zweymal ins Bad begleitete, 
besonders aber das letztemal im Jahr 18 13 in Töplitz. 

Um seine heimlichen Ausgaben zu decken, hatte er 
Schulden gemacht, nicht eben auf meine» Namen, aber 
doch das Zutrauen mißbrauchend, welches ihm das nahe 
Verhältniß zu mir verschaffte. Ich entließ ihn und habe 
seit der Zeit, nur in allgemeinen von seiner Anstellung in 
dem Königreich Sachsen und Preußen vernommen. 

Wenn nun Vorstehendes keineswegs zu seiner Em- 
pfehlung gereicht, so kann ich dagegen bezeugen, daß ich 
niemals an ihm eine politische Tendenz bemerkt habe, außer 
jenem löblichen patriotischen Eifer, welcher damals die 
deutsche Jugend belebte. 

Ich erinnere mich nicht, daß er ein leidenschaftlicher 
Zeitungsleser gewesen, kann aber für gewiß sagen, daß ich 
nie eine politische Broschüre in seinen Händen gesehen. Die 
Bücher, die er mit ins Bad genommen hat, bezogen sich 
allein auf Französische und Englische Literatur, deshalb ich 
ihm Vorwürfe machte, weil ich gewünscht hatte, daß er 
sich in der Rechtswissenschaft, in der er schon gut gegründet, 
ja bey einem desfalsigen Examen sehr wohl bestanden war, 
mehr ausbilden sollte. Ebenso kann ich versichern, daß 
ich in ihm gar keine schriftstellerische Neigung gekannt, ja 
daß er, wie sichs besonders am Ende ergab, alle Zeit, die 
ihm meine Geschäfte übrig ließen, zu heimlichen Wohlleben 
anwandte und in lustigen Gesellschaften vergeudete. 



8o Neue Mittheilungen. 



Sollte ihm nun jenes mir selbst unwahrscheinliche Ver- 
brechen nicht erwiesen, und er wxgen seiner leichtsinnigen 
Handlung nicht gänzlich verstoßen werden, so würd ich, 
ob er es gleich nicht um mich verdient, die Vorbitte für 
ihn einlegen, daß man mit ihm, wiewohl unter strenger 
Aufsicht, einen nochmaligen Versuch zu seiner Besserung 
machen möge. 

Wie ungern giebt man die Hoffnung auf, so schöne 
Talente untergehen zu sehen. 

Mit vorzüglicher Hochachtung und mit Bitte mir von 
dem Ausgang der Sache gefällige Nachricht zu ertheilen, 
habe ich die Ehre mich zu unterzeichnen. 

'Ew. Wohlgeb. 

ergebenster Diener 
Weimar den i8 März 1816. J. W. Goethe. 



Der im Vorstehenden abgedruckte kurze Briefwechsel 
wird nach Abschriften veröffentlicht, die ich vor vielen 
Jahren in der Handschriftensammlung des längst verstorbenen 
Herrn Dr. Jul. Friedländer, des Directors des Kgl. Münz- 
kabinets in Berlin machen durfte. Von Hitzigs Briefe lag, 
soweit ich mich erinnere, ein Concept, von dem Goethes 
eine Abschrift vor, auf der bemerkt war »Nach den Origi- 
nalen, im Besitze des Herrn B. Friedländer«, des Sohnes von 
David und des Vaters von Jul. Fr. Dieser kurze Briefwechsel 
war nicht ganz unbekannt. Nachdem Hirzel den Goetheschen 
Brief in dem neuesten Verzeichniß (1874, vielleicht auch 
schon früher) unter den Handschriften als Abschrift aufgeführt 
hatte, gab Strehlke in einem Verzeichniß Bd. i S. 270 eine 
kurze Inhaltsangabe des Goetheschen Briefes. Der letztere 
ist erwähnt unter dem Datum des 17. 3. 1816, Tagebücher 
V, 215.' 

J. E. Hitzig 1780 — 1849, der Freund und Biograph 
Chamissos, E. T. A. Hoffmanns und Z. Werners, war eine 
literarisch interessante Persönlichkeit, als Buchhändler, juristi- 
scher Schriftsteller, als Verfasser mancher gelehrten Hand- 



' Für das Folgende vgl. C. A. H. Burkhardt, zur Kenntniß der 
Goethe-Handschriften, Wien 1898, ferner Goethe-Jahrbuch, Bd. XIX. 
Ausserdem ist ein Fascikel des Geh. St.-A. in Berlin über Johns Pen- 
sionirung benutzt. Johns Thätigkeit als Censor ist in meinem Buche : 
Das jun^e Deutschland und die preußische Censur, Berlin 1900, aus- 
führlich oehandelt. Aus dieser Schrift S. 148 ff. sind einige Abschnitte 
in Folgendem wiederholt. 



Fünf Briefe Goethes. 8l 



bücher bekannt. Mit Goethe stand er, wie auch aus unseren 
Briefen ersichtlich, in sehr geringer Verbindung; das wenige 
was darüber zu sagen ist, ist bei Strehlke zusammengestellt. 
Näher war Goethe mit John bekannt. 

K. E. John ist am 25. Nov. 1788 in Arnstadt als Sohn 
des dortigen Pfarrers geboren und am 29. Januar 1856 in 
Naumburg gestorben. Er zog mit seiner Mutter, die in zweiter 
Ehe den Kammerrath Büttner heirathete, nach Weimar, be- 
suchte dort das Gymnasium^ wurde mit Goethes Sohn be- 
kannt, als Student in Jena auch mit Rückert und kam, 
durch Empfehlung des Ersteren in Goethes Dienst als Schrei- 
ber (181 2). Er blieb bei ihm nur bis 1814, und bewährte 
sich in dieser Stellung weder geistig noch sittlich, noch auch 
körperlich, denn in Folge seiner Kränklichkeit machte er 
Goethe viel zu schaffen. Nachdem er Goethes Dienste ver- 
lassen hatte, muß er sich in Sachsen und schließlich in 
Preußen aufgehalten und sich als Schriftsteller versucht haben. 
Doch brachte ihm dies wenig Gewinn. Vielmehr kam er wegen 
der oben erwähnten Schrift »Sachsen und Preußen« in Unter- 
suchung. Sie scheint aber keine üblen Folgen für ihn gehabt 
zu haben. Trotz jener Arbeit gelangte er durch den Haupt- 
mann Verlohren in preußische Dienste, wurde bei Errichtung 
der damaligen Berliner Regierung als Hilfsexpedient beschäftigt 
und am 20. September 181 7 als expedirender Sekretär bei 
ihr angestellt; nach der Auflösung dieser Regierung ging er 
in gleicher Eigenschaft zum General-Bureau des Polizei-Prä- 
sidiums über. Er wurde, »obgleich er von burschenschaft- 
lichen Ideen Jenas angehaucht und für straffällig erachtet 
wurde, begnadigt, auch in seiner Stellung belassen«. In dieser 
seiner Sekretärstellung hatte er vielfach Censur zu üben, wie 
schon aus einem Aktenstücke vom J. 182 1 hervorgeht, in dem 
ihm auch die nicht zum Druck bestimmten Stücke und Reden 
auf Privatbühnen, Stücke der Marionettentheater und Reden, 
die in den Tabagien gehalten wurden, unterstellt werden. 

In der eben erwähnten Thätigkeit muß er sich die Zu- 
friedenheit seiner Vorgesetzten erworben haben. Er erhielt 
offiziell Kenntniß von einem an die Polizeipräsidenten er- 
lassenen ministeriellen Schreiben (5. März 1823), in dem 
jene aufgefordert wurden, da mannigfache »Bestätigungen der 
Sorglosigkeit« bekannt geworden seien, mit der die Censur 
geführt werde, »grössere und kleinere Schriften, welche ihnen 
amtlich begegnen, gefährliche Grundsätze enthalten und doch 
die Censur passirt haben, dem Minister zu nennen.« John 
muß bei dieser Gelegenheit belobt und zur Fortsetzung seines 
Eifers ermuntert worden sein, denn er bedankte sich (5. Mai 
1823) für das ihm erwiesene Vertrauen und versprach, »durch 
die sorgfältigste Aufmerksamkeit auf die erscheinenden poli- 

Goitbi-Jabkbuch XXII. 6 



82 Neue Mittheilungen. 



tischen und Volksschriften mit dahin zu wirken, dergleichen 
Druckschriften, welche schädliche Grundsätze lehren und 
Aeußerungen enthalten baldigst zu Hochdero Kenntniß zu 
bringen.« Er entschuldigte sich dabei, dem Geschäft nicht 
immer die gewünschte Zeit widmen zu können, wegen seiner 
gehäuften Arbeit als Expedient, »obwohl ich schon seit ge- 
raumer Zeit auf alle Privatstudien, ja auf fast alle Erholung 
Verzicht leiste.« 

Um eine solche schätzbare Kraft nicht im Secretär-Dienst 
versauern zu lassen,^ wurde er am 22. December 1823 mit 
einem Gehalt von 1 500 Thlr. zum Redacteur der Staatszeitung 
ernannt »in Rücksicht der ihm zur Seite stehenden vortheil- 
haften Zeugnisse und in Erwartung einer eifrigen und ent- 
sprechenden Führung des Geschäfts.« Die Leitung eines 
officiellen Blattes durch einen Subalternbeamten, der kein 
Examen gemacht und keinerlei Bildung abgeschlossen hatte, 
befriedigte: John erhielt den Hofrathtitel und als der alte 
Grano an Umsicht nachließ, meinte der Minister (10. März 
1828) in einem Schreiben an den Oberpräsidenten, John könnte 
bei der Staatszeitung entbehrt werden und den Censorposten 
übernehmen. Kaum hatte Grano die Augen geschlossen, so 
schrieb schon Ancillon (28. Mai 1831), der Minister des Aus- 
wärtigen, unter dem die Staatszeitung stand, an Brenn, den 
Minister des Innern, John möge als Nachfolger Granos ernannt 
werden, zumal die Redaction für seine Gesundheit zu an- 
strengend und ihm ein wenn auch nicht minder schwieriges, 
doch eher eine Stunde der Muße gewährendes Amt dringend 
zu wünschen sei. Dabei wurde ihm folgendes treffliche Attest 
gegeben: »Er verbindet mit den bewährtesten Gesinnungen 
eines dem Könige und dem Staate gleich treu ergebenen 
Dieners eine ebenso ausgezeichnete als vielseitige wissenschaft- 
liche Bildung, sowie nicht minder ein auf Erfahrung und eignes 
SittlichkeitsgefUhl gegründetes gesundes Urtheil, das ihn bei 
einer in der That fast peinlichen Vorsicht auch in den 
schwierigsten Fällen jedenfalls vor Mißgriffen bewahrt.« Auch 
von dem Polizeipräsidium, das zwar bekannte, er habe die 
höheren Prüfungen zur Darlegung seiner Qualifikation zu 
einer Rathsstelle nicht gemacht, wurde ihm ein gutes Zeugniß 
ausgestellt, er habe »sehr gelungene Ausarbeitungen geliefert, 
die von schneller Fassungskraft, gründlicher Beurtheilung und 
vorzüglicher Darstellungsgabe zeigten.« 

Provisorisch wurde John die Stelle am 30. Juni 1831 über- 
tragen, nachdem auch das Obercensurcollegium sich für ihn 
ausgesprochen hatte, definitiv erst am 14. Juni 1832. Die 
Regulirung seines Gehalts machte Schwierigkeiten ; dies wurde 
auf 1650 Thlr. normirt: 1350 Thlr. Censurgebühren, die sein 
Vorgänger bezogen, 300 Zuschuß des Ministeriums. Auf 



Fünf Briefe Goethes. 83 



Johns Bitte wurde ihm 21. Juli 1832 der Charakter eines 
Geh. Hofraths verliehen, er wünschte beim Wiedereintritt in 
das Censurgeschäft »durch Verleihung eines höhern amtlichen 
Charakters vor einer schiefen und ungünstigen Beurtheilung 
des Publikums geschützt zu werden.« Der ihm zugewiesene 
Wirkungskreis war die Censur der nicht politischen Artikel 
der Spenerschen und Vossischen Zeitung, femer des Intelligenz- 
blattes, einiger juristischer Zeitschriften, sowie aller Tages- und 
Flugschriften im Ressort des Ministeriums des Innern. Seine 
Einnahmen, die hauptsächlich in den Gebühren des Intelligenz- 
blattes bestanden, mehrten sich stetig: sie betrugen 1839 schon 
3271 Thlr. und stiegen in den Jahren 1842 — 44 durchschnitt- 
lich auf 3856 Thlr., wovon die jährlichen Bureaukosten mit 
etwa 100 Thlr. abgingen. 1836 wurde John Censor für das 
Junge Deutschland, 1837 erhielt er den Rothen Adlerorden. 
Am 17. März 1848 hörten seine Funktionen auf in Folge der 
Aufhebung der Censur, am i. Juli wurde er mit 1250 Thlr. 
pensionirt. Auch damals wurde ihm ein gutes Zeugniß er- 
theilt: er sei stets pünktlich, diensteifrig und abgesehen von 
den letzten Jahren, wo die zunehmende körperliche und geistige 
Schwäche störend einwirkten, stets befriedigend gewesen. Er 
hatte sich in den letzten Jahren einen Adjunkten halten 
müssen und erklärte sich für zu alt und krank, um einen 
anderen Staatsdienst zu übernehmen. Er hatte damals noch 
drei unversorgte Kinder; seine Frau war 32 Jahre alt an der 
Schwindsucht gestorben. Seine Verhältnisse waren sehr traurig; 
die Acten enthalten von 1849 bis 1854 zahlreiche Bettel- 
briefe, in Folge deren er mannigfache Unterstützungen erhielt. 



s. 

An Joh. Fr. L. Wachler. 24. Okt. 18 19. 

Unter die schönsten Gaben, die ich zu meinem Feste 
wohlwollenden Landsleuten verdanke, gehört gewiß Ew. 
Wohlgebornen Sendung. Nur stellenweise konnte ich Ihr 
bedeutendes, mit so vieler Sorgfalt gearbeitetes Werk mir 
zueignen, und ich habe durchaus darin gefunden, was mit 
meiner Ueberzeugung zusammentraf. Ferner hab ich zu 
danken für manche Belehrung über mittlere Epochen, in 
denen ich weniger bewandert bin; so wie für neue und 
frische Blicke auf Gegenstände, die mir zwar nicht un- 
bekannt waren, deren Ansichten aber sich durch Zeit und 
Zerstreuung abgestumpft hatten. Den Artikel mich selbst 

betreffend konnte ich nur mit Rührung aufnehmen. Es ist 

6* 



84 Neue Mittheilungen. 



der Mühe werth, lange zu leben und die mancherley Pein 
zu ertragen, die ein unerforschlich waltendes Geschick in 
unsere Tage mischt, wenn wir zuletzt über uns selbst 
durch andere aufgeklärt werden, und das Problem unseres 
Strebens und Irrens sich in der Klarheit der Wirkungen 
auflöst, die wir hervorgebracht haben. Diesen schönen 
Genuß zu verdienen, werde ich nicht aufhören, meine 
Freunde und Landsleute theilnehmend im Sinne zu tragen 
und manches, was gearbeitet und vorbereitet daliegt, mit- 
theilbar zu machen. Ich wünsche, daß es mir gelinge, auch 
Ihnen noch etwas Erfreuliches darzubringen [gezeichnet] 
aufrichtig ergeben J. W. v. Goethe.« 

Der Adressat, Consistorialrath und Professor in Breslau, 
hatte G. zu dessen 70. Geburtstage sein Werk : »Vorlesungen 
über die Geschichte der deutschen National-Literatur, Frank- 
furt a. M. 181 8/1 9, 2 Bände« übersendet. 

Dieses sowie Wachlers Lesebuch der Literaturgeschichte, 
Leipzig 1827 8^ mit Papier durchschossen, befanden sich in 
Goethes Bibliothek. So steht*s nach C. Rulands freundlicher Mit- 
theilung in dem alten großen Cataloge der Göschen Bibliothek. 
Aber als Kräuter anfangs der 40er Jahre die Bibliothek colla- 
tionirte und taxirte, waren beide Werke nicht da und fehlen 
auch noch heute. 

Das Datum ist schwerlich ganz richtig, denn Goethe 
notirt den Brief als abgeschickt schon unter dem 22. Okt. 
181 9; am 28. Okt. wurde das geschenkte Buch unter den ge- 
lesenen Büchern notirt. 

Unser Brief, zuerst von dem Urenkel des Adressaten im 
Aprilheft des »Kynast, Ostdeutsche Monatsschrift« veröffent- 
licht, ging dann in manche deutsche Zeitungen tlber. (Berl. 
Tagebl. 14. April 1899.) 




2. GOETHE-BLÄTTER AUF DER VESTE KOBURG. 

Mitgetheilt von 

Karl Koetschau. 

Kleinere Sammlungen, wie es die etwa 7000 Nummern 
zählende Handschriften-Abtheilung der Herzogl. Kunst- und 
Alterthümer-Sammlung der Veste Coburg ist, sollten meines 
Erachtens am wenigsten damit zögern, das von ihnen aufbe- 



Gorthe-BlXtter auf der Veste Koburg. 85 

wahrte Material bekannt zu geben. Denn jeder Forscher 
weiß, daß er nur zu leicht geneigt ist, an derartigen Orten 
vorüberzugehen, lediglich deshalb, weil ihn nichts daxsiuf hin- 
weist, dort zu suchen. Und doch lohnt sich oft ein kurzer 
Aufenthalt schon über Erwarten. Wer glaubt auf ^er Veste 
Koburg etwas über Goethe zu finden? Nennt man sie, so 
geschieht es ihrer reichen Kunstsammlungen wegen. Daß 
aber manches kultur- und litterargeschichtlich wichtige Do- 
kument auf der Burg aufgehoben ist, das wissen nur wenige. 

Was ich heute an dieser Stelle bieten kann, ist nicht 
eben viel, weder multum noch multa. Aber wem es einmal 
nicht vergönnt ist, Bausteine zuzurichten, der wird sich be- 
scheiden müssen, verbindenden Mörtel zu liefern. 

Einen der Handschriftensammlung der Veste entstammen- 
den Beitrag zur Kenntniß Goethes konnte ich dem Jahrbuch 
schon zum 20. Bande (S. 120 ff.) beisteuern: die von Knebels 
Hand geschriebene erste Fassung eines Goethischen Gedichtes. 
Dieses Mal sollen die eigenhändigen Goethe-Blätter veröffent- 
licht werden. Ich beginne mit den Briefen. 

I. 

Hochwohlgebohrner 
Hochgeehrtester Herr, 
Ich befinde mich in dem Fall Sie für einige unbekannte 
Personen um eine Gefälligkeit zu ersuchen. Aus bey- 
liegender Zeitung werden Sie sehen können wie ein Frey- 
herr von Tost in Graz gestorben, einen seiner Verwandten 
Nahmens Träger zum Erben eingesezt und diesem 3 Ge- 
schwistere von Lampen substituirt. Diese leztem haben 
sich an mich gewendet um durch Vermittlung Ew. Hoch- 
wohlgeb. nähere Nachricht von der Erbschaft, wie hoch sie 
sich belaufe, etwa eine Abschrift des Testaments, sonstige 
Umstände, auch wohl eine sichere Adresse in Graz zu er- 
halten. Sie wissen zwar selbst nicht ob ihr Vorgesezter 
Träger noch am Leben, wünschen aber doch sehr nähere 
Wissenschaft, die ihnen unmittelbaar zu erlangen schweer 
zu seyn scheint. 

Verzeihen Sie meine Freyheit und versichern Sich daß 
ich mit aller Hochachtung sey , 

Ew. Hochwohlgeb. 
Weimar gehorsamster dr 

d. 28 Febr 78. Goethe 



86 Neue Mittheilungen. 



Der ganz eigenhändig geschriebene Brief füllt anderthalbe 
Seiten eines Quartbogens. Aus einer gedruckten und zwei 
geschriebenen Beilagen ist als Adressat ein k. k. Beamter in 
Graz, Anthon von Catharin, ersichtlich. Dieser hatte in 
No. II der Erlangischen Real-Zeitung eine vom lo. Decem- 
ber 1777 datirte auf die Erbschaft bezügliche Bekanntmachung 
erlassen. Von den drei von Lampen'schen Geschwistern war 
ein Bruder in Anhalt-Köthenschen Diensten, als was, konnte 
ich nicht ermitteln,' eine Schwester war in Köthen Stiftsdame, 
eine zweite, Madame Plessing, wohnte in Wernigerode, ist 
also doch wohl die Mutter des von der Harzreise her be- 
kannten selbstquälerischen Schwärmers. Warum Goethe sich 
für die Lampens verwandte, habe ich nicht festzustellen ver- 
mocht. Ob vielleicht der Frau Plessing wegen, die er 1777 
allerdings nicht persönlich kennen gelernt hatte, und die auch 
im Verlaufe der Erbschaftssache sich selbständig nach Graz 
wandte? Oder war er mit einem anderen Mitglied der Familie 
in Dessau näher bekannt geworden? Uebrigens mußte er in 
derselben Angelegenheit noch am 18. März und 30. Mai 1778 
sich bemühen, wie aus dem zweiten Schreiben Catharins her- 
vorgeht, wo auf Zuschriften Goethes mit diesen Daten ver- 
wiesen wird. 

Die drei nächsten Briefe sind schon gedruckt. Der vom 
5. Juni 1782 datirte hat in der Weimarischen Ausgabe die 
Nummer 1483. Das Couvert, mit einem wohl erhaltenen 
Siegel versehen (Darstellung des Ares und der Aphrodite), 
trägt die Aufschrift: 
Des Herrn 
Geheimrath von Thümmel 

Hochwohlgeb. 

Gotha. 

Der Adressat hielt sich also vorübergehend in Gotha 
bei seinen Verwandten oder am Hofe auf, denn Moritz August 
von Thümmel war in Coburg, nicht »wie Strehlke (Briefe, 
S. 321) sagt« in Gotha Minister. Ich verzeichne folgende Ab- 
weichungen von dem Druck: 338, 9 Andencken; 338, 10 u. 
II bey; 338, 24 beyfälligen; 339, 1 8 Gnade und Bereitwillig- 
keit; 339, 21 Mitwürckung; 339, 24 Dankbarkeit für die vor- 
züglich erwiesne Gnade; 339, 28 versprochnen, bedencken, 
versichre; 340, 7 verbundnen. 

Der kurze Brief vom 31. Januar 17 91 an Knebel ist auf 
Grund einer von W. Arndt auf der Veste gemachten Abschrift 



' Auch die mich zu Dank verpflichtenden Bemühungen des 
Herz. Haus- u. Staatsarchives in Zerbst, wo Herr Dr. R. Siebert Nach- 
forschungen anstellte, hatten kein Ergebniß. 



Goethe-Blätter auf der Veste Koburg. 87 



— hat er die anderen Blätter nicht gesehen? — unter No. 2852 
veröffentlicht. 

No. 4958 giebt den Brief an den Herzog Franz von 
Coburg -Saalfeld vom 16. August 1804 nach dem Concept 
wieder. Zur Ergänzung sei bemerkt, daß das mit einem noch 
erhaltenen Siegel (kleinem Eros) verschlossene Couvert die 
Aufschrift trägt: 

Ihre 

des regierenden Herzogs 
von Sachsen Coburg 

u. Saalfeld 
hochfürstl. Durchl. 
franko. Coburg. 

Anrede im Text : »Durchlauchtigster Herzog, gnädigster 
Herr,« 

Abweichungen: 191, 14 gerne; 191, 16 biß; 191, 17 
höheren; 191, 18 vorzubereiten; wobey; 191, 19 ankommt 
wieviel; 191, 20 u. 21 profitirt von der Art seyn daß; 192, i 
werde, wozu ich, um Höchstderjselben; 192, 3 liegt gern, 
mit Eifer beyzutragen wünsche. 

Schluß: Der ich es für ein Glück schätze mich unter- 
zeichnen zu dürfen, 

Weimar Ew. Durchl. 
d. 16 Aug unterthänigster 

1804. J W V Goethe 

Aus dem Jahre 1814 stammt ein kurzes empfehlendes 
BUlet : 

Der rußische Brigadeadjuiant Tschellikow, bey Mad. 
Ludekus wohnhaft, wünscht an dem Gebrauch der Herzogl. 
Bibliothek Theil zu nehmen. 
W. d. 22 Febr. Goethe 

1814 

Ueber Tschellikow konnte ich auch mit der mir gütigst 
von Herrn Geheimrath von Bojanowski gewährten Hilfe nichts 
Näheres erfahren. 

An »Herrn Rath Vulpius«, wie ein Ausschnitt aus der 
Adresse besagt, wendet sich Goethe mit einigen Zeilen um 
Auskunft: 



88 Neue Mittheilungen. 



Möchten Sie, mein werthester H. Rath, nachforschen: 

ob der Nähme 

Falinco 

in der Corsischen Geographie vorkommt, es sey als District, 

Stadt, Ort oder Gebirg. Durch den Fund geschieht mir 

ein besonderes Vergnügen. 

Das beste wünschend 

Jena Goethe 

d. 27 Jun. 

1816. 

Unter dem darauf folgenden Tag finden wir im Tage-' 
buch (V, 246) angemerkt: »Merkwürdiger Stein von Valinco 
in Corsika«, am nächsten (V, 247) »Base zu dem Corsischen 
Gestein« und »Spörls Corsika«, das auch weiterhin noch ge- 
nannt wird. Einer freundlichen Auskunft des Herrn Geheim- 
raths von Bojanowsky zufolge entlieh dieses Werk Goethe 
von der Großherzogl. Bibliothek am 29. Juni. Es stellt also 
die Antwort des Rathes Vulpius dar. 



Unbekannt blieb mir der Adressat, mit dem sich die 
folgenden Zeilen beschäftigen: 

Ich wünsche daß der junge Mensch den Sie em- 
pfehlen sich morgen früh um zehen Uhr bey mir einfinde 
u einige Zeit bey mir arbeite, damit ich ihn prüfen könne. 
W. d. 28 Octbr Goethe 

1817. 

Die an den Geh. Leg.-Rath von Conta am 7. April 1821 
gerichtete kurze Notiz, tlbrigens das einzige nicht eigenhändig 
geschriebene, sondern nur unterzeichnete Blatt der Coburger 
Sammlung, gebe ich hier nicht wieder, da es bereits oben S. 40 
veröffentlicht worden ist. 

Ein undatirtes Blättchen enthält nur die Verzeichnung 
eines Büchertitels: La Vie des Peintres Flamands Allemands 
et Hollandais par J. B. Descamps Paris 1753. II Tom. und 
ein zweites der Art nur die mit Bleistift geschriebenen Worte : 

Findet sich auf Herzogl. Bibliothek eine Nachricht von 
dem neuen Bade Elisen (bey ist durchstrichen) ohnweit 
Bückeburg. G 



Goethe-Blätter auf der Veste Kobürg. 89 

Aus einem mir gütigst von Herrn Geheimrath Suphan 
mitgetheilten Brief an Nikolaus Meyer vom 18. Januar 181 5, 
in dem es heißt: »Vergangenes Frühjahr hatte ich Hoffnung, 
mein würdiger Freund, mich Ihnen zu nähern, indem ich den 
Vorsatz faßte nach Eilsen zu gehen. Da sich aber meine 
Curfahrt nach Wiesbaden wendete, mußte ich auf jene Aus- 
sicht Verzicht thuna — aus diesem Brief geht hervor, daß 
die Notiz etwa aus den ersten Monaten des Jahres 181 4 stammt. 



n. 

In dem »Neuverbesserten Calender für alle Stände, auf 
das Jahr 1789« finden sich auf dem Blatt vor dem Titel 
botanische Aufzeichnungen, auf dem Blatt nach dem Schluß 
des Textes Notizen zur Farbenlehre und flüchtige Skizzen 
mathematisch - technischer Constructionsversuche, auf dem 
Schlußblatt selbst aber, mit Bleistift geschrieben, einige kurze 
Worte, meist mineralogische Bezeichnungen. Diese gewiß 
nicht uninteressanten Bemerkungen hier wiederzugeben möchte 
ich mich um so weniger unterfangen, als nur ein Sachver- 
ständiger sie in das rechte Licht zu stellen vermag. Das Goethe- 
Schiller Archiv wird Sorge tragen, daß dies geschieht. Ich will 
vielmehr jetzt mich den wenigen Niederschriften poetischen 
Inhalts zuwenden, alle von Goethes eigener Hand geschrieben. 

Den Beginn mögen zwei dem Januar des Jahres 18 14 
entstammende Blättchen machen, deren Format ebenso wie 
der Goldschnitt die Bestimmung fUr Stammbücher deutlich 
hervortreten läßt. Das erste enthält offenbar ein nicht sonder- 
lich höfliches Citat aus einem englischen Schriftsteller. Bessere 
Anglisten als ich mögen feststellen, aus welchem; ich suchte 
vergeblich. Es lautet: 

You carry a kind of Bedlam still about ye. 
Weimar d. 3 Ja;j. Goethe 

1814 

Das zweite ist aus der Abtheilung »Sprichwörtlich« be- 
kannt, ist II. 223, II — 14 abgedruckt (Im neuen Jahre Glück 
und Heil) und unterscheidet sich von dem Druck nur durch 
eine etwas veränderte Interpunktion — die drei ersten Zeilen 
haben am Schluß Ausrufezeichen -— und durch das klein 
geschriebene »einen« in der vierten Zeile. Der Vierzeiler 
ist unterzeichnet: 

Weimar Goethe, 

d. 22. Jan. 
1814 



90 Neue Mittheilungen. 



In würdiger Form, geborgen in einer innen mit weißem 
Atlas, außen mit rothem Sammet bezogenen Mappe in Quart- 
Format, bietet sich uns das Jnbiläumsgedicht für den Gothaischen 
Minister von Frankenberg dar. Unter der Abtheilung »An 
Personen« ist es IL 154 f. abgedruckt. In den Lesarten auf 
S. 334 sind die Abweichungen, die Ueberschrift und die 
Datirung — i. Januar 181 5 — nach der Coburger Hand- 
schrift angegeben. 

Von zwei Vierzeilern ist der eine, mit den Worten be- 
ginnend »Ich habe gar nichts gegen die Menge« in den 
2. Theil der Zahmen Xenien aufgenommen (III. 253, 356—359) 
(Abweichungen : nach »Menge« Komma und »Schelmen« an- 
statt »Schelme«), und der andere ist im 7. Theil derselben 
Gruppe aus dem Nachlaß veröffentlicht worden (V*, 85, 
33 — 36) ' »Der Würdige, vom Rhein zum Belt« u. s. w. Außer 
einigen abweichenden Interpunktionen — nach »Wtlrdige« 
und »Welt« kein Komma, nach »ergründen« ein Punkt — 
ist noch anzumerken, daß die vierte Zeile zuerst anders 
lautete : »Wird nur seine Meynung finden« und dann erst die 
wirksamere Fassung, wie sie bereits gedruckr ist, erhielt. 

Am merkwürdigsten erscheint mir das letzte Blättchen. 
Es ist bis jetzt nicht bekannt und lautet: 

Und in stets bewegten Fluten 
Haschen wir lebendige Schätze, 
Lieben Angeln, Leine, Ruthen 
Und verehren unsre Netze. 

Ich glaube, daß wir es hier mit einem kleinen, nicht zur 
weiteren Ausführung gelangten Entwurf aus dem 2. Theil des 
Faust zu thun haben.* In den auf Vers 5198 folgenden 
scenarischen Bemerkungen heißt es : njFiscAer und Vogelsteller 
mit Netzen, Angeln und Leimruthen, auch sonstigem Geräthe 
treten auf, mischen sich unter die schönen Kinder. Wechsel- 
seitige Versuche zu gewinnen, zu fangen, zu entgehen und 
festzuhalten geben zu den angenehmsten Dialogen Gelegen- 
heit.« Ein kleines Bruchstück von diesen Dialogen liegt hier 
vor. Der Inhalt der Verse paßt vortrefflich zu den Bemer- 
kungen, und wenn man die kurz vorhergehenden Gesänge der 
Gärtner liest, so wird man finden, daß sie sich auch formell 
diesen ohne Schwierigkeit zugesellen lassen. 



' Es freut mich, als Eideshelfer Bernhard Suphan nennen zu 
können, dem ich meine Ansicht mittheilte. 



sK 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 91 

3. ZUM GOETHE-ZELTERSCHEN BRIEFWECHSEL 

MIT BEITRÄGEN VON E. v. BAMBERG UND P. WEIZSÄCKER. 

Heraosgegcben von 

Ludwig Geiger. 

a) Zelter an Goethe, mitgetheilt von E, von Bamberg, 
Sie haben mir, mein geliebter Freund, in Hn. Eberwein 
einen recht braven jungen Mann zugesandt, für dessen Be- 
kanntschaft ich Ihnen aufs Neue verbunden bleibe und Sie 
sollen ihn diesmal gerechter zurück erhalten als er gekommen 
ist. Nicht blos seinen Fleiß und seine Beharrlichkeit darf 
ich loben ; auch sein Blick fängt seit sechs Wochen an das 
Herz der Kunst zu suchen und sein Verlangen geht in die 
Ahnung über daß das Rechte und Schöne von jedem besonders 
gefunden werden soll. Wir haben einen ernsthaften Weg 
genommen auf dem es anfänglich nicht eben lustig hergeht, 
doch sind wir seit kurzem ansehnlich vorgeschritten und 
haben Hoffnung uns ganz angenehm einzuspinnen. Schon 
sehen wir ein, daß die Regel nicht allein ist und wieder 
eine Regel hat der wir uns vertraulich nähern, indem wir 
ihren Grund in unserm tiefsten Herzen finden, wodurch denn 
eine Neigung zur Kunst entsteht die nicht jede Welle des 
Tages in Bewegung setzen oder losspielen (sie!) kann. 
Die Verwunderung über künstliches Handwerk geht in tiefe 
Bewunderung und Liebe zur Wahrheit über und so hoflfen 
wir auf einen Weg zu kommen wo die Aussicht immer 
freyer und das Ziel sichrer wird. 

Ich muß nur gestehn daß ich selbst anfange zum jungen 
Eberwein mehr und mehr Neigung zu gewinnen und da er 
so gut' im Zuge ist, wünschte ich seinen Aufenthalt ver- 
längern zu können. Nun ist die Frage: ob er wohl noch 
4— 5— 6Monathe hier bleiben könnte? Wenn er bey seinem 
Fleiße bleibt, stehe ich dafür daß die Zeit gut angewendet 
werden soll; bleibt er nicht dabey, so schreibe ichs Ihnen 
lieber. Es ist gar zu schlimm unter solchen Umständen 
von der Zeit gedrückt zu werden, da doch auch nicht alle 
Tage gute genannt werden können. Leben Sie fein wohl 
mein ewig geliebter Freund und vergessen Sie nicht ganz 

Ihren 
Berlin 9 Mai 1809. Zelter. 



92 Neue Mittheilungen. 



Der Künstler auf den sich dieser Brief bezieht ist der 
Weimarer Musiker Karl Eberwein 1786— 1868, seit i8i8Musik- 
director an der Stadtkirche, seit 1828 großherz. Musikdirector, 
von dem im Goethe -Jahrbuch (vgl. Gesammtregister Bd. I. II) 
vielfach die Rede war. Unser Brief handelt über die zweite 
Berliner Reise des Künstlers. Eberwein kam (vgl. Goethe- 
Zelter I, 333, 335, 337) am 19. August 1808 in Berlin an, 
mußte aber schon am 30. September wieder nach Weimar 
zurück. Zelter hielt seine Bildung lange nicht für beendet; 
deswegen schickte ihn Goethe aufs Neue 16. Februar 1809. 
Dieser Aufenthalt dauerte fast 3 Monate bis 9. Mai; in unserm 
Briefe, dessen Anfangsworte an die Zelters vom 30. September 
1808 anklingen, erhielt er ein glänzendes Abschiedszeugniß, 
das Original, s. Z. ^Eberwein durch Goethe überlassen, ist mit 
Nr. 275 bezeichnet und befindet sich in Herrn v. Bambergs 
Besitz. Er füllt die Lücke, die zwischen 133 und 134 des 
Goethe-Zelterschen Briefwechsels bestand (16. Febr., i. Juni, 
Briefe W. A. 20, 296, 344) gut aus.. L. G. 



b) Aus den Zdterschen Concepten, 

Zu einer Ausgabe des Goethe-Zelterschen Briefwechsels, 
deren Manuscript vor etwa zwei Jahren abgeschlossen wurde 
und deren Erscheinen im Verlage von Philipp Reclam jun. 
in Leipzig in Aussicht steht, hätte ich gern die Originale 
angesehen; leider war es mir nicht vergönnt, die in dem 
Goethe-Schiller- Archiv ruhenden Originale zu prüfen. Für 
die Briefe Goethes mußte ich mich daher darauf beschränken, 
die in der Weimarer Ausgabe gedruckten Briefe zu vergleichen. 
Bei diesem Vergleich stellte sich heraus, daß nur ein kleines 
unbedeutendes Billet vom 13. December 1804 bisher ungedruckt 
war; die Collation der übrigen ergab nur kleine Zusätze von 
selten mehr als ein paar Worten und ganz minimale Aende- 
rungen. Einzelne Worte waren aus Versehen ausgelassen, so 
z. B. »da mich mein Geschick von Ihnen entfernt« zwischen 
»Geschick« und »von« die Worte »diesen Sommer«. Manch- 
mal hat Riemer kleine Fehler verbessert; statt des von Goethe 
geschriebenen »lassen Sie mir hören«, druckte er »mich«. 
Der Fehler unseres Druckes, »daß man von jeder Art Thätig- 
keit untüchtig wird«, ist in das Richtige »zu jeder Art von 
Thätigkeit« verbessert worden. 

Die Vergleichung konnte sich bisher auf etwa fünfzig 
Briefe erstrecken; ob die der übrigen von 1 810— 1832 er- 
giebiger sein wird, vermag ich natürlich nicht zu sagen. 

Die Zelterschen Briefe sind seit ihrer ersten Veröffent- 
lichung nicht wieder gedruckt worden. Vermochte ich auch 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 93 

nicht die Originale einzusehen, so war mir vergönnt, ein 
Convolut von Concepten zu benutzen, die Herr Schulrath 
Fritz Jonas der Berliner Literatur- Archivgesellschaft ins Depot 
gegeben hat. Diese Concepte Zelterscher Briefe an Goethe 
rühren fast ausschließlich aus dem letzten Jahrzehnt der Corre- 
spondenz her. Aus einer Gegenüberstellung dieser und der 
gedruckten Texte entnimmt man die große Sorgfalt, mit der 
Zelter an seinen Briefen arbeitete. Dies ist wunderbar, .weil 
sie eben durchaus einen improvisirten Eindruck machen; in 
Wirklichkeit feilte er daran mit einer für freundschaftliche 
Briefe überaus bemerkenswerthen Anstrengung. Von einzelnen 
Briefen liegen zwei, von einem sogar drei Concepte vor und 
wenn man endlich den gedruckten Text mit den verschiedenen 
Concepten vergleicht, so sieht man neue Aenderungen und 
Verbesserungen. Das frappanteste Beispiel von diesem Con- 
cipiren von Briefen bildet das undatirte Billet (Briefwechsel 
Band 4 S. 360 f.). Es soll den Eindruck hervorrufen, als 
wenn es in großer Eile geschrieben sei, aber selbst der 
Schluß »das Mädchen wartet« ist bereits in dem Concepte 
vorhanden. 

Aus diesen Concepten nun läßt sich mancherlei Interessantes 
dem bekannten Briefwechsel hinzufügen, z. B. Ausfüllung von 
Lücken, die in dem gedruckten Text durch Striche angedeutet 
werden. 

So ging Zelter am 7. Nov. 1827 auf die »Tabelle« ein, 
»welche den Inhalt der Tonlehre« darstellt. Eine solche hatte 
Goethe dem musikalischen Freunde am 6. Sept. 1826 geschickt 
und dazu bemerkt »kann zu deren Vollständigkeit etwas bei- 
getragen werden, so soll es mich erfreuen«. Zelter äußerte 
(Anfang 1827) »gegen Deine Tabelle und ihre Aufstellungs- 
methode wüßte ich nichts einzuwenden.« Am 9. Juni 1827 
trug Goethe die Bitte vor, ihm gelegentlich die Tonlehre zu- 
rückzuschicken ; Zelter antwortete noch an demselben Tage, er 
habe sie an die Wand seines Zimmers angeheftet und müsse 
sie erst abschreiben. Erst im November desselben Jahres ging 
Zelter näher darauf ein ; diese Auseinandersetzung ist aber in 
den gedruckten Briefwechsel nicht aufgenommen.' 

»Um zu diesem Maaße zu gelangen, nehmen wir erst 
einen klingenden Körper als ein Ganzes an.« — Dabei fiel 

* Vor der Auseinandersetzung über die Tabelle erzählte Zelter 
eine Skandalgeschichte, die ich mitzutheilen keine sonderliche Lust habe. 
Der Redacteur hat sie unterdrückt, dabei aber zwei Stellen Goethes 
(Band 4 S. 441 und 452) ruhig stehen lassen, die der Leser gar nicht 
versteht, da eben Zelters Erzählung nicht gegeben ist — ein Beispiel, 
das zeigt, wie nachlässig der Redacteur unseres Briefwechsels manch- 
mal zu Werke ging. 



94 Neue Mittheilungen. 



mir ein, ob du nicht dazu sezzen möchtest »oder den Klang 
einer gespannten Saite« — indem die Saite durch bloße 
Erschütterung schon den Klang giebt, ohne an sich selbst 
ein klingender Körper seyn zu müssen. Das ist freiHch eine 
fast zu kleine Angabe, die nur das Messen der Klänge 
erleichtert, das bei Glocken und anderen klingenden Körpern 
schwieriger ist. 

Daß die ganze Lehre auf die ganze Erfahrung gegründet 
sey kommt eben zurecht, als die Philosophen sich den 
Kopf zerstoßen unsere Musik zu ihrer Sache zu machen. 

Wenn wir auch wüßten was sie wollen, so erfahren 
sie niemals was wir können u. endlich geschiehts wie dem 
sei. Moriz (der doch immer noch ein Mensch war) und 
uns einst die Schönfi^ten eines garnicht schönen Säulen- 
kapitaels aus einander sezzen wollte, ja, was er sprach ließ 
sich gut hören, es wollte nur nicht zu diesem Muster passen. 

Wichtiger als die Ausfüllung einzelner Lücken in den 
gedruckten Briefen sind entweder ganze Briefe, die geschrieben, 
vielleicht auch abgeschickt sind, aber von dem Herausgeber 
nicht in den Text aufgenommen oder schließlich von dem 
Absender zurückgehalten wurden. Ferner große Stellen, die, 
nachdem sie niedergeschrieben waren, aus irgend welchen 
Gründen vor des Schreibers Augen keine Gnade fanden. Sie 
zeigen des Correspondenten redliches Bemühen, sich über 
gewisse Dinge, für die er bei dem großen Freunde Interesse 
voraussetzte, klar zu werden, ehe er vor den Meister trat. 

Einzelne Beispiele dafür mögen genügen. Der große Brief 
Goethes vom 21. November 1827 hat im gedruckten Brief- 
wechsel keine Antwort, denn der vom 23. November ist vor 
dem Empfang des Weimarischen Schreibens abgefaßt, kann 
daher auf diesen nicht eingehn. Am 4. December kam Goethe 
nochmals auf das in seinem vorigen Brief behandelte Leben 
Napoleons von Walter Scott zurück. Aber auch dann äußerte 
sich Zelter nicht unmittelbar, sondern erst in seinem Schreiben 
vom 28. Januar 1828 (Band 5, S. 6 f., 9 f.). Diese beiden 
Stellen sind ziemlich kurz und entsprechen nicht der Art des 
Berliners, einer Weimarer Anregung zu folgen, vielmehr war es 
klar, daß ein Werk, das eine ausführliche Beurtheilung Goethes 
erfahren hatte, von ihm gründlich durchgenommen und be- 
handelt wurde. So zeigen in der That seine Concepte eine 
viel ausführlichere Darlegung desselben Gegenstandes. Da 
nun das Werk, um das es sich hier handelt, bedeutend genug 
ist, so werden die folgenden Auseinandersetzungen wohl auch 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 95 

mit Interesse gelesen werden. Auch legt Goethes ausführliche 
Antwort (Band 5, S. i8f.) die Vermuthung nahe, daß er mehr 
erwartet und vielleicht empfangen hatte, als die dürftigen, 
oben erwähnten Notizen Zelters im gedruckten Briefwechsel. 

B. 7. Dez. 1827. 

Deine Hypothese wird mir zur Auflösung, indem ich 
soeben die zwey ersten Capitel von W. Scott's Napoleon 
vollendet habe. Mir sind Leute genug bekannt, die das 
ganze Jahr gegen Vorurtheil im Kriege begriffen, sich täglich 
selber im Irrthum ertappen. Dein weises Wort: »Wer sich 
bey einer Legende beruhigen muß lasse die Geschichte seyn 
wie sie ist« kommt ganz zur Zeit, Alles wollen sie zurecht- 
rücken hinterher, und was am Tage geschieht da sind sie 
bald vor bald hinter sich. 

Wer unter den kombinierten Gegenmächten hier be- 
sonders im Schatten stehen soll wäre zu errathen; doch 
wer am verdächtigsten dasteht, ist der große Mordkaiser 
der Jausiger 80 Mille Pfund Blutgeld nimmt, um sich und 
sein ungeheures Land zu schaden ohne zu merken, daß er 
wie alle seinesgleichen wie eine spanische Wand zwischen 
2wey Elementen steht, um von beiden Seiten durchbohrt 
2u werden. 

Den 31. Dez. 1827. 

Der Winter ist mir freilich noch selten günstig ge- 
wesen. Diesmal habe meinen Geburtstag unter Schmerzen 
feiern sollen mich aber lustig machen müssen um Andern 
ihre Freude nicht zu verderben, das mir darum nicht 
schlechter bekommen ist, wie mir's auch mag gekleidet 
haben. 

Deine Weissagung über W. Skotts Leben Napoleons 
trifft gut zu. Man rekapituliert nicht ohne Nutzen die ab- 
gedankten Akteurs und Komparsen der Revolution und 
das worüber man ihn tadeln will, ist eben wieder an der 
Zeit, um ähnliche Gesellen aufzurufen. Auch ich habe die 
große Weltbegebenheit damals wie eine Familiensache 
empfunden, tief betrübt über die Leiden guter Menschen, 
hoch aufgeregt durch die gewaltsamste Bewegung. 

Nach 30 Jahren kühlt sich's freilich ab; man schilt 
nicht mehr den Ocean der ein Schiff einer Flotte begräbt. 



96 Neue Mittheilungen. 



Wie wollte man die moralische Welt ausnehmen? Was 
weiß die Menge von der Unschuld Eines, den sie erst 
trägt und dann verschlingt. 

Den 7. Jan. 28. Jetzt sind wir eben aus Egypten in 
Frijus gelandet und mit größtem Interesse belehrt worden 
über Geschichte und deren Darstellung. Wer Recht be- 
hält hat Recht und das zeigt sich abermalen und wer von 
allen den guten Leuten hält seine Sache nicht für die 
rechteste und ist froh, das alte Sündenleben sobald wieder 
in Fluß zu sehen. 

Der Vf. erscheint als Geschichtsschreiber, Philosoph, 
Sittenrichter und Politikus, allein er ist wirklich unterrichtet; 
er hat die Dinge erlebt, nahe und fern gesehen, wie man 
eben sieht. Er stellt sich hoch genug, um die Sachen aus 
einer Art von Vogelperspective zu übersehen. Er scheint 
mir die Revolution in ihrer individuellen Thätigkeit nach 
Namen und Stand zu nehmen und den WeltbegrifF zu ver- 
lassen nach welchem nichts beständig ist, wäre es auch 
uns noch so bekömmlich. Daß keiner sich will nehmen 
lassen, was er hat, ist ebenso natürlich, als daß Keiner 
dem Andern gönnt was er hat. Danton, Robespierre, Marat, 
Sieyes und Tutti quanti, das sind Namen die sich so wenig 
schelten lassen, wie die Personen eines Dramas das Werk 
irgend eines Dichters oder man müßte annehmen, daß 
diese Leute die Geschichte machten, in die sie ebenso zu- 
fällig hineingerathen wie die Zeit selber. 

Was übrigens etwas stark aus dem Vf. hervortritt ist 
der Engländer der gern den Nationalneid unterdrücken 
will gegen einen Mann von Genie den er lobt wie er 
nicht anders kann und hinterher von gewisser Höhe herab 
des Ehrgeizes beschuldigt, wenn dagegen die Bourbons, 
das östreichische Kabinet und alles was in englischem 
Solde stand seiner völligen Legitimität sich freuen dürfe. 
Selbst Fr. v. Stael, die Unschuld selber ist wohl angesehen 
wegen ihrer Eifersucht gegen Napoleon. Es ist in der 
That verdächtig, wenn ein Engländer gegen Despotism. 
Unterdrückung, Tyranney und dergl. spricht; und zwar 
bei einer Gelegenheit, da er in aller weiten Welt nur einen 
Mann sieht, der nicht zu bestechen ist. Solcher Fall scheint 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 97 



ihnen noch nicht vorgekommen zu seyn. Es muß erlaubt 
sein, sich ebenso klug und hoch zu stellen als der Vf. 
indem er die ungeheure Weltbegebenheit der Revolution 
wie eine Familienangelegenheit betrachtet, von der England 
sich wie ein Altpapa (?) ansieht. Ja man muß so billig 
seyn den Engländern zu erlauben einen Abfall wie den der 
Vereinten Staaten nicht zum zweiten Male erleben zu wollen. 

Wenn Napoleon Alles ist was ihm der Vf. aufladet, 
so muß man gestehen daß so manches Gute hervorge- 
gangen ist. In dieser Geschichte steht ein Mann gegen 
die Welt die auch beherrscht wird und thut was ihre 
Herrscher wollen. Daß dieser Mann bei aller Eitelkeit, 
Herrschsucht u. s. w. durch eine ziemliche Reihe von Jahren, 
trotz Jugend, Weltlust, ICampf lust durch nichts bestochen 
ist was alle Welt für das Liebste, Schönste, Größte hält, 
das ist ein Punkt den nicht zu vergessen ich dem Vf. 
empfehle. Fragt man weswegen und wofür so vieles Blut 
vergossen ward; so fragt ein Engländer: Was kostet das 
Pfund Menschenblut. Oestreich mag sich bedenken und 
alle Andern auch, bezahlt ist bezahlt. 

Wem der Patriotismus d. Vfs. nicht zuwider ist der 
kann hier was lernen; das Werk ist gut geschrieben und 
scheint nicht die Arbeit Eines Individuums, wo nicht be- 
stellte Arbeit zu seyn. Ob es auf die Kaiserl. Regierung 
eine Wirkung thun wird, mag sich zeigen. 

W. S. hat eine An von Witz um seinen Helden herunter 
zu halten, wovon stets die Hälfte w^ahr und die Anwendung 
falsch ist indem er ihm stets aufbürdet, was seinen Lands- 
leuten zur Last fällt. Manchmal will er sich zu Napoleon 
erheben indem er über ihn gleichsam hinausgeht um gerecht 
zu scheinen, da erblickt man ihn in einer Art Vogelperspective. 

Ungedruckt ist ferner folgendes Briefchen vom 17. Oktober 
1829, das nach der ganzen Fassung den Eindruck macht, als 
sei es wirklich abgeschickt worden. Im gedruckten Brief- 
wechsel aber findet sich und zwar an anderer Stelle (Band 5, 
S. 311) aus diesem Concept nur eine Berlioz betreffende 
Stelle, die in dem folgenden Abdruck ausgelassen worden ist. 
Zur Erklärung des hier Mitzutheilenden diene Folgendes: 
Zelter war eben von Weimar nach Berlin zurückgekommen. 
Der Eindruck, den er durch Goethe empfangen hatte, war so 

Goithc-Jahkivcb XXII. 7 



98 Neue Mittheilungen. 



groß, daß er sich darüber sofort äußern mußte. Aber unser 
Brief ist auch interessant wegen der Stelle über Immermann. 
Das Stück, um das es sich handelt, führt den Titel »Kaiser 
Friedrich II.«, Trauerspiel in fünf Abtheilungen. Es wurde 
mit Musik von W. Hennig vom 15. — 24. Oktober im Ganzen 
dreimal zu Berlin aufgeführt. 

17. October 1829. 

Im Jahre 1823 (III. 364) schrieb ich Dir aus Elberfeld, 
daß ich daselbst eine verwandte Liedertafel gefunden und 
in der Familie des Fabrikanten Jakob PlatzhofF (seine Frau 
ist eine Berlinerin) so wohl aufgenommen gewesen sey. 
Dieser Platzhoff ist eben hier und bittet mich, ihm ^in Blatt 
an Dich mitzugeben. 

Wenn ich die Gelegenheit nicht versäume, Dir ein 
Zeichen des Lebens zukommen zu lassen, sollst Du darum 
nicht mehr und minder gequält seyn, ich bin froh nachher 
durch ihn zu vernehmen, daß Du straff und tüchtig bist, 
wie ich Dich vor Kurzem gelassen ; da es Dir eben jetzt 
nicht an Besuchern fehlen mag, die weder abzuweisen noch 
zu erbauen sind. 

Wir haben hier ein neues Trauerspiel : Kaiser Friedrich 
der Zweite, von Immermann, das ganz und gar nichts 
taugt und mir sehr leid thut, da ich den Verf. als einen 
fleißigen Mann von Sinn und Geschick persönlich kenne. 
Ferner ein kostbares Ballet, ein mythologisches, worin alle 
Götter des alten Olymp sich ohngefähr so ausnehmen wie 
die Figuren in dem Fest der Handwerker, — Was sie in 
Paris fortjagen, ist hier — gerufen. 

Seitdem ich wieder hier einheimisch bin, besuche ich 
fast täglich die Königl. Theater, weil man bey der übelen 
Witterung sonst nicht aus dem Zimmer käme. Man ist 
zur rechten Zeit zu Hause und im Bette und das ist ein 
zweyter Vortheil, denn unser Schauspiel ist im Ganzen 
wirklich zu loben, man müßte denn von der Zeit fordern, 
was sie nicht hat. 

Lebe wohl. 
Sonnabend, Dein ewiger 

17. Oct. 1829. Z. 

Fast völlig ungedruckt (nur eine Stelle ist benutzt Band 6 
S. 47 und zwar die über Hensels »Samariterin am Brunnen«) 



Zum Goeth£-Z£Lterschen Briefwechsel. 99 

ist der folgende Brief. Er mag hier stehen, weil er aufs neue 
in schöner Weise die Theilnahme Zelters an den Werken des 
Freundes bezeugt und weil die Auseinandersetzungen über 
Berliner Kunst von Interesse sind. Das Concept ist auch 
dadurch lehrreich, daß Abschnitt 3 und 7 denselben Gegen- 
stand und doch in wesentlich anderer Weise behandeln. 

Nov. 1830. 

Auf die vierte Lieferung Deiner neuen Ausgabe freue 
ich mich schon darum, weil ich wieder gelegentlich stöbern 
und rekapitulieren kann und immer noch finde, was sich 
von neuem wieder durchkocht. Dann habe zugleich alles 
weggegeben von Dir, was sich unter den Kindern umher- 
treibt und die letzte Ausgabe von Deiner Güte, welche ich 
mir elegant binden lassen, habe ich Begas zu seinem letzten 
Geburtstage verehrt, der nun mit seiner Frau darin studiert, 
wie Friedrich mit Philine. Doch das paßt nicht recht, man 
müßte sich denn solche Scene ins Ernste travestiert denken, 
wie Homer die Ilias. Er hat für mein Bild nichts bekommen, 
und so habe ich ein Geschenk mit einem geschenkten 
Geschenke bezahlt. 

Unsere diesjährige Kunstausstellung prangt in der That 
mit Skizzen der Hoffnung, welche die jungen Künstler von 
sich geben. Dein Protestantismus gegen das Nachbilden 
alter pfäffischer Thorheiten, der auch von meiner Seite 
kräftige, ja derbe Unterstützung findet, wirkt zwar nach 
und nach, doch sichtbar. Unter den Alfanzereien dieser 
Art ist ein Eccehomo im Purpurmantel, mit eisernem Fleiße 
ausgearbeitet. Die Blutstropfen der Domenkrone scheinen 
Tropfen des Künstlers zu sein, doch ist dergleichen nicht 
so viel wie sonst und das Meiste von Frauenzimmern. 

Vier junge Künstler haben eine Aufgabe : Die Trennung 
der Penelope von den Laren des Vaterhauses in Basrelief, 
etwa 2 V« Fuß hoch und 4 Fuß lang, sämtlich mit Geist 
und Geschick modelliert und eins davon wird wahrscheinlich 
den Preiß gewinnen, füllt den Raum vorzüglich bequem. 
Penelope neigt sich dem künftigen Gatten huldreich zu, 
indem sie die Hand des Vaters mit innigster Liebe fest zu 
halten u. los zu lassen scheint. Die Figuren sind wahr, 
lebendig, UlUsses' Pferde gehorsam ungeduldig und in dem 

r 



209512 



98 Neue Mittheilungen. 



groß, daß er sich darüber sofort äußern mußte. Aber unser 
Brief ist auch interessant wegen der Stelle über Immermann. 
Das Stück, um das es sich handelt, führt den Titel »Kaiser 
Friedrich IL«, Trauerspiel in fünf Abtheilungen. Es wurde 
mit Musik von W. Hennig vom 15. — 24, Oktober im Ganzen 
dreimal zu Berlin aufgeführt. 

17. October 1829. 

Im Jahre 1823 (III. 364) schrieb ich Dir aus Elberfeld, 
daß ich daselbst eine verwandte Liedertafel gefunden und 
in der Familie des Fabrikanten Jakob PlatzhofF (seine Frau 
ist eine Berlinerin) so wohl aufgenommen gewesen sey. 
Dieser PlatzhofF ist eben hier und bittet mich, ihm ^in Blatt 
an Dich mitzugeben. 

Wenn ich die Gelegenheit nicht versäume. Dir ein 
Zeichen des Lebens zukommen zu lassen, sollst Du darum 
nicht mehr und minder gequält seyn, ich bin froh nachher 
durch ihn zu vernehmen, daß Du straff und tüchtig bist, 
wie ich Dich vor Kurzem gelassen; da es Dir eben jetzt 
nicht an Besuchern fehlen mag, die weder abzuweisen noch 
zu erbauen sind. 

Wir haben hier ein neues Trauerspiel : Kaiser Friedrich 
der Zweite, von Immermann, das ganz und gar nichts 
taugt und mir sehr leid thut, da ich den Verf. als einen 
fleißigen Mann von Sinn und Geschick persönlich kenne. 
Ferner ein kostbares Ballet, ein mythologisches, worin alle 
Götter des alten Olymp sich ohngefähr so ausnehmen wie 
die Figuren in dem Fest der Handwerker. — Was sie in 
Paris fortjagen, ist hier — gerufen. 

Seitdem ich wieder hier einheimisch bin, besuche ich 
fast täglich die Königl. Theater, weil man bey der übelen 
Witterung sonst nicht aus dem Zimmer käme. Man ist 
zur rechten Zeit zu Hause und im Bette und das ist ein 
zweyter Vortheil, denn unser Schauspiel ist im Ganzen 
wirklich zu loben, man müßte denn von der Zeit fordern, 
was sie nicht hat. 

Lebe wohl. 
Sonnabend, Dein ewiger 

17. Oct. 1829. Z. 

Fast völlig ungedruckt (nur eine Stelle ist benutzt Band 6 
S. 47 und zwar die über Hensels »Samariterin am Brunnen«) 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 99 

ist der folgende Brief. Er mag hier stehen, weil er aufs neue 
in schöner Weise die Theilnahme Zelters an den Werken des 
Freundes bezeugt und weil die Auseinandersetzungen über 
Berliner Kunst von Interesse sind. Das Concept ist auch 
dadurch lehrreich, daß Abschnitt 3 und 7 denselben Gegen- 
stand und doch in wesentlich anderer Weise behandeln. 

Nov. 1830. 

Auf die vierte Lieferung Deiner neuen Ausgabe freue 
ich mich schon darum, weil ich wieder gelegentlich stöbern 
und rekapitulieren kann und immer noch finde, was sich 
von neuem wieder durchkocht. Dann habe zugleich alles 
weggegeben von Dir, was sich unter den Kindern umher- 
treibt und die letzte Ausgabe von Deiner Güte, welche ich 
mir elegant binden lassen, habe ich Begas zu seinem letzten 
Geburtstage verehrt, der nun mit seiner Frau darin studiert, 
wie Friedrich mit Philine. Doch das paßt nicht recht, man 
müßte sich denn solche Scene ins Ernste travestiert denken, 
wie Homer die Ilias. Er hat für mein Bild nichts bekommen, 
und so habe ich ein Geschenk mit einem geschenkten 
Geschenke bezahlt. 

Unsere diesjährige Kunstausstellung prangt in der That 
mit Skizzen der Hoffnung, welche die jungen Künstler von 
sich geben. Dein Protestantismus gegen das Nachbilden 
alter pfäffischer Thorheiten, der auch von meiner Seite 
kräftige, ja derbe Unterstützung findet, wirkt zwar nach 
und nach, doch sichtbar. Unter den Alfanzereien dieser 
Art ist ein Eccehomo im Purpurmantel, mit eisernem Fleiße 
ausgearbeitet. Die Blutstropfen der Domenkrone scheinen 
Tropfen des Künstlers zu sein, doch ist dergleichen nicht 
so viel wie sonst und das Meiste von Frauenzimmern. 

Vier junge Künstler haben eine Aufgabe: Die Trennung 
der Penelope von den Laren des Vaterhauses in Basrelief, 
etwa 2 V« Fuß hoch und 4 Fuß lang, sämtlich mit Geist 
und Geschick modelliert und eins davon wird wahrscheinlich 
den Preiß gewinnen, füllt den Raum vorzüglich bequem. 
Penelope neigt sich dem künftigen Gatten huldreich zu, 
indem sie die Hand des Vaters mit innigster Liebe fest zu 
halten u. los zu lassen scheint. Die Figuren sind wahr, 
lebendig, UUisses' Pferde gehorsam ungeduldig und in dem 

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groß, daß er sich darüber sofort äußern mußte. Aber unser 
Brief ist auch interessant wegen der Stelle über Immermann. 
Das Stück, um das es sich handelt, führt den Titel »Kaiser 
Friedrich II.«, Trauerspiel in fünf Abtheilungen. Es wurde 
mit Musik von W. Hennig vom 15. — 24. Oktober im Ganzen 
dreimal zu Berlin aufgeführt. 

17. October 1829. 

Im Jahre 1823 (IIL 364) schrieb ich Dir aus Elberfeld, 
daß ich daselbst eine verwandte Liedertafel gefunden und 
in der Familie des Fabrikanten Jakob Platzhoff (seine Frau 
ist eine Berlinerin) so wohl aufgenommen gewesen sey. 
Dieser PlatzhofF ist eben hier und bittet mich, ihm ^in Blatt 
an Dich mitzugeben. 

Wenn ich die Gelegenheit nicht versäume. Dir ein 
Zeichen des Lebens zukommen zu lassen, sollst Du darum 
nicht mehr und minder gequält seyn, ich bin froh nachher 
durch ihn zu vernehmen, daß Du straff und tüchtig bist, 
wie ich Dich vor Kurzem gelassen; da es Dir eben jetzt 
nicht an Besuchern fehlen mag, die weder abzuweisen noch 
zu erbauen sind. 

Wir haben hier ein neues Trauerspiel : Kaiser Friedrich 
der Zweite, von Immermann, das ganz und gar nichts 
taugt und mir sehr leid thut, da ich den Verf. als einen 
fleißigen Mann von Sinn und Geschick persönlich kenne. 
Ferner ein kostbares Ballet, ein mythologisches, worin alle 
Götter des alten Olymp sich ohngefahr so ausnehmen wie 
die Figuren in dem Fest der Handwerker. — Was sie in 
Paris fortjagen, ist hier — gerufen. 

Seitdem ich wieder hier einheimisch bin, besuche ich 
fast täglich die Königl. Theater, weil man bey der übelen 
Witterung sonst nicht aus dem Zimmer käme. Man ist 
zur rechten Zeit zu Hause und im Bette und das ist ein 
zweyter Vortheil, denn unser Schauspiel ist im Ganzen 
wirklich zu loben, man müßte denn von der Zeit fordern, 
was sie nicht hat. 

Lebe wohl. 
Sonnabend, Dein ewiger 

17. Oct. 1829. Z. 

Fast völlig ungedruckt (nur eine Stelle ist benutzt Band 6 
S. 47 und zwar die über Hensels »Samariterin am Brunnena) 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 99 

ist der folgende Brief. Er mag hier stehen, weil er aufs neue 
in schöner Weise die Theilnahme Zelters an den Werken des 
Freundes bezeugt und weil die Auseinandersetzungen über 
Berliner Kunst von Interesse sind. Das Concept ist auch 
dadurch lehrreich, daß Abschnitt 3 und 7 denselben Gegen- 
stand und doch in wesentlich anderer Weise behandeln. 

Nov. 1830. 

Auf die vierte Lieferung Deiner neuen Ausgabe freue 
ich mich schon darum, weil ich wieder gelegentlich stöbern 
und rekapitulieren kann und immer noch finde, was sich 
von neuem wieder durchkocht. Dann habe zugleich alles 
weggegeben von Dir, was sich unter den Kindern umher- 
treibt und die letzte Ausgabe von Deiner Güte, welche ich 
mir elegant binden lassen, habe ich Segas zu seinem letzten 
Geburtstage verehrt, der nun mit seiner Frau darin studiert, 
wie Friedrich mit Philine. Doch das paßt nicht recht, man 
müßte sich denn solche Scene ins Ernste travestiert denken, 
wie Homer die Ilias. Er hat für mein Bild nichts bekommen, 
und so habe ich ein Geschenk mit einem geschenkten 
Geschenke bezahlt. 

Unsere diesjährige Kunstausstellung prangt in der That 
mit Skizzen der Hoffnung, welche die jungen Künstler von 
sich geben. Dein Protestantismus gegen das Nachbilden 
alter pfäffischer Thorheiten, der auch von meiner Seite 
kräftige, ja derbe Unterstützung findet, wirkt zwar nach 
und nach, doch sichtbar. Unter den Alfanzereien dieser 
Art ist ein Eccehomo im Purpurmantel, mit eisernem Fleißc 
ausgearbeitet. Die Blutstropfen der Domenkrone scheinen 
Tropfen des Künstlers zu sein, doch ist dergleichen nicht 
so viel wie sonst und das Meiste von Frauenzimmern. 

Vier junge Künstler haben eine Aufgabe: Die Trennung 
der Penelope von den Laren des Vaterhauses in Basrelief, 
etwa 2 Vi Fuß hoch und 4 Fuß lang, sämtlich mit Geist 
und Geschick modelliert und eins davon wird wahrscheinlich 
den Preiß gewinnen, füllt den Raum vorzüglich bequem. 
Penelope neigt sich dem künftigen Gatten huldreich zu, 
indem sie die Hand des Vaters mit innigster Liebe fest zu 
halten u. los zu lassen scheint. Die Figuren sind wahr, 
lebendig, UUisses' Pferde gehorsam ungeduldig und in dem 



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98 Neue Mittheilungen. 



groß, daß er sich darüber sofort äußern mußte. Aber unser 
Brief ist auch interessant wegen der Stelle über Immermann. 
Das Stück, um das es sich handelt, führt den Titel »Kaiser 
Friedrich II.«, Trauerspiel in fünf Abtheilungen. Es wurde 
mit Musik von W. Hennig vom 15. — 24. Oktober im Ganzen 
dreimal zu Berlin aufgeführt. 

17. October 1829. 

Im Jahre 1823 (III. 364) schrieb ich Dir aus Elberfeld, 
daß ich daselbst eine verwandte Liedertafel gefunden und 
in der Familie des Fabrikanten Jakob Platzhoff (seine Frau 
ist eine Berlinerin) so wohl aufgenommen gewesen sey. 
Dieser Platzhoff ist eben hier und bittet mich, ihm ^in Blatt 
an Dich mitzugeben. 

Wenn ich die Gelegenheit nicht versäume, Dir ein 
Zeichen des Lebens zukommen zu lassen, sollst Du darum 
nicht mehr und minder gequält seyn, ich bin froh nachher 
durch ihn zu vernehmen, daß Du straff und tüchtig bist, 
wie ich Dich vor Kurzem gelassen ; da es Dir eben jetzt 
nicht an Besuchern fehlen mag, die weder abzuweisen noch 
zu erbauen sind. 

Wir haben hier ein neues Trauerspiel : Kaiser Friedrich 
der Zweite, von Immermann, das ganz und gar nichts 
taugt und mir sehr leid thut, da ich den Verf. als einen 
fleißigen Mann von Sinn und Geschick persönlich kenne. 
Ferner ein kostbares Ballet, ein mythologisches, worin alle 
Götter des alten Olymp sich ohngefahr so ausnehmen wie 
die Figuren in dem Fest der Handwerker. — Was sie in 
Paris fortjagen, ist hier — gerufen. 

Seitdem ich wieder hier einheimisch bin, besuche ich 
fast täglich die Königl. Theater, weil man bey der übelen 
Witterung sonst nicht aus dem Zimmer käme. Man ist 
zur rechten Zeit zu Hause und im Bette und das ist ein 
zweyter Vortheil, denn unser Schauspiel ist im Ganzen 
wirklich zu loben, man müßte denn von der Zeit fordern, 
was sie nicht hat. 

Lebe wohl. 
Sonnabend, Dein ewiger 

17. Oct. 1829. Z. 

Fast völlig ungedruckt (nur eine Stelle ist benutzt Band 6 
S. 47 und zwar die über Hensels »Samariterin am Brunnen«) 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 99 

ist der folgende Brief. Er mag hier stehen, weil er aufs neue 
in schöner Weise die Theilnahme Zelters an den Werken des 
Freundes bezeugt und weil die Auseinandersetzungen über 
Berliner Kunst von Interesse sind. Das Concept ist auch 
dadurch lehrreich, daß Abschnitt 3 und 7 denselben Gegen- 
stand und doch in wesentlich anderer Weise behandeln. 

Nov. 1830. 

Auf die vierte Lieferung Deiner neuen Ausgabe freue 
ich mich schon darum, weil ich wieder gelegentlich stöbern 
und rekapitulieren kann und immer noch finde, was sich 
von neuem wieder durchkocht. Dann habe zugleich alles 
weggegeben von Dir, was sich unter den Kindern umher- 
treibt und die letzte Ausgabe von Deiner Güte, welche ich 
mir elegant binden lassen, habe ich Segas zu seinem letzten 
Geburtstage verehrt, der nun mit seiner Frau darin studiert, 
wie Friedrich mit Philine. Doch das paßt nicht recht, man 
müßte sich denn solche Scene ins Ernste travestiert denken, 
wie Homer die Ilias. Er hat für mein Bild nichts bekommen, 
und so habe ich ein Geschenk mit einem geschenkten 
Geschenke bezahlt. 

Unsere diesjährige Kunstausstellung prangt in der That 
mit Skizzen der Hoffnung, welche die jungen Künstler von 
sich geben. Dein Protestantismus gegen das Nachbilden 
alter pfäffischer Thorheiten, der auch von meiner Seite 
kräftige, ja derbe Unterstützung findet, wirkt zwar nach 
und nach, doch sichtbar. Unter den Alfanzereien dieser 
Art ist ein Eccehomo im Purpurmantel, mit eisernem Fleiße 
ausgearbeitet. Die Blutstropfen der Domenkrone scheinen 
Tropfen des Künstlers zu sein, doch ist dergleichen nicht 
so viel wie sonst und das Meiste von Frauenzimmern. 

Vier junge Künstler haben eine Aufgabe: Die Trennung 
der Penelope von den Laren des Vaterhauses in Basrelief, 
etwa 2 Vi Fuß hoch und 4 Fuß lang, sämtlich mit Geist 
und Geschick modelliert und eins davon wird wahrscheinlich 
den Preiß gewinnen, füllt den Raum vorzüglich bequem. 
Penelope neigt sich dem künftigen Gatten huldreich zu, 
indem sie die Hand des Vaters mit innigster Liebe fest zu 
halten u. los zu lassen scheint. Die Figuren sind wahr, 
lebendig, Ullisses' Pferde gehorsam ungeduldig und in dem 

7* 



209512 



100 Neue Mittheilungen. 



ganzen Bilde entspricht eins dem Andern. In den Versuchen 
der anderen drei Jünger sieht die Aufgabe einer Entführung 
der Briseis ähnlich, wofür ich es wie auch Herr von Raumer 
erkannt hatte, und das liegt in der Aufgabe selber. In allen 
vier Bildern aber ist die weibliche Figur das züchtigste 
Bild einer schönen Jungfrau. 

Unter den Originalmalereyen ist ein Raub der Proser- 
pina, der viel getadelt wird, besonders von Frauen, die ihn 
indecent finden und zwar mit Recht. Das Bild ist kolossal, 
und der Künstler zeigt sich als ein Schelm. Proserpina 
ganz nackend ruht, ausgestreckt im Nachgenuße wollüstigen 
Schmerzes, noch im Arme des Gottes, der sie wuchtig und 
sanft auf den Wagen nach sich hebt. Ihr Kopf liegt an- 
muthig zurückgebogen, zu ihren Füßen ein umgestürzter 
Blumenkorb; die schönsten Arme über dem Kopfe hinaus* 
gestreckt sind jeden Widerstandes unzureichend. Zur Rechten 
unten ein spizbübischer Amor, der ein Band um die Schöne 
legt, das hernach den Wagen schließen soll. Höchst wahr 
sind die verschiedenen Karnationen der beyden Körper, der 
weibliche blühend wie ein Paradiesbeetlein, und der männ- 
liche in aufgeregter unerschöpfter Kraft. Der Maler heißt 
Emil Jakobs aus Gotha. Ich hätte nichts einzuwenden, wenn 
mir das Bild für den Gegenstand nicht zu kolossal erschiene. 
Vor 10 bis 15 Jahren möchte sich's Keinerherausgenommen 
haben, solch eine Madonna auszustellen. 

Hensel hat sich zusammengenommen; er hat im Auf- 
trag des Königs, in Rom die Transfiguration kopiert und 
alle unsere Kenner halten es für die beste Kopie, welche 
bis heute gemacht sey. 

Wölkest Du mir wohl nach unsrer Art ein Wort über 
die Bedeutung dieses Bildes und die Verbindung der so- 
genannten zwey Hauptgegenstände sagen. Ich vertraue 
dem Genie mehr als seinen Auslegern, und Du bist mir 
beydes zugleich — aber bald! hörst Du? — Ferner hat 
Hensel eine eigene Erfindung geliefert: Die Samariterinn 
am Brunnen. Ein derbes wohlgefälliges, ruhiges Weibsbild. 
Der Christuskopf will mir nicht gefallen, weil er zu den 
klugen, nicht ungeschäftigen Händen nicht zu passen 
scheint. Der Körper aber sizzt vor dem Weibe, als wenn 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. lOi 

er aufstehen möchte und die Gewänder werden sehr gelobt. 
Oben rechts kommen die Jünger in der Ferne aus einemWalde 
hervor, und der Vorderste sieht aus als ob er sagte: Da sizzt er 
wieder und plaudert mit den Weibern und uns läßt er suchen. 
Die jungen Leute zeichnen sich zur Bewunderung aus. 
Vier unter ihnen haben den nehmlichen Gegenstand zur 
Bearbeitung eines Basreliefs erhalten. Der Preiß ist ein 
dreijähriger Aufenthalt in Rom auf Kosten der Akademie: 
Penelope verläßt das Vaterhaus um mit ihrem Gatten :(u :(iehen. 
Die Arbeiten der sämtlichen vier Bewerber sind von Wert. 
Den Lohn des Preises kann nur ein Einländer erhalten, 
unglücklicherweise ist der, welcher das Beste gemacht hat, 
ein Ausländer Namens Rietschel, der nun deswegen die Auf- 
merksamkeit seiner eigenen Regierung verdient. Worinn 
sich dieser von den anderen besonders auszeichnet, ist die 
geschickte Benuzzung des Raumes und das Verhältnis der 
Figuren zur Tafel, auch hat er sich gehütet vor frey- 
stehenden Gliedmaßen, worinn ein paar Andere sich eben 
auszeichnen wollten und sich viel unnütze Arbeit gemacht 
haben. Übrigens freut mich's, daß die jungen Künstler in 
großem Respecte stehen gegen die Ansicht der W. K. Fr. 
was ihnen umsomehr anzurechnen ist, da sie solchen Respekt 
nur selten durch die Lehrer haben. 

Das in dem folgenden gleichfalls ungedruckten Brief vom 
15. Febr. 1824 erwähnte Stück ist »der standhafte Prinz Don 
Fernando von Portugal«, Trauerspiel in fllnf Abtheilungen 
nach dem Spanischen des Calderon, übersetzt von Schlegel, 
eingerichtet von Goethe, Musik zur Handlung von Gurrlich. 
Das Stück, das am 5. October 181 6 in Berlin zuerst aufge- 
führt worden, wurde offenbar damals neu aufgenommen, ohne 
sonderliches Glück zu finden, denn es wurde bis zum 7. Juni 
1835 nur elf mal gegeben. Die Auslassung unserer Stelle 
durch Zelter oder den Redacteur erklärt sich vielleicht daraus, 
daß schon eine größere Stelle über dasselbe Drama gedruckt 
ist (Band 2. S. 322) eben nach der ersten, oben erwähnten 
Berliner Aufführung, nachdem ein paar Andeutungen sich schon 
Band i S. 429 und 437 gefunden hatten. Der Brief lautet: 

B. 15. Febr. 24. 

Unsere neue Vorstellung des Standhaften Prin:i^en darf 

wohl gelobt werden und habe ich das Stück gestern Abend 

mit Bewundrung und freudigem Schmerze wieder gesehen. 



102 Neue Mittheilukgen. 



Du erinnerst Dich gewiß noch, daß Du es Schillern 
und mir eines Nachmittags in Deinem Hause, da eben die 
Schlegelsche Übersetzung angekommen war, vorgelesen hast. 

Unser Wolff zeichnet sich als Meister darinn, ich kann 
ihm jedes Wort gut heißen und sind deren in des Prinzen 
Rolle nicht wenige. Die anderen Rollen werden nach 
Vermögen bedient und wollen die guten Leute es nicht zu 
gut machen, so wäre allem geholfen. Auch die Direction 
hat es nicht fehlen laßen und will schon etwas sagen, zu 
einem einzigen Stücke fünf ganz neue Dekorationen solchen 
Gehalts herzustellen. 

Was soll ich vom Werke selbst sagen .^ Man erfreut 
sich am Christenthum, man benedeit sich seines eigenen 
Antheils daran, der unaussprechlich wohlthätig ist. Es war 
ein schöner Abend, den eine Vorzeit von 200 Jahren uns 
zu Gute giebt. Die Treue hält den Glauben, sie ist die 
Tochter des Glaubens. 

Das Stttck, um das es sich in dem folgenden Briefe 
handelt, ist betitelt »Die Galeerensklaven« oder »die Mühle 
von St. Alderon«, Melodrama in drei Acten nach dem Fran- 
zösischen von Theodor Hell, Musik von Schubert und Lind- 
paintner. Es wurde in Berlin am 22. Sept. 1823 zum ersten 
Mal gegeben und bis zum 6. April 1835 dreiunddreißigmal 
gespielt. Die Zelterschen Ausführungen lauten: 

B. I. März 1824. 

Die GaleerensklaveHy eine niederträchtige Rührkomödie, 
mit recht hübscher Musik gestopft und wattirt, mit Chören, 
Balleten, Entreakten, setzt soeben Frankreich und Deutsch- 
land unter — Wasser. 

Zwei junge Handlungsbediente eines Pariser Hauses 
sind Brüder. 

Einer hat Frau und Kinder. Sonst ohne Verdienst, ist 
dieser Herr ein Spieler, und bestielt die Kasse des Principals. 

Der andere Herr, (Bruder des vorigen) ist ein so 
tugendhafter Esel, daß er, weil sein Bruder Frau und Kin- 
der hat, sich als Dieb angiebt, sich brandmarken und auf 
die Galeere bringen läßt. Das sind mir Brüder! 

Dieser sentimentale Tugendbündler entläuft nun wie- 
der der Galeere, dient unerkannt 7 Jahre in einer Mühle 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 103 



und heurathet zuletzt die schöne junge Besitzerin der 
Mühle, der er seine Entehrung verschweigt und die ein 
so gutes Fell hat, nicht für Schreck des Todes zu seyn, 
als das Schrecklichste sich zufällig entdeckt. 

Das ganze Wesen (?) gegen alles was Ehre heißt, ist 
viel zu traurig um lächerlich zu seyn, die Schauspieler und 
Hörer sind wie auf der Folter, durch 3 Acte. 

Solche Tugendhelden dürfen das Theater betreten in 
einer Zeit, wo die Dichter von Ehre reden und das Maul 
von Grosthaten voll nehmen. 

Daß dies nicht alles dummes Zeug ist, was im Stücke 
vorkommt, magst Du errathen; denn noch ein scheußlicher 
Bösewicht ist nicht vergessen. Die Leute stehn aus wie 
das Vieh und klatschen und kommen wieder, — was braucht 
es weiter Zeugniß! 

Unsern Paria habe zwcymal spielen sehn: Wo der 
gute Kerl mit Eins hier zum Karneval herkomt ? Da hätte 
ich lange rathen können, wenn ich nicht eben von Weimar 
gekommen wäre; und wo er hin will, da sind wir alle ge- 
wesen. Der junge Dichter ist aber entzückt von Deiner 
Aufnahme und hat darüber breit und lang an seine Mutter 
geschrieben. Das alles soll ihm gegönnt seyn wie sein 
monologes monotones Stück. Denn sein Vater hat Geld 
wie Heu und giebt so gutes Essen, daß selbst der ver- 
wöhnteste der Griechen nur bessern Wein vermißt. 

Ottilie ist gestern abgereiset und wird Dir ein Mehreres 
erzählen. Wir haben ihr gutes Reisewetter mitgegeben 
und da wir mit dieser Woche das Carneval auch über- 
winden, so gieb Dich zufrieden, daß ich nichts Besseres 
schreibe. Ottilie hat von allen den Raritäten mehr ge- 
sehen als w^ir alle und so bist Du bey der Quelle. 

Lebewohl! und laß Dich auch einmal wieder ver- 
nehmen. Dein Z. 

Zum Verständniß des letzten Passus ist darauf hinzu- 
weisen, daß Ottilie im Februar 1824 mehrere Wochen in Berlin 
war und mit den Freunden des Schwiegervaters viel verkehrte. 
Aus jener Berliner Zeit hat sich noch ein längeres Schreiben 
Zelters erhalten über eine Gesellschaft, die F. A. Wolf Ottilie 
zu Ehren gab, ein Schreiben, in dem Z. so derb und un- 



104 Neue Mittheilungen. 



appetitlich über den großen Philologen urtheilt, daß es hier 
unterdrückt wird. Wolf ist natürlich auch der in unserm Brief 
erwähnte »Grieche«. Der »Paria« ist das Drama des jugend- 
lichen Dichters Michael Beer, der 1824 zweimal in Weimar 
gewesen war (vgl. Schriften der G.-G. 13, 256); sein Drama, 
das in Weimar zur Aufführung gelangt war, hatte seine erste 
Darstellung in Berlin 22. December 1823 erlebt (bis 1851: 
38 Vorstellungen). Daß das sehr ernste, tragisch endende Stück 
im Carneval wieder vorgenommen wurde, ist auffällig genug. 
Zelters Aeußerung : »VV'O er hin will, da sind wir alle gewesen«, 
soll besagen, daß die in jenem Drama jugendlich vorgetragenen 
Aufklärungs- und Humanitätsgedanken für die Meisten einen 
überwundenen Standpunkt bedeuteten. Beers Eltern, Jak. Herz 
B. und Amalie geb. Wulff, machten ein großes Haus, in dem 
namentlich Gelehrte und Künstler verkehrten; beide ihrer 
Geistes- und Charaktereigenschaften wegen mehr geschätzt, 
als um des guten Essens willen, das sie ihren Gästen vorsetzten. 
Der große Violinspieler Paganini, von dem in dem folgen- 
den Briefe die Rede ist, wird in der gedruckten Goethe- 
Zelter- Korrespondenz oft genug behandelt, aber auch unsere 
Stelle ist so charakteristisch, daß ihr Druck lohnt. Das Werk, 
von dem dann ausführlich gesprochen wird, war bisher nur 
in zwei kurzen Notizen angedeutet (Band V, S. 310 und 343). 
Die nachstehende Stelle dient daher zu einer kurzen Ergänzung. 
Es führt den Titel: Bausset Mdmoires sur Tint^rieur du palais 
de Napoleon et sur celui de Marie Luise. 

Nov. 1829. 

Dieser Mr. de Bausset, ancien prüfet du palais imperial, 
ist garnicht wegzuschmeißen. Die allgemeinen Ereignisse 
seit der Revolution stehen geschichtlich da wie sie jeder, 
auch von uns an eigenem Fleische gebüßt hat, ohne da- 
mals zu wissen, was man eigentlich mit seinen Sünden 
verdient hätte. 

Der Herr Praefekt referiert nun gleichsam von Amts 
wegen Unzahl von Petitessen, die wie abgelöste Polypen 
in neuer Lymphe sich an die große Historie hängen und 
darin fortleben wollen. So erzählt er auch: 

Napoleon und Josephine haben sich beym Einsteigen 
in den gläsernen Prachtwagen, der sie zur Krönung des 
Pabstes führen sollte, aus Versehen in den Rücksitz nieder- 
gelassen und als sie solches, später als das versammelte 
Volk gewahr worden, sich selber darüber lustig gemacht. — 
Ob wohl dergleichen einem legitimen Herrscherpaar be- 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 105 

gegnet seyn möchte ? — Diese Frage hat sich wohl in dem 
Momente Napoleon selber vorgelegt, so einer lacht nicht 
umsonst. 

Meinen aesthetischen Langhans habe ich noch einmal 
schlagen müssen mit seinem eigenen Stokke. 

Eben lese ich in einem Blatte, daß Paganini auch in 
Halberstadt paradiert hat. Der Bericht ist ganz verständig, 
ja frey abgefaßt, ich wollte wetten, er sey von einem 
Frauenzimmer, vielleicht Mad. Körte. Da fiel mir Dein 
Wort ein über die Frauenzimmer : »Es sind ganz eigentlich 
Confessionen, die sie mit bestem Zutrauen aussprechen« — 
jawohl! Man könnte das Wort theilen weil Er kraut was 
Ihn juckt, und das läßt sich ganz aufrichtig gestehen. Aber 
er ist ein Italiener d. h. von Natur ein Mensch von Ge- 
schmack. Man muß ihn ohne alle fremde Begleitung und 
seine eigenen Stücke hören, wie sie der sichere Sinn der 
sicheren Hand abfordert, fremde Compositionen kommen 
mir unter seinem Bogen vor, wie Flüßigkeiten verschiedener 
Natur, doch ist das Feld seiner Kunst ein gemessenes, 
weshalb er sich denn der Mannigfaltigkeit wegen fremder 
Productionen bedienen muß. — 

Der letzte Brief endlich, der wiederum den Eindruck 
macht, als sei er wirklich abgeschickt worden, ist besonders 
wichtig wegen des Urtheils über Rossinis »Semiramis«, die 
in dem gedruckten Briefwechsel nur flüchtig gestreift wird. 
Genannte Oper in zwei Acten wurde in Berlin am 15. Mai 1830 
zum ersten Mal gegeben und brachte es bis zum 30. Nov. 1861 
auf 23, darunter 12 italienische Aufführungen. Was »der Aus- 
zug über Rossini« bedeutet, von dem Zelter noch einige 
Exemplare wünscht, vermag ich nicht zu sagen. Felix (Mendels- 
sohn-Bartholdy) wollte schon am 10. Mai über Weimar und 
München nach Italien reisen (Briefwechsel, Band 5 S. 456), 
in Wirklichkeit kam er erst am 19. Mai in Weimar an und 
reiste am 3. Juni ab (das. S. 457). 

Sonntag 16. Mai 1830. 
Da ist Neid und Streit über die neue gestrige Oper 
Semiramis, die der Voltairschen ungeschickt genug nach- 
gemacht ist. Da haben sie sich lassen erzählen von altem 
Götterfluche, da ein Sohn den Leib der ihn getragen belegt 
und durchbohrt, einen Oedip, einen Orest. Erst schaffen 
sie sich die alten Götter ab, dann wollen sie ins alte Hand- 



i 



lo6 Neue Mittheilungen. 



werk pfuschen, neue Geister citieren — Ja Kuchen! Ein 
neuer Beweiß, daß der Atheismus nichts hervorbringt. So 
viel, und nichts mehr über das Poem. 

Aber die Musik, die Oper, der Rossini ? — der ist nun 
einmal kein Gluck, kein Mozart, — woran er auch nicht 
denkt; was er jedoch an sich selber ist, das mag er bleiben 
und selber verantworten. 

Der ganze 2 V« Stunden lange erste Akt ist frisch, neu 
und von guter Haltung und schließt mit der Erscheinung 
des alten Ninus, deren Dekoration nicht zum Besten an- 
geordnet ist. Da wird nun gekrakelt über Einzelnes miß- 
wahres, worüber hinwegzufahren mir endlich zu einer Art 
von Natur geworden ist und die Masse der Zuschauer ist 
doch ebenso, denn sie konnten es nicht lassen zu rufen und 
schreyen und zu klatschen, was die Hände halten wollten. 
Hieran hat nun allerdings auch MUe. Sontag den gerechtesten 
Antheil und wäre alles Andere ebenso sicher und voll- 
kommen gesungen worden, so hätte das Haus darunter 
leiden mögen. 

Rossini läßt sich freilich zu sehr gehen, (wollte Gott 
ich könnte es auch!) — da er oft an mehreren Opern zu- 
gleich arbeitet, und dazwischen lebt und leibt und liebt, so 
weiß er nicht immer, an welcher Oper oder welchem Akt 
er arbeitet. 

Nähme er sich Zeit von einem Gedichte wie diese 
Semiramis, ein gutes Drittel vorher zu streichen so wäre 
ihm und uns geholfen gewesen ; denn mit Allem was Regie 
und Sänger schon gestrichen und die Tänzer dagegen wieder 
eingelegt haben, erfordert eine solche Musikmalzeit von 
4 Stunden ein antikes griechisches Gedärm und unter uns 
Neuern (?) kann nur ich auch noch bey Schlakker mir 
etwas denken. 

Deine letzten Sendungen habe ich richtig erhalten, dabey 
einen Abdruck des Auszugs über Rossini, von welchem 
letzteren ich wohl noch ein paar Exemplare zu haben 
wünschte. 

Felix wird vor einigen Tagen bey Dir von Leipzig 
aus eingetroffen seyn. 



Zum Goethe-Zelterschen Briefwechsel. 107 

c) Zelters Bild, 

Bei der Besprechung bekannter Bilder Zelters von Karl 
Begas von 1827 (Ruland, Schätze des Goethe-Nationalmuseunis 
BL 51), Goethe- Jahrbuch XIX 99 f. wird auch eine 1830 er- 
schienene Lithographie, des Bildes erwähnt, von der Zelter in 
einem Briefe vom Juni 1831 spricht. Leider ist der Name des 
Lithographen nicht angegeben. Es sei daher darauf hin- 
gewiesen, daß Heinrich Meyer in K. u. A. VI, 2, 307 (1828) 
eine Lithographie des Bildes von L. Heine bespricht, der er 
zwar das Verdienst der Aehnlichkeit und fleißige Behandlung 
zuerkennt, an der er aber tadelt, daß die tiefen Schatten 
weniger Energie, die lichten klaren nicht so viel Durchsichtig- 
keit haben, als an der Lithographie des unmittelbar zuvor 
besprochenen Bildes. Das Original dagegen habe einen fröhlich 
blühenden Farbenton, kräftige Schatten und sei in den ein- 
zelnen Theilen mit charakteristischer Wahrheit, trefflich, fleißig 
zwar, doch ohne peinliche Mühe ausgeführt, so daß es als ein 
willkommenes Bild bei jedem frischen Anblick den Freunden 
und Verehrern des vorzüglichen Mannes erscheine. Die Ver- 
gleichungen dieses Urtheils Meyers über das Original mit dem 
sehr lobenden Urtheil »eines geistreichen Mannes« (Goethe- 
Zelter IV 365), das Goethe am i. September 1827 an Zelter 
abgehen ließ, entscheidet die Frage, ob die Vermuthung des 
Herausgebers, daß dieser geistreiche Mann H. Meyer war, 
richtig ist oder nicht. Paul Weizsäcker. 

d) Der Zelt er sehe Briefwechsel und die preußische Censur, 

Aus den Akten des Berliner Geheimen Staats-Archivs 
(R. 77 II Cens.-Sach. Spec. Lit. G. No. 24), ist Folgendes zu 
entnehmen. Am 22. Januar 1834 richtete das preuß. Ober- 
Censur-Collegium folgendes Schreiben an den Minister des 
Innern : »Der Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter^ wovon 
bis jetzt 3 Theile erschienen und 3 Theile noch erwartet 
werden, gehört zur Leetüre des Tages. 

»Eine Reihe von Jahren hindurch erfolgten von beiden 
Seiten Mittheilungen, welche nicht allein literarische und Kunst - 
gegenstände, sondern auch die des täglichen Lebens betrafen, 
und besonders reichhaltig in letzterer Beziehung waren Zelters 
Briefe an Goethe. Ersterer stand in vielfältiger Berührung 
mit den Bewohnern Berlins. Sein Künstlerleben, sein Institut 
und seine Eigenthümlichkeiten verschafften ihm überall Zugang 
bei Hohem undNiedem und so war er, bei einer originellen 
Auffassungsgabe und mit dem Talent der Darstellung versehen, 
gewiß sehr geeignet, seinem berühmten Freunde interessante 
Mittheilungen zu machen, welche eine Ansicht des Berliner 
Lebens gewährten. 



lo8 ' Neue Mittheilungen. 



»Dabei scheint Zelter sich zum Gesetz gemacht zu haben, 
ohne alle Rücksichten seiner Feder freien Lauf zu lassen und 
keine Verhältnisse schonend zu behandeln und dies mag ent- 
schuldigt werden, so lange der Briefwechsel nicht die Grenzen 
überschreitet, die in der Natur desselben zu liegen scheinen. 
Anders erscheint die Sache, wenn er dem Publikum preis- 
gegeben und zum literarischen Producte wird, welches zwar 
um so mehr Leser und Käufer finden muß, jemehr sich Ein- 
zelnes über bekannte Personen und Gegenstände vorfindet, 
wo aber auch Verletzungen unvermeidlich sein müssen bei 
denen, welche den Verfasser freundlich in ihre Mitte nahmen 
und sich nun schonungslos behandelt finden. (Der Censor hätte 
darauf achten müssen.) Auch glauben wir, daß manches hätte 
wegbleiben müssen, was in Bezug auf Religiosität und Sittlich- 
keit Anstoß gewährte, Gegenstände, die auch an mehreren 
Stellen nach der Individualität der Verfasser behandelt worden 
und wohl mit Recht als Flecken dieses Werkes angesehen 
werden müssen. 

»Belege zu diesen Bemerkungen finden sich beispielsweise 
Th. II, S. 209, 226, 241, 460, 473 und Th. III, S. 95, 190, 
326, 419, 429.« 

Auf Grund dieser Ausführungen beantragte die Behörde 
dem Censor einen Verweis zu ertheilen und ihn zu strengerer 
Censur der folgenden Theile anzuhalten. Demgemäß wird ver- 
fügt, 8. Febr. 1834. Auf dem Concept der Verfügung findet 
sich die nachrichtliche Notiz, daß nicht John, sondern Lang- 
bein die Briefe censirt habe. 

Schlägt man die Seitenzahlen auf, die von der Behörde 
hervorgehoben worden und in denen Ausführungen stehen, 
die zum Tadel Anlaß gaben, so erkennt man zunächst, daß 
sämmtliche Stellen von Zelter sind, bis auf die letzte. Doch 
sind die bemängelten Zelterschen Ausdrücke so, daß man über 
die sittliche und politische Zimperlichkeit der Censoren staunen 
muß. Die in Bd. 2, S. 209 und 460 stehenden Schilderungen 
sind etwas derb ohne geradezu unanständig zu sein und die 
S. 473 über Schlegels Heirath gebrauchten Ausdrücke gewiß 
nicht ungerecht. Wie ängstlich die Behörde war, zeigt sich 
z. B. bei der Bemängelung (Bd. 2, S. 226) wo von dem 
Prinzen Carl von Mecklenburg gesagt wird, bei ihm habe 
»alles für den Mephistopheles gepaßt, bis auf den Pferdefuß«. 
Man traut seinen Augen kaum, wenn Worte wie die (Bd. 2, 
S. 241) von dem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen 
gebrauchten »er hätte es zu Hause nicht länger aushalten 
können, da ihm alle Kinder davon gegangen« als anstößig 
betrachtet wurden. 

Die aus dem dritten Band hervorgehobenen Stellen sind 
geradezu so, daß man eine unglaubliche Prüderie besitzen 



Königin Luise in Weimar. 109 

muß, um an ihnen etWas Anstößiges zu finden. Wird z. B. 
(Band 3, S. 326) von dem Friedrich II. gemachten Vorwurf 
gesprochen, er habe unnatürlichen Lastern gefröhnt, so wird 
das Gerede zugleich widerlegt ; eine Erzählung aber, wie die 
S. 419 ttber die Beziehungen zwischen Mara und dem Prinzen 
Heinrich gegebne, ist gewiß nicht geeignet königstreue Ge- 
muther zu verderben. Endlich ist die Stelle — (Bd. 3, S. 429) 
übrigens die einzige religiöse, die getadelt wird — derart, 
daß nur ein offenbares Mißverständniß die Censoren zu einem 
Tadel hat veranlassen können. Die Stelle ist deswegen um so 
interessanter, weil sie die einzige ist, die von Goethe her- 
rührt. Goethe schreibt : »Möge der Tod Jesu Dir auch dies- 
mal ein frohes Osterfest bereitet haben; die Pfaffen haben 
aus diesem jammervollsten aller Ereignisse soviel Vortheil 
zu ziehen gewußt, die Maler haben auch damit gewuchert, 
warum sollte der Tonkünstler ganz allein leer ausgehen?« 
Gewiß liegt in diesen Worten eine kleine Ironie und die 
Ausdrücke über die Pfafifen mögen irgend einen Anhänger 
der Geistlichen geärgert haben. Doch vermuthe ich, daß 
den größten Anstoß das Wort »jammervoll« gegeben und bei 
der Censurbehörde den Irrthum erregt hat, als wenn Goethe 
damit sich über das Ereigniß selbst hätte lustig machen wollen, 
während »jammervoll« hier gewiß im wörtlichen Sinn = voll 
Jammer, höchst beklagenswerth aufzufassen ist. 

Immerhin ist es interessant genug, daß Goethe, von dessen 
Schwierigkeiten mit der Censur — wenigstens in seinen 
Mannes- und Altersjahren — wir bisher nichts wußten, bei 
der Berliner Censurbehörde noch nach seinem Tode Anstoß gab. 



^ 



4. KÖNIGIN LUISE IN WEIMAR.' 

Mitgetbeilt von 

P. Bailleu. 

Hildburghausen, 8 juillet 1799. 

. . . Charlotte, George et moi nous accompagnämes 

la Reine jusqu'ä Eisenach. Imaginez que nous fimes quarante 

mortelles Heues dans treize i quatorze heures. Nous pas- 

sämes la nuit «^ Eisenach, sans avoir une femme pour nous 

' Uebcr die Reise der Königin im J. 1799 vergl. besonders Hern, 
das Buch von der Königin Luise, S. 90—95. Das Original obigen 
Schreibens ruht im Fürstlichen Archiv zu Donaueschingen. 



HO Neue Mittheilungen. 



dishabiller. Le duc de Weimar itait venu jusqu'ici ä notre 
rencontre. Le lendemain, la bonne Charlotte reprit le 
chemin de Hildburghausen et quitta ici notre adorie Louise. 
George et moi, plus heureux, Taccompagnames encore 
jusqu'd Weimar. Chemin faisant, splendide diner i la cour 
de Gotha, oü je fis la connaissance de ma cousine de 
Mecklenburg, femme du prince hiriditaire ', c'est un joli 
enfant. Quant au moral, comme Caroline, avec une plus 
forte teinte de coquetterie, unvermögend also tief auf meinem 
Herzen zu wirken. Elle vint aussi ä Weimar, oü nous 
arrivames le 12 juillet vers huit heures. Le dibut fut un peu 
raide. Deux duchesses, toute une cour rassembl^e ne met- 
taient pas ä l'aise. Bientöt on proposa une promenade, on 
prit du th^ dans une ddicieuse maison du parc, et le raide 
disparut. Le lendemain, 2, au matin, je tächais de pre- 
venir les indiscrets pour jouir encore un peu de mon 
angdique Louise. Du kannst nicht denken, was das für 
ein edles, reines, anmuthiges Geschöpf ist, der Umgang mit 
ihr läutert einen, denn man würde sich fürchten in ihrer Nähe 
mit unlauterem Herzen einherzugehen, vielmehr es wäre 
unmöglich, denn selten erschien wohl so hohe Tugend unter 
einer so reizenden Gestalt. Des promenades interrompaient 
encore notre dilicieuse solitude, puis vint Theure des grandes 
toilettes, d'un immense diner. Aprfes diner, grande cour. 
Je fis la connaissance de M"* de Wolzogen, auteur du 
charmant roman Agnes von Lilien, son extirieur n'annonce 
pas le charme de son esprit. Aussitöt que je pus dicem- 
ment quitter le cercle, je gagnais un cabinet voisin, oü 
j'appelais l'intiressant Herder, qui a tant fait pour notre 
litt^rature, et je passais de charmants instants dans la soci^te 
de ce digne et interessant homme. Bientöt il fallut le quitter 
pour nous rendre h, la ddlicieuse salle au spectacle. La 
pifece qu'on donnait itait Wallsteins Tod de Schiller, suite 
de Wallsteins Lager et des Piccolomini. Herder me dit 
de cette pifece : hier ist jeder Akt was sonst der fünfte ist, 
y avait-il Id de quoi piquer ma curiosit^? En efFet, rien 



' Luise Charlotte von Mecklenburg-Schwerin, Gemahlin des Erb- 
prinzen August von Sachsen-Gotlia. 



Königin Luise in Weimar. III 

n'est plus interessant que cette pitce; l'entreacte ne le fut 
pas moins, on nous pr^senta Göth^, Schiller et Wieland. 
Mais bientöt la pauvre T^cla, fiUe de Wallstein, absorba 
tout mon int^rßt, aimant et tendrement aim^e de Max Picco- 
lomini, eile voit son amour cruellement traversee. Rest6 
fidfele au parti de TEmpereur que Wallstein diserte, eile 
Texborte i suivre son devoir, quoique cela les s^parera 
peut-^tre i jamais. Cette seine est d^chirante et fut jouie 
dans une rare perfection. Piccolomini la quitte, Taffaire 
s'engage, et — votre coeur ne bat-il pas? ce hiros fut la vic- 
time de sa valeur. Wie das auf meine Seele fiel, beschreibt 
sich nicht. Nun höre weiter. Teclas Schmerz ganz so edel, 
so groß als der Deinige, versetzte mich ganz in den ver- 
gangenen März. Alles verschwand vor mir. Du warst T^cla, 
Er Piccolomini. Sobald sie gefaßt ist, läßt sie den Officier 
kommen, der ihn fallen sah, und jeder kleine Umstand ist 
ihr willkommen, sie sammelt davon als an ihr größtes 
Kleinod. Die Erzählung des schwedischen Officiers hatte 
auch so viel Uebereinstimmendes mit der Geschichte des 25., 
die Liebe derer, die seinen Körper wegtrugen, genug, ich 
sage Dir, ich war dahin ganz in Stockach u. iii Prag, w^einte 
ich einen Strom der heißesten Thränen. Ich sagte die 
Ursache meines heftigen Zustandes der herrlichen Königin 
und sie litt mit Dir, mit mir. Das Stück ist leider noch 
nicht gedruckt und nicht im Manuskript zu haben, sonst 
bekämst Du es. 

Wie Ticla endet, möchtest Du wissen ? Nicht so edel, 
wie meine Elise. Sie ist Mädchen, also noch eher zu ver- 
zeihen, sie eilt zu dem Grabe des Verstorbenen und stirbt 
da. Das konnte das schwache Mädchen thun. Die edle 
Frau, die gute Mutter muß leben und dulden. 

Denke Dir, was für eine Vorbereitung zur Trennung 
von meiner Louise. Der andere Morgen brachte sie mit 
sich. Die Himmlische, sie schloß mich so fest in ihre 
Arme, ich drückte sie so warm an mein Herz, und doch 
vermochte man uns zu trennen. Noch eine Umarmung 
und ich floh den Hof und einsam in meinem Zimmer 
weinte ich meinem beklommenen Herzen Luft. Nach 
einer Stijnde kam die regierende Herzogin, ich mußte 



112 Neue Mittheilungen. 



mich fassen, nun ging der Taumel um mich her wieder 
an, allein mein Herz war verschlossen, ich war allein in 
der Welt, doch muß ich mich ermannen und gewiß ist 
Weimar der Ort, der ein [sie!] am meisten Zerstreuung ge- 
währt und solche, der man sich nicht zu schämen braucht. 
In einer Stadt, wo ein Wieland, Herder, Goethe, Richter, 
Falke wohnen, muß wohl ein anderer Geist wohnen. 

Joignez ä cela un duc trfes spirituel, une femme trfes 
respectable, remplie de connaissances, une m^re, digne 
mfere du fils qui fait de ce Weimar un bijou et jugez s'il 
y a li de quoi jouir. 

Je passais trois jours encore ä Weimar et ils sont tous 
tris agriablement marqu^s. Le local est unique, tout ce 
que j*ai vu de ce pays est un jardin. Le duc ne me quittait 
pas plus que mon ombre, le matin c'^taient des courses k 
pied et ä cheval, visites ä donner ou ä recevoir, conver- 
sations interessantes, biblioth^que, acad^mie de peinture, 
Institut de M. de Mounier i voir, bal, opira, enfin je ne 
sais quoi. Je partis vendredi.« 



Die Schreiberin des vorstehenden Briefes ist Prinzessin 
Therese von Thum und Taxis, zweitältere Schwester der 
Königin Luise von Preußen. Die Adressatin ist Fürstin 
Betty von FUrstenberg, Wittwe des am 25. März 1799 ^^s 
österreichischer General gefallenen Fürsten Karl Joseph Aloys 
von Fürstenberg. Unter den nicht Weimarer Persönlichkeiten, 
von denen gesprochen wird, ist »die engelhafte Königina, die 
Königin Luise von Preussen ; Charlotte, ihre älteste Schwester, 
die Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen; George, der 
jüngere Bruder, Erbprinz, später Großherzog von Mecklenburg- 
Strelitz. Die Weimarer Persönlichkeiten bedürfen keiner weiteren 
Bemerkung. Nur ist darauf aufmerksam zu machen, daß Falke, 
der Satiriker, und Philantrop J. D. Falk, Richter, der damals 
nur zeitweilig in Weimar lebende Schriftsteller ist, bekannter 
unter seinem Autornamen Jean Paul. Die AufHlhrung von 
Wallensteins Tod, welche die fürstliche Berichterstatterin sah, 
ist nicht die erste, diese fand vielmehr am 20. April 1799 
statt (s. Burkhardt Repertoire S. 32) sondern die vom 2. Juli 
(vgl. am angeführten Orte S. 33). Der Besuch unserer Brief- 
schreiberin wird in Goethes Tagebüchern W. A. III 2. Bd. 
S. 255 unterm 5. Juli erwähnt »bei Hofe, ging die Princessin 
von Thum und Taxis fort«. Der König Friedrich Wilhelm III. 



Goethe uxd Lili Parthey. I13 



von Preußen, der in Weimar mit seiner Gemahlin zusammen 
war, verließ, wie es im Tagebuch heißt, am 3. Juli Weimar; 
von seiner bevorstehenden Anwesenheit und der Noth wendigkeit, 
im Schauspiel sich abzumühen, wird in den Briefen (25. Juni 
Briefe W. A. 14, 121) gesprochen. 



y^ 



5. GOETHE UND LILI PARTHEY. 

Mitgctbeilt von 

Otto Harkack. 

Eine Goethe-Erinnerung aus dem ereignißreichen, von 
dem Dichter in den böhmischen Bädern verbrachten Sommer 
des Jahres 1823 überliefern uns die folgenden Blätter.' Sie 
zeigen uns Goethe in voller Frische und Heiterkeit, unmittel- 
bar bevor die Ankunft Ulrike von Levetzows ihn zu leiden- 
schaftlicher Erregung fortriß und schließlich dazu führte, 
niemals mehr die ihm so vertraut und werthvoll gewordene 
Stätte in Böhmen aufzusuchen. Wir sehen den fast 74jährigen 
Dichter auf ein junges, freilich von schwärmerischer Be- 
geisterung erfülltes Mädchen einen Eindruck hervorbringen, der 
es begreiflich erscheinen läßt, daß auch er selbst kurz darauf 
noch in »Herzensirrunga verstrickt werden konnte. Wir er- 
fahren endlich, daß ein Gedicht, das in den Ausgaben stets 
mit denen an Ulrike vereinigt ist, thatsächlich von Goethe 
der jugendlichen Verehrerin zugesandt worden, von der die 
folgenden Aufzeichnungen herrühren, Lili Parthey. Sie möge 
nun zunächst selbst das Wort erhalten: 

Mittwoch den 2j. July 2), Welch ein Tag — o die! 
Ich muß mich nur aller Ausrufungen enthalten, aber glück- 
licher war ich gewiß noch nie, und der Culminationspunkt 
meiner Existenz ist vorüber. — Ich habe ihn gesehen, was 
will das sagen? — aber 3 mal gesehen, ihn gesprochen, 

' Die Mittheilun^ des Tagebuchs ist dem Enkel der Verfasserin 
zu verdanken, Herrn ueheimen Oberber^ath Dr. Lepsius in Darmstadt. 
Der Zusammenkunft Goethes und Lili Partheys hatte kurze Erwähnung 
schon ^ethan G. Parthey in seinem (nicht im Buchhandel befindlichen) 
Büchlem: Ein verfehlter und ein gelungener Besuch bei Goethe (1862). 
Ich wurde auf letzteres aufmerksam durch B. Suphans Citat in seiner 
auch diese »zierliche« Begegnung berührenden uratulationsschrift an 
Paul Heyse: Allerlei Zierlioies von der alten Excellenz, Berlin 1900, und 
erhielt dann durch Lepsius' Vermittlung das sonst schwer zugängliche 
Buch. Von Lili's Besuch ist darin nur mit wenigen Worten die Rede. 

GoCTMI-jAlRiVCa XXII. 8 



114 Neue Mittheilungen. 



seine Hand gehalten, ihn geküßt, und er hat mir schöne 
Dinge gesagt! — Ich war und bin in einer Extase wie 
noch nie, aber da die Momente der Extase selten genug 
im Leben sind, so habe ich sie nicht vorüber gehen lassen, 
sondern redlich genutzt. Nun lese ich seine Werke mit 
ganz anderm Verstand u. Sinn — und Geist, u. verstehe 
alles viel besser u. kann mir ihn dabei denken — ihn 
sprechen hören. Er spricht ja gerade so, wie er schreibt — 
und wie schön ist er noch jetzt — ich kann mir nicht 
helfen, es klingt lächerlich — aber nie sah ich einen 
schöneren Mann. Doch zur Ordnung, wenn es gehen 
wird, u. zum wie, wo u. wann! — Wir haben ihn 3 mal 
gesehen. Erst 5 Minuten am Fenster, dann über eine 
Stunde bei der Fürstinn, und dann — das übertraf alles 
andere — kam er an den Brunnen, wo er sonst niemals 
ist, u. ging mit uns im lebhaftesten Gespräch, fünfviertel 
Stunden auf u. nieder — u. das ist mir geschehen am 23. 
Was er alles sprach, u. wie er es sagte — wer kann das 
nachsagen oder schreiben ? Auch steht es mir ziemlich fest 
im Herzen — aber wegen der Zeit, die ja alles mehr oder 
minder verwischt, will ich mir es doch möglichst genau 
zu Papier bringen — nach u. nach, u schlecht genug freilich, 
aber es wird mir doch einmal Freude machen ! — Es ver- 
einigt sich alles zu unsern Gunsten, aber wie vielen Dank 
sind wir der liebsten Fürstinn schuldig, die überhaupt von 
einer Güte für uns war — sondergleichen würde Berta 
sagen. Also gleich am Morgen, wir waren kaum ange- 
zogen, klopfte sie an unser Fenster, guten Morgen zu sagen 
u. daß wir ja an den Brunnen kommen möchten. Das 
Wetter war schlecht genug u. niemand da. — Dann zum 
Frühstück zur Fürstinn um V» lo« Wir mußten an Goethe's 
Wohnung vorüber. Hier wohnt er, sagte die Fürstinn. 
Die Fenster standen offen, sie stellte sich hin u. rief: 
Herr v. Goethe! — Er erschien alsobald oben am Fenster 
in schöner Wäsche und einem Schlafrock (Es soll ein 
Flausch gewesen seyn.) blendend weiß, mit hübschen Ent- 
schuldigungen, daß er noch so gar »morgendlich« sey — 
ich sah hinauf wie nach einem Stern — dann agacirte sie 
ihn aufs anmuthigste, daß er ihr neulich gutes Wetter 



Goethe und Lili Parthey. 115 



prophezeit u. gemacht habe, daß sie ganz naß geworden 
sey. »Ja damals war ich noch jung, wenigstens ein paar 
Tage jünger u. folglich grausam !« — Die Fürstinn mit ge- 
wohnter Lebendigkeit. — »Jetzt muß ich Sie vorstellen 
H. V. Goethe, hier sind 3 Damen aus Berlin, die Ihnen 
sehr schöne Grüße zu bringen haben, von wem doch schon?« 
»Von Zelter« — »Ja, v. Zelter, dies ist Lili Parthey, wenn 
Sie von ihr gehört haben u. s. w.« Ich brachte darauf meinen 
Gruß an — »Da bringen Sie mir nicht nur einen schönen 
Gruß, sondern auch eine schöne Stimme mit« tönt es von 
oben herab. — Die Fürstinn trieb darauf zum Frühstück 
u. sagte ihm, der Caffee riefe: »Ich weiß was das sagen 
will, u. hoffe die angenehme Bekanntschaft, die ich von 
einiger Höhe herab angefangen, in der Ebene fortzusetzen.« 
Damit gingen wir — schon zieml. selig, obgleich ich ihn 
gar nicht recht deutlich, sondern nur le tout gesehen hatte. 
Unser Frühstück war ungemein angenehm, wir blieben bis 
um V212. — Toilette in unserm sächsischen Hause, dann 
zur Fürstinn, die uns abermals eingeladen hatte zum Diner. 
Um 3 kam Karl, wir hatten ihn zu Goethe senden wollen 
um fragen zu lassen, ob wir nicht zu ihm kommen dürfen, 
unsre Grüße abzugeben, da wir morgen wieder reisten. Die 
Fürstinn schickte nun ihren Kammerdiener, was gewiß besser 
war, u. es kam die Nachricht, er wolle die Damen nicht be- 
mühen, werde aber in einer V* od. V» St. selbst kommen. . . . 
Mir schlug mein Herz als er eintrat und ich wurde feuer- 
roth, aber mir war gar nicht bang, ich habe mir nicht ge- 
dacht, daß er noch so aussehe, denn Rauchs Büste ist zu 
voll, u. ich wurde nur an das gewohnte liebe Bild bei Zelter 
erinnert. Die Augen sind unendlich schön, Gottlob, daß 
ich sie und ihn nicht 30 Jahre früher gesehen habe — es 
ist eine Milde darinn u. ein Feuer, ich habe so etwas noch 
nie gesehen. Der Mund ist alt, wenn er nicht spricht, aber 
sobald er ihn bewegt od. freundl. aussieht, was er oft that, 
so ahnet man seine ganze Schönheit. In der Gestalt hat 
er viel von Seebeck, im Gange auch — aber er imponirt 
mir mehr, ich kann das nicht recht begreifen. Er wurde 
auf den Sopha gesetzt, ich neben ihn auf einen Stuhl, die 

Tante auf dem Sofa, dann die Mutter, Fürstinn u. Gräfin: 

8* 



Il6 Neue Mittheilungen. 



Es war sehr schön, u. ich nahm mir die Freiheit ihn immer 
anzusehn, denn das geschieht mir doch vielleicht nicht 
wieder. Meinen Gruß von Zelter mußte ich ihm wieder- 
holen. Ja, sagte er, da schreibt er mir immer so viel von 
seinen schönen Schülerinnen, u. dieses u. jenes — ich wußte 
gar nicht recht was es für eine Bewandniß haben möchte, 
nun verstehe ich denn wohl, was es damit auf sich hat — 
das war gewiß sehr schön u. fein. Die Tante sprach ihm 
von Langermann, v. Körners, v. Seebecks — er erinnert 
sich aller freundlichst. Die Fürstinn fragte ihn, ob er denn 
nie nach Berlin kommen würde. — »Nein, da hüte ich mich 
wohl.« — »Ei mein Gott haben Sie denn solch eine Anti- 
pathie dafür?« — »Ach nein im Gegentheil, es ist zu ge- 
fährlich, jetzt noch mehr«, setzte er mit einem liebens- 
würdigen Seitenblick hinzu, der mich etwas sehr entzückte. 
»Und dann bin ich durch meine Kinder dort so sehr zu 
Haus, als sey ich dort gewesen.« — »Was!« rief die Fürstinn, 
»Sie sind nie da gewesen.^« »Nein, ich habe mich immer 
sehr in Acht genommen. Bei meinen Kindern ist es eine 
ordentl. Krankheit geworden, u. da hat mein Sohn einen 
Plan gekauft, den muß ich mit ihm studiren u. durch alle 
Straßen laufen u. bei jedem Hause wo ein Freund wohnt, 
wird ein Kreuz gemacht, mit rother Tinte. — Und dann 
spricht er mir von großen Plätzen, wo das Schloß steht, 
u, das Opernhaus, u. wie herrl. das alles sey.« Die Tante 
sprach von den Statuen, die Rauch jetzt dorthin gestellt 
habe. So kamen wir auf Rauch zu sprechen, den er einen 
liebenswürdigen heiteren Künstler nannte und dann fragte 
er mich, ob ich seine Büste von ihm ähnlich fände. Ich 
sagte nach innigster Ueberzeugung: »Nicht ganz« — ich 
fände das Bild bei Zelter viel ähnlicher. Er fragte, was es für 
eins sey, ich wußte nicht von wem, u. sagte ihm nur, es 
wäre sehr schön, u. er hätte einen großen Mantel um pp 
u. ich sähe es immer an, beim Singen. Es fand sich daß es 
eine Kopie nach Kügelgen sey, u. er lobte sie. — Ueber- 
raschend war es mir, mit welchem lebendigen Interesse 
er von allem sprach, von allem wußte. Es kam die Rede 
auf Thorwaldsen, auf einen kleinen Amor von ihm u. 
endlich auf die Ariadne in Frankfurt, über die die Fürstinn 



Goethe und Lili Parthey. 117 

mit gewohnter Lebhaftigkeit herfiel. — »Nicht wahr, ge- 
stehen Sie's nur, Ihnen hat sie auch nicht gefallen?« — 
»Da sieht man wieder, daß niemals Frauen über eine Frau 
urtheilen können, das ist uns nun einmal vorbehalten, so 
wie Ihnen, über uns den Stab zu brechen.« — »Nun, so 
unheilen Sie nur einmal, sie ist gewiß viel zu klein.« »Ei 
nein, es ist ein recht hübsches Kind, ein artiges angenehmes 
Figürchen, u. sie sitzt so anmuthig auf ihrem Hunde da« -- 
»Da habe ich Sie gefaßt«, rief die Fürstinn dazwischen, — 
»das war eine strenge Kritik, sie sitzt ja auf einem Tiger« 
»Was gar auf einer Katze — nun ich finde es nur bequem, 
daß sie still steht, u. nicht mit dem artigen Kinde davon- 
läuft, denn das würde die Anschauung sehr stören«. Die 
Tante sprach ihm v. Kömers, von Langermanns, er sagte 
von allen etwas freundliches, hübsches u. wahres, wie er 
seine Worte [setzt], wie zierlich u. unnachsprechlich alles 
gestellt ist, das läßt sich nun freilich nicht wiedergeben, aber 
es erfüllt mich mit Entzücken. Ich war gar nicht in Angst, 
od. blöde u. erzählte ihm, daß ich die Freude gehabt hätte, 
Ulricke Pogwisch zu sehn, u. daß es ihr so gut bei uns 
gefallen habe. Er sagte viel hübsches v. ihr. Auch auf 
die Humboldts kam die Rede u. bei der Gelegenheit ver- 
rieth sich's, daß er in Tegel gewesen sey, u. also auch in 
Berlin, was die Fürstinn sogleich sehr lebhaft ergriff. — 
»Ach, da habe ich mich also doch fangen lassen.« »Nun 
müssen wir noch viel betrübter seyn, daß Sie nicht wieder 
kommen wollen.« — »Nein, es geht doch nicht recht, ich 
würde am Ende den Rückweg nicht zu finden wissen.« 
Vom Theater sprach er mit jugendlichstem Antheil. Mad. 
Neumann, u. ihre Recensenten, die Stich'sche Geschichte, 
Wolffs, alles wurde berührt u. durchgenommen. Die Fürstinn 
fragte ihn, ob er das franz. Trauerspiel liebe. »Ei warum 
denn nicht.« »Haben Sie Talma gesehn?« »Ja er war bei uns.« 
Nun ging eine herrl. satyrische Schilderung ihrer Art an, wie 
der Held immer den Mantel auf der rechten Schulter, u. der 
Vertraute auf der linken trüge, so daß man sie daran er- 
kennen könne. Dann von dem Brittanikus, einem hübschen 
soliden Stück, wo der Held mit einem gewissen stehenden 
Gestus hereingekommen, u. langsam einen schönen Helm 



Il8 Neue Mittiieilungen. 



von seinem Haupt genommen, u. ihn herumdrehend auf den 
nebenstehenden Tisch gestellt habe, — u. dann eine Scene 
aus der Zaire. Da war der alte Nerestan — nun der Mann 
war bei Jahren, u. man konnte ihm das Zittern nicht verargen, 
der hielt beide Hände in die Höhe, u. zitterte sehr. — Die 
beiden Liebenden zu seinen Seiten, u. im Feuer der Leiden- 
schaft thaten desgl. und es war ein schöner Anblick diese 
6 zitternden Hände in der Luft zu erblicken — (wir lachten 
über die Maßen) — noch nicht genug, im Hintergrunde 
stand ein Vertrauter, als der die allgemeine Bewegung sah, 
erhob auch er seine Hände, u. so waren es denn 8.« — Von 
WolfT sprach er sehr lobend, v. Iffland, u. der Bettina, die 
in ihrer Kindheit u. Jugend viel in Frankfun bei seiner 
Mutter gewesen sey, mit lebhaftem Entzücken. Auch v. See- 
becks sagte er viel hübsches, besonders über ihren Aufenthalt 
in der »alten Reichsstadt« — u. daß er sich freue, wie sie 
jetzt nun endl. zur Ruhe gekommen wären, u. daß eine 
Familie wie diese gar nicht auf die Landstr. gehöre. Er 
war gewiß i Stunde da, u. länger, als ein ungeschicktes 
Kammermädchen hereinkam, u er nun meinte, daß es Zeit 
sey zu gehen — ich war recht betrübt. Er nahm Abschied 
V. allen, u. gab mir Grüße für Zelter u. für alle, u. ich 
möchte an ihn denken — was das überflüssig ist. Ich hatte 
aber doch nicht das Herz meinen ganzen Auftrag auszu- 
richten, u. seufzte darüber als er fort war. »Was, rief die 
Fürstinn, das Beste haben Sie vergessen? Gleich laufen Sie 
ihm nach.rr Ich hatte keinen Muth dazu — aber die Gräfinn 
nahm mich beim Arm, u. wir erreichten ihn auf der zweiten 
Abtheilung der Treppe. »H. v. Goethe, rief die Gräfin:, es 
ist noch etwas vergessen worden.« — Er wandte sich zu 
mir, ich stand ein paar Stufen höher, u. sagte mit be- 
wunderungswürdiger Kühnheit: »Zelter hätte mir nicht 
nur einen Gruß aufgetragen, sondern auch was sich darauf 
reimt« — Er verstand das augenblickl. u. ich bekam einen 
sehr schönen — , so daß ich noch mehr als sonst die arme 
Friedericke bedauerte, u. dann sagte er gar : »Mein schöner 
Engel, Millionen Dank sage ich Ihnen.« — Dabei wollte er 
mir die Hand küssen, was ich natürlich nicht litt, sondern 
ihm eben so natürl. den Mund hinhieh. — »Den dritten müssen 



Goethe und Lili Parthey. 119 

Sie nun in Berlin holen«, sagte die Gräfinn. — »Würde 
ich ihn bekommen ?« »O gewiß, mehr als einen.« Ich kam 
in bedeutender Extase wieder herein, ganz roth, wie die 
Fürstinn meinte — u. dankte ihr, gewiß mit vielem Aus- 
druck, denn ihr allein haben wir doch alle das zu danken. 
Wir freuten uns noch ein Weilchen seiner Lebendig- u. 
Liebenswürdigkeit, u. die Fürstinn erzählte uns, wie u. wo sie 
ihn schon früher gesehen habe, u. wie unvergleichlich schön 
er gewesen sey. — Aehnlichkeit mit dem Belvederischen 
Apoll. Um 5 kam der Brunnenarzt Heckler, dem die Tante 
einen Brief v. Kranichfeld gebracht hatte, ein kleiner an- 
genehmer, einfacher u. recht gescheuter Mann, der uns das 
Badehaus mit ^Uen Anstalten etc. zeigte. Schlammbäder, 
Gasbäder, von denen die Fürstinn heute das erste nehmen 
sollte, — u. führte uns dann nach dem Carolinenbrunnen, 
der durch eine schöne Allee mit dem Marie-kreuz-brunnen 
verbunden ist, der ganz herrl. liegt u. umgeben ist. Hier 
standen wir die Fürstinn mit d. Gräfinn, u. es geschah uns, 
was eigentl. dem ganzen Tag, der ganzen Reise die Krone 
aufsetzte. — Goethe nehml. trinkt nur des Morgens, aber 
bei sich u. niemals am Brunnen, wo er erst einmal eine 
Viertelstunde gewesen ist, u. zwar mit der Fürstinn, die 
uns schon versichert hatte, es habe ungeheure Sensation 
gemacht. Um Va6 versammelt sich abermals die ganze 
Bade-Gesellschaft am Brunnen, u. so war es auch heute 
sehr voll u. brillant. Wir waren eben mit den Damen zum 
Marienbrunnen gelangt, als ein Gemurmel um uns her 
entstand. »Mein Gott, da ist ja der Geheimerath.« Er kam 
gleich auf uns zu, u. begleitete uns zur Quelle, wo die 
Fürstinn mit der Tante schon war, u. nöthigte uns den 
Brunnen zu kosten. Die Fürstinn agacirte ihn auf die 
hübscheste Weise: »Ei, ei H. v. G. was ist auf meiner 
Treppe geschehn? Was habe ich hören müssen?« »Ach 
erinnern Sie mich doch nur nicht an das, was ich zu ver- 
gessen suche.« »Wie vergessen wollen Sie es?« »Ja, das 
war schlimm — sehr schlimm u. gefährl.« Die Fürstinn 
führte die Tante noch irgend wohin, wo die Flaschen ver- 
packt werden; ich hatte aber natürl. viel mehr Lust, seiner 
Aufforderung noch etwas zu gehen Folge zu leisten, die 



120 Neue Mittheilungen. 



Gr. u. die Mutter schlössen sich an und nun gingen wir 
I V4 Stunde auf u. nieder, ich dicht an seiner Seite u. alle 
Leute sahen uns an, gewiß nicht ohne Neid. Ich war auch 
so selig, aber nicht ein bischen stolz, im Gegentheil rief 
ich mir immer zu : halt dich fein in der Niedrigkeit ! Aber 
recht innig habe ich das Glück dieser Stunde genossen, 
ich sagte mir unaufhörlich, jetzt hörst du ihn wirkl. 
sprechen, jetzt gehst du wirkl. mit ihm auf u. nieder! 
Und er war auch so unendl. lebhaft u. liebenswürdig 
u. gesprächig, die Unterhaltung riß keinen Augenblick 
ab. Zuerst vom Abend, vom Brunnen, vom Wetter. Die 
Gr. fing an vom Aufenthalte des Königs v. Baiern in Weimar 
zu sprechen, er hatte ihn noch als Herz. v. Zweibrücken 
gekannt bei der Belagerung v. Maynz, u. als sie von den 
Princessinnen sprach, erwiederte er: »Ja ich habe sie gesehen, 
schöne liebe Kinder ; ich war grade etwas immobil, aber sie 
hatten die Gnade, zu mir zu kommen.« Meine Bemerkung, 
daß die Gnade wohl eigentl. gegenseitig gewesen sey, wurde 
freundl. angenommen. (Früher hatte er schon, als die 
Mutter bemerkte, daß er den Brunnen selten besuche, er- 
wiedert, »Heute zum erstenmal. Da sieht man aber was 
•das Verlangen nach guter Gesellschaft ihut«. — Also wirkl. 
\im unsertwillen war er gekommen. Ich begreife noch nicht, 
wie ich eigentlich den Muth hergenommen habe mit ihm 
zu sprechen u. ihm aües zu sagen, was mir in den Mund 
kam, aber ich war so selig!) Dann sprach er vom Bier- 
trinken des Königs, das alle Dresdner in Aufruhr gebracht 
hatte. Es grüßten ihn viele Leute u. nicht wenig inter- 
essante. Der Herz. u. Erbgroßherzog v. Weimar, Louis 
Bonaparte, Eugen Beauhamais etc. Er sprach von allen 
hübsch. Der Herz, sieht aus wie ein Bäcker, er hatte eine 
ungeheuer breite u. weiße Weste an. G. zeigte mir ihn, 
wie er auf uns zukam, u. als er gegrüßt hatte, sagte er : 
»Nun kennen Sie ihn doch auch ?« Louis B. ist gerade v. 
Rom hierhergekommen, er nennt es ein großes Unter- 
nehmen, u. meint es sei »verwundert, genug«, wie weit die 
Hoffnung den Menschen herumführen könne. Von Eugen B, 
sprach er viel u. sehr gut. Es sey ein ausgezeichneter 
Mann, der viel gesehn u. erfahren habe, u. was nicht immer 



Goethe und Lili Parthey. I2I 



der Fall sey, sich verständig u. interessant darüber auszu- 
sprechen wisse; er habe ihn vor einigen Abenden auf einem 
Ball lange gesprochen. Von seiner Krankheit erzählte er 
viel interessantes. Sein Arzt ist abwesend gewesen, u. die 
übrigen haben die ganze Krankheit gerade umgekehrt be- 
handelt, als nun der rechte Arzt zurückgekommen, der 
augenblickl. die ganze Gefahr eingesehen hat, haben die 
andern sich lebhaft seiner Meinung u. Ansicht entgegen- 
gestellt, u. er hat schon aufgegeben gehabt, sowohl das 
Leben und die Rettung des Prinzen als auch, im Kampf 
gegen 3—4 Mitgenossen zu siegen. Da hat sich die Fürstinn, 
von der er ungemein lobend sprach, ins Mittel gelegt, u. 
ihn mit Thränen beschworen, doch ja seiner Ansicht zu 
folgen, u. nichts zu thun, als was er für das Rechte u. Wahre 
halte. Auf das äußerste von dieser Scene ergriffen, u. im 
heftigsten Streite mit sich selbst, leidenschaftlichst aufge- 
regt, u. nicht wissend, was er zu thun u. zu lassen habe, 
hat der Arzt erst fortgehen u. sich ausweinen müssen. 
Dann aber ist er entschlossen herausgetreten, u. hat trotz 
alles Widerspruchs seine Mittel angewendet u. der Prinz ist 
gerettet gewesen. »Was muß das für eine Krisis gewesen 
seyn«, rief ich aus. »Gar keine, das ist eben das wunder- 
bare. Bei diesem ganz merkwürdigen Fall ist von Krisis 
gar nicht die Rede gewesen, sondern ein einziger Moment 
hat die dringendste Todesgefahr in Gesundheit u. Leben 
verkehrt.« Wir sprachen ihm von seiner eignen Krank- 
heit ; ich sagte ihm, in was für Angst er uns damit versetzt 
habe u. wie das gar nicht hübsch gewesen sey. »Hübsch 
war es freil. nicht, mein hübsches Kind, erwiederte er, in- 
dessen man muß schon zufrieden seyn, es kömmt nun wie 
es kömmt, u. dann ist es auch wieder erfreulich, soviel Be- 
weise V. Liebe u. Anhänglichkeit sich aussprechen zu sehen, 
als es mir bei dieser Gelegenheit, namentl. von Berlin aus 
geschehen ist. Das ist denn auch wieder recht stärkend 
u. die Genesung befördernd. Aber verwunderl. genug war 
es, daß, als ich mich kaum erholt hatte, die Herzogin, von 
der ich so vielfache Beweise der Theilnahme u. Liebe erhalten 
hatte, uns, als ich kaum etwas genesen war, krank wurde 
und ganz in dieselbe Krankheit verfiel; zu unserm Glück 



122 Neue Mittheilüngen. 

geht es ihr ganz besser, u. sie lebt in Wilhelmsthal, einem 
ihr lieb. Aufenthalt, jetzt ein schönes u. friedl. Leben.« Von 
ihrem Verlust sprach er als von einem unersetzl., da sie 
es doch sey, die alles zusammenhalte, um die sich alles 
reihe u. ordne. (Er hat eine kleine, ganz liebenswürdige 
Angewohnheit, im Laufe des Gesprächs »Ach ja!« einzu- 
schieben, das durch Ton und Ausdruck eine ganze Welt 
von Erinnerung u. Bedeutung erhält. Ich werde es nie ver- 
gessen.) Marienbad u. seine schnelle Entstehung verglich 
er mit einer amerikanischen Stadt, wo jetzt eine z. B. seit 
4 Jahren aus dem Nichts entstanden, schon gr. Kupferwerke 
nach England gesendet habe. Ich fragte ihn nach einem 
ihn grüßenden. »Das ist ein gr. Mann, sein Ur-, ur-, ur-, 
ur-Älter- Vater ist einmal gen Himmel gefahren u. hat wohl 
auf alle herabgesehn; er heißt Henoch.« »War denn der 
Mann ein Luftschiffer«, fragte ich gewiß recht albern? 
»Ei, wenn Sie 30—40 Jahre früher geboren wären, w^as 
ich Ihnen übrigens nicht wünschen will, ganz u. gar nicht 
wünschen will, so würden Sie schon wissen; daß jener 
Gute nicht im Ballon, sondern in dem Buch Moses zum 
Himmel aufgehoben wurde«. »Der, das war ja Elias?« 
»Ja später in dem Buch der Könige, da haben Sie auch 
Recht, aber unser Henoch unternahm dergl. viel früher im 
ersten Buch Moses.« Ich schalt mich darauf tüchtig, daß 
ich nicht besser bestanden u. so wenig bibelfest sey. »Das 
ist gar nicht so nothwendig, wie kann ein so schönes u. 
junges Kind schon wissen sollen, was sich alles mit den 
alten, uralten Erzvätern schon zugetragen hat.« Die Tante 
war indeß schon längst wieder zu uns gekommen, u. die 
Fürstinn mit der Gräfinn ins Gasbad gegangen. Schon zuvor 
hatte ich mit ihm viel v. Seebecks gesprochen. Ich mußte 
ihm ihre Wohnung beschreiben u. kam so auch auf seine 
Stube (?), worinn tausend Dinge wären, die unser eins nur 
ansehn u. sich verwundern könne. »Das ist auch wieder 
gut, u. freil. sind alle diese Dinge verwunderlich genug, 
denn wenn man nun auch alles kennt u. recht genau zu 
verstehen meint, so wundert man sich immer mehr u. mehr, 
um am Ende mit gr. Verwunderung einzugestehen, wie man 
so w^enig, so nichts davon weiß.« Die Mutter S. lobte 



Goethe ukd Lili Parthey. 123 

er sehr. »Eine liebenswürdige, verständige Frau, u. eine 
Mutter u. Hausfrau wie es wenige giebt; sie hatte dabei 
eine Leichtigkeit u. Anmuth des Betragens u. Gesprächs — 
man mußte ihr gut und innigst zugethan seyn. Ach ja! 
Wir haben schöne, die besten Zeiten zusammen verlebt, 
ich kann wohl sagen, lauter gute Zeiten.« Er sagte das 
mit viel Bewegung und Innigkeit, wie er auch schon zu- 
vor, als er von seiner Krankheit u. dem allgemeinen Antheil 
davon sprach, innigst ergriffen u. bewegt war. Es be- 
gegnete uns u. A. ein zieml. alter Mann, mit grauen Haaren. 
»Das ist unser Quartiermeister, der alle Leiden in der 
Champagne mit uns getheilt hat; wir haben uns nun, 
wunderl. genug, ganz unvermuthet hier wieder gefunden.« 
Ich sagte ihm, wie ich ihn freil. sehr bedauert hätte, aber 
doch die Luiden gepriesen, denen wir so viele Freuden zu 
danken hätten. Er lächelte sehr freundl. auf mich herunter, 
u. meinte: »Nun ja, in der Erinnerung u. auf den Blättern 
nimmt sich's gut genug aus, aber ich sehe doch wenigstens, 
daß Sie ein gutes Gemüth haben.« »Es war ja aber auch 
gar zu schlimm.« »Ja freil, bedauerlich genug war es wohl 
mit uns, und es regnete wirkl. immerfort. Immerfort, 
4 Wochen hintereinander, da ging es denn freil. am Ende 
drunter u. drüber.« »Aber Sie empfanden nicht viel davon?« 
»Nun wohl am wenigsten von allen ; ich hatte meine Tage- 
bücher, aber man würde es nicht glauben, wenn man es 
nicht miterlebt hätte.« Ich sprach mit vielem Muth zieml. 
viel dazwischen, u. begreife noch nicht, wie es zuging, 
aber er war so gut u. freundl., u. ich nicht ein Bischen in 
Angst ; so sagte ich ihm denn auch manches, was ich mir 
nachher als etwas Dummes vorgehalten habe, indessen es 
ist nun einmal gesagt, u. da ist nichts zu machen, auch 
wird er wohl nichts mehr davon wissen. Er sprach von 
der Gegend, von den Tannen, u. wie es uns denn gefalle. 
»Wir haben nicht viel davon gesehen u. darum sind wir 
auch gar nicht hergekommen.« »Ei, daß ist doch sehr der 
Mühe werth, was haben Ihnpn denn die armen Tannen 
gethan ?« »Wissen Sie wohl, warum wir hierher gekommen 
sind.^« »Nun?« Ich wunderte mir über mir selbst, aber 
ich sagte wirkl. : »Nur bloß um Sie anzusehn.« »Ei ei, das 



124 Neue Mittheilungen. 



kann ich kaum glauben u. annehmen, u. kann es gewiß 
mit größerem Rechte sagen.« Ich äußerte ihm meine 
Freude, daß nun unsere kühnsten Hoffnungen so unendl. 
weit übertroffen wären, u. erzählte ihm sogar, daß ich mir 
vorgenommen gehabt, als Schüler im Faust vor sein An- 
gesicht zu kommen. »Ich bin allhier erst kurze Zeit pp«. 
Er lachte sehr darüber u. sagte etwas Schönes v. zierlicher 
Gestalt pp und wie er mich gleich in allen 4 Fakultäten 
würde examinirt haben. »Da würde ich gewiß sehr schlecht 
bestehen ; aber wissen Sie wohl, daß ich eigentl. eine sehr 
alte Bekannte von Ihnen bin?« — (Das war das tollste 
von mir — indessen es ist nun einmal heraus u. er weiß 
ja doch kein Wort mehr davon.) Sehr verwundert und 
mit gar zu hübschen Mienen sah er mich an. »Ei u. wie 
wäre denn das?« »Ich bin eigentl. die Lili aus Ihrem Park, 
aber ich habe leider keine Menagerie«. Die Tante stimmte 
ein, u. er lachte u. meinte, die Ankündigung sei ominös 
genug, u. da könnte man sich wohl leicht eine gar be- 
denkliche Rolle aussuchen. Dann fragte er, wohin wir von 
hier gingen, u. sagte viel Hübsches v. Prag, einer wahren 
Königs- u. klassischen Stadt, u. was sie für eine merk- 
würdige Geschichte habe. Er verglich sie mit Berlin, die 
man nur sähe, wenn man mitten drinn sey, u. wie man im 
Gegentheil in Prag nichts von der Stadt sähe, wenn man 
drinn sey, sondern nur von außen oder oben herab die 
herrlichste Ansicht habe. Die Mutter kam noch einmal 
darauf zurück, ob er denn Berlin nicht beglücken werde. 
(Er war die ganze Zeit in der liebenswürdigsten Laune u. 
ich ärgere mich beim schreiben immerfort, daß ich nicht 
alles so unendl. hübsch sagen u. stellen kann, als er es 
that — es ist wirkl.. unnachahml. — einzig.) Er zauderte 
u. umging die Antwort u. sagte, wie er jetzt noch viel 
mehr angezogen sey, wie aber die Sache immer bedenk- 
licher u. gefährlicher würde, es sey wirkl. nicht mehr 
zu wagen; er stellte es so hübsch u. so hübsch für mich, 
daß ich es nicht wiedergeben kann, u. als die Mutter sagte, 
es würden ihm noch ganz andere und viel schönere 
Mädchen entgegenkommen als ich, meinte er, es sey schon 
genug, u. viel zu viel. »Also ein schönes Nein?« »Nun 



Goethe und Lili Parthey. 125 

man kann immer nicht wissen, aber bei meinen Kindern 
ist es schon ausgemacht, die können keinen Winter mehr 
durchleben ohne in Berlin gewesen zu seyn, u. da will 
sich dann meine Schwiegertochter nur den heil. Christ 
bescheeren lassen, u. dann den Herrlichkeiten des Car- 
nevals nachziehn.« Ich sagte ihm, auch wir hätten soviel 
Schönes von seinen Enkeln gehört. »Ja, es sind liebe 
Kinder, u. gut u. tüchtig, u. hübsch dazu, was auch recht 
gut und angenehm ist, wenn man es in den Kauf bekömmt, 
u. sie vertragen sich gar gut mit dem Großvater, besonders 
wenn er ihnen Pfeffernüsse giebt, die auch diesesmal wieder 
angeschafft werden müssen.« Von Carlsbad war sehr lange 
u. viel die Rede. Wie er in früheren Jahren viel u. gern 
dort gewesen, 5—6 Jahre hintereinander. »Da wohnte ich 
denn immer in den 3 Mohren, nachher baute man mir aber 
ein Haus hin, das mir die Aussicht nahm, u. da mochte 
ich denn nicht mehr dorthin ziehen, auch nicht die guten 
Leute durch mein Fortbleiben betrüben, u. so blieb ich 
lieber ganz davon. Dann war es mir auch zuwider, weil 
ich zuletzt immer u. ohne Aufhören die Pferde der Ab- 
reisenden über die Brücke traben hörte.« Ich sagte ihm, 
wie mir das ganze Badeleben wie ein Menschenleben er- 
schienen sey, ein ewiges Kommen und Gehen, auftreten u. 
verschwinden. »Ja wohl, so war es mir auch; ich war in 
der Regel 4 ganze Monat dort; im ersten gab es nun gr. 
Herrlichkeit, die angenehmsten Bekanntschaften wurden 
gemacht, alles war jugendlich, lebensfroh, die Gegend neu, 
u. reich, es bildete sich ein Zirkel, der seines gleichen suchte. 
Im 2*~ Monat verwandelte sich dieScene, neue Erscheinungen 
traten auf, ein ganz anderes Geschlecht, nicht weniger 
angenehm u. gut, aber die ersten Theilnehmer fehlten, die 
Lebendigkeit u. Frischheit war abgestumpft, indessen man 
half sich, wie man konnte u. es ging, nicht wie zu Anfang, 
aber noch immer gut genug, bis dann zuletzt sich einer 
nach dem andern verlor u. davonzog, u. es immer leerer 
u. einsamer wurde.« (»Ach ja,« sagte er sehr oft, u. ich 
hatte jedesmal eine wahre Freude daran.) Die Schilder in 
Carlsbad haben ihn auch sehr amüsirt, er erkundigte sich, 
wo wir denn wohnten, u. kannte den w. H. gar wohl. Die 



126 Neue Mittheilungen. 



Unmöglicbkeit nannte er ein liebenswürdiges Schild, u. fand 
besonders die Bezüglichkeiten sehr gut, die sich oft durch 
die Bewohner machten; so hatte ein Freund aus ihrem 
Kreise, ein lustiger Vogel, im lustigen Bauer gewohnt. 
Schon bei der Fürstinn hatte er eine hübsche Geschichte er- 
zählt, wie nehml. ein Freund einen dummen Bedienten gehabt, 
dem er eingebildet habe, hinter dem Kreuzberg sey ein 
großes Feuer, eigentl. das Fegefeuer, wo die bösen Seelen 
in einem gr. Kessel siedeten, u. daher sey der Sprudel 
entstanden, u. daher rühre auch der seltsame Geschmack 
nach Fleischbrühe. Ich fragte ihn, ob er denn gar keinen 
Lieblingsplatz habe. »Nein, Lieblingsplatz eigentl. nicht, am 
liebsten ging ich v. der Prager Chaussee herunter, u. freute 
mich der sich aufthuenden Herrlichkeiten, was denn aller- 
dings für jemand, der selbst am Zeichnen Interesse hat u. leb- 
haft auf Beleuchtung u. Schattirung achtet, einen besonderen 
Reiz hat.« — Das Theater war aus, u. er erzählte uns, daß 
heute noch ein Concert sey. »Geht denn irgend jemand 
ins Theater«, fragte er die Tante. »Gewiß, man freut sich 
an der Schlechtigkeit u. am Ende ist doch das schlechteste 
Theater besser als die beste Langweil.« Am Ende war es 
schon ganz leer u. sehr kühl geworden. Da meinte er 
dann, es sey wohl nöthig für uns zu Hause zu gehen ; denn 
Gesundheit, wenn man auch noch so gesund sey, müsse 
man doch immer am höchsten halten. Wir fragten, ob wir 
ihn denn zu Haus bringen dürften, u. er erbot sich auf die 
liebenswürdigste Weise von der Welt uns zu geleiten ; der 
Mann muß doch unwiderstehl. gewesen seyn! So gingen 
wir denn den Berg herauf. Ich sprach ihm noch v. Felix, 
von dem er sagte, es sey nicht abzusehn, wo das hinaus 
wolle, wie es sich noch steigern könnte. Am Ende standen 
wir vor der Thüre der Fürstinn, u. der Moment des Abschieds, 
des letzten war gekommen. Mor. bekam eine Hand, u. die 
Mutter bemerkte, daß ihm mehr Glück geworden, als seinem 
Bruder, der so weit danach gereist; Goethe machte sein 
hübsches, verwundertes Gesicht, als er: Aegypten hörte. 
Ich bekam noch eine Hand u. Grüße an alle Freunde, u. 
bat ihn, mein Andenken bei Ulrike zu erneuern. Er schied 
mit hübschen Worten über die mit uns verlebten Stunden. 



Goethe und Lili Parthey. 127 

Ich stand noch immer u. sah ihm nach u. hatte die Freude, 
daß er sich noch 2 mal nach uns umsah. Ich war in einer 
Hxtase als ich nach Hause kam über diesen ganzen schönen u. 
einzigen Tag, daß ich die halbe Nacht nicht schlafen konnte, 
sondern nur immer nachdachte über alles was mir geschehen 
war, über alles was er gesagt u. ich gehört u. gesehen hatte. 
Ich erzählte ihm auch, daß ich die Magnetnadel tanzen 
gesehn. »Aber ohne Musik ; das ist nun wunderlich genug, 
wie man die Gute jetzt in Bewegung gesetzt hat.« Von der 
ältesten weimarischen Prinzeß sprach er viel u. sehr lobend, 
daß sie so gut u. gescheut sey u. so hübsch als es sich für 
eine Person gehöre, die sich allen Blicken zu zeigen, berufen 
sey, u. wie ihr das schöne Köpfchen am rechten Fleck auf- 
gesetzt sey. Die jüngere dagegen sey ein ganz liebens- 
würdiges u. originelles Geschöpf, das jetzt schon ganz seine 
eigenthüml. Gedanken u. Einfälle habe. »Da tanzt sie nun 
mit wahrer Freude u. Lust durchs Leben hin, u. tanzt eben 
immer, wenn die Neigung sie dazu treibt. Man hat also, 
um dieses Talent zu fesseln u. auszubilden, ihr einen Tanz- 
meister gegeben u. ihr bedeutet u. vorgestellt, daß man beim 
Tanzen auch noch etwas ausstehen müsse ; aber da ist man 
ihr gerade recht gekommen. Sie hat den Leuten ins Gesicht 
gebebt, u. gesagt: Ihr seid alle nicht recht gescheut; wenn 
ich tanze, so thu ich's weil ich Lust u. Vergnügen daran 
habe, aber plagen will ich mich nicht lassen, mit etwas das 
mir Freude machen soll.« 

Als er von der Tante hörte, daß der Pabst gestorben 
sey, sahen wir wieder das hübsche verwunderte Gesicht, u. 
er stand einen Moment still, u. sagte dann: »Nun wohl 
ihm, er hat lang genug gelebt, um sterben zu können;« 
setzte aber hinzu, wie von allen Dingen in der Welt, sein 
Nachfolger zu werden das wenigst wünschenswerthe sey. 
Da steht nun ungefähr da, was zwischen uns verhandelt 
worden ist — aber: Ach wie traurig sieht in Lettern, 
schwarz auf weiß mich alles an, was sein Mund allein ver- 
göttern, was das Herz bezaubern kann! Indessen es ist 
immer für die Zukunft besser, als gar nichts, u. die Zeit 
verlöscht mehr als wir denken u. möchten! — 

Goethes Tagebuch-Eintrag über diese Bekanntschaft ist 



128 Neue Mittheilungen. - ' 

allerdings von viel kühlerer Haltung : »Nach Tische zu Fürstin 
Hohenzollem, wo Berlinische Damen. Später bey der Quelle, 
wo ich dieselbigen Frauenzimmer wieder antraf«. Aber 
Goethes, bekanntlich immer diktirte Tagebücher haben ja 
stets den geschäftsmäßig trockenen Ton. Ganz anders schrieb 
er schon am nächsten Tage an Zelter zum Schluß eines 
längeren Briefes : »Das alles war geschrieben, im Vorgefühl, 
daß mir von Dir was besonderes Gutes kommen werde, und 
so kommt ein allerliebstes Kind mir Gruß und Reim bringend, 
wodurch ich mich überrascht und beynahe verwirrt fühlte. 
Also den schönsten Dank zum Schluß, a Zelter erwiderte 
darauf am 7. August: »Beschäftigimg mancher Art hält mich 
hier fest .... Unterdessen laufen mir die Mädchen davon 
und stehlen mir Deine Küsse! Wer mag denn diese Lili 
seyn, wenn es nicht die appetitliche Parthey ist, die ich denn 
mit Deinem Verschen hinhalten will, bis sie mir Deinen Kuß 
wiedergiebta Goethe hatte also ein Verschen mitgesandt, 
obgleich es in seinem Brief nicht erwähnt ist. Die Original- 
handschrift ist erhalten und liegt dem Tagebuch Lili Partheys 
bei. Auf zart gerändertem Blatt stehn die eigenhändig ge- 
schriebenen Zeilen. 

An Lili. 

Du hattest gleich mir's angethan, 

Doch nun gewahr ich neues Leben; 

Ein süßer Mund blickt uns gar freundlich an. 

Wenn er uns einen Kuß gegeben. 

M. B. 23. 7. 23. 

Ohne Ueberschrift finden sich diese Zeilen in der Weimar- 
ischen Ausgabe Bd. IV, S. 29. In der ersten Zeile ist jedoch 
statt »gleich« gesetzt »längst«. In dieser Form kann der 
Vers natürlich nicht auf Lili Parthey bezogen werden, wohl 
aber auf Ulrike von Levetzow, die Goethe schon seit zwei 
Jahren kannte. Die Frage bleibt offen, welche Form die 
ältere ist und wem die Verse ursprünglich gegolten haben. 
Keine Entscheidung giebt darüber die Bemerkung,' mit der 
Goethe die Verse nebst einigen anderen, Ulrike gewidmeten 
Gedichtchen seiner Schwiegertochter Ottilie am 14. August 
übersandte: »Einige Fallsterne, wie sie in schöner klarer 
Nacht vorüberstreifen«. 




* Von B. Suphan a, a. O. S. 19 angeführt. 



n. Abhandlungen. 



GomiE-jABlIUCB XXU. 



Goethe als Befreier. 

Festrede, gbualtek zur Feier des ioojAhrighn Geburtstags Goeteies 
AM aS. AuoüST 1849 IM Kaisersaal iu Frakkfurt a. M. 

Von 

Theodor Creizenach.' 



Ils vor siebzehn Jahren, inmitten einer Zeit, eben 
1 so gährend und unfertig wie die heutige, der greise 
) Goethe verschied, begann ein Geschlecht zu er- 
wachsen, das — wie Platen sang — nicht ftiehr sich harm- 
los in die Pflanzenwelt versenkte, nicht mehr kandgen 
Bergkrysfall anschaute, sondern tief ergriffen war von des 
Menschengeschicks Entfaltung. Den Meisten blieb seitdem 
unser grösster Dichter vorzugsweise als der beschauliche 



geb. iS. April 1818 ni Maini, gesL 

I. M., kam schoD im Jahre iSij nach 

1 Ende lebte. Seine Studien 



' Tbeodor Creirenach, 
;. Dez. 1877 lu Frankfun a 
Frankfurt a. M., wi 

vollendete er in Gicssen, Göttineen und HeidelberK- Zu seinen Lehrern 
gehörten Ewald, Otfried Mijller, Dahlmano, Jacob Grimm und Gervinus, 
während er zu seinen Freunden G. Baur und Carri^e aUütc. Von 
1841— 1849 war er Lehrer der Söhne des Rothschild'schen Hauses und 
hatte während dieser Zeit GelegeDheit eioeo längeren Aufenthalt in 
Paris und London zu nehmen. Von 1849—^4 war er Lehrer an der 
jüdischen Realschule. Während der folgöiden Zeit, da er kein Amt 
bekleidete, widmete er einen Theil seinerThätigkeit der von Oito Müller 
begröndeten Zeitschrift «Frankfurter Museums. Von i8;8 an wandte 
er sich wieder dem Lehramt in. 1858 ertheiltc er Unterriebt an der 
Gewerbeschule, dann an der höheren Bürgerschule, bis er 1 861 das 
Lehramt am Gymnasium erst provisoriscK dann 186} definitiv erhielt. 
Eine Berufung an die Universität Bern 1868 schlug e" — ■" c-™- ' -'■- 



Seine Lehr- 



132 ABHANDLUNGEN. 



Bramine von Weimar gegenwärtig : er, der kurz vor seinem 
Ende noch gelehrt hatte, daß nur derjenige sich Freiheit und 
Leben verdient, der sie täglich zu erkämpfen weiß. Und 
in der That war sein Leben ein beharrliches Ringen, von 
welchem jeder Abschnitt für ihn wie für uns den Stand- 
punkt erhöhte; denn dem Goethcschen Geiste war es vor 
Allen gegeben, seine Sphäre vom Zentrum aus in vollen 
Kreisen zu erweitern, während es Andern kaum gelingt, 
nach einer Richtung hinaus Strecken zurückzulegen. Besser 
ist ein hoher Standpunkt, als ewige Anflüge. Der scharfe, 
energische Geist faßt uns selbstwirkend an und führt uns 
mit sich zu scheinbarer Thätigkeit, um so leichter, je 

fächer waren in Prima das Deutsche und in sämmtlichen oberen Klassen 
die Geschichte für die evangelischen Schüler des Gymnasiums. Neben 
seiner reichgese^neten und von Schülern und Kollegen anerkannten 
Thätigkeit am Gymnasium, ging eine ausfi^ebreitete Arbeit nebenher. 
C. war ein vielgesuchter und gern gehörter Vortragsredner, ein Dichter, 
der die auf ihn anstürmenden Eindrücke seiner Zeit poetisch zu ver- 
klären, den Empfindungen seiner Zeitgenossen Ausdruck zu geben 
wußte (Gedichte 2. Autl. Fft. a. M. lou). Hinter diesen Arbeiten 
stand die wissenschaftliche schriftstellerische zurück, doch blieb er auch 
als Schriftsteller nicht unthätig. Neben seinen historischen Arbeiten, 
wie die Neubearbeitung eines Tneiles der Schlosser'schen Weltgeschichte, 
neben der literaturf eschichtlichen, die sich unter andern auf Dante und 
auf die mittelalterliche Lateindichtung bezogen, waren es vor allem 
Arbeiten aus dem Gebiete der Goethenteratur, welche ihn beschäftigten. 
Er war einer der besten Goethekenner. Seine erste Goethepublikation 
sind die aus der Erinnerung niedergeschriebenen poetischen Episteln, 
aus Anlaß des Götz von Berhchineen von Goethe und Gotter gedichtet, 
die noch heute die einzige Grundlage des Textes bilden, da das Ma- 
nuscript verschollen ist. Dieser Publikation schlössen sich andere an, 
die in Frankfurter Zeitungen erschienen. Die oben abgedruckte Fest- 
rede von 1849 2^i^ <^c Selbständigkeit seiner Auffassung gegenüber 
manchen damals verbreiteten Vorurtneilen. Seine ferneren Arbeiten zur 
Goetheliteratur beschäftigen sich mit Klinger, mit Goethes angeblicher 
Dissertation von den Flöhen. Das Hauptwerk, in dem er seine Frank- 
furter Goethestudien niederlegte und das verdiente allgemeine An- 
erkennung erhielt, ist der von ihm mit Einleitung und verbindendem 
Text herausgegebene Briefwechsel zwischen Goethe und Marianne von 
Willemer (1877). 

Die vorstehenden Notizen sind dem biographischen Artikel ent- 
nommen, der demnächst in der A. D. B. verönentlicht wird ; das Mscr. 
lag mir durch die Güte W. Creizenachs und R. v. Liliencrons vor. 
w. C.'s Anregung, die folgende Rede zu veröffentlichen, kam ich um 
so lieber nach, ah ich damit eine Dankesschuld gegen Th. Creizenach 
erfülle. Ich habe vom August 1863 bis Ostern 1865 seinen Unterricht 
(Deutsch, Geographie, Geschichte) genossen und später bis Februar 1870 
manchen einzelnen Vortrag aus den von ihm gehaltenen Cyclen ge- 
hört. Mit Dankbarkeit und Freude erinnere ich mich der vielfaltigen 
Belehrung und reichen Anregung, die ich aus seinen Unterrichtsstunden 
und Vorträgen empfing. Eine kleine Ergänzung C.'s zu einem Goethe« 
sehen Gedichte habe ich in meinem Buche über Reuchlin 1871, S. 451 
mitgetheilt. L. G. 



Goethe als Befreier. 133 



willenloser und unbestimmter wir sind. Der tiefe und 
reiche Geist aber erfordert unsere eigene Arbeit, und indem 
wir uns an ihm üben, schreiten wir fort in Wahrhaftigkeit, 
Beharrlichkeit und Selbstbefreiung. Darum ist die An- 
eignung des Goetheschen Geistes kein schwächliches Ver- 
senken in denselben; es mag wohl dazu geworden sein 
in jener matten Zeit, als man sich an die Greisenperiode 
des Dichters vorlicbend anlehnte und das Abendroth ausrief 
für den vollen Tag. Uns aber, denen es beschieden ist, 
in einer Kampfeszeit seinen Jubeltag zu begehen, uns ge- 
ziemt es, ihn als siegreichen Befreier zu begrüßen ; und nicht 
blos als Befreier im Gebiete der Sprache und Schrift. 

Die Literaturgeschichte weist nach, wie in den sieben- 
ziger Jahren die warmblütige Kraft seiner Darstellung, das 
rasch pulsirende Leben semer knappen Sätze gegen die 
Wortfülle der Zeitgenossen meteorisch auftrat; wie er 
Lessings Werk fortsetzte und eine Schreibart schuf, eman- 
zipirt von Schnörkeln der Allegorie, von Zierrathen der 
Redekunst, und von Antithesen des Witzes, eine Schreibart, 
die in Vers und Prosa den Gegenstand selbst erscheinen 
läßt in durchsichtiger Klarheit, die endlich Niemandem dienst- 
bar ist als dem deutschen Spracbgeist und ihren eigenen 
inneren Gesetzen. Goethes Verdienst war gewiß auch hieriif 
von ethischer Bedeutung; denn an seinem Beispiele vor 
Allen haben wir gelernt, wie hohe Meisterschaft nur der 
reinen Anschauung, dem wahrheitliebenden Kunststreben 
zu Theil wird; und obwohl sonst nicht eben schlagfertig, 
blieb er doch stets unerbittlich gegen jeden Versuch, dem 
Formlosen durch Gefühlseligkeit und falsche Andacht, durch 
Schwärmerei und Alterthümlerei eine Hebung zu verleihen. 

Aber sein Befreiungswerk umfaßt Größeres; in der 
harmonischen Fülle seines Wesens und Schaffens kämpfte 
er auf's wirksamste gegen engherzige Lebensansicht, gegen 
dumpfes Vorurtheil und despotische Schulbegriffe. Be- 
schränktheit war es, oder nur in der Hitze des Kampfes 
verzeihliche Täuschung, wenn man ihn zu den Knechten 
werfen wollte, ihn, dessen Wirken in leuchtender Vollendung 
eine Trophäe war für den acht freien, vaterländischen Geist. 
Mißverständnisse solcher Art dürfen uns nicht abhalten, 
den Kultus des Genies und Verdienstes zu begehen, welcher 
der demokratischste von allen Kulten ist. Sein Befreiungs- 
werk aber vollbrachte Goethe als ein Dichter Gottes, der 
Sitte, und des Vaterlandes. 

Ja, als ein gotterfüllter Dichter zumeist, er, der nie- 
mals den Hinblick auf das Allwaltende verlor, von dem 
Tag an, wo er als Knäblein im Dachstübchen einige Rauch- 
kerzen als Opferflammen zündete, bis er den vollendeten 



134 Abhandlungen. 



Faust unter sieben Siegeln legte^ um ihn nie wieder anzu^ 
schauen. Es ist allbeKannt, wie frei der große Dichter 
über positiven Symboldienst sich äußerte, wie verhaßt ihm 
der Proselytismus war, während er doch zugleich die Ueber- 
lieferung für ehrwürdig hielt, sobald sie ihm im Rein- 
menschuchen zu wurzem schien. Gerade darin ist Goethe 
ein großartiger Träger des freien, maßvollen und gerechten 
deutschen Geistes, ihm als künstlerisch vollendetem Indi- 
viduum haben wir es nebst Lessing zumeist zu verdanken, 
daß es in unserem Vaterlande vergönnt ist, religiös und 
unabhängig zu sein, ohne die Anknüpfung an das Göttliche 
zu verlieren. Während es bei andern Nationen wahr sein 
mag, daß wo der Aberglaube endet, sogleich der Unglaube 
begmnt, während man die Spötter aus Voltaires Dchule, 
die Verzweifler in Byrons Art, als Atheisten bezeichnete, 
konnte dieses Wort gegen unsere Goethe. Schiller, und 
Lessing niemals angewendet werden. An schlagenden Aus- 
fällen gegen Hierarctiie fehlt es bei Goethe nicht, wie denn 
seinem aUseitigen Geiste jedes Wahrheitsprivilegium zuwider 
war. Auch die trübe Spnäre des krankhaft Ahnungsvollen, 
der subjektiven Gottesbeziehungen zerfloß vor seiner licht- 
klaren Weltanschauung. Aber wahrlich, nicht ungöttlich, 
Sondern im höchsten Grade gotterfüllt ist die Lehre des 
unabhängigen Weisen, der mit Einblick in vielfache Lebens- 
windungen und Kämpfe gesagt hat: 

In einer Müh' zerrinnen alle Sorgen : 
Birg dich in Gott, so bist du wohl geborgen. — 
Auch dieser Spruch hat nicht gelogen: 
Betrügt dich Gott, so bist du wohl betrogen. 

Auch in Bezug auf Sitte war Goethe zu jener Antwort 
berechtigt, die er vor dreißig Jahren auf die Anfrage wegen 
eines ihm zu bauenden Denkmals ertheilte: 

Ihr könnt mir immer ungescheut. 
Wie Blüchem, Denkmal setzen; 
Von Franzen hat er euch befreit. 
Ich von Philister-Netzen. 

Wohl sind gerade die Angriffe auf den sittlichen Gehalt 
des Dichters, und somit auf seine befreiende Kraft zu allen 
Zeiten die heftigsten gewesen. Was diejenigen Fehler 
betrifft, von denen er als Mensch sein beschieden Theil 
trug, so hat er diese selbst mit so freier Wahrheitsliebe, 
ohne Verhehlung vieler bangen unheilvollen Ergebnisse 
geschildert, daß seine Darstellung wie eine Sühne des 
menschlich Mangelhaften erscheint; hierüber ist die Ver- 
handlung geschlossen. Dagegen fanden ihn schon in der 



Goethe als Befreier. 135 



ersten Periode seines Ruhmes die heftigen Freunde welt- 
männischer und kühler, als ihren Begnffen von Tugend 
entsprach. Seit Klopstocks großem Wirken bildete sich 
ein Typus deutschen Jünglingthums voll Körperkraft, Be- 

feisterung, GefühlsüberfluD, und Freiheitsliebe; damals ein 
egen für Deutschland, das über ein Jahrhundert lang an 
den Zänkereien der Schule gelitten hatte, und immer ein 
Segen, wo das Aufgebot an rüstige, gläubige Thadcraft 
ergeht. Solcher Jugend war der Dichter &s Götz und 
Werther als ein Leitstern erschienen, während bereits der 
Kern seiner wahrhaft freien Natur das Ueberspanntc und 
Pathetische von sich abgelehnt hatte. Jener Grundton kehne 
wieder in Männern der Revolutionszeit, in Burschenschaftern, 
in Turnern; und wenn sie sich literarisch äußerten, richteten 
sie sich oft gegen Goethe und gegen sein undankbares Amt, 
inmitten der ehrenhaften Einseitigkeit des Tapes die un- 
abhängige Bildung zu bewahren, zu gleicher Zeit erhoben 
eifervolle Sittenricnter ihre Einsprache cegen jene Dichtungen 
Goethes, worin er bedenkliche una zweideutige Moral- 
zustände mit er^eifender Wahrheit aufdeckt. 

Diesen heftigen Angriffen gegenüber fühlte sich der 
Dichter recht eigentlich als Kämpfer des Freien und Schönen, 
und gerade das Jahrzehnt, wo die Woge trüber, unduld- 
samer Lehren sich gegen seinen Ruhm ergoß, ist am 
reichsten an Sprüchen, die sein Selbstgefühl und seine Un- 
abhängigkeit bezeugen. Er fühlt etwas von Ulrich Hütten 
in sicn und will die deutsche Sendung theilen, in Kunst 
und Wissenschaft ein Protestirender zu sein. 

Durch zwei entgegengesetzte Richtungen kann die sitt- 
liche Freiheit angegriffen werden: einmal durch die Schranken 
eines engherzigen, herkömmlichen Urtheils, sodann durch 
die Tyrannei aer subjektiven Einbildungskraft, die sich mit 
ihrem ganzen unklaren Anhang in die Vernältnisse eindrängen 
will. Nach beiden Seiten verhält sich Goethe entschieden 
frei, acht sittlich und der tiefen EigenthümUchkeit des 
deutschen Geistes gemäß. Daß er das Gewaltsame der 
subjektiven Empfindung nicht gelten ließ, das bezeugen eben 
jene hart angegriffenen Darstellungen aus der Gesellschaft. 
Ihm ist es gefährlich und sündhaft, mit der Leidenschaft 
zu spielen und ihr dämonisches Wesen zu verkennen, und 
der Theolog Reinhard konnte sich der strengen Ansicht 
über die Ehe erfreuen, die er in den »Wahlverwandtschaften« 
entwickelt fand. Hieher gehört auch Goethes Spruch, der 
nicht blos für junge Dichter gilt, daß die Muse den Jüngling 
begleiten, aber nicht leiten soll ; daß die Tendenz zum 
Scnönen ein Leben schmücken, aber nicht ausfüllen kann. 
Aehnliches lehrt Schiller, bei dem doch das Ideale viel 



1^6 Abhandlungen. 



herrischer auftraten jener vorzüglichen Abhandlung, welche 
schon in ihrem Titel sagt, daß Gränzen nothwendig sind 
beim Gebrauch schöner Formen. — Von der andern Seite 
jedoch hat Niemand eifriger als Goethe dem Individuum die 
Freiheit seines Ausdrucks zugesprochen, und fortwährend 
protestirt gegen herkömmliches und polizeiliches Einengen 
der Menschennatur. Der Gegensatz zwischen Jugend und 
Alter beschäftigt ihn in seiner Greisenzeit fast unaufhörlich ; 
er will kein Jonannisfeuer verboten haben, vielmehr soll es 
bei der Hoffnung auf guten Wein dem Moste vergönnt sein, 
sich eine Zeitlang absurd zu gebärden; ein alter Mann ist 
ihm nur zu oft ein König Lear. Anmaßliche Wahrheit 
duldet er nicht, sondern bescheidene Ueberzeugung ; den 
Irrthum findet er achtungswenh, wo ihm das Gepräge 
eigenthümlicher Ansicht beiwohnt. Das Echte, Natärliche, 
auch das Derbe nimmt er gegen die Anstandsförmlichkeit 
in Schutz, wenn es, wie bei Goethe selbst, Ausfluß einer 
gesunden, reingestimmten Seele ist. So eehen alle seine 
ürtheile in's Freie und Große, gegen das Willkürliche und 
Gewaltsame, mag es nun als politisches Dogma auftreten, 
welches die Berechtigung der Volkseigenheit verkennt, oder 
als schwüle Kunstandacnt, welche die Technik überflüssig 
machen soll, oder als wissenschaftliche Formel, welche das 
übervolle Dasein in ihre Fächer einschachtelt. Man sieht, 
in dem alten Goethe liegen noch Mahnungen genug, wie 
einst für die Tischgenossen, so jetzt für die Nachlebenden, 

Uns vom Halben zu entwöhnen. 
Und im Ganzen, Guten, Schönen 
Resolut zu leben. 

Im vaterländischen Sinn endlich war Goethe ein Befreier, 
nicht bloß als einer jener Großen, die unserem Volk in 
trüben Tagen durch geistigen Ruhm das Hochgefühl einer 
weltgeschichtlichen Sendung verleihen konnten. Wer hat 
uns gleich ihm vor dem Auslande geehrt, mit solcher Liebe 
den Wirkungen des deutschen Geistes im Nachbarlande 
nachgeforscht, uns für die größten Geister der Fremde zum 
Gegenstande der Achtung erhoben, ja es ihnen zur Noth- 
wendigkeit gemacht, sich mit unserer Entwicklung zu be- 
schäftigen? Denn während die herrlichen Figuren Schillers 
einen universellen Charakter haben und ihr Verständniß 
durch das Eingehen in den deutschen Geist nicht bedingt 
wird, ist es nur Goethe'n gelungen, eine glänzende Reihe 
tief deutscher Kemgestalten zu zeichnen, vom gutmüthig 

folternden Gastwirth im Städtchen bis zu dem an Selbst- 
ilfe gewöhnten Ritter, vom bildungslustigen Kaufmannssohn 
bis zu dem in die höchsten Probleme verwickelten Denker; 



Goethe als Befreier. 157 



Gestalten, deren vaterländischer Gehalt unnachahmlich^ un- 
verwüstlich ist. Kein Anderer hat so geistvoll und kernhaft 
in Komödien und Sprüchen die poetische Volkssprache der 
Hütten und Hans Sachs aufgefrischt, keiner so rein den ur- 
sprünglichen Ton unseres Liedes ans Licht gebracht und dem 
Königssohn in Uhlands Mährchen gleich die deutsche Poesie 
wachjgeküßt. Nie würde ihm begegnet sein, was selbst einem 
Schilkr begegnete, in den alten Minnesängern blos Lieder 
zu finden, wie sie allenfalls auch ein Sperling dichten kann. 
Die Goethesche Sonne hat warm und wirksam die 
Nebel dumpfer Beschränktheit zerstreut und das Schlachtfeld 
für künftige Kämpfe aufgehellt. Es ziemt uns nicht, ängstlich 
abzuwägen, was von seinen Sprüchen etwa sich gegen 
Preßfreiheit und allgemeines Wanlrecht anführen läßt; auch 
seinem großen Freunde, obwohl er sich weit heftigere 
Ausfälle gegen die Revolution, weit stolzere Abweisungen 
der Demokratie erlaubte, hat Niemand den Namen eines 
Befreiers abgesprochen. Goethe hat mehr als- Schiller das 
Naturgemäße und Nothwendige der französischen Um- 
wälzung anerkannt, und obwohl ihm dieselbe durch das 
Ungeheure ihres Maßstabes beängstigend war, hat er doch 
in den Tagen der Schlacht bei Valmy geweissagt, daß von 
diesem Ereigniß eine neue Aera der Weltgeschichte beginne. 
Die Nachbildungen der Revolution in Deutschland fand er 

Gekünstelt und urtheilte, sie seien ohne Gott, der sich fem 
alte von Pfuschereien. In ähnlichem Sinne waren ihm 
Charaktere wie Cato und Brutus wegen ihrer Vehemenz 
unheimlich, und er tadelt den letztem, daß er dem Cäsar 
das Reich nicht gönnte und es doch selbst nicht zu regieren 
verstand. Männer wie Cäsar und Napoleon dagegen zogen 
ihn an, weil er sie als außerordentliche Leistungen der Natur 
schätzte, mehr noch, weil sie zu herrschen wußten. Von 
anderer Seite ist Egmont die beredteste Vertheidigung eines 
Volkes, das zur Wahrang seiner Eigenthümlichkeit zur 
Nothwehr greift; eine Notnwehr freilich, die nicht minder 

fegen die Plane eines Joseph IL, als gegen die eines 
hilipp sich richten könnte. Nathan der Weise erzählt dem 
Sultan eine Allegorie, Marcjuis Posa hält dem König eine 
glänzende Rede; beide geben ihrem Vortrag den allgemeinsten 
Charakter, sie sind kaum denkbar ohne Publikum, und Nathan 
wünscht ausdrücklich, die ganze Welt möchte ihn hören. 
Was Graf Egmont zu Alba spricht, wurzelt weit mehr im 
Boden der Sache. Hätte Goethe sich eine eben so lehrhafte 
Darstellung vergönnt, Egmonts Gespräch wäre wohl nicht 
minder berühmt geworden ; ihm aber war es gemäßer, den 
Redner nicht vor dem Dichter heraustreten zu lassen, sondern 
der Combination seines Kunstwerkes getreu zu bleiben. 



138 Abhandlungen. 



Uns kann die Beschuldigung nicht irren, daß Goethe 
dem großen deutschen Befreiungskanipfe mit vornehmer 
Manier bequem zugesehen habe. Seine Gespräche mit Luden 
weisen es anders aus, und Förster erzänlt, wie der ahe 
Dichter die Waffen der Freiwilligen, welche von Halle aus- 
zogen, mit Worten voll Herzlicnkeit weihte. Die jungen 
Männer, die am lebhaftesten die Begeisterung anfachten, 
vor allen Kömer, priesen ihn als den ersten, unser Jahn 
sogar als den deutschesten Dichter, und der fromme, treue 
Scnenkendorf sang ihm zu: 

Du Herzog ohne Gleichen, 
Du hoher Geisterfürst, 
Der du in deutschen Reichen 
Auf ewig herrschen wirst! 

Wohl hat er dasjenige, was man krassen teutonischen 
Patriotismus nannte, als einen Schulbegriff behandelt, oder 
als eine Kraftäußerung, die nur in gefahrvollen Zeiten auf- 

feboten werden dürfte; und wer kann heute noch behaupten, 
aß es überall ein Lebensbegriff geworden sei.^ Aber gewiß 
mußte es Goethe'n tief berühren, als die deutsche Eigen- 
thümlichkeit, die der Boden seiner Dichtung war, auf den 
Schlachtfeldern gerettet wurde; und wohl durfte er nach 
dem Sieg ausrufen: 

Gedenkt unendlicher Gefahr, 
Des wohlvergoss'nen Bluts, 
Und freuet euch von Jahr zu Jahr 
Des unschätzbaren Guts. 

Er selbst ist ein solches unschätzbares Gut, dessen wir uns 
von Jahr zu Jahr erfreuen, und in seiner Heimat mit er- 
höhterem Sinn, damit sich zeige, daß »das graue Frankfurt 
mit seinem ungeschickten Pfarrthurm« noch Achtung vor 
dem Guten und Schönen beherbergt. Feiern wir ihn daher 
nicht als ein geniales Glückskind, als ein allfertiges Talent, 
sondern als Deutschen, als Freien. Denn könnten wir in 
der Kaiserstadt die alten Kaiser, könnten wir den Hohen- 
staufen, den Freund der Dichter, über ihn befragen, er 
würde erwiedem: »Deutscher war Keiner als dieser, und 
wenn ich je zur Auferstehung gelangen sollte, so ist er einer 
der Herolde gewesen, die mich verkündet haben.« Und 
dürften wir einen altklassischen Republikaner, einen Perikles 
oder Scipio als Todtenrichter berufen, er würde sagen: 
»Haltet ihn in Ehren, ihr Deutsche, denn er hat euch zu 
Ehren gebracht, er hat euch geförden, wie keiner; weihet 
ihm eine Bürgerkrone zu seinem Lorbeerkranz!« 




Goethes Freimaurerei 

JN SEINEN NICHTFREIMAURERISCHEN DICHTUNGEN. 

Ein Betthag iur Motivektwickelung bei Goethe. 

Von 

Veit Valentin/ 



Ras Jahr 1779 nimmt in unserer Kulmrentwickelung, 
" soweit sie durch literarische Werke gefördert 
worden ist, eine bedeutsame Stellung ein. In 
diesem erscheint Lessings »Nathan der Weise« und mit 
ihm die schönste Blut he des schon seit längerer Zeit 
sich heraufarbeitenden Lebensgrundsatzes, den wir als die 
echte Toleranz bezeichnen; nicht wie die der Anders- 
gläubigen, weil die Macht fehlt, sie zu unterdrücken, sondern 
weil me Erkenntniß des gemeinsamen, alle vereinigenden 
Bodens gewonnen worden ist. Als das allein Wesentliche 
gelten die Grundsätze der aus Hngland herrührenden Natur- 
religion ; Glaube an Gott, Glaube an die Unsterblichkeit, 
deren Vorhandensein als von der Natur mit der Geburt des 
Menschen gegeben angesehen wird — alle Abweichungen 
und Sonder^estaltungen dieser Grundzüge des religiösen 
Glaubens, wie sie durch Zeit und Ort, Stammeszugenörig- 
keit und Kultuientwickelung entstehen, wie sie sicn in den 
mancherlei Confessionen aussprechen, treten dagegen zurQck 

* Ffsrvortiag zur Feier des huDdertfUofzigstcD Geburtstass Goethes 
am i;. Oktober 1899 in der Großloge des eklektischen Bundes lu 
Frankfurt am Main. 



140 Abhandlungen. 

und können für die nichts Trennendes bilden, die von der 
Wahrheit des Vereinigenden durchdrungen sind. 

In demselben Jahre 1779 entsteht die erste Fassung 
von Goethes Iphigenie, die Gestaltung der Dichtung in 
Prosa, die erst später in Italien in die uns jetzt geläufige 
Versform gebracht worden ist. Der Grundgedanke ist 
dabei derselbe geblieben; er steht von Anfang an fest. 
Es ist die Gleichberechtigung jedes Menschen mit jedem 
anderen, gerade insofern er Mensch ist. In der klassischen 
griechischen Dichtung wird dem Barbaren sein Heiligstes 
geraubt, und zwar unter dem Schutze der griechischen 
Gottheit selbst ; dem Griechen galt der Barbar als minder- 
berechtigtes Wesen, dem gegenüber der Raub durchaus 
berechtigt war, wenn er zum Vortheile der bevorzugten 
Menschheit, der Griechen, stattfand. Goethe aber bricht 
mit dieser Auffassung; durch eine geistreiche Lösung des 
Orakels wird es bei ihm den Griechen möglich, dem Bar- 
baren sein Götterbild zu lassen, Iphigenie aber nimmt von 
Thoas nicht eher Abschied als bis in einem Bunde die 
Gleichberechtigung von Mensch zu Mensch anerkannt ist. 
Es ist der Triumph des echten und wahren Menschenthums 
über die Ausschließlichkeit der höheren Berechtigung eines 
Theiles der Menschheit über den anderen, weil er sich für 
ein von der Gottheit besonders erlesenes Volk glaubt halten 
zu dürfen. 

Ein Dichter, der einen solchen Grundsatz ausspricht, 
ist ein Freimaurer, so echt, wie es nur einen geben kann. 
Als daher im folgenden Jahre, 1780, Goethe m die Loge 
eintrat, bestätigt er nur äußerlich durch diese Handlung 
das, was er innerlich bereits war. 

Aber diese Grundgesinnung spricht sich bei Goethe 
nicht nur hier aus; sie geht mit seiner menschlichen und 
künstlerischen Entwickelung in so bedeutsamer Weise Hand 
in Hand, daß wir erkennen, wie sie ihm ein den Menschen 
und den Dichter beständig begleitendes Grundproblem in 
Leben und Kunst geblieben ist. Es lassen sich dabei zwei 
Perioden unterscheiden. 

Zunächst will es dem Dichter scheinen, der Standpunkt, 
der die höchste sittliche Reife des Menschen darstelle, sei 
das Ergebniß des Kämpfens in der Welt, und dieses müsse 
dadurcn geborgen und gesichert werden, daß der zu diesem 
Ziele gelangte Mensch sich von der Welt zurückziehe. 
Diese »Flucht aus der Welt« wird der Keim zu dem leider 
unvollendet gebliebenen epischen Gedicht »die Geheim- 
nisse«, das 1784 entstanden ist. Der Dichter führt uns 
mit einem Pilgrim, dem Bruder Markus, in ein einsam 
gelegenes herrliches Gebäude, in dem zwölf Ritter wohnen. 



Goethes Freimaurerei. 141 

Sie haben sich nach stürmischem Leben von der Welt 
zurückgezogen^ um hier in der Stille der Erhaltung ihrer 
im Kampf des Lebens gewonnenen Ueberzeufi[un£ zu leben. 
An ihrer Spitze steht »Humanus«, wohl die Verkörperung 
des höchsten Zustandes des kampferrungenen echten 
Menschenthums. Die Erzählung sollte nun so gefuhrt werden, 
daß Bruder Markus, dem schon einiges aus dem Leben des 
Humanus selbst mitgetheilt worden ist, jeden dieser Ritter- 
mönche in seiner Wohnung besucht und durch Beobachtung 
der ihm dabei entgegentretenden klimatischen und nationalen 
Verschiedenheiten erfahren hätte, daß die trefflichsten 
Männer von allen Enden der Erde sich versammelt haben, 
um Gott im Stillen zu verehren, jeder in seiner eigenen 
Weise. Bei all ihren noch so verschiedenen Denk- und 
Empfindungsweisen, wie sie in dem Menschen durch Atmo- 
sphäre, Landstrich, Völkerschaft, Bedürfniß, Gewohnheit 
entwickelt oder eingeprägt werden, sind sie berufen, ihre 
gemeinsame Begier nach höchster Ausbildung durcn Zu- 
sammenleben würdig auszusprechen. Es sollte sich, nach 
Goethes eigener Erläuterung, dabei finden, daß »jede be- 
sondere Religion einen Moment ihre höchste Blüthe und 
Frucht erreiche«. Diese Epochen sollten in jenen zwölf 
Repräsentanten verkörpert und fixirt erscheinen, so daß 
nian jede Anerkennung Gottes und der Tugend, sie zeige 
sich auch in noch so wunderbarer Gestalt, doch immer 
aller Ehren, aller Liebe würdig müßte gefunden haben. 
»Utid nun konnte nach langem Zusammenleben Humanus 
gar wohl von ihnen scheiden, weil sein Geist sich in ihnen 
allen verkörpert, allen angehörig, keines eigenen irdischen 
Gewandes mehr bedarf.« Ist aber diese Verkörperung in 
diesen Vertretern der Menschheit eingetreten, so ist für die 
Leitimg, ohne welche kein Bund existiren kann, nicht 
etwa eine hervorragende geistige Kraft nothwendig; es 
bedarf vielmehr nur der Demuth, der Ergebenheit, der 
treuen Thätigkeit in frommem Kreise, um der wohl- 
wollenden Gesellschaft, so lange sie auf Erden weilt, vor- 
zustehn; dazu ist aber durch wunderbare Schickung und 
Offenbarung der arme Pilgrim Bruder Markus berufen, der 
ohne ausgebreitete Umsicht, ohne Streben nach Unerreich- 
barem kraft seiner guten Natur, die ihm unbewußt das 
Rechte thun heißt, dieser hohen Stelle würdig ist. Denn 
jeder der hier Verbundenen hat jenes Schwerste errungen, 
von dem es in der Dichtung heißt: 

»Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite 
Zu leben und zu wirken hier und dort: 
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite 
Der Strom aer Welt und reißt uns mit sich fort. 



142 ABHANDLU14GEN. 



In diesem innern Sturm und äußern Streite 
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort : 
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.« 

Hier handelt es sich nur um Vertreter der Menschheit, 
die vorbildlich uns das zeigen, was jeder einzelne aus der 
Menschheit für sich erreichen soll. Dies kann aber nicht 
für alle durch Flucht aus der Welt geschehen. Des Menschen 
Bestimmung ist i n der Welt zu leben, und den geläuterten 
und gereiften Zustand sich nicht nur in der Welt zu 
erringen, sondern ihn sich auch in der Welt trotz ihren 
Wirrsalen zu erhalten. 

Einen Umschwung nach dieser Richtune hin zeigt eine 
etwas spätere Dichtung Goethes. Als 1794 Mozarts »Zauber- 
flöthe« in Weimar zur Aufführung gelangt war, erkannte 
Goethe durch die philiströse Fassung des Textes im einzelnen 
hindurch sehr wohl den ernsten und großen Gedanken, 
der recht eigentlich der freimaurerische war; von der Re- 

tierung Oesterreichs durch Aufheben der Logen vertrieben, 
üchtete er in die Kunst, und fand hier, durch Mozans Musik 
zu ewigem Dasein beleot, die freie und allseitige Wirkung, 
die dem in der Stille schaffenden Bunde hatte versagt 
werden sollen. Es ist der Kampf des Reiches der Auf- 
kläamg mit dem Reiche des Aberglaubens und der Finsterniß. 
Das Reich des Lichtes, der Sonne, der Weisheit, die sich 
in Sarastro verkörpert, trägt den Sieg davon. Wie die 
Königin der Nacht einen letzten Versuch macht, die Ver- 
bindung Paminas mit Tamino zu hindern, wird sie in ihr 
Reich hinabgestoßen, und der Priesterchor singt das Sieges- 
lied, in dem die drei großen Lichter der Freimaurerei als 
die Mächte gepriesen werden, die zum Siege verhelfen 
haben : 

»Heil sei euch Geweihten! Ihr dränget durch Nacht, 
Dank sei dir, Osiris und Isis, gebracht! 
Es siegte die Stärke und krönet zum Lohn 
Die Schönheit und Weisheit mit ewiger Kron'^!« 

Aber wird dieser Sieg ein dauernder sein? Diese 
Frage verlangt ihre Antwort; Goethe wollte sie in der 
Fortsetzung der »Zauberflöte«, in einem zweiten Theile, 
geben (1795 — 1798). Auch dieses Werk ist Bruchstück 
geblieben. Aber glücklicherweise ist doch die Handlung 
so weit geführt, daß wir ihren muthmaßlichen Ausgang zu 
erkennen vermögen. Das Kind Taminos und Pammas, 
dessen Geburt erwartet wird, soll sofort nach der Geburt 
von Monostratos geraubt und der Königin der Nacht aus- 
geliefert werden. Es gelingt dem Mohren zwar, den neu- 



Goethes Freimaurerei. 143 

geborenen Sohn in einen goldenen Sarg einzuschließen 
und diesen zu versiegeln — aber mit forttragen kann er 
ihn nicht; durch Sarastros Macht wird der Sarg plötzlich 
so schwer, daß ihn Monostratos mit sammt den Seini^en 
nicht heben kann. Aber die Frauen der jungen Königin 
vermögen den Sarg zu tragen* sie müssen es unablässig 
thun, um das eingeschlossene Kind am Leben zu erhalten; 
dies kann nur durch ununterbrochene Bewegung ge- 
schehen, denn Leben ist Bewegung. Während so das Kind 
am Leben erhalten wird, verfallen Tamino und Pamina in 
Schwermuth, die nur aufgehoben werden kann, wenn 
Papageno auf der Zauberflöte bläst; pausirt er, so kehrt 
die Schwermuth wieder zurück. Da weiht Pamina ihr 
Kind der Sonne ; aber der Altar, auf den der goldene Sarg 
gestellt war, versinkt in die Tiefe, in das Reicn der Nacht. 
Da wird er in unterirdischem Gewölbe von Gewaffneten, 
ja selbst von Ungeheuern, den angeketteten Löwen, bewacht. 
Der Königin der Nacht ist es nicht gelungen, das Kind so 
in ihre Gewalt zu bekommen, daß sie es nach ihrem 
Wunsch hätte erziehen können; nun soll es, falls sie es 
gegen Angriffe nicht bewahren kann, eher sterben. Wohl 
soUen die Wächter nicht schlafen, die Löwen nicht rasten, 
»Und öffnet sich der Kasten, Es sei der Knabe tot!« Da 
dringen die Eltern durch die Schranken, die zwischen Licht- 
und Nachtwelt errichtet sind. Zagend fragt Tamino die 
Gemahlin : »O, Meine Gattin, meine theure, O wie ist der 
Sohn zu retten? Zwischen Wasser, zwischen Feuer, Zwi- 
schen Graus und Ungeheuer Ruhet unser höchster Schatz !« 
Aber wo der Vater zagt, läßt die Mutter, »Die den Sohn 
zu retten eilt«, sich nicht einschüchtern; vor ihr »Macht 
das Feuer, macht das Feuer, In der Gruft das Ungeheuer, 
Macht der strenge Wächter Platz«. Und während bei der 
ersten Wanderung durch Wasser und Feuer unter Führung 
des Mannes die zaubermacht der Flöte den Weg gebahnt 
hat, ist es hier die »Mutterliebe«, die den Sieg erringt. 
Unter Führung von Pamina treten die Eltern hervor, und 
Tamino erkennt die rettende Macht der Mutterliebe an. 
Pamina weist ihn freudig auf den Erfolg ihres Muthes hin : 
»O mein Gatte, o Geliebter!« und er erkennt ihre sieg- 
reiche Macht an : »Meine Gattin, meine Theure ! Sieh, das 
Wasser, sieh das Feuer Macht der Mutterliebe Platz !« 
Haben die Elemente sich bewegen lassen, so bleiben noch 
die Menschen zu erbitten: »Ihr Wächter, habt Erbarmen!« 
Aber die Königin der Nacht tritt dazwischen und ruft 
ihnen zu: »Ihr Wächter, kein Erbarmen! Behauptet euren 
Platz!« Allein muthig dringt die Elternliebe durch die 
Wächter vor. Da eilt die Königin der Nacht fort und 



144 Abhandlungen. 



hinterläßt noch die Mahnung : »Der Rrimmige Löwenrachen 
Verschlinge gleich den Schatz!« Aber der Sieg ist schon 
gesichert, der Knabe erwacht und spricht mit den Eltern, 
und der Chor verkündet: »Er fürchtet die Löwen Und 
Speere nicht sehr. Ihn halten die Grüfte Nicht lange mehr 
auf; Er dringt in die Lüfte Mit geistigem Lauf!« In der 
That springt der Deckel des Sarges auf, und der Knabe, 
dessen geistige Natur sich schon vorher dadurch geoffenban 
hatte, daß er durch den Sarg leuchtend den Raum erhellt 
hatte, bricht in Gestalt eines Genius hervor. Wqhl drohen 
ihm die Speere der Wächten die Rachen der Löwen, aber 
»Sie haben doch alle dem Knaben nichts an!« Und wie 
die Wächter mit den Speeren nach ihm stoßen, fliegt er 
davon. Der weitere Verlauf der Handlung, die Wieder- 
gefangennehmung des Genius, seine endgutige Befreiung 
aurch Tamino und unter Beihilfe Sarastros, fühn den 
Grundgedanken dieser Fortsetzung der Zauberflöte weiter 
durch, den in einem früheren Entwürfe Sarastro an einer 
anderen Stelle so ausspricht: »Der Augenblick ist da, in 
welchem das Licht der Weisheit sich einen Augenblick 
verbergen und die feindlichen Mächte ihren Einfluß ausüben 
sollen; der Vortheil ist unser, denn wir werden geprüft.« 
Das was zum Siege schließlich verhilft, sind aber keine 
überirdischen, keine Zaubermächte, sondern die Macht des 
lieberfiillten, durch Menschenliebe geadelten Menschenthums. 
Darauf weisen die Paralipomena nin : »Und Menschenlieb 
und Menschenkräfte Sind mehr als alle Zauberei.« und 
»Nein, durch keine Zaubereien Darf die Liebe sich ent- 
weihen Und der Talisman ist hier,« d. h. doch wohl: im 
Herzen des Menschen, als dem Sitze der Liebe, von dem 
die echte Zauberkraft ausgehen muß. 

Mit dieser Handlung verflicht sich die Thätigkeit des 
Sarastro, die von einer anderen Seite her demselben Ziele 
zustrebt: Beseitigung übermenschlicher Kräfte und höchste 
Entwickelung der Mensehenliebe. Damit tritt ein neues 
Motiv hervor, das einen wichtigen Umschwung in des 
Dichters Anschauung deutlich zeigt. Bisher waren die 
Geweihten an dem heiligen Orte, im Tempel von der 
Außenwelt abfi;eschlossen, in ihrem stillen reinen Leben 

Geblieben. In der Fortsetzung der Dichtung fügt der Dichter 
as Motiv hinzu, daß jährlich einer der Brüder in die Welt 
hinausziehen muß, um durch seine Wanderschaft, sein Leben 
in der Welt, eine Prüfung zu bestehen. Sarastro erläutert 
diese Vorschrift so: 

»In diesen stillen Mauern lernt der Mensch sich selbst 
und sein Inneres erforschen. Er bereitet sich vor, die 
Stimme der Götter zu vernehmen — aber die erhabene 



Goethes Freimaurerei. 145 

Sprache der Natur, die Töne der bedürftigen Menschheit 
lernt nur der Wanderer kennen, der auf den weiten Ge- 
filden der Erde herumschweift.« 

Der Mensch soll also nicht die errungene Reife als 
etwas Fertiges in die Einsamkeit tragen und eifersüchtig 
für sich bewahren — er soll vielmehr ninaus, die errungene 
Reife neu erproben und durch den Verkehr mit der Welt 
neu bewähren. Erst dann kann sie, und das erweitert den 
Gedanken über diese Dichtung hinaus, ihrerseits auch wieder 
für andere fruchtbar werden. Wenn der als Pilger hinaus- 
geschickte Bruder zurückkommt, soll er den Brüdern mit- 
theilen, was er gelernt und erfahren hat. Ob dieser Ge- 
danke auch hier nätte zum maßgebenden, in die Handlung 
eingreifenden Ausdruck kommen sollen, wissen wir nicht; 
es liegt aber nahe, dies für möglich zu halten, zumal da 
er inzwischen bereits in einer anderen Dichtung als Grund- 
gedanke fruchtbar geworden war. 

Schon 1777 hatte Goethe einen Roman begonnen, der 
das Theaterleben verwenden sollte, um zu zeigen, wie ein 
strebsamer junger Mensch durch seinen Eintritt in dieses 
Leben zu höherer ästhetischer Bildung gelangen könne. 
Damit ist der erste Grundgedanke geschaffen : der Mensch 
muß ins Leben hinaus, um in ihm und durch es eine 
höhere Stufe zu ersteigen. Allmählich erweiterte sich die 
Aufgabe: die höhere ästhetische Bildung muß sich mit 
der Gewinnung der Fähigkeit verbinden, für sich nutz- 
bringend zu wirken; die allseitige Bildung des Individuums, 
das, ohne seine idealistische Richtung zu verlieren oder 
auch nur zu beeinträchtigen, diese mit den praktischen 
Anforderungen des Lebens zu verbinden lernte, sollte das 
Ziel der durch den Eintritt in das Leben gewonnenen Neu- 

festaltung des Lebens selbst werden. Dann aber konnte 
er zu bildende Jüngling sich nicht auf das Theaterleben 
beschränken; er mußte höhere Stufen erringen, bis er 
endlich das vorgesteckte Ziel im Leben und für das Leben 
erreichte. Damit ist ein neues Motiv gegeben, und in der 
That wird dies in »Wilhelm Meister« folgerichtig durch- 
geführt ; von einer zufällig entstandenen, wenig geordneten 
Bühne steigt Wilhelm aut in den Verband einer geordneten 
Bühne, die sich an eine große ästhetische Aufgabe, die 
Aufführung des Hamlet, machen kann. Von da steigt 
Wilhelm weiter auf in die höher gebildeten Kreise, die 
den Vortheil der Bildung mit der sicheren Lebensführung 
vereinigen. Der Weg dahin wird ihm aber durch ein 
Element gebahnt, das wieder ein neues Motiv in die 
Dichtung bringt. Ohne daß Wilhelm eine Ahnung davon 
hat, wird er von einem geheimen Bunde von Männern 

GoiTHi-jAsnivca XXn. 10 



146 Abhandlungen. 



geleitet, die ihn nicht aus dem Auge verlieren und ihn 
endlich in ihren Bund aufnehmen. Also eine geheimniß- 
voUe, auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitende Leitung, von 
der der Geleitete selbst nichts weiß; er handelt daher nach 
seiner eigenen Erkenntniß, und die Verantwortung für sein 
Handeln, ebenso für das Verschulden, das ihn triflft, wie 
für das Verdienst, das er dabei erwirbt, fällt ihm allein zu. 
Nur hie und da wird ein Wink gegeben — wie dieser aber 
benutzt wird, ist wiederum nur der eigenen Entscheidung 
des Suchenden überlassen. 

In der Leitung selbst jedoch erscheint ein sehr eigen- 
thümlicher Grundsatz, der pädagogisch durchaus nicht als 
beherrschendes Princip für alle Erziehung anzuwenden 
sein möchte; nur bei dem reiferen Zögling und auch hier 
wieder nur bei einem solchen, zu dem man besonderes 
Vertrauen glaubt hegen zu dürfen, müßte er befolgt werden 
können. Mit einem solchen erlesenen Zögling hat es aber 
der Dichter hier zu thun. Wie Wilhelm von den »Meistern 
vom Thurm« in den geheimnißvoUen Bund aufgenommen 
wird, da erhält er den Grundsatz einer solchen Erziehung 
mitgetheilt : »Nicht vor Irrthum zu bewahren ist die Pflicht 
des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja 
ihn seinen Irrthum aus vollen Bechern ausschlürfen zu 
lassen, das ist die Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrthum 
nur kostet, hält lange damit aus; aber wer ihn ganz er- 
schöpft, der muß ihn kennen [also auch erkennen] lernen, 
wenn er nicht wahnsinnig ist.« 

Und nun endlich handelt Wilhelm mit vollem Be- 
wußtsein davon, daß er ein bestimmtes Ziel suchen müsse. 
Allein sein erster, mit Bewußtsein selbständiger Schritt ist 
doch wieder ein Irrthum ; er glaubt durch eine Verbindung 
mit der trefflichen, aber einseitig dem praktischen Leben 
zugewandten Therese sein höchstes Ziel zu erreichen. Er 
selbst muß diesen Irrthum nicht nur kosten, sondern aus- 
kosten, und glücklicher Weise geschieht es noch früh genug, 
so daß es ihm möglich wird, in der Verbindung mit Natalte, 
der harmonisch durchgebildeten Natur, dem echten Eben- 
bild der »schönen Seele« und selbst eine höhere Stufe 
solcher edel geschaffenen Natur, nun endlich wirklich das 
Ziel zu gewinnen, zu dem er den rechten Weg trotz allem 
Irren doch noch gefunden hat. 

Schiller weist in seinen an Goethe über »Wilhelm 
Meister« gerichteten Briefen darauf hin, daß noch ein 
philosophisches Bedürfniß des Lesers zu erfüllen sei, wenn 
wirklich alle Möglichkeiten einer höheren Bildung durch- 
lebt sein sollen ; es darf das sittliche, das ethische Handeln 
nicht fehlen, wie es sich am höchsten im selbstlosen Ein- 



Goethes Freimaurerei. 147 

treten für Andere offenbart. Goethe entwarf daher einen 
zweiten Theil, »Wilhelm Meisters Wanderjahre oder die 
Entsagenden«, ein Werk, das erst später und nur unvoll- 
ständig zur Ausführung gekommen ist. Hier soll das 
Problem der Erziehung des Einzelnen für die Gesammtheit 
der Menschen zur Lösung kommen und damit die Frage 
nach der besten socialen Gestaltung der Menschheit, wie 
sie sich vielleicht auf einem neuen Boden erlangen läßt. 
Aber dem Dichter fehlte das volle Interesse an diesem 
Werk; er war in weit höherem Grade für eine andere 
Dichtung in Anspruch genommen, in der dieses höchste 
Ziel als ein in den Gesammtgang der dichterischen Schöpfung ' 
von vornherein organisch eingefügtes erscheinen konnte. 
Es ist der »Faust«. 

Schiller hatte sofort nach Beginn der engeren Be- 
ziehungen zwischen ihm und Goethe 1794 wiederholt 
Goethe zu einer Fortsetzung seiner Faustdicntung angeregt. 
Goethe war nicht darauf eingegangen. Da, als 1796 Wilhelm 
Meisters Lehrjahre abgeschlossen vorlagen und der Plan 
zu den Wanaerjahren gemacht war, kehrt Goethe zum 
Faust zurück; er hat jetzt durch die Umgestaltung des 
»Wilhelm Meister« den Keim gefunden, dessen Entf3tung 
ihm die Durchführung der Faustsage nun mehr ermöglicht, 
den Reifen, der den überquillenden Stoff in fester künst- 
lerischer Form zusammenhalten konnte. 

Der erste Schritt war, daß Goethe für das irdische Ziel, 
die Verbindung der höchsten ästhetischen, praktischen und 
ethischen Bildung, das transcendente Ziel, die Gewinnung 
der Seligkeit, einsetzte. Damit wird zugleich die ganze 
Handlung in eine höhere Sphäre, in die des Verkehrs des 
Menschen mit überirdischen Wesen, des Auftretens solcher 
überirdischen Wesen, gerückt. Dazu aber bot die Faustsage 
die denkbar beste Gelegenheit. An Stelle von Menschen 
wird Gott selbst der überirdisch geheimnißvoUe Leiter des 
Geschickes Fausts, ohne jedoch dessen selbständigen Willen 
auszuschließen ; Faust ahnt von Gottes Leitung ebensowenig 
wie Wilhelm von den Mächten des Thurmes. Die Handlung 
entwickelt sich auch hier so, daß der Suchende von Erlebniß 
zu Erlebniß geführt wird, deren jedes sich zu einer neuen 
Stufe für seine seelische Entwicklung gestaltet; Faust muß 
sich durch- und hinaufarbeiten, sich seiDst und seiner guten 
Natur überlassen, durch die er unbewußt allmählich auf den 
rechten Weg geleitet wird. Als ein Wesenselement für 
diese Wendung erscheint auch hier der Irrthum: »es irrt 
der Mensch, so lang er strebt«, aber er wird gerade durch 
den Irrthum und dessen Erkennen allmählich zum höchsten 
Ziele geführt. So erscheinen hier dieselben dfei Grund- 

10* 



148 Abhandlungen. 



motive, die die Handlung in der Dichtung »Wilhelm Meister« 

Gestaltet haben. Aber es tritt noch ein neues Grundmotiv 
inzu, wie es der Besonderheit gerade der Faustdichtung 
entspricht. Zu Faust ist der böse Geist Mephistojpheles 
getreten — welche Stellung soll er im Ganzen der Dichtung, 
m dem sachlichen Zusammenhang, in dem dramatischen 
Aufbau erhalten? Da ist es Goethes genialer Gedanke, 
der, während Mephistopheles seiner Natur nach Fausts Seele 
im Gegensatz zu Gott gewinnen will, gerade dieses Streben 
des Mephistopheles dazu benutzt, um Faust, der im Begriff 
ist in seinem Grübeln unterzugehen, in das thätige Leoen 
hinauszuführen. So giebt hier die leitende Macht selbst 
das Hauptmittel an, durch das Faust gerettet werden kann : 
die Flucht aus der von der Berührung mit der Außenwelt 
abgeschlossenen Studierstube in das Leben hinaus oder, 
wie schon Sarastro sagt: »In diesen stillen Mauern lernt 
der Mensch sich selbst und sein Inneres erforschen. Er 
bereitet sich vor, die Stimme der Götter zu vernehmen — 
aber die erhabene Stimme der Natur, die Töne der be- 
dürftigen Menschheit lernt nur der Wanderer kennen, der 
auf den weiten Gefilden der Erde herumschweift.« 

Und Faust erreicht auf diesem Wege, nicht durch die 
Hilfe des Mephistopheles, sondern durch seine eigene Kraft, 
das höchste Ziel ; er schant ein Neuland, und sein ersehnter, 
höchster Augenblick des Lebens tritt ein, wie er sich vor- 
stellt, in solchem Neuland »auf freiem Grund mit freiem 
Volk« zu stehen. Da ist auch sein Leben zu Ende, und 
wenn er nun ins Jenseits eingeht, so ist es nicht der 
Glaube eines bestimmten Bekenntnisses, nicht der Glaube an 
irgend ein besonderes Dogma, das ihn zur Seligkeit führt — 
die Engel, die seine Seele hinauf tragen, singen vielmehr: 

»Wer immer strebend sich bemüht. 
Den können wir erlösen.« 

Aber deni Willen Gottes, wie er sich im Prolog im 
Himmel deutlich ausgesprochen hat, Faust dereinst noch 
in der Klarheit zu suchen, entspricht es, wenn einer solchen 
durch ihr unablässiges Ringen und Streben nach dem 
höchsten Ziele sich hinaufarbeitenden Seele nur die Gnade, 
das »Ewig-Weibliche«, entgegenkommt. Goethe verwendet 
hierfür die dichterisch verklärte Gestalt der Himmelskönigin, 
die Jungfrau Maria. Die römische Kirche hat sehr wohl 
herausgefühlt, daß es sich dabei nicht um etwas Dogmati- 
sches, etwas Kirchlichgläubiges handelt; mit entschiedenster 
Feindschaft verfolgt sie in Goethes Faust ein Werk, und 
weiß es von ihrem Standpunkt aus zu verfolgen, das die 
MöglicJiVeit der Erlösung einer Seele ohne Bemilte dogma- 



Goethes Freimaurerei. 149 

tischen Glaubens voraussetzt und künstlerisch als Thatsache 
hinstellt. Aber gerade dieser Punkt zeigt uns, wie rein 
Goethe seine Ueberzeugung durchgeführt hat, daß des 
Menschen eigene Kraft genügt, um ihn durch seine gute 
Natur den rechten Weg nnden zu lassen und daß die einer 
solchen Seele selbstverständlich und naturgemäß entgegen- 
kommende Liebe Gottes durch menschlich gedachte und, 
trotz ihrer überirdischen Verklärung, doch nach mensch- 
lichem Vorbild geschaffene Schranken, durch dogmatische 
Vorbedingungen, sich nicht einengen läßt. 

Die Treimaurerischen Grundgedanken nehmen so in 
nichtfreimaurerischen Schöpfungen Goethes eine weit 
größere Stellung ein, als selbst in den Schöpfungen, die 
ausdrücklich für den Bund geschaffen sind. Es ist auch 
ganz natürlich: Goethe wächst in seinem kulturtragenden 
Gedanken aus derselben Wurzel empor wie die Freimaurerei 
selbst. Er war aber viel zu groß, als daß er sein künst- 
lerisches Schaffen ausschließlicn oder auch nur vorzugsweise 
in den Dienst einer auch noch so bedeutsamen geistigen 
Bewegung seiner Zeit hätte stellen können. Umgekenrt 
wird vielmehr, was ihn davon aufs Tiefste bewegt, zu den 
bewegenden Kräften einer Reihe bedeutsamer künstlerischer 
Schöpfungen, deren Ziel weit über die engen Grenzen der 
Länder hinausliegt und erst endigt, wo die kultivirte 
Menschheit selbst aufhört. Sie lehren nicht allein, wie es 
sich dabei um Kräfte handelt, die abgeschlossen vorlagen, 
sondern auch wie diese mit dem Menschen und dem Künstler 
wuchsen, wie gerade in ihnen der lebendige Keim des 
Schaffens immer neue Knospen trieb. Wenn diese auch 
nicht stets zu vollem Wachsthum gedeihen, sie zeigen 
doch, wie die aus ihnen erwachsenden großen sittlichen 
Probleme zugleich darnach ringen, immer weitere künst- 
lerische Gestaltungen anzunehmen, bis die schließlich er- 
arbeitete höchste Durchbildung des ethischen Lebens- 
?roblems auch die reifste Gestaltung des künstlerischen 
roblems aufweist; dem beständigen Wachsthum der 
ethischen Motive in Goethes Leben geht in seinem Schaffen 
die künstlerische Motiventwickelung in ilem Sinne parallel, 
daß einem neuen Schritt in der Entwickelung der etnischen 
Motive der Versuch einer neuen Lösung der künstlerischen 
Motive entspricht. Der vollständige Ausgleich wird erst 
auf den höchsten Stufen der beiden Entwickelungsweisen 
erreicht. 




3- 
MEPHISTOPHELES.' 

Von 

Max Morris. 



Rtn sechzehnten Jahrhundert hat ein Unbekannter 
1 aus halbverstandenen griechischen Wörtern die Un- 

\ form Mephostophiles zusammengebraut und dieser 

Name ist mit einer geringen Abänderung nun unsterblich 
geworden. Mephisto wird uns schon auf der Schulbank 
zu einem geistigen Erlebniß und die wunderlich vertraute 
Dämonengestali begleitet uns durchs Leben, Unmöglich 
ist für uns, was Goethe sich selber — in anderem Smne, 
nämlich ästhetisch — vorsetzte: 

Und hinterwärts mit allen guten Schatten 
Sei auch hinfort der böse Geist gebannt. 
Mit dem so gern sich Jugendträume gatten. 
Den ich so mih als Freund und Feind gekannt. 
Mephisto läßt sich nicht hinterwärts bannen, er läßt 
sich nur erkennen. 

' Die Absicht, die Ausbildung der Mephistogestalt auch im iweiten 
Theile Faust lu verfolgen, mußte mit Rücksidit auf den verroebiren ' 
Raum aufgegeben werifen. — Im Zusammenhange der Erönerung konnte 
ich nicht vermeiden, Einzelnes aus eigenen früneren Arbeiten (Goethe* 
Studien I aS; Euphorien VI 491 und 683) wieder aufzunehmen, und ich 
habe kein Bedenken getragen, einige Sätie unverändert tu wiederholen. 
— Minors Faustbuch, das nach dem Abschlüsse dieser Arbeit erschien, 
konnte ich nur noch mit einigen flüchtigen Hinweisen berücksichtigen. 



Mephistopheles. 151 



Wir halten im Folgenden die einzelnen Stadien in der 
Entstehung streng auseinander. Die Dichtung am Faust 
ist mehrmals auf lange Zeit unterbrochen und m ganz ver- 
änderter geistiger Disposition wieder aufgenommen worden, 
und so sind Goethes Intentionen für die Gestalt Mephistos 
zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene~gewesen. Wer 
oder was ist also zunächst Mephisto im Urfaust? 

Er ist — das weiß man seit lange — der Sendling 
und Untergebene des Erdgeistes. »Großer herrlicher Geist 
der du mir zu erscheinen würdigtest, . . . warum mußtest 
du mich an den Schandgesellen schmieden! . . . Wandle ihn 
du unendlicher Geist wandle den Wurm wieder in die 
Hundsgestalt . . . Wandl' ihn wieder in seine Lieblings- 
bildung!« Der Erdgeist und Mephisto gehören also in 
irgend einer Weise zusammen, sie stammen aus einem 
idealen Reiche, über das wir gern Näheres erfahren möchten. 
Der Erdgeist nennt nun selbst ganz geflissentlich die Ge- 
meipschaft, der er angehört:! 

die mit Freudebeben 
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben.J 

Also: »uns den Geistern.« Und nun hören wir dieses 
selbe »uns« auch aus Mephistos Munde: »Warum machst 
du Gemeinschaft mit uns, wenn du nicht mit uns aus- 
wirthschaften kannst? . . . Drangen wir uns dir auf oder 
du dich uns?« 

Also ein Geisterreich, eine Geistergemeinschaft um- 
faßt den Erdgeist, Mephisto und andere Geister, denn »uns 
den Geistern« kann nicht blos diese beiden meinen und 
Faust hat die Geister überhaupt angerufen: 

Ihr schwebt ihr Geister neben mir 
Antwortet mir wenn ihr mich hört. 

Immer wieder hören wir dieses: »ihr Geister . . . 
wir . . . uns . . . uns den Geistern«. Es ist klar, daß 
Goethe hier eine ganz bestimmte Gemeinschaft von Geistern 
vor sich sieht, und sie läßt sich denn auch mit Namen be- 
nennen : es ist das Geisterrcich Swedenborgs. Im Euphorion 
6, 491 flf. habe ich, durch ein wegweisendes Apercu Erich 
Schmidts geleitet, den Beweis datur erbracht ; hier mag es 
genügen, den Gang des Faustmonologs unter dieser Voraus- 
setzung vorzuführen und begreiflich zu machen. 

Faust exponirt seine bekannte verzweifelte Lage. All 
sein redlichesBemühen führt zu keiner wirklichen Erkenntniß, 
religiöse Scrupel und Zweifel, die ihn von einer Annäherung 
an das Uebernatürliche abhalten könnten, hat er nicht. 



152 Abhanolukgen. 



Drum hab ich mich der Magie ergeben 
Ob mir durch Geistes KrafFt und Mund 
Nicht manch Geheimniß werde kund. 

Fausts Magie besteht also darin, aus Geistes Mund 
Geheimnisse zu erfahren, er will wie Swedenborg loqui 
cum spiritibus. Wie man nun zu solcher Erleuchtung gelangt, 
erfahren wir sogleich: Faust schlägt vor unseren Augen 
das Buch auf, in dem ein das Universum umfassender Zu- 
sammenhang aller Kräfte und Wirkungen zu schauen ist. 
Dieses Zauberbuch ist wieder mit Titel, Druckort und 
Jahreszahl zu benennen, es sind Swedenborgs arcana coelestia, 
London 1756 — 1763. Sie sind es wenigstens so weit, als 
solche poetischen Hinweise und Hypostasen überhaupt 
Realität haben. In der überlieferten Volkssage wird Faust 
ein Zauberbuch gebracht. Daran knüpft Goethe umbildend 
an. Bei ihm sieht Faust in dem Buche das Zeichen des 
Makrokosmus, er durchdringt sich mit dem gewaltigen 
Gesammtbilde vom Geisterall, das Swedenborg in den arcana 
entwirft und strömt nun sein — oder vielmenr Goethes — 
Entzücken über dieses Riesenbild aus. 

»War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb ?<r Und 
»wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern 
würkt und lebt« hat doch auch Kant in seiner zugleich 
sachlichen und ironischen Darstellung von Swedenoorgs 
Geistcruniversum empfunden: »Alle Geistersocietäten aber 
zusammen und die ganze Welt aller dieser unsichtbaren 
Wesen erscheint zuletzt selbst wiederum in der Apparcnz 
des größten Menschen ... In diesem unermeßlichen 
Menschen ist eine durchgängige innigste Gemeinschaft eines 
Geistes mit allen und aller mit einem«. (Träume eines Geister- 
sehers.) In diesem Geisterall steigen nun die Himmels- 
kräfte — eben Swedenborgs Geister — auf und nieder,' 
und bilden eine Kette zusammenhängender Wirkungen, sie 
reichen sich die Eimer wie die Menschen bei der Feuers- 
brunst. Das Bild entnimmt Goethe seinen eigenen Er- 
fahrungen, er selbst schildert in dem großen priefe an 
Schönoorn und später in Dichtung und Wahrheit, wie er beim 
Brande in der Judengasse die Kette der Eimer organisirte. 

Fausts Entzücken ist nur von kurzer Dauer, das Bild 
ist für ihn zu groß, und es ist »ein Schauspiel nur«, es 
ist nur ein Bild des Zusammenhangs aller Kräfte und 
Wirkungen, es ist Poesie, nicht Erkenntniß. Nun bietet 
aber das »geheimnißvolle Buch« — das Adjectiv spielt auf 
den Titel arcana coelestia an — noch andere, einzelne 

' arc. coel. 6926: ^uod Spiritus illi vagentur per Universum und 
5389: sunt cohortes spintuum qui circumvagantur. 



Mephistopheles. 153 



Geister, die faßlicher und näher sind als das ungeheure 
Gesammtbild. Swedenborg schildert nach einander die 
Geister der einzelnen Planeten Jupiter, Venus, Mars, Erde, 
und zwar stellen sich in diesem ISystem die Einzelgeister 
einer Gruppe immer zusammengefaßt in der menschen- 
ähnlichen oestalt eines Gesammtgeistes dar, die Geister 
der Erde also in dem Erdgeiste. Die Geister aller einzelnen 
Planeten erscheinen dann schließlich als der größte Mensch, 
maximus homo. 

Faust wendet sich zu dem Gesammtgeiste seines 
Planeten, dem Erdgeiste. Die Erscheinung des Erdgeistes 
hat Goethe mit einer ganzen Anzahl von Zügen aus 
Swedenborg ausgestattet. Die röthliche Flamme bei der 
Erscheinung, das Anziehen und Saugen zwischen Mensch 
und Geist, die Sphäre des Geistes. ( Wegen der Nachweise 
im Einzelnen vgl. Euphorion 6, 492.) 

Von Swedenborg stammt somit die Conception und 
der Name des Erdgeistes und die eben angegebenen äußeren 
Züge, die ganze ßiscenirung. Für den großartigen Inhalt, 
mit dem Goethe diese Form erfüllte, haoen wir uns freilich 
nicht bei Swedenborg, sondern bei Goethe selbst nach 
Parallelen umzusehen. Werther (der j. G. II, 291): »einen 
Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles in 
sich und durch sich hervorbringt ... Es hat sich vor 
meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schau- 
platz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in 
den Abgrund des ewig offnen Grabs. Kannst du sagen: 
Das ist, da alles vorübergeht ... Da ist kein Augenblick, 
der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her . . . 
Ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wieder- 
käuendes Ungeheuer«. Das ist dann im Erdgeist aus der 
Wertherschen Moll- in die Faustische Durtonart übertragen, 
die auch in der folgenden Stelle der Frankf. gel. Anz. 
(Werke, W. A. 37, 210) erklingt: »Was wir von Natur 
sehen, ist Kraft, die Kraft verschlingt, nichts jgegenwärtig, 
alles vorübergehend, tausend Keime zertreten, jeden Aujgen- 
blick tausend geboren, groß und bedeutend, mannichfalti^ 
in's Unendliche ; schön und häßlich, gut und bös, alles mit 
gleichem Rechte neben einander existirend.« Dazu im 
ewigen luden: »O Welt ... du Kettenring von Wonn' 
und Wehe.« 

Der Erdgeist erscheint nun in widerlicher, d. h. un- 
willig abweisender Gestalt (Pniower, G.-J. 19, 244). Auch 
er ist für Faust zu groß. 

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, 
Nicht mir! 



1 54 Abhakolukgen. 



Einen solchen Geist wird ihm der Erdgeist beigeben, 
und er hält, was er hier in Aussicht stellt, er sendet ihm 
einen Geist, dem Faust gleicht und den er begreift, einen 
aus der großen Zahl der guten und bösen Geister, die er 
in sich enthält und vertritt, und dieser Geist heißt Mephi- 
stopheles. Damit ist der Anschluß an die mit einer neuen 
Grundlage ausgestattete Faustsage erreicht, das eigent- 
liche Spiel kann nun beginnen. Rückwärts blickend em- 
pfinden wir mit Entzücken die hohe Kunst, die den Gang 
des Monologs unverrückt seinem Ziele, der Einführung 
Mephistos, zustreben läßt. Wir gehen nicht von Mephisto 
aus, wir gehen auf ihn zu. Von dem gesammten Geister- 
universum führt der Monolog in immer sich verengernden 
Kreisen über den Erdgeist zu dem Geiste, um dessen willen 
das ganze kunstvolle Gebäude aufgeführt ist, und wir sehen 
jetzt, weshalb der Dichter die vielen »uns .... uns den 
Geistern ... ihr Geister« sorgsam an verschiedenen Stellen 
ausgestreut hat. Der Sohn des achtzehnten Jahrhunderts fragt 
sich: Was ist ein Teufel? Wie kann man den Bund eines 
Menschen mit dem Teufel darstellen, ohne überwundenen 
Aberglauben zu gestalten ? Dieses »selbstkluge« Jahrhundert, 
wie es der alte Goethe nennt, das die überkommenen 
kirchlichen Vorstellungen mit dem daran haftenden Aber- 
glauben überlegen abwies, war nun überaus empfänglich 
für neue Formen, in denen das unauslöschliche menschliche 
Streben zum Uebematürlichen sich kundgab. Es war die 
Zeit, in der die Mesmer, Schröpfer, Gaßner, Cagliostro 
gläubige Anhänger fanden. Lavater war ein Apostel dieser 
ueisterbeschwörer und Wunderthäter, Kant und Herder 
nahmen literarisch zu Swedenborg Stellung, Schiller schrieb 
seinen Geisterseher und plante auch einmal ein Gedicht, 
dessen Skizze lautet : »Scnwedenborg und seine Geister die 
ihm Gehorsam weigern«. (Hist. crit. Ausg. ii, 407.) 

Auch der junge Goethe erfuhr diesen Einfluß der Zeit, 
auch er empfing von den Phantasieen Swedenborgs einen 
gewaltigen Eindruck. In diesem Geisteruniversum sah er 
ein grandioses Bild des Zusammenhangs aller Kräfte und 
Wirkungen im Weltall, und wir sehen, wie vom Ende 177 1 
ab das Reich seiner poetischen Phantasie sich mit Geistern 
bevölkert. Sie schweben um die Bäume und Quellen, sie 
wehen auf den Lippen des geliebten Mädchens; über den 
Wassern schweben Geister, er leiht ihren Gesängen Worte, 
die denen des Erdgeistes ähnlich sind, gute Geister nähren 
über Wolken den Felsenquell, im Brausen des Sturmes hört 
er die Noth verdammter Geister sausen, wie von unsicht- 
baren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit 
mit dem Schicksalswagen durch. Auch um sich selbst 



Mephistopheles. 155 



herum fühlt er ihre Gegenwart. »Ich hab Ihnen beschrieben, 
wie's um mich herum aussieht, um die Geister durch den 

sinnlichen Blick zu vertreiben Daß meine Geister 

bis zu Lotten reichen hoffe ich.« Und so noch an vielen 
Stellen. Die von mir Euphor. 6, 504 gegebene Zusammen- 
stellung ist noch sehr unvollständig. 

Swedenborgs Grundlehre : Nur der schaut die Geister, 
dem das Innere geöffnet ist ^periuntur interiora) hatte 
ihm tiefen Eindruck gemacht. Er fühlte, daß an ihm selbst 
dieser Vorgang in Straßburg und dann in Frankfurt sich 
vollzogen hatte. Und so führt er nun diese Lehre von der 
Erleuchtung des Gewürdigten, dem das Innere geöffnet ist, 
in seine Poesie ein. Weshalb konnte gerade Mahomet 
den Ewigen erkennen und verkünden? 

Mahomet: Wie dank ich ihm, er hat meine Brust ge- 
öffnet, . . . daß ich sein Nahen empfinden 
kann. 
Halima: Du träumst! Könnte deine Brust eröffnet 
worden sein, und du leben? 

Mahomet: Ich will für dich zu meinem Herrn flehen, 
daß du mich verstehen lernst. 

Wie geschieht es, daß gerade Faust die übernatürlichen 
Mächte rufen und bannen kann? 

Faust: Dann geht die Seelenkraft dir auf. 

Wie spricht ein Geist zum andern Geist 

Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht: 

»Die Geister Welt ist nicht verschlossen, 
»Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt, 
»Auf bade Schüler unverdrossen 
»Die irrdsche Brust im Morgenroih.« 

Also auch an Faust vollzieht sich dieser geheimniß volle 
Vorgang, das Eröffnen des Inneren. Seinen Bund mit 
dem Teufel deutet und gestaltet der junge Goethe als die 
Verbindung eines Mensclien mit der Geisterwelt, wie sie 
Swedenborg als möglich und ausführbar gezeigt hatte. Um 
den irdischen Menscnen schweben die spiritus huius terrae, 
wie sie Goethe um sich herum und zwischen sich und 
Lotten walten fühlte. Mephisto wird einer von ihnen — 
Faust redet ihn an: »Verrätrischer nichtswürdiger Geist.« 
Alle Spiritus huius terrae, die guten und die bösen, fassen 
sich zusammen in dem einen Erdgeiste, und dieser stellt 
wieder die Verbindung aller dieser einzelnen Geister mit 
dem gesammten Geisteruniversum her, dem Geisterall, wie 
es Goethe in den Frankfurter gelehrten Anzeigen für weitere 
»Aussichten in die Ewigkeit« Lavater anpreist. 



156 Abuakdlungek. 



Diese Zugehörigkeit Mephistos zur Geisterwelt mußte 
nun aber auch zur Darstellung gelangen, und diesem Zwecke 
dient der Gang des Monologs, der vom Geisterall über den 
Erdgeist bis zum Hinweis auf die Sendung Mephistos führt. 

Die Mythologie des Urfaust umfaßt demnach das ge- 
sammte Geisteruniversum, wie es in dem geheimnißvollen 
Buche unter dem Zeichen des Makrokosmus zu schauen ist, 
den Erdgeist und Mephisto. Ein weiteres Glied dieser 
Geistergemeinschaft lernen wir in dem bösen Geist der 
Domscene kennen. Solche Stimmen hört der Mensch raunen 
und nennt sie »Gewissen.« Die Gestaltung zu einem bösen' 
Individualgeist ist aber wieder in dem bewußten Streben 
erfolgt, den FauststoflF auf Swedenborgischer Grundlage neu 
aufzubauen. Und in demselben Streben zeigt uns der Dichter 
noch ganze Geisterschaaren unter den Menschen und um 
sie waltend. »Daß über der Stätte des Erschlagenen rächende 
Geister schweben ... Im unwiderbringlichen Elend bösen 
Geistern übergeben . . . Ach könnt ich doch ... um 
Bergeshöhle mit Geistern schweben.«' 

Also ein Mitglied der Swedenborgischen Geisterwelt, 
ein Spiritus malus huius terrae, dem Erdgeiste untergeben, 
ist Mephisto. Aber mit einer solchen scharfen Definition und 
Rangordnung, wie sie der Monolog implicite für Mephisto 
feststellt, ist dramatisch noch nicht viel gewonnen. Sweden- 
borg hat eine Fülle von Einzelzügen für den Monolog her- 
gegeben, über das Wesen Mephistos konnten die arcana 
coelestia nicht viel aussagen, weil Swedenborgs Geister gar 
keine Individualitäten sind. Sie erzählen inm allerhand 
kuriose oder läppische Dinge von dem Saturn, Mars, der 
Venus und anderen Planeten, aber gerade bei seinem Ver- 
kehr mit den Geistern dieser Erde, den Erdgeistern, verweilt 
Swedenborg nicht gem. Ueber Gegenden, von denen man 
gar nichts weiß, ließ sich besser faouliren. 

Die so kunstvoll und sorgfältig im Monolog aufgebaute 
Swedenborgsche Grundlage erwies sich nun nir die Aus- 
gestaltung der Mephisto-Figur wenig fruchtbar und Goethe 
mußte seinen Mephisto doch schließlich aus eigenen Mitteln 

' Die Bergeshöhle freilich stammt nicht aus Swedenborg: hier 
klingt ein Ton aus Ossian hinein. Werther (Werke. iq, 124"): »Össian 
hat aus meinem Herzen den Homer verdräns^t. • . Äcnzen der Geister 
aus ihren Höhlen.« S. 168: »O von dem Felsen des Hügels, von dem 
Gipfel des stürmenden Berges, redet, Geister der Todten ... in welcher 
Gruft des Gebirges soll ich euch finden!« Aus diesen Ossianischen 
Vorstellungen erwächst dann der Vorspruch zum Werther von 1773* 
»Sieh, dir winkt sein Geist aus seiner Hole.« Unsere Fauststelle ver- 
schmilzt also die Geisterwelt Swedenborgs mit der Ossians. Auch das 
Lokal, das sich in Fausts sehnsüchtigem Wunsch malt, im Dämmer des 
Mondes zu weben, ist ossianisch. 



Mephistopheles. 157 



schaflFen. Er thut das, indem er zunächst mit dem BegriflFe 
eines sjpiritus malus unerbittlich Ernst macht. Der Mephisto 
des ürtaust ist böse, mehr als in irgend einer der späteren 
Ausbildungen, in denen wir ihn verfolgen werden. Sein 
Geselle liebt ein Mädchen. Das ist für ihn der willkommene 
Anlaß, beide zu verderben. An allen entscheidenden Wende- 
punkten steht er da, um die Dinge zum Bösen zu lenken. 
Faust ist von dem Unschuldshauch in Gretchens Kammer 
gerührt und entschlossen, nicht wiederzukehren. 

Faust: Komm komm ich kehre nimmermehr! 
Mephisto: Hier ist ein Kästchen leidlich schweer 
Ich habs wo anderswo genommen. 

Und nun handelt er für den zaudernden Faust, stellt 
das Kästchen in den Schrank und zieht Faust fort. Weiter 
zwingt er ihn zu falschem Zeugniß, macht ihn zum Mörder * 

' Valentins Auftreten im Zusammenhang mit der Stelle von der 
Blutschuld und den rächenden Geistern, die um die Stätte des Erschlagenen 
schweben, genügt natürlich, um den Vorgang genau der späteren Aus- 
fuhrung entsprechend zu ergänzen. Dagegen ist Mephisto ohne un- 
mittelbare Mitschuld am Tode von Gretchens Mutter, öoethes Meinung 
ergiebt sich aus der Folge seiner Scenen mit aller Sicherheit. Faust 

giebt Gretchen das Fläscnchen. Dann Mephisto: »Nun heute Nacht?« 
^ie nächste Scene am Brunnen : »Und bin nun selbst der Sünde bloß.« 
Darauf Zwinger: »Hilf retten mich von Schmach und Todt.« Also 
Schwangerschaft. Und nun erst »Exequien der Mutter Gretjgens« und 
dazu noch einmal: »Und unter deinem Herzen schlägt da nicht quillend 
schon Brandschande Maalgeburt« (= Brandschandmalgeburt, d. n. eine 
Geburt, der das Brandmal und Schandmal der Bastardschaft aufgedrückt 
istV Das ist also ein klarer, in wenigen Scenen unerbittlich fort- 
schreitender Verlau£ Zwischen Grejchens Fall und dem Tode der 
Mutter liegen Monate, und da die Mutter doch durch Gretchens Schuld 
»sich in die Pein hinüberschlief«, so hat Gretchen das Fläschchen 
'immer wieder zur Anwendung gebracht, und so erfolgt der Mutter Tod, 
ohne daß Mephisto unmittelbar den Trank geweiht hätte. — Solche 
criminalrichterliche Nachprüfung ist gewiß antipoetisch und beha^ mir 
selbst nicht, aber da CoUin (Goethes Faust S. 220) u. a., den einfachen 
Sachverhalt verkeimend, die Mutter gleich beim ersten Mal sterben 
lassen und sich dann wundem, daß Gretchen am Brunnen plaudert, 
ohne vom Zustande ihrer Mutter zu sprechen, so war die klare Intention 
des Dichters doch darzulegen. Minor TI, 199, 211, 349) läßt diese 
Intention nur als eine spätere Planverschieoung gellen, weil Faust gleich 
nach Gretchens Fall sie verlasse. Das steht im Urfaust nicht; denn 
daß die Faust-Gretchen-Scenen nun einstweilen aufhören, hat vielmehr 
einen ästhetischen Grund: sie können nun keine Steigerung bringen. 
So begleitet denn die Dichtung Gretchen in ihrem gesteigerten Jammer 
(Brunnen, Zwinger, Dom) und läßt Faust vorläufig bei Seite. Aus der 
Fragmentstelle ^.^ ^^^^^ ^^ ^^^^ ^^^^^l^,^ 

Und halb und halb bist du es schon 

darf ein Rückschluß für den Urfaust nicht gezogen werden; die Stelle 
hat ja Fausts Leben in Wald und Höhle, also ein italienisches Motiv, 
zur Voraussetzung. 



1 5 8 Abhandlungen. 



und benutzt Valentins Tod wieder, um Faust von Gretchens 
Wohnort zu entfernen, damit sie in Schmach verkommt, 
während Faust indessen von ihm »in abgeschmackten 
Freuden« eingewiegt unsühnbarer Schuld verfallen soll. 
Das Gewissen kann er in Faust nicht ersticken, er betäubt 
es immer wieder, wenn ein Entschluß zu fassen ist, und 
wenn dann Faust sich im Angesicht des entstandenen Unheils 
in Verzweiflung windet — nun, auch Fausts Verzweiflung 
ist ihm dienlich und erwünscht. Er will auf alle Weise sein 
Verderben. Er ist also wirklich »der Schandgeselle, der 
am Schaden sich w^eidet und am Verderben sich ietzt.« 

Diesen Verruchten stattet nun der Dichter mit zwei 
weiteren Kräften aus, denen sich Menschen nicht versagen 
können: Klugheit und Humor. Der böseste ist zugleich 
der klügste aller Menschen und Geister. Die Nichtigkeit 
des zünftigen Wissenschaftsbetriebes, das Element der 
Charlatanerie, das von der praktischen Ausübung der Medizin 
so schwer fernzuhalten ist, das weltlich eigennützige Treiben 
der Kirche, die Trugschlüsse, mit denen der Mensch die 
Handlungen seiner Lust vor sich selbst rechtfertigt — alles 
ist ihm durchsichtig, für alles findet er die schärfste, zugleich 
vernichtende und überzeugende Form. Es ist schlimm, 
daß Mephisto mit seiner zerstörenden Gesammtkritik Recht 
hat, aber es ist so und überall steht hier hinter Mephisto 
Goethe selbst, der auch in Hanswursts Hochzeit nicht 
blos zum Scherz eine Welt darstellen wollte, in der alle 
Menschen ihr unsauberes Innere nach außen gekehrt und 
schon in ihrem Namen sichtbar trügen. Sein Mephisto 
sieht alle und jede Lüge, glaubt an alles Niedere, den 
Menschen Herunterziehende und baut darauf seine Pläne. 
Hier erweist sich das weite Gebiet des Geschlechtlichen 
als überaus fruchtbar für die Dichtung. Mephisto betrachtet 
natürlich alle Phänomene auf diesem Gebiete »aus einem 
Punkte« und so fließt hier unerschöpflich der Quell der 
Satire^ die doch eben dadurch, daß sie Satire ist, zus;leich 
auf ein Höheres hinweist. Mephisto behält hier überall 
vor dem Verstände Recht, aber der ganze Mephisto mit 
seinem Recht stammt von dem Dichter, der in Fausts 
Verzweiflung, in Gretchens »Gericht Gottes komme über 
mich« Menschen in ihrem Aufstreben aus den Banden der 
Sinne zeigt und der für die unlösliche Doppelnatur dieser 
Triebe die Worte findet 

Und bin nun selbst der Sünde blos. 

Doch — alles was mich dazu trieb, 

Gott! war so jgut! ach war so lieb! 

Im Urfaust sehen wir die menschlichen Dinge mit 

Mephisto als nichtig und verlogen, mit Faust als großartig 



Mephistopheles. 1 59 



und edel, mit Gretchen als lieb und erfreulich. Alle drei 
haben Recht, und in keiner späteren Dichtung hat Goethe 
diese wunderbare objektive Schmiegsanikeit wieder erreicht, 
die jedem Geschöpfe sein eigenes Selbstleben und sein 
eigenes Recht werden läßt. Der classicistische Stil in 
Iphigenie, Tasso, Hermann und Dorothea, der großartige 
Stil m der natürlichen Tochter, Pandora und dem zweiten 
Theile Faust breitet über alle Gestalten eine gemeinsame 
Art und Weltanschauung und läßt ein so vollkommenes 
Eigenleben der einzelnen Gestalt nicht zu wie der genial- 
naturalistische Stil des Urfaust. Goethes Art, den Vertreter 
der pathetischen und den der satirischen Weltanschauung 
gesondert mit gleichem Rechte gegenüber zu stellen, wirkt 
auch reiner und wohlthätiger als Byrons Verfahren, der 
in seinem Childe Harold und Kain Pathos und Satire 
zusammenschmilzt. - 

Der Böse und Kluge ist nun endlich ein socialer 
Virtuose, jeder Lage gerecht, überlegen, gewandt und 
humoristisch. Mit dem Schüler treibt er emen genialen 
Maskenscherz' und mit Frau Marthe das Spiel der Katze 
mit der Maus. Dreimal wirft er sie mit einem ruhig hin- 

feworfenen Sätzchen aus einer Empfindung, die er erregt 
at, in die entgegengesetzte und beobachtet den Effekt, 
der mit der Sicherheit einer chemischen Reaction eintritt. 
Er steckt doch schließlich mit Behagen in seiner Haut und 
hat Lust am Spiele. 

Diese Ausstattung mit Klujgheit und Humor macht die 
Mephistogestalt erst poesiefähig. In einem Schema zu 
Dicntung und Wahrheit (Werke 27, 389) sagt Goethe: 
»Konflikt des bösen und guten kann nicht ästhetisch dar- 
gestellt werden : denn man muß dem Bösen etwas verleihen 
und dem Guten etwas nehmen, um sie gegeneinander ins 
Gleiche zu bringen.« Das ist denn beides nier vollauf ge- 
schehen und so erscheinen Faust und Mephisto als eme 
Ausprägung der zum edelsten Bestände der Weltliteratur 
gehörigen Gruppe vom idealistischen Herrn und realistischen 
Diener: Don Quixote — Sancho Pansa, Pickwick — Sam 
Weller : nicht ganz so vollkommen balancirt in Prinz Heinz 
und FallstaflF oder Lear und dem Narren, als Doppelpaar 
gruppirt bei Kleist in Jupiter— Merkur und Ampnitryo — 
osias, in unendlichen Wiederholungen obligat dargestellt 



im spanischen Drama. In einer solchen Gruppe, die eine 
abgekürzte und künstlerisch contrastirte Darstellung der 

' Goethe hat selbst einmal eine umgekehrte Schülerscene auf- 
geführt, indem er vor dem wirklichen Professor den imitirten Studenten 
agirte (Dichtung und Wahrheit Buch 12). 



l6o Abhandlungek; 



menschlichen Totalität in sich birgt, erscheint alles, was 
geschieht, gleich in doppelter Spiegelung gebrochen, und 
die unaufhörliche geistig-sittliche Spannung innerhalb der 
Gruppe erregt auch in dem Betrachter ein wundervoll er- 
höhtes Lebensgefühl. 

So erwächst uns nun der Mephistogestalt gegenüber 
aus Abscheu, Bewunderung und Behagen der unwider- 
stehlichste Eindruck, die It^idenschaftlichste Theilnahme. 

Für alles, was er menschlich in seinem Mephisto dar- 
stellte, hatte Goethe ein grandioses Vorbild, das bewußt 
oder unbewußt gewiß nicht ohne Einwirkung geblieben 
ist : Richard III. Auch hier das bewußt Schlechte in Ver- 
bindung mit beißender Verstandesschärfe und dem mehr 
grausig gestalteten Humor eines überlegenen Spiels mit 
Menscnen. Alles das wird nun in Mephisto durch die 
Thatsache, daß wir ein unirdisches Wesen, einen Dämon 
vor uns haben, ins Grenzenlose gesteigert. Goethe hat 
einen Complex wie den geschilderten zweimal zur Dar- 
stellung getracht: in Mephisto zum Dämonischen erhöht, 
im Reineke Fuchs zum Thierischen herabgezogen. In 
beiden Fällen kommt Menschenart in einem außermensch- 
lichen Rahmen gespiegelt zu uns zurück. Gelingt es einem 
Dichter, eine außermenschliche Gestalt so mit überzeugendem 
menschlichem Leben zu erfüllen, wie hier, dann ist die 
Wirkung auf Menschen unermeßlich. 

Für diese wundersame Gestalt galt es nun ein Aeußeres, 
eine Maske zu schaffen. Wie bei der Ausgestaltung von 
Mephistos Wesen hält sich Goethe auch hier ganz im Be- 
reiche des Menschlichen. Als Schüler Lavaters schafft er 
bewußt ein Aeußeres, das diesen Geist wiederspiegelt. 
»Bläcke deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen, 
mir eckelts . . . Steh nur, steh, wälze die Teuflischen 
Augen ingrimmend im Kopf herum ... du grinsest ge- 
lassen über das Schicksal von Tausenden hin.« Und wenn 
Faust in seiner maßlosen Wuth kein zuverlässiger Zeuge 
ist, so sorgt Goethe dafür, daß wir Mephistos Aeußeres 
noch überzeugender in der Wirkung auf Cretchen vor uns 
sehen. 

Es hat mir in meinem Leben 

So nichts einen Stich ins Herz gegeben 

Als des Menschen sein Gesicht .... 

Kommt er einmal zur Thür herein 

Er sieht immer so spöttisch drein 

Und halb ergrimmt 

Man sieht daß er an nichts keinen Antheil nimmt. 

Es steht ihm an der Stirn geschrieben 

Daß er nicht mag eine Seele lieben. 



Mepmistopheles. i6i 



Daß der Mitarbeiter Lavaters hier bewußt eine Probe 
physiognomischer Kunst giebt, kommt gleich darauf in 
Mephistos Worten zum Vorschein: 

Und die Phisiognomie versteht sie meisterlich. 

Danach dürfen wir uns Mephisto »eine große Perrücke 
auf« etwa wie die bekannten Bilder Voltaires vorstellen. 

Goethes Interesse für Lavaters Physiognomik beginnt 
Ende Januar 1774. Die Gretchen-Parthie, in der (fieses 
Interesse hervortritt, wäre dann also nach dieser Zeit an- 
zusetzen. Dagegen würde die Stelle in Auerbachs Keller 
»sie haben so was unzufriednes böses im Gesicht« eine 
zu dünne Basis für eine solche Folgerung sein. Auch der 
eben gewagte Schluß wird etwas beeinträchtigt durch die 
der ganzen Zeit eigene eifrige Silhouettendeutung (z. B. 
Briefe, W. A. 2. 48, n), aber »die Physiognomie verstehen« 
weist doch wohl auf (las von Lavater versuchte System. 

Nun soll dieser menschlich ausgestaltete spiritus Mephisto 
am Ende doch in einer Darstellung der Volksfabel agiren, in 
der Faust einen Bund mit dem Teufel schließt. Nachdem 
er einmal vom Erdgeist gesendet war, gab die Sweden- 
borgische Grundlage wenig mehr her, und Goethe vermeidet 
auch, gar zu häung an diesen Zusammenhanjg zu rühren. 
Nur in der großen wuthscene »Im Elend! Verzweifelnd!« 
zerren Faust und Mephisto an der Decke, da haben wir 
alle diese »uns« und »wir« Mephistos, da wendet sich Faust 
in unmittelbarer Anrede an den Erdgeist. Für den Alltags - 
gebrauch, für Mephistos tägliche Ecistenz war mit dieser 
urundlage wenig anzufangen, und doch durfte er, den 
Goethe so energisch menschlich gezeichnet hatte, denn 
doch nicht als ein blos böser und kluger Mensch neben 
Faust hergehen. Da lenkt denn Goethe selbst in die Volks- 
überlieferung ein. indem er diesen Swedenborgischen spiritus 
malus, der als dramatische Figur ein ins Dämonische ge- 
steigerter bös-klug-humoristischer Mensch mit entsprechen- 
dem menschlischem Aeußeren ist, sich selbst häufig (V. 
404, 661, 859, 123J und Auerbachs Keller Z. 6y) als Teufel 
bezeichnen läßt. Auch Faust redet ihn so an (v. 4Q5, 713, 
1428), und Mephisto fügt sich selbst in die jüdiscn-christ- 
liche Mythologie ein, wenn er die Schlange seine Muhme 
nennt fV. 443). Diese Selbstdefinitionen Mephistos hält 
der Dichter gern im Tone eines ironischen Spielens mit 
der ganzen Benennungs- und Rangfrage. 

Muß wieder einmal den Teufel spielen. 

Ich mögt mich gleich dem Teufel übergeben, 
Wenn ich nur selbst kein Teufel war. 



GoiTUr-jAHRBVCN XXII. I I 



i62 Abhandlungen. 



Sie fühlt daß ich ganz sicher ein Genie 
Vielleicht wohl gar ein Teufel bin. 

In derselben Weise lehnt Goethe dann auch den Erd- 
geist an die überlieferte Sage und Mythologie des Bösen an. 

Hätt Luzifer so ein Duzzend Prinzen 
Die sollten ihm schon was vermünzen. 

Diese Vermittlung mit der Volkssage ist nicht ganz 
primär, sondern stellt schon ein Einlenken vor in Würdigung 
der Schwierigkeiten, die sich bei Durchführung der ge- 
planten Swedenborgisirung der Faustischen Geisterwelt er- 
faben. Die Anlehnung an den Volksteufel liegt nur in 
er absichtlich häufigen Verwendung des> Wortes Teufel 
und in der Abneigung Mephistos gegen alles christliche 
Wesen. Die ironische NachgiebigKeit, mit der Goethe 
seine so hoch über den Volksteufel hinausgehobene Mephisto- 
gestalt schließlich doch dem alten Popanz ein w^enig an- 
nähert, malt sich geistreich in Mephistos Geständniß: 

Ich weiß es wol es ist ein Vorurtheil 
Allein genug mir ists einmal zuwieder. 

Solche bequemen Züge herkömmlicher Teufelskomik 
durch Contrast mit dem Christenthum hat Goethe mehr- 
fach verwendet. Mephisto benutzt ein ßibelwort als Stamm- 
buchvers, schleicht um den Beichtstuhl und gönnt dem 
Pfaffen, der den Schmuck einstreicht, seine besondere Ab- 
neigung. Aber was er seinen Pfaffen vom Magen der 
Kirche sagen läßt, hebt uns mit einem Schlage aus dieser 
behaglichen Sphäre niederer Komik in die Gedankenkreise 
Mepnisto-Goethes. Die Pfaffenerzählung Mephistos wurzelt 
mit ihrem Beginn im sechzehnten, mit dieser Dchlußwendung 
im achtzehnten Jahrhundert, an ihr haben Hans Sachs und 
Voltaire mitgeholfen. 

Von den bezeichnenden Zügen des volksthümlichen 
Teufelsbildes verwendet Goethe nur noch einen einzigen 
in überaus glücklicher Verfeinerung. Der Schwefelgeruch, 
den der Böse hinterläßt, erscheint verdünnt und suotilisirt 
in Gretchens: 

Es ist so schwül und dumpfig hie 

Und macht doch eben so warm nicht draus 

Es wird mir so! Ich weiß nicht w^ie. 

Auch Mephistos nicht ganz zu entbehrende Ausstattung 
mit übernatürlichen Kräften hält Goethe bewußt im be- 
scheidensten Maße. »Hab ich alle Macht im Himmel und 
auf Erden?« Mephisto verfügt über die Zauberpferde, die 
sich von irdischen Pferden etwa durch Schnelligkeit und 



Mephistopheles. 163 



Unermüdlichkeit unterscheiden mögen, der Hokuspokus, 
den Faust in Auerbachs Keller treibt, wird ja woni mit 
Mephistos stiller Beihilfe vor sich gehen und der verschlossene 
Schrank in Gretchens Kammer önnet sich ihm. Das ist alles. 
Mit der Einfügung Mephistos in Swedenborgs Geister- 
welt und der Annäherung des Erdgeistes an Lucifer und 
Mephistos an den Volksteufel ist der mythologische Bestand 
des Urfaust abgeschlossen, denn das Eingreifen Gottes, 
Christi und der Heiligen, wovon wir bei den späteren 
Stadien der Faustdichtung zu handeln haben, ist schon durch 
-das ReUgionsgespräch ausgeschlossen, in dem ganz ver- 
nehmlich nicht nur Faust, sondern auch der Faustdichter 
spricht. Der Erdgeist wirkt freilich »der Gottheit lebendiges 
Kleid«, aber eben dieses pantheistische Wort zeigt, daß ein 

Eersönlich eingreifender Gott nicht in die Mythologie des 
Frfaust hineinpaßt. 

Also vom Erdgeist gesendet* tritt dieser wundersame 
Geist in Fausts Leben ein. Er schließt mit ihm einen 
freien Bund. 

Faust: Und das sag ich ihm kurz und gut 
Wenn nicht das süse iunge Blut 
Heut Nacht in meinen Armen ruht. 
So sind wir um Mitternacht geschieden. 

Also kein unlöslicher Vertrag, keine Seelenverschreibung, 
sondern eine freie Verbindung, in der Mephisto Fausts 
Verderben und Untergang erstrebt. Bei diesen ersten Ver- 
handlungen oder weiterhin erhält Faust Aufklärung über 
die Sendung Mephistos durch den Erdgeist^ denn er weiß 
später davon (»warum mußtest du mich an den Schand- 

fesellen schmieden?«). Faust und Mephisto leben zusammen; 
ie Weltreise schließt sich noch nicnt unmittelbar an ihren 
Bund; denn wir finden Mephisto, bei Faust behaglich instaUirt, 
»im Schlafrock, eine große Perrücke auf«, später als schembar 
menschlichen Keisenden. ohne besondere auffällige Merk- 
male in Tracht und äufierer Ausstattung. Nun aber, sein 
erstes Erscheinen? Hier wissen wir mit Sicherheit nur, 

* Immer von Neuem regi sich der Widerspruch gegen diese aus 
den bekannten Stellen unzweifelhaft hervorgehende Thatsache — 
Graffunder, v. Biedermann und nunmehr auch Minor I 22ifF. Aber 
alle von Minor mit großer Belesenheit zusammengetragenen und an 
sich sehr interessanten Parallelstellen können seine Umschreibung von 
»anschmieden« : »er hat es einfach geschehen lassen« nicht rechtfertigen. 
Der hier gebotene Nachweis von Goethes Intention, Mephisto durch 
Unterstellung unter den Erdgeist an die Swedenborgsche Geisterwelt 
anzugliedern, beseitig nun den bisherigen Anschein, als sei dieser 
Zusammenhang Mephistos mit dem Erdgeiste eine willkürliche, unmoti- 
virte Erfindung Goethes. 

II* 



164 Abhandlungen. 



daß er nicht in der Maske des fahrenden Scholasten erscheinen 
sollte — wir werden die erst 1788 erfoljgte Anregung hierfür 
noch kennen lernen. Bei Swedenborg finden wir auch keine 
Aufklärung. So bleibt nur die vielbesprochene Stelle: 
»Hund ! abscheuliches Untier ! Wandle ihn du unendlicher 
Geist wandle den Wurm wieder in die Hundsgesialt in der 
er sich nächtlicher Weile offt gefiel vor mir herzutrotten, 
dem harmlosen Wandrer vor die Füsse zu kollern und dem 
Umstürzenden sich auf die Schultern zu hängen, WandF 
ihn wieder in seine Lieblingsbildung, dass er vor mir im 
Sand auf dem Bauch krieche ich ihn mit Füßen trete den 
Verworfenen.« Der Erdgeist soll ihn wieder in die Hunds- 

f estalt wandeln. Mephisto hat also diese Gestalt erst mit 
ustimmun^g und unter Mitwirkung des Erdgeistes verlassen, 
um Faust m menschlicher Gestalt als Gefährte zu dienen. 
Die Hundsgestalt ist seine Lieblingsbildung und er hat sie 
im Anfange seines Verkehrs noch oft zu boshaftem Schaber- 
nack an narmlosen Wanderern benützt. Die ganze Stelle 
weist deutlich darauf hin, daß Mephistos erstes Erscheinen 
in Hundsgestalt der Intention nach schon zur Urfaustdichtung 
gehört. Es handelt sich dabei um eine Anbequemung an 
den Volksglauben, der niedere Dämonen und Teufel gern 
thierisch oder halothierisch bildet. Im Faustbuch von 1 587 
erscheint Mephisto zuerst als »Greiflf oder Drach« und die 
sieben vornehmsten Höllengeister zeigen sich im 2^ Kapitel 
sämmtlich in phantastischen Thier^estalten. Melanchthon 
erzählt, daß Faust einen Hund bei sich führte, welcher eben 
der Teufel war, Aehnliches findet sich clann später in 
mancherlei abgeleiteten Berichten. Durch welche Ver- 
mittlung dieser Zug zu Goethes Kenntniß gelangte, läßt 
sich nicht feststellen. 

Ueber den geplanten weiteren Verlauf der Urfaust- 
dichtung jenseits der Kerkerscene wissen wir aus einer 
Reihe sicherer Angaben Goethes, daß Fausts Vereinigung 
mit Helena schon zu den Conceptionen der Frankmrter 
Zeit gehört. Mephisto verschwindet also mit Faust, er 
fühn ihn mit den Zauberpferden weit hinwee, der Jammer 
Gretchens bleibt hinter Faust zurück und die Dichtung führt 
— wahrscheinHch über den Fürstenhof des Puppenspiels — 
zu Fausts Vereinigung mit Helena und weiter bis zu seinem 
Tode. Denn daß die Dichtung an ihrem Schlüsse den 
lebenden Faust zurückließe, wäre an sich unerträglich und 
wird auch durch die Tradition ausgeschlossen. Da eine 
Seelenverschreibung nicht vorliegt, so kann auch Faust 
nichts weiter geschehen als daß er stirbt. Die Dichtung 
scheidet von ihm in reinem, versöhnendem Ausklange. Das 
zeigt der Schluß der Kerkerscene, wo wir sehen, wie der 



Mephistopheles. 165 



ürfaustdichter mit seinen unschuldig-schuldigen Geschöpfen 
verfährt. Gretchen nimmt das Gericht Gottes und der 
Menschen auf sich, sie weiht sich dem Tode auf dem 
Block. Das spätere: »Ist gerettet« erklingt latent schon 
hier und wir scneiden gerührt von ihr, wie wir sie begleitet 
haben. Wie nun diese in freier Buße gereinigte Seele 
Faust für seinen weiteren Weg einen Scheidegruß mitgiebt, 
darin zeigt der Ürfaustdichter bewußt und deutlich seine 
Intentionen für den Ausgang der Faustdichtung: 

»Auf ewig lebe wohl. Leb wohl Heinrich !« 

Dann folgt ihr furchtbares: »mir grauts vor dir 
Heinrich« und als die entscheidende Palinodie dazu das 
letzte verhallende: »Heinrich! Heinrich!« 

Die Faustdichtung scheidet also in irgend einer Weise 
auch von dem todten Faust in Frieden. Darauf deutet 
auch Fausts immer wieder gewaltig und rein aufloderndes 
Gewissen und endlich die Sendung Mephistos durch den 
Erdgeist, der in großartiger Erhabenneit über allem irdischen 
Geschehen waltet. Der Erdgeist läßt Faust das Böse be- 
stehen und so mußte er in irgend einer Weise auch über 
dem Schlüsse walten, wahrscheinlich selbst zuletzt wieder 
erscheinen. Wie Mephisto am Schlüsse der Urfaustdichtung 
dastehen sollte, können wir nicht einmal ahnen. Sonst 
wird das Schema des zweiten Theiles von 1816 gewiß 
manche echte Urfaustmotive enthalten, aber wir können 
sie nicht mit Sicherheit herauslösen. — 

Vom Eintritt in Weimar bis zur italienischen Reise 
ruht die Faustdichtung. Der geläuterte Mann führt das 
Werk weiter, das der glühende Jüngling liegen gelassen 
hatte. Wir verfolgen nun unseren Mephisto zuerst in den 
Italien angehörigen Scenen (Hexenküche. Wald und Höhle), 
dann in dem wahrscheinlich erst in Weimar 1788— 1789" 
entstandenen Vertragsscenenfragment mit dem dazu ge- 
hörigen kleinen Monologe Mephistos. 

Im Monolog Wald und Höhle haben wir deutlicher 
als je vorher oder nachher eine Selbstdarstellung Goethes 
als Faust. Seine Flucht nach Italien, die Aufrichtung und 
Herstellung seines Wesens an Kunst, Natur und der großen 
Vergangenneit stellt Goethe hier unter dem Bilde des in 
der Einsamkeit sich aufbauenden und reinigenden Faust 
dar. Dieser Zusammenhang malt sich recht anschaulich 
in der längst bemerkten Analogie des Verses: 

Und lindem der Betrachtung strenge Lust 

« Der Ansatz mit Erich Schmidt, Düntzer und Minor gegen Kögcl, 
Pniower, Niejahr. Es ist aber nicht möglich, in diesem Zusammen- 
hange in eine Erörterung der Frage einzutreten. 



l66 Abhandlukgen. 



7 



mit italienischen Briefstellen: »und die allzustrengen Begriffe 
der Kunst lindem .... eine Pause der allzustrengen Be- 
trachtung mache« (Briefe 8, 83 und 8, 159). Solche Auf- 
erbauung war Goethe überhaupt ein vertrauter Vorgang. 
An Herder, Juli 1776: »Ich führe mein Leben in Klüften, 
Höhlen, Wäldern, unter Wasserfällen, bei den Unterirdischen, 
und weide mich aus in Gottes Welt.« 

Diese hohe Wonne schauender Betrachtung wird Faust 
durch den Gefährten vernichtet. 

Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer 
Nach jenem schönen Bild geschäftig an. 

Wir sind, wie die Scene im Fragment steht, mitten 
in der Gretchentragödie und Mephisto tritt denn auch 
sofort auf und erregt Fausts Begierde nach Gretchen. Unter 
dem »schönen Bilde« ist also gegenwärtig Gretchen zu 
zu verstehen und Pniower hat denn auch mit Unterstützung 
von Fresenius überzeugend bewiesen, daß »Bild« oder 
»schönes Bild« nach dem Sprachgebrauche des jungen 
Goethe die Bezeichnung fiir ein geliebtes Mädchen sein 
kann. Und doch ist das nicht die ursprüngliche Meinung 
unserer Verse. Schon das Attribut »jenes« weist auf ein 
Bild hin, das einmal an einer bestimmten bekannten Stelle 
vor Fausts Augen gekommen ist, also auf das Bild der 
Hexenküche. Für öretchen wäre die Bezeichnung »jenes 
schöne Bild« ganz unpassend. Und noch deutlicher sprechen 
die weiteren Verse 

So taumr ich von Begierde zu Genuß 

Und im Genuß verschmacht' ich nach Begierde. 

So verzeichnet Goethe seine Linien nicht. Bei Gret- 
chen »taumelt« Faust nicht von Begierde zu Genuß und 
nie hören wir, daß Faust in Gretchens Armen im Genuß 
schon nach Begierde schmachtete, also Ueberdruß empfände. 
Hier ist von niederem Sinnen^enuß ohne Liebe die Rede 
und wir sehen nun, welche wichtige Zwischenstufe Goethe 
in Italien zwischen Auerbachs Keller und Gretchen ein- 
schieben wollte : Hexenküche mit Verjüngung. Trank und 
Bild wirken in Faust, was sie wirken sollen, er sieht wirk- 
lich eine Zeit lang Helenen in jedem Weibe, er taumelt von 
Begierde zu Genuß. Das ist also die auf Auerbachs Keller 
folgende zweite Station in dem Cursus, den ihn Mephisto 
durchschmarutzen läßt. Dann folgt Reinigung und Läuterung 
in der Einsamkeit, und wie ihn Mephisto nun unter Menschen 
zurücklockt, spielt sich das Abenteuer mit Gretchen als 
die zweite hönere und reinere Form des Liebesgenusses 
ab. Jene erste Periode hatte im Ueberdruß geendet, die 



Mephistopheles. 167 




* 

Liebe zu Gretchen endet mit bitterer Reue und Verzweiflung. 
Es sind in der Hauptsache nur die beiden Schlußzeilen des 
Monologs Wald und Höhle, auf die sich dieser Nachweis 
von Goethes italienischer Intention stützt, aber sie sprechen 
ganz eindeutig, üebrigens würden die Schlußworte der 
Hexenküche 

Du siehst mit diesem Trank im Leibe 
Bald Helenen in jedem Weibe 

Gretchens persönliche Liebenswürdigkeit, ihre Kraft, durch 
eigene Vorzüge Liebe zu erregen, ganz unnöthig herab- 
drücken und einen erheblichen Fehler darstellen. Als sie 
gedichtet wurden, wiesen sie eben nicht, wie jetzt, auf 
Gretchen hin, sondern auf dieses Zwischenstadium nieaeren 
Sinnengenusses. Auch der »hingestreckte Leib« im Spiegel 
deutet auf diese Art Freuden hin: als Vordeutung auf 
Gretchen wäre er übel gewählt. Also der Monolog Wald 
und Höhle weiß nichts von Gretchen und gehört ursprüng- 
lich überhaupt nicht in die Gretchentragödie. (Erich Schmidt, 
Urfaust* LX.) Hexenküche, Monolog und das anschließende 
Gespräch bis zu V. 3^02 mit dem ebenfalls auf die Ver- 
jüngung bezüglichen Verse 

Dir steckt der Doktor noch im Leib 

bilden ein Ganzes, bestimmt, als große neue Masse zwischen 
Auerbachs Keller und Gretchen -Tragödie einzurücken. 
Mephistos Schilderung, mit der das Dialogstück abbricht 

Du bist schon wieder abgetrieben. 
Und währt es länger, aufgerieben. 
In Tollheit oder Angst und Graus 

meint eben den Zustand, der sich in Fausts Worten malt 

So tauml' ich von Begierde zu Genuß 

Und im Genuß verscnmacht' ich nach Begierde 

also den SchlußeflFekt, der durch den Hexenküchentrank 
eingeleiteten Periode niederen sinnlichen Genusses. So 
gewinnt nun noch ein anderer Hexenküchenvers seine eigent- 
Gche Beleuchtung: 

Den edlen Müßiggang lehr' ich hernach dich schätzen, 
Und bald empfindest du mit einigem Ergetzen, 
Wie sich Cupido regt und hin und wieder springt. 

Also in Müßiggang und Sinneiijgenuß zieht ihn Mephisto 
herab. Aus Ekel und Ueberdruß reinigt sich Faust m der 
Einsamkeit und Jetzt erst läßt Mephisto Gretchen folgen 
als eine feinere Lockspeise, da die alte, grobe nicht mehr 
verfängt. 



l68 Abhandlungen. 



Der Abschluß dieser neuen großen italienischen Masse 
gerieth dann ins Stocken, und bei der schließlichen resig- 
nirten Weimarer Redaktion gab Goethe seinen ursprüng- 
lichen Plan auf und schob den Monolog mit dem dazu 
gehörigen Dialogstück mitten in die Gretchentragödie. Er 
verlöthete diese Parthien durch Einfügung der Verse 3303— 
3341 mit einem Stück Urfaust (V. 3342—3369), das durch 
vorläufigen Verzicht auf die Valentinsscene vertügbar wurde, 
und schloß die so gewonnene Masse mit den neu hinzu- 
gefügten Versen 3370—3373. Dieses Conglomerat hat nun 
weder im Fragment, wo es hinter Greichens Fall steht, 
noch im endgiltigen Faustdrama, wo es davor gestellt ist, 
eine passende Stelle gefunden : es bleibt auf alle Weise ein 
Bruch und Rest. Die mannigfachen Widersprüche, die sich 
nun ergeben, hat Erich Schmidt, Urfaust^ LX f. dargelegt. 

Wir haben über diesen Ausführungen Mephisto em 
wenig aus den Augen verloren. Sie waren erforderlich, 
um die italienische Intention für Mephisto zu zeigen: er 
führt Faust in die Hexenküche, um um durch Trank und 
Bild zu niederem Sinnengenuß zu reizen und das gelingt ihm. 

Nun der Schluß der Vertragsscene (V. 1770 — 1850). 
Im Urfaust haben wir als gegebene Thatsache, daß Faust 
und Mephisto als Genossen miteinander gehen und erfahren 
sonst nur aus Fausts Drohung, sich am selben Tage von 
Mephisto zu scheiden, daß eine Seelenverschreibung nicht 
besteht. Hier zuerst haben wir die beiden in einem ernst- 
haften Gespräch nach vollzogenem Bunde und obendrein 
einen Monolog Mephistos über diesen Bund. Nun also: 
was haben die beiden mit einander abgemacht und ver- 
handelt ? Vollkommene Aufklärung erhalten wir auch dies- 
mal nicht. In dem Dialogstück strömt Faust seine titanische 
Sehnsucht aus, alles zu wissen, zu können, zu empfinden, 
zu dulden. Mephisto bespöttelt das und weist um aufs 
Genießen hin als .das Einzige, was sich erreichen lasse. 
Faust fügt sich auffallend schnell. Die hier vermißte Auf- 
klärung über den vorangegangenen, im Fragment fehlenden 
Pakt gewinnen wir nun aber aus Paralipomenon 7, das 
nach der Art seiner Ueberlieferung (vgl. die Weim. Ausg. 
<ind Pniower, Goethes Faust S. 34 f.) der Fragmentzeit 
angehört : 

Mein Freund wenn je der Teufel dein begehrt 
Begehrt er dein auf eine andre Weise 
Dem Fleisch und Blut ist wohl schon etwas werth 
Allein die Seel ist unsre rechte Speise. 

Also diesmal handelt es sich nicht wie im Urfaust um 
einen freien Bund, sondern um eine Seelenverschreibung, 



Mephistopheles. 169 



Allenfalls könnte man dagegen eine Stelle aus dem Monolog 
Wald und Höhle geltend machen: 

Du gabst zu dieser Wonne . . . 
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr 
Entbehren kann . . . 

Das klingt mehr, als ob sich Faust nur durch eine innere 
Seelendisposition an Mephisto gefesselt sieht. Uebrigens 
mag Goethe geschwankt haben, und ein Paralipomenon, 
in dem ein Zug versuchsweise skizzirt wird, braucht ja 
auch nicht im Einklang mit der ausgestalteten Dichtung 
zu stehen. 

Ueber seine Pläne für Fausts Erdenleben belehrt uns 
Mephisto in dem an das Paktbruchstück sich anschließenden 
klemen Monolog: er wird Fausts ungeduldiges Streben 
mit Blend- und Zauberwerken, mit magischen Zerstreuungen 
täuschen und ihn ewig unbefriedigt lassen. Niejahr 
(Euphorion 4, joo) findet Dialogstück und Monolog im 
Widerspruch mit einander wegen der Worte: 

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, 
Des Menschen allerhöchste Kraft . . . 

Das habe Faust im Dialog ja gar nicht gethan. — Nun, 
indem sich Faust von der ehrhchen, mühsamen, mensch- 
lichen Forschung abwendet und sich mit unirdischen Mächten 
verbündet, in der Hoffnung seinen titanischen Alldrang so 
zu befriedigen, verachtet er doch wohl menschliche Ver- 
nunft und Wissenschaft. Was Mephisto hier als seine 
Absicht kundgiebt: 

Den schlepp ich durch das wilde Leben 

Durch flache Unbedeutendheit, 

Er soll mir zappeln, starren, kleben. 

Und seiner Unersättlichkeit 

Soll Speis' und Trank vor gier'gen Lippen schweben; 

Er wird Erquickung sich umsonst erflehn — 

das setzt er mit Erfolg ins Werk, indem er Faust durch 
den Trank der Hexenküche zu niederem Sinnengenuß an- 
leitet. Dieser Monolog gehört also aufs engste mit Hexen- 
küche und Wald und Höhle zusammen und ist deshalb 
auch erst in der Fragmentzeit entstanden. (Anders Niejahr 
a. a. O.) 

Unseren Mephisto finden wir in diesem Monologe 
etwas gewandelt seit dem Urfaust. Er ist etwas weniger 
entschieden böse. Der Mephisto des Urfaust ging plan- 
mäßig, ohne Schwanken und Bedenken auf Fausts Ver- 
derben aus. Auch dieser Mephisto will Faust »haben«. 
Aber die furchtbare Kraft des Bösen, die wir an jenem 



170 Abhandlungen. 



schaudernd anstaunten, ist hier gemildert. Der alte Mephisto 
hätte sich nicht mit der Erwägung und Selbstentschuldigung 
aufgehalten, daß Faust ja aucn onne ihn zu Grunde gehen 
müsse, er hätte auch Vernunft und Wissenschaft nicht des 
Menschen allerhöchste Kraft genannt. Der alte Mephisto 
stand fest im Bösen und in der Verneinung, der Mephisto 
des Fragments ist milder, beinahe ein wenie unsicher. 
Auch seme Mittel und Ziele bei dem ganzen Handel sind 
hier dem Urfaust gegenüber verschoben. Jener Mephisto 
betrieb planmäßig Fausts Verderben, er häufte Schuld und 
Sünde auf den Genossen, der Mephisto des Fragments 
will Fausts Streben eludiren, ihn mit Zauberkünsten und 
niederen Genüssen hinhalten und ewig unbefriedigt lassen. 
Das Ziel ist dort Verderben in Schuld, hier Aufreibung in 
ewig getäuschtem und unbefriedigtem Streben. 

Die Milderung in dem Verhältnisse zwischen Faust und 
Mephisto zeigt sich auch in den feineren und weicheren 
Verkehrsformen. Niejahr hat diese Aenderung Euphorion 
4, 496 gezeigt. Im Urfaust ist Mephisto der Diener, er 
nennt Faust, wenn auch ironisch, »Herr«, »gnädiger Herr«, 
»Herr Doktor« (V. 2856, 2861, 3523 der W. A.) und Faust 
spart gelegentlicn nicht mit den Ausdrücken des Absehens 
und der W uth (Thier, Ungeheuer, Hund). Jetzt gebraucht 
Mephisto Faust gegenüber gern die Anrede »mein Freund« 
rV. 2^47, 2516, 2559, 2061; vgl. 2528, 2j8o). Er ist jetzt 
der Gefahrte Fausts (V. 3243). Aber Nie jähr hätte aus 
seinen überzeugenden Beobachtungen, in denen er nicht mit 
Unrecht »ein untrügliches Kennzeichen für die Unter- 
scheidung der alten und der jüngeren Bestandtheile der 
Dichtung« sieht, nun auch den Schluß ziehen sollen, daß 
die Partie V. 32^1—3302, in der Mephisto Faust seinen 
Gesellen nennt (V. 3259) italienischen Ursprungs ist. Er 
hält sie aber für vorweimarisch. Mindestens war dieses 
Kriterium mit zu berücksichtigen. 

Die etwas weniger entschlossen böse Art des neuen 
Mephisto tritt auch in den erst im Fragment hinzuge- 
kommenen Theilen der Schülerscene hervor. Auch der 
Urfaustdichter hatte seinen Mephisto zum Ausdrucke alles 
dessen benutzt, was der Anblick der Dinge, wie sie sind, an 
Kritik, Negation, Satire in ihm aufquellen ließ, aber er hatte 
doch als objektiver Schöpfer eines bösen Dämons streng 
daran festgehalten, als den Boden dieser mephistophelischen 
Kritik im Intellektuellen die reine Negation, im Sittlichen 
das Grundböse erscheinen zu lassen. Jetzt verrückt sich 
ihm gelegentlich dieser Boden, und in Mephistos Worten 
wird zuweilen das hohe Menschenideal sichtbar, das den 
Mephistoschöpfer erfüllt, z. B.: 



Mephistopheles. 171 



Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage! 
Weh dir, daß du ein Enkel bist! 
Vom Rechte, das mit uns geboren ist. 
Von dem ist leider! nie die Frage. — 

Für Mephistos Maskiruns; in der Schülerscene war eine 
Aenderung geboten. Nach dem jetzigen Gan^e der Hand- 
lung konnte er nicht mehr im Schlafrock bei Faust installirt 
sein; er maskirt sich jetzt mit Fausts Rock und Mütze. 
Die im Fragment erfolgte Wegräumung der niedrig- 
komischen Elemente dieser Scene berührt uns in unserem 
Zusammenhange nicht, weil sie nicht aus geänderten Inten- 
tionen Goethes für die Mephisto-Figur, sondern aus allge- 
meinen ästhetischen Erwägungen hervorgegangen ist. Auch 
mit der veränderten Rolle ^ftphistos in Auerbachs Keller 
haben wir uns hier nicht näher zu befassen, weil nur der 
Wunsch, Fausts Gestalt von allem inferiorem Hokuspokus 
fern zu halten, den Dichter veranlaßt hat, diese Dinge jetzt 
Mephisto zu überweisen. 

Mephistos Aeußeres bleibt menschlich. Nur zu der 
leisen Annäherung des Urfaust-Mephisto an die volksthüm- 
liche Teufelsgestält in der Scheu vor dem Kreuz und ifi 
dem schwülen Dunst, den er in Gretchens Kammer hinter- 
läßt, kommt jetzt ein weiterer und viel mehr entschiedener 
Zug. In der Umarbeitung von Auerbachs Keller und in 
der Hexenküche hat Mephisto jetzt seinen, wenn auch 
cachirten Pferdefuß (Niejanr, Euphorion 4, 496). 

Was hinkt der Kerl auf einem Fuß? 



Unä was den Fuß betrifft, den ich nicht missen kann. 
Der würde mir bei Leuten schaden; 
Darum bedien' ich mich, wie mancher junge Mann, 
Seit vielen Jahren falscher Waden. 

Nicht nur Mephisto behandelt sein Aeußeres hier 
ironisch; es spricht hier auch der Dichter, der zu der 
Ueberzeugung gekommen ist, daß Mephisto seinen Pferdefuß 
am Ende »nicht missen kann«. Und in demselben Tone 
ironischen Spieles mit der überlieferten volksmäßigen 
Teufelsgestalt wird die ganze Frage nach Mephistos 
Aeußerem, Benennung und Rangordnung abgethan. 

Auch die Kultur, die alle Welt beleckt. 

Hat auf den Teufel sich erstreckt j 

Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen, 

Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen? 

Den Namen Satan verbittet er sich — 
Er ist schon lang ins Fabelbuch geschrieben — 



172 Abhandlungen. 



und auch die Bezeichnung als Teufel läßt er in dem ebenfalls 
der Fragmentzeit angehörigen Paralipomenon 6 nur als 
eine bei den Menschen einmal herkömmliche Gewohnheit 
achselzuckend gelten. 

Mich darf niemand auf's Gewissen fragen 
Ich schäme mich oft meines Geschlechts 
Sie meynen wenn sie Teufel sagen: 
So sagen sie was rechts. 

Der Dichter macht also, da es einmal nicht anders sein 
kann, der hergebrachten Teufelsjgestalt einige weitere, über 
das im Urfaust bewahrte Maß hinausgenende ironische 
Concessionen und erklärt im Uebrigen die Vermensch- 
lichung, die er für sein Spiel braucht, auf lustige Weise, 
indem sein Mephisto sich nun selbst als eine civilisirte 
Umbildung des Volksteufels vorstellt. Er ist so von der 
Kultur beleckt, daß er sogar über die neuesten Teufeleien 
der Physik verfügt. Er versteht Feuerluft zu bereiten und 
so auf dem Mantel mit seinem Gesellen durch die Lüfte 
zu fliegen. In seinem Reiseprogramm haben wir zuerst 
einen deutlichen Hinweis auf Dinge, die jenseits der bis- 
herigen Faustdichtung liegen, auf das, was wir jetzt den 
zweiten Theil Faust nennen. 

Wir sehn die kleine, dann die große Welt. 

An dem Zusammenhang Mephistos mit dem Erdgeist 
hält Goethe fest. 

Du gabst zu dieser Wonne • • • 
Mir den Gefährten . . . 

Das ist freilich nur eine Stelle aus der jetzt zur Um- 
schmelzung bestimmten Prosascene »Faust, Mephistopheles« 
des Urfaust, rhythmisirt und in den großen Ton der 
italienischen Dichtung gehoben, aber sie zeigt doch, daß 
Goethe die Swedenborgsche Grundlage der Faustdicntung 
nicht ganz zerstören wollte, da sie nun einmal da war. 
Aber er bildet sie auch nicht weiter, sondern entwickelt 
die Geisterwelt der Faustdichtung bewußt im Sinne der 
yolksmäßigen Ueberlieferung. Daß er Mephisto jetzt 
ironisch noch etwas mehr an den Volksteufel annähert, 
haben wir schon gesehen. Der sonstige Geisterapparat des 
Urfaust war durchaus auf Swedenborgscher Grundlage auf- 
gebaut, das Fragment bringt nun die Hexenküche und 
zugleich die Intention der Walpurgisnacht. 

Und kann ich dir 'was zu Gefallen thun, 
So darfst du mir's nur auf Walpurgis sagen. 



Mephistopheles. 173 



Also die Hexen und Geister des Volksglaubens sollen 
jetzt in breiten Strömen ihren Einzug in die Faustdichtung 
halten, während sie im Urfaust nur m der um den Raben- 
stein webenden Hexenzunft zu kurzer Erscheinung gelangten. 
Die Swedenborgische Geisterwelt soll von diesem in den 
Faustgefilden sich nun ausbreitenden Gesindel überdeckt 
werden. Diese stärkere Ausbildung des volksmäßig Ueber- 
natürlichen betreibt der Dichter jetzt ganz bewußt. Im Ur- 
faust hatte er zuerst den Swedenborgplan so weit zur Aus- 
führung gebracht, als die mit der Annäherung an die Ein- 
führung Mephistos sich immer mehr steigernden Schwierig- 
keiten gestatten wollten und dann seine ganze Liebe dem 
Schicksale Gretchens gewidmet. Mephisto allein knüpft 
die Gretchentragödie an den Fauststoff; ohne ihn wäre sie 
ein bürgerliches Trauerspiel, in dem der Verführer zufällig 
Faust hieße. Eine solche Verführunjgstragödie schwebte 
im Kreise der Stürmer und Dränger m der Luft — Lenz: 
»Der Hofmeister« und »Die Soldaten«: Wagner: »Die 
Kindermörderin«. Goethe war die wundersame Idee auf- 
gegangen, den Fauststofi" zugleich durch Swedenborgs 
Geistervorstellungen über die Volkssage hinauszuheben und 
durch Verbindung mit der Verführungstragödie mit glühen- 
den menschlichen Leidenschaften zu durchströmen. Das 
erste war nur halb gelungen, das zweite war überschwänglich 

feglückt. Wie Mephisto durch die Gretchentragödie geht, 
a ist das menschlich Natürliche und das versinnlichte 
Uebematürliche so rein zusammengebunden wie seit Homer 
nicht. Das Gleiche gilt für Christi Erdenfahrt und seine 
Wanderung mit dem »geistlichen Schaf« bei der Thorwache 
vorbei zur Köchin des Oberpfarrers. Das ist die Blüthe 
moderner Mythenbildung, wie sie auch Goethe nie wieder 
erreicht hat. Aber es war ihm hier ähnlich ergangen wie 
mit der ersten Götzfassung. Wie dort Adelheid, so hatte 
hier Gretchen die Liebe des menschenbildenden Dichters 
zum Schaden der Gesammtökonomie des Stoffes gewonnen. 
Nun galt es, das volksmäßig Uebematürliche, das der Faust- 
stoff fordert, zu seinem Kechte kommen zu lassen. Das 
feschah im Fragment mit der Hexenküche und der inten- 
irten Walpurgisnacht. 

Nach achtjähriger Pause kommt die Faustdichtung 1797 
wieder in Gang. Lxx den frühesten Parthien dieser dritten 
Periode scheint der Prolog im Himmel zu gehören, mit 
dem wir deshalb beginnen. 

Schon das Fragment hatte auf der Swedenborcschcn 
Grundlage nicht weiter fortgebaut und sie vielmehr mit 
einer Deckschicht von volksmäßigem Hexen- und Teufel- 
wesen überzogen. Bei der Wiederaufnahme der Faust- 



174 Abhandlungen. 



dichiung giebt nun Goethe — wenigstens in der Intention 
— den alten Swedenborgplan ganz auf und stellt die Faust- 
dichtug wieder auf ihre natürliche Grundlage, auf die bib- 
lischen und volksmäßigen Anschauungen von Gott und 
Teufel. Im Buche Hiob i, 6 heißt es: »Es begab sich 
aber auf einen Tag, da die Kinder Gottes kamen und vor 
den Herrn traten, kam der Satan auch unter ihnen. Der 
Herr aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? 
Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe das 
Land umher durchzogen. Der Herr sprach zum Satan: 
Hast du nicht Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob ? 
Denn es ist seinesgleichen nicht im Lande, schlecht und 
recht, gottesfurchtig und meidet das Böse. Satan ant- 
wortete dem Herrn und sprach: Meinst du, daß Hiob um- 
sonst Gott fürchtet ? . . . Aber recke deine Hand aus, und 
taste an Alles, was er hat; was gilts, er wird dich ins An- 
gesicht segnen! Der Herr sprach zum Satan: Siehe, Alles, 
was et hat, sei in deiner Hand, ohne allein an ihn selbst 
lege deine Hand nicht. Da ging der Satan aus von dem 
Herrn.« 

Auf dieser Grundlage baut nun Goethe die ganze 
Faustdichtung neu auf. Statt des Satans der Bibel führt 
er unseren Mephistopheles unmittelbar vor das Angesicht 
des Herrn, der wie ein Gutsherr die Welt patriarcnalisch 
regirt und über einem großen, aus guten und bösen Geistern 
bestehenden Gesinde waltet. In unserer Scene sind die 
himmlischen Heerschaaren gegenwärtig, also unendlich viele 
an der Zahl. Aus ihnen treten als gesonderte dramatische 
Personnagen die Erzengel vor: Raphael, Gabriel und 
Michael. Und ebenso unzählig wie die guten sind die 
bösen Geister. 

Von allen Geistern, die verneinen 

Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last. 

Mit Mephisto hat sich hier eine weitere Umbildunjg 
vollzogen. Den grundbösen Geist des Urfaust fanden wir 
schon im Fragment von etwas milderer Art. Jetzt ist 
dieser Umwanaluujgsproceß noch weiter gediehen, er ist 
der Schalk und seine Wette mit dem Herrn ein geistiges 
Spiel um den Triumph, gesiegt zu haben. Goethe ver- 
zichtet hier bewußt auf alle großen Urworte für die Existenz 
des Bösen, auf alles Kosmogonisch-Luciferische. das ihm 
wohl auch zu Gebote gestanden hätte. Gott und Mephisto 
nehmen einander als gegeben hin, ohne sich selbst oder 
den Anderen mit »Definitionen von großer Kraft« zu plagen. 
Der Dichter zieht Alles ins Enge, Begreifliche, plastisch 
Anschauliche. Uns ist es überlassen, das Gleichniß des 



Mephistopheles. 175 



Unendlichen in einer anthropomorph dargestellten Scene 
zu sehen. Gott spricht »menschlich mit dem Teufel selbst«. 
Das hebt Mephisto rühmend hervor, für den Dichter ist 
es das Wesentliche, daß er überhaupt menschlich spricht. 
Der Herr hat sich »das Lachen abgewöhnt«, Mephisto nennt 
ihn den Alten (nach Daniel 7, 9 — 7, 13 — 7, 22; vgl. auch 
Werther • Werke 19, 92, 12); er sieht ihn von Zeit zu Zeit 

fern und hütet sich, mit ihm zu brechen. Goethe wendet 
ie ernstlichste Kunst darauf, eine Fülle beschränkender, 
verkleinernder, von harmlosen, menschlichen Verhältnissen 
hergenommener Züge einzufügen. Sein Grundsatz ist: lieber 
zu Klein als zu großartig. Als er 179J Miltons verlorenes 
Paradies las — von dieser für die Faustdichtung folgen- 
reichen Leetüre wird weiterhin noch die Rede sein — sah er 
sich die Darstellung mit dem Kennerblick des Concurrenten 
an und schrieb darüber an Schiller: »Der Hauptfehler, den 
er begangen hat, nachdem er den Stoff einmal gewählt 
hatte, ist, daß er seine Personen, Götter, Engel, Teufel, 
MenschenJ" sämmtlich gewissermaßen unbedingt einführt, 
und sie nachher, um sie handeln zu lassen, von Zeit zu 
Zeit, in einzelnen Fällen bedingen muß.« Diesen Fehler hat 
nun Goethe hier von vornherem vermieden. Das Unendliche 
wird mit bewußtem Verzicht nach Art der uns bekannten, 
beschränkten, endlichen, menschlichen Dinge dargestellt. 
Dadurch wird es erst poesiefähig. 

Der Inhalt des Uebereinkommens zwischen dem Herrn 
und Mephisto ist einfach und klar. Mephisto erhält die 
Erlaubniß, sich an Faust zu machen, »so lang er auf der 
Erde lebt« und er ist auch zufrieden damit 

denn mit den Todten 
Hab ich mich niemals gern befangen. 

Also mit Fausts Tode ist das Spiel aus, das Mephisto 
an dieser Seele verstattet wird. Es giebt für Mephisto 
nichts zu gewinnen als das Bewußtsein, gesiegt zu haben. 

Mir ist für meine Wette gar nicht bange. 
Wenn ich zu meinem Zweck gelange, 
Erlaubt ihr mir Triumph aus voller Brust. 

Es handelt sich somit um einen geistigen Kampf, ein 
Schachspiel zwischen zwei geistigen Potenzen, dem Herrn 
und Mephisto. 

Mit dieser Anlage ist nun der Verlauf des Spieles, ins- 
besondere das Ende, bestimmt vorgezeichnet. Der Herr 
gewinnt die Wette, Faust wird irren, fehlen, aber nicht ganz 
m der Sünde untergehen; immer wieder werden durch ein 
unbezwingliches sursum in Fausts Seele Mephistos B«- 



176 Abhakdlüngen. 



mühungen durchkreuzt werden und am Ende wird er be- 
schämt stehen, wenn er bekennen muß: 

Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange 
Ist sich des rechten Weges wohl bewußt. 

Wie Mephisto sich an Faust heranmachen, welchen 
Vertrag er mit ihm schUeßen will, das ist ihm überlassen, 
nur über Fausts Tod hinaus darf er nichts abmachen, das 
ist vielmehr durch den deutlichen Wortlaut seiner Wette 
mit dem Herrn ausdrücklich ausgeschlossen. 

Mit glasheller Klarheit ist hier das Faustspiel in Gang 
gebracht, eine einfache Grundlage beschaffen, die doch die 
reichste Entfaltung aller Wechselfalle, die stärkste sittliche 
und menschliche Spannung für Fausts Schicksale im Ver- 
laufe des Spieles zuläßt. Nur, daß es bei Faust nicht zu 
vollkommener Ertödtung des Strebens zum Rechten kommen 
wird, wissen wir im Voraus. Das Böse ist hier eine von 
dem Herrn in seiner pädagogischen Weltregierung zu- 
gelassene und in den gehörigen Schranken gehaltene Macht. 
Mit sonnigem Optimismus ist die Faustdichtung hier in der 
heiteren Freiheit eines geistigen Spieles gehalten. 

Dieser vollkommenste aller Faustpläne war nun freilich 
von vom herein mit einer schwer zu tilgenden Hypothek 
belastet. Mit dem Swedenborgschen Anfangsplan, besonders 
mit der Sendung 'Mephistos durch den Erageist war die 
Wette Mephistos mit dem Herrn nicht zu vereinen. Es ist 
bei den Kommentatoren üblich geworden, vermittebde 
Betrachtungen anzustellen, daß ja doch der Erdgeist eine Art 
von Statthalter des Herrn auf Erden sei, und gewiß, Goethe 
hat gewünscht, daß der genießende Leser, dem etwa diese 
Widersprüche aufstießen, sich mit solcnen Erwägunjgen 
darüber hiaweg helfen solle. Für uns handelt es sich aber hier 
darum, zu begreifen, wie die Faustdichtung geworden ist. — 

Die nächsten vier Jahre bringen nun den Abschluß des 
ersten Theiles, aber wieder nicht in Uebereinstimmung mit 
dem Prologplan. Dieser erfährt entscheidende Aenderungen 
unter dem Einflüsse zweier Bücher, die in der schließlichen 
Ausgestaltung des ersten Theiles tiefe Spuren zurückgelassen 
haben : Pfitzers Bearbeitung von Widmanns Faustbuch und 
Miltons Verlorenes Paradies. 

Das Pfitzer-Widmann'sche Faustbuch entlieh Goethe aus 
der herzoglichen Bibliothek vom 18. Februar bis 9. Mai 1 801. 
Wenn wir weiterhin sehen werden, welche Fülle von Einzel- 
zügen Pfitzer für Mephistos Einführung und Beschwörung 
hergegeben hat,* so wird auch in der entscheidenden Ab- 

' Die weiterhin folgenden Citate finden sich zum größten Theile 
schon in Erich Schmidts Urfaustausgabe. 



Mephistopheles. 177 



weichung vom Prologplan, derVerschreibung an den Teufel, 
dem Fausts Seele nach dem Tode verfällt, der Einfluß des 
Volksbuches deutlich werden. 

Miltons Verlorenes Paradies nahm Goethe im Juli 1799 
»zufallig in die Hand« wie er an Schiller schreibt. Am 
10. August entlieh er dazu noch Zachariäs Uebersetzung 
aus der Bibliothek. Das Werk fesselte ihn nicht blos an 
sich; sehr bald verband sich damit der Gedanke an den 
Faust. Milton weiß ganz genau, wie es bei den Teufeln 
zugeht, er weiß also gerade clas, was Goethe so viel 
Schwierigkeit verursachte. Das verlorene Paradies stellt 
den Kampf des Satans mit Gott um die Seele des Menschen 
dar. Satan ist der Lügner, der Verderber, der Zerstörer. 
Unter dem Einflüsse Miltons wandelt sich nun die An- 
schauung der Faustdichtung vom Bösen wieder ins Schärfere, 
Ernsthaitere. Das heitere Spiel des Schalks Mephisto mit 
dem alten Herrn tritt zurück, Mephisto will Fausts Seele 
um ihrer selbst willen, er will sie für sich^ für sein höllisches 
Reich, das Reich der Finstemiß, das mit dem Lichtreiche 
wie bei Milton in ewigem unversöhnlichem Kampfe liegt. 
Goethe entnimmt außer einer Anzahl von Einzelzügen lur 
die geplante Fortführung der Walpurgisnacht dem ver- 
lorenen Paradiese einen Plan für den Abschluß der Faust- 
dichtung, der im Chaos auf dem Wege zur Hölle spielen soll 
und endlich führt er Miltons Satan leiohaftig in den Faust ein. 

So wird die große Lücke geschlossen. Wir gehen 
nun die Dichtung durch, soweit sie dieser letzten Periode 
angehört und soweit sie für unser Thema in Betracht kommt. 
Eine weitere Ausbildung der Gestalt Mephistos nach einem 
bestimmten Plane findet in dieser letzten Phase nicht mehr 
deutlich statt. Es versteht sich, daß Mephisto auch jetzt 
auf funkelnden Geist und Satire hohen Stiles gestellt ist, 
aber es wäre unmöglich, ein einheitliches Mephistobild aus 
den neuen Panien heraus zu entwerfen. Der Dichter drängt 
zum Abschluß und sein Bestreben ist auf Füllung der bisher 
noch verbliebenen Lücken im Fortgang der Handlung 
gerichtet. Diese Bemühungen verfolgen wir und sehen, 
welche Schicksale und Umoildungen dabei Mephisto uncl 
die Mephistopläne erfahren. 

Die Rettung Fausts bei seinem Selbstmordversuch sollte 
nach einer Andeutung des Fragments ursprünglich durch 
Mephisto erfolgen: 

Und war ich nicht, so wärst du schon 
Von diesem Erdball abspaziert. 

Jetzt geschieht das durch den Klang der Osterglocken. 
Es läßt sicn über diese Aenderung nichts weiter sagen, weil 

GOETHII-JAUABUCU XXII. 12 



lyS Abhandlungen. 



wir durchaus nicht wissen, wie in dem alten, vielleicht 
schon der Frankfurter Zeit angehörigen Plane Mephistos 
Eingreifen gedacht war. Dann folgt das große Bild: vor 
dem Thore, Faust spricht das entscheidende Wort aus, das 
die dunklen Mächte herbeiruft. Wagners Schilderung der 
Luftgeister, die mit den vier Winden auf den Menschen 
eindringen, enthält einen Passus aus Pfitzer S. 193 f., in 
Poesie übersetzt : »(Die Reiche der Teufel), die sicn an die 
vier Oerter der Welt, Aufgang, Mittag, Niedergang und 
Mitternacht erstrecken . . . Das sechste Reich . . . nennet 
man sonsten Aereas Potestates. Wohnen gemeiniglich unter 
dem schwartzen Gewülcke, und düsterer Luft . . ., damit 
sie solches Geschoß, zu einem und andern Verderben abgehen 
lassen ; richten gifFtige Nebel, ReifFen und anders an.« Auf 
Fausts Ruf erscheint Mephisto, und zwar entsprechend dem 
alten Urfaustplan in Hundegestalt. Eine kleine Unebenheit 
ist aus dieser Verbindung alter und neuer Motive erfolgt. 
Faust hat sich ja nur an die Lufteeister gewendet. Von 
ihnen erwartet er zu neuem buntem Leben geführt zu werden 
und nur sie schildert Wagner in seiner Antwort. Trotzdem 
erscheint Mephisto, der doch zu den Luftgeistern nicht 
gehört TNiejahr, G.-J. 20, 180; vgl. aber auch Minor 2, 145). 
Ein Bliclc auf Pfitzer zeigt die nicht ganz zur Erscheinung 
gekommene Intention Goethes. Pfitzer schildert die neun 
verschiedenen Teufels-Reiche. »Das dritte Regiment ist 
deß Belials . . . Diese richten alles Unglück an, . . . führen 
über das die Menschen in alle Sünde, Schand und Laster . . . 
Die fünfte Ordnung, deren Obrist und Vornemster der Satan 
heißt, seynd die . . . Zaubergeister. Diese lehren die 
Menschen übernatürliche Sachen und Wunder thun . . ., 
wie sie mögen die Menschen mit falschen Wunderzeichen, 
auch Versprechung zeitlicher Ehre und Wollebens, von dem 
wahren Gott und rechtem Gottesdienst abkehren, abwendig 
machen und verführen. Das sechste Reich oder Fürsten- 
thum . . . nennet man sonsten Aereas Potestates.« Es ist 
also wohl zwischen der Anrufung der Luftgeister und 
Mephistos Erscheinen ein Zwischenglied nicht recht zur 
Ausbildung gelangt, oder Goethe verschmilzt wenigstens 
die verschiedenen Teufelsreiche Pfitzers. Bei der Ausführung 
der ersten Erscheinung Mephistos fließt noch ein frischer 
Zug aus Pfitzer ein, der b. 212 über die »possirlichen Sprünge 
und Gaukelei« von »Fausti Hund Prästigiar« berichtet. Der 
Hund folgt Faust in das Studirzimmer. Pfitzer S. 104: »all wo 
er sich von Stund an in sein Studir-Stüblein verfüget . . . 
da ersihet er gleich zur Mittags-Zeit einen Anblick nahe 
bey dem Ofen, gleich als einen Schatten hergehen, und 
dünkte ihn doch es wäre ein Mensch: bald aber sihet er 



Mephistopheles. 179 



solchen auf eine andere Weise; weßwegen er zur Stunde 
seine Beschwörung aufs neue anfienge; und den Geist be- 
schwüre, er solte sich recht sehen lassen. Da ist alsobald 
der Geist hinter den Ofen gewandert, und hat den KopflF 
als ein Mensch hervorgestrecket, sicn sichtbarlich sehen 
lassen, und vor dem D. rausto sich zum öflftesten gebücket, 
und Reverentz gemachet.« 

So war nun — post tot discrimina rerum — Mephisto 
in menschlicher Gestalt in die Faustdichtung eingetreten. 
Von seiner Maskirung als fahrender Schüler wird weiterhin 
die Rede sein. Es folgt das erste Gespräch, Mephistos 
Selbstdefinition enthaltend. Bis hierher war Goethe wesent- 
lich Pfitzer gefolgt, jetzt, wo der volksmäßige Spuk erledigt * 
ist und über des Teufels Art und Wesen ein kräftig 
Wörtlein Noth thut, sind wir mehr auf MUtonischem 
Boden.* Der Teufel ist ein Lügner (7, loi), Betrüger 
(7, 181), Verführer (7, 197), Fliegenfürst (6, 21). 

Mephisto. So ist denn alles was ihr Sünde, 
Zerstörung, kurz das Böse nennt, 
Mein eigentliches Element. 

Satan (8, 160) Nur in dem Verderben, nur in der 

Zerstörung 
Findet dies Herz voll Bitterkeit Lust. 

Als Lügner und Verführer erscheint der Teufel auch 
bei Pfitzer und vielen anderen, aber die sehr seltene Be- 
zeichnung »Fliegengott« weist auf Milton. 

Weshalb Mephisto hier der Sohn des Chaos ist, soll 
weiterhin bei Erörterung des Schlußplanes gezeigt werden. 

Faust bringt die Paktfrage selbst zur Sprache, und hier 
klingt wieder ein Pfitzer'scher Ton an. 

Was man verspricht, das sollst du rein genießen. 
Davon wird dir nichts abgezwackt. 

Pfitzer S. 122: »Fauste, dieweil du dich denn mir also 
verschrieben hast, so sollst du wissen, daß dir auch soll 
treulich gedient werden.« 

Nun sind wir recht erstaunt, daß Mephisto durchaus fort 
will, da vom Pakte die Rede ist. Mephisto hat auch keinen 
Grund dazu, wohl aber Goethe ihn weggehn zu lassen. Davon 
wird bei der Disputation noch die Rede sein. Für die phantas- 
magorischen Bilder, mit denen Faust eingeschläfert wird, fand 
Goethe vielleicht die Anregung bei Pfitzer S. 215. 220, 222: 
»Von D. Fausti lustbarer Behausung . . . allwo ihr denn in 
seiner Behausung, obschon diese nicht allerdings groß ... je 

' Die Citate nach der von Goethe benutzten Üebersetzung des 
verlorenen Paradieses in Zachariäs gesammehen Werken, Bd. 6—9. 

I2* 



l8o Abhandlungen. 



dennoch einen sonderlichen Lust und seltene Ergötzlichkeit 
darinn haben und genießen würdet . . . in seinen zwejen 
Stuben werdet ihr vernemen eine Zusammenstimmung emes 
lieblichen Vogelgesangs ... da daselbst siehet man mit 
in dem Vorhof gehen Cappaunen, Enten . . . Krähehe, 
Raiger, Schwanen, Störche . . . allda wiewol zur Zeit sonst 
alles in der Stadt mit Schnee bedeckt wäre, sähe man doch 
keinen, sondern einen lustbaren fröhlichen Sommer, mit 
Gewächsen. Laub und Gras . . . Ueberdas waren auch allda 
zu sehen schöne Weinstöcke mit mancherley Arten Trauben 
behänget, . . . Granaten, Pomerantzen. Limonien, Citronen- 
^ bäume.« Natürlich sind die Pfitzerstellen nur ein geringer 
' Keim, die blühende Schönheit seiner Traumbilder hat Goethe 
»wo anders her genommen.« 

Mephisto erscheint nun zum zweiten Male, und zwar 
in einer für die Weltfahrt geeigneteren Maske als Junker. 
Die Schilderung seiner Kleidung schließt sich dem schon 
im Fragment gezeichneten Bilde an: 

Hast du vorm rothen Wamms nicht mehr Respekt? 
Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen? 

und steht auch in ungefährer Uebereinstimmung mit Goethes 
Auszügen aus Prätorius oder Erasmus Francisci Para- 
lipomenon 27: »Schwarz Kleid rother Federbusch gelbe 
rothe Strümpfe.« Aus Franciscis höllischem Proteus S. 1020 
stammt aucn mit einiger Umbildung der Zug vom drei- 
maligen »herein«-Sagen. »Auf einer berühmten deutschen 
Universität, ist ein gewisses Zimmer, oder Studentenstube, 
vor welcher, zu gewisser Zeit des Tages, etwas an die 
Thür klopft : Nichts aber dabei sich sehen läßt .... Und 
so man stillschweigt, hört es gleich auf zu klopffen. Wo- 
fern man aber spricnt: Herein! Herein! wird es immer 
wieder anklopffen« (Witkowski, die Walpurgisnacht S. 20). 
Faust, der im vorigen Gespräch sich ruhig, interessirt, 
ironisch verhielt, strömt hier wie früher im Monolog seine 
tiefe, bittere Verzweiflung aus. Dieser Ausbruch ist in den 
Motiven und in der Formgebung mehrfach durch Hiob 
beeinflußt (v. Biedermann, Euphorion 1, J48). Hiob 3, 
1—2; »Darnach that Hiob seinen Mund auf und verfluchte 
seinen Tag . . . Der Tag müsse verloren sein, darinnen 
ich geboren bin.« 7. 4: »Wenn ich mich lecte sprach ich: 
wann werde ich autstehen?« 7, 13—14: »Wenn ich ge- 
dachte, mein Bette soll mich trösten, mein Lager soll mir's 
erleichtem; Wenn ich mit mir selbst rede, so erschreckst 
du mich mit Träumen und machst mir Grauen.« Hier 
greift Mephisto ein und schlägt zunächst einen unbestimmten 
Bund vor; er bietet sich als Diener an. Diese Verse 



Mephistopheles. i8i 



(1639 — 1648) sind von Niejahr glücklich als ein älteres 
Element aus dem Urfaust erkannt; der Vers 

Ich bin keiner von den Großen 

feht dann also ursorünglich auf Mephistos Stellung in der 
wedenborgischen Geisterwelt. Und nun der entscheidende 
Vertrag im Anschluß an das Volksbuch und im Widerspruch 
mit dem Prolog: Faust wird nach seinem Tode Mephisto 

gehören. Auen zu der »schrecklichen Obligation und 
[andschrift, so D. Faustus dem Teufel ... hat über- 
feben« — wie Pfitzer sagt, läßt der Dichter sich herab und 
ehandelt sie ironisch als Fratze. 

Goethe verzichtet also in diesem letzten Stadium darauf, 
irgend einen der bisherigen Pläne consequent durchzuführen. 
Er stopft die Lücken, so gut es gehen will, in resignirt 
ironischem Anschluß an das Volksbuch, wie es ihm im 
Pfitzer vorlag, und sucht nur durch die Höhe des Tones 
und der Gedanken, durch Schönheit und Schwung der 
Sprache den Fauststoff aus dem Volksbuchniveau heraus- 
zuheben. »Ich werde sorgen, daß die Theile anmuthig und 
unterhaltend sind und etwas denken lassen: bey dem Ganzen, 
das immer ein Fragment bleiben wird, ma/mir die neue 
Theorie des epischen Gedichts zu statten kommen.« 

Ein tieferer Zug wird dem Vertrage eingefügt durch 
die Wette über den Eintritt des Todestages. Bei Pfitzer 
und in den Puppenspielen läuft der Vertrag 24 Jahre. 
Goethes Faust will sterben, wenn er je sich durch Genuß 
in Behagen einwiegen läßt. Was ihm Mephisto bieten 
soll, ist: Betäubung durch wechselnde Eindrücke. 

Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit 
Uns glühende Leidenschaften stillen! 
Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, 
In's Rollen der Begebenheit. 

In diesem Programm sind die Ereignisse des ersten 
und die des zweiten Theiles angedeutet. Faust verlangt 
letzt selbst die »Speise, die nicht sättigt«, womit der 
Mephisto des Fragments ihn füttern wollte 

und seiner Unersättlichkeit 
Soll Speis und Trank vor gier'gen Lippen schweben. 
Er wird Erquickung sich umsonst erflenen. 

Aber freilich : mit dem Schluß der Paktscene, der aus 
dem Fragment vorlag, will sich das neu Hinzugedichtete 
nicht recnt zusammenfügen. Dort begehrt Faust^ alles 
Menschliche und Uebermenschliche in sich zu veremigen; 
Mephisto bietet ihm Genuß mit dem Hintergedanken, durch 
ewig unbefriedigenden Scheingenuß ihn matt und lahm zu 



l82 Abhandlungen. 



machen. In den neuen Theilen der Paktscene ist von dem 
Alldrang Fausts keine Rede mehr; er will eben diesen be- 
täubenden Genuß. So geistvoll nun auch die Wette sich 
auf dieser neuen Forderung Fausts aufbaut, der gesammte 
Untergrund ist doch durch die mannigfach sich kreuzenden 
älteren und neuen Intentionen morsen und brüchig. 

Zur weiteren Ausfüllung der großen Lücke war nun 
noch eine eanz eigenartige Begegnung Fausts mit Mephisto 
bestimmt, aie wir nur im Schema und m vereinzelten Bruch- 
stücken besitzen — die Disputation. Wie der Einfall in 
Goethe entstanden ist^ Mephisto in der Maske eines fahren- 
den Scholasten bei emem großen Universitätsaktus Faust 
gegenüber treten zu lassen, das können wir genau verfolgen. 

Auf der Rückreise von Italien verweilte Goethe im 

iuni 1788 in Nürnberg und benutzte dort als Reisehand- 
uch t. G. von Murrs »Beschreibung der vornehmsten 
Merkwürdigkeiten in Nürnberg. Nürnberg 1778.« In diesem 
Buche fand er S. 699 eine kurze Notiz über den historischen 
Faust und darin ein Citat aus einem Briefe Conrad Gesners : 
Ex illa schola (Druidica) prodierunt, quos vulgo Scholas- 
ticos vagantes nominabant, inter quos Faustus quidam, non 
ita pridem mortuus, mire celebratur. Goethe notirt^ sich 
nun in einem italienischen Notizheft chen: »Schola Druidica 
Faustus scholasticus vagans. Murr 699.« Ob er bei dieser 
Notiz schon daran dachte, die Maske des fahrenden Scho- 
lasten zur Einführung Mephistos zu verwenden, steht da- 
hin. Jedenfalls ließ sich hier die Reihe der im Faust er- 
scheinenden akademischen Typen — Professor, Famulus, 
zahmer Student der Schülerscene und wilde Studenten in 
Auerbachs Keller — wirkungsvoll vermehren. Diese mehr 
oder weniger unbestimmt schwebende Intention, einen 
fahrenden Scholasten in die Faustdichtung einzuführen, kam 
nun durch eine neue Anregung zur Reife. Zu Anfang 1798 
las Goethe in Erasmus Francisci's neupoliriem Geschichts- 
Kunst- und Sitten-Spiegel, Nürnberg 1670 eine Disputation 
zwischen einem chinesischen Gelehrten und einem Jesuiten, 
die ihn »unglaublich amüsirte« wie er an Schiller schreibt. 
Dieses Bild einer Disputation zwischen zwei auf ganz ver- 
schiedenem Boden stehenden Gelehrten über Fragen des 
menschlichen Denkens traf ihn mitten in seinen Zweifeln, 
wie die große Lücke zu füllen und Mephistos Einführung 
zu bewirken sei. Das Disputationsbild wandelt sich ihm 
ins Faustische, er sieht Faust und Mephisto so mit einander 
disputiren, und da wir in der humanistischen Universitäts- 
sphäre sind, so nimmt diese Disputation die Form eines 
großen öffentlichen UniversitätsaJctus an, einer Doctor- 
promotion, die ja von jeher mit öffentlichen Redekämpfen 



Mephistopheles. 183 



verbunden war. Für Mephistos Maske wird jetzt die ältere 
Murr'sche Notiz fruchtbar, er wird als fahrender Scholast 
in den Aktus eingreifen und so in einem geistigen Duell 
Fausts Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 

Daß die Disputation bei Francisci auf Goethes Plan 
gewirkt hat, ergiebt sich aus dem Schlußtrumpf in Goethes 
Disputation. Mephisto pocht auf die realen Natur- und 
Erfahrungskenntnisse, die dem Schulweisen fehlen, Faust 
macht sich anheischig, jede Frage des fahrenden Scholasten 
aus diesem Gebiete zu beantwonen. Mephisto stellt ihm 
nach einander die Probleme: Gletscher, Bolognesisches 
Feuer, Charybdis, Fata moreana, Thier, Mensch. (Um 
welche Gedanken es sich bei diesen letzteren Fragen 
handelte, zeigt Goethes Gedicht: Die Metamorphose der 
Thiere.) Faust beantwortet alle diese Fragen und nun ist 
an ihm die Reihe, von seinem idealistischen Standpunkte 
aus döln Gegner eine möglichst schwere Frage vorzulegen. 
Sie lautet: »wo der schaflfende Spiegel sei«. Mephisto 
macht ihm ein Compliment — also etwa: er sehe, daß 
Faust zu den Eingeweihten gehöre — und verspricht die 
Antwort für ein andermal. Damit ist die eigentliche 
Disputation zwischen Faust und Mephisto zu Ende. Was 
es nun mit diesem Schlußtrumpf vom schaffenden Spiegel 
auf sich hat, erfahren wir eben aus jener Disputation 
zwischen dem Jesuiten und dem chinesischen Gelehrten. 
Es handelt sich dort um die Theorie des Denkens. Der 
Chinese meint, daß die Dinge der Außenwelt im Kopfe 
des Menschen neu erschaflfen werden, nach dem Pater 
handelt es sich nur um »ein Ebenbild, innerliches Conterfeyt 
und Gemahl« der Außenwelt im Hirne des Menschen. 
»Wer siehet nicht«, sprach er »was zwischen solchen beiden 
Dingen für ein großer Unterschied sei ? Schauet, in diesem 
Spiegel hier sienet man der Sonnen und des Mondes Bild, 
so man ihn recht dagegen stellet; wer sollte aber so stumpf- 
sinnig wohl sein und sprechen, der Spiegel könne den 
Mond und die Sonne schaffen.« 

Goethe ist nun gerade dieser Meinung, er stellt sich 
auf die Seite des Chinesen als des »schaffenden Idealisten« 
(an Schiller 6. Januar 1798). Die Antwort auf Fausts 
idealistische Frage, wo der schaffende Spiegel sei, lautet 
also: Im Kopfe des Menschen.' 

' Ohne von dem Zusammenhange mit der Disputation bei Francisci 
zu wissen, hat schon 1855 Härtung das richtige Apergu für den 
schaffenden Spiegel gehabt. »Oder ist es vielleicht der Menschengeist 
nach Fichtescher Philosophie?« Aber diese flüchtige Anregung hat gar 
nicht gewirkt ; der schattende Spiegel ist bisher meist mit dem Spiegel 
der Hexenküche zusammengebracht worden. 



184 Abhandlungen. 



Wo sollte nun die Disputation ihren Platz finden? 
Erich Schmidt setzt sie zwischen Studirzimmer und Auer- 
bachs Keller. Aber die Scene Studirzimmer mündet in den 
Beginn der Weltreise. 

Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf, 
Ich gratulire dir zum neuen Lebenslauf. 

Und nun, nachdem die Beiden auf dem Zaubermantel 
fortgeflogen sind, finden wir sie ruhig an Ort und Stelle? 
Faust ist wieder Professor und betheiligt sich an einem 
Disputationsakt? Goethe sagt ja auch, daß die Disputation 
in der Lücke fehlt. Zu seinem Ansätze ist Erich Schmidt 
offenbar durch Mephistos Erklärung veranlaßt worden: 

Ich werde heute gleich beim Doktorschmaus 
Als Diener meine Pflicht erfüllen. 

Aber aus dem angegebenen Grunde kann der Doktor- 
schmaus nur zu der hier bereits vollzogenen Disputation 
gehören. Auch so bleibt noch die Schwierigkeit, daß auch 
die Theilnahme am Doktorschmaus mit dem Beginn der 
Weltfahrt sich nicht recht zusammenfügen will. Aber eine 
Incongruenz bei einer solchen flüchtigen Erwähnung hat 
nicht viel zu bedeuten, bei einer breiten dramatischen Scene 
wäre sie unerträglich. 

Man könnte nun in der Disputation die erste Einführung 
Mephistos sehen. Dann hätten also die Pudelpartien (Schluß 
-der Scene vor dem Thor und Anfang der ersten Studir- 
^immerscene) fonfallen müssen. Sie stammen vom Früh- 
ling 1800 (»Der Teufel, den ich beschwöre, geberdet sich 
^ehr wunderlich« an Schiller 16. April 1800) und Frühling 1801 
(wegen der Einwirkung des vom 18. FeDruar—Q. Mai 1801 
entliehenen Faustbuches von Pfitzer). Nun schreibt aber 
Goethe am 3. oder 4. April 1801: »Ich hoffe, daß in der 
großen Lücke nur der Disputationsaktus fehlen soll.« Die 
Disputation sollte sich also der sämmtlichen, bisher am 
Faust geschehenen Arbeit ohne Bruch und Rest einfügen, sie 
sollte nichts schon Gedichtetes verdrängen, keine Revolution 
im bisherigen Gefüge des Dramas herbeiführen. 

Bleiben also Pudel und Gespenst an ihrer Stelle, kann 
ferner die Disputation nicht hinter die zweite Studirzimmer- 
scene fallen, weil an deren Schluß die Weltfahrt beginnt, 
so bleibt nur noch der Platz zwischen den beiden Studir- 
zimmerscenen übrig. So setzt sie auch Minor II I74 f. an. 
Schon Scherer hat als einen Mangel empfunden, aaß man 
nicht begreift, weshalb Mephisto fortdrängt, nachdem Faust 
aus eigenem Antriebe die Geneigtheit zu einem Pakt kund- 
gegeben hat. Goethe hat die eine Studirzimmerscene in 



Mefhistopheles. 185 



zwei zerspalten, um zwischen ihnen Raum für die Disputation 
auszusparen, und die intendirte Folge der Ereignisse ist also: 
Mephisto erscheint entsprechend dem alten Urfaustplan 
in Hunaegestalt, macht nach Anregungen des Pfitzer'schen 
Faustbuches seine Verwandlungen hinter dem Ofen durch 
und tritt in der Maske des fanrenden Scholasten hervor. 
Er versenkt Faust in Schlummer. 

Nun, Fauste, träume fort, bis wir uns wiedersehn. 

Dieses Wiedersehen findet nun auf eine für Faust 
überraschende Art statt. In der Disputation tritt Mephisto 
dem Idealisten als der Erfahrung und Naturwissen bietende 
Realist gegenüber, und wenn er nun Faust ein Compliment 
macht — »die Antwort ein andermal«, so wissen wir, 
worauf das zielt. Er deutet Faust an, daß sie noch nicht 
mit einander fertig sind, dieses »ein andermal« ist eben 
die Paktscene. 

Diese Folge der Scenen wird nun noch gesichert durch 
das Paralipomenon 16: 

Als Pudel als Gespenst und als Scholasticus 
Ich habe dich als Pudel doch am liebsten. 

Die Verse waren für die Paktscene bestimmt, der also 
Pudelscene, Ofenscene und Disputation in dieser Reihenfolge 
voraufgehen sollten. 

Freilich ist dann die Disputation vor allem studentischen 
und professoralen Volk eine Komödie, Faust weiß ja, wer 
in der Maske des fahrenden Scholasten steckt. Aber wie 
Goethe selbst eine große Neigung hatte, mit Menschen 
kleine Komödienscenen zu improvisiren, so führt auch im 
Faust Mephisto mit dem Schüler eine Maskenkomödie auf 
und in noch höherem Stile hier Faust und Mephisto. Sie 
beide wissen, daß hier unter dem Schein einer theoretischen 
Universitätsdisputation um ganz andere Dinge, um Fausts 
Seele und Zukunft gerungen wird. Hier sollte Mephisto 
seinen eigentlichen geistigen Einsatz ausspielen. 

So wird nun mit Ausnahme der Disputation die große 
vordere Lücke geschlossen. Daneben läuft die Arbeit an 
der Ausfüllung einer zweiten mehr nach dem Ende des 
Stückes gelegenen Lücke. Im Urfaust wiegt Mephisto 
Faust in »abgeschmackten Zerstreuungen« ein, um ihn von 
Gretchens Sdiicksal abzulenken. Im Fragment haben wir 
schon die bestimmte Intention zur Darstellung einer solchen 
Zerstreuung und zwar einer grandiosen. 

Und kann ich dir was zu Gefallen thun, 
So darfst du mirs nur auf Walpurgis sagen. 



l86 Abhandlungen. 



Nun kommt das riesenhafte Bild theilweise zur Aus- 
führung. Mephisto ist hier nur behaglicher Beobachter; 
das tolle Treioen spielt sich ganz unabhängig von ihm ab. 
Nach dem Intermezzo sollten sich noch wunderbare Dinge 
abspielen. Unter der Einwirkung des verlorenen Paradieses 
plant Goethe Miltons Satan leibhaftig in die Faustdichtung 
einzuführen, zunächst freilich nur zur Darstellung eines 
phantastisch -satirischen Nachtstücks. Es enönen lang- 
gezogene, gewaltige Trompetenstöße, Blitze zucken und 
Donner rollen von oben, und aus der Erde schießen riesige 
Feuersäulen, von Rauch und Qualm eingehüllt. Inmitten 
des Feuers thront der Satan, der aus der Hölle herauf- 
gefahren ist und nach infernalischer Begrüßung der ver- 
sammelten Schaaren Gericht hält. Also eine Parodie des 
jüngsten Tages, des Weltenrichters Christi. Aber es sind 
diesmal nur literarische Sünder, die hier ihr Urtheil em- 
pfangen. Satan hält über die deutschen Schriftsteller Parade 
ab; Xlopstock, Reichardt, Campe, Hennings, Böttiger (?) 
erscheinen vor dem Throne, huldigen dem Despoten und 
empfangen unter satanischer Kritik eine Beleihung. Nur 
der freie Aufklärer Nikolai verweigert die Huldigung und 
leugnet dem Satan ins Angesicht dessen Existenz. Auch 
die Xenien erscheinen als Insekten von bühnengerechter 
Größe mit langen spitzen Scheeren und werden von ihrem 
Papa Satan als seine lieben Kinder anerkannt, an denen er 
Wohlgefallen hat. 

Dieser wunderbaren Scene wohnen Mephisto und Faust 
bei, sie stehen im innersten Kreise, der den Satan umgiebt 
und halten da Stand trotz der furchtbaren Hitze, die von 
dem Feuerkoloß ausströmt. Natürlich ist Mephisto von 
dem Dichter nicht umsonst an so bevorzugter Stelle postirt 
worden: er sollte sich bei dem Strafgericht über die un- 
glücklicnen Literaten betheiligen, und in Vorbereitung dieser 
aktiven Rolle hat er ja schon während der großen Be- 
grüßungsrede des Satans sein Privatspäßchen mit dem 
]ungen Mädchen, dem der Herr dort so kurios spricht. 
Aber die Paralipomena reichen zur Ausmalung seiner Be- 
thätigung in der Satansscene nicht aus. 

Durch die Einführung des Satans wird nun Mephistos 
Stellung in der Geisterweu aufs Neue geändert. Das stimmt 
weder zu seiner Sendung durch den Erdgeist noch zum 
Prolog, wo er selbständig mit dem Herrn verhandelt. Daß 
diese neue Intention eine Frucht von Goethes Miltonlektüre 
ist, habe ich Euphorion 6, 707 ff. gezeigt. Die Züge, mit 
denen die Erscheinung des Satans ausgestattet wird: 
Trompetenschall, der Feuer und Rauch strömende Gipfel, 
auf dem der Satan thront, der Vergleich des Satans mit 



Mephistophelbs. 187 



einem aus der Umgebung herausragenden Fels oder Thurm 
— alles das findet sich m Miltons Darstellung von Satans 
Heerlager. 

Um Mitternacht versinkt der ganze Spuk, Faust und 
Mephisto bleiben allein zurück. An ein Gespräch über das 
Wesen der nordischen Hexen knüpft Mephisto den Vor- 
schlag, nach dem Süden zu gehen, wo man freilich bei 
Pfaffen und Scorpionen wohnen werde. Mit diesem Vor- 
schlage erstrebt er, Faust von Gretchens Wohnort zu ent- 
fernen, die indessen im Elend verkommen soll, ohne daß 
Faust ihr Beistand leistet. Der Faustdichter aber hat dabei 
noch weitere Zwecke. Im Süden werden sich die weiteren 
Ereignisse der Dichtung abspielen. Der Fürstenhof, an dem 
Faust und Mephisto im Puppenspiel erscheinen, war Parma, 
und der Verlauf der Dichtung führte in schon zu Stande 

fekommenen Partien nach Sparta. Der Ritt nach dem 
üden, den Faust und Mephisto vor unseren Augen hier 
antreten, wird freilich zunächst durch Idolerscheinung, Kiel- 
kropfgeschwätz, durch die Scene : Im Elend! Verzweifelnd! 
und ourch die Kerkerscene unterbrochen, aber am Schluß 
der Kerkerscene erscheint Mephisto: 

Meine Pferde schaudern! Der Morgen dämmert auf! 

und wenn Faust nun mit Mephisto verschwindet, so geht 
der Ritt nach dem Süden vor sich, und dort oder auf 
dem Wege dahin werden die weiteren Scenen sich ab- 
spielen. Das trifft zunächst zu für das ebenfalls der Jahr- 
hundertwende angehörige Paralipomenon 6^ die Geister- 
erscheinung am Kaiserhofe. Die befremdliche Prosaform 
gehört nur dem ersten, auch nach Ausweis der Schriftzüge 

{[anz eilig zu Papier gebrachten Entwurf an. Schon Para- 
ipomenon 69 enthält den Beeinn der Uebertragung in Verse. 
Als neues Motiv in Fausts Leoen erscheint hier das Streben, 
nach außen zu schaffen und auf Menschen zu wirken, 
worüber die wunderbar geistreichen und formvollendeten 
Verse der Paralipomena 67 und 68 das Nähere berichten. 
Aber das führt uns aus den Grenzen des ersten Theiles 
heraus. 

Vor dem Beginn dieses Rittes nach dem Süden wohnen 
wir einstweilen noch einem seltsamen Zwischenfall bei, 
einem Versuche Mephistos. Faust zu bethören. In merk- 
würdig wörtlichem Anschluß an die Vertragsbedingung: 

Kannst du mich schmeichelnd je belügen. 
Daß ich mir selbst gefallen mag 

versucht er, durch einen Chor schmeichelnder Geister Fausts 
Selbstgefälligkeit zu erregen und somit die Wette kurzer 



l88 Abhandlungen. 



Hand zu gewinnen. »Gelingts so holt er ihn.« Aber es 
gelingt nicht und der Ritt nach dem Süden geht vor sich. 
Er führt zunächst in falscher, von Mephisto nicht beab- 
sichtigter Richtung zur Idolerscheinung. Auf glühendem 
Boden (Milton, erster Gesang — Zachariä 6, 43 und 6. 74) 
steht nackt, die Hände auf dem Rücken, das zauberhafte 
Idol. »Jedem kommt sie wie sein Liebchen vor« heißt 
es in der ausgeführten Walpurgisnacht, wo die ursprünglich 
so gewaltig in Gluth und urausen intendirte ^cene als 
kurze Vision Fausts schließlich ein nothdürftiges Unter- 
kommen gefunden hat. Jedem wie sein Liebchen und also 
Faust wie Gretchen. Die Conception der Idolerscheinung 
erwuchs dem Dichter aus einer Stelle in Erasmus Franciscis 
höllischem Proteus : »Ohnköpfiges Gespenst bedeutet einer 
Kindsmörderin die Enthauptung« (Witkowski, die Wal- 

{►urgisnacht S. 19). Es folgt die Hinrichtungsvision, der 
dolspuk verschwindet, Faust bleibt in der Finstemiß 
einsam zurück und hört nun eine Versammlung höllischer 
Wechselbälge von Gretchens Schicksal und bevorstehender 
Hinrichtung zischeln. Die Anregung zur Einführung der 
Kielkröpfe entnahm Goethe dem Anthropodemus Plutonicus 
des Prätorius S. 378. 

Durch diese im Schema vorliegende Folge der Er- 
eignisse auf der Walpurgisnacht ist die Lücke, die jetzt 
hinter dem Intermezzo klafft, geschlossen. Fausts Seele 
ist durch die Idolerscheinung und das Geschwätz der Kiel- 
kröpfe zu Wuth, Verzweiflung und Reue aufgewühlt, und 
seine ß[rausigen Flüche auf Mephisto in der Urfaustscene : 
Im Elend! Verzweifelnd! erscheinen nicht unnatürlich. 
Hier fügt sich die Dichtung der Jahrhundertwende ohne 
Bruch und Rest mit dem Urfaust zusammen. Freilich ist 
dieser gewaltige Verlauf der Walpureisnacht nur im Plan, 
die Ausfuhrung fehlt, und es fehlt auch die Umschmelzung 
der Prosascene in Verse, aus der obendrein ein Motiv schon 
in Wald und Höhle Neugestaltung gefunden hatte und also 
jetzt doppelt dasteht. — 

Aus den Miltonischen Anrcjgungen erwuchs endlich 
auch ein Plan für den Abschluß der gesammten Faust- 
dichtung, der erste zu unserer Kenntniß gelangte Schlußplan. 



Und wandelt mit bedächtger Schnelle 
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. 

Also in der Hölle soll die Faustdichtung schließen. 
Genaueres hören wir im Paralipomenon i: »Epilog im 
Chaos auf dem Wege zur Hölle.« Das ist nun Mutons 
Weltlokal. Zwischen Erde und Hölle liegt bei ihm das 
Chaos; im zweiten Gesänge wird beschrieoen, wie Satan 



Mephistopheles. 189 



die Pforten der Hölle verläßt und durch das Chaos zur 
Erde niederfährt. In Vordeutung auf den Epilog läßt 
Goethe schon im Verlaufe des eigentlichen Spieles Mephisto 
durch Faust anreden : »des Chaos wunderlicher Sohn« und 
in der Selbstschilderung Mephistos, die diesen Worten 
vorangeht : 

Ich bin ein Theil des Theils, der anfangs alles war, 
Ein Theil der Finstemiß, die sich das Licht gebar 

haben wir eine sorgsam eingefügte vorläufige Definition 
des Chaos. 

Aus dem geplanten Epiloge besitzen wir ein paar Verse, 
die zum Aufbau von Goethes Intention erwünschte Dienste 
leisten. Paralipomenon 49: 

Siehst du er kommt den Berg hinauf 
Von Weitem steht des Volckes Häuf. 
Es segnen staunend sich die Frommen 
Gewiss er wird als Sieger kommen. 

Oflfenbar ist von Christus die Rede. Auch hier befinden 
wir uns auf Miltonischem Boden. Christi siegreichen Kampf 
mit dem Satan schildert der sechste Gesang und im siebenten 
fahrt Christus weit ins Chaos hinein. Entscheidend ist die 
Erwähnung des Berges, den Christus als Sieger hinauf- 
kommt. Diesen Berg kennen wir aus Miltons fünftem 
Gesänge (Zachariä 7, 187): 

und Satan 

Kam zum herrlichen Königssitz. Er schimmerte fem her 

Prächtig erhöht, wie ein glänzender Berg, auf Berge 

gethürmet. 

Mit Pyramiden und Spitzen, aus Felsen von Demant 

gehauen. 

Und aus Klippen von Gold, des großen Lucifers Pallast : 

Denn so heißt, in der Sprache der Menschen, dies 

prächtge Gebäude. 

Aber bald drauf, da hierinn er auch Gott gleich zu seyn 

strebte. 

Hieß ers den Berg der Versammlung, nach jenem heiligen 

Berge, 

Wo vor der Himmlischen Heer der große Messias er- 
klärt ward. 

An den Pforten der Hölle wachen bei Milton die 
Sünde und der Tod und sie schlagen eine breite Brücke 
über das Chaos, um die Verbindung zwischen Hölle und 
Erde zu erleichtern. 

Diese Brücke, auf der man nunmehr von der Erde zur 
Hölle gelangt, ist also wohl der von Goethe in Aussicht 



190 Abhandlungen. 



fenomroene Schauplatz seines Epilogs. Es steht dahin, ob 
ie Sünde und der Tod bestimmt waren, im Epilog zu 
erscheinen und ob wir also einen Nachklang alter Intentionen 
in dem gegenwärtigen Abschluß haben, wo Mangel, Schuld 
und Sorge erscheinen und hinter ihnen her der Bruder, 
der Tod. schreitet. Dann wäre auch das eigenartig ergreifende 
Nachhallen in dem Verse: 

Da kommt er der Bruder, da kommt er der 

Tod 

ein alter treu bewahrter Klang aus dem alten Epilogplan 
Zachariä 6, 197: 

ich entfloh mit Entsetzen und rufte, 
Tod ! — Es erbebte die Hölle vom scheußlichen Namen, 

und seufzte 
Schrecklich aus allen Höhlen zurück, und hallete wieder 
Tod! 

Aber wir gerathen hier ins Ungewisse. Eine sichere 
späte Nachwirkung dieses Epilogplans, in dem Christus 
Fausts Seele noch auf dem Wege zur Hölle retten sollte, 
haben wir dagegen im Paralipomenon 95: 

Nein diesmal gilt kein Weilen und kein Bleiben 

Der Reichsverweser herrscht vom Thron 

Ihn und die Seinen kenn' ich schon 

Sie wissen mich wie ich die Ratten zu vertreiben. 

Hier also, im Kampfe mit Christus um Fausts Seele 
sollte nach dem Plane von 1800 Mephistos letztes Erscheinen 
in der Faustdichtung stattfinden. Freilich wäre die Aufgabe, 
mit Christus zu streiten, wohl nicht ihm allein zugefallen. 
Christi alter Gegner, der Satan, wäre doch wohl auch hier 
erschienen wie das auch bei Milton geschildert ist. Des 
Satans Erscheinen in der Faustdichtung sollte sich also nicht 
auf jenes komische Inferno beschränken, im Epilog wäre 
er seinem Vasallen Mephisto zu Hilfe eeeilt, die höllischen 
Mächte wären von Christus überwunden und Fausts Seele 
gerettet worden. — 

Wie schon Niejahr (G.-J. 20, 192 SX so habe auch 
ich zu fürchten, daß manchem Leser vor der hier befolgten 
Behandlungsart graust, bei der nicht viel übrig bleibt von 
der »Einheit und Ganzheit« des Faust, für die noch immer 
in dicken Büchern gestritten wird. Aber es handelt sich 
wirklich nicht um ein Attentat auf den poetischen Genuß. 
Auch wer die Planwandlungen^ Widersprüche und Klüfte 
kennt, die sich mit der lange hmgezogenen Entstehung der 
selbst für Goethe zu großen Dichtung ergeben haben, der 
wird — das kann ich aus eigener Erfahrung versichern — 
in seinem Entzücken über die Herrlichkeit dieses einzigen 



Mephistophelbs. 191 



Poems dadurch gar nicht gestört. Bei harmlosem Lesen 
schwinden die verstandesmäßig errungenen Einsichten wie 
Nebel vor der Sonne, und der kritische Sinn giebt sich der 
poetischen Gewalt willig gefangen. Seit hundert Jahren 
trägt nun schon der dichterische Zauber aller Scenen und 
Scenentheile jeden Empfänglichen siegreich über alles Dis- 
parate, über die Lücken und Fugen hinweg, und dabei 
wird es auch bleiben. Zuletzt führt aber die trennende 
Analyse zu einem eigenartigen poetischen Gewinn und 
Genuß, der durch harmlose Hingabe an die Dichtung nicht 
zu erreichen ist. Wir sehen mehr oder weniger deutlich 
die verschiedenen Faustdichtungen, die der yjährige Jüng- 
ling, dem das wundersame Erlebniß seiner Genialität eben 
autgegangen war, der jyjährige in Italien eine vita nuova 
findende Mann und endlich der jqährige vor sich sah, dem 
die Sorge als Haus und Hof, als Weib und Kind erschien. 
Wenn Goethes Faustdichtung für die Betrachtung, nicht 
für den Genuß, zerstückt wira^ so lernen wir dafür Goethes 
Faustdichtungen kennen. Dieser Gang vom harmlosen 
Genuß zur zergliedernden und wieder zusammenfügenden 
Betrachtung ist ein nothwendiger, und Goethe selbst hat 
ihn allgemein so dargestellt (Werke, Abth. 2, Bd. 9 S. 274) : 

»öenuß, Empfinden, Wissen, Erkennen, Wissenschatt- 
liches Anschauen. Wiederkehrender Genuß.« 

Zum Schluß sei es gestattet, den Einheitskämpfern hier 
ein paar Goethische Verse ins Stammbuch zu schreiben, 
in denen der Dichter selbst preisgiebt, was sie so eifrig 
verfechten. Die Verse sind Paralipomena zum Vorspiel 
auf dem Theater,* in dem sich Goethe ursprünglich üoer 
die Einheitsfrage selbst erklären wollte. 

Und wenn der Narr durch alle Scenen läuft 
So ist das Stück genug verbunden. 

Nur heute schränkt den weiten Blick mir ein 

Nur heute laßt die Streujge mir nicht walten 

Laßt unser Stück nur reich an Fülle seyn 

Dann mag der Zufall selbst als Geist der Einheit schalten. 

Wenn Poesie nicht reicht mag Laune sie verbinden. 



* Zum Vorspiel auf dem Theater gehört auch noch Paralipomenon 
IG. Es wird von der lustigen Person gesprochen, wie die letzten Verse 
zeigen, denen im ausgeführten Vorspiel V. 224 ff. entspricht. Die lustige 
Person wird freilich den Mephisto spielen, und so erklären sich auch 
die auf Mephisto bezüglichen Verse des Paralipomenon. 



Eine Aufführung 
DES Götz von Berlichingen 

NACH DER ORIGINAL -AUSGABE VON 1773. 
Vom 

Eugen Kilian. 



Meder bei der Abfassung des Gottfried von Berli- 
"I chingen von 1771, noch bei der Umarbeitung des 

1 Skizzo zu dem klassischen Götz von 1773 hatte der 

Dichter den Gedanken einer Bühnenaufiiihrune des genialen 
Werkes in sich getragen. Trotz der außerordentlichen 
Schwierigkeiten, welche die Aufführung des allen Regeln 
spottenden Produktes des Sturms una Drangs zu bieten 
schieiv, wurde schon 1774 von Koch in Berim und bald 
darauf, im Herbst desselben Jahres, von Schröder in Hamburg 
der kühne Versuch unternommen, das »schöne Ungeheuer« 
auch von der Schaubühne herab den Zeitgenossen des 
Dichters vorzusieüen. 

Ueber die scenischen Einrichtungen, in denen der Götz 
von 1773 unter Koch und Schröder erstmals auf die Bühne 
trat, haben die theaterseschichtlichen Forschungen der letzten 
Jahrzehnte Licht verbreitet. Die von Kocn herrührende 
Berliner Einrichtung lag aller Wahrscheinlichkeit auch den 
Auffilhrungen des Götz durch die Wäsersche Truppe in 
Breslau und Leipzig 1775 zu Grunde. Als weitere Städte, 
die den Götz während der 70er Jahre auf der Bühne sahen, 



Eine Aufführung des Götz nach der Ausgabe v. 1773. 193 

sind mit Sicherheit Dresden, Mainz und Frankfurt a. M. 
beleet; 1783 erschien er zu Wien im Kärntnerthortheater, 
1786 in Mannheim nach einer neuen für diese Bühne her- 

gestellten Bearbeitung, die von da auch nach Frankfurt und 
lannover und weiterhin nach Bremen ihren Weg fand. 
In eine neue Phase trat die Bühnengeschichte des Götz 
von Beriichingen mit dem Jahre 1804: des Dichters eigene 
Theaterbearbeitung war mit der Weimarer Aufführung vom 
22. September dieses Jahres an die Oeffentlichkeit getreten. 
Diese Bearbeitung war ein schwerer Mißgriff des Dichters, 
sie bedeutete bemahe in jeder Beziehung eine ungeheure 
Verschlechterung der alten Dichtung. Der Kritiker der 
Vossischen Zeitung durfte gelegentlich der ersten Aufführung 
des Theater-Götz zu Berlin 180 j mit vollem Rechte schreiben: 
»Auf die Schultern des HerKules ist ein Antinous-Kopf 
gesetzt.« 

Trotz der unglaublichen Versündigung, deren sichGoethes 
schwächliche Umdichtung an dem kühnen Freitheitsgeiste 
des Werkes schuldig machte, gewann dieselbe, gestützt 
durch die Autorität des Dichters, rasch und widerstandslos 
die Herrschaft auf dem deutschen Theater. Der Grund 
ist nicht unschwer zu erkennen: die Theaterbearbeitung von 
1804 war äußerlich, wenn sie gleich den epischen Charakter 
des Werkes nicht zu ändern vermochte, bis zu einem 
gewissen Maße bühnengerecht; sie stellte weit geringere 
Anforderungen an das Theater, als der ungelenke Koloß 
von 177^, der durch seine untheatralische äußere Form, 
durch die Fülle der darin auftretenden Personen, durch die 
das normale Maß weit überschreitende Zahl der Orts- 
veränderungen der Aufführung Schwierigkeiten ungewöhn- 
licher An bereitete. Die äußerlich straffere theatralische 
Form der Bühnenbearbeitung, die zahlreichen Concessionen, 
wodurch sie mit der Emfügung burlesk- possenhafter 
Elemente, mit äußerem Ausstattungsprunk, mit Zuthaten 
nach der Seite des Sentimentalen und Rührseligen dem 
Geistesniveau der großen Menge entgegenkam, die große 
Zahl der darin enthaltenen,"' äußerlich sehr effektvollen 
Scenen und dankbaren Rollen, sicherten dieser Fassung des 
Stückes, für den Durchschnittsgeschmack des Publikums, 
wie für den der Schauspieler, eine Stellung auf der Bühne, 
die bei deni den meisten Theatern eigenen conservativen 
Sinne schwer zu erschüttern war. 

Es ist mit ziemlicher Bestimmtheit anzunehmen, daß 
den Aufführungen des Götz von Beriichingen seit dem Jahre 
1804 beinahe ausnahmslos des Dichters Theaterbearbeitung, 
und zwar in den meisten Fällen nach der sog. verkürzten 
Gestalt vom Dezember 1804, zu Grunde lag. 

Goitue-Jahubvcu XXIi 13 



194 Abhandlungen. 



Eine Ausnahme machten die Bühnen Wiens, wo man 
von dem Vorhandensein der Goethischen Theaterbearbeitung 
— bezeichnender Weise für das retardirende Verhältniß, 
in dem das Theaterleben Wiens zu dem des übrigen 
Deutschland stand — zunächst wenigstens keine Notiz zu 
nehmen schien. 

Im Leopoldstädter Theater, der Heimstätte der Wiener 
Lokal- und Gesangsposse, kam 1808 eine verloren gegangene 
Bearbeitung des alten Götz »mit Gesang« und komischen 
Einlagen zur Aufführung, und zwei Jahre darauf erschien 
das btück im Theater an der Wien, zu einer dem Ge- 
schmack dieser Bühne und dem seines Publikums ent- 
sprechenden Spektakel- und Roßkomödie hergerichtet von 
tranz Grüner. Wichtiger als diese recht oedenklichen 
Evolutionen des Ritters mit der eisernen Hand auf den 
Wiener Vorstadtbühnen war der Umstand, daß Josef Schrey- 
vogel, als er zwanzig Jahre später den Götz erstmals auf 
dem Kaiserlichen Hofourg-Tneater erscheinen ließ, der 
Aufführung nicht des Dichters damals bereits allgemein 
verbreitete Theaterbearbeitung von 1804, sondern eine von 
ihm selbst verfaßte Einrichtung der Ausgabe von 17^3 zu 
Grunde legte. Bedenkt man, daß Goethes Bearbeitung 
äußerlich viele glänzende und bestechende Eigenschaften 
zeigte, daß sie als die vom Dichter selbst sanktionirte 
Bühnengestalt des Stückes gelten mußte, daß dieser selbst 
damals in ehrfurchtgebietender Größe noch unter den 
Lebenden weilte, so ist dem kühnen Wagemuth des Wiener 
Dramaturgen, der sich von dem allgemein üblichen Brauche 
emancipirte und durch eine eigene Bearbeitung des alten 
Götz mit dem Dichter selbst gewissermaßen in die Schranken 
trat, aufrichtige Bewunderung zu zollen. Schreyvogels Auf- 
führung des Götz von 1773 war eine der bedeutendsten 
unter den vielen bedeutenden literarischen Thaten dieses 
Bühnenleiters und ihr Ruhm wird dadurch nicht gemindert, 
daß sie in der Bühnengeschichte des Stückes nur eine kurze 
Episode blieb, indem Schreyjpgels Einrichtung schon 1834, 
kaum zwei Jahre nach dem Tode des hochverdienten 
Mannes, durch dessen Nachfolger Deinhardstein mit Goethes 
Bearbeitung vertauscht wurde. Durch die Erinnerungen von 
Anschütz, des ersten Darstellers des Götz an der wiener 
Hofburg, ist uns überliefert, daß Schreyvogels Bearbeitung 
»den Eindruck der später einstudirten Goethischen Ein- 
richtung übertraf« 

Anderwärts fand Schreyvogels Unternehmen keine 
Nachahmung, und Götz behauptete auf dem Theater nach 
wie vor in der verblaßten Gestalt von 1804 seine Herrschaft. 

Wohl fehlte es nicht an rühmenswerthen Versuchen, 



Eine Aufführung des Götz nach der Ausgabe v. 1773. 195 



bei der Aufführung des Stückes wenigstens in Einzelheiten 
auf die Fassung von 1773 zurückzugreifen. Man fühlte 
richtig, wie sehr die Dichtung durcn den Wegfall des 
Bamberger Hofes an Reiz und Farbe verloren habe und 
legte da und dort wohl die eine oder die andere der 
ßamberger Scenen in die Aufführung ein. Den erfolg- 
reichsten Schritt nach dieser Richtung that Franz Dingelstedt, 
der in seiner 1879 an der Wiener Hofburg erstmals ge- 
spielten, raffinirt enectvoUen, aber unerlaubt gewaltthätigen 
Bearbeitung des Götz von Berlichingen die wichtigsten 
Bamberger Scenen des zweiten Aktes und Einiges aus dem 
fünften Akte nach der Fassung von 1773 in die Aufführung 
des Stückes herübernahm. In der Hauptsache aber blieb der 
Text von 1804; nicht einmal das Hoch auf die Freiheit 
wurde an Stelle des platten und nichtssagenden Tischgebetes 
der Theaterbearbeitung restituirt. Das Scnlimmste indeß war 
die geradezu unglaubliche Willkür, womit Dingelstedt im 
fünften Akte seiner Bearbeitung mit Goethischer Dichtung 
und Goethischem Texte umzugehen sich erdreistete. Die 
Kühnheit, womit der Bearbeiter die visionäre Erscheinung 
der vermummten Gestalt in Adelheids Gemach, entgegen 
den Intentionen des Dichters, in einen wirklichen Abge- 
sandten der Vehme verwandelte, der in einer sensationellen 
Grusel-Scene das Todesurtheil an Adelheid vollzieht, das 
erstaunliche Selbstvertrauen, womit Dingelstedt das Werk 
durch vielfache Zuthaten aus der eigenen Feder erweiterte, 
womit er namentlich in der Adelheid-Scene des letzten 
Aktes einzelne Bestandtheile Goethischen Textes und um- 
fangreiche eigene Mache zu einem neuen Gericht zusammen- 
schmorte — dies Verfahren mit Goethischer Poesie steht 
in unserer Bühnenliteratur so Völlig vereinzelt da. daß es 
in der That zu verwundern ist, wie Dingelstedts Götz- 
Bearbeitung nicht nur auf der Wiener Burg, sondern auch 
an anderen ersten Theatern festen Boden gewinnen konnte 
— und diesen noch heute inne hat — , ohne daß die litera- 
rische Kritik auch nur den Versuch wagte, flammenden 
Protest zu erheben gegen eine solche Vergewaltigung 
nationalen Edelgutes. 

Einen erfreulichen Fortschritt gegenüber der Willkür 
und Selbstherrlichkeit Dingelstedts bedeutete die Götz- 
Bearbeitung, die Karl von Perfall im Jahre i8qo für die 
neueingericntete Münchener Schauspielbühne ins Leben rief; 
einen Fortschritt vor allem deshalb, da sie zum ersten 
Male den rühmlichen Versuch unternahm, in intensiverer 
Weise auf die alte Dichtung von 1773 zurückzugreifen. 
Sämmtliche Bamberger Scenen der ersten beiden Akte 
kamen zum großen Gewinn des Ganzen zur Aufführung, 



196 Abhandlungen. 



der Bauernkrieg und die Zigeunerscenen des fünften Aktes 
wurden gespielt, und auch sonst erfuhr der Text in zahl- 
reichen Einzelheiten, vor allem in der Belagerung und in 
der Tischscene eine durchgehende Revision nach der Aus- 
gabe von 1773. Daneben olieben freilich auch hier zahl- 
reiche Bestandtheile des Theater-Götz von 1804, so die 
schwächlich-sentimentale Götz-Scene nach der Beraubung 
der Nürnberger, die verunglückte Metarmophose Selbitzens 
in eine komische Figur, die unbedeutenden Adelheidscenen 
des dritten Aktes und Franzens Reim-Monolog, die Kari- 
katur des dicken Hauptmanns und seiner Kompagnie und 
vieles andere, ungeschmälert in ihrem Rechte. Es handelte 
sich also auch oei Perfall um eine Verschmel:(ung der 
Ausgaben von 1773 (stellenweise auch 1771) und 1804, 
eine Verschmelzung, die durch die energischere Rückkehr 
zu älteren Bahnen sehr viel Verdienstliches und Neues 
brachte, die aber trotzdem nur eine halbe Sache war und 
den einen Hauptmangel jeder derartigen Verschmelzung 
nicht verleugnen konnte: den Mangel eines einheitlichen 
künstlerischen Stiles. 

Einen seltsamen Schritt über das Ziel hinaus that in 
demselben Jahre Otto Devrient, indem er 1890 im Berliner 
Schauspielhause den Gottfried von Berlichingen von 1771 
in einer von ihm besorgten scenischen Einrichtung erst- 
mals auf die Bühne brachte. Es war dies ohne Zweifel 
ein sehr bedeutsames und hochinteressantes literarisches 
Unternehmen, wodurch sich Devrient den wärmsten Dank 
der engeren Goethe-Gemeinde verdiente. Für das Stück 
selbst aoer und das Problem seiner Gestaltung für die Bühne 
war mit dem Versuche nichts gewonnen; dem großen 
Publikum konnte derselbe nur ein literarisches Experiment 
und ein curiosum sein. Mit Recht durfte die Kritik ent- 
gegnen, daß keine genügende Berechtigung vorhanden sei, 
Goethes Jugendwerk in derjenigen Form auf der Bühne 
einzubürgern, die der Dichter selbst durch die unmittelbar 
darauf erfolgte Umarbeitung zu dem Götz von 1773 als 
unreife und unfertige Skizze gekennzeichnet hat. 

Im übrigen übten die von Dingelstedt, Perfall und 
Devrient gegebenen Anregungen keinen nennenswerthen 
Einfluß auf die Bühnengeschichte des Stückes im allgemeinen. 
Auf der großen Masse der deutschen Bühnen olieb der 
Theater-Götz von 1804, in mehr oder weniger verkürzter 
Form, unverändert in seinem Rechte. 

Am Hoftheater zu Karlsruhe wurde in einer Vorstellung 
des Götz von Berlichingen vom 29. April 1900, dank dem 
feinsinnigen Entgegenkommen des derzeitigen obersten 
Leiters dieser Bühne, Dr. Albert Bürklin, zum ersten Male 



Eine Aufführung des Götz nach der Ausgabe v. 177}. 197 

seit dem Zeiträume von 70 Jahren der Versuch unter- 
nommen, mit der verjährten Bühnentradition zu brechen 
und unter völliger Preisgabe der Goethischen Theater- 
bearbeitung voll und ganz zum alten Götz von 1773 zurück- 
zukehren. Die zu Beginn von verschiedenen Seiten sich 
regenden starken Bedenken und Mißtrauensäußerungen 
wurden durch das künstlerische Gelingen des Unternehmens 
siegreich widerlegt. 

Es ist begreiflich, daß zunächst namentlich von Seiten- 
der betheiligten darstellenden Künstler mannigfache Zweifel 
wach wurden gegen die ungewohnte Form, worin der alte 
Götz hier entgegen der süßen Macht der Gewohnheit zu 
neuem Leben erstehen sollte. Handelte es sich doch für 
einen großen Theil der Darsteller um die wenig ver- 
lockende Aufgabe, in den nunmehr dem Untergang ge- 
weihten Scenen und Rollen der Theaterbearbeitung vieles 
Liebgewordene, theatralisch Erprobte, äußerlich Effektvolle 
und Dankbare zu opfern, zu Gunsten von manchem Andern, 
das im einzelnen betrachtet vielleicht nicht die gleiche 
theatralische Wirkung zu versprechen schien. Zu Ehren 
der betheiligten darstellenden Künstler muß ich hervor- 
heben, daß diese Bedenken im Lauf der Proben immer 
mehr und mehr sich verflüchtigten, daß das anfangs viel- 
fach herrschende Unbehagen über die persönlichen Opfer, 
welche die Auffuhrung an jeden Einzelnen der Mitwirkenden 
zu stellen hatte, immer mehr verdrängt wurde durch ein- 
müthige Antheilnahme an dem Ganzen und das belebende 
Gefühl, an dem Gelingen einer vornehmen und bedeutenden 
künstlerischen Aufgabe an verantwortungsvoller Stelle be- 
theilißt zu sein. 

Hinsichtlich dessen, was mit der gewohnten Theater- 
bearbeitung in den Tiefen der Versenkung verschwand, 
konnte kaum an einer Stelle ein ernstliches Bedauern ob- 
walten. Höchstens hinsichtlich eines Punktes schien ein 
Zweifel möglich zu sein: hinsichtlich der neugedichteten 
Adelheid-Scene aus dem fünften Acte der Bühnenbearbeitung. 
Sie gehört zu den wenigen Neudichtungen des Theater- 
Götz, denen eine gewisse künstlerische Berechtigung und 
ein gewisser Reiz nicht abzusprechen ist. Abgesehen von 
der außerordentlichen theatralischen Wirksamkeit dieses 
Auftritts, bietet derselbe durch das Bestreben, in der 
visionären Erscheinung des Vehmboten Adelheids Ge- 
wissensangst und seelische Verstörung zur Darstellung ge- 
langen zu lassen, einen an sich sehr glücklichen Zug, der 
es wohl verdiente, für die Aufführung des Götz verwerthet 
zu werden. Anderseits ist hervorzuheben, daß gerade 
diese auf der Bühne viel bewunderte Scene an einer Ver- 



198 Abhandlungen. 



schwommenheit und Unklarheit leidet, die mit dem klaren 
und sicheren Realismus der alten Götz-Dichtung in sehr 
störender Weise kontrastirt. Daß unter der vermummten 
Gestalt, die in Adelheids Schlafzimmer tritt, nur eine 
visionäre Erscheinung, nicht aber ein leibhaftiger Ab- 
gesandter der Vehme zu verstehen ist, ergiebi sich in der 
That erst aus der in der unverkürzten Fassune des Theater- 
Götz folgenden Sitzung des Vehmgerichts. Ueberdies fällt 
Adelheids Monolog und noch mehr das vorangehende lang- 
athmige Gespräch zwischen ihr und Franz in Ton und 
Behandlung so auffallend aus dem knappen Natürlichkeits- 
stile der alten Dichtung heraus, daß es sich schon aus 
diesem Grunde verbot, der theatralischen Wirksamkeit 
dieser Scene zuliebe das Princip einer einheitlichen Wieder- 
gabe des Götz von 1773 zu durchbrechen. Auch die kleine, 
aber ungemein charakteristische und stimmungsvolle Adel- 
heid-Scene, welche in der alten Dichtung an dieser Stelle 
steht, vermag bei sorgfältiger schauspielerischer Ausarbeitung 
auf der Bühne zu wirken. Adelheids Verstörung durch die 
Macht des Gewissens kommt auch hier, wenngleich nur 
in leiser Andeutung durch die Worte »Was schleicht hinter 
mir?« zum charakteristischen Ausdruck und kann durch die 
Kunst der Darstellerin, in dem jene Worte einleitenden 
stummen Spiele, zu starker und eindringlicher Wirkung 
gebracht werden. 

Konnte die etwa vorhandene Neigung, diese oder jene 
Scene der Bühnenbearbeitung auch für die neue Aufführung 
des Stückes beizubehalten, ohne ernstliche Skrupel über- 
wunden werden, so war dagegen die Versuchung viel ver- 
lockender, in einzelnen Theilen auf die Fassung des ersten 
Entwurfes von 1771 zurückzugreifen. Der eigenartige und 
unwiderstehliche dichterische Keiz, der beispielsweise den 
Sccnen im Zigeunerlager, dem Auftritt zwischen Metzler und 
der Gräfin Helfenstein, einem großen Theile der Adelheid- 
Scenen aus dem fünften Akte des Entwurfes eigen ist, mußte 
den Gedanken nahelegen, eine oder die andere dieser auch 
theatralisch äußerst wirksamen Scenen für die Aufführung 
des Stückes zu retten. So reizvoll und verlockend dies 
auf den ersten Blick erscheinen mochte, so energisch mußte 
es bei reiflicher Erwägung abgewiesen werden, einer solchen 
Neigunjg Folge zu geben. So blendend auch noch heute 
der dichtefiscne Zauber wirkt, der über den genialen Sturm 
und Drang des Skizzo von 1771 ausgegossen ist, so un- 
zweifelhaft steht es fest, daß die Veränderungen, die Goethe 
für die Umarbeitung von 1775 vorgenommen hat, für die 
künstlerische Harmonie des Gesammtwerkes ausnahmslos 
einen Gewinn bedeuten. Auch die genannten Scenen, bei 



Eine Aufführung des Götz nach der Ausgabe v, 1773. 199 

deren Preisgabe »die menschliche Neigung der künstlerischen 
Ueberzeugung weichen mußte«, fallen zweifelsohne aus dem 
Stil und Rahmen des Götz von 177^ in störender Weise 
heraus. Die Kraft der künstleriscnen Selbstzucht und 
Selbstüberwindung, womit der jugendliche Dichter das von 
Genialität überschäumende Produkt des Sturmes und Dranges, 
unter Aufopferung wunderbarer Schönheiten, aber zu Gunsten 
des einheitlichen historischen Kolorits, der Stileinheit und 
der Harmonie des Ganzen, in das ausgereifte Kunstwerk 
von 1773 umwandelte, kann niemals genug gewürdigt und 
bewundert werden. Hat aber der jugendliche Dichter selbst 
in solcher Weise die seltene Reife seiner Künstlerschaft 
bekundet, so geziemt es sich für uns, sofern wir den Götz 
in seiner reifsten Gestalt der Bühne wiederzuschenken be- 
müht sind^ hinter dem heroischen Entsaeungsmuth des 
Dichters nicht zurückzubleiben. Eine wirklich einheitliche 
künstlerische Wirkung läßt sich auf der Bühne nicht durch 
die Verschmelzung verschiedener und auseinander liegenden 
Zeiträumen angehöriger Bearbeitungen, sondern nur durch 
die einheitliche Wiedergabe einer einzigen Fassung erreichen.' 
So wurde denn dier Aufführung des Stückes in Karls- 
ruhe ausschließlich der klassische Text von 1773 zu Grunde 
gelegt. Nur in einigen wenigen Einzelheiten wurde die 
ältere Fassung von 1771 ergänzend herangezogen, wo die 
letztere dichterische oder theatraüsche Vorzüge und prak- 
tische Vortheile zu bieten schien, ohne daß durch eine 
solche Anleihe eine Beeinträchtigung der Stileinheit für 
den Götz von 1773 zu befürchten war. Aus der Theater- 
ausgabe von 1804 wurden nur einige wenige, zur Ver- 

' Durch diese Ausfuhrungen befinde ich mich in einem gewissen 
Widerspruch zu den in meiner Broschüre »Goethes Götz und die neu 
eingerichtete Münchener Bühne« (München 1890) und an anderer Stelle 
früherhin ausgesprochenen Ansichten, wo ich einer Verschmelzung der Aus- 
gaben von 1773 und 1804 für die Bühne das Wort redete. Im Gegensatz 
hierzu bin ich im Laufe der Jahre immer mehr zur Ueberzeugung ge- 
langt, daß das erstrebenswerthe Ziel in einer einheitlichen Wiedergaoe 
des Götz von 1773 zu suchen ist. Mit Recht hat Muncker in seiner 
Besprechung der Pcrfallschen Götz- Aufführung von 1890 hervorgehoben, 
daß bei einer derartigen Verschmelzung verschiedener Texte der Mangel 
eines einheitlichen künstlerischen Stiles sich fortwährend bemerkbar 
mache. »Man wende nicht ein, dies bemerke nur der genauere Kenner 
des Goethischen Werkes, für das große Publikum aber sei das gleich- 
giltig ! Desto schlimmer : denn das ist eben eine der vornehmsten Auf- 
gaben der Bühne, das Stilgefühl des Publikums mit bilden zu helfen.« 
Gerade in der mit Recht nier hervorgehobenen erzieherischen Aufgabe, 
die der Bühne in dieser Beziehung zufällt, möchte ich das wichtigste 
Argument erblicken, das gegen die üblichen Verschmelzungen und 
ffegen die Theaterausgabe von 1804, die ja selbst im Grund eine solche 
Verschmelzung ist, in das Treffen gefuhrt werden kann. 



200 Abhandlungen. 



bindung auseinanderliegender Scenen nothwendige Sätze 
herübergenommen. 

Hinsichtlich der Gestaltung des Textes im Einzelnen 
war nicht die in vielen Punkten bereits abgeschwächte 
Vulgata von 1787, sondern die erste Druckausgabe von 
1773 maßgebend. Auch die köstlichen Derbheiten und ur- 
wüchsigen. Kraftausdrücke des Originals wurden entgegen 
dem bestehenden Brauche für die Aufführung gerettet. Die 
verkehrte Prüderie des Publikums, das sich schamvoll über 
dergleichen zu entrüsten pflegt, während es gleichzeitig die 
verhüllten und unverhüllten Pikanterien des französischen 
Sittenstücks und seiner deutschen Nachahmungen mit 
Behagen in sich schlürft, kann nicht energisch genug be- 
kämpft werden. Auch die berühmte Antwort Götzens auf 
die Aufforderung des Trompeters sollte endlich unge- 
schmälert auf der Bühne zu ihrem Rechte kommen, selbst 
auf die Gefahr hin, daß die Wirkung bei einem Theil des 
Publikums eine ähnliche sei, wie sie Tieck im jungen 
Tischlermeister unsagbar ergötzlich geschildert hat. 

Hinsichtlich der scenischen Wiedergabe mußte die Auf- 
führung des Götz von 1773, gleich allen früheren Auf- 
führungen des Stückes nacn dieser Fassung, bestrebt sein, 
durch eine dementsprechende Einrichtung, durch einige 
Vereinfachungen una Zusammenlegungen, das zerrissene 
scenische Getüge des Originals bis zu einem gewissen 
Maße den Bedingungen unseres Theaters anzupassen. Eine 
unveränderte Wiedergabe des Originals mit seinem 51 maligen 
Wechsel des Schauplatzes wäre nur auf einem eigens hier- 
für eingerichteten Theater möglich, das auf die Errungen- 
schaften der modernen Decorationsbühne ganz und gar 
verzichtet. Selbst auf einer Bühne, die etwas ähnliches 
erstrebt, wie die sog. Münchener Shakespeare-Bühne, würde 
die unveränderte Vorführung der durch fortwährenden Orts- 
wechsel zersplitterten, oftmals nur wenige Zeilen umfassen- 
den kleinen Dchlachtenscenen des dritten Aktes nur dazu 
dienen, die theatralische Unmöglichkeit eines solchen 
scenischen Gefüges vor Augen zu führen. Die aus diesem 
Grunde unvermeidliche scenische Einrichtung ging selbst- 
verständlich von dem Bestreben aus, an die Dichtung selbst 
nirgends Hand zu legen und bei allen nothwendigen 
Aenderungen und Kürzungen mit größtmöglicher Schonung 
des Originals zu verfahren. ' Die meisten Schwierigk-eiten 
bieten die vielen kleinen Scenen der Reichsexpedition und 
der Schlacht, wo eine Beschränkung auf das Wesentliche 

' Das vollständige Buch dieser Einrichtung, mit Regie- und Bühnen- 
anweisungen versehen, wird im Herbste 1 901 im Verlage der Schulzeschen 
Hofbuchhandlung in Oldenburg erscheinen. 



Eine Aufführung des Götz nach der Ausgabe v. 1773. 201 

sich zur Nothwendigkeit erhob. Indem auch die bei den 
älteren Aufführungen des Götz von 1773 beinahe ausnahmslos 
gestrichenen Scenen der Bauernhochzeit, des Tafelgesprächs 
am Bamberger Hofe u. a. erhalten blieben, gelangte diese 
Fassung des Stückes in einer bis dahin noch nicht da- 
gewesenen Vollständigkeit zur Darstellung. 

Hinsichtlich der Akteintheilung empfahl es sich, die 
Scenen des Bauernkrieges und die Zigeuner-Scenen aus dem 
Anfang des fünften, wo sie im Originale stehen, an den 
Schluss des vierten Aktes zu legen. Sie reihen sich zeitlich 
den Vorgänewi des vierten Aktes unmittelbar an j vor allem 
aber schließen die wundervollen Auftritte, die Götzens 
Flucht zu den Zigeunern behandeln, den vierten Akt auf 
der Bühne weit bedeutender und wirkungsvoller, als die 
stimmungsvolle, aber kurz abgerissene und handlungsarme 
Jaxthausen-Scene, die im Buch den Schluß des vierten 
Aufzugs bildet. Der unverhältnißmäßig umfangreiche fünfte 
Akt wurde dadurch entlastet und sein Inhalt im wesent- 
lichen auf die letzten Schicksale Adelheidensund Weislingens. 
sowie Götzens Ausgang beschränkt. Der 51 malige Wechsel 
des Schauplatzes, den das Original erfordert, konnte auf 
20 Verwandlungen reducirt werden, die sich gleichmäßig 
derart vertheilen, daß jeder einzelne Akt 4 Verwandlungen 
bezw. 5 Schauplätze nothwendig macht. 

Auch das ist noch immer eine an sich sehr bedeutende 
Zahl von Ortsveränderungen; die Gefahren, die der. Auf- 
führung daraus erwuchsen, waren nur dadurch zu umgehen, 
daß sämmtliche 20 Verwandlungen ausnahmslos bei offener 
Scene, unter momentaner Verdunklung der Bühne, vollzogen 
wurden. Zu diesem Zwecke mußte die scenische Ein- 
richtung des Stückes durchweg auf die Ermöglichung 
rascher offener Verwandlungen bedacht sein, was eine 
thunlichste Vereinfachung des scenischen und decorativen 
Apparates und damit zum Theil auch der Bühnenbilder 
bedfingte. Dafür ergab sich der große Vortheil, daß durch 
die raschen offenen Verwandlungen die Akteintheilung zu 
ihrem uneingeschränkten Rechte kam und daß das ganze Werk 
in seltener Einheitlichkeit und Geschlossenheit an den Augen 
des Zuschauers vorüberzog : ein Gewinn, der um so schwerer 
in die Waage fällt, wenn taan sich der Zerstückelung er- 
innert, in der Götz von Berlichingen sonst, durch ein tort- 
währendes Fallen des Zwischenvorhangs uncl den meist damit 
verbundenen illusionvernichtenden Hervorruf in unzählige 
Abschnitte zerhackt, sich über die Bühne zu schleppen pflegt. 

Ein weiterer Uebelstand, der die meisten Götz-Auf- 
führungen begleitet, ist der, daß die große Zahl der in 
dem Stücke auftretenden Figuren, der selbst das Personal 



202 Abhandlungen, 



der ersten Bühnen nur in den seltensten Fällen gewachsen 
ist, nicht nur die Besetzung der vielen kleinen Rollen, 
sondern vielfach auch die bedeutenden episodischen Figuren 
durch völlig unzulängliche Kräfte oder durch Vertreter der 
Oper und des Chores nothwendig macht. Dieser Mißstand 
drohte sich in erhöhtem Maße geltend zu machen bei einer 
Aufführung des Götz von 1773, wo die Zahl der Personen, 
die der Bühnenbearbeitung von 1804 "Och wesentlich über- 
trifft. Es handelte sich um die Besetzung von 52 sprechenden 
Rollen, und zwar von Rollen, unter denen auch die kleinen 
und kleinsten von Wichtigkeit für das Ganze^sind und ein 
gewisses Maß von schauspielerischer Charakterisirungskraft 
verlangen. Die Aufgabe war nur zu lösen durch Rückkehr 
zu dem bei den Götz- Aufführungen im 18. Jahrhundert und 
auch in Weimar unter Goethes Leitung allgemein geübten 
Brauche, alle Darsteller, die keine durchlaufenden Rollen 
spielen, mit zw^ei oder drei Aufgaben zu betrauen. Von 
emer Störung der Illusion durch dieses Verfahren, wie über- 
ängstliche öemüther befürchteten, konnte hierbei keine 
Rede sein. Dagegen ergab sich der bedeutende Gewinn, 
daß eine Menge von Figuren, die unter der Hand unfähiger 
Darsteller sonst völlig zu verschwinden oder gar lächerlich 
zu werden drohen, zu ihrem Rechte kamen und die Zahl 
der illusionsgefährhchen Lückenbüßer auf ein verschwindend 
kleines Maß beschränkt werden konnte. 

Die Rolle des Georg wurde, ebenfalls in Anlehnung 
an den älteren Brauch und entgegen der nunmehr leider 
allgemein bei uns eingebürgerten Tradition, die den ur- 
wüchsigen Buben durch weibliche Besetzung fast aus- 
nahmslos zu einer zimperlich wirkenden Hosenrolle herab- 
drückt, durch einen jugendlichen Schauspieler gegeben. In 
der Bearbeitung von 1804, wo Georg aurch einige wenig 
glückliche Zuthaten einen beinahe mädchenhaften Zug be- 
wußter Frömmigkeit erhalten hat, ist die übliche weibliche 
Besetzung bis zu einem gewissen Grade w^enigstens zu 
entschuldigen: die Berechtigung zu diesem Brauche fehlt 
jedoch völlig bei Aufführung des Götz von 1773, wo Georg 
durchweg als frische, derbe, kräftige Jünglingsgestalt er- 
scheint und die Darstellung durch eine Dame als direkt 
stilwidrig aus dem Rahmen des Ganzen herausfallen müsste. 

Einer der wundesten Punkte unserer gangbaren Götz- 
Aufführungen ist die Ausstattung des Stückes mit allen 
möglichen burlesken Zügen und Possenreißereien, die sich 
parasitenartig allmählich in der Aufführung des herrlichen 
\yerkes festgenistet haben. Zum guten Theil allerdings 
sind diese traditionell gewordenen bpäße veranlaßt durch 
des Dichters eigene Bühnenbearbeitung, die durch die Ein- 



Eine Aufführung des Götz nach der Ausgabe v. 1773. 203 

fügung possenhafter Elemente dem Geschmack und der 
Neigung der Menge mit großer Bereitwilligkeit entgegen- 
kam, onne daß die frostige und dürftige Komik dieser 
Zuthaten auch nur einigermaßen zu entschädigen vermöchte 
für die Einbuße, welche die Dichtung hierdurch in der 
schlichten Einfachheit und Vornehmheit des Tones erlitten 
hat. Durch die Preisgabe der Bühnenbearbeitung ist einem 
Theil dieser Spässe, so den mit dem Auftreten des dicken 
Hauptmanns und seiner Kompagnie verbundenen Harle- 
kinaden, dem lächerlichen Kampfe des verwundeten Selbitz 
gegen einige zwanzig Reichsknechte, den von den Galerieen 
Dejubelten Heldenthaten Lerses u. a. von selbst das Ende 
bereitet. Dagegen bietet die Heilbronner Rathhaus-Scene 
auch in der Passung von 1773 einen fruchtbaren Boden für 
die beliebten Scherze, in denen sich Regie und Darsteller 
unserer Götz-AufFührungen mit so großem Behagen zu 
gefallen pflegen. Die burlesken Uebertreibungen und Albern- 
heiten, womit namentlich die Darsteller derRathsherren diese 
Scene auszustatten und die Gestalten der letzteren häufig auf 
das Niveau von vollkommenen Hanswursten herabzudrücken 
belieben, sind derart plump und allem guten Geschmacke 
hohnsprechend, daß es in der That kaum zu glauben ist, daß 
dergleichen auch auf sogenannten ersten Bühnen von der 
Regie gestattet, von der Kritik stillschweigend geduldet und 
gebilligt wird. Auch hier war ein völliges Säubern und 
Aufräumen mit dem überlieferten Brauche geboten.' 

Damit sei keineswegs einer matten una farblosen Dar- 
stellung dieser Scenen das Wort geredet. Die Auftritte in 
Heilbronn sind in kräftigen Linien entworfen und ver- 
langen auch in der Aufluhrung kräftige und charakteris- 
tische Farben. Alles ausgesprochen-Possenhafte und bewußt- 
Komische aber ist auf das strengste zu vermeiden. Die 

' Ein von den Götz-Darstellern ganz allgemein eingeführtes und 
allerorten übliches Mätzchen besteht u. a. darin, daß der den Gefangenen 
zum Rathhaus begleitende Rathsdiener vor jenem aus der Thüre gehen 
will, daß Götz hierauf mit den Worten »Viel Ehre!« den Diener am 
Kragen packt und ihn zur unendlichen Freude des Publikums mit 
wuoitigem Rucke über die ganze Bühne we^ in die Stube zurück- 
schleudert. Die Geschmacklosigkeit dieses smnlosen und plumpen 
Theatereffektes liegt auf der Hand. Abgesehen von der widersinnigen 
Voraussetzung des Mätzchens, daß nämlich der zur Begleitung des 
Gefangenen befohlene Diener vor demselben aus der Thüre sehen sollte, 
verleiht die Annahme, daß Götz sich durch den Vortritt dieses »Esels 
der Gerechtigkeit« in seiner Würde verletzt fühlen könnte, seinem 
Charakter einen unendlich kleinlichen und junkerhaften Zug, der völlig 
unvereinbar ist mit dem Bilde des volksthümlichen ritterlichen Helden. 
Dies beliebte Mätzchen ist noch ein Kinderspiel im Vergleich zu den 
geschmackvollen »Nuancen«, die in der folgenden Ratnhaus-Sitzung 
üblich sind. 



204 Abhandlungen. 



Untersuchung gegen Götz muß in feierlichem Ernste und 
in aufgeblasener Wichtigthuerei von Seiten des kaiserlichen 
Rathes geführt werden. Als dieRäthe dann durch Götzens 
energisches Gebahren und die Nachricht vom Nahen 
Sickmgens in Angst und Bestürzung gerathen, dürfen diese 
Empfindungen nur zum Ausdruck gelangen, wenn sie allein 
sind oder sich unbeobachtet glauoen. Götzen gegenüber 
suchen sie ihren physischen und moralischen Bankerott 
hinter einer gespielten Ruhe und einem herablassenden 
Wohlwollen zu verbergen und je verzweifelter sich ihre 
Lage gestaltet, desto mehr werfen sie sich in die Brust 
und beeifem sich, durch breitspurige äußere Würde das 
gefährdete Ansehen ihres Amtes zu wahren. In einer 
richtigen Darstellung dieser Scene im Gegensatz zu dem 
Possenspiel, das unsere Bühnen meist zu bieten pflegen, 
ist allerdings Eines nothwendig : daß die Rollen des kaiser- 
lichen Rathes und der Rathsherren nicht in den Händen 
beliebiger Handlanger der Kunst, sondern in denen charak- 
terisirunesfähiger Darsteller liegen, daß vor allem der 
untersuchungführende Rath durch eine erstwerihige künst- 
lerische Kraft besetzt ist. — 

Daß die Aufführung des Götz von Berlichingen in der 
bisher auf den Theatern üblichen Weise, nach der Bühnen- 
bearbeitung von 1804 und in der meist beliebten possen- 
haften darstellerischen Wiedergabe vieler Scenen des Stückes, 
äusserlich und für die große Masse des Publikums in vieler 
Beziehung dankbarer ist, als eine Auff'ührung des Götz von 
1773 in dem eben angedeuteten Sinne, kann wohl nicht 
geleugnet werden. Ebenso unverrückbar aber steht für 
mich die Thatsache fest: daß eine wirklich künstlerische 
Vorführung des Götz von Berlichingen sich literarisch und 
darstellerisch in der Hauptsache in der Richtung zu be- 
wegen haben wird, wie sie vorstehend gekennzeichnet ist. 
Nur wenn man sich dazu entschließen wird, mit der ver- 
jährten Bühnentradition erbarmungslos zu brechen, wird es 
mögUch sein, daß an Stelle des verblaßten und verwischten 
Bildes, worin Goethes Jugendwerk sich auf unserem Theater 
zu zeigen pflegt, der echte, unverfälschte alte Götz, in seiner 
ganzen strotzenden Jugendfrische, auf der Schaubühne wieder 
in seine Rechte trete. 



>v. 




Aus Vorlesungen über Goethe. 



Von 

Rudolf Hildebrand.' 



Hinleiiung zu Goethes Liedern. 

Boeihes Lieder, — sie sind im Grunde eigentlich 
n Goethe selbst, in der Blüthe seines Wesens, das 

^1 wir in ihnen vielleicht am reinsten erkennen. In 

der großen Bewegung des iS. Jahrhunderts, die es auf eine 
tief greifende Erneuerung des Menschenthums, zunächst 
erkennend, dann auch handelnd, schaffend, umschaffend, ab- 

{[esehen hat, bezeichnet Goethe den einen Gipfel, ja viel- 
eicht den Gipfel. Denn wie unsere Welt mit Schiller 
aussehen würde, wenn dieser an Goethe hätte auswachsen 
können, läßt sich kaum ahnen. 

Aber Goethe stellt, wie es nun einmal jgewordeo ist, 
die erreichte höchste Höhe dar und zwar eine Höhe, die 
zugleich das Ganze umfaßt.* Denn strebt auch die Philosophie 

' Auf Wunsch des Herausgebers des Jahrbuches tbeile ich hier 
als Probe aus Hildebrands Vorlesungen über Goethe die'köstliche Ein- 
leitung lu Goethes Liedera raii. Das Heft, dem sie entnommen ist 
und das, von mir bearbeiiei, bald im Druck erscheinen soll, behaodelt 
in Hildebrands geistvoller und tiefgehender Weise die wichtigsten Lieder 
und Gedichte Goethes. — Die Verweise unter dem Text beziehen sich 
auf die Hemjwlsche Ausgabe. Einige Hinweisungen auf andere Aus- 
ftibrungen Hildebrands habe ich hinnteefugi. Julius Goebel. 

' Abgesehen freilich vom politisctien, wo eben Schiller fehlt, ich 
meine politisch im weitesten Sinne, wie ihm in der Dichliate das Drama 
als Fonn geeeben ist. Vcrgl. >Die Weltgeschichte, der ich gar nichts 
abgewinnen konnte, wollte mir im Ganzen nicht ni Sinne.« 2^, 396. 



2o6 Abhandlungen. 



nach der Höhe, dann hält sie doch nicht, wie der Dichter, 
die Welt fest. Und wie aus der Verbindung von Dichtung 
und Philosophie erst das höchste Wahre in der Poesie 
hervorgeht, so ist auch der höchste Dichterbegrifl^ wie er 
eben in Goethe erscheint, in der Mitte zwischen Dichtung 
und Philosophie zu suchen. Jenes Umfassen des Ganzen, 
das Festhalten an der Welt, das das dichterische Verfahren 
vom philosophischen unterscheidet, hat aber Goethe im 
Sinne, wenn er in seiner Besprechung von Stiedenroths 
Psychologie' sagt: »So wird ein Mann, zu den sogenannten 
exacten Wissenschaften geboren und gebildet, auf der Höhe 
seiner Verstandesvernunff nicht leicht oegreifen, daß es auch 
eine exacte sinnliche Phantasie geben könne, ohne welche doch 
eigentlich keine Kunst möglich ist.« 

Goethe ist im Ganzen auf den Menschen aus, Schiller 
dagegen auf die Menschheit. Was der Mensch »zwischen 
beiden Welten« wie er eingeklemmt steht, ist, sein kann 
und sein soll, das ist nach den Irrwegen der neueren Zeit 
vielleicht noch von keinem so weit erkannt, entdeckt und 
vorgelegt worden wie von Goethe. FreiHch zum Theil, 
und im Wichtigsten in Räthselform, in Geheimnißform 
gehüllt, im geraden Gegensatz zu Schiller,' der dabei nach 
wissenschaftRchen, scharfen Formeln strebte.* 

Sag es niemand, nur den Weisen, 
Weil die Menge gleich verhöhnet, 

beginnt er das tiefsinnige Gedicht »Selige Sehnsucht« (4, 36) 
und in den »Sprüchen in Prosa« giebt er der Scheu vor 
den Geheimnissen seines innersten Lebens Ausdruck : »Die 
Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht 
offenbaren, es giebt Steine des Anstosses. über die ein jeder 
Wanderer stolpern muß ; der Poet aber deutet auf die Stelle 
hin.« (Nr. 428.) 

Wenn als Arbeitsgebiet des Dichters überhaupt das 
eigentlich Menschliche zu gelten hat. dann ist wohl Goethe 
vor Allen als der Kundigste im M,enschenwesen, als der 
Menächengelehrte, der rechte Lehrer der Menschenkunde, 
der Menschenwissenschaft und Menschenwahrheit anzusehen. 
Und aus welcher Tiefe hatte sich das 18. Jahrhundert heraus- 
arbeiten müssen, um zu dieser Auffassung des Dichterberufs 
zu gelangen ! Noch Sal. Gessner sagt in der Vorrede zum 



* 34, 129. 

* Wie Gc 



roethe doch zuletzt auch, wenn er an Sulp. Boisserde 
schreibt: »Als ethisch ästhetischer Mathematiker muß ich in meinen 
hohen Tahrcn immer auf die letpen Formeln hindringen, durch welche 
ganz allein mir die Welt noch faßlich und erträglich wird.« (3. Nov. 1826.) 



Aus Rudolf Hildebrands V'orlesungen über Goethe. 207 

»Tod Abels« (Schriften 1770, i. Theil S. 8) vom Anfang 
des Jahrhunderts: »Damals war ein Poet nichts als ein 
schnäkischer Kerl, ein Possenreißer für die edle deutsche 
Nation.« Er denkt dabei an die sogenannten »Hofpoeten« 
und der Zusammenhang mit dem Hofnarren ist klar. Dazu 
kommt, daß die neue Zeit mit dem Zweifel an der Wahrheit 
der Dichtung anfängt. Allerdings ist dieser Zweifel — 
Plato verbannt ja die Dichter schon aus seinem Staate — auch 
in unserer alten Zeit aufgetreten. So verlangt Heinrich der 
Löwe, daß der Elucidarius in Prosa geschrieben werde,' weil 
Verse und Wahrheit ihm wohl nicht verträglich erschienen : 

Und bot daz sie ez »tichten« 

An rtmen wolden, 

Wan sie ensolden 

hiicht schrihen won die Wahrheit, 

Als ez zu latine seit. (Germania 17, 408.) 

Auf der falschen Auslegung der dichterischen Freiheit, 
eingegeben vom Haß, den der trockene Verstand von jeher 
gegen die Dichtung gehegt hat, beruht denn auch der 
Vorwurf, daß die Uichter Lügner seien. So wendet sich 
Opitz in dem Gedichte an Zincgref gegen 

dieses Volk, das sich Poeten nennet, 

Bey dir unci auch bey uns, an welchem um und um. 

Ja nichts Poetisch ist als daß es lügen kann. 

(Opitz 2, 386, ed. TrillerO 

Ganz ähnlich nennt Jean le Giere bei Gottsched (Pietsch, 
Gedichte, Leipzig 1725, Vorrede b 5a) die Dichter Lügner. 
Und wie Goetne selbst noch mit dem Zweifel an der V/ahr- 
heit der Dichtung zu kämpfen hatte, das zeigt die folgende 
Stelle in einem Briefe an Friderike Oeser (D. J. G. i, 48): 
»Ich sah, daß Sie meinten, Poesie und Lügen wären nur 
Geschwister.« Ja noch viel später, in den venetianischen 
Epigrammen (Nr. 48) heißt es: 

denn Gaukler und Dichter, 
Sind gar nahe verwandt, suchen und finden sich gern. 

Auch in unseren Tagen wiederholt sich die alte Feind- 
schaft gegen die Poesie, nur noch gefährlicher und frecher, 
wie der folgende Ausspruch von Schopenhauer beweist: 
»Ein Dichter ist man nicht ohne einen gewissen Hang zur 
Verstellung und Falschheit, hingegen em Philosoph nicht 
ohne einen gerade entgegengesetzten Hang. Dies ist wohl 
die Fundamentaldifferenz beider Geistesricntungen, die die 

* Vergl. auch : Sachsenspiegel I, 1 3 5 fg. (ed. Horaeyer) Rolandslied 
310, 13; K. Fr. Neumanns Ausg. vom Senil tberger S, 46. 



2o8 Abhandlungen. 



Philosophie höher stellt, wie sie denn auch wirklich höher 
steht und seltener ist«.* 

Wie anders dajgegen das von Geliert und Anderen 
zuerst vorbereitete, dann von Klopstock, Herder und Goethe 
aufgestellte Dichterideal, das im Dichter den Propheten sieht! 
So sagt Goethe in den »Zahmen Xenien«:* 

Seht mich an als Propheten! 
Viel Denken, mthx Empfinden 
Und wenig Reden. 

Sein Begriff vom Dichter in den reifen Jahren erscheint 
z. B. in der folgenden Stelle aus den Wanderjahren; ' »Wie 
man vom Dichter sagt, die Elemente der sittlichen Welt 
(d. h. diese als Kosmos gedacht) seien in seiner Natur 
innerlichst verborgen und hätten sich nur aus ihm nach 
und nach entwickelty daß ihm nichts in der Welt zum An- 
schauen komme, was er nicht vorher in der Ahnung gehabt^ 

Ja, die sittliche Welt, d. h. die Menschenwelt ist d^ 
ganze Ziel und Arbeitsfeld unseres Dichters, trotz der 
jetzigen Strömung, die Goethisch zu sein wähnt: »Wo ich 
aufhören muß sittlich j(u sein, habe ich keine Gtwalt mehr« (Spr. 
in Pr. 473). Sein »Sittlich« schließt sich an das »Moraliscn« 
des 18. Jahrhunderts an, nur eben in Goethischer Vertiefung 
und Ausweitung, beides im Gegensatz und als wissen- 
schaftlich philosophische Ergänzung zum Physischen, wie 
ja auch sem späteres »sinnhch-sittiich« nur »menschlich« 
bedeutet. Von »moralisch« will der Zeitgeist von heute 
freilich nichts wissen, das Ethische sucht er bange. Aus 
dem Unmoralischen aber, der Stickluft, von der die Welt 
voll war, mußte sich auch der junge Goethe, wie wir noch 
sehen werden, herausarbeiten, um eben den höheren Begriff 
des »Sittlichen« zu gewinnen. Als Probe der Goethiscnen 
Ausweitung und Vertiefung des »Moralischen«, zugleich als 
Beweis wie Goethe alles »subjectiv« ansieht, diene folgende 
Stelle: »Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen* an, wo 
diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nach dem 
sie sind, sind auch die Gedanken« (Spr. in Pr. 542). Auf 
Kant und Andere angewendet : »Jedes Individuum hat ver- 
mittelst seiner Neigungen ein Recht zu GrundsätT^eriy die es 
als Individuum nicht aufheben. Hier oder nirgends wird 
wohl der Ursprung aller Philosophie zu suchen sein.« ^ In 

' Schopenhauer-Lexicon 2, 218 (Handschr. Nach!.). 

* 2, 353. 
' 18, 137. 

^ Die feste Stellung zur Welt ist uns also eigentlich ang^eben, 
aber durch uns und die w elt des Berichtigens und Erhöhens »nig. 
5 Falk S. 80. 



Aus Rudolf HaoEBRANDS Vorlesungen über Goethe. 209 

seinem letzten Brief an W. v. Humboldt, fünf Tnge vor 
seinem Tode nennt er das Charakter: »Das beste Genie ist 
das, welches alles in sich aufnimmt, sich alles anzueignen 
weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbestimmung, dem- 
jenigen, was man Charakter nennt, im mindesten Eintrag 
thue« u. s. w. ' 

Und wie scharf dies alles gemeint ist, zeigen die folgenden 
Aussprüche: »Was ist an der Mathematik exact als die 
Exaciheit? Und diese, ist sie nicht eine Folge des inneren 
Wahrheitsgefühls?«* Ja noch schärfer: 

»Die Mathematik vermag kein Vorurtheil wegzuheben, 
sie kann den Eigensinn (Selbstsucht) nicht lindern, den 
Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts von allem Sittlichen 
verm^ ste.a ' 

Es ist nöthig, in diesem Zusammenhange auf das Ideale 
in Goethes Natur und dichterischer Thätigkeit hinzuweisen, 
auch zur Berichtigung des von Goethe umlaufenden Bildes, 
das der Sagenbildung schon anheimgefallen ist. Noch lange 
nach Schillers Tode redet Goethe oft im Schillerschen 
Geiste. So sagt er bei Eckermann f 18. Januar 1827) als 
von der »Novelle« die Rede ist: »Was soll das Reale an 
sich? Wir haben Freude daran, wenn es mit Wahrheit 
dargestellt ist, ja es kann uns auch von gewissen Dingen 
eine ,deutlichere Erkenntniß* geben; aber der eigentliche 
Gewinn für unsere höhere Natur liegt doch allein im Idealen^ 
das aus dem Herzen des Dichters hervorging.« Auch die 
Bemerkung in »Dichtung und Wahrheit« gehört hierher, 
wo er, von seiner Mitarbeit an den »Frankhirter Gelehrten 
Anzeigen« redend, über sich selbst sagt: »Ich konnte von 
den Dingen, mehr wie sie sein sollen, als sie waren, Rechen- 
schaft geoen.« Wie tief aber seine Natur im Idealen wurzelte, 
davon geben die folgenden Aussprüche Zeugniß ab: »In der 
Idee leben heißt das Unmöglicne behandeln als wenn es 
möglich wäre. Mit dem Cnarakter hat es dieselbe Be- 
wandtniß: treffen beide zusammen, so entstehen Ereignisse, 
worüber die Welt vom Erstaunen sich Jahrtausende nicht 
erholen kann.«* »Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch 
den Plural brauchen ist nicht wohlgethan. Alles was wir 
gewahr werden und wovon wir reden können, sind nur 
Manifestationen der Idee, Begriffe sprechen wir aus und in- 
sofern ist die Idee selbst ein Begriff.«^ 



' Briefwechsel mit den Gebr. Humboldt S. 301. 

* Spr. in Pr, 948. 
) Daselbst 949. 

♦ Spr. in Pr. 345. 
5 Spr. in Pr. 334. 

GoETHB-jAHReUCM XXII. 14 



210 Abhandlungen. 



Als Liederdichter im Besonderen wird Goethe unbedingt 
als der Erste anerkannt. Das Urtheil über den Vorrang 
unter den drei Hauptgattungen der Dichtkunst ist wechselncl; 
man kann nach Umständen jede als die wichtigste, erste 
erweisen, wenigstens die Lyrik und das Drama. 

Die Zeit unseres großen Dramas, nachdem Schiller so 
früh starb, steht uns wohl noch bevor, die unserer großen 
Lyrik ist auf lange hinaus wahrscheinlich in Goethe gegeben. 
Und das steht mit der Entwickelung des i8. Jahrhunderts 
und weiter rückwärts in engster Beziehung. Es galt das 
Ich zu befreien von der Uebermasse fremden Stoffes und 
fremder Formen, die es aus sich heraus oder hinaus zog 
seit Jahrhunderten, hauptsächlich seit dem erneuten Ein- 
dringen der alten und der fremden Kultur, der Gelehrsamkeit 
u. s. w., die alle das Ich, diese ewige, einzige Quelle alles 
Lebens überschüttet hatten und zu ersticken drohten. Die 
Befreiung des Ichs, der Iche, war nicht nur für die Kunst 
nöthig, sondern für alle Seiten des Lebens. Sie begann 
eigentlich auf dem Gebiete der Religion mit Luthers Protest 
gegen die Gewalt der erstarrten Kirchenlehre mit ihrem: 
tch denke für Euch Alle. Sie zeigte sich im Staatsleben in 
der Auflehnung des Volkes gegenüber dem despotischen 
»r^tat c'est moi« Ludwigs XIV., das nur ein Ich üorig ließ, 
indem es sagte: tVÄ will für Alle. In der Kunst schließlich, 
in der damals die Führunjg der Entwickelung lag, in dem 
Gebiete, wo eben das Ich Herr und Ziel und Quelle ist, 
d. h. in der Lyrik, galt es zunächst das eigenste Empfinden 
wieder zu befreien. Hier war es wo Goethe so recht als 
Befreier wirkte: 

Ihr könnt mir immer ungescheut. 
Wie Blüchern, Denkmal setzen: 
Von Franzen hat Er euch befreity 
Ich von Philisternetien.^ 

Vom Lyriker gilt daher eigentlich, dem Obigen ent- 
sprechend : tch empfinde für Euch Alle. Aber er übt damit 
keinen Zwang aus, auch stellt er keine Forderung auf, er 
lockt uns gleichsam nur und ermuthigt uns ihm zu folgen. 
So bezeichnet sich Goethe denn auch selbst als Forempjßnder, 
der durch sanftes Locken die Anderen herausholen wull aus 
dem dunkeln Innern ihres Ichs. 

Sie bewahrten dir im Stillen, 
Daß Du rein empfinden kannst,* 



' 3, 267. (Vgl. oben S. 134.) 
* II, 196. 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesungen über Goethe. 21 i 



sagt Goethe « Epimenides, und in der Recension von 
Lavaters »Aussichten in die Ewigkeit« ' bemerkt er : »Hätte 
Lavater für den empfindenden Theil der Menschheit zu 
singen, sich zum Seher berufen gefühk. er hätte übel ge- 
than, diese Briefe zu schreiben. Er hätte empfunden Jür 
Alle; die aus seinem Herzen strömende Kraft hätte Alle 
mit fortgerissen.« Den vollkommensten Ausdruck findet 
der Berut des Lyrikers schließlich in den Worten: 

Denn edlen Seelen vorT^ufühlen 
Ist wünschcnswerthester Beruf.* 

Und was ist das Ich. das der Dichter befreien will? 
Nicht unsere Gedanken sind es, es wohnt nicht in Reflexionen, 
Theorien, Systemen und dergl., auch ist es nicht ganz unser 
Wille, sondern der i)5mo« in uns, wie es Goethe später nennt: 

Wie an dem Tag, der dich der Welt verheben. 
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, 
Bist alsobald und fort und fort gediehen 
Nach dem Gesetz wonach du angetreten. 
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, 
So sagten schon Sybillen, so Propheten; 
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt 
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.' 

Es ist das Unerkannteste und Unerkennbarste und doch 
Gewisseste in uns, und das mußte zuni Durchbruch kommen, 
wie es denn aucn in dem Geniebegriff geschah. 

In der Befreiunjg des Ich, also m der Hauptsache war 
aber Klopstock Goethes entschiedener Vorläufer: einmal in 
der Bekämpfung der Nachahmung (der er in der Form 
doch merkwürdig genug neu und tief verfallen war, oder 
sich hingab) und dann, indem er sein eigenstes, frei und 
weit aufgequollenes Ich zum Maßstab der Dinge machte. 

Das buchen des verlorenen Ich ging aber nicht ab ohne 
Bewußtsein seiner selbst, dies Kennzeicnen der neuen Ent- 
wickelung, und so sagt Goethe eben von Klopstock : »Nun 
sollte aber die Zeit kommen, wo das Dichtergenie sich sdbst 
gewahr würde, sich seine eigenen Verhältnisse schüfe und 
den Grund zu einer unabhängigen Würde zu legen ver- 
stünde«.* Für Goethe selbst war es jedoch ein bestimmender 
Grundzu^, ich möchte sap^en ein Grundstein des ganzen 
Baues semer eigenartigen Gedankenwelt, daß für den Dichter 

' 29, 63. 

• 3> 192. 

3 2, 242. 

4 D. u. W. 10. Buch (20, 170). 

14* 



212 Abhandlungen. 



wie für den thätigen Menschen überhaupt das Bewußtsein 
ein Haupthemmniß des Gedeihens sei. Ich erinnere nur an 
den Spruch: 

All unser redlichstes Bemühn 

Glückt nur im unbewußten Momente. 

Wie könnte denn die Rose blühn. 

Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte?' 

Darum lehnt er auch die Forderung des Selbster- 
kennens als zur Selbstvemichtung führend scharf ab: 

Erkenne dich! — Was soll das heißen? 
Es heißt: sei nur! und sei auch nicht! 
Es ist eben ein Spruch der lieben Weisen, 
Der sich in der ICürze widerspricht.* 

Ja, er hielt die Selbsterkenntniß sogar für unmöglich. 
»Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Be- 
trachten niemals, wohl aber durch Handeln.«' Er be- 
zeichnet sich darum auch oft als Nachtwandler, indem er 
z. B. von seinem Werther sagt: »Da ich dieses Werkchen 
ziemlich unbewußt, einem Nachtwandler ähnlich, geschrieben 
hatte «* 

Und doch suchte er auf der andern Seite seinem Ich 
auf den Grund zu kommen, ja er trieb Selbstbeobachtung 
wie kaum Einer.^ Wie er »die Natur« in sich fühlte, zeigt 
z. B. folgende Stelle: »Ich sprach nicht von ihr, nein, was 
wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles 
ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst.«* 

In diesem Sinne hat auch Goethe, der Schillern ja zu 
seinem Bilde vom naiven Dichter gesessen hat, doch zugleich 
Bewußtsein seiner selbst als Dichter und Mensch und trachtet 
darnach sein Lebenlang. Das klare Erkennen seiner selbst 
und seines Lebens, des äußeren und inneren, wird sogar 
immer mehr die Hauptarbeit seines Lebens. Aber dies 
Bewußtsein bei ihm störte die Naturarbeit des Ich nicht, 
(außer in schlimmen Stunden); das ist seine Große, seine 
Stärke, ihm angeboren, und damit wird er der vollendetste 
moderne Mensen, den man bis jetzt kennt, der Mustermensch 
für unsere Zeit und zugleich der größte lyrische Dichter, 
was zusammenfällt mit »erhöhter Mensch« in dem Verse: 

Da Gott mir höhere Menschheit gönnte u. s. w. ^ 

' 2, 364. 

• 2, 338. 

3 Spr. in Pr. 35. 

4 22, 132. 

i Vergl. Keil, Tagebuch 1, 217. 

* 34» 74. 
^ 2, 353. 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesungen Ober Goethe. 213 

Ja man darf sagen, daß in diesem vollendeten Menschen 
das moderne »Bewußtsein« im höchsten Sinne und Grade 
neben der ungestörtesten »Natur« im Sinne der Kindheits- 
zeit der Menschheit vertreten ist, er selbst ein riesengroßer 
Widerspruch, der doch in ihm aufgehoben ist. Zugleich 
aber tritt da sein Schwesterverhältniß zur (»Mutter«) Natur 
vor uns, was seine Naturstudien bestimmt. — 

Diese angeborene Stärke seines natürlichen Ich machte 
es auch ihm ^^uerst möglich, der drückenden Gelehrsamkeit 
gegenüber die rechte Stellung zu nehmen und sie abzuweisen, 
nachdem er sich daraus bereichert. Wir sehen ihn einen 
völligen Anlauf nehmen zur Polyhistorie oder Panhistorie 
des 17. Jahrhunderts, besonders in der Straßburger Zeit, 
bis er schließlich in den unwilligen Schmerzensrui Fausts 
ausbricht: 

Habe nun, ach! Philosophie, 

{uristerei und Medicin 
Fnd leider! auch Theologie 
Durchaus studirt mit heißem Bemühn. 

Und ebenso verhält er sich der Noth des Menschen- 
wesens gegenüber, die er ganz aufnehmen, ganz verdauen 
will, um sie dann abzuweisen und den Kern daraus zu 
gewinnen, zu seiner Stärkung und Erhöhung, damit er das 
neugewonnene Ich dann fürs Ganze verwende und diesem 
zu Dienste stelle: 

Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, 
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen. 
Und was der ganzen Menschneit zugetheilt ist. 
Will ich in meinem Innern Selbst genießen.' 
Mit meinem Geist das Höchst' una Tiefste greifen, 
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen 
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern. 
Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern. 

Da tritt an Stelle des bloßen Wissens^ nach dem man 
wgte (wie heute vielfach wieder) die emzige, mögliche 
Kettung dagegen ein: das Empfinden^ d. h. Goethe thut den 
Schritt gegenüber dem 17. Jahrhundert, den unsere Zeit 
wieder thun muß. Auch hier tritt wieder der höchste 
Begriff des Lyrikers auf: wie er vorher Alles wissen wollte, 
so will er nun alles empfinden^ d. h. das Empfinden Aller, 
des Ganzen, auf sich nehmen. Die Polyhistorie ist damit 
gleichsam ins Gefühlsleben übertragen. 

Auf die angeführten Worte von Faust antwortet 
Mephistopheles u. A. 

* Vergl. Grimms Wörterbuch unter Genuß, genießen. 



214 Abhandlungen. 



Glaub unser einenk dieses Ganze 
Ist nur für einen Gott gemacht. 

Aber mit Gott in die Schranken treten, das war ja 
eben das geheime Ziel Goethes. In Prosa ausgedrückt 
erscheint es in der folgenden Stelle aus einem Briefe an 
Jacobi: »Was doch alles Schreibms Anfang und Ende ist, 
die Reproduktion der Welt um mich durch die innere Welt, 
die Alles packt, verbindet, umschafft, knetet und in eigener 
Form, Manier wiederhinstellt, ein Geheimniß, das ich euch 
nicht offenbaren will, den Gaffern und Schwätzern.«' 

Durch Bodnier und Breitinger war der Begriff des 
schöpferischen Geistes in die Literatur eingeführt worden 
und Herder hatte den Gedanken der »Plastik« als Ziel der 
Kunst in Goethes Seele geworfen. Das Nachschaffen von 
Gottes Schöpfung wird nun das Ideal von Goethes Dichter- 
arbeit. Welch em Fortschritt seit dem Anfang des i8. Jahr- 
hunderts! Nicht galt es nun mehr Ruhm zu erwerben, 
unsterblich zu werden, nicht mehr die Alten nachzuahmen 
oder endlich von den Nachbarn Anerkennung zu erwerben, 
die uns verachteten, nicht mehr den Dichtern auch bei 
Hofe und bei den Gelehrten eine achtungsvolle Stellung 
zu erringen. Es galt vielmehr das Höchste zu thun, das 
nur in einen Menschenkopf kommen kann und in ein 
Menschenherz: Gott gleichsam ins Handwerk zu greifen 
oder ihm zu helfen zu seinem Thun und Wollen. Ihren 
Abschluß findet diese großartige Auffassung der Dichter- 
und Menschenarbeit in den Worten: 

Allah braucht nicht mehr :^w schaffen, 
Wir erschaffen seine Welt.* 



Goethe und das Technische der Dichtkunst. 

Wie Goethe, der anerkannte Meister der Sprache, sich 
zum Technischen verhielt, zeigt folgende Stelle aus der 
»Italienischen Reise«: »Ich habe recht diese Zeit her zwei 
meiner Kapitalfehler, die mich mein ganzes Leben verfolgt 
und gepeinigt haben, entdecken können. Einer ist, daß icn 
nie aas Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder 
sollte, lernen mochte. Daher ist gekommen, daß ich mit 
so viel natürlicher Anlage so wenig gemacht und gethan 
habe.« ' Aehnlich schreibt er an Frau von Stein : »Es ist 

■ D. J. G. 3, 32. 

* 4, 162 (wiederfinden). 
3 24, 366; 20. Juli 1787. 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesungen über Goethe. 215 

Alles vergeblich, ich bringe nichts vor mich im Zeichnen, 
jetzo sehe ich täglich mehr wie eine anhaltende mechanische 
Uebung endlich uns das Geistige auszudrucken fähig macht, 
und wo jene nicht ist, bleibt es eine hohle Begierde dieses 
im Flug schießen zu wollen«.' 

Was zunächst die Orthographie betrifft, der Klopstock 
so viel Aufmerksamkeit widmete, so war Goethe darin 
gleichgültig oder enthaltsam. Ja er scheint sich sogar selbst 
mißtraut zu haben nach Riemers Bemerkung, daß »er in 
diesen grammatischen Lektologien sich niemals ein eigenes 
entschiedenes Urtheil erlaube«. * Seine eigene Orthographie, 
besonders in der Genieperiode ist äußerst urwüchsig, manch- 
mal sogar als wäre das Schreiben eben erst zu erfmden, 
wie ja das Dichten überhaupt. Er schrieb eben, was er 
hörte^ auch darin ist seine neuschaffende Art zu erkennen.' 

Mit dem eigentlichen »Stil« beschäftigte er sich viel. 
So klagt er in »l5ichtung und Wahrheit« : »Die Ausführung 
stockte weil ich weder m Prosa noch in Versen eigentlich 
einen Styl hatte und bei einer jeden neuen Arbeit, je nach 
dem der Gegenstand war, immer wieder von vorn tasten 
und versuchen mußte.« ^ 

Um dies recht zu verstehen, denke man sich z. B., 
daß ein großer Baumeister geboren würde, der sich erst 
alle Werkzeuge vom Meißel bis zum Flaschenzug selbst 
erfinden müßte, anstatt sie als Gabe der Vorzeit fertig 
vorzufinden. 

Die neue Kunst seit Opitz hatte freilich den alten Faden 
vollends abgerissen, wo und aus dem einst ein eigenartiges 
deutsches Stilleben sich abgesponnen und ausgewooen hatte. 
Als Goethe auftrat, war jedoch aus den neuen Fäden mit 
rühmlichster Mühe, mit Fleiß, Sorgfalt und Geschick doch 
auch wieder ein recht eigentlicher Stil gewoben worden,, 
wie Gellerts Zeit bezeugt. An diesem Stil hatte Goethe 
selbst seine erste Schule gemacht (vgl. z. B. die Höllenfahrt 
Christi), aber auch der ward nun wieder weggeworfen, 
weil er, einseitig ängstlich ausgebildet, endlich den Inhalt 
hemmte. Darum brach man in der Geniezeit durch, und 
der ausströmende Inhalt fand keinen Stil, keine überlieferte 
Form vor ; man that un J meinte wieder einmal, als müsse 
man ganz von neuem beginnen, von vom anfangen wie 
bei der Orthographie. Es ward aber daraus ein gelehrtes 
Versuchen in allen Stilen aller Zeiten und Völker (Welt- 



' 9. April 1782. 

* Riemer, Mitiheilungen 2, 631. 

3 Beiträge zum deutschen Unterricht, 98 ff. 

♦ 22, 181. 



2l6 Abhandlukgen. 



literatur), wie die Baukunst jetzt in allen Stilen baut und 
dabei keinen Stil hat. Denn es gehört mit zu der zwei- 
seitigen Befreiung des Ich an sich, daß man wohl alle Stile 
aller Zeiten kennt und kann, aber keinen eigenen hat. 

Dies Durchbrechen und Zerbrechen der Form durch 
den aufbrausenden Inhalt ist besonders deutlich an Goethes 
»Vermischten Gedichten« (d. h. namenlosen wie formlosen) 
in Klopstocks Geiste, den dithyrambischen, wie man sie 
wohl in der Verlegenheit nennen kann. Diese Genieergusse 
scheinen so recht ein Versuch, zu sehen ob und wieweit 
der Gehalt selber im Augenblick eine neue Form mit sich 
bringen könne, alles ein Kennzeichen der Geniezeit, wie 
die neu aufgenommene Prosa im Drama, mit Wegwerfen 
oder Ueberspringen der »gebundenen Rede«, in aer man 
sich eben gebunden fühlte. Man griff zur ungebundenen. 
Das mittelalterliche »dramatische Spiel« war ohne Verse 
gar nicht denkbar. Erst im 17. Jahrhundert wie in der 
Geniezeit tritt die Prosa im Drama auf. Bemerkenswerth 
ist nun, wie genau zu der Zeit, da die Wogen des brausenden 
Genies sich zu glätten begannen, der Vers sich im Drama 
wieder einstiehlt. So in der rhythmischen Prosa der Iphigenie, 
des Hgmont, bis der Vers selbst vollends wieder durchbrach. 

Aber die reine, strengste Form des Liedes, also der 
höchsten Blüthe der lyrischen, ja der Dichtkunst überhaupt, 
ist Gesang, singender Vortrag. Ursprünglich waren »wort 
und wise« verwachsen, genauer zusammen als eins im Geiste 
gleich zuerst gewachsen. So war es in der Blüthe der mittel- 
nochdeutschen Dichtung, so kommt es noch bei Kindern 
und vor Allem im Volkslied vor. Das fühlte Goethe wohl, 
obgleich es ihm trotz Herder nicht zur eigentlich strengen 
Erkenntniß gekommen scheint, wie z. B. seine Behandlung 
des Gesanges in der »Pädagogischen Provinz« in den 
Wanderjahren zeigt: »Bei uns ist der Gesang die erste Stufe 
der Ausbildunig .... selbst was wir überliefern von Glaubens- 
und Sittenbekenntniß, wird auf dem Wege des Gesanges 
mitgetheilt«* u. s. w. Ganz wie in einer wiedergekehrten 
Urzeit, an die auch Goethe so viel dachte, zugleich der 
abgeklärte Niederschlag des genialen Strebens und Drängens. 

Auch die enge Verschwisterung von Lyrik und Musik 
tritt auf,* ja »dte Sänger, die man hier findet, sind meist 
Poetenn} Dabei ist merkwürdig, wie er die Urbegriffe beider 
Künste mit den geschichtlichen Formen, wie er sie vorfand, 
in Einklang zu setzen suchte: »Hier zeigt sich aber bald 



« 18, 161. 
* 18, 351. 
' 18, 352. 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesungen über Goethe. 217 

die Herrschaß der Musik über die Poesie, denn wenn diese, 
wie billig und nothwendig, ihre Quantitäten immer so rund 
wie möglich im Sinn hat, so sind für den Musiker wenig 
Sylben entschieden lang oder kurz, nach Belieben zerstört 
dieser das gewissenhafteste Verfahren des Rhythmikers, ja 
verwandelt sogar Poesie in Gesang.« * Freilich ist er hiermit 
doch noch nicht zur reinen Erkenntniß durchgedrungen, 
sondern bleibt noch befangen in der antiken Metrik mit 
dem ganzen alten Schulzopl. 

Aber die Musik »stak ihm in den Gliedern« und das 
volksthümliche Bild drückt hier genau die Wahrheit aus: 

Und nach dem Tacte reget, 
Und nach dem Maß beweget 
Sich alles an mir fort, 

singt er in dem Gedichte »Musensohn.« Damit vergleiche 
man dann sein gehendes Dictiren, ja Denken: »Was icn Guts 
finde in der Ueberlegung, Gedanken, ja sogar Ausdruck, 
kommt mir meist im Gehen. Sitzend bin ich zu nichts auf- 
gelegt. Drum das Dictiren weiter zu treiben.« * Mit andern 
Worten: Die Glieder sind in Bewegung, der ganze Leib 
nimmt am Denken, an der Denkbewegung des Genirns Theil 
— das einzig richtige Denken, das dann auch mehr dichterisch, 
d. h. lebendig wahr wird, als das bohrende beim Sitzen.' 

Welche tiefe Wirkung die Musik auf Goethe hatte, 
zeigt z. B. die Thatsache, daß er während der Arbeit am 
Tasso ein Quartett im Nebenzimmer spielen ließ. So hört 
er den »Gesang der Geister über den Wassern«, seine 
»Gedanken spielen ihm schön Konzert«* und er dichtet 
in Melodien hinein, wie z. B. das Gedicht: »Dies wird die 
letzte Thräne nicht sein,« ^ das auch in StoflF und Stimmung 
durch das Kirchenlied angeregt ist. Gewiß gilt auch von 
Goethe selbst, was Wilhelm Meister von sich sagt : »Mir ist 
zwar von der Natur eine glückliche Stimme versagt, aber 
innerlich scheint mir oft ein geheimer Genius oft etwas 
Rhythmisches vorzuflüstem, so daß ich mich beim Wandern 
jedesmal im Tact bewege und zugleich leise Tone :(u ver- 
nehmen glaube, wodurch dann irgend ein Lied begleitet wird, 
das ich mir auf eine oder die andere Weise gefällig ver- 
gegenwänige«.* 

' 18, 352. 

* Keil, Tagebuch 215. 

) Vergl. die feinsinnige Ausführung dieses Gedankens in Hilde- 
brands Ts^ebuchblättem eines Sonntagsphilosophen S. 150. 

♦ Briefe an Frau v. Stein ij, 167. 
5 3, 12. 

< 18, 28s. 



2l8 Abhandlungen. 



Solche Töne, solches Klingen als Ansatz zum Gesang, 
zur Melodie tönt denn auch oft genug beim stillen Lesen 
aus Goethes Liedern, sie sind im honen Grade singbar, 
halb innerlich schon gesungen von Haus aus. 

In den nicht liedmäßigen Gedichten leidet er lange, 
auch abgesehen von denen in freiem Erguß, an einer 
ziemlich schlaflFen Behandlung der Form. In dem Gedichte 
»Ilmenau« z. B. fällt er zuweilen noch in den Alexandriner- 
Vers und -Stil. d. h. unter 191 Versen sind 28 Alexandriner, 
daneben hat aas Gedicht noch 30 Vierfüßler, zum Theil 
gepaart wie jene. Man sieht da so recht sein Schwanken 
des Formgefühls, das noch nicht zum Bewußtsein geklärt 
war, den mangelnden, überlieferten »Stil«, von dem oben 
die Rede war. Hierher gehört auch seine eigene Schilderung 
des Dilettanten: »Entweder verwechselt er das ^unerläßliche) 
Mechanische und glaubt genug gethan :(u hahen, wenn er 
Geist und Gefühl zeigt, oder er sucht die Poesie blos im 
Mechanischen.« * Und vorher in demselben Aufsatz : »Alles 
Vorliebnehmen zerstört die Kunst, und der Dilettantismus 
führt Nachsicht und Gunst ein.«* Die Grundsätze des 
Genies, soweit sie ihre leichtfertige Behandlung der Form 
betreffen, finden sich ausgesprochen in dem Aufsatz: 
»Dramatische Form.«' 

Der Begriff und das Gefühl der Nothwendigkeit der 
strengen Form kamen ihm in den achtziger Jahren mit dem 
Verrauschen der Geniewogen, sie wuchsen zur begrifflichen 
Erkenntniß in Italien, wo er sich wohl selber als Pfuscher 
erscheinen mußte. Hier war es auch, wo er ernstlich nach 
einer deutschen Rhythmik und Metrik zu fragen und zu 
forschen begann. Der Vorwurf, den er in den »Venetianischen 
Epigrammen« dem Deutschen macht: 

Sämmtliche Künste lernt und treibet der Deutsche, zu jeder 
Zeigt er ein schönes Talent, wenn er sie ernstlich ergreift. 
Eine Kunst nur treibt er, und will sie nicht lernen, die 

Dichtkunst. 
Darum pfuscht er auch so; Freunde wir habens erlebt, 

ist eigentlich sich selbst gemacht. Er meint im Grunde 
seinen Mangel am Technischen und besonders sein ver- 
gebliches Ringen mit dem Hexameter. Schreibt er doch 
später gerade über die Epigramme an Schiller (7. Aug. 1799): 
»Die Epigramme sind, was das Sylbenmaß betrifft, am 
liederlicnsten gearbeitet.« Welche Noth ihm die Quantität 



« 28, 180. 
* 28, 177. 
J 28, 631. 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesukgen über Goethe. 219 

bereitete, wie sie die Schule fordert, davon giebt er uns 
selbst im Eingang zum 18. Buch von »Dichtung und 
Wahrheit« Bericht, wo er schließlich in die Klage aus- 
bricht: »Unsicher aber blieb die Ausübune; auf jeden Fall, 
und es war Keiner, auch der Besten, aer nicht augen- 
blicklich irre geworden wäre. Daher entstand das Unglück, 
daß die eigentlich geniale Epoche unserer Poesie Weniges 
hervorbrachte, das man in seiner Art korrekt nennen würde.«' 
Und doch hoffte er eine Zeit lang, diesem Mangel im 
Hexameter am besten abhelfen, dem ueheimniß, weil es 
da Regeln gab, auf den Grund kommen zu können. Ein 
trauriger Mißgriff, der unserer Entwickelung und Einsicht 
tief und schwer geschadet hat und von dem Goethe schließ- 
lich selbst zurückkam. So schreibt er an Zelter, vom deutschen 
Hexameter redend: »Gott behüte mich vor deutscher Rhyth- 
mik«,* d. h. vor gelehrt-antiker, wie sie Voß, A.W.Schlegel, 
F. A. Wolf vertreten und so erläßt er am Ende aller ge- 
lehrten Metrik den zornig trotzigen Absagebrief:' 

Ein ewiges Kochen statt fröhlichem Schmaus^ 

Was soll denn das Zählen, das Wägen, das Grollen. 

Bei allem dem kommt nichts heraus. 

Als daß wir keine Hexameter machen sollen. 

Und sollen uns patriotisch fügen. 

An Knittelversen uns begnügen. 

Den ganzen strengen Kunstbegriff von der Form ge- 
wann Goethe erst in den neunziger Jahren unter Schillers 
Mitarbeit und der Beihülfe von Voß. So schreibt er über 
die metrischen Verbesserungen, die er an den »Römischen 
Elegien« und andern Gecuchten vorgenommen hat, an 
Schiller (7. Aug. ^9): »Wenn man solche Verbesserungen 
auch nur theilweise zu Stande bringt, so zeigt man doch 
immer seine Perfectibilität, sowie auch Respect für die 
Fortschritte in der Prosodie, welche man Vossen und seiner 
Schule nicht absprechen kann.« Worauf Schiller antwortet : 
»Zu den prosoaischen Verbesserungen in den Gedichten 
gratulire ich. Zu dem letzten Artikel in unser m Schema* 
zur Vollendung gehört unstreitig auch diese Tugend, und 
der Künstler muß hierin etwas vom Punctirer (wohl Voß 
oder Schlegel gemeint) lernen.« (9. Aug. 99.) 

Wie Goethe den vollen Kunstbegrift schließlich am 
Sonett gewann und ihn dann auf alle Bildung überhaupt 

' 23, 50. 

* An Zelter 2, 455. 

^ 3, 280. Vergl. auch: Beiträge zum deutschen Unterricht von 
R. Hildebrand, S. 44 ff., 403 ff. 

♦ Dies »Schema« bei Schiller, hist. crit. Ausg. 10, 524. 



220 ABHANDL(7NGEN. 



erstreckte, davon giebt das Sonett »Natur nnd Kunst« 
Zeugniß,* wo die Kunstfrage aus der Sonettenfrage gewisser-: 
maßen erweitert und an Ihr beantwortet wird: 

Wer Großes will, muß sich zusammen raffen: 
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister 
Und das GesetT^ nur kann uns Freiheit geben. 

Diese zum Theil Schillerschen Gedanken werden noch 
deutlicher bei Schiller selbst in dem Gedichte »Breite und 
Tiefe« : 

Wer etwas Treffliches leisten will, 
Hätt gern was Großes geboren. 
Der sammle still und unerschlaflFt 
Im kleinsten Funkle die größte Kraft. 

Als vollständige endliche Absage an die Formlosigkeit 
der Genialität, noch schärfer und tiefer begründet, muß die 
folgende Stelle aus den »Wanderjahren«* gelten: »Was uns 
aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen GeselT^en 
am meisten berechtigt, ist, daß gerade das Genie, das an- 
geborene Talent sie am ersten begreift, ihnen den willigsten 
Gehorsam leistet Twie Goethe aber ursprünglich doch nicht 
that). hlur das Halbvermögen wünschte gerne seine be- 
schränkte Besonderheit an die Stelle des »unbedingten 
Ganzen« zu setzen und seine falschen Griffe unter Vorwand 
einer unbezwinglichen Originalität und Selbständigkeit zu 

beschönigen Es (das Genie) begreift, daß Kunst 

darum eben Kunst heiße, weil sie nicht Natur ist.a 

Und einzig veredelt die Form den Gehalt 
Verleiht inm, verleiht sich die höchste Gewalt.' 

wobei doch zugleich die »innere Form«,* die bei Goethe 
eine so große Rolle spielte und die nach ihm »alle Formen 
in sich begreift« — sie ist eigentlich der »Stil« — mit 
gemeint ist. 

Goethe und die deutsche Sprache. 

• 

Das eigentliche Werkzeug des Dichters ist die Sprache, 
und es berührt uns fast peinlich, Goethe in einem Miß- 
verhältniß zu unserer Sprache zu sehen. Seinem Verdruß 
gegen die deutsche Sprache hat er öfter Luft gemacht, am 
schärfsten in den » Venetianischen Epigrammen« (No. 39) : 

« 3, los. 

* 18, 25J. 

' IG, 368. 

4 28, 621. [Vgl. G. J. 6, 234, 13, 229fg.] 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesungen über Goethe. 221 

Vieles hab ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen, 
Oel gemalt, in Thon hab ich auch manches gedruckt. 
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet: 
Nur ein einzig Talent bracht' ich der Meisterschaft nan: 
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglücklicher 

Dichter 
In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst. 

Daß hier wirklich die deutsche Sprache gemeint ist, 
nicht die geschriebene Sprache überhaupt, wie ich lanee 
glauben wollte, nicht der dürftige DichterstoflF, den Venemg 
bot, wie R. Heller* will, bezeugt Schiller an Goethe 22. Nov. 
1796, wo er des erzürnten Klopstocks Antwort meldet: 

Goethe (Ulfo.) ! du dauerst dich, daß du nich schreibest? 

Wenn du mich kenntest. 
Wäre dir dieses nicht Gram. Goethe (Ulfo.) du dauerst 

mich auch. 

Auch A. W. Schlegel sagte ihm im Dec. 1796 das Epi- 
gramm bei Tische vor, aber »Goethe sprach so brav, wie 
sichs geziemt, von ihm.« TKlopstock.)* 

Schon in 1786 schrieo Goethe an Frau von Stein:' 
»Hätte ich nur vor 20 Jahren gewußt, was ich weis. Ich 
hätte mir wenigstens das Italiänische [er dichtete in Leipzig 
außer in andern Sprachen auch italienisch] so zugeeignet, 

daß ich fürs Lyrische Theater hätte arbeiten können 

Der gute Kaiser dauert mich nur, daß er seine Musik an 
diese barbarische Sprache verschwendet.« Ja noch früher, 
aus seiner griechischen Gesinnung von damals heraus : »Auf 
dem Gickelhahn, dem höchsten Berg des Reviers, den man 
in einer klingenderen Sprache Alektrüogallonax nennen 
könnte.«* 

Gegen solche Auslassungen unseres größten deutschen 
Dichters halte man z. B. was der Franzose Joret in seinem 

' R. Heller, Die antiken Qiiellen von Goethes elegischen Dichtungen. 
* G. Waitz, Caroline i, 184. Daß unserer deutschen Sprache 
schon früh schlimme Vorwürfe gemacht wurden, zeigt folgende Stelle 
aus der Legende von Pilatus, Wackemagel Leseb. x^, 441: 

Man sagit von dütischer zungen, 

sin si unbetwungen, 

zu vuogene herte. 

swer si dicke berte, 

si wurde wol z£he, 

als dem stäle ir geschehe, 

der mit sinem gezowe 

üf dem anchowe 

wurde gebouge. 
3 An Frau v. Stein 2*, 309. 
< a. a. O. 1*, 265. 



222 Abhandlungen. 



3uche, Herder et la renaissance litteraire en AUemagne au 
XVIII« sifecle, Paris 1875 P- 3 sagt, wo er von der Nach- 
ahmung spricht, mit der wir begonnen, die doch dem 
deutschen Geiste auch mehr Tiefe gegeben habe (?) und 
»assouplit la langue, contrainte i fitre tour i tour Tinterprite 
des sentiments Tes plus oppos^s et des civilisations les plus 
diffirentes, et on fit cet aatnirable instrumenta sans igal peut- 
itre parmi les idiomes modernes.« 

Für Goethe darf man allerdings geltend machen, daß 
er in Venedig damals tief verstimmt war, doppelt und dreifach 
verstimmt, ja unglücklich, weil schuldig (Frau von Stein, 
die Vulpius, die getäuschte Hoffnung von den Geschäften 
ganz loszukommen, die Enttäuschung in den Glanzbildern 
Italiens vom ersten Besuch hjr u. s. w.), sogar verzweifelt 
als Dichter überhaupt, wie schon in Leipzig emmal. (Vergl. 
besonders die gräßliche Stimmung und Rede im 27. Epi- 
gramm.) Da muß denn die Sprache wieder herhalten, wenn 
er im 77. Epigramm sagt : 

Einen Dichter zu bilden, die Absicht war ihm (dem 

Schicksal") gelungen 
Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlicn gezeigt. 

Der antike Anklang in diesen Versen erschwert und 
hindert wohl oft, den ganzen Ernst dieser Worte zu fassen. 

Doch wne er im Faust schon die Muttersprache »mein 
geliebtes Deutsch« nennt, so findet in seiner dritten Periode 
eine völlige Rückkehr zum Deutschthum statt. Vor Allem 
ist hier das Gedicht »Etymologie« zu nennen als berichtendes 
Bekenntniß, voll tiefsten Verständnisses vom Werthe der 
angeborenen Sprache, auch für den Dichter:* 

Die Sprache bleibt ein reiner Himmelshauch, 

Empfunden nur von stillen Erdensöhnen; 

Fest liegt der Grund, bequem ist der Gebrauch 

Und wo man wohnt, da muß man sich gewöhnen. 

Wer fühlend spricht, beschwätzt nur sich allein; 

Wie anders, wenn die Glocke Bimbam bammelt. 

Drängt alles zur Versammlung sich hinein. 

Von JKönnen kommt die Kunst, die Schönheit kommt 

vom Schein 
So wird erst nach und nach die Sprache festgerammelt. 
Und was ein Volk zusammen sich gestammelt^ 
Muß ewiges Geset^i für Her^i und öeele sein. 

Gewiß, dies ist, wenn auch kein wörtliches, so doch 
ein sachliches pater peccavi für die Ausfälle in den »Vene- 
tianischen Epigrammen«, eine Art patria peccavi! 

' h 204. 



Aus Rudolf Hildebrands Vorlesungen über Goethe. 223 

Hierzu stimmt denn auch das Gedicht »Nativität,« das 
im Anschluß an Canitz (3 Sat.") S. 240 : »Ein Teutscher ist 
gelehrt, wenn er solch Teutscli versteht« geschrieben ist: 

Der Deutsche ist »gelehrt« 
Wenn er sein Deutsch versteht; 
Doch bleib ihm unverwehrt, 
Wenn er nach außen geht. 
Er komme denn zurück, 
Gewiß um viel gelehrter; 
Doch ists ein großes Glück 
Wenn nicht um viel verkehrter. 

Mit dem Gedicht »Etymologie« ist zugleich das alte 
Gerede berichtigt, daß sich die deutschen Dichter die Sprache 
erst machen, erst schaffen müßten. Welch klägliche Jasterei 
ist mcht daraus entstanden! Die Sprache ist ein überlieferter 
Bildersaal, ein ausreichendes Zeugnaus für den Dichter, der 
sich das nur wieder aufzufrischen, zu beleben hat. Wie 
tief Goethe das fühlte, zeigt seine Bemerkung über die 
Dilettanten:' »Sie entnerven und vernichten jedes Original 
schon in der Sprache und im Gedanken ..... So wird die 
Sprache nach und nach mit zusammengegliederten Phrasen 
und Formeln angefüllt, die nichts mehr saften, und man kann 
ganze Bücher lesen, die schön stilisirt smd und gar nichts 
enthalten.« 

Es handelt sich im Grunde um das Bild in der Sprache, 
eine Lebensfrage, auf die Goethe die oben schon angeführte 
philosophische Antwort giebt:* »So wird ein Mann, zu den 
sogenannten exacten Wissenschaften geboren und gebildet, 
auf der Höhe seiner Verstandesvernunft nicht leicht begreifen, 
dafi es auch eine exacte sinnliche Phantasie geben könne, ohne 
welche doch eigentlich keine Kunst denkbar ist.« Aber 
nicht nur zur Kunst ist die Phantasie, die sich in Bildern 
ausdrückt, nöthig. sie wird Goethe geradezu zum Werkzeug 
das Wesen der Dinge zu erfassen : »so ruht der Stil auf 
den tiefsten Grundfesten der Erkenntniß, auf dem Wesen der 
Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greif- 
lichen Gestalten zu erkennen.«' Obschon dies zunächst von 
der bildenden Kunst gesagt ist, so gilt es doch ebenso von 
Goethes dichterischem Schaffen, das im Grunde ein yersuch 
ist die Räthsel des Daseins zu lösen. Also nicht in »Be- 

friffen,« sondern in »Gestalten,« wie sie auch die Bilder 
er Sprache und der Dichtung Üefem, ist uns die Erkenntniß 
des Wesens der Dinge möglich. 

* 28, 158. 

* 34, 129. 
J 24, 527. 



224 Abhakdlungek. 



Als Probe von Goethes »exacter sinnlicher Phantasie,«* 
die die Vorstellung aus frischer Kraft nachschafFt über den 
Begriff hinaus zur vollen Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit, 
seien folgende Stellen angeführt: 

»Der König in Thule«: 

Er sah ihn stürzen, trinken 
Und sinken tief ins Meer. 

»Die glücklichen Gatten«: 

Es blitT^en Waffenwo^en 
Den Hügel schwenkend ab, 
Das Heer es kommt gezogen. 

Faust, »Gesang der Geister«: 

Flieget den hellen Inseln entgegen. 
Die sich auf Wellen gaukelnd bewegen. 

Epimenides, Dämon des Krieges (Napoleon): 

Es werde Finsterniß! Ein brennend Meer 
Soll allen Horizont umrauchen. 
Und sich der Sterne ntternd Heer 
Im Blute meiner Flammen tauchen. 

Und dies scharfe Sehen, diese frische Sinnlichkeit nimmt 
Goethe auch mit ins unsinnliche Gebiet hinüber, er übersetzt 
das Unsinnliche in frische Sinnlichkeit. Das ist seine Stärke. 
Freilich liegt auch hier für Viele, die nicht in Bildern und 
Gestalten zu denken vermögen, die Schwierigkeit den 
Dichter ganz zu fassen. 




' Vergl. auch die Ausführung in Hildebrands »Vom deutschen 
Sprachunterricht« S. 99, 267. 



Goethe und Dresden. 



Von 

Adolf Stern.' 



II. 

die Zeit vor und im ersten Jahrzehnt nach 
I Goethes Abscheiden war es in Dresden wie überall 

I bemerkenswenh, daß die Zahl der Goetheverehrer, 

der imtmeren Goetheleser im Kreise der gebildeten Juristen 
beständig anwuchs. In den dreißiger und vierziger Jahren 
gehörten viele ausgezeichnete sächsische Beamte zu den 
verständnißvolleren öewunderern des großen Dichters, wenn 
auch nicht alle, wie der damalige Geneimrath und spätere 
Staatsminister J. P. von Falkenstein sich berühmen konnten, 
daß sie sich als Studenten mit der Erzählung eines Besuches 
bei Goethe aus einem österreichischen Kerker befreit hätten* 
und nur bei Einzelnen, wie beim Appellationsgerichts- 
Präsidenten Sickel die Bewunderung Goethes, von Käthcben 
Schönkopf her, in der Familie erblich war. 

' Durch ein MiDverständaifl ist im vorieen Bande des Goethe- 
Jahrbuches die Bezeichnung I über der ersten Hälfte dieser Studie weg- 
geblieben. Wenn auch aus der Einleitung zur Genüge hervoreing, daß 
sie die Entwicklung bis August 1899 ins Auge faAie, so rnag hier doch 
noch ausdrücklich hervorgehoben werden, daQ sie vollständig vorlag 
und nur um ihrer Ausdehnung willen ^etheilt wurde. 

' Mündliche Miitbeilung des Ministers von Falkensteins an Dr. 
Carl von Weber. Ungedrucktes Tagebuch des Geheimraths und Staats- 
archiv-Direktors Dr. Carl von Weber in Dresden. Aus dem Jahre 1819. 



226 Abhandlungen. 



Die Neuberufungen durch die in den dreißiger und 
vierziger Jaliren das Kunsileben der sächsischen Kesidenz, 
in erster Linie der Kunstakademie, aufgefrischt wurde, 
fielen durchgehend auf Männer, die der Goetnischen Dichtung 
ein wesenthches Element ihrer Bildung verdankten und im 
Gefühl der Größe Goethes aufgewachsen waren. Ernst 
Rietschel, Gottfried Semper, Ludwig Richter, Ed. Bende- 
mann, Julius Schnorr von Carolsfeld haben jeder an seinem 
Orte bezeugt, was ihnen die Gesammterscheinung, wie die 
einzelnen Schöpfungen Goethes bedeuteten. Und aus ihren 
Kreisen wuchs wiederum in andrer Weise als von der 
Bühne herab, das Verständniß für den poetischen Reichthum 
und die geistige Macht des Dichters umsomehr in die Breite, 
da mehr als einer von ihnen selbst und aus dem sie um- 
gebenden Künstler- und Schülerkreis berufen w^ar oder sich 
fedrungen fühlte, dies Verständniß auch durch die Mittel 
er bildenden Kunst zu erschließen und zu verbreiten. Die 
Ramberg, Rethel, Th. von Oer, Pecht und Andere, die in 
den näcnsten Jahrzehnten Goethische Werke illustrirten 
oder einzelne Augenblicke aus dem Leben des Dichters 
bildlich vorführten, gehörten bleibend oder vorübergehend 
Dresden an und Tieck wie Carus durften auch mit Hmblick 
auf die Künstler rühmen, daß Dresden bereits einen der 
Mittelpunkte bilde, von denen aus die Goethe-Erkenntniß 
immer weitere Kreise zog. 

Sie durften es umsomehr, als zwischen dem Tode des 
Dichters und dem Sturm jähr 1848 eine Zeit kam, in der 
die alte Opposition, die der Trivialromantik, dem Dresdner 
nüchternen Lokalgeist entstammte, nach und nach ver- 
stummte, eintrocknete, abstarb. Die neue Opposition wider 
den Dichter, die vom burschenschaftlichen Trotz und vom 
liberal-radikalen Ingrimm über die deutschen politischen 
Zustände, von der jungdeutschen hinter einem pseudo- 
poetischen Schleier schlecht geborgenen publizistischen 
Revolution ausging, warf nach Dresden nur vereinzelte 
matte Wellen. Awar machten sich fast im gleichen Augen- 
blick, in dem Ludwig Tieck, dem Rufe König Friearich 
Wilhelms IV. folgend, Dresden verließ, die Herausgeber 
der »Hallischen Jahrbücher« Arnold Rüge und Th. Ecnter- 
meyer an der Elbe heimisch. Aber selbst Kuge, der gelegent- 
lich die Dichter der Gegenwart, die nicht politisch dichten 
und wirken wollten »irreligiös« schalt, trug Bedenken, dies 
rückwirkend auf Goethe anzuwenden; Echtermeyer vollends 
war ein feingebildeter Aesthetiker und Literarhistoriker, 
der die Augen weder vor dem Werth noch vor der Wirkung 
Goethischer Poesie schließen konnte. Jungdeutsche Schrift- 
steller im engern Sinne gelangten erst nach der Mitte der 



Goethe und Dresden. 227 



vierziger Jahre nach Dresden. Zuerst Karl Gutzkow, zu einer 
Zeit, wo er in der Schrift »Goethe im Wendepunkt zweier 
Jahrhunderte« schon seit einem Jahrzehnt Buße für seine 
von Wolfgang Menzel beeinflußten jugendlichen Schmä- 
hungen Goethes gethan hatte und nocn nicht vom Groll 
über die Herrschaft der Schiller-Goethe-Philologie zu den 
Gesinnungen seiner Anfangsjahre zurückgeworfen war. 
Während seiner Dresdener Zeit beharrte Gutzkow darauf, 
daß »die Freude und das Genügen an dem unsterblichen 
Theil des Dichters nicht verkümmert werden dürfe«, daß 
»die jüngere Generation schaffender Geister sich an seinen 
Werken bilden müsse«, daß »kein Fahrzeug so sicher über 
die wogenden Fluthen widersprechender Begriffe hinüber- 
setze, als Goethe«.' Berthold Auerbach, der 1046 zuerst nach 
Dresden kam, um sich nach 1850 auf ein Jahrzehnt daselbst 
niederzulassen, erstrebte bereits in die Reine der klassischen 
Erzähler Deutschlands einzutreten und bekannte sich zu An- 
schauungen, denen er später in der Studie »Goethe und die 
deutsche Erzählungskunst« Ausdruck gab. Dichter wie 
Julius Mosen und Gustav Freytag, deren Dresdner Aufenthalt 
gleichfalls in diese Jahre fiel, wußten trotz ihrer liberalen 
Neigungen zu gut um Goetnes Genius und Weltwirkung 
Bescheid, um sich thörichten Winkelantipathien zu über- 
lassen. 

Daß solche Antipathien keineswegs völlig erloschen 
waren und sich, wie in den Tagen der seligen Frau von 
Kügelgen noch immer gern an Goethes Persönlichkeit 
hängten, dafür giebt es mancherlei versteckte, aber charak- 
teristische Zeugnisse. Am 23. Oktober 1842 zum Beispiel 
war der Geheimrath und Director des Kgl. Hauptstaats- 
archivs Dr. von Weber, von dem ein interessantes und 
bedeutendes handschriftliches Tagebuch erhalten ist, in 
Gesellschaft des langjährigen preußischen Gesandten in 
Dresden Herrn von Jordan, der auch bei den Ernestinischen 
Häusern beglaubigt war. Jordan erzählte, als er in Weimar 
beim Jubiläum des Großherzogs Karl August (i82j) ge- 
wesen, sei früh um 7 Uhr Goethe, den der Großnerzog 
geduzt, zu diesem gekommen, der Großherzog habe ihn 
umarmt und gesagt : »nun Goethe, soweit haben wur Beide 
es nun gebracht, m der Jugend haben wir es nicht darnach 
getrieben.«* Gelegentlich galt der Widerstand bereits dem, 



' K. Gutzkow, Goethe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte 
.(Berlin, i8}6). 

* Geheimrath C. von Webers Tagebuch, vom 23. Oktober 1842. 
Auszug daraus in der Allgemeinen Conservativen Monatsschrift (Leipzig) 
ATom März 1897. 

15* 



228 Abhandlungen. 



was ein paar Jahre später der Schweizer Dichter Gottfried 
Keller ganz glücklich das »GoethepfafFenthum« taufte. Einen 
solchen Vorgang, in dem die beiden Dresdner Hauptapostel 
Goethischer Meisterschaft aneinanderprallten, schildert Graf 
Wolff Baudissin in seinem Tagebuche von Mittwoch den 
23. Januar 183Q, wo es heißt: »Diner bei Grahls, wo ein 
wirklich hübscner und begabter Kreis vereinigt war. Tieck, 
Carus, G. von Krause, der Homöopath Wolf, Nöel, Rietschel, 
Reissiger, Falkenstein, Nerenz, Dahl und der alte Sternberg. 
Ich saß zwischen diesem und Tieck. Gegen das Ende der 
sehr langen Sitzung erhob sich eine äußerst amüsante und 
lebhafte Contestation zwischen Carus und Tieck über das 
Verdienst von Zelter. Carus in seiner Goethe-Idolatrie 
wollte diesen nicht fallen lassen und Tieck erzählte eine 
witzige Geschichte nach der andern von seiner Unwahrheit 
und seinem nach dem Munde reden Anderer: so hatte er 
auch schon vorher den Abbi Vogler vortrefflich charak- 
terisin. Die ganze Tischgesellschaft hörte mit großer 
Theilnahme und zuweilen mit schallendem Gelächter zu.«' 
Doch solche und ähnliche Anekdoten erweisen nur. 
wie tiefe Wurzeln die Theilnahme an Goethes Leben und 
Werken bereits in allen Schichten der Bevölkerung Dresdens 
geschlagen hatte. Natürlich blieben auch die wunderlichen 
Verästungen solcher Theilnahme nicht aus. Neben den 
unmittelbar Empfindenden und Genießenden mehrten sich 
die Sammler, die Erläuterer, die Grübler. Noch war die 
Zeit, wo die Ersteren verhältnißmäßig leicht gedruckte 
und handschriftliche Zeugnisse von Goethes Wirksamkeit 
zusammenbrachten. Der glücklichste unter den Dresdner 
Sammlern war der Regierungsrath Wenzel, der die älteste 
Handschrift von Goethes »Mitschuldigen« erbeutete und in 
seiner bibliographischen Uebersicht »Aus Weimars goldnen 
Tagen« mit Stolz auf seinen Besitz an ersten Drucken und 
seltenen Ausgaben der Goethe-Schillerzeit hinweisen konnte. 
Mit ihm um die Wette, eifervoll, obschon weniger metho- 
disch und übersichtlich, sammelte der Kanzleirath Zschille 
namentlich Alles was zu dem Dramatiker und Theaterleiter 
Goethe in Bezug stand. Nach andrer Richtung hin brachte 
der Malermäcen und Kunstkenner Johann Gottlob von 
Quandt, der sich rühmen durfte zu Goethe ein persönliches 
Verhältniß gehabt zu haben und seine Anschauungen pietät- 
voll noch manches Jahrzehnt nach Goethes Toa festhielt, 
Handschriften, Bücher, Zeichnungen und Kupferstiche zu- 

* Wolf Graf Baudissin. Gedenkbuch für seine Freunde. Als 
Manusaipt gedruckt. (1880; Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig.) 
Tagebuchblatt vom 23. Januar 1839. ^* 4^5- 



Goethe und Dresden. 229 



sammen. — Den zahlreich werdenden Commentatoren 
Goethischer Werke und Einzelgedichte gesellten sich in 
dem gedachten Zeitraum die Dresdner Hermann Köchly, 
K. G. Heibig u. A. 

Unter diesen Umständen und unter der Gunst eines 
vorübergehenden Zusammenwirkens auch weit getrennter, 
in ihren Anschauungen, Neigungen und letzten Zielen völlig 
auseinandergehender Goetheverehrer konnte es geschehen, 
daß siebzehn Jahre nach dem Tode des Dichters der hun- 
dertste Geburtstag Goethes im August des Jahres 1849 in 
Dresden mit besonderem Glänze und unter lebhafter viel- 
seitiger Theilnahme begangen wurde. Es wollte dies um 
so mehr bedeuten, als iZeit und besondre Ortsverhältnisse 
dem geplanten großen Feste höchst ungünstig waren. Ein 
Vierteljahr zuvor hatten die revolutionäre Maierhebung und 
der Straßenkampf einer blutigen Woche die Stadt erschüttert 
und erfüllt. Ueber ihr hing noch der Belagerungszustand. 
Zum Ueberfluß drohten die Schrecken der Cholera und 
hatten, nachdem der Aufbau zur großen »Vogelwiese«, dem 
viel berufenen Dresdner Volksfeste, bereits oegonnen war, 
ein Verbot der Abhaltung des Vogelschießens Seitens des 
Ministeriums des Innern bewirkt. Die niedere Bürgerschaft 
grollte über die Verkümmerung des Verdienstes und des 
altgewohnten Vergnügens. Die besiegte Demokratie, um 
das Schicksal ihrer auf dem Königstein und in der Neu- 
städter Reiterkaserne gefangenen Häupter bekümmert, an 
sich kühl gegen den als Aristokraten verrufenen Dichter 
gestimmt, stand finstem Blicks bei Seite. Der alte Goethe- 
haß regte sich an mancher Stelle; noch zwei Tage vor 
dem Fest wurden im »Dresdner Anzeiger« vom 26. August 
verblaßte Albernheiten, die der Romanschriftsteller K. Fr. 
van der Velde in seinem »Liebhabertheater« 1823 in der 
»Abend-Zeitung« zum Besten gegeben hatte, wieder auf- 
gefrischt und für Schiller die Werbetrommel gerührt, wo 
gar kein Krieg gegen diesen in Frage stand.' Trotz alledem 
hatte der von w . Ä. Ackermann, R. Albani, Ed. Bendemann, 
J. Blochmann, H. Bürkner, G.Carus, Ed.Devrient. E.Fischer, 
Carl Gutzkow, Ernst Hähnel, K. G. Heibig, Th. J. Hertel, 
J. Hübner, Jul. Klee, M. L. Löwe, J. G. Müller, J. Otto, 
F. W. Pfotenhauer, H. G. L. Reichenbach, C. G. Reissiger, 
E. Rietschel, A. Schäfer, Joh. Schneider, H. W. Schulz, 
Roben Schumann, G. Spitzner, C. Th. Wagner unter- 
zeichnete Aufruf zu einer viertägigen Goethefeier im größten 
Stil vollen Erfolg. Carus, der Unermüdliche und die Seele 
des Festes, schickte seiner eigentlichen Festrede eine be- 



« Dresdner Anzeiger vom 26. August 1849. 



230 Abhandlungen. 



sondere Festschrift: »Ueber die ungleiche Befähigung der 
verschiedenen Menschenstämnie für höhere geistige Ent- 
wickelung«* vorauf. Im übrigen rüsteten sich Theater, 
Musik und Literatur gleichmäßig zur Feier des Dichters, 
die am 27. August mit einer vielgerühmten Aufführung 
des »Torquato Tasso« im Hoftheater und einer geselligen 
Zusammenkunft auf dem Belvedere der Terrasse begann. 
Am eigentlichen Haupttag, dem 28. August, fand eine 
Erinnerungsfeier in den Schulen und um 12 Uhr Mittags 
der große Aktus im Saale der Harmonie statt, bei der aie 
Festreden von Carus, Dr. H. W. Schulz und Hofrath F. L. 
Reichenbach einander ablösten. Der Abend brachte im Hof- 
theater nach einem ziemlich nüchternen Prolog von Th. 
Hell (Winkler) das älteste Goethische Stück, das Schäfer- 
spiel »Die Laune des Verliebten«, drei große lebende Bilder 
nach Zeichnungen von Stielke und W. von Kaulbach: die 
letzte Szene des fünften Aktes aus Götz von Berlichingen, 
Egmonts Traum im Kerker, Iphigeniens und Orestens 
Abschied von Thoas darstellend, endlich »Der Raub der 
Helena«, Szenen aus dem zweiten Theile des »Faust« von 
Gutzkow eingerichtet und mit Musik von Reissiger, mit 
denen der erste Versuch zur Darstellung des zweiten Faust- 
theils in Dresden gemacht wurde. Nach dem Theater fand 
im Saal der Harmonie ein großes Festbankett statt. Der 
2Q. August ward einer doppelten musikalischen Feier im 
K. großen Garten gewidmet. Im Palais führten am Nach- 
mittag die K. Kapelle, die Dreyßigsche Singakademie, durch 
andre Chorgesangvereine verstärkt »Die erste Walpurgis- 
nacht« in Felix Mendelssohns, »Fausts Verklärung« in 
Robert Schumanns Komposition, die ausdrücklich für diesen 
Zweck vollendet worden war, auf. Währenddeß fand an 
verschiedenen Punkten des großen Gartens freie Concert- 
musik statt und von Abends 6 Uhr an folgten durch den 
Dresdner Sängerverein Liedervorträge mit besondrer Berück- 
sichtigung Goethischer Texte. Der 30. August endlich 
brachte nächst einer Wiederholung der lebenden Bilder im 
Hoftheater die erste Darstellung des Gutzkowschen Lust- 
spiels »Der Königslieutenant«, das für dies eine Mal als 
»Darstellung biographischer Momente aus Goethes Jugend- 
leben« angekündigt wurde. Selbst das Sommertheater auf 
Reisewitzens versagte sich nicht mit der Egmontouverture, 
einem Prolog, der Aufführung der »Geschwister« und der 
Stellung eines lebenden Bildes »Huldigung des Dichters« 
nach emem Gemälde von Ramberg, den Goethetag festlich 
zu begehen. So stark war die Theilnahme, so groß der Er- 



' Denkschrift zum hundertjährigen Geburtsfeste Goethes. Leipzig, 1849. 



Goethe und Dresden. 231 



folg, so allgemein und freudig die Bewegung innerhalb der 
Bevölkerung, daß selbst die republikanische »Dresdner 
Zeitung«, die erst im folgenden fahr einem Verbot erlag, 
ihren Wahlspruch »des Volkes Wille ist Gesetz« einmal wahr 
machte und sich mit sauer-süßer Miene zu der Erklärung 
herbeiließ: »Obgleich uns das Gewaltsame der hiesigen vier- 
tägigen Goetheftier auch nicht hat gefallen können, zu einer 
Zeit wo es »untröstlich ist noch allerorts« (nebenbei be- 
merkt ein falsches Citat) und es uns vorkommt, als wollte 
man damit das Volk gleich dem Vogel Strauß den Kopf 
in den Sand stecken lassen, damit es das Ungemach der 
Zeit, welches es nicht sehe, auch nicht vorhanden glaube: 
so drängt es uns doch Goethe, der immerhin für Deutsche 
und Nichtdeutsche als ein Heros des Geisteslebens gelten 
wird, gegen eine Beurtheilung etwas in Schutz zu nehmen, 
die er vom politischen Standpunkt aus, besonders seit Börne 
oft und jüngst wieder in einem Aufsatz der »Vaterlands- 
blätter« gefunden hat, die wir, von so ehrenwerther Ge- 
sinnung sie auch eingegeben ist, und so viel Wahres sie 
auch enthält, doch eine einseitige nennen müssen.« Die 
weiteren Ausführungen des Artikels gipfeln im Zugeständniß, 
daß die Menschen sich nicht alle gleich sind, noch gleich 
sein sollen und suchten mit geschickter Wendune den 
konservativ und gemäßigt Denkenden jedes Anrecht auf 
den Dichter zu entwinden : »Seine Worte predigen auf 
jeder Seite Selbständigkeit des Denkens, Freiheit des geistigen 
Lebens, sittliche Klarheit und Harmonie und das sind die 
Grundlagen der Demokratie.«* Doch gerade in dieser 
Wendung verrieth sich, wie sehr man Ursache zu haben 
glaubte, sich seinen Anspruch und Antheil an der Wirkung 
und Nachwirkung des einzigen Festes zu sichern. Die 
glänzende, wohlgelungene^ in Anbetracht der Zustände groß- 
artige Dresdener Goethefeier von 1849, ^^^ ^^ Schumanns 
Faustmusik ein unsterbliches, in alle weiten nachklingendes 
Kunstwerk gezeitigt hatte, durfte die Betheiligten mit stolzer 
Genugthuung über das erfüllen, was seit einem halben 
Jahrhundert für Kenntniß und Erkenntniß des Dichters auch 
in Dresden erreicht worden war. 

Unter den Unterzeichnern des ersten Aufrufs zur Feier 
erschien auch zum erstenmale der Name eines Mannes, 
der in den folgenden Jahrzehnten recht eigentlich als der 
berufenste Vertreter einer ebenso gesunden, einsichtsvollen 
als tiefen und echten Verehrung des Dichters gelten durfte. 
Julius Ludwig Klee, ein geborener Dresdener, lange Jahre 
als Privatdocent und Gymnasiallehrer in Leipzig thätig, 

' Dresdner Zeitung. Nr. 204 vom i. September 1849. 



232 Abhandlukgen. . 



war Ende 1848 als Rektor an die Spitze des Kreuz- 
gymnasiums getreten und entfaltete als solcher zwei Jahr- 
zehnte hindurch eine im höchsten Maße bedeutende, 
lebensvoll anregende Thätigkeit. Ein streng geschulter 
ernster Philolog, dabei ein geistvoller Kopf ♦on frischester 
Empfänglichkeit und künstlerischem Sinn, hatte sich Klee 
frühzeitig tief in Goethe hineingelesen und gefühlt. Ohne 
Anspruch, obschon von männlichem Selbstgefühl, bis zu 
völhger Hingebung vom einmal erkannten Großen und 
Schönen erfüllt, dabei mit kräftiger Redegabe und einer 
durchgeistigten Kunst der Recitation ausgerüstet, war Klee 
vor tausend Andern berufen als Goethefreund und Goethe- 
kenner zu wirken. Eine ganze Folge seiner begabten Schüler 
— als der bedeutendste und berühmteste Heinrich von 
Treitschke allen voran — wurden durch den treftlichen 
Rektor tiefer und lebendiger in die Welt der Goethischen 
Dichtung und das Verständniß der historischen Erscheinung 
eingeführt, als dies im allgemeinen auch in den besten 
Schulen zu geschehen pflegt. Klees geistiger Einfluß aber 
erstreckte sich weit über die Mauern des alten Kreuzgym- 
nasiums hinaus. Er stand in lebhafter Verbindung mit den 
hervorragendsten Männern Dresdens, einerlei ob diese, wie 
Graf Wolf Baudissin und Carus, einer älteren Generation 
angehörten, oder, wie Otto Ludwig, Berthold Auerbach 
und Hermann Hettner erst nach Klees eigner Rückehr in 
seine Vaterstadt sich in Dresden angesiedelt hatten. Er 
nahm an allen geistigen Interessen lebhaften, persönlichen 
Antheil, war kein ausschliessender Goetheanbeter. Aber 
der Dichter stand ihm in der vordersten Reihe derer, um 
derentwillen es sich zu leben lohnt. Unablässig, mit nie 
versiegender Freude kehrte Klee wieder und wieder zu 
Goethes Schöpfungen zurück und ließ in verschwendrischer 
Fülle alle an seinem Genuß und seiner Einsicht theilnehmen, 
die in seine Nähe kamen. Nicht nur Schüler, Kollegen, 
jüngere Freunde, sondern* bedeutende Gelehrte, große 
Künstler, selbst Schauspieler holten sich in Goethedingen 
Raths bei ihm. Selbstlos, sorglos, wie der prächtige Schul- 
mann überall war, arbeitete er für andere, dachte kaum je 
daran die reichen Schätze seines geistigen Gewinns für sich 
zu verwenden.' Selbst die Arbeit, der er sein »Denkmal 
aere perenius« die hoch anerkennenden Worte Jakob Grimms 
in der Vorrede zum deutschen Wörterbuch der Gebrüder 
Grimm, vom 2. März 1854, dankte, zeugte ebensosehr 
von seiner Selbstlosigkeit, wie von seiner Beherrschung 
der Goethischen Werke. Klees für das Wörterbuch be- 



* K, G. Heibig, Programm der Kreuzschule. 1868. 



Goethe und Dresdek. 233 

stimmte Auszüge aus Goethe, durften von Grimm als muster- 
giltig gerühmt werden. »Den allerfleißigsten und ein- 
sichtigsten (derExcerptoren) muß ich nennen: es ist Klee. 
Ein Glück war es, aaß gerade Goethe in Klees Hände 
kam und von ihm vortrefflich ausgezogen, ich würde sagen 
erschöpft wurde, wenn einen solchen Ausdruck der Uner- 
schöpfliche gestattete. Hätten aber alle übrigen Dichter 
von annähernder Bedeutsamkeit ähnliche Auszüge erlangt, 
es stände besser um manche Beispiele des Wörterbuches.« 
Und dies Lob galt einem Manne, der anderseits durch die 
unwiderstehliche Frische und die Feinfühligkeit, mit der er 
allen Lebensadern der Goethischen Dichtung nachging, 
sprachlicher Kleinmeisterei zu spotten schien. Je schroffer 
und einseitiger sich damals und später aesthetische und philo- 
logische Betrachtung des Dichters von einander schieden, 
um so höher durfte man die Bedeutung und für Dresden 
die unmittelbare Wirkung der natürlichen und einheitlichen 
Anschauung anschlagen, die Klee von Goethe hatte und 
tausendfach vertrat. 

Klees weithin sichtbarer wie sein unsichtbarer noch 
lange nicht genug gewürdigter Einfluß fiel in einen Zeitraum, 
in dem der Dresdener Goethegemeinde manche Gunst der 
Umstände zu Hilfe kam, ihr Fühlen und Erkennen in großen 
Kreisen immer allgemeiner werden zu lassen. Von einge- 
schränkter Bedeutung unter diesen Umständen zeigte sich 
der mehrjährige Aufenthalt des Goetheenkels Wolfgang 
von Goethe, der als Legationssekretair der preußischen 
Gesandtschaft von Juli 1856— 1860 in Dresden lebte, indeß 
weder seiner amtlichen Stellung tiefere Befriedigung abge- 
wann, noch den Druck überwinden konnte, den seine be- 
sondere Lebenslage und nicht zuletzt der welterfüllende 
Name des Großvaters ihm auf die Seele legte. Denn es 
klang wohl ganz gut, wenn sich Wolfgang Goethe gegen 
die wesentlich nur neugierigen Verehrer des sogenannten 
goldenen Zeitalters von Weimar topörte, wenn er forderte, 
daß »der Großvater immer mehr als eine ernste historische 
und moralische Erscheinung, nicht mehr bloß als ein literar- 
historisches Phänomen aufgefaßt werde.« Aber im Grunde 
barg sich hinter so hohen Worten doch das Mißgefühl: 
»Weh dir, daß du ein Enkel bist.« In der Forderung, die 
aesthetische Bedeutung des größten neueren Dichters über- 
hauDt nicht mehr zur Sprache zu bringen, lag etwas seltsam 
Müaes, Verdrießliches, so daß man sich w^ohl vorstellen 
kann, wie übel der innerlich edle, aber tief verstimmte 
Mann die Naiven ablaufen ließ, die ihm von seines Groß- 
vaters »Gott und Bajadere« und den »Römischen Elegieen« 
oder gar von Friederike Brion und Charlotte von Stein 



234 Abhandlungen. 



sprechen wollten. So hätte Wolfgang von Goethe der jüngere 
beinahe nur durch seinen Namen an den großen Ahnherrn 
gemahnt — den Kreisen, in denen er von Berufswegen vor- 
zugsweise verkehrte, that ja zu Zeiten und theilweise auch 
dies Mahnen noth und gut! — wäre nicht ausdrücklich 
bezeugt, daß es doch einzelne Stunden und Anlässe auch 
während seiner Dresdner Zeit gab, wo der spröde Legations- 
sekretär weicher wurde und wo ihm echtes Verständniß 
der unsterblichen Dichtungen seines Großvaters in besserem 
Lichte erschien, als an Tagen des Mißmuths. Mittheil- 
samer und bereitwilliger zum Gespräch über Vergangen- 
heit und Gegenwart, über den angebeteten Schwiegervater 
und hundert mit ihm verknüpfte Weimarische Erinnerungen 
zeigte sich Goethes Schwiegertochter Ottilie, die Mutter 
der Goetheenkel, die sich, ihrem Sohne Wolf folgend, 
zwischen 1856 und 1860 gleichfalls in Dresden heimisch 
machte und so ungern sie anfänglich Rom mit Dresden 
vertauscht hatte, schließlich, nachdem Wolfgang von Goethe 
seinen Abschied aus dem preußischen diplomatischen Dienst 
erbeten, sich nur schwer von der Eibstadt trennte. Die 
Arbeit Rietschels am Goethe-Schillerdenkmal, die in diese 
Zeit fiel, flößte ihr, der Enthusiastischen, den lebhaftesten 
Antheil ein; von Dresdner Schriftstellern verkehrte Frau 
von Goethe außer Carus vorzugsweise mit F. Gustav Kühne, 
der damals von Leipzig nach Dresden übergesiedelt war. * 
Sechs Jahre nach dem Weggang des Dichterenkels ließ sich 
Ostern 1867 der Enkel der Werther-Lotte, der Hannove- 
raner Georg Kestner (ein Sohn von Lottes Erstgeborenem, 
dem hannoverschen Archivrath gleichen Namens) in Dres- 
den nieder, dessen lebendiges Interesse an den klassischen 
Zeiten und dessen reiche Handschriftensammlung Kennern 
und Sammlern, Forschern und einfachen Freunden und Ge- 
nießern Goethes immer neue Anregungen gab und viel 
stilles und lautes Entzücken bereitete. Genug sichtbare und 
manche dem geselligen Verkehr allein angehörige, darum 
unsichtbare Fäden spannen sich während all der Jahre von 
Kestners Aufenthalt in Dresden (er starb erst 18^2, seine 
werthvoUen Sammlungen derLeipziger Universitätsbibliothek 
hinterlassend^ von den neu sich bißenden Dresdner Goethe- 
kreisen nocn zu den alten hinüber, in deren Mittel- 
punkt zwischen 1850 und 1866 noch immer C. G. Carus, 
dessen geistvolle und feinsinnige Freundin Frau von 
Lüttichau (bis 1856), eine der still wirkenden, aber eigen- 



' O. Mejer, Wolf Goethe. Ein Gedenkblatt (Weimar 1889); 
Jenny von Gerstenbergk, Ottilie von Goethe in Briefen und persönlichen 
Erinnerungen (Stuttgart 1901). 



Goethe und Dresden. 235 

thümlich belebenden Frauennaturen, deren Empfinden und 
Schauen wirklich wie in Goethische Klarheit getaucht 
erschien, Graf Wolf Baudissin und andere schon Genannte 
standen. 

Von größter Bedeutung für die in den verschiedensten 
Kreisen der Dresdner Bevölkerung sich immer gedeihlicher 
entfaltende frohe Theilnahme an uoethes Welt und Dichtung, 
wurde die Thatsache, daß im Jahrfünft zwischen 1852 und 
1857 ^^^ große Doppelstandbild Goethes und Schillers für 
Wemiar in Ernst Rietschels, des Dresdner Bildhauers, Werk- 
statt emporwuchs. Wenn der Schöpfer dieses Denkmals 
nach dessen Enthüllung im September 18^7 an seinen greisen 
Meister Rauch schrieb: »Es war ein Erlebniß wie es nie 
wiederkommen kann, da ich keine Arbeit macheti^ keinen 
Auftrag erhalten kann, der von so allgemeinem Interesse 
gehoben auch meinen Leistungen entgegenkommt und sie 
mit trägt. Das ist ein Glück, aber kein Verdienst«, so läßt 
sich sein Ausruf unschwer auf die Stadt anwenden, in der 
das nationale Kunstwerk entstand. Gewiß war es kein 
Verdienst, aber ein Glück Dresdens^ daß die Gestalten der 
Dichterheroen gerade hier, im heißesten und ernstesten 
Ringen von einem Künstler wie Rietschel geschaffen und 
feinsinnig durchgebildet wurden und wie sie im Laufe der 
Jahre in dem stillen Atelier auf der Brühischen Terrasse 
vollendet wurden, hunderte und aberhunderte von ein- 
heimischen Beschauern sehr lebendig und unwillkürlich in 
die goldenen Tage von Weimar zurückversetzten. Die 
Theilnahme an dem entstehenden Kunstwerk weckte die 
Empfindung, was man in den Dichtern besitze. Wie viele 
waren in dem Falle von Rietschels jungem Schwager 
Andreas Oppermann, der in einem Briefe (Dresden, 11. Sep- 
tember 1856) bekannte : »Habe mich mit hohem Genuß in 
den sieghaften Ausdruck von Rietschels Goethekopf hinein- 

fesehen, hatte ein Gefühl als blickte er in den Morgen 
inaus, dem er in seiner Widmung entgegenschreitet, bin 
heimgegangen, habe einmal wieder, uncT mit unsäglicher 
Wonne, die Widmung und nachher im Faust bis zum Öster- 
morgen und Osterspaziergang gelesen.« * Auch bei dem 
Fest, das Dresdner Künstler, Gelehrte und Kunstfreunde 
nach der Vollendung der Dichtergruppe, am 14. Februar 1857 
für deren Schöpfer im »Deutschen Hause« veranstalteten, 
herrschte eine freudige, geistig gehobene Stimmung, die 
nicht allein dem Kunstwerk und dem Künstler galt, sondern 
aus dem Glückgefühl über den Besitz der großen Dichter 



* Brief an G. Kintschy. Ungedruckt. 



236 Abhandlungen. 



entströmte. Die Jahre, während deren Rietschel am Goethe- 
Schiller-Denkmaf arbeitete, machten Dresden vorübergehend 
zum Mittelpunkt des deutschen Bewußtseins von der Größe 
und der Zusammengehörigkeit der beiden Dichter und 
stimmten zahkeiche Bewonner dieser Stadt erneut zum 
Genuß Goethischer und Schillerscher Schöpfungen. Längst 
nachdem sich das Doppelstandbild vor dem Weimarischen 
Theater erhob, wirkten diese Stimmungen in Dresden nach 
und bei der glänzenden, auch an der Elbe zum großen 
Volksfest gesteigerten Schillerfeier im November 1859 
wurden wenigstens nur ganz vereinzelte und ohnmächtige 
Versuche gemacht, den alten thörichten Ingrimm wider 
Goethe neu zu beleben. Freilich blieb auch wiederum der 
wackere Julius Klee unter den Dresdner Festrednern der 
Einzige, der lebendiges Gefühl des Rechten und Herzens- 
takt genug hatte, in seiner kurzen zündenden Rede, die 
beim großen Fackelzug von den Stufen des improvisirten 
Schillermonuments auT dem Altmarkt gehalten wurde, 
Goethes, als des großen Freundes Schillers, gebührend zu 

fedenken.' Aber charakteristisch war es dennoch, daß auch 
ie, die bei dieser Gelegenheit es für geboten und für volks- 
thümlich erachteten, Schiller ausschließlich zu preisen, ihn 
zumeist nicht höher zu preisen wußten, als mit Citaten 
aus Goethes Epilog zu Schillers Glocke, zum Zeueniß, daß 
Goethe nicht übel Bescheid um Wesen und »groß Verdienst« 
des Gefeierten gewußt habe. 

Zwischen 1060 und 1870 zog abermals ein größeres in 
Dresden entstehendes Werk, diesmal ein Werk der Literatur- 
wissenschaft, eine größere Anzahl von theilnehmenden 
Freunden, namentlich von jungem Künstlern und Gelehrten 
tiefer in die Schöpfungen und Stimmungen der klassischen 
Literaturperiode zurück, als es sonst vielleicht geschehen 
sein würde. Hermann Hettners »Literaturgeschichte des 
achtzehnten Jahrhunderts«, die noch in Jena begonnen war, 
wurde in jenem Jahrzehnt zu Ende geführt und ihre beiden 
letzten Bände rückten vor allem die Entwickelung und die 
unerschöpfliche Fülle der Goethischen Dichtung mit un- 
verhohlner Vorliebe und beinahe jugendlicher Freude aufs 
neue und mannigfach neu in den Gesichtskreis der Leser. 
Lange bevor sie Leser hatte, wußte der Verfasser, der seit 
1855 ^Is Direktor der Antikensammlung und des Museums 
der Gipsabgüsse wie. als Professor der Kunstgeschichte an 
der Kunstakademie in Dresden heimisch war, durch öffent- 
liche Vorträge, gesellige Beziehungen und die lebendige 
Anziehungskraft seiner Persönlichkeit nach allen Seiten an- 

* Festbericht im »Dresdner Journal« vom 11. November 1859. 



Goethe und Dresden. 237 



regend wirkte, nahezu alle mit ihm in Berührung Kommenden 
in den Kreis seiner literarisch-kritischen Interessen hinein- 
zuziehen. WerHettner in den Jahren kannte, wo die Bände 
der »Geschichte der deutschen Literatur im achtzehnten 
Jahrhunden«, die »die Sturm- und Drangperiode« und »das 
Ideal der Humanität« behandeln, in frischem Zuge geschrieben 
wurden, der durchlebte die Frankfurter und Weimarer Tage 
Goethes mit, sah sich zu erneuter Lesung mancher aus 
seinem Gedächtniß entschwundenen Goethischen Dichtung 
gedrängt, lernte Theil nehmen an den Erörterungen und 
Zweifeln über Gehalt und Gewicht einzelner umstrittener 
Schöpfungen des Dichters und über das Verhältniß des 
Goethischen Jugendstils und Altersstils. Besonders lebhaft 
>vurden diese Erörterungen in einem schon in den fünf- 
ziger Jahren entstandenen, sich in jedem Winter allwöchent- 
licn an einem Nachmittag vereinigenden Männerkreis ge- 
pflegt, dem außer Hettner nach- undnebeneinander Berthold 
Auerbach, die Gebrüder Carl und Otto Banck, der Mathe- 
matiker 0. Schlömilch, Ad. Stern und manche Andere 
angehönen. Na\:h anderer Richtung hin und entschiedener 
aut die »Goethe- Forschung« im engeren Sinne, wie sie sich 
inzwischen und wesentlich unter seiner Mitarbeit heraus- 

febildet hatte, wirkte seit 1869 in Dresden Gustav Woldemar 
reiherr von Biedermann, der 1876 die Schrift »Goethe und 
Dresden« erscheinen ließ und obschon er seine Forschungen 
und kritischen Arbeiten über das ganze Gebiet derGoetne- 
kunde ausdehnt?, doch jederzeit mit besonderem Antheil 
und vielfach neuen Aufschlüssen auf die Beziehungen des 
Dichters zu Sachsen und seine Verbindungen mit Dresdnern, 
Leipzigern und Erzgebirgern zurückkam. Daß von diesen 
literarisch thätigen Männern auch eine beständige Ein- 
wirkung auf die lokalen, die nichtliterarischen Kreise der 
allgemeinen Bildung ausging, ist ohne weiteres klar, von 
zahlreichen Urtheilsfähigen erlebt und angeschaut, wenn 
auch nur spärlich und lückenhaft mit gedruckten und ge- 
schriebenen Zeugnissen zu belegen. Hier ofienbart sich 
wieder einmal, wie beschränkt die historische Anschauung 
ist, die sich lediglich auf Urkunden und Aktenstücke gründen 
will, wie leicht geistige Eindrücke der feinsten und flüch- 
tigsten Art, lebendige Einflüsse von großer Bedeutung dabei 
vergessen werden können. Die zuverlässige Abwägung des 
Antneils der Kenner im engeren Wonsinn und des Antheils 
der naiven Empfänglichkeit für poetische Schönheit und 
Lebensfülle, die sich in der Phantasie und Empfindung von 
Hunderten und Tausenden regt, an der immer allgemeineren 
Würdigung und Verehrung des Dichters und seiner Werke 
zeigt sich in der That unmöglich und würde auch dann 



238 Abhandlungen. 



unmöglich bleiben, wenn für Dresden noch mehr Briefe, 
Tagebuchblätter und andere unveröffentlichte Zeugnisse 
herbeigeschafft würden. 

AugenfälUger und besser belegt als die Eindrücke der 
Lyrik und der epischen Werke Goethes in Dresden, bleiben 
allein die Wirkungen seiner dramatischen Dichtungen. Wenn 
bis I. Januar 1862 die Hauptwerke vom früher bezeich- 
neten Tage ihrer Erstaufführung an »Faust« erster Theil 
^ mal, ))Egmont« 58 mal, »Clavigo« 27 mal, »Torquato 
Tasso« 23 mal, »Götz von ßerlichingen« und »Iphigenia 
aufTauris« je 13 mal, »Die Geschwister« 31 mal und »Die 
Laune des Verliebten« 5 mal vorgeführt wurden, so steigerte 
sich die Zahl der Auflfuhrungen dieser Dramen in der Zeit 
von 1862 bis zum hundertundfünfzigsten Geburtsfeste des 
Dichters (28. August 1899) sehr bemerk enswerth. So wurde 
im letztgedachten Zeitraum der erste Theil des »Faust« 
89 mal, der »Egmont« 62 mal, »Götz von Berlichingen« 
45 mal, »Iphigenia auf Tauris« 41 mal, »Torquato Tasso« 
20 mal, »Clavigo« 19 mal, »Die öeschwister« 25 mal, »Die 
Laune des Verfiebten« 3 mal aufgeführt. Daß die i8q6 und 
1899 veranstalteten Cyclen von Goethes Dramen cfen ge- 
nannten Werken auch noch die »Stella« (die Tragödie, 
nicht das »Schauspiel für Liebende«) »Die Mitschuldigen«, 
den »Bürgergeneral«, auch »Paläophron und Neoterpe« und 
das Vorspiel »auf dem Theater« zum »Faust« gesellten, 
mag nur kurz bemerkt sein, fiel auch, »Stella« ausgenommen, 
kaum mehr ins Gewicht, als die wiederholten früheren 
Versuche mit Goethes Singspiel »Jery und Bätely« (das 
schon 1823 mit Reichardts, i8a6 mit Lecerfs Musik gespielt 
wurde) oder mit Goethes Uebertragungen Voltairescher 
Tragödien. Viel tiefere und nachhaltigere Bedeutung hatten 
die erneuten Anläufe zur theatralischen Verkörperung des 
zweiten Theiles des »Faust«, deren erster am 29. August 
1880 unternommen wurde und mit 4Q Wiederholungen die 
Gesammtdarstellung der Dichtung ^der der »Prolog im 
Himmel« voranging) auf der Dresdener Hofbühne ein- 
bürgerte.* Die tiefsten und erhebendsten Wirkungen gingen 
dann freilich immer aufs neue von den Aufführungen des 
ersten Theils des »Faust«, des »Egmont«, der »Iphigenia«. 
des »Torquato Tasso«, des »Götz von Berlichingen« und 
»Clavigo« aus. Einen überraschenden Beleg, daß es während 
vieler Jahrzehnte und immer wieder hochgebildete, mit 
Goethes Poesie innerlich vertraute Menschen gab, die 
dennoch den Eindruck der Goethischen Dramen von der 



' Die benutzten Verzeichnbse im Archiv des K. Hoftheaters zu 
Dresden. 



Goethe und Dresden. 239 



Bühne herab erst spät erfuhren, gewähren die veröffent- 
lichten Auszüge aus den Tagebüchern des Historienmalers 
und Direktors der Gemäldegallerie Julius Schnorr von 
Carolsfeld. Als der geniale Schauspieler ßogumil Dawison 
den großen Maler am 16. November 1852 besuchte, bemerkte 
Schnorr in seinen Aufzeichnungen über diesen Besuch: 
»Er freut sich, daß wir Antheil an seinem Spiel nehmen. 
Er bespricht sichtUch gern seine Rollen. Morgen giebt er 
den Mephistopheles. Er erklärt, daß er den Volksteufel, 
den Krampus, nicht geben könne, er werde als ein un- 
heimlicher Mensch erscheinen. Die Bezeichnung, die dem 
Mephisto werde, wenn gesagt wird, daß er einem Kavalier 
gleiche, sei unvereinbar mit dem Pferdefüßigen. Wir freuen 
uns sehr der Bekanntschaft und fühlen uns innerlich auf- 

Eefordert Dawison morgen als Meohistopheles zu sehen.« 
^nter dem 17. November aber heißt es: »Die persönliche 
Bekanntschaft mit Dawison hatte uns angeregt ihn auch 
als Mephistopheles kennen zu lernen. Ohnehin haben wir 
Faust noch nie auf der Bühne gesehen. Die Wirkung der 
Darstellung ist eine außerordentUche. Dawison giebt den 
Mephistopheles meisterhaft, sowie die Bayer -Bürck als 
Gretchen vortrefflich ist. Auch Walthers Leistunjg (als 
Faust) ist befriedigend und die ganze Aufführung gelungen 
zu nennen. Der ungeheure Ernst des Stücks wirkt so, daß 
man kaum dazu kommt den Beifall bezeugen zu können.«' 
Wenn für einen Mann wie Schnorr von Carolsfeld und 
dessen Familie die dramatische Wirkung eines Goethischen 
Hauptwerkes 1852 noch völlig neu sem konnte, so gab 
es natürlich ganze Lebenskreise und zahlreiche Menschen 
in Dresden, denen solche Kunstoffenbarung noch weit später 
zu Theil wurde. Ein geistvoller Schriftsteller wie Karl von 
Beaulieu-Marconnay, der seit 1867 in Dresden lebte und 
hier unter anderen auch seine interessanten Studien »Anna 
Amalia, Carl August und der Minister von Fritsch«, sowie 
seine Biographie Dalbergs schrieb, hatte eben durchaus 
Recht, wenn er in einem Briefe vom 6. Mai 1876 bemerkt: 
»Die Klassikervorstellungen, wie die Schuleinfuhrungen in 
Goethe und Schiller haoen, wie Alles in der Welt, eine 
schlimme Kehrseite. Das unendliche Entzücken, mit dem 
wür in reiferen Jahren den Genuß eines bis dahin nicht 
gekannten Drchterwerkes und einer großen künstlerischen 
Vollkommenheit begrüßen, wird vor der Zeit unmöglich 
gemacht. Was hätte ich nicht darum gegeben, wenn die 

* Aus Julius Schnorrs Tagebüchern. Mitgetheilt von Prof. Dr. 
Franz Schnorr von Carolsfeld. Dresdner Geschichtsblätter, heraus- 
gegeben vom Verein für Geschichte Dresdens. 1895. Heft I— IV. 



240 Abhandlukgen. 



Iphigenie der Clara Ziegler die erste gewesen wäre, die 
ich gesehen und gehört hätte. Mitten in den Schauern, 
die mir ihr ergreißnder Vonrag des Parzenliedes weckte, 
fielen mir doch die verschiedenen Komödiantinnen ein, die 
ich gerade diese eoldnen Verse wie stroherne habe abhaspeln 
hören. Es brauen t sich keiner zu beklagen, der was Gutes 
spät kostet, so's nicht gerade zu spät wird.« Aehnliche 

Erivate Zeugnisse für das beständige Fonleben der Goethischen 
Dichtung in den Einzeben ließen sich noch mehrfach bei- 
bringen. Die Theaterkritik, auch die beste, kann doch 
immer nur die allgemeinsten und äußerlich erkennbarsten 
Wirkungen lebensvoller Dichtungen auf ein Publikum w^ahr- 
nehmen und verzeichnen und weiß nichts von solchen 
Intimitäten. Und doch spiegelt sich selbst in ihr, wenigstens 
in der Dresdner Theaterkritik der sechziger und siebziger 
Jahre (wobei natürlich nicht alle Zeitungsoerichterstattung 
zur Theaterkritik erhöht werden darQ oie beständige Ver- 
tiefung wie die Verbreitung des Gefühls und Verständnisses 
für Goethische Poesie in dem zur Großstadt empor- 
wachsenden Dresden. 

Bei dieser Allgemeinheit der Empfindung ward bis in 
die achtziger Jahre hinein kaum eine Wirkung der neuen 
Gegenströmung erkennbar, deren tiefste und nachhaltigste 
Quellen der geniale Dichter Otto Ludwig, der von 185 1 
bis zu seinem im Februar 1865 erfolgtem frühen Tode 
gleichfalls Dresden angehörte, in der Stille seines Arbeits- 
und Krankenzimmers^ in der unablässigen Schürfarbeit seiner 
zugleich großartig einsichtigen und grüblerisch einseitigen 
Shakespeare-Ergründung erschlossen hatte. Wenn Ludwig 
zögernd und zweifelnd das Won sprach : Goethe habe »von 
der Natur zu passiv gedacht, überhaupt von der Natur nur 
die stillere passive Seite reproduzirt,« seine Natur sei, im 
Gegensatz zu der ganzen Natur im Shakespeare und im 
Sophokles doch nur eine halbe gewesen, so wußte er auf 
der andern Seite gut genug, daß Beide, Goethe wie Shake- 
speare »bei gleich idealer Benandlung auf entgegengesetztem 
Wege gehend, das ähnliche erreichen, Goethe durch Zu- 
sammendrängen, Shakespeare durch Ausdehnung der Ge- 
stalten diese von der gemeinen Wirklichkeit isolirend.« 
Er sagte sich, daß Goethe wie Shakespeare »das Primitive 
und Schlanke, das Wunderbare, die kurzen Szenen, den 
reichen Wechsel, die Mischung des Heitern und Ernsten,, 
die verschwindende Kausalität, wodurch es scheint, als habe 
die Phantasie allein alles geordnet, die ideale Behandlung 
von Zeit und Ort, das Erheben des Dialogs über die ge- 
meine Wirklichkeit, das Ausklingen der Stimmung und das 
Abschließen der einzelnen Szenenstimmungen gegeneinander^ 



Goethe ukd Dresden. 241 

das poetische Sichgehenlassen des Gehaltes bei völlig ver- 
steckter Maschine, das Vorherrschen des Zuständlichen, auch 
des Leidens über das Handeln« * völlig gemein hätten und 
träumte nicht davon, einem neuen Versuch den deutschen 
Dichter aus Seele und Sinn seines Volkes hinwegzuspülen, 
die Dämme aus dem Wege zu räumen. Nichtsdesto- 
weniger bildete Otto Ludwigs Wort von der »halben Natur« 
in Goethe seit dem allmählichen Bekanntwerden der Lud- 
wigschen »Shakespearestudien« und seit dem Beginn der 
naturalistischen Bewegunjg der achtziger Jahre, die Haupt- 
losung. Die damit allem aufgeworfene Frage von aer 
Spannungskraft und den Grenzen der Naturaufnahme wie 
von der Eigenart derNaturwirkune: in einem großen Dichter 
hätte höchstens Anlaß zu tieferen Untersuchungen und ästhe- 
tischen Auseinandersetzungen geben, die Einsicht von Goethes 
Größe und Verdienst am Ende nur festigen und vertiefen 
können. Aber mit der Springfluth aus Ludwigs Quell 
verbanden sich alsbald trübere Gewässer zu reißender und 
bedrohHcher Strömung. Die niemals überwundene Ab- 
neigung des politischen, sozialen und philosophischen Radi- 
kalismus gegen Goethe, die tausendmal widerlegten und fast 
willkürlichen Behauptungen der Romantiker, daß der wahre 
Goethe nur diesseits von Weimar zu finden sei, die wunder- 
liche Genievergötterung, die neben »Götz«, »Werther«, 
»Stella« und dem Urfaust die Frankfurter Schönbartspiele 
maßlos pries und »Iphigenia«, »Tasso«, »Wilhelm Meister« 
und »Hermann und Dorothea« akademisch schalt, die revo- 
lutionäre roh selbstische Leidenschaft Ruhmsüchtiger, die 
dem geschiednen Dichter und seiner Poesie ihr: steh auf, 
damit ich mich setze, zuherrschte, sie alle verbanden und 
vermischten sich mit den von der realistischen Kritik auf- 
geworfenen Streitfragen. Natürlich erhielt auch Dresden 
seinen wohljgemessenen Antheil von dem allen. Ein wunder- 
licher Zufall hatte auch den »Urfaust«, der die Lösung so 
vieler alter Zweifel brachte, so manche willkürliche Hypo- 
thesen beseitigte, um auf der Stelle der Ausgangspunkt 
neuer zu werden, durch Erich Schmidt in einem Dresdner 
Hause auffinden lassen. Daß sich aber alsbald auch in dieser 
Stadt, die nun ein Halbjahrhundert einer der festesten Sitze 
der Goethe -Verehrung und Goethe-Erkenntniß gewesen 
war, beredte und entschlossene Wortführer der neuen 
Bewegung wider Kunst und Person des Dichters, wider 
Geltung und Einfluß seiner Dichtung fanden, war kein 
Zufall und hing mit allgemeinen Verhältnissen, mit un- 



' Otto Ludwig, Studien. Gesammelte Schriften, herausgegeben 
von Ad. Stern und Erich Schmidt. 5. Band. (Leipzig 189 1.) S. 340 u. 347. 

Goitui-Jahkbuch XXn. l6 



242 Abhandlungen. 



vermeidlichen Kämpfen im lokalen Kunstleben zusammen. 
Für gewisse enge und ausschließlich vom politischen Leben 
beherrschte Naturen reichte es aus, daß Fürst Bismarck 
Shakespeares Dichtung der Dichtung Goethes vorgezogen 
hatte, um sich von uoethe abzuwenden und des großen 
Staatsmanns flüchtiges Wort zu Abeken: »von uoethe 
schenke ich Ihnen auch dreiviertel. Das übrige freilich — 
mit sieben oder acht Bänden von den vierzig wollte ich 
wohl eine Zeitlang auf einer wüsten Insel leben« wurde 
für sie, unter Wegiassung des letzten entscheidenden Haupt- 
satzes, zu einer Art Evangelium. Mochte man gerechter- 
weise dieser neuen gegnerischen Partei immerhin zugeben, 
daß eine ungesunde ästhesirende Schwelgerei in Einzel- 
heiten Goethischer Lyrik, eine kleinliche Lust an unwesent- 
lichen Aeußerlichkeiten und die bloße Neugier des Sammler- 
geistes sich in die Goethelecture, wie die Goetheliteratur 
mannichfach eingeschlichen hatten und Dresden davon so 
wenig freigeblieoen war, als irgend ein größerer Mittel- 
punkt geistiger Interessen — so blieben doch neunund- 
neunzig Hunaertstel des Widergeistes und erneuten Wider- 
spruchs so völlig unberechtigt, als der Versuch die Liebe 
für den Dichter gleichsam methodisch auszuwurzeln völlig 
hoffnungslos war. 

Um so hoffnungsloser, als sich nach wie vor der 
Ueberzahl der Unbefangnen der Brunnen des lebendigen 
Genusses, der aus Goethes Dichtung strömt, nicht ver- 
schliessen läßt. Was war gewonnen, wenn die kritischen 
Bestrebungen die Werthschätzung von Goethes Lyrik etwa 
auf ein Drittel oder Viertel der unmittelbarsten und er- 
greifendsten Gedichte einzuschränken, den »Faust« aus- 
schließlich für lebendig und wirksam zu erklären auch 
nicht so spurlos an der Aufnahmefähigkeit der Genießenden 
abglitten, als sie es thaten? Die der Versenkung in auch 
nur einige Schöpfungen eines poetischen Genius inne- 
wohnenden Trieb- und Expansionskraft hätte ja doch jeder- 
zeit von den angeblich allein noch wirksamen Werken zu 
den anderen zurückführen müssen! Die Goethegemeinde, 
innerhalb der großen Kirche, die auch in Dresden ihr Dasein 
durch verhältnißmäßig zahlreiche Beitritte zur Goethe- 
Gesellschaft (1889 zählte diese in Dresden 70, 1899 aber 
73 Mitglieder aus den verschiedensten Kreisen der Dresdner 
Bevölkerung), durch Gründung eines eigenen Goethe-Vereins 
(1895), durch mannigfache literarische Veröffentlichungen 
kundgab, fiel hierbei viel weniger ins Gewicht, als die enthu- 
siastische Frische, der überaus lebhafte immer erneute Antheil 
des größeren Publikums in Dresden an allen Aufführungen 
und öffentlichen Vorträgen Goethischer Dichtungen. 



Goethe und Dresden. 243 

An der Auswahl und AusdehnunR der beiden »Goethe- 
Cyclen« im Königlichen Schauspielhause, die 1896 und 
iö99'mit je sieben Abenden stattranden, konnten literatur- 
geschichtliche Einwirkungen einen gewissen Antheil haben, 
auf die frische Empfänglichkeit, die Spannung des Publikums 
und die großen Erfolge beider Cyclen blieben sie natürlich 
völlig einflußlos. Die genauere Beobachtung der Zuschauer- 
schaft beider Folgen Goethischer Dramen und ihres Ver- 
haltens bei den so ungleich wirkenden Dichtungen ergab 
im Ganzen ein erfreuliches Verständniß, eine Skala, die 
sich von der Lust am Ungewöhnlichen, minder Bekannten, 
zur wärmsten Theilnahme am Neueindruck des längst 
genossenen Schönen, zur tiefsten Erschütterung bei &n 
mächtigsten Offenbarungen Goethischer Dichtung steigerte. 
Auch war leicht festzustellen, daß der pädagogische Geist, 
der seit zwei Menschenaltern an der Einführung der Jugend 
in Goethes Welt hier wie anderwärts mehr und minder 
glücklich Antheil genommen hatte, für die letzte und nach- 
haltigste Wirkung jener Bühnenabende keineswegs ent- 
scheidend wurde. Die thöricht genug von einzelnen Wider- 
sachern des Dichters gestellte Frage : »hat Goethe noch 
ein Publikum?« wurde hier laut und weithin erkennbar 
wenigstens für Dresden mit freudigem Ja beantwortet. Die 
stillere Sprache der fortgesetzten Verbreitung Goethischer 
Werke in großen und kleineren Ausgaben wie in Einzel- 
drucken aller Art bleibt leider in der Statistik des lokalen 
Buchhandels verborgen; übrigens unterliegt es keinem 
Zweifel, daß auch sie, lautwerdend sich zu einem kräftigen 
Protest dagegen erheben würde, daß über die engsten Kreise 
derer hinaus, die unablässig die elementarste Gewalt neuer 
Dichtung, die mächtigste Ürsprünglichkeit suchen und fort- 
gesetzt nur das Ergrübelte und Unnatürliche zu finden 
wissen, nirgend ein Verzagen am vollen Leben oder der 
vollen Wirkungsfähigkeit der Poesie Goethes obwaltet. 
Was 1832 in einem schlichten Dresdner Hause beim Tode 
des Gewaltigen ausgerufen wurde, gilt für uns, für das 
deutsche Volk und mr die Welt: »Goethe stirbt nicht!« 







16* 



Goethe. UND die Porzellan-Fabrik 
zu Ilmenau. 



Von 

Wilhelm Stieda. 



Ort! 



nter dem Einflüsse der Errichtung der ersten deut- 
schen Porzellan -Manufaktur auf der Albrechtsburg 
_ in Meißen im Jahre 1710 begann man an vielen 

mit den Versuchen, dem ängstlich gehüteten Geheim- 

niß der Eorzellanbereitung auf die Spur zu kommen und 
ebenfalls Fabriken ins Leben zu rufen. So entstanden in 
der Zeit von 1718 bis 1758 die Etablissements von Wien, 
Höchst, Fürstenberg, FranKcnthal, LuJwigsburg, sowie die 
Wegely'sche Fabrik zu Berlin, der ungefähr zehn Jahre später 
die Gotzkowsky'sche Anstalt folgte, die 1763 von Friedrich 
dem Großen erworben wurde. Theils ist offenbar wenn die- 
Regenten kühne Unternehmer privilegirten oder auf eigene 
Rechnung Fabriken eröffneten, der Wunsch maßgebena ge- 
wesen das saubere und schmucke Geschirr, das freilich nur 
langsam das zinnerne und irdene verdrängte, wohlfeiler im 
eigenen Lande zur Verfügung zu haben. Theils beherrschte 
aber auch die merkantilistiscne Idee die Regierungen, daß es 
voriheilhaft sei, Industrieen, insbesondere Exportmdustrieen 
großzuziehen, um auf diese Weise den Abffuß des Geldes 
für von auswärts bezogene Fabrikate zu verhindern und 
womöglich für den Absatz der eigenen Erzeugnisse ins 
Ausland selbst Geld ins Land hineinzubekommen. 



Goethe und die Porzellan-Fabrik zu Ilmenau. 245 

Auf dem Thüringer Walde nicht minder als anderswo 
tauchten die gleichen Wünsche und Gedanken auf. Gerade 
die Geschichte der hier errichteten Anstalten ist noch in 
ziemliches Dunkel gehüllt und ich bin eben erst seit einiger 
Zeit an der Arbeit durch archivalische Studien, die um so 
mühsamer sind, als das Material in mehreren Archiven ver- 
streut ist, dasselbe aufzuhellen. Soviel scheint indeß als 
sicher angenommen werden zu dürfen, daß die Böttgersche 
Erfindung in Thüringen zum zweiten Male gemacht ist. 
Ohne nachweisliche Berührung mit Böttger oder Arbeitern 
aus der Meißner oder anderen Fabriken, ist die thüringische 
Porzellan-Industrie erwachsen. Es mochte hier um so mehr 
Veranlassung zur Einbürgerung des neuen Industriezweiges 
gegeben sein, als die Bevölkerung der Waldorte notorisch 
arm war und in dem Walde selbst eins der wichtigeren 
Erfordernisse, das Brennmaterial, verhältnißmäßig wohlfeil 
zu haben war. Demgemäß mußte eine neue industrielle 
Thätigkeit, die auf den Schätzen des Landes beruhte, 
besonders willkommen sein. So wird es erklärlich, daß 
seit 1762 bis gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts etwa ein 
Dutzend PorzelJanfabriken in verschiedenen thüringischen 
Ländern entstanden. 

In Ilmenau wurde eine Porzellan-Fabrik im Jahre 1777 
eröffnet. Um die Concession zu ihrer Eröffnung hatte sicn 
im April des genannten Jahres ein gewisser Christian 
Zacharias Gräbner beworben. Nach seiner Angabe bestand 
bereits in Breitenbach eine »feine Porzellanfabnk« *, so daß 
sein Wunsch dort eine solche zu eröffnen, auf Sch\vierig- 
keiten stieß. Da er nun zu wissen glaubte, daß in der 
nächsten Umgebung von Ilmenau die geeigneten Roh- 
materialien vorhanden wären, wollte er dort ein neues 
Etablissement in Gang bringen. Das Regimen Wimariense 
d. h. die zur Fürstlich Sächsischen Regierung verordneten 
Kanzler und Räthe hatten, zum Gutacnten über Gräbners 
Gesuch aufgefordert, kein Bedenken dasselbe zu befürworten 
und da Gräbner es sehr eilig hatte, wies der Herzog Karl 
August am 3. Juni die Kammer an die Concession aus- 
zustellen. Auf diese Weise kam denn, gestützt auf das 
Privileg vom 18. luli \T]i die Anstalt wirklich in Betrieb. 

Gräbner kaufte ein Grundstück, auf dem früher die 
Raths-Ziegelhütte gestanden hatte nebst der Kappaufischen 

* Ueber sie Jiaben sich im Fürstl. Schwarzburgischen Archiv zu 
Sondershausen bis jetzt keine Acten gefunden. Demmin Guide de 
Tamateur de faiences et porcelaines II, 1074 nimmt an, daß in Breiten- 
bach eine Porzellanfabrik im J. 1762 bejgründet wurde. Ein Privileg von 
1783 für diese Anstalt hat sich im Archiv des Landrathsamts in Gehren 
erhalten. 



246 Abhandlungen. 



Oelmühle und richtete sein Werk ein, das anscheinend in 
den ersten Wochen ganz gut in Gang kam. Wenigstens 
läßt sich das daraus schließen, daß auf seinen Antrag der 
Herzog unter dem 17. April 1779 ein Mandat erließ, nach 
dem das Hausiren mit ordinairem ausländischen Porzellan 
und Steingut an »Thee- und CafFeezeug« verboten wurde. 

Aber l)ald wandte sich das Blatt. Gräbner hatte wenig 
oder gar kein eigenes Betriebskapital und die Durchführung 
meines Vorhabens war ihm nur möglich gewesen, indem 
der Herzog aus seiner Schatulle Vorschüsse gespendet 
hatte. Auch war dem Unternehmer aus den herrschaftlichen 
Waldungen Brennholz, soviel als für die Fabrik erforder- 
lich war, auf Credit verabfolgt worden. Auf diese Weise 
schuldete Gräbner dem Herzog bis zum 6. März 1783 die 
Summe von 9189 Reichsthalem, für welchen Betrag er seine 
Fabrik »mit allen Zubehörungen, Inventarien-Stücken und 
Vorräthen zum ausdrücklichen Unterpfand« eingesetzt hatte. 
Dazu kam noch eine Schuld in der Höhe von 788 Reichs- 
thalem und einigen Groschen für Holzlieferungen. 

In dieser Nothlage. vermuthlich ohne rechte Hoffnung 
seiner drückenden Schuldenlast sich je entledigen zu können, 
deren Zinsen er nicht einmal aufzubringen vermochte, 
entschloß sich Gräbner zu einem bedeutsamen Schritt. Er 
machte mit dem Rath Bertuch, als dem Administrator der 
fürstlichen Schatulle zu Weimar, der von Anfang an ein 
lebhaftes Interesse für den neuen Gewerbszweig gezeigt 
hatte, einen Vertrag, durch den er sein Etablissement aus 
Hänaen gab. Nach diesem vom 28. Februar 1783 sollte 
die Fabrik unter der Aufsicht eines von der ochatull- 
Administration zu bestellenden Inspectors, Controlleurs 
und Factors für herrschaftliche Recnnung so lange ver- 
waltet werden, bis es gelungen war sie schuldenfrei zu 
machen. Ueber die Verwaltung sollte jährlich Rechen- 
schaft abgelegt und der etwaige Ueberschuß zur Tilgung 
der Schuld verwandt werden. Sobald die Schuld bezahu 
wäre, sollte die Administration aufhören. 

ursprünglich war dabei geplant, Gräbner nebst Frau 
und Sohn gegen ein gewisses monatliches Salair mitar- 
beiten zu lassen. Indeß Gräbner hatte andere Gedanken 
im Sinne. Von Rußland aus war die Anregung ergangen, 
sachverständige Glashüttenarbeiter und Glasmacher zur Aus- 
wanderung zu bewegen. Gräbner suchte derartige Wag- 
halsige zu vereinigen und wollte mit ihnen gemeinsam sein 
GlücK im großen russischen Reich versuchen. Freilich 
wurde ihm, als sein Plan bekannt geworden war. mit Zucht- 
haus gedroht, falls er ihn ausführen würde und gegen ihn 
selbst, da er »de fuga suspectus«, dachte man mit einem 



Goethe und die Porzellan-Fabrik zu Ilmenau. 247 

Personalarrest vorzugehen. Indeß Gräbner war nicht mehr 
in Ilmenau und nahm — ob mit oder ohne Glasarbeiter, 
bleibe dahingestellt— in derThat seinen Weg nach Rußland. 

Auf die Fabrik blieb die SchatuU -Verwaltung nicht 
ohne Einfluß. Bertuch, ein sehr enerjgischer Mann, der 
offenbar von dem Emporblühen der Fabrik viel erwartete, 
steckte noch mehr Geld hinein. Im April 1784 brannte 
das Brennhaus ab, sodaß man zu einem Neubau desselben 
schreiten mußte und bei der Gelegenheit auch noch andere 
Anbauten und Erweiterungsbauten vornahm. Nach und 
nach waren auf diese Weise im Handumdrehen zu den 
früheren Schulden neue im Betrage von 9732 Reichsthalern 
hinzugekommen. Noch ehe es so weit gekommen war, 
hatte man, wahrscheinlich von dem Wunsche geleitet, die 
Hände ganz frei zu bekommen, den Gräbner veranlaßt, 
einen Theil seiner Schuld zu bezahlen. Während das in 
dem Vertrage gar nicht vorgesehen war und Gräbner im 
Auslande weilte, erklärte man ihm, daß wenn er nicht bis 
zum December 1783 einen Theil seiner Schuld, nämlich 
2000 Thaler abtragen oder der Fabrik für diesen Betrag 
Absatz ihrer Fabrikate verschaffen könne, man gegen ihn 
klagbar werden würde. 

Gräbner antwortete aus Reval, daß er nichts zu zahlen 
im Stande sei und sich an seinen Administrations -Vertrag 
halte. Auch sein Stiefsohn Joh. Heinr. Friedr. Greiner bat 
im April 1784, daß die Verwaltung so lange fortgesetzt 
werden möchte, bis sein Vater zu Ostern nächsten Jahres 
aus Rußland heimgekehrt sein würde. Wie es scheint, ging 
man darauf ein ; aber als man nun längere Zeit nichts von 
dem Flüchtigen hörte, er auch zu Ostern 1784 nicht in 
Ilmenau erscnien, wurde eine Klage gegen ihn angestrengt 
wegen des Restes der Gelder, die Gräoner für clas seiner 
Fabrik gelieferte Holz schuldig war. Zum Termin erschien 
Niemand von Seiten des Schuldners, und nun entstand die 
Frage was thun. Man hatte die Möj^lichkeit die Admini- 
stration fortzusetzen so lange bis es (iräbnern gefällig sein 
würde seine Ansprüche geltend zu machen oder man konnte 
die Fabrik versteigern lassen und sie dann für den Herzog 
oder dessen Schatulle, die die Hauptgläubigerin war, erstehen. 

Auf Grundlage eines ausführlichen Berichts, den der 
Rath Bertuch am 18. Oktober 1785 erstattet hatte, trat die 
Fürstliche Regierung in Berathung und hierbei war es nun, 
daß auch Goethe zu Worte kam. 

Am II. Januar 1782 war bekanntlich jenes charakte- 
ristische Rescript des Herzogs an die Kammer ergangen, 
m dem allerdings* die Leitung der Geschäfte dem jedesmal 
Vorsitzenden geheimen Kammerrathe übertragen, aber gleich- 



248 Abhandlusgen. 



zeitig die Anweisung, ertheilt wurde, über alle in das De- 
partement der Kammer fallenden Angelegenheiten mit 
Goethe Rücksprache halten zu w^ollen, »da Wir unserem 
Geheimen Rath Goethe Gelegenheit sich mit denen Kammer- 
Angelegenheiten näher bekannt zu machen und Uns in 
diesem Fache in der Folge nützliche Dienste zu leisten 
verschaffen wollen.«* 

OflFenbar auf diese Verfügung ist es zurückzuführen, 
daß Goethe in der Frage der Erwerbung der Porzellanfabrik 
ebenfalls gehört wurde. Der geheime Kammerrath Johann 
Christoph Schmidt sagte am Schlüsse seines Berichtes, in 
dem er sich über das Bertuch'sche Gutachten geäußert hatte: 
wich wünsche daher, daß des Herrn Geheimden Raths von 
Goethe hochwohlgeboren die Gütigkeit haben möchten et\va 
desfals mit dem Kammermeister Bechmann oder dem 
Lotteriekassier Juhus vorher zu sprechen, damit selbige an 
Hand gehen könnten, wie etwa sothane Bilance am füg- 
lichsten zu der bemelten Absicht einzurichten sey.« 

Diesem Ansinnen hat Goethe sofort entsprochen und 
das Resultat seiner Unterredung mit dem Kassier Juhus 
alsdann wie folgt aufgezeichnet: 

»Nach dem in vorliegendem Voto geäußerten Wunsche 
habe ich den Lotterie Caßier Julius üoer die vorliegende 
Sache gehört welcher seine Meynung dergestalt von sich 
gegeben : 

Wenn man zu einer kurzen und vollkommenen Über- 
sicht über das Ganze der Ilmenauer Porzellan Fabrick 
gelangen wolle, so seye wie schon bemerckt worden, vor- 
zügHcn nötig: 

i) eine richtige Angabe sämtlicher zur Fabrick gehörig 
gewesenen Gebäude, vorräthig gewesenen Waaren und 
Effeckten, nach ihrem damaligen wahren Werthe nebst 
allen Activis und Passivis, wie alles beym Anfange der 
Administration übernommen worden. 

Eine solche Aneabe sey der Grund der ganzen Sache, 
und es könnte solcne, im Fall es nicht bereits zu jener 
Zeit geschehen, wohl noch jetzt aus denen diesfalls ver- 
handelten Ackten, Rechnungen und übrigen Nachrichten in 
Form eines Inventarii gefertigt werden. Ohne ein dergl. 
richtiges Verzeichniß oder Inventarium würde nicht zu 
übersehen seyn, inwiefern Seren. Schatulle, wegen der 
älteren dem Fabrikanten Gräbner, gethanen Vorschüsse, 
durch die erhaltne Hypothek schon damals sichergestellt 
worden sey. Gut wäre es auch, wenn über den Verkauf 
der damals vorräthig gewesenen Gräbnerischen Waaren, 

* C. Vogel, Goethe in amtlichen Verhältnissen 1834, S. 2—4. 



Goethe und die Porzellan-Fabrik zu Ilmenau. 249 

sowohl über Einnahme als Ausgabe separate Rechnung 
geführt worden wäre. 

2) Würde jgleichfalls ein Verzeichniß des dermalen 
bestehenden wahren Werths, der jetzt existirenden, sämt- 
lichen zur Fabrick gehörigen sowohl altem als neuern 
Gebäude, EfFeckten, vorhanonenWaaren ingl. der Activorum 
und Passivorum zu fertigen seyn. 

Die Waaren dürften aber nicht nach ihren Verkaufs- 
preisen, sondern nur wie selbige der Fabrick selbst zu 
stehen kommen, angesetzt werden. Hieraus würde sich 
dann ferner der ganze jetzige Vermögensstand der Fabrick 
ergeben, auch zu ersehen seyn, ob die aus Seren. Schatulle 
der Fabrick geleisteten, sowohl altern als neuern Vorschüsse 
noch würcklich vorhanden seyen oder nicht, ingl. ob die 
Fabrick während der Administration profitirt oder eingebüst 
habe. Auf diese Art könne auch von Jahr zu Jahr, wenn 
damit continuirt würde, der künftige wahre Bestand der 
Fabrick gar leicht eingesehen werden. Eine Bilance blos 
über Einnahme und Ausgabe während der geführten Ad- 
ministration, aus denen Rechnungen zu extrahiren, würde 
nur dazu dienen um zu sehen wozu die hergeschossenen 
Gelder verwendet worden sind, die wahre Übersicht des 
eigentlichen jetzigen Vermögensstandes der Fabrick aber 
mögte |: seinem Dafürhalten nach :| nicht ganz dadurch 
erlangt werden. 

3j Was diesen Punkt betriflft, so wünschte ich, daß 
derseloe nicht noch gar zu sehr auf blosen Hoffnungen 
beruhte, indeßen wira vorzüglich darüber Nachricht und 
Auskunft zu erfordern seyn. 

Übrigens conformire ich mich in allem vorliegendem 
Voto. sm. G.' 

In der Folge wurde durch einen Kammerbeschluß vom 
8. November 1785 der Rath Bertuch ersucht noch w^eitere 
Angaben zu machen, ehe man sich zur Uebernahme der 
Fabrik auf Rechnung der herzoglichen Schatulle entschließen 
könne. Namenthch wurde ein »specifiques Verzeichniß« 
des derzeitigen Werths der vorhandenen sämmtlichen zur 
Fabrik gehörigen, sowohl älteren als neueren Gebäuden, 
Effekten, Waarenvorräthe der »Activorum und Passivorum« 
gewünscht. Und hier hatte der Geheimrath Schmidt im 
Hinblick auf das »Votum Goethianum« an den Rand be- 
merkt: »Es schadet meines Erachtens nicht, daß nach der 



' Das Original, vollständig von Goethes eigener Hand geschrieben, 
findet sich in den Acten des Geheimen Haupt-, und Staatsarchivs zu 
Weimar, B. 6620, S. 61—62. Sie sind es auch, die der Erzählung von 
den Schicksalen der Porzellanfabrik zu Ilmenau zu Grunde gelegen haben. 



250 Abhandlungen. 



Intention des Herrn Geheimrath von Goethe hier die Gebäude 
wieder mit angesetzt werden sollen, weil dieses Verzeichniß 
dazu dienen soll, um den jetzigen guten Bestand der Fabrik 
und ob und in wie weit die herrschaftlichen Lasten sowohl 
in Ansehung der älteren als neueren Vorschüsse gesichen 
seien, zu übersehen.« 

Die Administration der Fabrik auf herrschaftliche Rech- 
nung muß doch nicht ganz den Erwartungen entsprochen 
haben. Denn ehe noch die Frage entschieden war, ob der 
Fürst die Fabrik kaufen soUte, begannen im März 1786 die 
Verhandlungen mit dem Porzellanfabrikanten Gotthelf 
Greiner in Limbach über ihre Verpachtung. 

Der Herzog wollte diesem Manne, der durch seine 
Bemühungen um die Hebung der Porzellan-Fabrikation sich 
einen geachteten Namen gemacht und in Limbach wie in 
Wallendorf Porzellan-Fabriken angelegt hatte, die Ilmenauer 
Fabrik in Erbpacht geben. Das vorräthige Waarenlager sollte 
Greiner zu einem proportionalen Preise käuflich über- 
nehmen und außerdem 2000 bis 3000 Reichsthaler bezahlen. 

Gegen diesen Vorschlag wandte sich nun der Geheim- 
rath Christ. Friedr. Schnaub, indem er ungefähr Folgendes 
ausführte. Man müsse fürchten, daß Greiners Absicht da- 
hin gehen würde, die Ilmenauer Fabrik zu ruiniren und 
seine eigene Limbacher Fabrik auf ihren Ruinen zu be- 
festigen. Er würde alle Arcana, Formen, Correspondenz 
u. dgl. m., die er kennen lernen würde, dazu benutzen, die 
Arbeit in Limbach zu verdoppeln und Ilmenau liegen lassen. 
Möglicherweise würde er auch die besseren Arbeiter nach 
Limbach ziehen, sodaß Ilmenau nach einigen Jahren als 
Caput mortuum zurückgehen würde. Besser wäre es den 
Spieß umzudrehen und Garantien zu schaffen, daß die 
Limbacher Fabrik niedergedrückt werde. 

Diese Befürchtungen scheint Goethe getheilt zu haben. 
Denn neben die Auslassungen seines Collegen im geheimen 
Concilio, die ihm der Ordnung ^emäß vorgelegt worden, 
bemerkte er eigenhändig: »da die Verpachtunig der Fabrik 
nothwendig ist, so macht sie sich ohngeachtet der be- 
gründeten Bedenklichkeiten auch räthlich. Uebrigens geh: 
mir keine Erinnerung bey, die in vorliegenden Votis nicht 
schon bemerkt worden wäre« 

s. m. Goethe' 

Wie man sieht, war Goethe in Bezug auf die Be- 
urtheilung der Lage der Porzellan-Fabrik keineswegs selb- 
ständig und er scheint für diesen Industriezweig überhaupt 

» a. a. O. B. 6620. 



Goethe ukd die Porzellan-Fabrik zu Ilmenau. 251 

nur wenig Interesse gehabt zu haben. Während er für das 
Bergwerk die größte Sorgfalt an den Tag legte, auch der 
Wollenfabrikation von Hetzer und Schnepps in Ilmenau alle 
Aufmerksamkeit angedeihen ließ, für sie sogar Muster und 
Tabellen mitbrachte,' wird uns nicht gemeldet^ daß er die 
Porzellan-Fabrik in Ilmenau mit einem Besuche beehrt hätte. 
Auch in den nächsten Jahren 1785 und 1786, in denen er 
sich ja amtlich hatte äußern müssen, tritt nach außen nicht 
hervor, daß das Schicksal dieser Fabrik ihn noch weiter 
beschäftigt hätte. Wahrscheinlich hat er ihr keine rechte 
Wichtigkeit beigelegt. 

Im Herbst 1786 war er zuerst in Karlsbad. Daran 
schloß sich die italienische Reise und auf ihr wurde ihm 
die freudige Nachricht zu Theil, daß der Herzog beab- 
sichtige, ihn von den Kammergeschäften mehr zu entbinden 
und deren nähere Aufsicht dem Geheimrath Schmidt zu 
übenragen.* Goethe begrüßte diese Entscheidung oflFenbar 
mit größter Genugthuung und hat nach seiner Rückkehr 
so wenig wie in anderen Kameralgeschäften in der Fra^e 
der Porzellan-Fabrik zu Ilmenan, die die Weimarische Regie- 
rung noch lange in Athem halten sollte^ das Wort ergritten. 
Obwohl im Rescript von 1788 ihm die Berechtigung zu- 
erkannt war, den Sessionen des CoUegii beizuwohnen und 
sogar auf dem für den Herzog reservirten Stuhle Platz zu 
nehmen,' so war doch, wie Goethe selbst es ausdrückt, 
sein »bestes Vorbültniß zu Ihrem (des Herzogs) Oeko- 
nomischen die Freundschaft« zu seinem Nachfolger.** 




* Briefwechsel des Großherzogs Karl August mit Goethe 1863. 
I, S. 30—^1. Brief Goethes aus Ilmenau vom 18. October 1784. 

* Bnefwechsel S. 75. 
3 Briefwechsel S. 117. 

* Briefwechsel S. 118. 



in. MiscELLEN, Chronik, 
Bibliographie. 



I. MiSCELLEN. 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Wirken. 

I. Zu Goethes Briefwechsel mit Lavater. 

I. 

In seinen Beiträgen zur nähern Kennlniß und wahren 
Darstellung /. K. Lavaters theilt Hcgner S, 99 eine Stelle 
aus einem Goethebriefe mit, die sich in keinem der auf uns 
gekommenen Briefe Goethes wiederfindet; sie lautet: 

»Lieber Lavater, eine Bitte 1 Beschreibe mir mit der 
Aufrichtigkeit eines Christen, aber ohne Bescheidenheit — 
Gerechtigkeit ist gegen die, was Gesundheit gegen Kränklich- 
keit — Deine ganze That wider den Landvogt Grebel, was 
Deine Schrift oder Rede veranlaßt, was darauf erfolgt ist, 
plutarchisch — damit ich 'Dich mit Deiner That messe. Du 
braver Geistlicher! Du theurer Mann! Eine solche That gilt 
hundert Bücher, und wenn mir die Zeiten wieder aufleben, 
wollt' ich mich mit der Welt wieder aussöhnen. Schreib 
mirs ganz, ich beschwöre Dich — um Deinetwillen«. 

Da Lavaters Auftreten gegen Grebel in das Jahr 1763 
fällt und eine ausfuhrliche Darstellung des Frocesses 1769, 
vier Jahre vor Beginn des Briefwechsels zwischen Lavater 
und Goethe, erschien, nahm man bisher an, daß obige Zeilen 
vor der ersten Begegnung der beiden Männer, also vor dem 
23. Juni 1774, geschrieben seien.' 

Allein ich wüßte nicht, wo unser Fragment in die vom 
33. August 1773 bis zur persönlichen Bekanntschaft sich er- 
streckende Briefreihe eingefügt werden könnte. Wohl aber 
ist mir eine Thatsache bekannt, die nach Lavaters Emser 



■ Siehe Goethes Briefe, W. A. Bd. j, S. 196. 



256 MiSCELLEN. 



Badereise, in den August 1774 fällt und ohne Zweifel Goethe 
veranlaßte, obige Zeilen an seinen Züricher Freund zu richten. 
Ich entnehme gedachte Thatsache einer von Lavater an Goethe 
gesandten, zum Einrücken ins Frankfurter Journal bestimmten 
Nachricht, deren in der Correspondenz der beiden Männer 
mehrfach Erwähnung geschieht. ' 

Diese Nachricht, von der sich in Lavaters handschrift- 
lichem Nachlaß in Zürich eine Copie erhalten hat, ist vom 
I. September 1774 datirt und der schweizerische Gottesmann 
beginnt sie mit den Worten: »Es ist in dem Stücke dieses 
Journals unmittelbar nach der Anzeige einiger neuerlich heraus- 
gekommenen Predigten von mir zugleich eine Zuschrift Der 
besiegte Landvogt angekündigt und feilgeboten worden«. Dem- 
nach war damals im Frankfurter Journal die 1 7 69 bereits er- 
schienene Schrift Der von /. K. Lavater glücklich besiegte 
Landvogt wieder feilgeboten worden und es ist somit unser 
Brief fragment in den August 1774 zu versetzen. 

2. 

Bekannt ist das Wort über den Verfasser des Pilatus, das 
Hegner a. a. O. S. 153/154 aus Lavaters Goethe-Correspondenz 
im Auszuge, Ludwig Hirzel in der Vierteljahrschrift für Literatur- 
geschichte 1892, S. 616/617 aus einem alten Excerptenheftchen 
vollständig mitgetheilt hat. Bisher war man der Meinung, 
dieses Urtheil über den Verfasser des Pontius Pilatus könne 
nicht an Lavater gerichtet gewesen sein. Hirzel meint a. a. 0. 
S. 619, daß der Adressat in einem Goethe und Lavater ge- 
meinsam befreundeten Züricher zu suchen sei. Hedwig Waser 
vermuthet in ihrer Schrift /. K, Lavater nach U. liegners 
handschriftlichen Aufzeichnungen, S. 88 in dem Adressaten 
den jungen Tobler. Eduard von der Hellen aber läßt sich 
in den »Lesarten« zum 6. Bande der Briefe Goethes S. 429 also 
vernehmen: »Daß dieses Urtheil aus Goethes Geist stammt, 
wird niemand anfechten, aber auch niemand wird bestimmen 
können, auf welchem Wege es in Lavaters Besitz kam, aus 
dem Hegner schöpfte«. — Goethe war es thatsächlich selbst, 
der das fragliche Schriftstück an Lavater schickte. Noch heute 
ruht in Lavaters brieflichem Nachlaß der Quartbogen, auf 
welchem es Goethe dem Verfasser des Pilatus selbst unter- 
breitet hat. Das Schriftstück ist von Goethes Sekretär Phiüpp 
Seidel geschrieben; in der letzten Zeile hat Goethe ein von 
Seidel ausgelassenes »mir« eigenhändig eingefügt. Auf der 
ersten Seite des Quartbogens steht rechts oben von Lavaters 
Hand »Goethe«. 



» Siehe G.-J. XX, 1899, S. 249 ff. 



MiSCELLEN. 257 



Auf das Wort über den Verfasser des Pilatus folgt auf 
der 3. und 4. Seite unseres Quartbogens, durch 2 Querstriche 
vom Vorhergehenden getrennt, ein »Auszug aus einem Briefe, 
von K.« Der Zusatz »von K.« ist von Goethes Hand, das 
Uebrige wiederum von Seidel geschrieben. Dieser Briefauszug 
wurde vonHirzel a. a. O. S. 617/618 aus den vergilbten Blättern 
des gedachten Excerptenheftchens fälschlich als ein Auszug aus 
einem Brief von Goethe veröffentlicht. Er handelt von Lavaters 
»Brüderlichen Schreiben an verschiedene Jünglinge«, welche im 
Mai 1782 erschienen sind, besonders von dem Schreiben an 
den Grafen von Wartensleben. Die Hauptstelle lautet: »Wenn 
aber Lavater bekehren will, wenn er junge Leute und sogar 
einen Graf Wartensleben, der in die Welt gehen soll, ermahnt,, 
keinem Menschen zu trauen, auch nicht einmal Gemeinschaft 
mit ihm zu haben, der nicht Christ sey, so finde ich es eben 
darum abgeschmackt^ weil dadurch das erste Principium, 
warum man glauben kann und soll, aufgehoben wird, das 
Christenthum nicht mehr eine Herzenssache, sondern eine 
fanatische Wuth um ein zu erweisendes Dogma wird«. Auf 
die hier angeführte Briefstelle bezog sich ohne Zweifel eine 
Frage Goethes, die von Lavater in seinem (noch ungedruckten) 
Schreiben an Goethe vom 28. Juli 1782 folgendermaßen be- 
antwortet wurde : »Daß Du nur fragen kannst, ob ich Wartens- 
leben gegen Alles, was nicht Christ ist, so eingenommen habe?« 
In demselben Briefe polemisirt Lavater auch gegen manchen 
der in der Niederschrift »Ein Wort über den Verfasser des 
Pilatus« ausgesprochenen Gedanken. Da dieses Antwort- 
schreiben Lavaters an Goethe, das demnächst an einem andern 
Ort zum Abdruck gelangen wird, wie schon bemerkt, vom 
28. Juli 1782 datirt ist, hat Goethe offenbar im Juli 1782 
den in Rede stehenden Quartbogen an den Züricher Propheten 
gesandt. Heinrich Funck. 

2. Clavigo in Wien, 

Im Goethe- Jahrbuch XIX. Bd. wird eine Aufführung des 
Götz von Berlichingen erwähnt, die eine gastirende Gesell- 
schaft im Jahre 1783 am Kärntnerthor-Theater zu Wien ver- 
anstaltet hat. Es scheint wenig bekannt zu sein, daß das 
Kärntnerthor-Theater schon vorher auswärtigen Schauspiel- 
truppen zur Aufführung deutscher klassischer Dramen über- 
lassen worden ist. Kaiser Josef II. hatte 1776 die deutsche 
Schauspielgesellschafl in seine Dienste genommen, das Burg- 
theater vom 17. Februar 1776 ab zu ihren Vorstellungen 
bestimmt, das Kärntnerthor-Theater dagegen »für fremde 
Spektakel in allen Sprachen und Gattungen« gewidmet. Unter 
den ersten Bewerbern befand sich J. E. C. Waeser, Prinzipal 

Goethe- Jahrbuch XXII. I7 



258 MiSCELLEK. 



einer Gesellschaft, welche Nord-Deutschland bereiste und in 
Breslau ihren Stützpunkt hatte. Er bat um die Erlaubniß, 
bis Ende Fasching 1777 in Wien zu spielen, erhielt aber nur 
die Bewilligung, bis Ende August 1776 viermal wöchentlich 
Operetten aufzuführen. Seine Vorstellungen begannen am 
20. Juni mit »Robert und Kailiste« und fanden freundliche 
Aufnahme. Anfänglich wurden nur Singspiele gegeben, dann 
folgten klassische Stücke, am 7. Juli Clavigo, am 11. Emilia 
Galotti, am 15. Minna von Bamhelm. Am 27. Juli beschloß 
»Der Aerndtekranz« die Gastspiele. Zu dieser letzten Vor- 
stellung überließ Waeser »den Preis der Logen und des 
noblen Parterres der freien Willkür einer edlen Großmath 
hoher Noblesse«. 

Die Quelle für diese Mittheilungen ist das mehrfach 
publicistisch benutzte Tagebuch des Schauspielers Simon 
Schmelz, der u. A. der Hamburger Entreprise und der 
Döbbelin*schen Gesellschaft angehört und über seine Wander- 
fahrten von 1754 bis 1778 schriftliche Aufzeichnungen hinter- 
lassen hat. Das Tagebuch, aus dem schon gegen Ende des 
achtzehnten Jahrhunderts der Abschnitt von 1762 bis 1768 
verloren gegangen war, befand sich zuletzt im Besitze des 
vormaligen Theaterdirektors Richard Kießling in Breslau und 
gelangte nach dessen Tode in den Antiquariatshandel. Kießling 
hatte in mehreren Formen Abschriften davon genommen, die 
das Breslauer Stadtarchiv in Verwahrung erhsüten hat. 

Waesers Fahrt nach Wien wird auch im Berliner lit 
Wochenbl. Nr. 9 v. 31. August 1776 erwähnt Das Gothaische 
Theaterjournal berichtet in den Jahrgängen 1777 und 1780 
(2. St. S. 115 u. 121 ff. und 14 St. S. 6S), daß Waeser bei 
seiner Abreise vom Kaiser 200 fl. als Douceur für die dem 
Hofe bewilligte Loge aus der Theatral-Kasse erhielt, und 
daß ihm freie Bühne, Dekorationen und Garderobe gewährt 
wurden. Maximilian Schlesinger. 



j. Zum Erlkönig, 

Im Goethe- Jahrbuch XIX, 1898 p. 305 hat Herr Joh. Boltc 
eine vlämische Erzählung mitgetheilt, welche offenbar nach- 
träglich aus Goethes Balladen hervorgegangen ist; darauf 
weist schon der Erlenzweig hin, der ja mit dem Erlkönig 
nachweislich nichts zu thun haben kann. 

Die vor der italienischen Reise entstandenen Balladen 
Goethes sind meist durchaus eigene, freie Erfindungen des 
Dichters, namentlich die vier populärsten, König in Thule, 
Fischer, Sänger, Erlkönig. Veranlaßt sind sie gewiß, wie alle 
Lyrik jener Zeit, durch persönliche Erlebnisse oder bestimmte 
geistige Situationen. 



MiSCELLEN. 259 



Die Person des Erlkönigs allerdings ist nicht Goethes 
Eigenthum. In den alten dänischen Heldenliedern (Kjämpe- 
Viser) stehen unter all den Kampfgedichten auch zwei Elfen- 
märchen, welche Herder in seine »Volkslieder« aufgenommen 
hat: »Elvershöh« (i, p. 152) und »Erlkönigs Tochter« (11, 
p. 158). Sie stehen auch in den Kjämpe- Viser nicht neben- 
einander (p. 160 u. p. 698 der Ausg. v. 1787). Goethe hat 
beide Gedichte seit 1778 gekannt, aber nur das zweite benutzt. 

Zum Vorschein kommt. dann der Erlkönig bekanntlich 
erst vier Jahre später, bei der Aufführung der »Fischerin, 
auf dem natürlichen Schauplatz im Park zu Tiefurt an der 
Um vorgestellt«. 

Auf den Erlkönig also beziehen sich die ersten Zeilen 
der Einladung, welche Goethe am 17. Juli 1782 an Caroline 
Herder richtete (Herder-Nachlass i, p. 67). Im weiteren 
Verlauf dieses Gedichts wird auf die vier Lieder hingedeutet, 
die Goethe wörtlich aus den Volksliedern entnommen und in 
die Fischerin eingelegt hatte. Endlich fehlt auch die Er- 
wähnung von »Erlkönigs Reich« nicht. 

So hat Goethe deutlich genug auf den Ursprung, die 
Herkunft des Namens seiner Ballade hingewiesen. 

Wo haben wir aber den Uebergang zu suchen von der 
dänischen Ballade, in welcher ein Ritter im Walde von der 
Elfentochter angelockt, aufs Herz geschlagen wird und stirbt — 
zu dem Kinde, das im Arm des Vaters sich vor Gespenstern 
zu Tode fürchtet? Wenn auch manche Einzelheiten des Erl- 
königs auf das Lied von Herrn Oluf zurückzuführen sind, 
wenn auch die Schlußworte übereinstimmen,' so ist die 
Situation doch eine vollkommen verschiedene. 

Ich glaube deutliche Spuren gefunden zu haben, welche 
den Jahren zwischen 1778 und 1782 angehören, aus denen 
sich die successive Entstehung der Ballade herleiten läßt. 

Gleichwie man Studien mittheilt, die bildenden Künstlern 
als Vorübungen zu größeren Compositionen gedient haben, 
so mögen hier die Vorstudien des Dichters zusammengestellt 
werden, welche zur allmählichen Vollendung des Erlkönigs 
geführt haben mögen. 

I. Im Tagebuche stehen unter dem 30. Januar 1779 
folgende Worte:' »Clauer an Frizens Modell gearbeitet. Er 
findet doch endlich gott sey danck an dem schönen Körper 
ein Übergros Studium. Und da er erst die Figur aus dem 
Kopf machen wollte weil der Körper zu mager sey, kan er 
j ezt nicht genug dessen Schönheit bewundern. Die Geschichte, 



' Herder hat die Schlußstrophen des dänischen Originab weg- 
gelassen und mit dem wirksamen: »war todl« geendigt. 
' Goethes Werke, Weimarische Ausg. III. i, p. 78. 

17* 



260 MlSCELLEN. 



wie es damit von Anfang gegangen ist, muß ich nicht ver- 
gessen.« 

Wem fielen bei dieser Bewunderung des sechsjährigen 
Fritz Stein nicht die Schmeichelworte der Ballade ein: »Ich 
liebe Dich, mich reizt Deine schöne Gestalt?« Ueberdies war 
die Leidenschaft des Elfenkönigs durch das Beispiel Oberons 
in Shakespeares Sommernachtstraum motivirt. 

2. Unter dem 8. April 1779 stehen im Tagebuch die 
Worte:' »Abends nach Tiefurt geritten nahm Frizzen aufe 
Pferd.« 

Aus dieser Thatsache konnte leicht die Situation der 
ersten Strophe der Ballade entstehen. Sie war unendlich 
natürlicher und einfacher als das Elfenmärchen. 

3. Unterm 14. October 1780 schreibt Goethe in das 
Tagebuch:* »noch im Mondschein spazieren gerannt« und 
in derselben Nacht an Frau von Stein folgende Zeilen : ' »Der 
Mond ist unendlich schön. Ich bin durch die neuen Wege 
gelaufen, da sieht die Nacht himmlisch drein. Die Elfen 
sangen : 

Um Mitternacht, wenn die Menschen erst schlafen 
Dann scheint uns der Mond 
Dann leuchtet uns der Stern, 
Wir wandeln und singen 
Und tanzen erst gern. 

Um Mittemacht 

Wenn die Menschen erst schlafen 
Auf Wiesen an den Erlen 
Wir suchen unsren Raum 
Und wandeln und singen 
Und tanzen einen Traum.« 

Das sind also die Elfen, von denen der Vater sagt: 
»Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn« u. s. w. 
Besonders bemerkenswerth scheint mir das letzte Wort dieses 
Gedichts. Ist nicht in der Ballade das ganze Bemühen des 
Vaters darauf gerichtet, seinen Knaben beruhigend zu über- 
zeugen, daß Alles, was ihn ängstigt, nur traumhaft nächtliche 
Täuschung sei? 

Daß nun aber der Name des Erlkönigs mit Erlen, EUem 
nichts zu thun hat, ist längst bekannt. »EUerkongens« in 
der zweiten Strophe der dänischen Ballade heißt: Elfenkönigs. 
Auch hat Goethe selbst die Erlen, die im obigah Elfenlie^e 



" Werke W. A. ÜI. i, p. 84. 
» Werke W. A. UI. i, p. 125. 
3 Werke W. A. IV. 4, p. 314. 



/ 



MiSCELLEN. 261 



noch vorkommen, in seiner Ballade bei Seite gelassen und 
»die alten Weiden« dafür eingesetzt. 

Indessen auch gegen das dänische »Ellerkongens« kann 
ich einen leisen Verdacht nicht unterdrtlcken. Im weiteren 
Verlaufe des Originals Str. 17 steht merkwtlrdigerweise »Elle- 
konens«, des Elfenweibes. 

Auch dieses Wort übersetzen sowohl Herder, als auch 
W. Grimm' mit »Erlkönigs«, als ob es mit Str. 2 gleichlautete. 

»Ellerkongens« war nur in seinem ersten Theile miß- 
verstanden; von »Ellekonens« sind beide Hälften falsch 
wiedergegeben. 

Das Fehlen zweier Buchstaben ist den Uebersetzern nicht 
aufgefallen, so wenig wie der Unterschied, der sich daraus 
ergiebt. Sie glaubten beidemal denselben Ausdruck setzen 
zu müssen. 

Auch ich glaube, daß beidemal derselbe Ausdruck stehen 
muß; nur meine ich nicht: »Ellerkongens«, sondern vielmehr 
»Ellekonens«. 

Ich weiß sehr wohl, daß in allen Ausgaben der Kjämpe- 
Viser von Peter Syo 1695 an bis 1787 die beiden Ausdrücke 
nebeneinander bestehen, in Str. 2 also »Ellerkongens«, in 
Str. 17 »Ellekonens«; ich zweifle aber, ob die erstere Form 
auch die ursprüngliche ist. 

(Die kritische Ausgabe der Kjämpe -Viser von S. Grundtvig 
1856, wo sich die Ballade nach der Handschrift von 1550 
abgedruckt findet hat str. 17 die Lesart »i Ellekonens leg.«) 

Meine Zweifel an der Richtigkeit von »Ellerkongens« 
gründen sich auf folgende Thatsachen: 

1. In der dänischen Ballade kommt weiter kein Vater 
vor, wohl aber eine Mutter, welche die Hemden im Mond- 
schein bleicht. Auf diese Mutter als Herrscherin glaube ich 
das »Ellekonens« Str. 17 beziehen zu müssen. 

2. In alten, ächten Sagen scheinen Elfen oder Hexen 
sowenig, wie der Teufel, einen Vater zu haben, wohl aber 
meist eine Mutter. Zwar in den Kjämpe-Viser finden sich 
dafür keine Belege, da sie überhaupt nur die beiden genannten 
Elfenballaden enthalten; aber in unseren deutschen Märchen 
giebt es Beispiele genug, welche meine Behauptung zu be- 
stätigen scheinen. Ich verweise auf die Kinder- und Haus- 
raärchen der Brüder Grimm Nr. 56, 122, 135 (179). 

Der Wortlaut ächter Volkslieder ist zu allen Zeiten und 
an allen Orten der Willkür ausgesetzt gewesen. Es läßt sich 
nun wohl denken, daß in einer Balladen-Sammlung, in welcher 



' Altdanische Heldenlieder, Balladen und Märchen, übersetzt von 
W. Grimm, Heidelberg 181 1, p. 91. »Erlkönigs Tochter«, p. 92. »Erl- 
königs Spiela. 



r' 



262 MlSCELLEN. 



Könige so oü eine Rolle spielen, auch dieses Elfengedicht 
vom Herrn Oluf einen König zugetheilt erhalten hat, weil 
für ein Reich sich auch ein König zu gehören schien. Aller- 
dings muß ich zugehen, daß eine solche Veränderung hesser 
in Str. 17 als in Str. 2 hineingepaßt hätte. Wie dem auch 
sein mag, ich halte dafür, daß in der ursprünglichen dänischen 
Ballade in heiden Strophen »Ellekonensa gestanden hahen 
wird. F. SiNTENis. 



4. Zur Mignon-Ballade. 

»Dahin ! Dahin 
Möcht ich mit Dir, o mein Gelichter^ ziehn — a 

so singt Goethes Mignon; — das »wunderbare«, »von wenigen 
tiefen Empfindungen nach und nach aufgezehrte« Kind ; dessen 
»tief verschlossenes Herz seine innersten Angelegenheiten 
kaum erraten« ließ; dem ein Schwur die Lippen zudrückt, 
»und niur ein Gott vermag sie aufzuschließen«. Jene Neigung, 
welche »die Flamme zu sein schien, die das Oel ihres Lebens 
aufzehrte«, jenes tiefste, schmerzlichste Geheimniß, an dem 
ihr heißes, krankes Herz verbluten will und schließlich bricht — 
sie giebt es offen preis, in philinenhafter Deutlichkeit ; sie singt 
vor Wilhelm Meisters ITiür: »o mein Geliebter In 

Keine Deutungen, keine »kindliche Unschuld des Aus- 
drucks« machen mir dieses Räthsel begreiflich. 

Ein eigenthümliches Schlaglicht wirft aber die Text- 
Geschichte der Mignon-Ballade. 

Von dem Gedichte existiren zwei Handschriften: die 
Copie Herders (wahrscheinlich von 1781, »wohl nach dem 
Manuscript des Romans gemacht«: vgl. Suphan, G.-J. Bd. 2, 
S. 105 ff., 144) und eine Abschrift des Fräuleins von Goch- 
hausen. In diesen beiden Handschriften heißt es aber nicht: 
»o mein Geliebtem sondern: »o mein Gebieterfx.^ 

Die Anrede »Gebietern entspricht — ebenso wie die »Be- 
schützer« und »Vater« — genau den Empfindungen und der 
Ausdrucksweise Mignons. »Anfangs pflegte sie ihn Herr und 
nachher Vater zu nennen.« (Werke, Bd. 22, S. 217, Z. 8 der 
Weim. Ausg.) »Herr« (und allein das) war Wilhelm Meister 
für sie von Anfang an, als er sie von ihrem Peiniger »kaufte«. 
»Ich will dienen«, erklärt sie sofort, wie sie hört, daß man 
Geld ftlr sie bezahh hat (Bd. 21, S. 166). Für Jeden hat sie 
eine besondere Art von Gruß; ihn aber, Wilhelm Meister, 



' und zwar bei Herder »Gebieter« in allen drei Versen, bei Göch- 
hausen »Gebieter« in Vers i und 3, »Beschützer« in Vers 2. S. Werke, 
Weim. Ausg., Bd. i, S. 403. 



MiSCELLEN. 263 



grüßt sie »mit über die Brust geschlagenen Armen« (Bd. 21, 
S. 172). »Herr!« ist ihre einzige Anrede an Meister noch 
zu Beginn jenes ergreifenden Ausbruchs am Ende des zweiten 
Buches, welcher dem Gesang der Ballade unmittelbar vorauf- 
geht. »Herr ! rief sie aus, wenn Du unglücklich bist, was soll 
aus Mignon werden ?« Und als unter Wilhelms Liebkosungen 
das arme Geschöpf in den schrecklichen Krampf verfällt, und 
er, überwältigt von dem »gräßlichen Anblick«, sie aufnimmt, 
an sein Herz schließt und mit Thränen benetzt : »Mein Kind! 
Du bist ja mein! Du bist mein! Ich werde Dich behalten. 
Dich nicht verlassen!« — da, zum ersten Mal, hat sie den 
Muth, ihn jd Vatera zu nennen. »Eine weiche Heiterkeit glänzte 
von ihrem Gesichte. — Mein Vater! rief sie. Du willst mich 
nicht verlassen ! willst mein Vater sein ! — Ich bin Dein 
Kind!ii — 

Wir sehen — Herr (Gebieter), Beschützer (vgl. noch 
Bd. 22, S. 473, 14), Vatery das sind die Anreden, die sich 
ganz von selbst, gleichsam nothwendig, aus der Situation 
ergeben. »Geliebter« ist eine grelle Dissonanz. Die Klimax 
Gebieter, Beschützer, Vater ist klar und schlagend. Geliebter, 
Beschützer, Vater wäre zum mindesten in den ersten beiden 
Stufen eine Antiklimax; es wäre auch der Entwicklung von 
Mignons Gefühlen direct entgegengesetzt. Denn diese Gefühl^ 
steigen zuerst vom Herrn und Beschützer zum Vater (eben 
in dem Zeitpunkt der Ballade); und sie gipfeln erst zuletzt 
in jener kindlichen und doch so »lebhaften und gewaltsamen« 
Leidenschaft, welche ihr selbst — wenn überhaupt — den 
Ausdruck »Geliebter« auf die Lippen führen könnte. (Vgl. 
die Szenen Bd. 22, S. 102, 209, 210 und die Erzählung des 
Arztes in Buch 8, Cap. 3.) — 

Unter diesen Umständen will es mir nicht einleuchten, 
daß die Verschlimmbesserung mGebietenn in TuGeliebtera von 
Goethe selbst herrühren soll. Können wir es nicht vielmehr 
mit dem Fehler eines Abschreibers oder Setzers zu thun haben, 
einem Fehler, der sich in die ersten Drucke' eingeschlichen 
hat und bei der Correctur übersehen wurde? Beides wäre 
wohl nicht zu schwer begreiflich : der Fehler des Abschreibers 
oder Setzers um so eher, als Demjenigen, der nichts weiter 
dabei denkt und ^er den Wilhelm Meister nicht kennt, das 
»o mein Geliebtem in einem Mignonliede immer näher liegen 
wird, als: »o mein Gebieter, <a Franz Kahn. 



' In den Drucken, soweit sie mir zugänglich waren, steht überall 
»Geliebter«, auch in der Ausgabe der Werke letzter Hand. 



264 MiSCELLEN. 



5. Zur Achilleis. 
Was von diesem herrlichen Fragmente ausgeführt und 
von Goethe in die Gesammt -Ausgaben seiner Werke aufge- 
nommen wurde, wird überall übereinstimmend als »Erster 
Gesang« bezeichnet. Demgegenüber muß es aufTallen, daß 
Goethe an drei verschiedenen Stellen, in den Tag- und Jahres- 
heften von 1798 und 1807 (Werke 35, 78, 36, 27) und in der 
für den Exkönig Louis von Holland bestimmten tabellarischen 
Uebersicht seiner poetischen Werke (G.-J. 15, i8), von zwei 
Gesängen des Gedichtes spricht ; alle drei Aeußerungen fallen 
in das Jahr 1823. Wie kam Goethe zu dieser Angabe? 
Nach der Meinung der Bearbeiter des Apparats zur Achilleis 
in der Weimarischen Ausgabe (Werke 50, 416) läge hier nichts 
als ein Erinnerungsfehler vor, dem an derselben Stelle be- 
gangenen ähnlich, daß die Abfassung des Fragments in das 
Jahr 1798 gesetzt wird, während diesem nur das Urschema 
angehört. Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschließen 
und finde, daß auch Graf (Goethe über seine Dichtungen i, 
I, 30 Anm. 4) ähnliche Zweifel hegt, indem er auf die zu den 
einzelnen Gesängen der anderen Epen unverhältnißmäßige 
Länge des Fragments hinweist und die Vermuthung äußert, 
die Scheide beider Gesänge sei wohl Vers 397, beim Schluß 
der Götterversammlung zu suchen. Eine Erwägung der in 
den Paralipomena erhaltenen Schemata (Werke 50, 435, 439) 
und ihres Verhältnisses zu dem fertig vorliegenden Stück der 
Dichtung, giebt die wahrscheinliche Erklärung des Räthsels. 
Nach beiden Schemata, sowohl dem vom März 1798 als dem 
vom März 1799, fällt der Anfang des projectirten zweiten 
Gesanges in die Mitte unserer Dichtung hinein, wenn auch 
an verschiedene Stellen. Nach dem älteren Schema sollte 
der zweite Gesang mit dem Eintritt der Athene in das Zelt 
des Achilleus einsetzen ; das ergiebt die von Graf bereits ver- 
muthete Stelle (Vers 397) als Scheidepunkt. Im jüngeren 
Schema beginnt der zweite Gesang mit dem Hinabsteigen 
Apollons zum thymbräischen Tempel; dieses wird uns Vers 344 ff. 
berichtet. Daß die große Zwiesprache zwischen Athene und 
Achilleus hier noch zum ersten Gesang gerechnet wird, be- 
weist, daß zwischen Schema und Ausführung Verschiebungen 
in der Reihenfolge der Motive eintraten, die in den Para- 
lipomena nicht vermerkt sind. Es hat also Goethe vorüber- 
gehend 1823, vermuthlich bewogen durch vergleichendes 
Nebeneinanderhalten seiner Dichtung und eines der beiden 
Schemata (wahrscheinlich des älteren, vielleicht aber auch 
des jüngeren) die auch den faktischen Verhältnissen ganz ent- 
sprechende Ansicht gehegt, daß das fertige Stück der Achilleis 
eigentlich zwei Gesänge umfasse, und ihr an den oben er- 
mähnten Stellen Ausdruck verliehen. Es war ihm nicht mehr 



MiSCELLEN. 265 



gegenwärtig, daß er bei der Ausarbeitung selbst eine andere, 
mit den älteren Schemata sich nicht mehr ganz deckende 
Stoff vertheilung beabsichtigt hatte und deßhalb schon im 
Tagebuch und gleichzeitigen Briefen Anfang April 1799 (Graf 1, 
I, 23, 24) das ganze damals Vollendete als ersten Gesang 
bezeichnete. 

In den Tag- und Jahresheften von 1798 berichtet Goethe 
weiterhin, daß ihm bei der Ausarbeitung des Plans zur Achilleis 
»ein treuer Auszug aus der Ilias« wesentliche Förderung ge- 
leistet habe (Werke 35, 78). Nach dem Apparat der Wei- 
marischen Ausgabe (Werke 50, 416) ist dieser »nichts anderes 
als die Abschrift des Inhalts -Verzeichnisses der einzelnen 
-Gesänge nach der Ausgabe von Voß (1793).« Ich weiß nicht, 
ob eine derartige Abschrift der Vossischen Inhalts -Angabe 
^twa in Goethes Nachlaß erhalten ist. Sicher ist aber das, 
daß Goethe hier nicht etwa diese, sondern eine eigene selb- 
ständige Arbeit im Auge hat, wie schon Bernays (Goethes 
Briefe an Wolf S. 31) richtig erkannt hat, das erst 1821 und 
1822 im dritten Bande von »Kunst und Alterthuma veröffent- 
lichte ausführliche Schema zur Ilias (Werke 29, 519 Hempel). 
Zum Zwecke des Abdrucks wurde der, wie die Tagebücher 
(2, 203. 204. 207. 208) zeigen, zwischen dem 29. März und 
21. Mai 1798 niedergeschriebene schematische Auszug »sorg- 
fältig revidirt und der Lakonismus desselben durch Ausführlich- 
keit der Gleichnisse belebt«, wie Goethe am 17. Dezember 
1820 an Knebel schreibt (Briefwechsel 2, 275) vgl. auch 
•Goethes Briefe an Knebel vom 18. Februar 1821 (ebenda 2, 
286) und an Schultz vom 28. November d. J. (Briefwechsel 
S. 246). Dieser Auszug ist nichts weniger als eine trockene 
Inhalts- Angabe ; er sollte vielmehr durch eingehende Analyse 
<ler Motive die poetische Technik befruchten. — Hingewiesen 
sei hier auch auf die wenige Jahre zurückliegende Vorlesung 
der Vossischen Ilias, die Goethe in seiner Freitags-Gesellschaft 
im Winter 1794/95 abhielt und von der uns Böttiger (Lite- 
rarische Zustände und Zeitgenossen i, 81) einzelne, die drei 
ersten Gesänge betreffende Bemerkungen aufbewahrt hat. 
Aus einer späteren Sitzung nahm Wilhelm von Humboldt 
•einen unvergeßlichen Eindruck nach Jena mit (vgl Goethes 
Briefe 10, 208. 209; Schillers Briefe 4, 72). 

Albert Leitzmann. 



ö, Goethes rhythmische Prosa, 

Im letzten G.-J. XXI (1900) S. 265 f. hat H. Henkel 
{vgl. unten S. 274) Stellen aus Werther, Clavigo und Stella 
angeführt, in denen Goethes »Prosa unwillkürlich einen rhyth- 
mischen Gang nimmt.« Noch auffallender ist eine Aufzeichnung 



266 MiSCELLEN. 



im Tagebuch der Schweizerreise von 1775 — *^ *^ ^^^ 
gleichen Periode wie jene Stücke. 

Müd und munter 
vom Berg ab springen 
voll Dursts und lachens 
Gejauchzt bis zwölf. 

Man glaubt ein absichtlich versifizirtes poetisches Stirn* 
mungsbildchen vor sich zu haben und doch ist es nur der 
Tagebuch -Eintrag vom 16. Juni und er schließt sich — natflr- 
lich ohne vorstehende metrische Abtheilung — ' den nachteraen 
Worten: »Nachts zehn in Schweiz« (Schwyz) unmittelbar an. 
(W. A. Tagebücher, I, S. 5.) Daß damals Goethes dichtensches 
Empfinden lebhaft angeregt wurde, zeigen auch andere Tage- 
buch-Einträge, z. £. a. a. O. S. 6: »Das Klockengebimmel 
Das Wasserfalls Rauschen Der Brunn röhre Plätschern Wald- 
horn«. Wie viel unmittelbarer wirkt doch die unwillkürliche 
Poesie jenes Schwyzer Tagebucheintrags, als die Beschreibung 
die Goethe später im 18. Buch von »Dichtung und Wahrheit« 
(W.-A. XXIX S. 1 1 7) gegeben hat : »Nach kiurzer Rast, frisch und 
mit muthwilliger Behendigkeit, sprangen wir den von Klippe 
zu Klippe, von Platte zu Platte in die Tiefe sich stürzenden 
Fußpfad hinab und gelangten um zehn Uhr nach Schwyz. 
Wir waren zugleich müde und munter geworden, hinHUlig und 
aufgeregt; wir löschten gähling unsern heftigen Durst und 
fühlten uns noch mehr begeistert.« Man denke sich den jimgen 
Mann, der etwa zwei Jahre vorher den Werther schrieb, einen 
jungem Freund, der sich schon an dem Manuscript jenes 
wunderbaren Werkes entzündet hatte, in einen Naturzustand 
versetzt ... im Gefühle behaglicher Kraft das Reich der 
Phantasie durchschwelgend; dann nähert man sich der Vor- 
stellung jenes Zustandes, den ich nicht zu nennen wüßte, stünde 
nicht im Tagebuche: ,Lachen . und jauchzen dauerte bis um 
Mitternacht.*« Die letztere Umschreibung zeigt übrigens, daß 
Goethe auch bei dieser späteren Lektüre des Tagebuchs der 
rhythmischen Fassung sich nicht bewußt wurde; er hätte sonst 
hier, wo er gerade nach einem treffenden Ausdruck jenes Zu- 
standes suchte, den Tagebucheintrag sicher in seiner Original- 
form gegeben. Julius Burghold. 



7. Zu Werther. 

Unter den zahlreichen Gegnern, die dem Werther unter 
Goethes Zeitgenossen erstanden, ist einer der streitbarsten, 
Freiherr Renatus Carl von Senckenherg^ bisher, so weit ich 
sehe, unbeachtet geblieben. Auf seine herbe, am Werther 
geübte Kritik, die auch Appell's Sammeleifer entgangen ist, sei 



MiSCELLEN. 267 



hier in Kürze hingewiesen. — Ein Sohn des dem Goethischen 
Hause nahestehenden Wiener Reichshofraths Heinrich Christian 
von Senckenberg, ' hatte Renatus (geb. 1751) eine ebenso 
sorgfältige, wie puritanisch strenge Erziehung genossen; für 
seine Charakterbildung ist der Geist rastloser Pflichterfüllung 
und weltfltlchtiger, pietistischer Frömmigkeit, der im väterlichen 
Hause herrschte, von bestimmendem Einflüsse gewesen. Nach 
dem Besuch der Universitäten Göttingen und Straßburg trat 
Senckenberg im Herbst 1772 als Praktikant am Reichskammer- 
gericht ein, gerade in dem Augenblick, als Goethe wunden 
Herzens von Wetzlar schied. In den Jahren 1778 — 79 wegen 
der politischen Rolle, die er, recht wider Willen, im bayrischen 
Erfolgekriege spielte, viel genannt, hat Senckenberg in der 
Folge in Gießen ein stilles Gelehrtenleben geführt. Durch die 
der Gießner Universität bei seinem Tode (i8oo) zugewandte 
reiche Bibliotheks-Stiftung hat er sich dort ein bleibendes 
Denkmal gesetzt.' 

Schon frühzeitig hat sich Senckenberg in deutschen, latei- 
nischen und griechischen Dichtungen versucht. Eine Samm- 
lung seiner deutschen Gedichte ließ er anonym 1787 unter 
dem Titel »Gedichte eines Christen« erscheinen. Von mäßigem 
poetischen Werthe, legt diese wohl nur in wenigen Exem- 
plaren noch erhaltene Sammlung von der aufrichtigen Frömmig- 
keit und der lauteren mannhaften Gesinnung des Verfassers 
Zeugniß ab. In einem einleitenden Gedichte rechtfertigt 
Senckenberg den für seine Sammlung gewählten Titel, nennt 
als Hauptgegenstand seiner Dichtungen »Tugend und Religion« 
und fährt dann fort: 

Auch finden jene weiche Seelen 
Hier keine Nahrung für ihr Herz, 
Die mit Empfindsamkeit sich quälen 
Und muthlos sind bei jedem Schmerz. 
Nie werden Mädchen gute Frauen, 
Wann dieses Gift sie angesteckt: 

* Ueber seine Beziehungen zum Rath Goethe vgl. H. Düntzer, 
Goethes Stammbäume (Gotha 1894) S. 109 f., ferner R. Frank, Joh. 
Casp. Goethe als Gießner Doktorand (Sep.-Abdr. aus der Frankfurter 
Zeitung 1898) und G. Nick, Goethes Vater als Gießner Doktorand, in 
den Qjiartalblättern des Histor. Vereins f. d. Großherz. Hessen, N. F., 
IL Band, No. 10 (1898). 

* Vgl. meine Festschrift »Renatus Karl Frhr. v. Senckenberg« 
(Gießen 1900). In Goethes Gesichtskreis trat Senckenberg, beiläufig 
bemerkt, 1790 als Verfasser einer Abhandlung über die damals den 
Weimarer Hof lebhaft beschäftigende Erbfolge in den sächsichen Kur- 
landen Enthalten in Senckenbergs »Meditaüones maximam in partem 
iuridicae.« Wetzlar 1789); Goethe erwähnte sie anerkennend in einem 
Briefe an Karl August vom 18. Febr. 1790 (Briefe, Bd. 9, Nr. 2801, 
S. 176 f.). 



268 MiSCELLEN. 



Nie werden Jünglinge zu edlen Teutschen Männern, 
Wann Weichlichkeit sie ab von Thun und Leiden schreckt 
Und dann noch sing ich nicht für die, die krank an Liebe 
Und Stolz und Müßiggang, die Nahrung ihrer Triebe, 
Das süße Werthers-Gift mit vollen Zügen trinken, 
Zuletzt durch eigne Hand entseelt zu Boden sinken. 
Für alle diese sing ich nicht. 
Für jene nur, die treu in ihrer Pflicht 
Gott über Alles, dann die Brüder lieben. 
Zum Dulden stark sich stets in jeder Tugend üben. 
Und wenn auch Leidenschaft und Laster sie betriegen. 
Nicht ruhig sind, bis sie durch tapfres Kämpfen siegen. 
Seiner Absage gegen die »Empfindsamkeit« ftlgt er in 
einer Fußnote die Erklärung hinzu: »Also . . . nicht alle 
Empfindsamkeit ist's, die ich hier tadle : nicht die welche den 
Menschen treibt, an allem Elend, das er sieht, Theil zu 
nehmen, und, wann er kann, mit Rath und That behülflich 
zu sein. Nur die tadle ich, wodurch er bei dem Leiden eines 
Menschen oder wohl gar eines Schooshundes in Ohnmacht 
geräth, aber zu helfen zu schwach, zu trag wird. Leider reißt 
jezo solche durch Siegwart und dergleichen seel-entkräftende 
Bücher nur zu sehr ein, obgleich der rechtschaffene Verfasser 
des ersteren jezOy wie ich aus einem eigenhändigen Schreiben 
desselben weiß, dasselbe desfalls nunmehr selbst sehr mißbilligt. 
Aber, liebe junge Leserinnen, lasset Euch vor dieser und der- 
gleichen Schriften auch durch mich warnen!« 

Zur Stelle über das »Werthergift« findet sich folgende 
Fußnote Senckenbergs : »Erlaubet mir noch ein Wort, ihr 
meine Theuern, ihr junge Herzen mit weichen Seelen, die 
ihr etwann dieses Büchlein zu lesen würdiget. Erlaubet mir, 
daß ich euch, mehr als vor zwanzig Siegwarts, vor Werthers 
Leiden warne. Wann Sieg wart entkräftend ist, so ist Werther 
vergiftend. O möchte doch der vortreffliche Pinsel, der den 
männlichen Göz von Berlichingen in seiner ganzen teutschen 
Biederkraft so unnachahmlich geschildert hat, nie den ent- 
mannten Werther geschildert haben. Unter so mancherley 
Unglück, das dieses Buch verursacht hat, und noch leider 
durch seine reizende Schreibart nach Jahrhunderten vielleicht 
verursachen wird, kann ich nicht umhin, hier eines, das sich 
nicht vor gar langer Zeit vorgetragen, von dem ich Ort und 
Person nennen könnte, da ich letztere selbst kenne, zu er- 
zälen. Eine Nonne aus vornehmem Hause lebte, wie die 
meisten, wider ihren Willen im Kloster. Zum doppelten Un- 
glück für eine Person, der ihr Stand die Liebe verbietet, war 
Werther ihr tägliches Lesebuch. Zu stark durch die reizende 
Schilderungen dieses Buches gerührt, fängt sie an, troz aller 
Gelübde zu lieben. Aber die Unmöglichkeit, ihren Gegenstand 



MiSCELLEN. 269 



ZU besizen, greift ihre Nerven zu sehr an. Sie fällt in ein 
hiziges Fieber und phantasiert nichts als Liebe und Werther. 
Man last ihr zur Ader; sie wird stille. Die Wärterin, froh 
die Kranke ruhig zu sehen, schläft auf ihrem Lehnstuhl ein; 
wacht über eine Zeitlang auf und findet zum grösten Erstaunen 
die Patientin ganz erstarret im Blute liegen. Die Aderlaß - 
binde, Werther in dem Band eines Gebetbuchs und eine blaue 
Schleife lagen neben ihr. Es wird Lerm, mit vieler Mühe bringt 
man die fast Todte zu sich; sie schlägt die halbgebrochne 
Augen auf. O, ruft sie, was macht man tnit mir? warum 
läßt man mich nicht ? Wie süß ich schlief! Ich dachte hinüber 
zu schlummern ! Hier griff sie nach ihrem Buch ; al^ sie dieses 
nicht mehr fand, schrie sie, so stark sie mit schwacher Stimme 
konnte: »mein Buch, mein schönes Buch !« und machte solche 
Bewegungen, daß die erst wieder verbundene Wunde unter 
der Binde aufging. Man zwang sie, band sie und durch guten 
Zuspruch beruhigte sie sich endlich. Sie hat nun alle Ge- 
danken von Selbstmord aufgegeben, denkt nur mit Schrecken 
an jene schaudervolle Scene und hasset unter allen Büchern 
keines so sehr als das, welches sie bald um ihr zeitliches 
Leben, ja was noch mehr ist, wie sie es jezo, troz allen heut- 
zutage leider so gewöhnlichen Seeligpreisungen der Selbst- 
mörder, hinlänglich erkennt, zugleich wohl um das ewige 
gebracht hätte. Jünglinge und Mädchen! spiegelt euch in 
dieser Geschichte und meidet Werthers verführerische und 
euch, ehe ihr es euch verseht, ins Verderben hinreißende 
Leiden!« > Herman Haupt. 



<P. Zum ersten Drucke des Aufsatzes nDer Tänzerin Grabit 

{1812). 

In der Weimarischen Ausgabe der Werke Goethes* die 
verkleinerten Abbildungen der drei griechischen Basreliefs bei 
dem Aufsatze »Der Tänzerin Grab«, einer »Trilogie«* (es 
tanzt das Mädchen in dem Symposion, es tanzen die Lemuren 
im Todtenreiche, es tanzt der Schatten bei seinem Eintritte 
in den Hades) zu finden, war mir eine besondere Freude. 
Sogleich knüpfte ich Forschungen daran und fand, daß 
der in der A. D. B. übergangene Friedrich Carl Ludwig 



* III (1897), 143 f. Sie sind der Handschrift -- sicherlich nach 
einer der nachher zu erwähnenden Wiedergaben — einverleibt a. a. O. 
269). Wäre dies doch u. a. auch in dem zum sogleich folgenden 
Manuscripte »Zwei Deutsche Alterthümer« (Werke a. a. O., iS7f) 
nach dessen ersten Veröflfentlichung in demselben »Stücke« der »Curie - 
sitäten . . . .«, 262 f. geschehen! 

* Goeiht a. a. O. 143. 



270 MlSCELLEN. 



Sickler, Gymnasialdirector zu Hildburghausen ^28. November 
1773—6. August 1836), den Dichter zur Vertiefung in den 
Sto^ veranlaßt hatte: 181 2 war Jener mit seinem Funde vor die 
Oeffentlichkeit getreten. ' Alsbald ließ Goethe ein bezügliches 
»Sendschreiben« in den »Curiositäten «', bei be- 
schränkter Zeit, folgen. Dasselbe ist in der angezogenen 
Goethe- Ausgabe jedoch ungenügend gewürdigt worden. Ich 
sehe mich daher bewogen, dazu noch Folgendes mitzutheilen, 
und zwar 

I. Zur Briefform Anfang und Schluß, sowie eine Stelle 
aus dem Zusammenhange. 

»Ew. Wohlgeb. beschenken das kunstliebende Publikum 
abermals mit einer schönen, ja wohl einzigen Gabe, und ich 
eile, von meiner Seite dieselbe dankbar anzuerkennen. Sie 
haben, indem Sie diese höchst schätzbaren Monumente mit- 
theilen. Alles gethan, um solche, aus anderen alterthümlichen 
Ueberlieferungen, wie ich mir, durch Ihre Schrift belehrt, jene 
Denkmale, die mich so höchlich entzückt, anzueignen ge- 
trachtet habe. Verzeihen Sie die Kürze, denn ich bin eben 
im Begriff, nach Carlsbad abzureisen.« 

In der »Betrachtung« selbst steht nach den Worten »so 
deutlich sprechen« (a. Bd. d. Werke 143, 19) noch, »und, 
durch Ihre Bemühungen, schon so sehr herausgehoben sind«. 

Am Ende heißt es: 

»Mehr wage ich, zur Bestätigung dieses Meinens nicht 
zu sagen. Es stehe übrigens, oder falle, so bleibt die Vor- 
trefflichkeit der Bilder unverrückt, und es ist keine Frage, 
daß der Dank für den Finder und Herausgeber sich, bei 
wiederholter Beschauung und Betrachtung, immer mehr auf- 
frischen und vermehren muß. 

Empfangen Ew. Wohlgeb. diese Bemerkungen freundlich. 
Meine Absicht war, mich kürzer zu fassen, aber in einem 
solchen Falle concis und gedrungen seyn zu wollen, setzt in 
Gefahr, lomurisch zu werden. 

Weimar, den 28. April 181 2. Goethe.« 



' Mit drei verschiedenen Drucken aus Weimar sind zu unter- 
scheiden: I. »De monumentis aliquot Graeds e sepulcro Cumaeo, 
recenter effosso, erutis, Sacra Dionysiaea a Campanis veteribus celebrau 
horumque doctrinam de animorum post obitum statu illustrantibusc 
nV°, 24 SS.); 2. »Beschreibung eines sehr merkwürdigen neuentdeckteo 
Griechischen Grabmals bei Cumä mit drei Basreliefs über die Bachischc 
Mysterien-Feier« in den »Curiositäten « IL 35 f.) hier mit Tanz- 
noten; 3. Sonderdruck aus den »Curiositäten « (32°, 40 SS> ohne 

die Tanznoten. 

* Im angef Bande 195 f. 



MiSCELLEN. 27 1 



2. Zu dem nApparateii i. a. B. 270 füge ich noch folgende 
Textabweichungen von der ursprünglichen Fassung * an : 143,^ 
als cyclisch, 7 erscheint mir, 1 1 fehlt kümmerlich, 1 5/6 steht 
springt hervor, wie 144,1 reizenden Kunstwerke, 8 nicht so, 
9 nisucht schon angeregt«, 13 der jüngste aller, 20 Tänzerinnen, 
höchlich entzückt; 143,1 als bachisches, 22 Eindruck; 146,1 
damit sie sich, 24 aus der; 147,6 von jenen, 10 so wird man; 
i4S,2 dem Tode, 19 wundersam schön, 24 sie in; J4<^, 2 zogen 
den, welchen, 4 sie könnte eben; 150,11 f. fehlt der Satz: 
Betrachtet — können, 22 das Wort ja. — 

Theodor Distel. 



p. Goethe und Gerhart Hauptmann, 

Goethes Promethidendramen, zu welchen außer Prome- 
theus und Faust auch die Pandora gehört, bleiben nach- 
gebornen Dichtern stets Vorbilder und Muster, und in deren 
Anschauen versunken, wird ihre dichterische Phantasie immer 
aufs neue befruchtet werden. So ist auch Gerhart Hauptmanns 
Glockengießer Heinrich ein solcher Nachkomme des Prome- 
theus und Faust, mag er dies auch weniger in seinen Thaten 
als in seinem Wollen bezeugen ; auch die »Versunkene Glocke« 
mußte so ganz von selbst manches Faustische in sich auf- 
nehmen, worüber in den Sonntagsbeilagen zur Vossischen 
Zeitung 1900 (Nr. 210, 222, 234, 244) ausführlich gehandelt 
ist. Indessen nicht nur von dem Drama der deutschen 
Reformationszeit, dem »Faust«, sondern auch durch die mehr 
antik gehaltene »Pandora« ist das Märchenstück beeinflußt 
worden, und zwar in einer Scene, welche auf den ersten 
Blick ganz deutsch, ganz eigenartig aussieht: in der letzten 
nämlich des S.Aufzuges, da Rautendelein noch einmal ihrem 
Buhlen erscheint. Balladenartig und volksthümlich endet die 
Tragödie, die etwas weich romantisch klingenden Lieder der 
Eibin: »Im hellen Monde kämm ich mein Haar . . .« sprechen 
dafür ebenso wie der aus Bürgers »Lenore« herüberhallende 
geisterhafte Mahnruf in Rautendeleins Munde: »Und laß die 
Toten ruhn.« 

Und doch — der Grundriß des Ganzen ist genau der- 
selbe wie in Goethes »Pandora«, daElpore, Pandoras Tochter, 
dem halbwachen Epimetheus sich zeigt. Beiden Helden er- 
scheinen ihre Geliebten während eines traumartigen, jedenfalls 
über die Wirklichkeit erregten Zustandes, beide breiten sehn- 
suchtsvoll ihre Arme dem geliebten Bilde entgegen, beiden 
vor allen Dingen aber nähert und entfernt sich abwechselnd 
die Geliebte, indem ihre Nähe ihnen Kühlung des Leibes und 

' Andere enthält z. B. die Ausgabe v. J. 1867, XXVII, 303 t. 



272 MiSCELLEN. 



Geistes im beseligenden Kusse gewährt, beiden erfüllt ihre 
Gestalt den höchsten Wunsch, den sie augenblicklich hegen, 
dort Pandorens Wiederkehr, hier den Becher, der den Tod 
in sich trägt. Zum Beweise dienen einige scenische Bemer- 
kungen bei Goethe und Hauptmann : »Elpore nahendcc, »ganz 
nah«, »wegtretend«, »herzutretend«, »sich entfernend«, Rau- 
tendelein »ganz nahe bei ihm«, »fem weichend«, »zu ihm 
hinfliegend«; ferner achte man auf das Wechselgespräch 
zwischen Epimetheus und Elpore einerseits, Heinrich und 
Rautendelein andrerseits, das in jambischen FUnfnißlem ge- 
führt wird, welche afach, 3fach, einmal 4fach in Rede und 
Gegenrede sich zerlegen; z. B. Goethe: »Ich kenne dich 
nicht mehr. — Das dacht ich wohl.« Hauptmann: »Du kennst 
mich nicht . . . Nein — hast mich nie gesehn?« — Besonders 
gleich gebaut bei Goethe: »Nur näher! — So denn? — So! 
noch näher! — So.« und bei Hauptmann: »Komm her zu 
mir. — Ich kann nicht. — Kannst nicht? — Nein.« 

Freilich Traumerscheinungen erblicken wir häufig genug 
in der Oper oder im Drama, wie Qärchens Bild im Egmont, 
und ein Dichter, wie Gerhart Hauptmann, brauchte nicht erst 
an Goethes Elpore besonders zu denken, um solche Scene 
zu schaffen ; aber Inspirationen, wie wir sie hier nachgewiesen 
zu haben glauben, gehen auch traumartig unbewußt vor sich. 
Endlich wende man nicht ein, daß beide Dramen dem Inhalte 
und dem Style nach zu weit von einander abliegen. Haupt- 
mann dichtet ja im romantischen Symbolismus, und Goethes 
Pandora, symbolisch wie die »Versunkene Glocke«, trägt nicht 
das antik-klassische Gewand der Iphigenie, sondern, wie »Des 
Epimenides Erwachen«, ein antik-romantisches zur Schau 
(vergl. G.-J. 1893 S. 230/31). H. Morsch. 



10, Eine Goethe-Silhouette von 1784. 

In Zamckes »Kurzgefaßtem Verzeichniss der Original* 
aufnahmen von Goethes Bildniss« findet sich auf der Tafel 7 
unter den Reproductionen der in Stich oder Lithographie 
ausgeführten Schattenrisse, auch eine mit X bezeichnete Titel- 
Vignette, zu der der Herausgeber folgende Bemerkungen macht: 
»Unbekannte Vignette, nach 1782 (Tafel VII. 10) Halbbrust- 
bild nach links (4, 4 hoch) ; Medaillon mit Schleife und Guir- 
lande. Darunter: »Joh. Wolfg. v. Goethe«. Plattengröße 
7,5X6. Das Werk, zu dem diese Silhouette als Vignette gehörte, 
hat sich meiner Kenntniss bis jetzt noch entzogen. Der Zeit 
nach muß sie nach dem Juni 1782 fallen, da Goethe bereits 
geadelt ist.« 

Einem freundlichen Zufall danke ich nun, daß es mir 
möglich ist, dieses Zarncke unbekannte Werk festzustellen und 



MiSCELLEN. 273 



dadurch auch die genauere Datirung des Schattenrisses zu 
erzielen. In einem vor längerer Zeit beim Heidelberger 
Antiquar Herrn Ernst Carlebach erworbenen Hefte habe ich 
auf dem Titelblatte den oben erwähnten Schattenriß gefunden, 
bei dem auch die Plattengröße mit den Zamckeschen Messungen 
übereinstimmt. Es ist betitelt: Journal aller Romane und 
Schauspiele, Erstes Sttlck. Leipzig, bei Karl Friederich 
Schneider, 17S4. Das Heft ist die erste Nummer einer Zeit- 
schrift, die nach Angaben in Kaysers BUcherkunde Bd. I. S. 619, 
in den Jahren 1784—86 viermal erschienen ist, und nach dem 
im ersten Stück abgedruckten »Prologe« ein ungelehrtes 
Raisonnement über neu erschienene schöngeistige Werke, ein 
Verzeichniß der lebenden Romanschriftsteller, litterarisch- 
satirische Scizzen u. dergl. bringen sollte. Die anderen drei 
Hefte konnte ich bisher nicht erlangen, aber dieses eine genügt, 
um fOr die Goethesilhouette zum terminus a quo — der No- 
biiitirung Goethes 1782 — den Zarncke unbekannten ter- 
minus ad quem, das ist das Jahr 1784 zu bestimmen. Der 
Schattenriß gewinnt dadurch ein erhöhtes Interesse, weil wir 
aus dem Jahre 1784 gar kein Goethebildniß besitzen. — In 
dieser Nummer wird Goethe als Autor des Werther im »Ver- 
zeichniß von Schriftstellern, welche Romane geschrieben haben« 
auf S. 90 aufgeführt, und in der Rubrik »Gedichte« ein aus 
dem Jahre 1778 datirter überschwänglicher Hymnus »An 
Goethen, als ich die Leiden des jungen Werthers zum ersten- 
mal las« von ♦♦l* abgedruckt. Max v. Waldberg. 



B. Nachträge und Berichtigungen. 

Zu Bd. XVII, S, 4S — $8, Seitdem erschien und wurde 
leider in der Bibliographie ftlr 1898 übersehen: Friedrich 
Tieck. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Plastik in 
der I. Hälfte des 19. Jahrhunderts, i. Theil, Tiecks Jugend- 
jahre und erste Werke 1776—1805. Dissertation von Emil 
Hildebrandt (Berlin 1898). Unter den Thesen heißt es: 4. Die 
im J. 1885 im Goethehaus aufgefundene Thonbüste Goethes 
ist kein Werk Friedrich Tiecks, sondern der erste Entwurf 
Trippeis. Das 3. Kap., S. 27 — 77 ist überschrieben: Weimar 
1801 — 5. Seine wesentlichen Resultate sind: Tiecks Goethe- 
büste Ar die Walhalla gehört den Jahren 1806—8 an; die 
Umarbeitung der Trippeischen Büste fällt in das Jahr 1825. — 
(Ausführungen über den Artikel der Eleg. Zeitg. gegen die 
Weimarer Kimstausstellung .1802 und über Schadows Wieland- 
büste.) Genaueres über Tiecks Betheiligung am Schloßbau, mit 
Auszügen aus Goethes Akten S. 68 fg.; S. 81 — 82: 3 Briefe 
Tiecks an Goethe. L. G. 

Goithi-Jaubucb XXII. l8 



274 MiSCELLEK. 



Zu Bd. XX, Aus einem Briefe des Herrn Dr. Pakscher. 
»Die mir auch fremde Redensart »im Gewtssena vergleiche ich 
mit ähnlichen Wendungen »im Durchschnitta, »im Großen and 
Ganzen« und dem französischen »au moinsa, also »im Ge- 
wissen« nur das Gewisse zu rechnen, wenigstens.« 

Zu Bd. XXI. Goethe muß ausser Gläsern und Blumen 
Ulriken noch ein Geschenk gemacht haben — eine Locke. 
In der Hinterlassenschaft des Bibliothekars des Böhmischen 
Museums A. J. Vrtätko fand ich ein Couvert mit einer solchen 
und der Aufschrift: 

Goethes Haare 
Erinnerung an den 17. September 1845 

in TTiblic 
in böhmischer Sprache, der Ortsname mit russischen, übrigens 
nicht ganz richtig gebrauchten Buchstaben. Es befindet sich 
gegenwärtig im Böhmischen Museum. 

Ob der damals dreißigjährige Erzieher gelegentlich auf 
das Klebelsbergische Gut gekommen oder ob er als Verehrer 
Goethes, als welchen er sich später bewährte, schon damals 
nach Triblic pilgerte ist mir nicht bekannt. Er ist der Ueber- 
setzer von Goethes »Wanderer« (s. in meinem Goethe a 
Cechz, S. 189). 

Die Geheimthuerei des alten Sonderlings, die sich auch 
in der Aufschrift zeigt, hat es verhindert, daß wir aber den 
Erwerb dieses Andenkens völlig ins Klare kommen können, 
das oben behauptete Factum wird aber dadurch bewiesen. 

Kraus. 

Zu Bd. XXI. S. 265 ff. Der Artikel Henkels war 1896 
eingereicht. Der Wunsch des Verfassers, ihn zurtlckzuziehen, 
war mir aus dem Gedächtniß entschwunden. Daher ist der- 
selbe Gegenstand 1898 von dem Verf. in der Z. f. d. d. U. 
behandelt worden; Hr. H. trägt also an dem erneuten Ab- 
druck keine Schuld. 

Zu Bd. XXL S.304. (Löschhorn.) Die Notiz war, wie 
in der Z. f. d. d. U. XIV, 496 berichtigt wird, bereits früher 
von Prem mitgetheilt worden. 

Zu Bd. XXL S. 327: Es muß heißen: de Gids und 
Byvanek. 

Zu Bd. XXII. S. 80 fg. Für die Beziehungen Goethes 
zu Hitzig vgl. einen Brief vom 26. — 30. Jan. 1824, von dem 
G.-J. X, 290 nur ein Regest gegeben ist. L. G. 





Chronik. 



Martin Sehuiart (geb. 3. Oktober 1840, gest. 27. April 1899). 

Am 4. Januar 1897 schenkte Martin Schubart dem Goethe- 
Hause zu Frankfurt a. M. die in »Dichtung und Wahrheit« 
erwähnten, durch sein Buch über den Königsiieutenant aber 
erst wirklich bekannt gewordenen Josephsbilder. Der erneuten 
Huld des Gebers sich freuend, der es schon Thorancs BildniO 
und eine zu Goethes Vaterhaus in engster Beziehung stehende 
SchUtzsche Landschaft verdankte, und in rechter Erkenntniß 
des Werthes sprach das -iFreie Deutsche Hochstift« in seinem 
Bericht von einer nftlr das Frankfurter Goethe -Museum un- 
schätzbaren Stiftung u. Das allein schon, meine ich, darf dem, 
der auch für seine Studien daraus Nutzen zog, Grund genug 
sein, an dieser Stelle Martin Schubarts zu gedenken. 

Wer Goethes planvoll angelegte Kunstsammlungen in 
Weimar betrachtet, der wird nicht nur von dessen Geschmack 
eine vollkommenere Vorstellung bekommen, sondern auch aus 
der stillen Arbeit vieler Stunden, die allein sie schaffen konnte, 
die schwer wiegende Bedeutung der bildenden Kunst für 
Goethes Wirken besser zu bemessen im Stande sein, als es 
ein nur auf die kunstwissenschaftlichen Abhandlungen sich 
stutzendes Urtheil vermag. Wozu sammelte Goethe? »Mir ist, 
so antwortet er selbst auf diese Frage in einem Gespräch mit 
dem Kanzler von Muller,' dcz Besitz nöthig, um den richtigen 
Begriff der Objekte zu bekommen. Frei von den Täuschungen, 
die die Begierde nach einem Gegenstand unterhält, läßt erst 



276 Chronik. 



der Besitz mich ruhig und unbefangen urtheilen. Und so Hebe 
ich den Besitz, nicht der besessenen Sache, sondern meiner 
Bildung wegen und weil er mich ruhiger und dadurch glflck- 
licher macht.« Martin Schubart, dessen ganze auf der Grund- 
lage der Schönheits-Erkenntniß sich aufbauende Lebensführung 
ihn zu einem recht innerlichen Mitglied der Goethe-Gemeinde 
machte, ist auch hierin dem Meister gefolgt. Man weiß, daß 
er eine der besten Privatgalerien Deutschlands in jahrzehnte- 
langer ernsthafter Arbeit sich zusammenzustellen verstanden 
hat. Auch ihn leitete dabei das Streben nach Erkenntniß, 
nicht die Sucht, die man heutzutage oft genug findet, sich mit 
seinem Besitz einen Namen zu machen. Beweis dafür ist das 
Vorwort, das er dem Werk Über seine Sammlung zum Geleit 
mitgab, Beweis auch schon der Entschluß zur Veröffentlichung, 
den kein anderer Sammler des 19. Jahrhunderts vor ihm sich 
zu Gunsten der Allgemeinheit hatte abgewinnen können. An 
seinem Besitz sollte die Wissenschaft theil haben. 

Schubart war nicht der Mann einseitiger Auffassungen: 
Kunstgeschichte war ihm die Geschichte der PhantasieschOp- 
fungen überhaupt: So mußte er auch die Literatur in den 
Bereich seiner Studien ziehen und sehr bald zur eindringlichen 
Beschäftigung mit Goethe kommen. Da ist es denn bedeutsam, 
daß er auch hier Forschung und Sammeln eng miteinander 
verbindet. Er würde sein Buch über Thoranc, dessen Werth 
ich früher an anderer Stelle zu schildern versucht habe,' kaum 
geschrieben haben, wenn es ihm nicht geglückt wäre, geglückt 
allerdings auf methodisch gefundenem Wege, sich in den Besitz 
schriftlicher und, wenn ich so sagen darf, bildlicher Urkunden 
zu setzen. Anderes, was ihn zu vollenden der Tod hinderte, 
war in gleicher Weise vorbereitet. Ich darf wohl hier davon 
sprechen, daß dieser Nachlaß literarisch verwerthet werden 
soll: er wird die noch unveröffentlichten Briefe zur Geschichte 
Thorancs, femer das Anthing-Album als eine Beisteuer zu der 
noch unaufgehellten Geschichte der Silhouette und Karl Eber- 
weins, des Weimarer Musikers, Niederschriften, einen Beitrag 
zur Musikgeschichte jener Tage, schließlich einige kleinere 
Arbeiten, darunter eine sehr bemerkenswerthe Untersuchung 
über Vossens Louise enthalten. 

Auch in der Form suchte Schubart von Goethe zu lernen. 
Die ihm nahe standen, wissen, daß er ebenso klug wie im 
besten Sinne des Wortes schön zu sprechen verstand. Einige 
als Manuscript gedruckte kleinere, sehr sympathische Dich- 
tungen zeigen, daß er auch in gebundener Rede leicht und 
edel sich auszudrücken vermochte, und sein Buch über Thoranc 
sowie einige kleinere Abhandlungen kunstwissenschaftlichen 



« In der »Zukunft« VIII. No. 6, S. i^oi. 



Martin Schübart. 277 



Inhalts beweisen, daß er die Mühsal gelehrter Forschung mit 
Erfolg in ein gefälliges äußeres Gewand zu kleiden bestrebt war. 

Das ist, was ich von Martin Schubart hier aussprechen 
wollte: er erweist sich als das reife Ergebniß einer gewissen- 
haften Selbsterziehung auf Goethischer Grundlage. — Es sei 
mir nur noch eine kurze Schilderung seines Lebensganges 
gestattet. 

Martin Schubart ist geboren als Sohn eines Pfarrers am 
3. Oktober 1840 zu Hohnstädt bei Grimma wo, wie er gerne es 
hervorhob, schon mehrere Generationen in ununterbrochener 
Folge das geistliche Amt verwaltet hatten. Die berühmte 
Fürstenschule dieser Stadt legte den Grund zu einer Vor- 
trefflichen philologischen Bildung. Einer Familientradition 
folgend studirte Schubart in Erlangen und dann in Leipzig 
Theologie. Nach bestandenem Candidatenexamen im Jahre 
1863 fand er das erste Feld für seine Thätigkeit als Erzieher 
in Livland, wo er in Riga auch als sehr erfolgreicher Kanzel - 
redner sich zu bewähren Gelegenheit hatte. 1868 kehrte er 
in die Heimat zurück, um ein Lehramt an der Thomasschule 
in Leipzig zu bekleiden. Aber die immer stärker werdende 
Neigung zur Kunst- und Literaturgeschichte ließen bald in 
ihm den Wunsch lebendig werden, sich der engen Berufs- 
fesseln zu entledigen. Er schied 1874 aus dem Collegium 
aus und widmete sich in Heidelberg seinen Lieblingsstudien. 
Nach seiner ihm reinstes Glück gewährenden Verheirathung 
mit der Tochter des Physiologen Czermak, jenes berühmten 
Gelehrten, den die Medizin als ruhmreichen Begründer der 
Laryngoskopie nennt, siedelte er nach Dresden über. Hier 
lebte er sammelnd und forschend bis zum Jahre 1899. Dann 
verlegte er seinen Wohnsitz nach München, und dort wurde 
manches fertiggestellt, was von langer Hand vorbereitet war. 
Es sind die Schriften, deren ich vorhin erwähnte. Andere 
Arbeiten wurden daneben eifng gefördert. Aber körperliche 
Leiden setzten bald dem sonst l^äftigen Manne öfter zu, und 
am 27. April 1899 brach das Auge, das so eifrig nach dem 
Schönen gesucht und es so oft zu finden gewußt hatte. 

Karl Koetschau. 



Friedrich Nietzsche (geb. 15. Oktober 1844, gest. 25. Aug. 1900). 

Am 25. August 1900 ist Friedrich Nietzsche in Weimar 
gestorben. Er war am 15. Okt. 1844 in Röcken bei Naum- 
burg geboren, in Schulpforta (1858—64) erzogen, studirte 
(1864) in Bonn und (1865—67) in Leipzig, ward (1869) Pro- 
fessor in Basel und erkrankte nach einer beispiellos fruchtbaren 
und glänzenden literarisch-philosophischen Thätigkeit (1890), 



278 Chronik. 

um bis ru seinem Tod nicht wieder in den Besitz seiner 
überreichen Geisteskräfte zu gelangen. 

Diese Daten, die ja heut fast Jeder kennt, wie sein Ver- 
häliniß zu Schopenhauer und R. Wagner als allgemein bekannt 
vorausgesetzt werden darf, bezeichnen die äußeren Fußpunkte 
einer unvergleichlichen Entwickelung, Aber diese Entwickelung 
selbst zu schildern, oder zu kritisiren, tst hier nicht der On. 
Wohl aber gebührt es sich, daß hier dem Mann ein paar 
Worte gewidmet werden, flir den Goethe auch dann ein 
bleibender Werth, ja fast der einzige bleibende Werth blieb, 
als er in seinen Versuchen einer »Umwerthung aller Werth« 
am weitesten fortgeschritten war. Und indem wir möglichst 
vollständig zusammenstellen, was Nietzsches Werke (nach der 
großen Gesammt- Ausgabe citirt) über seinVerhältniß zuGoethe 
bezeugen, geben wir gleichzeitig einen Beitrag zur Beantwortung 
der Frage, wie die von dem kühnen Revolutionftr erht^ie 
neue Cultur sich etwa zu der »Goethe- Schi Her -Culturs (9, 356. 
358) stellt, auf der bisher die deutsche Bildung beruhte. 

In einer großen Reihe von Punkten sah Nietzsche in 
Goethe einen nicht zu QbertrefTenden Höhepunkt der Cultur. 
Er war ihm eins der letzten »europäischen Ereignisse« gleich 
Hegel, gleich Heine, gleich Schopenhauer (8, 133) und be- 
sonders mit dem letzteren, seinem philosophischen Liebling 
trotz alledem, stellte er Goethe gern zusammen (3, 89. 4, 320. 
328. 8, 133. 9, 356). Aber Goethe war ihm nicht blos ein 
»Europäer« im höchsten Sinne, wie nur Plato und Voltaire 
(i2, 365) — er ist ihm auch ein großartiger Versuch, das 
18. Jahrhundert zu Überwinden (8, r6z) und deshalb ndn 
letzte Deutsche, vor dem ich Ehrfurcht haben (8, 162), denn 
eben das schien Nietzsche so besonders bewundemswertb, 
daß Goethe nicht bei der »Goethe -Schiller-Cultur« (9, 356. 
358. 10, 401) stehen blieb, sondern diese nur alsBasis nahm, 
um zur Totalität zu slreben (9, 163). Um dieser großartigen 
»Umwandelung und Bekehrung« willen ist der gereifte Goethe 
der zweiten Lebenshälfte vor Generationen so weit voraus, 
daß seine Zeit erst kommen soll (3, 204) ; obwohl er in der 
ersten Hälfte seines Lebens, in dem Glauben zur bildenden 
Kunst berufen zu sein (vgl. 10, 398 n versetzter Maler«) in der 
zweiten in der Ueberzeugung, »einer der größten wissen- 
schaftlichen Entdecker und Lichtbringer zu sein« irrte (3, 117). 
Aber gerade diese beiden Grundirrthtlmer seines Lebens geben 
Goethe Angesichts seiner rein literarischen Stellung zur Poesie, 
wie sie damals die Welt allein kannte, eine so unbefangene 
fast willkürlich erscheinende Haltung (ebd.). In der Fähig- 
keit, sich zu irren, heftig zu irren, Romane zu durchleben, 
die Goethe mit Plato, Spinoza, Pascal, Rousseau thcilt (4, 320) 
liegt eben dasGeheimniß auch seiner großartigen Entwickelung 



Friedrich Nietzsche. 279 



(a, 204 f. 8, 162 f.) — freilich nur, wenn man das Zweite 
hinzu nimmt : den über Charakter und Temperament erhabenen 
Genius (4, 328), die vorbildliche Kunst, sich selbst zu bilden, 
zu stilisiren (10, 258) »Bei Goethe ist der größte Theil der 
Kunst in sein Wesen Ubergegangena. Anders unsere Theater- 
ktinstler, »die im Leben unkttnstlerisch sind und nur Theater- 
material beschaffen« (11,107). 

Durch diese Größe und Einzigkeit stand Goethe über den 
Deutschen: »wie Beethoven tlber die Deutschen weg Musik 
machte, wie Schopenhauer über die Deutschen weg philo - 
sophirte, so dichtete Goethe seinen Tasso, seine Iphigenie 
tlber die Deutschen weg. Ihm folgte eine sehr kleine Seh aar 
Höchstgebildeter, durch Alterthum, Leben und Reisen Er- 
zogener über deutsches Wesen hinaus Gewachsener — er 
selbst wollte es nicht anders« (3, 89). Er sah dem Treiben 
der deutschen Bildung zu, »in seiner Art: danebenstehend, 
mild widerstrebend, schweigsam, sich auf seinem eignen besseren 
Wege immer mehr bestärkend« (4, 180). Daher Napoleons 
Erstaunen: »Voilä un homme« — das wollte sagen: »das ist 
ja ein Mann ! Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet !« 
(7> 15^)* Und dennoch ist gerade er es, mit Luther, Schiller 
und einigen andern, den wir meinen, wenn wir von deutschem 
Geiste reden (10, 260) — denn er, der »Ausnahme— Deutsche«, 
neben dem Beethoven sogar nur wie die Halbbarbarei neben 
der Cultur steht (5, 137), hat es immer gewußt, daß der 
Deutsche mehr sein müsse als ein Deutscher (3, 149). 

Goethe als großer Lerner (4, 346) als spannkräftiger Held 
(i, 143. 2, 253) und nicht zum Mindesten auch als grund- 
guter Mensch mit dem Ideal der harmonischen All-Entwickelung 
(10, 362) — dies ist der Goethe Nietzsches. Den »zweck- 
bewußten Goethe-Cultus der Romantiker« (3, 90) lehnt er so 
bestimmt ab wie die Hegelianischen Goethe-Constructionen 

(3» 90- II. 356). 

Durchaus selbständig ist denn auch sein Urtheil tlber den 

Künstler Goethe. Unbedingt ist er ihm der größte Lyriker 
(10, 440), neben den man Mörike so wenig setzen dürfe wie 
etwa als Genie Darwin (8, 337). Aber er ist ihm auch eine 
entschieden epische Natur und Goethe in Italien ist der Blüthe- 
moment unserer epischen Cultur (9, 78). Der Dramatiker da- 
gegen war nicht nur kein Theatertalent im geringeren Sinne, 
wie die von Nietzsche grausam zusammengeschirrten Kotzebue 
und — Schiller (3, 89); er war nicht nur durch Zartheit 
der Empfindung und Neigung zur Symbolik unbühnengemäß 
(9> 3^) — sondern er ist auch wirklich untragisch von Grund 
der Seele aus, im Gegensatze zu Kleist (11, 146 vgl. 3, 264) 
und zu Schiller (11, 54). 

Dem entspricht es, wenn Nietzsche von Goethes Dramen 



28o ' Chronik. 



diejenigen am höchsten stellt, die der Form nach am ersten 
episch-lyrisch erscheinen möchten: »Iphigenie« (12, 397), 
»Tassoa (3, 89; 11, 107). Dagegen ist der »Faust« ihm nie 
etwas so Großes gewesen (11, 347); er hat ihn parodistisch 
analysirt (3, 264) und später schroff wiederholt: »Ich lache über 
Faust 1« (12, 397). Gegen den Schluß des zweiten Theils hegte 
er eine entschiedene Antipathie, parodirte ihn (5, 349) und pro- 
testirte gegen das »Ewig Weibliche« (5, 349; 7, 194). Aber 
der eigentliche Grund jener Abneigung war doch eben die 
Meinung, daß das Faust-Problem, der »Faust -Teufel« (3, 162 
vgl. II, 155) lange nicht ernst, tief, tragisch genug angefaßt sei. 

Unbedingt verehrt Nietzsche wieder in Goethe den großen 
Schriftsteller überhaupt (11, 25), den Meister der Prosa (3, 257), 
den einzigen Klassiker der Deutschen (3, 265). Ebenso un- 
bedingt verehrt er in ihm den »Vorfahren« (12, 208), dem 
er das mächtige Schlagwort »Uebermensch« und die Formel 
entlehnt hat: »Aufgabe: die Dinge sehen wie sie sindla 
(12, 76). Er ist ihm eine Autorität, die er öfter citirt als 
irgend eine andere (i, 279, 323, 364; 2, 120, 203; 7, 253, 
266; 9, 308, 342; II, 130), auf deren Worte er gern zu- 
stimmend (2, 46 Philosophie der Lebensalter) oder polemisch 
(der Werdende nicht dankbar 3, 332) anspielt, dessen Worte 
er umwendet (11, 143), von dem er Titel (»Scherz, List und 
Rache« 5, 13) und Motto (zur Zweiten Unzeitgemäßen Be- 
trachtung I, 279) entlehnt. Ihn befragt er über Aeschylos 
und die antike Tragödie (i, 68. 71. 129. 143. 156), über 
Shakespeare (i, 323; 2, 169), Sterne (3, 62) und Schiller 
(11, 54) und am liebsten befragte er ihn auch nach seiner 
Meinung über Richard Wagner (8, 14). An seine Meinung hält er 
sich beim Urtheil über Deutschthum (3, 149), über das Wesen 
der Prosa (3, 250), über den Nutzen der Geschichte (i, 279; 
lo, 266). Es ist ihm bedeutungsvoll, wie Goethe die Stellung 
des Menschen in der Natur auffaßt (10, 268). Nur Goethes 
Stellung zur Antike ist ihm zuletzt bedenklich geworden (10. 
345) und sehr schön bemerkt er: »Die Künstler (Goethe) 
machen unwillkürlich das von ihnen erkannte Maß und die 
Sophrosyne zu einer Eigenschaft des gesammten Alterthums« 
(10, 32s). 

Dies also ist Nietzsches Stellung zu Goethe. Sie kommt 
vor allem im zweiten Theil der Schrift »Menschliches Allzu- 
menschliches« (B. 3) zum Ausdruck 3, 89. 126. Die andern 
Hauptstellen: 2, 204; 8, 162; 10, 258). Ich verzichte darauf, 
diese Sammlung von Belegen noch durch etwaige Briefstellen 
zu ergänzen, da sie die Frage, die wir uns vorgelegt haben, 
wohl schon mit ausreichender Klarheit beantwortet. 

Wir haben hier wieder nicht zu erörtern, in wie weit 
Nietzsches Auffassungen und Urtheile allgemeinere Gültigkeit 



Veit Valentin. 28 1 



beanspruchen können. Deutlich ist ja, daß gerade in den- 
jenigen Punkten, die den lebhaftesten Widerspruch hervor- 
zurufen geeignet sind, subjektive Momente mitwirken; so in 
der Beurtheilung von Goethes Stellung zu den Deutschen, in 
der Geringschätzung des »Faust«. Subjektive uiM objektive 
Momente wirken zusammen, um Nietzsche in einer Hauptfrage 
Von Goethe entschieden abweichen zu lassen : in der Auffassung 
des Alterthums und insbesondere der antiken Tragödie. Man 
wird es hier wohl aussprechen dürfen, daß Nietzsches Ent- 
deckung des »dionjTsischen« Elements in der Antike eine 
wirkliche Vertiefung unserer Kennt niss gegenüber der Winckel- 
mann-Lessing-Goethischen Anschauung bedeutet, durch die 
insbesondere auch der Begriff des Tragischen eine Veränderung 
erleidet; und man wird es ebenfalls Nietzsche zugeben müssen, 
daß Goethes »conciliante Natura der tiefsten Tragik bewußt 
auswich. — Im Uebrigen aber hat Nietzsche sich durchaus 
als ein »Nachkomme« Goethes fühlen dürfen. Der Große 
war ihm ein Vorbild als Meister der Kunst, der auf Nietzsches 
Lyrik (insbesondere in den freien Rhythmen) und auf seine 
Prosa erziehend eingewirkt hat; er war ihm noch mehr ein 
Ideal als Meister des Lebens, der die Erlebnisse als bloßen 
Stoff, die Lebenszeit als Mittel zu künstlerischer Gestaltung 
behandelte. Ihm gegenüber fühlte Nietzsche sich berufen, 
das Gesetz nicht zu zerstören, sondern zu erfüllen. Und ist 
Nietzsche selbst nicht der Mensch gewesen, den Goethe vor 
Augen sah, als er schrieb: 

Wer immer strebend sich bemüht, 
Den können wir erlösen, 



und 



Im W^eiterschreiten find er Qual und Glück 
Er, unbefriedigt jeden Augenblick? 

Richard M. Meyer. 



Veit Valentin^ (geb. 16. Februar 1842, gest. 24. Dez. 1900). 

Aus dem frohen Kreise der Festgenossen der Wiener 
Goethetage vom Dezember vorigen Jahres kehrte Veit Valentin 
noch vor dem völligen Abschluß der Feier, ein müder Mann, 
den Todeskeim im Herzen, nach Frankfurt zurück ; noch war 



* Nähere Mittheilungen über Valentins Lebensgang finden sich in 
dem mit Valentins Bildniü geschmückten biograi)hischen Denktnal, das 
Max Schneidewin dem langjährigen Freunde gewidmet hat (Berlin 1901. 
R. Gaertners Verlag). Außerdem wird die Vorrede zu Valentins postum 
erscheinender Klassischen Walpurgisnacht (Dürrs Verlag, Leipzig 190 1) 
eingehendere biographische Notizen, eine breiter angelegte Würdigung 
seines schriftstellerischen Charakters und ein chronologisches ver- 
zeichniß seiner wichtigeren literarischen Arbeiten enthalten. 



282 Chronik 

es ihm vergönnt gewesen, das eigenartig gedachte jüngste 
Denkmal des Faustdichters im Original zu erblicken, ein An- 
blick, der ihn, den der Bildkunst wie der Dichtkunst mit seinen 
Studien in gleichem Maße zugewandten Forscher, zu fein- 
sinnigen Beobachtungen anzuregen geeignet war; einen Vor- 
trag über die Faustdichtung, den man ihn in Wien, wie kurz 
zuvor in Bonn, zu halten eingeladen hatte, mußte er absagen; 
ein Vorgefühl des jähen Kräfteverfalls, der ihn so plötzlich 
den Seinigen entreißen sollte, trieb ihn hastig der Heimat zu; 
er erreichte sie, um mit Frau und Kind noch wenige Worte 
wechseln zu können; dann trat in Folge eines Schlaganfalls 
völlige Lähmung ein, und nach 4 Tagen schweren Leidens 
und bitterer Angst für die lieben Seinigen erlöste am 24. Dez. 
der Tod das liebevolle Familienhaupt, den trefflichen Forscher, 
den wackeren und wohlverdienten Schulmann von allem Erden- 
leid; mit den Seinigen trauert ihm die Wissenschaft, trauert 
ihm die Schule und trauert ihm auch die Goethe-Gesellschaft 
nach, in deren Jahrbuch seinem Andenken hier wenige Worte 
der Beschreibung seines Lebens und der Charakteristik seiner 
Persönlichkeit gewidmet sein mögen. 

Veit Valentins Lebensgang ist seinem äußeren Verlauf 
nach schlicht und ohne besondere Wechselfälle ; am 16. Februar 
1842 als Sohn eines Weinhändlers hugenottischer Herkunft 
geboren, verlebt er seine Jugend unter dem Einfluß der früh 
verwittweten Mutter, offenbar einer Frau von hervorragender 
Tüchtigkeit des Geistes und des Charakters, und unter der 
vielfältigen Einwirkung Georg Friedrich Daumers, eines Oheims 
von mütterlicher Seite; das altehrwürdige Frankfurter Gjm- 
nasium besuchte er unter dem Directorate eines der bedeu- 
tendsten Nachfolger des Goethischen Dr. Albrecht, Johannes 
Classen, und schloß im Jahre 1861 seine dortige Sehüler- 
lauf bahn mit einer der damals statt des Abiturientenexamens 
üblichen Reifedissertationen ab, die in seinem Falle und wohl 
nach seiner eignen Wahl den pontischen König Mithridates 
zum Gegenstand hatte. Fünf Semestern theologisch -linguis- 
tischen Studiums in Göttingen, besonders bei Ewald und 
Benfey, folgte vom Herbst 1863 bis zum Herbst 1865 ^^ 
Aufenthalt in Berlin, der durch eine Famulatsstellung bei 
Eduard Gerhard, dem tiefsinnigen archäologischen Forscher und 
gewaltigen Organisator der wissenschaftlichen Arbeit auf dem 
Gebiet der Alterthumskunde, für den jungen Mann besonders 
fördernd wurde. Valentins persönlicher Hang zu der später von 
ihm erfolgreich eingeschlagenen wissenschaftlichen Richtung 
muß schon damals sehr stark entwickelt gewesen sein, daß 
er sich weder durch Gerhard in seiner letztgenannten Eigen- 
schaft zum archäologischen Spezialforscher, noch durch Gerhards 
symbolisch- mystische Auffassung zum Symboliker der Kunst- 



Veit Valentin. 283 



Wissenschaft ausbilden ließ ; vollen Einfluß gewann der Meister 
auf ihn insofern, als Valentin von Gerhard nach eigenem dank- 
barem Bekenntniß »das Organisiren lernte«. Eine im Jahre 
1867 erschienene Abhandlung über »Orpheus in der Unter- 
welt« bringt das Pietätsverhältniß des Schulers zu seinem 
Lehrer in ansprechender Weise zum Ausdruck; die speziell 
archäologisch -fach wissenschaftliche Forschung tritt schon in 
dieser Abhandlung, wie später in den beiden Arbeiten über 
die Venus von Milo, durchaus in den Hintergrund vor der 
Verfolgung ästhetisch-kritischer Gesichtspunkte. 

Die Selbständigkeit der Geistesrichtung, die der Ama- 
nuensis Gerhards an den Tag gelegt hatte, fand in einer ein- 
jährigen Hauslehrerzeit zu Paris ausreichende Muße und 
überreiche Anregung, sich weiterzuentwickeln; sehr geft^rdert 
durch die eigene Anschauung der gewaltigen Kunstschätze 
von Paris und durch die gerade dem Kunst- und Literatur- 
forscher unentbehrliche Gelegenheit zum Einleben in eine 
fremde Volksumgebung, kehrte Valentin 1866 in das inzwischen 
preußisch gewordene Frankfurt zurück und fand nach einer 
Reihe von Jahren privater Lehrthätigkeit Ostern 1871 die 
feste Anstellung an der Anstalt, die ihn bis zu seinem Tode 
den Ihrigen nannte, der Wöhlerschule. Auf zahlreichen Reisen, 
u. a. zweimal nach Italien, dehnte Valentin die in Paris ge- 
wonnene Kunstanschauung und Fähigkeit, fremde Nationali- 
täten zu verstehen, weiter aus; einmal wurde ihm von seiten 
der Behörde zu solcher Studienreise ein längerer Urlaub ver- 
liehen ; im übrigen nahm das Lehramt seine Kraft unausgesetzt 
nicht wenig in Anspruch, und gelegentlich mochte den wissen- 
schaftlich rastlos weiter arbeitenden Mann die Sehnsucht nach 
der solchem Streben weit holderen Stellung eines Hochschul- 
dozenten anwandeln, so sehr er der Jugend mit Verständniß 
zugethan und zu anregendem Unterricht aufs beste befähigt 
war. Einmal, im Jahre 1884, war es nahe daran, daß er der 
Schule und Frankfurt Lebewohl sagte, um nach Düsseldorf als 
Dozent der Kunstgeschichte an der Kunstakademie zu gehen; 
ein freundliches Geschick gab Valentin, nachdem diese Be- 
rufung an äußeren Fragen gescheitert war, in seiner Heimath - 
Stadt selbst eine beträchtliche Erweiterung des Wirkungskreises, 
die sein ganzes Leben in den letzten 15 Jahren stark be- 
stimmt und ihn besonders auch in den Kreis der Goethe- 
forschung eigentlich erst hereingezogen hat ; ein bedeutendes 
Legat ermöglichte im Jahre 1885 eine völlige Neugestaltung 
des Freien Deutschen Hochstiftes in Goethes Vaterhaus, und 
die Seele dieser Neugestaltung, die den Namen des Hochstiftes 
in wissenschaftlichen Kreisen zu Ehren brachte und Frank- 
furt in dem Hochstift eine dem Senckenbergianum als natur- 
wissenschaftlicher Akademie wohl ebenbürtige Akademie der 



284 Chronik. 

Geisteswissenschaften gab, die Seele dieser Neugestaltung ist 
in erster Linie Veit Valentin gewesen. Eine große Vielseitigkeit 
des Wissens ließ ihn besonders geeignet sein, für die Öffent- 
lichen Vortragscyklen die geeigneten Persönlichkeiten aus dem 
Kreise der Fachmänner auszuwählen; Valentin empfand mit 
Freude, daß zu diesen Vorträgen in stark zunehmendem Maße 
immer mehr treffliche Vertreter der Wissenschaft, auch von 
ferneren Universitäten her, gern bereit waren und die Gelegen- 
heit zur volksthümlichen Zusammenfassung und Darstellung 
wissenschaftlicher Theilgebiete dankbar als eine Förderung 
auch für sich selbst betrachteten; der persönliche und brief- 
liche Verkehr mit so manchem geistvollen Vertreter der 
deutschen Gelehrtenrepublik war daneben für Valentin eine 
reiche Quelle der Anregung. In 10 großen Ausstellungen, die 
zu einem Theil bedeutenden Vertretern der neueren deutschen 
Kunst, zum andern Theile dem Genius des Hauses am Hirsch- 
graben gewidmet waren, ist daneben, besonders auf Valentins 
Betreiben, werthvolles wissenschaftliches Material in sehr 
zweckmäßiger Anordnung zeitweise für die Forschung wie (Qi 
die Zwecke der Allgemeinbildung vereinigt und das Bild des 
zeitlich naturgemäß beschränkten Unternehmens in sorgsam 
gearbeiteten Katalogen für immer festgehalten worden; i)lr 
die Goetheforschung wurde, mit auf Valentins Anregung hin« 
ein Goethemuseum als Sammelstätte einschlägigen wissen- 
schaftlichen Materials vom Hochstift gegründet 

In dem engeren Kreise fachwissenschaftlicher Sitzungen, 
deren Ergebnisse in einem Theil der Hochstiftsberichte nieder- 
gelegt werden, war Valentin als Organisator des Ganzen wie 
als Mitarbeiter im Einzelnen rastlos und erfolgreich thätig; 
kurze Referate über neue Erscheinungen der Fachliteratur wie 
wohldurchdachte längere Vorträge über eigene Forschungs- 
resultate zeugen in jedem Band der Berichte von Valentins 
vielseitiger Thätigkeit; wie unermüdlich er Andere zur Mit- 
arbeit warb, um das geistige Leben Frankfurts auch nach der 
Seite der Geisteswissenschaften hin zu heben, das weiß Jeder, 
der als Augenzeuge die Entwickelung des Hochstifts in den 
letzten anderthalb Jahrzehnten verfolgt hat. Es gehörte 
Valentins großer Fleiß und die ganze ihm eigene Kunst der 
Zeitausnutzung dazu, um dies alles leisten zu können; Mühe 
und Arbeit freilich war sein Leben, aber der Lohn, den ihm 
der anregende Verkehr mit so vielen bedeutenden Männern 
aller Wissensgebiete brachte, wurde bei Valentins freundlich 
vermittelnder Art nur selten verkürzt durch minderwerthige 
Erfahrungen, wie sie das mit persönlicher Reibung im guten 
und wohl auch im minder guten Sinne unzertrennlich ver- 
bundene Zusammenarbeiten vieler Individualitäten mit sich 
bringt. Um das geistige Leben seiner Vaterstadt hat sich 



Veit Valentin. 285 



jedenfalls Valentin ein bleibendes und großes Verdienst er- 
worben, indem er für die Verbreitung wissenschaftlicher 
Interessen in weiteren Kreisen so rastlos thätig war; es ist 
ihm von allen Guten gedankt worden. 

Was Valentin als Goetheforscher geleistet hat, läßt sich 
nur im Zusammenhang seiner gesammten literarischen Arbeiten 
richtig ermessen. Von linguistischen Studien ausgegangen und 
dann sehr frühzeitig zu einer erstaunlich umfassenden Kenntniß 
der Weltkunst und der Weltliteratur gelangt, ließ er alle seine 
Einzelarbeiten im Dienste zweier großer wissenschaftlichen 
Forschungsgebiete stehen, deren systematische Zusammen- 
fassimg er sich auch als Aufgabe für seinen Lebensabend vor- 
genommen hatte, der Aesthetik und der Poetik ; nicht nur die 
erstere, sondern — sehr mit Recht — auch die letztere ließ 
er zu der bildenden Kunst wie zu der Dichtkunst in gleichem 
Maße in Beziehung stehen; fUr beide suchte er die Grund- 
sätze einer streng wissenschaftlichen Methode aufzustellen und 
durchzuführen und hat die Aesthetik von der so oft mit ihr 
verwechselten Schönrednerei scharf und sauber zu scheiden 
gesucht. Ein liebevolles, manchmal wohl sogar hyperloyales 
Eingehen auf die Absichten des Dichters und des Künstlers 
ließen ihn, sorgsam sich hütend vor der vorschnellen An- 
wendung desQuandoque bonus dormitat Homerus das Kunst- 
werk als fertiges Ganzes ohne zersetzende Vorgedanken liebe- 
voll ins Auge fassen, und in mehr als einem Falle ist es 
seiner verständißvollen Interpretationskunst gelungen, das 
scheinbar Unzusammenhängende und WiderspruchsyoUe der 
von ihrem Urheber als fertiges Ganzes hinterlassenen Kunst- 
schöpfung thatsächlich als das Ergebniß eines festen Planes 
zu erweisen; so sehr in unseren wissenschaftlichen Kreisen 
ein Fehlgriff nach der Seite der Hyperkritik weit milder 
beurtheilt zu werden pflegt als ein Fehlgriff nach der Seite 
vertrauensvoll optimistischer Hingabe an den Dichter und den 
Künstler, deren Werke es zu durchforschen gilt: Valentins 
Faustbuch ist doch — und mit Recht — als eine bahn- 
brechende wissenschaftliche Leistung anerkannt worden, deren 
methodologischer Werth weit über die Kreise der Goethe- 
forschung hinaus mit der Zeit vielleicht noch mehr zu Tage 
treten wird; sorgfältige Erforschung der Kunstmittel, die der 
Dichter verwendet hat, und der Absicht, die der Verwendung 
dieser Kunstmittel von Fall zu Fall zu Grunde liegt, ist in 
dem Faustbuche wie in zahlreichen Einzelaufsätzen Valentins 
über Goethische Dichtungen mit Glück durchgeführt und 
gegenüber der für die Wirkung eines Kunstwerks oft förder- 
lichen, für seine wissenschaftliche Auffassung aber unheil- 
vollen Hereintragung unseres subjektiven Empfindens und 
unserer modernen Anschauungen in das Werk des Dichters 



286 Chronik. 

hinein der Standpunkt des Dichters als der allein zuUssige 
der Forschung mit Recht betont worden, wie dies z. E 
Hermann TUrks geistvoller, aber gelegentlich zu subjektiver 
Kritik gegentlber von Valentin auch für die Beurtheilui^ 
Hamlets geschehen ist; ein nachgelassenes Werk Valentins 
wird an einer wichtigen Einzelfrage der Faustforschung die 
Methode des behutsam tiefgründigen Gelehrten noch einmal 
in höchst ansprechender Weise durchgeftihrt zeigen: es ist 
die Frage der Klassischen Walpurgisnacht und ihrer Stellung 
zum Faustganzen — die Frage, deren Behandlung Valentin 
dereinst (im Jahre 1891) auch seinen Antrittsvortrag als Vor- 
standsmitglied der Goethe-Gesellschaft gewidmet hat. In einer 
für weitere Kreise faßlicheren Form hat Valentin den Faust 
für seine Sammlung Deutscher Schulausgaben bearbeitet, in 
der auch die Vorrede zur Iphigenie und zu Hermann and 
Dorothea von der feinsinnigen Interpretationskunst des Heraus- 
gebers vollwichtiges Zeugniß ablegen. Valentin ist in allen 
diesen Arbeiten ganz seine eignen Wege gegangen, wie sie 
aus dem Gesammtplan seines wissenschaftlichen Strebens sich 
ergaben; die Auseinandersetzung mit der Meinung Anderer 
hat er in zahlreichen Besprechungen von Neuerscheinungen 
der Fachliteratur mit unendlichem Fleiß und erfolgreichem 
Streben nach Klärung der strittigen Gesichtspunkte vollzogen 
und dabei alle Schärfe des Urtheils doch in wfirdige Formen 
einer von allem Persönlichen freien Kritik einzukleiden ge- 
sucht, mit der Buhneninterpretation Goethischer Werke in 
trefflich geschriebenen Theaterkritiken aus verschiedenen 
Epochen seines Lebens sich auseinandergesetzt, wie er andrer- 
seits die Entwicklung der künftigen Bühnenkünstler als Dozent 
am Hochschen Konservatorium zu fördern bestrebt war; die 
glückliche Vereinigung kunst- und literaturwissenschaftlicber 
Gesichtspunkte endlich bringen seine Abhandlungen ober 
Frankfurter Maler im Goethehaus, über Goethes Beziehungen 
zu Wilhelm von Diede, über Schwinds Goethetransparent und 
über Tischbeins Bild des römischen Goethe in anziehender 
Weise zum Ausdruck; es ist ein wirklicher Genuß, diese 
Arbeiten, von denen hoffentlich eine Sammlung in handlicher 
Buchausgabe zu stände kommen wird, im Zusammenhang zu 
überblicken und die feingeschaffene Beziehung jeder Einzelheit 
zu dem Ganzen, das Valentin vor Augen schwebt, zu ver- 
folgen. 

Als wir vor drei Monaten an einem kühlen Dezember- 
morgen Veit Valentin zur letzten Ruhe geleiteten, sprach 
einer der Redner am Grabe die Mahnung aus, den Gesammt- 
eindruck dieser groß angelegten, rastlos weitergeführten, aber 
vor dem Abschluß jäh unterbrochenen Lebensarbeit durch du 
Betrachtungsweise bestimmt sein zu lassen, mit der der Todtc 



Veit Valentin. 287 

selbst, liebevoll auch den nicht zur klaren Ausführung ge- 
kommenen Absichten nachgehend, überall das fertige Ganze 
auch in der nothdUrftig zusammengefügten Masse der Ansätze 
und BaustUcke erspähend, mehr als ein Kunstwerk unserem 
Verständniß näher zu bringen gesucht hat; ausklingen in 
solche Mahnung mOgen auch diese Worte der Erinnerung an 
einen Mann, der im Goethischen Sinne des Wortes komplet 
und klugthfitig gewesen ist und dessen Wirken bleibende und 
ihren Urheber ehrende Spuren in weilen Kreisen der Wissen- 
schaft und des Lebens hinterlassen wird. 

Julius Ziehen. 




Bibliographie. 



I. Schriften. 

WEIMARER GOETHE-AUSGABE. 

Goethes Werke. Herausgegebea im Auftrage der Groll- 
hcTZOgin Sophie von Sachsen. Weimar, H. Böhlaus Nachfolger. 

Siehe G.-J. XIII, 239 Anmerkung. Da das vorige Jahrboci 
außer dem in die Abhandlungen aufgenommenen Beridii 
SeuffertB über die Textgeschichte von Goethes Werdier 
(S. 346 — 151) keinen Bericht über die 1899 erschienenen 
Bände brachte, so umfaßt der gegenwärtige Bericht den Erlng 
der Jahre 1S99 und 1900. Erschienen sind 1899; I. Abtheilung, 
Band tg: Die Leiden des jungen Werther, Briefe aus der 
Schweiz (Redactor E. Schmidt, Herausgeber B. Seuftrt, 
E.V. d. Belltn). Band aa: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 3. Band 
(Redactor Hirman Grimm, Herausgeber C. Sehiiddehtpf). 
ni. Abtheilung, Band 10: Tagebuch 1815, 1826 (Redactor 
B. Suphan, Herausgeber F. HeitmüUer). Im Jahre 1900 sind 
erschienen: I. Abtheilung, Band 45: Rameaus Neffe. Ein 
Dialog von Diderot. Diderots Versuch über die Mahlera 
(Redactor B. Stufftrt, Heiausgeber R. Schlösser), Band 49, 
1, Abtheilung: Schriften zur Kunst 1816—1832, 3. Abtheilung 
(Redactor B. Suphan, Herausgeber 0. Harnack). Band 50: 
Reineke Fuchs, Hermann und Dorothea, Achilleis, Pandori 
(Redactoren B. Suphan und E. Schmidt, Herausgeber H. G. Graf, 
H. Schreyer, B. Suphan, E. Schmidt). HI. Abtheilung. 
Band n: Tagebuch 1837, i8a8 (Redactor B. Suphan, Heraus- 
geber C. A. H. Burkhardt). IV. Abtheilung, Band 33 : Briefe 
von Mai i8r3 bis August 1813 (Redactor B. Suphan, Heraus- 
geber C. SchOddekop/). Band 24: Briefe von September 181 J 
bis 34. Juli 1814 (Redactor B. Suphan, Herausgeber C Alt). 



Bibliographie. 289 



BERICHT DER REDACTOREN UND HERAUSGEBER. 

ERSTE ABTHEILUNG. 

Band ip. Der Bericht über »Werthers Leiden« s. Jahr- 
buch XXI, 246—251. — »Briefe aus der Schweiz.« Bald nach 
der Rückkehr von seiner winterlichen Schweizerreise (October 
und November 1779) begann Goethe eine Beschreibung zu ver- 
fassen, indem er sie »aus einzelnen im Moment geschriebenen 
Blättchen und Briefen durch eine lebhafte Erinnerung kom- 
ponirte« (an Merck, April 1780). Obwohl sie im Freundes- 
kreis viel Beifall fand — Wieland erklärte sie für ein Poema — 
erschien sie Goethe selbst im Herbst 1780 (an die Branconi, 
16. October) »noch so mangelhaft«, daß er eine nochmalige 
Bearbeitung für nöthig erkannte. Es kam jedoch nur zu 
stilistischen Correcturen, und das in mehreren Abschriften ver- 
breitete Manuscript blieb ungedruckt, bis Goethe am 12. Fe- 
bruar 1796 ein Exemplar an Schiller sandte, um doch etwas 
für die »Hören« zu liefern. Im Bewußtsein, daß die Be- 
schreibung in dieser Gestalt kaum als ein reifes Kunstwerk 
gelten könne, wollte Goethe »irgend ein leidenschaftliches 
Märchen dazu erfinden«, und nach Ausweis des Tagebuchs 
begann er wirklich »an Werthers Reise zu dictiren«. Dennoch 
erschien in den »Hören« ein unvollständiger Abdruck der 
Reisebeschreibung ohne diese Zugabe, die erst 1808 im 
II. Band der i. Cottaschen Gesammt- Ausgabe ans Licht trat. 
Wann Goethe sie beendigte, ob bereits im Februar 1796 oder 
erst im Mai 1807 bei der Zurüstung dieses 11. Bandes, steht 
nicht fest. Unlösbar aber war nun für alle Zeit der empfind- 
same »Werther« durch ein romantisches Zwischenstück mit 
den ganz heterogenen »Briefen aus der Schweiz« verbunden. 

Für die »erste Abtheilung«, d. h. die zur Verbindung 
des Romans mit dem Reisebericht geschriebenen Briefe, lag 
nichts Handschriftliches vor; für die zweite dagegen drei 
Abschriften, deren eigenthümlich complicirtes Verhältniß in 
der Einleitung der »Lesarten« dargestellt ist. Ueber der 
Textgeschichte hat ein bedauerlicher Unstern gewaltet. Als 
Goethe 1807 die zweite Abtheilung für den Druck herrichtete, 
befand sich die beste, mehrfach von ihm durchcorrigirte Ab- 
schrift und eine weitere von dieser genommene nicht mehr 
in seinem Besitz, und so legte er, wohl ohne sich der Vorzüge 
jener zu erinnern, dem Druck ein minderwerthiges Exemplar 
zu Grunde. Da nun die Weimarische Ausgabe grundsätzlich 
auf derjenigen letzter Hand beruht, konnten die Emendationen 
der von Goethe nicht wieder benutzten Handschriften im All- 
gemeinen nur unter die »Lesarten« gestellt werden ; in einigen 
Fällen jedoch sind sie zur Heilung gröberer Defecte auch für 
den Text verwerthet. Eduard von der Hellen. 



Gorrn-jABAtvcH XXII. 19 



290 Bibliographie. 



Band 22, dem 19. der Ausgabe letzter Hand entsprechend, 
bringt das vierte bis sechste Buch von »Wilhelm Meisters 
Lehrjahren«. Handschriften sind für diesen Theil so wenig 
wie für den vorangehenden erhalten; dagegen gelang es, von 
der ersten Ungerschen Ausgabe der Neuen Schriften (N) einen 
Doppeldruck (N*) aufzufinden, dessen Werth für die Text- 
geschichte dieses Bandes bisher nicht erkannt war. W. Vollmer 
hatte in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung von 1868 Nr. 104 
den Einfluß Ungerscher Doppeldrucke auf A und damit auf 
die spätere Textgestaltung nur für die Bände I, II und IV 
von N nachgewiesen, für Band III (das fünfte und sechste 
Buch enthaltend) aber ausdrücklich in Abrede gestellt. Wie 
sich nunmehr, durch Auffindung des wirklichen -A^ in der 
Bibliothek des Archivs ergiebt, benutzte Vollmer einen zweiten 
Doppeldruck (N^), dessen Druckfehler sich allerdings nicht 
fortgepflanzt haben; dagegen läßt sich das von unserm N* 
unwiderleglich beweisen, vgl. die Lesarten zu 145,14, 152,1t, 
244,19, 290,t8 (wo statt N* C zu lesen ist N*—C) 329,4, 
345,16. Demgemäß sind wir auch hier überall auf den ächten 
Druck N^ zurückgegangen, die wenigen Fälle ausgenommen, 
wo zu schließen war, daß C auch selbständig die Aenderung 
vorgenommen haben würde. A* ist auch für diesen Theü 
unauffindbar geblieben; dagegen leistete j5' wiederum wertb- 
volle Dienste zur Verbesserung der zahlreichen Versehen von 
B, Die schon im G.-J. XX, 282 erwähnten, nachträglich 
aufgefundenen Verbesserungsvorschläge Göttlings zur Ausgabe 
letzter Hand, datirt vom 27. September 1825, sind im Zu- 
sammenhange abgedruckt. Carl Schüddekopf. 

Band 45 entspricht dem 36. der Ausgabe letzter Hand, 
welcher den Dialog »Rameaus Neffe« nebst den zugehörigen 
Anmerkungen und »Diderots Versuch über die Mahlerei« ent- 
hält. Hinzugefügt wurden unter dem gemeinsamen Titel 
»Nachträgliches zu Rameaus Neffe« der Aufsatz »Rameaus 
Neffe« aus dem 46. Bande und die Anzeige der französischen 
Uebersetzung von Goethes Anmerkungen zum »Rameau« 
(»Des hommes c^l^bres de France«) aus dem »Journal für 
Literatur, Kunst, Luxus und Mode« Juni 1823, die L. Geiger 
im 3. Bande dieses Jahrbuchs wieder abgedruckt und als 
Goethes Eigenthum erwiesen hat. — Der Text des »Rameau« 
und der Anmerkungen mußte in Ermangelung von Hand- 
schriften lediglich auf Grund der Drucke hergestellt werden. 
Mit Hülfe von E (1805) wurde eine Reihe von Irrthümem 
berichtigt, die aus B va C^ und C übergegangen waren, des- 
gleichen die Druckfehler von C (bezw. C C). Auch da, wo 
C C im Anschluß an die unkritische Ausgabe des »Neveu de 
Rameau« von Bri^re (1823) unrichtige Namensforraen und 



Bibliographie. 29 1 



entstellte Citate in den Text eingefügt hatten, war E wieder 
herzustellen. Von sämmtlichen Ausgaben war abzugehen, 
wenn Druckfehler und Irrthümer, die zweifellos nicht Goethe 
selbst zur Last fallen, sich überall fanden; zu ihrer Fest- 
stellung mußte hin und wieder auf Diderots Urtext zurück- 
gegangen werden, der in den Ausgaben von Toumeux (1884, 
Goethes Vorlage am nächsten stehend) und Monval (1891, 
nach Diderots Originalhandschrift) zu benutzen war. Nach 
eben diesen sind die beibehaltenen französischen Citate ver- 
bessert worden. Auf die zahlreichen Fehler und Versehen 
der Goethischen Uebersetzung (s. darüber des Herausgebers 
Buch »Rameaus Neffe«, Berlin 1900, S. 145 ff.) hat der Apparat 
keine Rücksicht genommen. Als Paralipomena konnten mit- 
getheilt werden ein Blatt, auf welchem Goethe einige ihm 
unverständliche Redewendungen und unbekannte Namen ver- 
merkt hatte, sowie die Anmerkung über Le Mierre, die er 
unmittelbar vor Abgang seines Druckmanuscriptes unterdrückte 
(an Schiller, 24. April 1805). — Bei dem ersten der Aufsätze 
des »Nachträglichen« mußte von C abgesehen und die im 
Besitze des Goethe- und Schillerarchivs befindliche Handschrift 
Johns zu Grunde gelegt werden, da sich herausstellte, daß 
der Aufsatz in seiner ersten Hälfte vor der posthumen Ver- 
öffentlichung von Riemer nicht ohne Willkür durchcorrigirt 
worden war, in seiner zweiten Hälfte aber, d. h. soweit die 
Uebersetzung aus Mercier reicht, in der Gestalt, die er in 
C C hat, gar nicht von Goethe, sondern von Eckermann 
herrührt, wie drei Handschriften dieser Partie, gleichfalls im 
Archiv, beweisen. Die echte Goethische Uebersetzung bringt 
also unser Band zum ersten Mal. Kleine Correcturen des 
Textes sind nur dort vorgenommen worden, wo sie unum- 
gänglich waren. Als Paralipomena sind drei unvollständige 
Schemata unseres Aufsatzes mitgetheilt worden. — Für den 
zweiten Theil des »Nachträglichen«, die Recension, kam nur 
der Originaldruck im Modejoumal in Betracht. — Zum ersten 
Kapitel von »Diderots Versuch über die Mahlerei« lagen zwei 
sich ergänzende Handschriften vor, deren eine den übersetzten 
Text, die andere Goethes Anmerkungen enthält ; zum zweiten 
Kapitel eine Handschrift der übersetzten Partien und eine der 
übersetzten Partien mit Goethes Anmerkungen. Die Hand- 
schriften erwiesen sich als sehr nützlich, da schon der erste 
Druck (Propyläen) manches Unrichtige und Ungenaue enthält, 
das in alle späteren Ausgaben übergangen ist. Neue Fehler 
brachten sowohl B wie C* und C, Diderots Original (Oeuvres ; 
ed. Ass^zat Bd. X, 1876) brauchte nur in wenigen Fällen 
zugezogen zu werden. Als Paralipomenon erscheint aus der 
ersten Handschrift von Kapitel 2 ein bei der Ausführung nicht 
verwerthetes Stückchen aus Diderot. Rxjdolf Schlösser. 

19* 



292 Bibliographie. 



Band 4p. Zweite Abtheilung, Mit diesem Halbband ge- 
langt die Sammlung der Schriften tlber bildende Kunst zum 
Abschluß. Nachdem die erste Abtheilung des Bandes Alles 
gebracht hat, was Goethe in den Jahren 1816 — 1832 in Bezug 
auf Malerei und graphische Künste verfaßt hat, bringt die 
zweite aus demselben Lebensabschnitt alle Schriften über 
Plastik, Kleinkunst, Kunstgewerbe und Architectur. Die Grund- 
sätze der Ausgabe sind dieselben wie in der ersten Abtheilung; 
wo irgend möglich ist nicht der von Riemer und Eckermann 
hergestellte Abdruck in den Nachgelassenen Werken reproduzirt 
worden, sondern entweder der letzte zu Goethes Lebzeiten 
erschienene Druck (meist in »Kunst und Alterthum«) oder wo 
ein solcher fehlte, die Handschrift. Hinzugekommen sind im 
Vergleich zu früheren Ausgaben : drei Aufzeichnungen über 
griechische Skulpturen (vom Parthenon und vom Tempel zu 
Phigalia), desgleichen zwei zur Münzenkunde und zwei über 
Technik der Malerei; endlich eine kurze Besprechung von 
Emeles römisch -deutschen Alterthümem, sowie einige »Maximen 
und Reflexionen«. Weggelassen sind, aus Gründen, welche 
das kritische Nachwort angiebt, die Aufsätze über Danae, 
Blumengemälde von Imanuel Steiner, Garns' Gemälde, über 
ein Bildniß Goethes, über Glasmalerei und »Vergleichung 
zweier antiken Pferdeköpfe«. 

Femer enthält der Halbband die Paralipomena und Les- 
arten zu beiden Abtheilungen. Ihr großer Umfang läßt er- 
kennen, mit welcher Sorgfalt Goethe jene Kunstschriften, auch 
wo sie geringfügige Gegenstände behandeln, abgefaßt hat, 
wie er sich in mehrstufigen Vorarbeiten und in immer neuer 
Bearbeitung der letzten Stufe nicht genug thun konnte. Unter 
die Paralipomena ist auch der nach Goethes Tod erschienene 
Aufsatz »Ueber Landschaftsmalerei« eingereiht worden, weil 
er nach Ausscheidung von Meyers Eigenthum einen zu frag- 
mentarischen Charakter gewonnen hat. Auch Entwürfe zu 
nicht ausgearbeiteten Aufsätzen sind unter den Paralipomenen 
zahlreich vorhanden ; diese sind an den passenden Stellen 
zwischen die Entwürfe der im Text gedruckten Aufsätze ein- 
gereiht worden. 

Die wesentliche Aufgabe dieses Bandes lag in der end- 
giltigen Scheidung von Goethes und Heinrich Meyers Kunst- 
aufsätzen. Nachdem frühere Ausgaben hierin so sehr ge- 
schwankt hatten, konnten jetzt durch Verwerthung des ge- 
sammten handschriftlichen Materials des Goethe-Archivs 
großentheils sichere Ergebnisse erzielt werden. 

O. Haänack. 



Bibliographie. 293 



Band ^o, Reineke Fuchs. Die, im Goethe- und Schiller- 
Archiv befindliche, einzige, nur die vier ersten Gesänge um- 
fassende, Handschrift (H) ist eine von Ludwig Geist besorgte 
Reinschrift. Als Vorlage diente dem Schreiber ein Dictat 
Goethes, wie mehrere Hörfehler beweisen, die in die Abschrift 
übergegangen sind. Die Entstehung von H fällt in die Zeit 
nach dem ersten Druck (iV, 1794) und vor dem zweiten Druck 
{A^ 1808), wahrscheinlich in das Jahr 1800 oder 1801. H 
bezeugt uns, daß Goethe auch nach dem Erscheinen der 
Dichtung bemüht gewesen ist, »dem Verse die Aisance und 
Zierlichkeit zu geben, die er haben muß« (Briefe 10, 127, 20 f.). 
Zwar kam die metrische Durcharbeitung des Ganzen nicht zu 
Stande, doch hat Goethe H sowohl für den zweiten Druck 
{A, 1808), als besonders für den dritten (^, 181 7) benutzt. 

Der Text von C(i83o) konnte auf Grund der Handschrift 
und der ersten drei Drucke mehrfach verbessert werden, so 
1,69 »alten Tücken« (nach NH wiederhergestellt aus »alte 
Tücke«); i, 229 »Sext« (statt »Sept«, was auch H hat); 
I, 256 »solle« (statt »sollte«, nach NHÄ)\ i, 261 »ward« 
(statt »war«, nach NHA)\ 2, 137 »blieben« (nach^, während 
alle Drucke den Fehler »bleiben« haben) ; 2, 277 »soll ich's« 
(nachiV^, gestützt auf die Lesart von H)\ 4, 73 »zur« (statt 
»zu«, nach NH)\ 5, 96 »Feinen« (vgl. Briefwechsel zwisclien 
Goethe und K. Göttling S. 7); 5, 186 »sollen's« (statt »sollten's«, 
nach iV9; 8, 196 »nun« (statt »nur«, nach N)\ 12, 217 »mittlere, 
kleine, dazu die kleinsten« (auf V. 216 »Kinder« bezüglich). 

Hans Gerhard Graf. 

Hermann und Dorothea, Für die Geschichte des Textes 
ist von besonderer Wichtigkeit die im Goethe- und Schiller- 
Archiv aufbewahrte Handschrift (H), Vom Schreiber Geist 
geschrieben enthält sie die vollständige Dichtung; ihre Vor- 
lage war zweifellos die verloren gegangene Originalhandschrift 
des Dichters. Entstanden ist sie gleichzeitig mit der Vollendung 
des Epos selbst, die, nachdem die ersten vier (sechs) Gesänge 
in der Zeit vom 11. — 19. September 1796 geschaffen waren, 
in die Monate Februar und März 1797 fällt (vergl. meinen 
Aufsatz »Goethes Arbeit an Hermann und Dorothea«, G.-J. X, 
S. 196 fr.). Da ZT noch die alte Eintheilung der Dichtung in 
sechs Gesänge enthält, die Goethe Anfang April 1797 zu 
Gunsten der neun^iw^^n verwarf, so erhellt, daß die Abschrift' 
zu dieser Zeit schon im Wesentlichen fertig vorlag; der Schluß, 
den Goethe erst später fand, wurde vom Schreiber nach- 
getragen; im Uebrigen hat der noch während des Druckes 
bis in den Juni 1797 an dem Werke feilende Dichter in dieser 
Zeit eigenhändig in der Handschrift mehrfache Aenderungen 
vorgenommen (von mir mit g bezeichnet). 



294 Bibliographie. 



Von einer Parallelhandschrift H^^ nach welcher W. von 
Humboldt den Druck der Taschenbuch- Ausgabe (E ') in Berlin 
besorgte, sind uns Lesarten in den Citaten Humboldts in 
seinen Briefen an Goethe vom 6. und 30. Mai und 28. Juni 
1797 erhalten, die im Wesentlichen zuzustimmen. Einzelne 
Verse finden sich in älterer Gestalt in -äT' und ^* und eine 
Anzahl durch Humboldt veranlasste Besserungen auf einem 
Doppelblatt H*. 

Der älteste Text, den uns If bietet, weicht von dem 
ersten Druck (£ ^) stärker ab, als alle Drucke untereinander. 
Der Charakter der eiligen Niederschrift tritt sowohl im Aus- 
druck wie im Bau der Verse mehrfach hervor. Fehlerhafte 
Verse finden sich nicht selten, namentlich solche, die im 
dritten Versfuß eine Kürze zu viel haben (vergl. i, 54; i, 192; 
2, 124; 3, 29; 6, 2; 6, 50; 6, 286; wirkliche SiebenfUßler er- 
kennen wir in 2, 54 und 5, 140, einen FünfTüßler in 5,223). 
Bisweilen hat H einen Vers mehr oder weniger als die Drucke, 
ja es fehlt die ganze Rede des Pfarrers tlber den Tod 9, 46 ff. 

Gegenüber diesen Abweichungen der Handschrift, die uns 
die älteste und zugleich in den späteren Correcturen Goethes 
(s. u.) die jüngste Fassung der Dichtung bietet, ist der Unter- 
schied der maßgebenden Drucke unter einander gering. Die 
Taschenausgabe von 1798 (E^) steht H im Wortlaut am 
nächsten. Am größten ist die Abweichung der Lesarten 
zwischen E^ und A (Werke 10. Band, Cotta, 1808). Doch 
sind wir keineswegs berechtigt, den Text von A mit W. T. 
Hewett (A Study of Goethes Printed Text: Hermann and 
Dorothea, by Watermann Thomas Hewett. Baltimore, 1899) 
für einen wesentlich verschlechterten zu halten. Scheidet man 
die Unterschiede der Rechtschreibung und Interpunction aus, 
so bestehen zwischen E^ und A 67 zum großen Theil auch 
nur geringfügige Abweichungen. Eine wirkliche Verschlechte- 
rung ist nur zu erkennen in 7 Stellen (2, 29; 6, 225; 6, 291; 
6, 314; 8, 19; femer in 4, 122 und 8,46, die beide in B wieder 
richtig gestellt sind); weit zahlreicher sind die Stellen, in 
denen A einen gebesserten Text bietet, nämlich hinsichtlich 
des Sinnes oder der Construction 14, in metrischer Beziehung 
26 (siehe die Lesarten in der Ausgabe S. 386) ; dabei kommt 
in Betracht, daß diese Aenderungen zum Theil nachweislich 
auf Goethe selbst zurückgehen und von diesem in der Hand- 
schrift eigenhändig eingetragen sind (vergl. 2, 196; 4, 2 20 f.; 
6, 69; 6, 175; 7, 129; 7, 13s; 7, 141). 

Zwischen A^ B (Ausgabe der Werke 11. Band, Cotta, 
181 7) und C C(Ausgabe letzter Hand) sind die Abweichungen 
gering. B hat nur einige auffallende Druckfehler: 8,88 »So- 
gleich« für »Sorglicha (vergl. dazu den Brief von Göiiiin^ 
an Goethe vom 12. Juli 1825 im Goethe-Archiv); 7^ igi »Und 



Bibliographie. 295 



er bereuet« statt »Und bereuet«; 3, 46 »ein Wunsch« für 
»dein Wunsch« ; 2, 263 »wolltest« für »wollest«. In allen diesen 
Fällen hat die Wiener Ausgabe B^ das Richtige gewahrt. 

Ueber die jüngste Bearbeitung der Dichtung, die uns in 
den eigenhändigen Correcturen Goethes in H aus den Jahren 
1804 und 1805 vorliegt (wir bezeichnen sie mit ga\ sei hier 
nur Folgendes bemerkt : Goethe wünschte den Wortlaut seiner 
Dichtung strengeren metrischen Forderungen entsprechend zu 
gestalten. Nachdem er sich hieran eine Zeitlang allein ver- 
sucht (wohl schon 1804), gewann er einen in der antiken 
Metrik wohlgeschulten Mitarbeiter in Heinrich Voß, der 1804 
wiederholt als Gast in seinem Hause weilte und 1805 als 
Professor an das Gymnasium in Weimar berufen wurde. Das 
Epos wurde gemeinsam durchgegangen, wie aus ^ hervorgeht, 
wo die Correcturen von Goethe und Voß sich vielfach durch- 
kreuzen und öfters erst zusammengenommen einen Sinn geben. 
Später überließ Goethe, dem eigne Krankheit und der Tod 
Schillers im Mai 1805 die Stimmung für poetische Thätigkeit 
raubten, dem jüngeren Freunde allein die Vollendung. Voß 
war namentlich Ende Juli und Anfang August 1805 eifrig mit 
seiner Aufgabe beschäftigt, ließ sie aber später ebenfalls fallen, 
endgiltig wohl mit seinem Weggang von Weimar 1806. 

Da Goethe selbst diese weit vorgeschrittene, aber nicht 
vollendete Durcharbeitung der Dichtung für die späteren 
Drucke nicht benutzt hat, so konnte sie auch nicht für den 
Text der Ausgabe, sondern nur für die Lesarten berücksichtigt 
werden. 

Der Text der neuen Ausgabe weicht von dem der Aus- 
gabe letzter Hand (C^ C) nur an 24 Stellen ab, wovon hervor- 
zuheben: 2, 29 erblicket (für erblicktet); 2, 263 wollest (für 
wolltest); 3, 46 dein (für ein); 6, 225 Schon von ferne (für 
Schon so ferne); 6, 291 an dem Birnbaum hin (fUr an den 
Birnbaum hin); 7, 181 Und bereuet (für Und er bereuet); 8, 19 
kluges (für gutes). Hermann Schreyer. 



Achilleis. Das handschriftliche Material ist in aller Voll- 
ständigkeit erhalten, wie es in Goethes Archiv bei Herstellung 
der Druckvorlage zu A vorhanden war: H^^ erste Nieder- 
schrift, Geist in die Feder dictirt, Weimar vom 10. — 13. März 
1799, dann Jena vom 22. März bis i. und 5. April; H^^ die 
ebenfalls von Geist hergestellte Reinschrift, in welche der 
jüngere Voß, wahrscheinlich Ende October und Anfang No- 
vember 1806, zahlreiche Aenderungsvorschläge eingetragen 
hat. Aus beiden und aus A läßt sich auf den Wortlaut der 
verlorenen Druckhandschrift unschwer schließen, und so auch 
das wenige Fehlerhafte, das seit A sich bis jetzt behauptet 



296 Bibliographie. 

hat, entfernen. V. 423 sicher: »der nun ihm (statt: um um) 
ein Denkmal« zu lesen. Auch in der Druckhandschrift, wie 
in AjBB\ muß V. 256 das fehlerhafte »geneset« gestanden 
haben, das als eigenhilndige Aenderung in ^' auftritt; erst 
auf Göttlings Monitum wurde es C corrigirt, hat sich aber 
unbegreiflicher Weise doch in C wieder eingenistet. Merk- 
würdig ist das Haften an dem Irrthum in diesem vereinzelten 
Falle. Ein ganzer Vers, den Goethe eigenhändig If* in eine 
nach 297 offen gelassene Zeile eingetragen hat, ist in ^ nicht 
tibergegangen, so daß anzunehmen ist, Goethe habe ihn bei 
letzter Prtlfung in der Druck-Handschrift selbst wieder ge- 
strichen, wohl weil er sich mit diesem, der Einfachheit des 
epischen Stils allerdings wenig gemäßen Versuche, ein Ab- 
stractum zu verbildlichen (»nur Geschehenes ruht an meiner 
Seite mir selbst gleicha) kein Genüge gethan hatte. Keines- 
falls durfte der Hexameter jetzt noch in den Text aufgenommen 
werden. — JS'* gestattet, wie erwähnt, den vollen Einblick in 
Heinrich Voß des Jüngeren Mitwirkung, von der man sonst 
gar nichts wissen v^ürde. Voß hat als dienstbarer Geist die 
vom Vater erlernten Züge und Schnörkel der homerischen 
Kanzlei und Handgriffe der Hexameter-Manufactur redlich 
beflissen zur Anwendung gebracht Seine interlinearen Vor- 
schläge hat Riemer, in letzter Instanz dann Goethe einer 
Prüfung unterzogen, vor deir nur ein Bruchtheil bestanden 
ist; immerhin aber ist doch thatsächlich eine Anzahl dieser 
Vorschläge in den Text der Dichtung übergegangen (gleich 
in V. I die Wortfolge), und andere haben zu selbständigen 
Besserungen ersichtlich Anlaß gegeben. Riemers Antheil 
kommt auch hierfür mit in Betracht. (Unter die S. 418 ge- 
sammelten Belege dieser combinirten Thätigkeit ist, Z. 6—4 
von unten, irrig V. 184 gerathen, vgl. S. 419, Z. 5—2 v. u.) 
Das Verhalten Goethes z'ur Voßischen Manier verdient noch 
eine genauere Untersuchung, bei der denn auch, wie bei 
»Hermann und Dorotheaa, die Masse der ohne weiteres ver- 
worfenen Aenderungsvorschläge zu berücksichtigen wäre, die 
selbstverständlich in den Lesarten keinen Platz gefunden hat. 
Auch Goethes eigene Homer-Uebersetzungen wären heran- 
zuziehen. 

Vom höchsten Werthe sind die Paralipomenay die, von 
Riemer bloß erwähnt, in unserer Ausgabe (S. 435 — 449) 
zuerst veröffentlicht worden sind. Das ältere Schema, das 
den Inhalt des epischen Gedicl)ts auf acht Gesänge vertheilt, 
war bereits »Jena den 3 1 März 98« dictirt. Im zweiten, mehr 
ausgeführten Inhalt sind fünf Gesänge volbtändig (Weimar, 
II. März 99) schematisirt, dazu der Anfang des sechsten. 
Außerdem liegt ein erweitertes Schema des zweiten Gesanges 
und ein Entwurf »Zum Schluß des Ersten Gesangesa vor, 



Bibliographie. 297 



der die Handlung über V. 651 hinaus zu ihrem natürlichen 
Abschluß führt: »Pallas kehrt zum Olymp zurück.« Diese 
Skizzen werden noch manchen kritischen Baumeister reizen 
und beschäftigen ; auch die verschiedenartigen Niederschriften 
geringeren Umfanges, die sich anschließen (S. 448, 449) geben 
allerlei zu rathen ; über 448, s. 4. »Reges« [doch wohl reges, 
Fürsten] »Judicium« z. B. haben wir bisher vergebens nach- 
gesonnen. In der Sammlung »Zu Gleichnissen oder Bey- 
spielen« berichtige ich hier: »Flösse herabstürzend«, nicht 
(wie leider gedruckt ist) »Flüsse« ; d. h. gefällte Stämme vom 
Berge in Rinnen herabschurrend. In der folgenden Zeile (8) 
ist zum ersten, kaum anders zu entziffernden Worte: »Pfänden« 
wenigstens ein Fragezeichen zu setzen. Von den Paralipo- 
menen ausgeschlossen habe ich im Einvernehmen mit dem 
Redactor-Collegen Erich Schmidt den schematischen Auszug 
aus des Dictys Cretensis Ephemeris belli Troiani, der zu den 
Vorübungen im weiteren Sinne gehören mag, ferner einige 
Blätter über den Schiffskatalog, die Ebene von Troja u. a., 
die zu den homerischen Studien gelegt worden sind. Den 
Abschluß meiner Arbeiten am Apparat mußte ich, von andern 
Forderungen ftir die W. Ausgabe und die Goethe-Gesellschaft 
gleichzeitig gedrängt, Dr. Wähle und Dr. Max Hecker über- 
lassen; doch habe ich allein für das ganze kritische Opus 
einzustehen, das auf der Grundlage meiner Forschungen und 
nach meiner Anleitung ausgeführt, auch im Einzelnen von 
mir formell redigirt worden ist. B. Suphan. 



Für die ^-iPandorai^ konnte, dank freundlicher Mittheilung 
aus Schwerin, eine Reinschrift Riemers zum ersten Mal benutzt 
werden, die dem Nachlaß der Erbgroßherzogin Caroline, geb. 
Prinzessin von Sachsen entstammt und interessante Lesarten 
einer mittleren Redaction darbietet. Sie hat auch manchmal 
zur Regelung der Interpunction gedient. Der Text ist con- 
servativer als von Düntzer und Strehlke behandelt, das Schema 
buchstäblich abgedruckt worden; den Fehler »Bezahlung« 
statt »Bepaalung« hatte schon Wilamowitz verbessert. 

Erich ScH^aDT. 



DRITTE ABTHEILUNG. 

Die Jahrgänge 1825 und 1826 hat F. Heitmüller, 1827 
und 1828 C. A. H. Burkhardt bearbeitet. Sie tragen den nun 
schon wiederholt beschriebenen geschäftlichen Typus ; inhalt- 
lich geben sie zu besonderen Hinweisen wenig Anlaß. Die 



298 Bibliographie. 



am tiefsten eingreifenden äußeren Erlebnisse, die Ennneniogs- 
tage im Herbst 1825 und die Trauerzeit von 1828, hängen 
mit jenem Bunde fürs Leben zusammen, der Goethes Schick- 
sale an Weimar knUpfte. Nach der Voranzeige von Band 10, 
die Heitmtlller G.-J. XX, 286 ff. gegeben, mag also noch an 
die Dornburger Zurückgezogenheit, Juli bis September 1828, 
erinnert sein ; die Dictate aus diesen Wochen lassen uns dann 
und wann in das Gemttthsleben des Greises einen tieferen 
Blick thun und an dem Erwachen, Wirken und Weben poe- 
tischer Stimmung Theil nehmen. Innerhalb des geschäftlichen 
Kreises nehmen die Verhandlungen tlber die Gesammtaus- 
gäbe sowie die Arbeiten zur Vorbereitung und Herstellung 
der ersten Bände wohl die erste Stelle ein ; auch aus den 
genauen Aufzeichnungen des Tagebuchs (1825, 1826) erkennt 
man, welche Wichtigkeit dieser Action von Goethe beige- 
messen wurde. 

Goethe hatte, wie der Kanzler von Mtlller berichtet 
(Goethe in seiner praktischen Wirksamkeit S. 34), die 
Gewohnheit, zwei Mal täglich zum Tagebuch zu dictiren; 
er mag das öfters, je nach den Umständen, auch anders 
gehalten haben. Von solchen Einzeldictaten ist in der Regel 
die Reinschrift in Actenformat genommen worden. Bisweilen 
müssen, wenn es an Zeit gebrach, aber auch als Vorlage 
die eilig zu Papier gebrachten Notizen gedient haben, von 
denen Goethe sonst abdictirte. Diese zu entziffern hat dem 
Secretär nicht immer gelingen wollen. Nur so erklären sich 
die irrationalen und verwahrlosten Stellen, die den an der 
kritischen Arbeit Betheiligten schwere Noth machen. Unter 
diesen Betheiligten einmal den »geprüften« Freund Julius 
Wähle auch hier mit Dank für seine mannigfaltige Mühe- 
waltung zu nennen ist mir ein Bedürfniß. Mit der General- 
correctur übernimmt er stets zugleich einen erheblichen 
Antheil an den Redactionspflichten. Ohne sein emsiges Zu- 
thun, sein findiges Ingenium würde mancher versteckte 
Schaden unbemerkt, manche entlegene Belehrung ungenutzt, 
manche Dunkelheit unaufgehellt bleiben. Im Letzteren ver- 
sagen uns kundige Freunde, wenn einmal unsere Mittel nicht 
zureichen, niemals ihren Beistand. Es gebührt sich unter ihnen 
vornehmlich Carl Ruland zu nennen ; er ist uns die nächste 
sichere Instanz, nicht bloß in kunstgeschichtlichen Fragen. 

Der zwölfte Band, den wieder Ferdinand Heitmülkr be- 
arbeitet, ist im Drucke so weit gefördert, daß er mit der 
nächsten Lieferung erscheinen kann; er bringt die Tage- 
bücher von 1829 und 1830. 

B. SUPHAN. 



Bibliographie. 299 



VIERTE ABTHEILUNG. 

Ueber den 1896 erschienenen 21. Band der Briefe ist im 
G.-J. XVIII, 314 berichtet worden. Der noch ausstehende 
22. Band, bearbeitet von August Fresenius und zu Ende ge- 
führt von Carl Schüddekopf^ wird in der ersten Hälfte des 
Jahres 1901 erscheinen; ausnahmsweise ist dafUr der nächste 
Band früher ausgegeben worden. 

Dieser 23. Band enthält Goethes Briefe von Mai 181 2 bis 
August 18 13, insgesammt 285 Nummern, von denen 136 un- 
gedruckt sind. Umrahmt wird der Zeitraum von den beiden 
Reisen in die böhmischen Bäder, Mai bis September 1812 
und April bis August 18 13; demgemäß beruht der Haupt- 
werth des Bandes in Goethes Reiseberichten an Christiane, 
von denen die des Jahres 181 2 bisher ungedruckt, die von 
1813 vor kurzem im G.-J. XX, 3 7 ff. veröffentlicht sind. Sie 
nehmen streckenweise den Qiarakter tagebuchartiger Auf- 
zeichnungen an und sind durch eine eigenartige Mischung 
von factischen Mittheilungen und gemüthvollen Plaudereien 
von großem Reiz. Auch an den Herzog Carl August sind 
ähnliche Relationen erhalten, eine bereits in den Naturw. 
Schriften 10, 104 abgedruckte ausTeplitz ist hier nicht wieder- 
holt, da sie keinen eigentlichen Briefcharakter trägt. Eine 
ganze Reihe neuer Correspondenten wirti in Oesterreich ge- 
wonnen, das überhaupt in seinen Beziehungen zu Goethe in 
diesem Bande mehr als bisher hervortritt, so vor allem die 
Gräfin 0*Donell, für deren Briefe sich aus den Concepten 
Manches zur Verbesserung des Werner'schen Abdruckes ergab 
(vgl. besonders Nr. 6494), ferner Graf v. Bucquoi, Ellmaurer, 
Frau V. Eskeles, Frau Flies, Ritter v. Gerstner, Edler v. Lämel, 
Fürst von Lobkowitz, die Mineralogen F. A. Reuß in Bilin 
und F. A. Schmid in Altenberg. Die Correspondenz in 
Deutschland selbst erfuhr durch die kriegerischen Ereignisse 
des Winters 181 2/13 manche Störung, doch wurde mit Ehr- 
mann und Mylius in Frankfurt, v. Ende in Karsruhe, Jacobs 
in Gotha, Kieser, Körner und Schelver in Jena, Pfaff in Kiel, 
V. Pirch in Wobensin, Verlohren in Dresden neu angeknüpft; 
auch zu dem französischen Gesandten in Weimar, St. Aignan, 
bestanden mannigfache Beziehungen, die in einem nicht näher 
zu datir enden Concept (S. 513 ff.) einen räthselhaften Aus- 
druck finden. Zu dem Briefe an W. v. Humboldt (Nr. 6372) 
fand sich eine ungedruckte Fortsetzung mit sehr wichtigen 
Aeußerungen über F. A. Wolf und Niebuhr. Die Correspondenz 
mit Seebeck blieb leider in den Originalen, die in Hannover 
liegen, unerreichbar. 

Um eine Ueberladung des Textes wie der Lesarten zu 
vermeiden sind nach Bestimmung des Redactors einige 
Modificationen eingetreten, über die der Vorbericht zu den 



300 BifiUOGRAPHIE. 



Lesarten Rechenschaft giebt. Alle rein amtlichen Schreiben, 
besonders die im Namen der »Commissioa abgefassten, bleiben 
von jetzt ab von der Ausgabe ausgeschlossen ; ebenso werden 
von den immer zahlreicher auftretenden Concepten nur die 
wesentlichen Abweichungen verzeichnet. In den Lesarten 
werden die früheren maßgebenden Drucke jedesmal aufge- 
führt. — Die Postsendungen kamen für Band 23 in Fort^ 
da sie neben den reichhaltigen Tagebuchaufzeichnimgen nichts 
ergaben, was für die Kenntniß der Goethischen Correspondenz 
von Belang wäre. Carl Schüddkkopf. 



Die sonstige Bibliographie für 1900 muß wegen Raum- 
mangels unterbleiben; sie wird im nächsten Jahrgang nach- 
getragen. Diesmal soll nur im Interesse der Leser und Be- 
nutzer des Goethe -Jahrbuchs die Vielen erwünschte Mittheilung 
hier stehen, daß ein anastatischer Neudruck der Bände 4—6 
veranstaltet worden und von der Verlagsbuchhandlung (vgl. 
Anzeigen) zu beziehen ist. L. G. 




Register zu Band xxil 



I. Personen-Register. 

Die hinter den cursiv gedruckten Namen stehenden Zahlen geben die 
Seiten an, auf denen Abhandlungen oder Mittheilungen des Betreffenden 

gedruckt sind. 



Abeken, Heinr. 242. 

Ackermann, W. von 229. 

Albani, R. 229. 

Alt, C. 288. 

Ancillon 82. 

Andrieu, Berth. 63. 

Anschütz, H. 194. 

Anthing-Album 276. 

Appell 266. 

Arnim Bettina s. Brentano, Bettina. 

Arndt, W. 86. 

Aeschylos 280. 

Ass^zat 291. 

Aubert deVitry, F. J. Ph. 44. 65. 

Auerbach, Bertnold 227. 232. 237. 



Bailleu, P. 109— 113. 

Bamberg, E. von 91. 

Bamberg, E. von 92. 

Banck, Carl 237. 

Banck, Otto 237. 

Barre, Bildhauer 63. 

Baudissin, Graf Wolf 228. 232. 235. 

Baum, Bibliothekschreiber 31. 37. 

Baur, G. 131. 

Bausset 104. 

Bayer-Bürck, Schauspielerin 230. 

Bayern, König Ludwig I. von 48 ff. 

120. 
Bayern, Prinzessinnen von 120. 



Beauharnais, Eugen 120 fg. 
Beaulieu-Marconnay, Karl von 

Bechmann, Kammermeister 248. 

Bedemar, Edward Vargas 62. 

Beer, Amalie, geb. Wulff 103 fg. 

Beer, Michael 103 fg. 

Beer, Jac. Herz 103 fg. 

Beethoven, L. v. 279. 

Begas, K. 99. 107. 5eine Frau 99. 

Bendemann, Eduard 226. 229. 

Benfey 282. 

Berlioz 97. 

Bemays, M. 265. 

Bertuch, Fr. Just. 61. 74. 246 ff. 

Bettina s. Brentano. 

Beust, Karl Leop., Graf v. 34. 60 fL 

64. 
Biedermann, W. von 54. 67. 163. 

180. 237. 
Bismarck, Fürst 242. 
Blochmann, J. 229. 
Blücher 134. 210. 
Blumenbach, Joh. Fr. 36. 61 fg. 
Bodmer 9 fg. 12. 214. 
Bojanowsky, P. von 63. 66. 87 fg.^ 
Boisser^e, Sulpiz 49 fg. 69. 206. 
Bolte, Joh. 258. 

Bonaparte, Louis s. Holland, König. 
Börne, Ludwig 231. 
Bött^er 245. 

Böttiger, K. A. 12 ff. 23. 186. 265. 
Branconi, Frau von 289. 



302 



Personen-Register. 



275. 



Braunschweig, Heinrich der Löwe 

von 207. 
Brei tinger, J. J. 214. 
Brenn, Minister 82. 
Brentano, Bettina 20. 56. 118. 
Brentano, Maxinailiane 19. 
Bri6re 2^. 

Brion, Friderike 118. 254. 
Brutus 137. 
Bucqoi, Graf von 299. 
Bürger, G. A. 271. 
Bur^hold, Julius 26^%- 
Burkhardt, C. A. H. 80. 112. 

288. 297. 
Bürklin, A. 196. 
Bürkner, H. 229. 
Büttner, Geh. Kammerrath 79. 81. 

Seine Söhne 79. 
Byron, 66. 134. 159. 
Byvanek 274« 



Cabre, Chevalier de 47. 

Cagliostro 154« 

Calderon loi. 

Campe, J. H. 186. 

Canitz, F. R. L. 223. 

Carlebacb, Ernst 273. 

Carrifere, M. ni. 

Carus, CG. 220. 228 ff. 2 3 2. 234. 292. 

Caesar 137. 

Catharin, Anton von, Brief von 

Goethe an 85, Erläuterungen 

dazu 86. 
Cato 137. 
Cervantes 159. 
Chamisso, Ad. v. 80. 
Cicognara, Leop. Graf 66. 
Classen, A. Jon. 282. 
Clauer 259. 

Coburg-Saalfeld,FranzHerzogv.87. 
Collin 157. 

Compter, T. G. D. 31. 37. 60 fg. 
Conta, Alfred von 71 fg. 
Conta, Bernhard von 72. 
Conta, Carl Friedrich Anton von 

Goethe und — 19—73. Seine 

Kinder 71 fg. 
Conta, Christian Erdmann 5^ 
Conta, Friederike von, geb. Weiss 

28. 30 ff. 35. 59. 71. 73. 
Conta, Richard von 72. 
Conta, Schwester von Carl Friedrich 

S3- 
Cornelius, P. 49. 



Cotta J. F. 58. 289. 294. 
Creixenach, Theodor 131 — 138. 
Creizenach, Theodor 131 fg. 
Creizenach, Wilhelm 132. 
Cuno^ Heinrich 23 fg. 58. 
Cuvier 50. 70. 
Czermak 277. 



Dahl 228. 

Dahlmann 131. 

Dalberg K. v. 239. 

Danneker 116 fg. 

Dante 132. 

Danton 96. 

Darwin 27^. 

Daumer, G. Fr. 282. 

Dawison, Bogumil 239. 

Deinhardstein 194. 

Demmin 245. 

Descamps 88. 

Deutschland, Friedrich L Kaiser 

von (Barbarossa) 138. 
Devrient, Ed. 229. 
Devrient, Otto 196. 
Dickens 159. 
Dictys 297. 
Diderot 288. 291. 
Diede, Wilhelm von 286. 
Dingelstedt, Franz 195 fg. 
Distd, Theodor 269 ff; 
Döbbelin'sche Gesellschaft 258. 
Donebauer, Fritz 75. 
0*Donnell, Gräfin 290. 
Dreissigsche Singakademie 230. 
Düntzer, H. 55. 58. 165. 267. 297. 



Eberti s. Eckhardt. 
Eberwein, Karl 91 fg. 276. 
Echtermeyer, Th. 226. 
Eckermann, F. P. 67. 209. 291 fg. 
Eckhardt, Frau Rentsecretär 27. 

J9fg. 61. 
Eckhardt, Emilie s. Gödör, Emilie. 
Ehrmann 299. 
Ellmaurer 299. 
Emele 292. 
Ende, von 299. 
Erichson, G. s. Lindner. 
Eskeles, Frau von 209. 
Ewald, Prof. 131. 282. 



Personen-Register. 



?03 



Falk(e), J. D. 112. 208. 

Falkenstein, J. P. von 225. 228. 

Faust, der historische 182. 

Fichte, J. G. 183. 

Fischer, E. 229. 

Flassan, G. R. de 68. 

Platter, Joh. Jak. 66. 

Flies, Frau 299. 

Förster, Ernst 138. 

Francisci, Erasmus 180. 182 fg. 188. 

Frank, R. 267. 

Frankenberg, Minister von 90. 

Frankreich, Josephine, Kaiserin 

von 104. 
Frankreich, Ludwig XIV. König 

von 210. 
Frankreich, Louis Philippe, König 

von 69. 
Frankreich, Marie Louise, Kaiserin 

von 104. 
Fresenius A. 166. 299. 
Frey tag, Gustav 227. 
Friedlaender, B. 80. 
Friedlaender« David 80. 
Friedlaender, Julius 80. 
Fries, Moritz, Graf von 19. 21. 36. 
Fritsch, Minister von 239. 
Frommann, J. F. 61. 
Frommann, Frau des vor., geb. 

Günther 61. 
Froriep, Fr. L. von 61. 
Froriep, Lottchen v., geb. Bertuch 

61. 
Funck, Heinrich 255 fF. 
Fürstenberg, Fürstin Betty von, 

Brief von Therese, Prinzessin von 

Thurn und Taxis an — 109— 1 12, 

Erläuterungen dazu 112 fg. 
Fürstenberg, Karl Joh. AI., Fürst 

von 112. 



Gassner 154. 

Gehler, Hofrath 24. 

Geiger, Ludwig 74—84. 92—109. 

i3ifg.27;fg. 
Geiger, Ludwig 70. 290. 
Geist, Ludwig 293. 295. 
Geliert 208. 215. 
Geoffroy de Saint-Hilaire 50. 70. 
Gerhard, Eduard 282 fg. 
Gersdorf, Minister von 28. 68. 
Gcrstenbergk, Jenny von 234. 
Gerstner, Ritter von 299. 
Gervinus, G. G. 131. 



Gesner, Conrad 182. 

Gessner, Sal. 206. 

Gluck 106. 

Goehel, Julius 203 — 224. 

Göchhausen, Luise von 262. 

Gödör, Emilie, geb. Eckhardt 34. 



59 fg- 

Joseph von 27. 59. 

Göschen 58. Brief von Goethe an 



Gö 



dor, J 



— 74 Erläuterungen dazu 73. 
Goethe, August von 8. 48. 62. 63. 

69. 71. 79. 81. 116. 125. 
Goethe, Catharina Elisabeth (Frau 

Rath) 118. 
Goethe, Christianevon77. 222. 299. 
Goethe, Cornelie 61. 
Goethe, Toh. Casp. 267. 
Goethe, Ottilie von 8. 48. 70. 103. 

116. 12^. 128. 234. 
Goethe, Walter von 48, 125. 
Goethe, Wolfgang von 8. 34. 48. 

61. 123. 233 fg. 
Gotter 132. 

Göttling, K. 290. 293 fg. 296. 
Gottsched 207. 
Gotzkowsky'sche Fabrik 244. 
Gräbner, Christian Zacharias 243fF. 

Seine Frau und sein Sohn 246. 
Graf, Hans Gerhard 293. 
Graf, H. G. 264 fg. 288. 
Graffunder, H. 163. 
Grahl 228. 
Grano 82. 

Grebel, Landvogt 233. 
Greiner, Gotthelf 230. 
Greiner, Joh. Heinr. Friedr. 247. 
Griesheim, Frau von 32. 
Grimm, Herman 288. 
Grimm, Jacob 131. 232 fg. 261. 
Grimm, Wilhelm 2j2. 261. 
Grimms Wörterbuch 213. 232. 
Grüner, Franz 104. 



Grundtvig, S. 261. 
Gubitz, r. W. 63. 
Güldenapfel, G. G. 28. 31. 37. 39 fg. 

57. 39. 61. 63. 
Günther, Oberconsistorialrath 61. 
Günther, Frau d. vor 33. 46. 61. 67. 
Gurrlich loi. 
Gutzkow, Karl 227. 229 fg. 



Haeckel, E. 279. 
Hähnel, Ernst 229. 
Haide, Friedrich 21. 36. 



304 



Personen-Register. 



Harnack, Otto iij— 128. 292. 

Hamack, Otto 288. 

Härtung 183. 

Hasenhut 24. 

Haupt, Herman 266—26^. 

Hauptmann, Gerhard, Goethe und 

271 fg. 
Hayni, Rudolf 18 fg. 
Hecker, Max 19-70. 
Hecker, Max 297. 
Heckler, Brunnenarzt 119. 
Hegel 278 f. 
Hepier, U. 25 s fg. 
Hcideloff, Karl Alex von 48. 69. 
Heine, Heinrich 278. 
Heine, L. icn. 
Heitmüller, F. 288. 297 fg. 
Heibig, K. G. 229. 2j2. 
Hell, Theodor (Winkler) 102. 230. 
Hellen, Eduard von der 289. 
Hellen, Eduard von der 256. 288. 
Heller, R. 221. 
Henkel, H. 265. 274. 
Hennig, W. 98. 
Hennings 186. 
Henoch 122. 
Hensel, W. 98 ig, 
Herder, Caroline von 259. 
Herder, J. G. von 1 5 fg. 60. 1 10. 

112. 154. 166. 208. 214.216. 222. 

250. 261 fg. 
Herder, Luise von 70. 
Hermann, Gottfr. 23. 58. 
Hertel, Th. J. 229. 
Hesse, L. Fr. 66. 
Hcttner, Hermann 232. 236 fg. 
Hetzer 251. 
Hewett, W. T. 294. 
Heyse, Paul 113. 
Hitdehrand, Rudolf 205—224. 
Hildebrandt, Emil 273. 
Hirzel, L. 256 fg. 
Hitzig, J. E. 274. Brief von Goethe 

an — 78 ff. Erläuterungen dazu 

Soff. Brief an Goethe von 77 fg. 

Erläuterungen dazu 80 ff. 
Hoff, Karl Ernst Adolf von 25 fg. 

29. 32. 37. 40 fg. 54 ff. 
Honmann, E. T. A. 80. 
Hoffmann, Herrmann 77. 
Hoffmann, Joseph, Briefe von 

Goethe an 75 fg, Erläuterungen 

dazu 76 fg. 
Hohenzollem, Fürstin von 114 ff. 

126. 128. 
Holland, König Louis von 120. 264. 



Holtei, K. von 67. 

Homer 3 ff. 19. 156. 173. 28$. 296 fg. 

Homeyer 207. 

Hom 100. 

Houwald, E., 23. 32. 58. 60. 

Hübner, J. 229. 

Humbolcft, Alexander von 41. 63. 

209. 
Humboldt, W. von 209. 265. 294. 

299. 
Humboldts 117. 

Hütten, Ulrich von 135. 137. 



acobi F. H. 214. 
' acobs, Chr. F. W. 299. 

acobs, Emil 100. 
^ahn, Otto 55. 57. 
' ahn (Turnvater) 1 38. 

ean Paul (Richter) 112. 
'ffland 118. 
Immermann, K. 98. 
John, Karl Ernst 77 ff. 108. 291. 

Seine Frau und Kinder 83. 
John, Vater d. vor. 81. Mutter 79. 
81. Schwester 79. 

onas, Fritz 93. 
^ ordan, von 227. 
]oret 221 ig. 

] buy, Victor Jos. Et. de 46. 67. 
Julius, Lottenekassirer 248. 



Kahn, Fran^ 262 fg. 

Kannedesser 64. 

Kant, 1mm. 18. 56. 152. 154. 208. 

Kappaufische Oelmühle 245. 

Kaulbach, W. von 230. 

Kayser, Ph. Chr. 15. 221. 

Kaysers Bücherkunde 273. 

Keil 212, 217. 

Keller, Gottfried 228. 

Kestner, Georg 234. 

Kestner, Georg, Sohn d* vor. 234. 

Kestner, Lotte 234. 

Kilian, Eugen 192 — 204. 

Kieser 299. 

Kiessling, Richard 258. 

Kintschy, G. 235. 

Klebelsbcrgische Gut 274. 

Klee, Jul. 229. 231 fg. 236. 



Personen-Register. 



305 



Kleinschrod, Oberbergrath 49 ff. 69. 

Kleist, H. von 159. 279. 

Klinger, F. M. 132. 

Klopstock, T. G. 59. 135. 186. 208. 
211. 215 ig. 221. 

Knebel 85 fg. 265. 

Kniep, Maler 5 fg. 

Koch, J. G. 192. 

Köchly, Hermann 229. 

Kögel 165. 

Kömer, C. G. 299. 

Kömer, Theodor 138. 

Körners ii6fg.- 

Körte, Frau 105. 

Koetschau, Karl, 84—90. 275—277. 

Kottschau, Karl 62. 

Kotzebue 57. 279. 

Kranichfeld 119. 

Kraus, 274. 

Krause, G. von 228. 

Kräuter 16. 84. 

Krüger, Karl 21. 56. 

Kügelgen 116. 

Kügelgen, Frau von 227. 

Kühne, F. Gustav 234. 

Kurland, Sophie Dorothea, Her- 
zogin von 23. 

Küster, Betty von 50 fg. 70. 



Laborde,Alexander, Graf von 47.68. 
Laborde, Leon, Graf von 47. 68. 
Lämel, Edler von 209. 
Lampen von, Gescnwister 85 fg. 

s. auch Plessing. 
Langbem, Censor 108. 
Langermann 116. 
Langermanns 117. 
Lavater 154 fe. 160 fg. 211. Zu 

Goethes Briefwechselmit — 25 sfF. 
Lecerf 238. 
Le Giere, Jean 207. 
Lehne, Prof. und Bibl. 60. 
Ltiiimann, Albert 2^4 fg. 
Le Mierre 291. 
Lenz, J. M. R. 173. 
Lepsius, Oberbergrath Dr. 113. 
Lersc 56. 
Lessing, G. E. 133 fg. 137. 139. 

258. 281. 
Levetzow, Ulrike von 1 1 3. 128. 274. 
Liliencron, R. von 132. 
Lindner (G. Erichson) 61. 
Lindpainmer 102. 

GoiTHB- Jahr BUCH XXII. 



Lips 74. 

Lobkowitz, Fürst von 299. 

Löffler, Superintendent 61. 

Löschhora, K. 274. 

Löwe, M. L. 220. 

Ludekus, Frau öj. 

Luden, H. 138. 

Ludwig, Otto 232. 240 fg. 

Luise, Königin von Preußen, s. 

Preußen. 
Luther, Martin 210. 279. 
Lüttichau, Frau von 235. 



Mara, E. G. 109. 

Marat 96. 

Mecklenburg, Prinz Carl von 108. 

Mecklenburg-Schwerin, Prinzessin 
Luise Charlotte von, s. Sachsen- 
Gotha. 

Mecklenburg-Strelitz, Georg, Groß- 
herzog von 109 fg. 112. 

Meier, O. 234. 

Melanchthon 164. 

Mendelssohn-Bartholdy, Felix 
105 fg. 126. 230. 

Menzel, Wolfgang 227. 

Mercier 291. 

Merck, J. H. 289. 

Mesmer 154. 

Meyer, Heinrich 42. 67. 77. 107. 292. 

Meyer, Nikolaus 89. 

Meyer,FrauOberconsistorialrath 67. 

Miyer^ Richard, M, 277—281. 

Miller, J. M. 268. 

Milton 17s ff. 179. 186 ff. 

Minor, T. 150. 157. 163. 165. 178. 184. 

Monval, G. 291. 

Moritz, K. Ph. 94. 

Morris, Max 150— 191. 

Morsch, H, 271 fg. 

Mosen, Julius 227. 

Motz von 45. 64. 

Mozart, W. A. 106. 192. 

Müller, J. G. 229. 

Müller, Kanzler von 46. 48. 53 fg. 
60. 67. 70 fg. 275. 298. 

Müller, Ottfried 131. 

Müller, Otto 131. 

Müllner, A. 58. 

Muncker, F. 199. 

Murr, C. G. von 182 fg, 

Mylius, J. G. 299. 

20 



3o6 



Personen-Register. 



Nahl 76. 

Napoleon I. 53. 94 ff. 104%. 137. 

279. 
Naumann, Karl Fr. 43 (g, 64 fg. 
Nerenz 228. 

Neumann, Frau Schauspielerin 117. 
Neumann, K. Fr. 207. 
Nick, G. 267. 
Niebuhr 299. 

Niejahr, J. 165. 169 ff. 178. 180. 190. 
Nietzsche, Friedrich, Nekrolog auf 

277—281. 
Nikolai, J. F. 186. 
Noel 228. 



Oär, Th. von 226. 

d*Ohson 41. 64. 

Opitz, M. 207. 215. 

Oppermann, Andreas 235. 

Oeser, Friederike 207. 

Ossian 156. 

Oesterreich, Joseph IL, Kaiser von 

_ 137- 257 fg. 
Otto, J. 229. 

Paganmi 104 fg. 

Pakscher, A. 274. 

Parthey, G. Fr. 67. 113. 

Parthey, Lili, Goethe und 1 1 3 — 1 28. 
Ihre Mutter 115. 120. 124. Ihre 
Tante 115 ff. 122. 124. 126. 

Pascal 278. 

Pecht, Fr. 226. 

Perfall, K. von 195 fg. 199. 

Perikles 138. 

Pfaff 299. 

Pfitzer 176 ff, 181. 184. 

Pfotenhauer, F. W. 229. 

Pietsch, V. 207. 

Pindar 16. 

Piquot, von 54. 

Pirch, von 299. 

Pius VII., Papst 127. 

Platen 131. 

Plato 16. 207. 278. 

Platzhoff, Jakob 98. Seine Frau 98. 

Plessing 86. 

Plessing, Mutter d. vor., geb. von 
Lampen 85 fg. 

Pniower, O. IJ3. 165 fg. 168. 

Pogwisch, Ulrike 117. 126. 

Poöak, Ludwig 75. 

Prätorius 180. 188. 

Prein, J- S. 274. 

PreusSCP* Augusta, Königin v. 127. 
Pfg -g0, Prinzessin Carl von 127. 



Preussen, Friedrich IL, König von 

109. 244. 
Preussen, Friedrich Wilhelm III., 

König von 77. 100. 108. 112 fg. 

Seine Kinder 108. 
Preussen, Friedrich Wilhelm IV., 

König von 226. 
Preussen, Prinz Heinrich von 109. 
Preussen, Luise, Königin von, in 

Weimar 109— 113. 
Purgstall, Gottfr. Wenzel, Graf v. 

19. 21. 56 fg. 
Purgstall, Frau d. v. 56. 



Qpandt, J. G. von 228. 

Racine 117. 

Ramberg 226. 230. 

Rauch, Chr. 59. 115 fg. 235. 

Raumer, F. von 100. 

Recke, Elisa von der 23. 32. 43. 

Redam, Philipp, jun. 92. 

Reichenbach, F. L. 230. 

Reichenbach, H. G. L. 229. 

Reichardt, J. F. 186. 238. 

Reinhard, K. F. von 135. 

Reinhold, K. L. 56. 

Reissiger, C. G. 228 ff. 

Rethel, A. 226. 

Reuchlin, Joh. 132. 

Reuss, F. A. 299. 

Richter s. Jean Paul. 

Richter, Ludwig 226. 

Riemer, F.W. 92. 215. 291 fg. 296 fg 

Rietschel, Ernst loi. 226. 228 fg. 

2 34 ff. 
Robespierre 96. 
Rothschildsches Haus 131. 
Rossini 105 fg. 
Rousseau, J. J. 278. 
Roux, Jak. M. Chr. 57. 66. 
Rückert, Fr. 81. 
Rüge, Arnold 226. 
Ruland, Carl 84. 107. 298. 
Russland, Kaiser Alexander I. von 

42. 



Sachs, Hans 137. 162. 

Sachsen-Gotha, August,Herzog von 
HO. 

Sachsen-Gotha, Louise Charlotte 
von, Gemahlin d. vor., geb. 
Prinzessin von Mecklenburg- 
Schwerin HO. 



Personen-Register. 



307 



Sachsen-Hildburghausen,Charlotte, 

Prinzessin von 109 fg. 112. 
Saint Aignan 299. 
Savigny, F. v. 21. 57. 
Savigny, Gunda von i9fF. 57. 
Schadow, G. 273. 
Schäfer, A. 229. 
Schelling, F. W. J. v. 49. 
Schelling, Pauline 49. 
Schelver, F. T. 299. 
Schenkendorf; M. v. i}8. 
Scherer, Wilh. 184. 
Schikaneder^ Emanuel 24. 59. 
Schiller, Friedrich von 12, 18. 59. 

102. III. i34ff. 146 fg. IJ4. 175. 

177. i82ff. 20s fg. 209fg. 212. 

2 18 ff. 227 ff. 234 ff. 239. 265. 

278 ff. 289. 291. 295. Wallen- 

steins Tod, Bericht über eine 

Aufführung iiofg. 
Schinkel, K. F. 59. 
Schlegel, A. W. v. loi fg. 108. 219. 

221. 
Schlegel, Caroline von 221. 
Schlesinger, Maximilian 257 fg. 
Schlömilch, O. 2J7. 
Schlosser, Fritz 61 ig, 
Schlosser, Frau d. vor. 61, 
Schlösser, Rudolf 290 ff. 
Schlösser, Rudolf 288. 
Schlossersche Weltgeschichte 132. 
Schmeller 67. 71. 
Schmelz, Simon 258. 
Schmid, F. A. 299. 
Schmidmer, Joh. Lor. 48. 69. 
Schmidt, Caroline 59. 
Schmidt, Erich i^'j. 
Schmidt, Erich 151. 165. 167 fg. 

176. 184. 241. 288. 297. 
Schmidt, Fanny 59. 
Schmidt, Toh. Chr. 59. 248 ff. 
Schmidt, Mechanikus 28. 60. 
Schnauss, Chr. Fr. 250. 
Schneider, Joh. 22^. 
Schneider, Karl Friedr. 273. 
Schneidewin, Max 281. 
Schnepps 251. 

Schnorr v. Carolsfeld, Franz 239. 
Schnorr v. Carolsfeld, Julius 226. 

239. Seine Familie 239. 
Schönbom, G. F. E. 152. 
Schönkopf, Käthchen 225. 
Schopennauer, Adele 53. 
Schopenhauer, Arthur 53. 207 fg. 
, 27Ö {g. 
Schopenhauer, Johanna 53. 73. 



Schrader, Frau Prof. 35. 
Schreyer, Hermann 293 ff. 
Schreyer, Hermann 288. 
Schreyvogel, Tosef 194. 
Schröder, F. L. 192. 
Schröpfer 154. 
Schubart, Martin, Nekrolog auf — 

275 - 277. Sein Vater 277. 
Schubart, Frau d. vor., geb. Czer- 

mak 277. 
Schubert, Fr. 102. 
Schüddekopf, Carl 290. 299 {0, 
Schüddekopf, Carl 288. 
Schultz, Staatsrath 59. 265. 
Schulz, H. VV. 229 fg. 
Schulzesche Hofbucnnandlung200. 
Schumann, Robert 229 ff. 
Schütz, Maler 275. 
Schwedes, Oberbergrath 69. 
Schweitzer, Geh. Staatsrath 26. 36. 
Schwerin, Erbgrossherzogin Caro- 
line von Mecklenburg, geb. 

Prinzessin von Sachsen 297. 
Schwind, M. von 286. 
Scipio 138. 
Scott, Walter 04 fg. 
Seebeck, Th. J. iij. 122. 
Seebeck, Frau 122 ig. 
Seebecks 116. 118. 299. 
Seidel, Philipp 256 fg. 
Seidler, Luise 61. 67. 
Semper, Gottfried 226. 
Senckenberg, Heinrich Chr. von 267. 
Senckenberg, Renatus Carl von 

266 ff. 
Sesenheim, Friderike von, s. Brion 

Friderike. 
Seuffert, B. 288. 
Shakespeare, W. 145. 159 fg. 240 ff. 

260. 280. 286. 
Sickel, Appellationsgerichts-Präsid. 

225. 
Sickler, Fr. C. L. 269 fg. 
Siebert, R. 86. 
Sieyes 96. 

Sintenis, F. 258—262. 
Sontag, Henriette 106. 
Sophokles 16. 240. 
Spmoza, B. 18. 278. 
Spitzner, G. 229. 
Spontini 70. 
Stael, Frau von 96. 
Stark, Geh. Hofrath 38. 62. 
Stein, Charlotte von 14 fg. 214. 217. 

221 %. 234. 260. 
Stein, Fritz von 259 fg. 

20* 



1 



3o8 



Personen-Register. 



Steiner, Imanuel 292. 

Stern, Adolf 225—243. 

Stern, Ad. 237. 241. 

Stemberg (d. alte) 228. 

Sterne 200. 

Stich 117. 

Stichling, C. W. C. 35- 

Stichling, Theodore Luise 31. 35. 

60. 
SHeda, Wilhelm 244-251. 
Stiedenroth, £. 206. 
Stieler, K. 49. 69. 
Stieler, Pauline, geb. Becker 49. 69. 
Stielke 230. 

Strehlke, Fr. 57. 71. 80 fg. 86. 297. 
Suphan, Bernhard I*— VÜ*, 3—19, 

71-73 295 fg. 2Q7 fg. 
Suphan, Bernhard 89 fg. 113. 128. 

262. 288. 
Swedenborg, £. 151 fF. 161 ff. 172 ff. 

176. 181. 
Syo, Peter 261. 



Talma, Fr. J. 117. 

Thoranc, Graf 275 fg. 

Thorwaldsen iio. 

Thünunel, M. A. von 86. 

Thurn und Taxis, Therese, Prin- 
zessin von Brief an Fürstin Betty 
von Fürstenberg 109 — 112. Er- 
läuterungen dazu 112 fg. 

Tieck, Fr. 59. 273. 

Tieck, Ludwig 200. 226. 228. 

Tiedetnann Fr. 65. 

Tischbein, W. 286. 

Tobler, J. Chr. 256. 

Tost, Freiherr von 85. 

Toumeux, M. 291. 

Träger 85. 

Trcitlinger 6j. 

Trcitschke, H. von 61. 232. 

TriUer, D. 207. 

Trippel, A. 273. 

Tscnellikow 87. 

Türk, Hermann 286. 



Uhland, L. 137. 
Unger, F. W. 290. 



Valentin^ Veit 130 — 149, 
Valentin, Veit, fiei)aolog auf — 

281 — 287. SeiDC Frau, Kioder 

und Eltern 282. 
Vclde, K. Fr., van der 229. 
Vcnt, Leutnant 17. 
Verlohrea, Hauptmann 81. 299. 
Vogel, C. 54 ff. 58. 60. 62 fg. 65. 

^. 248. 
Vogler, Abb6 228. 
Voigt, Ch. G. von 39. 54 fg. $7 fg. 62. 
Voigt, F. S. 55. 
Voigt, Vater d. vor. 55. 
Vollmer, W. 290. 
Voltaire 105. 118. 134. 161%. 

2? 8. 278. 
Voß, Heinrich 295 fg. 
Voß, J. H. 6 ff. 12 ff. 219. 265. 

276. 296. 
Vrtätko, A. ]. 274. 
Vulpius, Christiane, siehe Goethe, 

Christiane. 
Vulpius, Rath, Brief von Goethe 

an 88. Erläuterungen dazu 87%. 



Wachler, Joh. Fr. L. Brief von 
Goethe an — 83 fg. Erläuterungen 
dazu 84. 

Wackemagel, W. 221. 

Wagner, C. Th. 229. 

Wagner, H. L. 173. 

Wagner, Richard 278. 280. 

Wähle, Julius 297 fg. 

Waitz, G. 221. 

Waldberg, Max von 272 fg. 

Walther, Schauspieler 239. 

Wartensleben, Graf 257. 

Waser, Hedwig 256. 

Wäser, J. E. C. 192. 257 fg. 

Weber, Carl von 225. 227. 

Wegelysche Fabrik 244. 

Wemiar, Anna Amalia, Herzogin 
von HO. 230. 

Weimar, Bemnard, Prinz von 53. 

Weimar, Karl Alexander, Groß- 
herzog von, Nachruf T— VIP. 

Weimar, Karl August, Grossherzc^ 
von 26ff. 33. 36. 38 fg. 42tt. 
53fg. 57ff. 62ff. 66. 68, iio. 
120. 227. 239. 245 ff. 267. 299. 

Weimar, Karl Friedrich, Gross- 
herzog von 68. 70. 120. 

Weimar, Luise, Grossherzogin von 
45. 68. HO. 112. 121. 



Goethe-Register . 



309 



Weimar, Sophie, Grossherzogin von 

288. 
Weise (der Aerndtekranz) 258. 
Weiss, Kaufherr 59. 
Weizsäcker, Paul 107. 
Weizsäcker, Paul 91. 
Weller, Ernst 38 fg. 62. 
Wenzel, Regierungsraüi 228. 
Werner, Ridi. M. 299. 
Werner, Zach. 80. 
Widmann 176 ff. 181. 184 fg. 
Wieland,Chr.M. 1 3. 1 1 1 fg. 273. 289. 

Wilamowiiz-MöUendorf; U. von 

207. 
Willemer, Marianne von 132. 
Winckelmann, J. J. 281. 
Witkowski, G. 180. 188. 
Wolf, F. A. 103 fg. 219. 263. 299. 
Wolf, Homöopath 228. 
Wolff, Amalie 117. 



Wolff, P. A. 102. 117 fg. 
Wolzogen, Caroline von 1 10. 
Wolzogen, Wilh. von 54. 



Zachariae, F. W. 177. 179. 188 ff. 

Zarncke, Fr. 69. 272 fg. 

Zelter, K. Fr. 30. 38. 62. 115 fg. 
118. 128. 219. 288. Briefe an 
Goethe von — 91. 93 fg. 95—106, 
Erläuterungen dazu 92 — 105 
passim. Zelters Bild 107, der 
— sehe Briefwechsel und die 
preussische Censur 107 ff. 

Ziegler, Clara 240. 

Ziegler, Fr. W. Jul. 21. 56. 

Ziäen, Julius 281—287. 

Zinc^ef, T. W. 207. 

Zschille, Kanzleiratn 228. 



IL Register über Goethes Werke und Leben. 



I. Biographische Schriften. 

Annalen 55. 58. 60. 62. 65. 264 fg. 

Biographische Einzelheiten 205. 

Dichtung und Wahrheit 44. 65. 
152. 159. 209. 211 fg. 215. 219. 
266. 275. 

Italieniscne Reise 214. 223. 

Römischer Aufenthalt, zweiter 16. 

Schweiz, Briefe aus der 288. Be- 
richt über die Weimarer Ausgabe 
289. 

Tagebücher 5 3 ff. 62 ff. 75. 88. 
1 12 fg. 127 fg. 259 ff. 265 f|^. 
288 fg. 300. Bericht über die 
Weimarer Ausgabe 297 fg. 

Tag- und Jahreshef^e s. Annalen. 



2. Briefe an: 

? 87. 88. 

Catnarin, Anton von 85. Erläute- 
rungen dazu 86. 

Conta, C. Fr. v. 20. 22. 25 ff. 31 ff. 
50 ff. Erläuterungen dazu 52—73. 

Göschen, J. G. 74. Erläuterungen 
dazu 75. 

Hitzig, J. E. 78 ff. Erläuterungen 
dazu 80 ff. 



Hoffmann, Joseph 75 fg. Erläute- 
rutlgen dazu 76 fg. 

Vulpius, Rath 88. Erläuterungen 
dazu 87 fg. 

Wachler, Joh. Fr. L. 83 fg. Er- 
läuterungen dazu 84. 

Lavater, Zu Goethes Briefwechsel 

mit 233 ff. 
Zeltersche, der, Briefwechsel und 

die preußische Censur 107 ff. 
Weimarer Ausgabe 288. Bericht 

299%- 

3. Briefe an Goethe von: 

Conta, Carl Friedrich von 19. 22 ff. 

26 ff. 30 ff. 34 fg. 41 ff. 45- 47 fe- 

Erläuterungen dazu ^2—73. 
Hitzig, J. E. 77 fg. Erläuterungen 

dazu 80 ff. 
Zelter, K. Fr. 91. 93 fg. 95—106. 

Erläuterungen dazu 92—103 

passim. 

Lavater, zu Goethes Briefwechsel 

mit 233 ff. 
Zeltersche, der, Briefwechsel und 

die preußische Censur 107 ff. 



310 



Goethe-Register. 



4. Dramen. 

Bürgergeneral, der 238. 

Clavigo 21. 238. 265. — in Wien 

Egmont 137. 216. 230. 238. 272. 

Epimenides, des, Erwachen 138. 
210 fg. 224. 272. 

Faust 90. 124. 134. 136. 147 fe- 
21 3 fg. 222. 224. 235. 241 fg. 
271. 279 fF. 285 fg. Fragment 75. 
Mephistopheles 150— 191. Auf- 
führungen in Dresden 230. 238fg. 

Fischerin, die 259. 

Geschwister, die 230. 238. 

Götz von Berlichingen 132. 135 fg. 
173. 230. 238. 241. 257. 268. 
Eine Auffuhrung des— 192 -204. 

Hanswursts Hochzeit 158. 

fery und Bätely 74. 238. 
phigenie auf Tauris 140. 159. 216. 
230. 238. 240 fg. 272. 279. 286. 

Laune des Verliebten, die 230. 238. 

Mahomet 155. 

Mitschuldigen, die 228. 238. 

Natürliche Tochter, die 159. 

Paläophron und Neoterpe 238. 

Pandora 159. 220. 271. 288. Be- 
richt über die Weimarer Aus- 
gabe 297. 

Prometheus 271. 

Puppenspiel, neueröffnetes, mora- 
hsch- politisches 241. 

Scherz, List und Rache 74. 280. 

Stella 238. 241. 265. 

Tasso 159. 217. 230. 238. 241. 279. 

Zauberflöte, der, zweiter Theil 
142 ff". 148. 



5. Episches. 

Achilleis 13. zur — 264 fg. 288. 
Bericht über die Weimarer Aus- 
gabe 295 ff". 

Hermann und Dorothea 24. 136. 
1^9. 241. 286. 288. 296. Bericht 
über die Weimarer Ausgabe 2Q3ff". 

Homerisches aus Goethes Nachlass. 
Odyssee 3 ff". Erläuterungen 
dazu 5 f[. 

Reineke Fuchs 7. 160. 288. Be- 
richt über die Weimarer Aus- 
gabe 293. 



6. Erzählendes. 

Wahlverwandtschaften, die 135. 
Werthers Leiden 30. 13 5.155. iSSfg- 

17$. 212. 234, 241. 265 fg. 273. 

288. zu — 266—269. ßcridit 

über die Weimarer Au^abe 2891 
Wilhelm Meisters Lehrjahre 90. 

136. 145 ff. 241. 262 fg. 288. 

Wander jähre 147. 208. 216 fg. 

220. Bericht über die Weimarer 

Ausgabe 290. 



7. Gedichte. 

An Lili (Du hattest gleich mirs an- 

gethan etc.) 128. 
Ballade vom vertriebenen und 

zurückkehrenden Grafen 30. 52. 

60. 
Braut, die, von Corinth 42. 
Dies kleine Stück gehört etc. (An 

Herder und Gattm) 259. 
Du hattest gleich mirs angethan 

s. an Lili. 
Elegien, Römische 219. 234. 
Elfenliedchen 260. 
Epigrammatisch 135. 
Epigramme, venetianische 207. 218. 

220 ff. 
Epilog zu Schillers Glocke 236. 
Epistd an Gotter 132. 
Erlkönig, zum — 258 — 262. 
Etymologie 222 fg. 
Ewige Jude 153. 
Fischer, der 258. 
Generalbeichte ij6. 
Gegen toasi der Schwestern 62. 
Geheimnisse, die 140 ff. 
Gesang der Geister über den 

Wassern 217. 
Gott, der, und die Bajadere 254. 
Glücklichen Gatten, die 224. 
Harzreise, die, im Winter 42. 64. 
Heuer, als der Mai, beflügeh 59. 
Höllenfahrt Christi 215. 
Ilmenau 218. 

König in Thule, der, 224. 258. 
Lilis Park 124. 

Metamorphose der Thiere, die 185. 
Mignon, zur — Ballade 262 fg. 

Mmisterialiubiläum (Frankenberg) 
90. 

Musensohn 217. 

Nativität 223. 



Goethe-Register. 



311 



Natur und Kunst 220. 

Sänger, der 258. 

Sehnsucht 217. 

Selige Sehnsucht 206. 

Sprichwörtlich 89. 

und in stets bewegten Fluten (un- 
gedruckt) 90. 

Urworte, orpnisch, 32. 34. 60. 211. 

Vermächtniß 211. 

Vermischte Gedichte 216. 

Wanderer, der 274. 

Wiederfinden 214. 

Xenien 186. 

Zahme Xenien 31. 33 fT. 60 fg. 90. 
iß4. 208. 210. 212. 219. 

Zueignung 235. 

Zueignung (Faust) 150. 

Einleitung zu Goethes Liedern 
205 - 224. 



8. Kunst. 

Dialog, ein, von Diderot 288. 
Diderots Versuch über die Mahlerei 

288. Bericht über die Weimarer 

Ausgabe 290 fg. 
Dilettantismus, uoer den 218. 223. 
Dramatische Form 218. 220. 
Kunst Schriften zur 1816— 1832, 

292. 
Kunst und Alterthum 28. 30. 34 fg. 

60. 64. 107. 265. 292. 
Landschaftsmalerei über 292. 
Maximen und Reflexionen über 

Kunst 292. 
Rameaus Neffe 288. Bericht über 

die Weimarer Ausgabe 290 fg. 
Tänzerin Grab, der, zum ersten 

Druck des Aufsatzes — 269 ff. 
Zwei deutsche Alterthümer 269. 

Weimarer Ausgabe, Berickt über 
die 290 ff. 



9. Naturwissenschaftliches. 

Naturwissenschaftliche Schriften 
290. 

Stiedenroth, Ernst, Psychologie zur 
Erklärung der Seelenerschei- 
nungen 206. 223. 



10. Sonstige prosaische 
Schriften. 

Flöhen, Dissertation von den (an- 
geblich von Goethe) ip. 

Frankfurter gelehrten Anzeigen, 
Recensionen in den 153. 155. 
209. 211. 

Gedanken über Freiheit und Gleioh 
heit i6ffi:. Erläuterungen dazu i7ff. 

Homeriscne dunkle Stelle, Versuch 
eine — zu erklären 9 ff. Er- 
läuterungen dazu 12 ff. 

Homerischer Aufsatz (ungedruckt) 

73- 
Sprüche in Prosa 206. 208 ff. 212. 

Thätigkeit, über die verschiedenen 
Zweige der hiesigen 60. 

Versuch, der, als Vermittler von 
Objekt und Subjekt 212. 



II. Biographische Einzel- 
heiten, Lebensbeziehungen, 
(persönliche und literariscne) 

zu: 

Genta, Goethe und Garl Friedrich 

von 19—73. 
Hauptmann, Gerhart, Goethe und 

271 fg. 
LocKe, eine — Goethes 274. 
Luise, Königin von Preussen, in 

Weimar 109 -11 3. 
Nietzsche 278—281. 
Parthey, Lili, Goethe und 1 1 3— 1 28. 
Porzellan- Fabrik zuIlmenau, Goethe 

und die 244— 2? i. 
Silhouette, eine Goethe — von 

1784 272 fg. 



12. Verschiedenes. 

Archiv in Weimar, Mittheilungen 

aus dem 3 — 7j. 
Ausgabe letzter Hand 263. 289 fg. 

295. 
Befreier, Goethe als 131— 138. 
Dresden, Goethe und 225—243. 
Freimaurerei, Goethes 139—149. 
Medaille auf Goethe 45. 06. 



Gobtue-Regbte r. 



m37Jfe- 
rolog auf 



nischeProsa, Goethes 36; fg. 
Scfiuban, Martin, Nekrolog auf — 



Sprache, Goethe uad die deutsche 



Stamm buchblätter 89. 



ValeotiD, Veit, Nekrolog auf 181- 

287. 
Voiienmeen Ober Goethe, aus, nn 

Rudolf Hildebrand x>$—224- 
Wdmarer Ausgabe 6. 75 ff. 86.01. 

128. 168, 262 ff. 269. 288. fc- 

richt der Redactoren u. Heran- 



geber 289— jcm. 
Zdtcrs Bild 107. 




Goethe 
ALS Psycholog 



Von 



Richard M. Meyer. 



Festvortrag 

GEHALTEN IN DER l6. GENERALVERSAMMLUNG DER GoETHE-GeSELLSCHAFT 

IN Weimar am i. Juni 1901. 




Goethe als Psycholog. 



hat dem 19. Jahrhundert mancherlei Namen 
I gegeben. Man hat es das naturwissenschaftliche 

J Jahrhundert genannt, oder das Jahrhundert der 

Technik, oder das Jahrhundert der Nationalitäten; man 
hätte es wohl auch aas psychologische Jahrhundert nennen 
können. Denn noch nie nai eine Zeit so leidenschaftlich 
danach gerungen, das innerste Wesen des Menschen zu 
enthüllen, als das Jahrhundert, an dessen Eingang Goethes 
»Faust« und an dessen Ende Ibsens grüblerische Dramen 
stehen. »Wer enthüllt Kern, Natur, lebend Leben des 
Individuums?« rief mit heißem Verlangen Leopold v. Ranke; 
und aus tausend wissenschaftlichen, dichterischen, künst- 
lerischen Werken tönt derselbe sehnsüchtige Ruf. Wer 
aber möchte behaupten, daß dies unermüdliche Ringen ohne 
Erfolg geblieben sei? Wohl hat sich die uralte Sphinx noch 
nicht in den Abgrund gestürzt; auch heut noch harrt sie 
des Oedipus, der das letzte Räthsel lösen soll. Aber bleibt 
das große und letzte Räthsel auch wohl ewig uncelöst — 
hundert kleinere wurden beantwortet; und vor allem: die 
Hauptfrage selbst erhielt ein anderes, neues Gesicht. Wir 
haben aufgehört zu fragen: was ist der Mensch? wir fragen 
heut: wie sind die Menschen? 

Die Psychologie des 19. Jahrhunderts ist gerade des- 
halb so bedeutsam, weil sie den Ungeheuern Schritt von 
der metaphysischen Spekulation zu der individuellen Be- 
obachtung that. Ueberall hat sie das geleistet, in der 
Praxis wie in der Theorie, in der Dichtung wie in der 
bildenden Kunst. Man hat von Napoleon gesagt, er habe 
die Strategie erneut, indem er sie auf die Psychologie 



4* Festvortrag von Richard M. Meyer. 

gründete, auf das genaue Studium der Charaktereigen- 
schaften seiner Gegner und Helfer ; man kami ebenso von 
Bismarck sagen, daß er die Politik verjüngt bat, indem er 
die Psychologie — bis zur Beachtung aer feinsten »Impoo- 
derabilien« herab — zu ihrem Hauptwerkzeug machte. Der 
energischen Benutzung psychologischer Beobachtungen 
verdanken Geschichtswissenschaft, Philologie, Völkerkunde 
ihre bedeutsamsten Fortschritte im vorigen Jahrhunden. 
Und was unterscheidet die neuere Kunst als Ganzes ent- 
schiedener von der der klassischen Epochen als eben das 
Streben nach zunehmender Individualisirung in der Charakter- 
zeichnung? 

Ob nun freilich gerade für die Künste diese Entwick^ 
lung einfach einen Fortschritt bedeute, darüber läßt sieb 
auch heut noch streiten. Wer auf dem Boden der klassi- 
zistischen Kunstlehre steht, mag in der Annäherung der 
Kunst an die empirisch beobachtende Wissenschaft Ge»hren 
für die eigentlichen Ideale des Künstlers erblicken. Mit 
sicherem Instinkt bekämpfte von diesem Boden aus Lessing 
die ersten Regungen der neuen Richtung auf deutschem 
Boden, die ganz mdividuellen Beobachtungen in Goethes 
»Werthera. Aber auch wer diesen Standpunkt einnimmt, 
wird sich nicht blind verschließen gegen die Fülle hervor- 
ragender Leistungen, die gerade aucn der Kunst durch dies 
Bestreben gelangen. Wer aber jene Entwickelung zur indi- 
viduellen Charakterzeichnung durchaus als eine glückliche 
Neuerung bewunden, der sollte ebenso wenig vergessen, 
daß auch der Dichter des Hjalmar oder der des Hannele 
nur Erben einer großen Vergangenheit sind, und daß 
Niemand mehr dafür gethan hat, die künstlerische Psycho- 
logie zu erneuem und zu verjüngen als Goethe. 

Heute freilich ist es leicht, gegen eine Kunst zu 
streiten, die nur mit blassen, abgemüdeten Typen arbeitet. 
Heute stehen wir Alle, und nicht zum wenigsten auch der 
schaffende Künstler^ unter dem Einfluß der Wissenschiit. 
Die Methode der Einzelbeobachtung hat ja Zola unmittel- 
bar auch für die literarische Technik maßgebend machen 
wollen. Heute kennen wir aus genauerem Studium der 
Geschichte und der Ethnographie zahlreiche nationale and 
historische Gestalten. Anschauungen, Zustände, die sich 
mit den wenigen einfachen Typen der alten Geschichts- und 
Kunstphilosophie nicht decken wollen. Aber ganz anders 
stand es in der Epoche unserer Klassiker. An jener festen 
Zahl großer ewiger Typen der Menschheit hat auch Goethe 
selbst noch so wenig gezweifelt wie seine Lehrer Winckd- 
mann und Herder. Aber andere herrschende Dogmen seiner 
Zeit überwand er siegreich. Allgemein galt noch in seiner 



Goethe als Psycholog. 5 



« 



Zeit jene von der Antike überlieferte Psychologie, die das 
Wesen dieser psychologischen Typen in Destimmten, genau 
zu definirenden Eigenschaften sah. Der Großmüthige, der 
Feigling, der Heuchler, die Kokette galten als ebensoviel 
verschiedene Menschenarten. Und weil Goethe selbst 
durchaus aus solchen Anschauungen hervorwuchs, war es 
um so mehr eine bewundemswerthe und folgenreiche That, 
wie er von diesen Grundgedanken zu ganz neuen psycho- 
logischen Auffassungen kam. 

Dies aber war mm möglich, weil er die erstaunliche 
Unbefangenheit seines BliÄes auf einem Gebiete nicht 
verleugnen konnte, auf dem überhaupt die unbefangenen 
Praktiker unvergleichlich mehr geleistet haben als die 
grübelnden Doktrinäre. Wie ihre Schwestern, die Theologie 
und die Medizin, ist auch die Psychologie als naive Kunst- 
übung uralt, als Dewußte Theorie recht jung. Jeder Häupt- 
ling, der seinen Stamm zu einem schwierigen Entschluß 
bringen mußte, jeder Kaufmann, der barbarischen Käufern 
einen hohen Lohn für werthlose Glasperlen ablocken wollte, 
ja jedes Weib in der Hütte des despotischen Gebieters und 
jeder Sklave war genöthigt Seelenkunde zu treiben. Und 
wie die Anatomie lange nur vom Bildhauer gelernt werden 
konnte und nicht vom Arzt, so haben von den Dichtern 
erst die Geschichtschreiber und dann die Philosophen die 
Elemente der Psychologie übernommen. Insofern ist das 
Scherzwort des älteren Dumas, Macaulay habe die Ge- 
schichtserzählung zum Rang des Romans erhoben, nicht 
ohne tiefere symbolische Bedeutung, weil eben der Historie 
wirklich erst aus der epischen Poesie die Kunst derCharakter- 
ergründung und Charakterzeichnung zugewachsen ist. — 
Und nun gilt für Goethes wissenscnaftliche Entwickelung 
allgemein, was er speciell von der Geschichte seines bota- 
nischen Studiums bemerkt: daß der Gang seiner Bildung 
der Geschichte der Wissenschaft ähnelte, »cfenn ich war vom 
augenfällig Allgemeinsten auf das Nutzbare, vom Bedarf zur 
Kenntniß gelangt« fZur Morphologie W. A. II 6, 102). 
Dies ist denn auch aie Folge, in der seine Psychologie sich 
entwickelte^ 

Eine echt hellenische Natur ist er auch hier. Mit 
Worten, die er ähnlich genug oft von sich selbst gebraucht 
hat, schildert er den großen Begründer so vieler Wissen- 
schaften und eben auch der tneoretischen Psychologie: 
»Aristoteles steht zu der Welt wie ein Mann, ein bau- 
meisterlicher. Er ist nun einmal hier und soll wirken und 
schaffen. Er erkundigt sich nach dem Boden, aber nicht 
weiter, als bis er Grund findet. Von da bis zum Mittel- 
punkt der Erde ist ihm das Uebrige gleichgültig. Er um- 



Festvortrag von Richard M. Me^'er. 



zieht einen ungeheuren Grundkreis für sein Gebäude, schafft 
MateriaUen von allen Seiten her, ordnet sie, schüttet sie auf, 
und steigt so in regelmäßiger Form pyramidenartig in die 
Höhe«. (Zur Farbenlehre. Historischer Theil W. A. II73.141J. 

Vom Boden bis zum Mittelpunkt der Erde ist ihm das 
Uebrige gleichgültig. Wir finden in der That nicht, daß 
Goethe über die letzten Geheimnisse des Ich gegrübelt 
hätte. Ein paar Urphänomene bilden den Boden seines G^ 
bäudes: es sind die Individualität und die typische Entwiche- 
Iting. Auf diesen beiden Grundpfeilern errichtet er seinen 
Bau, freilich aber so, daß er Materialien von allen Seiten 
herschafft, ordnet und aufschichtet. 

Zu beobachten war schon dem Kinde angeboren und früh 
müssen die anregende Lebhaftigkeit der Mutter und die 
methodische Strenge des Vaters geholfen haben, ihn zu 
einem jener eigentlichen »Beobachter« zu machen, über deren 
Seltenheit schon der jugendliche Mitarbeiter an Lavaters 
Physiognomischen Fragmenten sich wundert (W. A. 37, ui\ 
Früh lernt er, was er später als das Wesen der wissenscnaft- 
lichen Beobachtung umschreibt : »das Nachdenken regeln, 
die Erfahrung ordnen, und den Augenblick festhalten«. (Zur 
Morphologie W. A. IL 6, i J2.) Und so haben wir uns wohl 
jene merkwürdige Thatsacne zu erklären, die Goethe mit 
aller Entschiedenheit als die Grundlage all seiner theo- 
retischen und praktischen Psychologie hmgestellt hat: seine 
gleichsam prophetische Vorausnähme der Weltkenntniß, 
seine »Anticipation der Kenntniß mannigfaltiger nunschlicber 
Zuständen (Zu Eckermann 26. Febr. 1824; Goethes Ge- 
spräche 5, 38). 

Man könnte versucht sein, die Behauptung des Dichters 
zu bestreiten, »daß dem Dichter die Kenntniß der Welt 
angeboren sei, und daß er zu ihrer Darstellung keineswegs 
vieler Erfahrung und einer großen Empirie bedürfe.« M^ 
könnte gegen ihn selbst ins Feld führen, daß er ein ander- 
mal, etwas unhöflich, bemerkt: »Meine Idee von den Frauen 
ist nicht von den Erscheinungen der WirkHchkeit abstrahin, 
soridern sie ist mir angeboren oder in mir entstanden Gott 
weiß wie. — Meine dargestellten Frauencharaktere sind 
daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, 
als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind« (Zu Eckermann 
22. Oktober 1828; Goethes Gespr. 6, 355). Indeß muß 
doch so viel zugegeben werden, daß Goethes Kenntniß der 
menschlichen Zustände jedenfalls eine merkwürdig frühreife 
ist. Ein Stück wie die »Mitschuldigen« läßt in der That 
»in die seltsamen Irrgänge, mit welchen die bürgerliche 
Societät unterminirt ist« (Dichtung und Wahrheit II. 7; 
W. A. 27, 113), so tief blicken, wie nur selten ein so junger 



Goethe als Psycholog. 7 



« 



Mann blicken wird, zumal einer aus der »guten Gesellschaft«, 
die so viele Schäden ängstlich dem Auge ihrer noch nicht 
»fertigen« Mitglieder verbirgt. Nirgends finden wir auch 
nur in den frühesten Productionen Goethes jene groben 
Verzeichnungen, jene weltfremden Voraussetzungen, mit 
denen etwa »Fiesco« übersäet ist. Und noch in den spätesten 
Werken sehen wir unverkennbare Spuren früher und 
sicherer Beobachtungsgabe — so etwa m jener Stelle der 
»Wanderjahre«, in denen der Greis aus eigenster Erinnerung 
das wundersame »Aufblühen der Außenwelt« schildert 
(W. A. 25, 47). Aber freilich wird man eben auf solche jung 
geübte und geschärfte Beobachtung fast alle angeblich schon 
»angeborene Kenntniß der Welt« zurückführen müssen, 
wie die klar verständige Charlotte in den »Wahlverwandt- 
schaften« ^W. A. 20, 12) Ahnungen überhaupt als »un- 
bewußte Ermnerungen glücklicher und unglücklicher Folgen, 
die wir an eigenen odef fremden Handlungen erlebt haben« 
auffaßt. Sehen wir doch auch in den Tagebüchern be- 
sonders der ersten Weimarer Zeit einen scharfen Selbst- 
beobachter und Selbstprüfer an der Arbeit. Denn wenn 
Goethe auch eine phiiosophisch-grübelnde Bemühung um 
Selbsterkenntniß stets abgelehnt hat, ward er doch nicht 
müde, die Folgen eigener oder fremder Handlungen mit 
praktischem Scharfsinn zu verfolgen. Wie die Regentin 
im »Egmont« vorher weiß, wie Alba sich benehmen wird, 
weil sie »in Staatsgeschäften alt genug geworden« ist f W. A. 
8, 2^5), so konnte auch Goethe aus vielfältiger Aufmerk- 
samkeit wohl manche Vorahnung dessen schöpfen, was die 
Erfahrung ihm dann bestätigte. 

Und sicherlich wird man nebenbei wohl auch annehmen 
dürfen, daß der Jüngling Goethe doch oft genug »mit Lust 
zur Wahrheit jämmerlich geirret« ; wie hätte er sonst leben 
sollen? 

Kennte der Jüngling die Welt gei^u. 
Er würde im ersten Jahre grau. 

(Paralip. 155 W. A. 15, 2, 222.) 

Immerhin muß man neben dieser frühfertigen Gabe 
der Beobachtung noch einen gewissen Instinkt annehmen, 
der aus einzelnen, freiliegenden Zügen Verborgenes zu er- 
schließen vermag. »Es liegt in den Charakteren«, sagt 
Goethe an jener stelle (Gespr. 5, 38), »eine gewisse Notn- 
wendigkeit, eine gewisse Consequenz, vermöge welcher 
bei diesem oder jenem Grundzuge eines Charakters gewisse 
secundäre Züge stattfinden. Dieses lehrt die Empirie genug- 
sam, es kann aber auch einzelnen Individuen die Kenntniß 
davon angeboren sein. Ob bei mir Angeborenes und Er- 



8* Festvortrag von Richard M. Meyer. 

fahrung sich vereinigt^ will ich tiicht untersuchen; aber so 
viel weiß ich. wenn ich jemand eine Vienelstunde gesprochen 
habe, so will ich ihn zwei Stunden reden lassen.« Diese 
Begabung bezeichnet der Dichter einmal ganz herrlich mit 
den Wonen »Phantasie für die Wahrheit des Realen« (Zn 
Eckermann 25. Dez. 1825; Gespr. 5, 255). 

Was diese dunkle Vorahnung gewisser charaktero- 
logischer Zusammenhänge ihm früh verkündete, das ist 
später ein Grund- und Eckstein auch seiner NaturlAn 

feworden ; denn jene Nothwendigkeit bestimmter secundärer 
üge bei einem gegebenen Grundzug ist nichts anders als 

Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkür 
Und Gesetz, von Freiheit und Hass, von beweglicher Ordnung, 
Vorzug und Mangel, 

in dem die »Metamorphose der Thiere« (W. A. 3, 91) 
gipfelt. 

Wie aber hier in der Naturlehre, so geht es Goethe auch 
in der Psychologie, die für ihn ja nur ein Theil der Natur- 
lehre ist: nur ein Einzelfall seines unablässigen Studiums 
der vorhandenen Existenz. Wohl ist Goethe Empiriker; 
aber die Erfahrung soll bei ihm doch durchweg nur Ideen 
bestätigen, die er schon besitzt, die er mindestens in die 
systematische Verarbeitung der Empirie bereits mitbringt 
Nicht aus absichtlicher Beobachtung, sondern aus instiiUL- 
tivem Vorgefühl sind die Grundanschauungen erwachsen, 
auf denen sich seine Psychologie aufbaut. »Angeboren« im 
Smne jener allgemeinen »Anticipation der Weltkenntniß« 
ist vor allem der Punkt, der für seine Seelenlehre vor allen 
wichtig und fruchtbar wurde: die Idee von der inneren deich' 
artigkeit oder mindestens von der weitgehenden Verwandtscbafi 
aller Charaktere. Sie tritt gleich in den Jugendstücken mit 
überraschender Schärfe hervor. »Die Laune des VerUebtent 
scheint in der Manier der französischen Komödie den Träger 
einer bestimmten Eigenschaft, den Eifersüchtigen, wie ein 
Wesen eigener Art unter die normalen Menschen zu stellen; 
schließlicn läuft doch der Witz des Stückes gerade daraui 
hinaus, daß Eridon erkennt, er sei gerade so geartet wie die 
andern. Aehnlich sollte gewiß der früh gepwnte »Tugend- 
spiegel« ausgehn. »Die Mitschuldigen« spitzen sich nun gar 
zu der Lehre zu, die Haller in dem berühmten Vers formu- 
lin hat: 

Wir irren allesammt, nur irrt ein jeder anders. 

Sein Drama läßt eben deshalb die komischen Charak- 
terrollen des Spielers und des Neugierigen als leichtere 
Abarten des homo sapiens erscheinen; der älteren Ko- 
mödie waren sie pathologische Deformationen gewesen. 



Goethe als Psycholog. 9 



« 



Von diesen noch unbestimmten Anfängen, die doch 
schon eigenartig und bezeichnend sind, entwickelt sich 
Goethes Psychologie rasch zu vollendeter Selbständigkeit 
und fertiger Abrundung. Die Krankheit, die den Leipziger 
Lebensstudien folgte, führte ihn wohl zuerst zu bewußter 
Selbstprüfung — ich erinnere nur an den berühmten Brief 
an Friederike Oeser (Briefe i, 170) — und zuerst zu ab- 
sichtlicher Beobachtung der Andern. Und in Straßburg, 
wo er von Herder lernte, sich Shakespeare ganz ergab und 
Erwin von Steinbach bewunderte, an dieser Geburtsstätte 
des reifen Goethischen Genius, der bis dahin wie Homun- 
culus nur »entstehen wollte«, in Straßburg ging ihm nun 
auch jener Begriff auf, der für seine Psychologie eine cen- 
trale Bedeutung gewinnt: der des Dämonischen. 

In den Straßburger Ephemeriden tritt sein Aufmerken 
auf die Eigenart des »großen Manns« überraschend stark 
hervor. & zeichnet Sulla und Caesar, auf diese Seite an- 
gesehen; er macht Bemerkungen allgemeiner Art. Der 
große Mann ist aber für den Schüler Herders, für den 
Lehrer der Romantiker kein Anderer als der, der »einen 
eigenen Mittelpunkt hat«, eine bestimmte innere Noth- 
wendigkeit, die ihn zwingt, gerade so zu handeln — es 
ist eben der Typus, der später mit jenem geheimnißvollen, 
von Goethe oft fast mystisch verwandten Ausdruck als der 
des Dämonischen bezeichnet w^rd. 

Straßbure oder vielmehr Sesenheim bringt aber zu 
seiner bis dahin noch ziemlich akademischen blassen Psy- 
chologie noch ein weiteres Moment: er lernt den wichtigen 
Begriff der Stimmung beachten, mit dem er in einigen 
Sesenh^imer Liedern oder in dem »Wanderer« fast virtuos 
spielt. Und so kann der Jünger Shakespeares bald schon 
(Jharaktertypen zeichnen, in denen die allgemein mensch- 
liche Grundlage in doppelter Weise modificirt wird: durch 
ihre Individualität im Allgemeinen, und durch die Stimmung 
des Moments im Besondern. Dämonische Naturen wie 
Götz und Werther sind bei ihm nicht immer und aus- 
schließlich nur Träger ihrer »ruling passion«, ihrer aus- 
schlaggebenden Eigenschaft. Während Moliferes »Misan- 
thrope« eben immer nur Menschenfeind ist, während auch 
Söller und der Wirth in den »Mitschuldigen« nur Träger 
der Charakterrollen »Spieler« und »Neugieriger« waren, 
sind Götz und Werther manchen Stimmungen zugänghch. 
die bald den rauhen Ritter weich und liebenswürdig, bald 
den sentimentalen Träumer heiter oder arbeitsam zeigen 
und eben dadurch auch diese Gestalten dem allgemeinen 
Niveau der Menschenart nähern. Das hat nicht zum 
wenigsten geholfen, den »Götz« und den »Werther« so 

Goethe-Jaurbucu XXIL 21 



10 Festvortrag von Richard M. Me^er. 

ungemein wirksam zu machen. Bis dahin sah man auf 
der Bühne und im Roman fast nur Figuren, die ganz auf 
Eine Eigenschaft gebaut waren und deshalb zahkcichen 
Lesern nothwendig fremd bleiben mußten ; Goethe aber 
schuf Menschen, mit denen jeder Beschauer wenigstens in 
gewissen Momenten sich verwandt fühlen konnte. 

Von dieser Zeit an ist Goethes Psychologie im Wesent- 
lichen fertig. Wir haben sie nun in ihren Grundzügen 
darzustellen, um sodann kurz anzugeben, wie sie sich in 
seiner poetischen Technik, und wie sie sich m seiner Lebens- 
praxis geltend macht. 

Für Goethes Psychologie ist zunächst ein allgemeiner 
Gesichtspunkt wichtig. Wir hoben schon hervor, daß alle 
wissenschaftliche Betnätigung des Dichters aus gewisser- 
maßen praktischen Motiven nervorgeht. Aber diese prak- 
tischen Motive sind von künstlerischer Art. Goethe studin 
nicht, um zu lernen, sondern um zu schaffen. Man hat 

E' L oft genug sein Wort citu^t : »Uebrigens ist mir alles ver- 
aßt, was mich bloß belehrt, ohne meme Thätigkeit zu ver- 
mehren oder unmittelbar zu beleben.« Es sagt schwerlich 
zu viel. Für Goethe hat die Wissenschaft nur so weit 
Interesse, als sie Kunde gibt von der schöpferischen Macht 
und Kunst der Natur. Auf die Productionsnormen der 
Natur richtet sich all seine Wißbegierde. Er will wissen, 
wie sie die Pflanze, das Thier, den Menschen formt: er 
will erkennen, wie sie die Gebirge baut und die Wolken 

festaltet; er will die Geheimnisse ihrer Farbengebung auf- 
ecken. Daher auch seine Scheu vor denjenigen Wissen- 
schaften, die zu der unmittelbaren Produaion nur in ent- 
fernterer Beziehung stehen : er meidet die Mathematik, und 
während ihn die moderne Astrophysik sicherlich lebhaft 
interessirt hatte, läßt die Astronomie ihn kalt. Ebenso 
treibt er es im Bereich der Menschengeschichte. Ihn zieht 
es mächtig an, zu erfahren, welche Kräfte das Italien Cellinis 
oder das Frankreich Diderots hervorgebracht haben, welche 
Elemente die Eigenart des Beduinen in der Wüste oder des 
deutschen Dichters in der vorklassischen Zeit bestimmten; 
die historische Kritik als solche aber ist ihm fast verhaßt, 
weil sie nicht producire, sondern zerstöre. 

Sein Interesse an der Charakterkunde steht nun auf 
ganz demselben Boden, wie das bei dem schaffenden Künstler 
ja begreiflich genug ist. Für ihn ist die Psychologie die 
Lehre von der Tektonik der Charaktere, vom Außau der 
Individualitäten. Sein Interesse bleibt durchaus bei dem 
Charakter, bei der individuellen Eicenart stehen. Ihm fehlt 
fast völlig dasjenige psychologische Interesse, das zumal 
bei den Dramatikern semer Zeit weitaus das stärkste war: 



Goethe als Psycholog. 1 1 



« 



das Interesse an der Psychologie der That. »Emilia Galotti« 
beantwortet das Problem, wie ein Vater zur Tötung der 
eigenen Tochter gebracht werden kann; »Wilhelm Teil« 
zeigt, wie ein unschuldsvoller gutmüthiger Landbewohner 
zum politischen Mord geführt wird. Für Goethe dagegen 
ist die Handlung schlechterdings nie mehr, als ein Symptom 
für die Eigenart der Person oder ihrer Stimmung. Wie 
gleichgiltig sind die einzelnen Händel, in die Götz ver- 
wickelt wird, und selbst die einzelnen Abenteuer, die Wilhelm 
Meister durchzumachen hat! »Welche Schlacht hier gemeint 
sei«, sagt Goethe über ein Portrait des Marschalls Lannes, 
»wissen wir nicht; aber es ist immer dieselbe Lage, in die 
er sich so oft versetzt gesehen, und die ihm dann endlich 
das Leben kostete« (W. A. 49, i, 397). Man könnte gerade 
so von Tasso sagen, die letzte Scene mit der Prinzessin 
zeige ihn eben doch nur in derselben Lage der Uebereilung 
und Unkenntniß der realen Verhältnisse, in die er sich so 
oft versetzt gesehen und die ihn schließlich vernichtete. 
Der Charakter als solcher ist für Goethe unbedingt die 
Hauptsache, und eben deshalb ist er im Motiviren sorg- 
samer als Schiller (Zu Eckermann 18. Jan. 1825, Gespr. 
5, 137 vgl. ebd. 25. Mai 183 1, Gespr. 8, 88). Schiller eilt 
zur Begründung von Teils zweitem Schuß und der erste ist 
ihm daher ein rasch erledigtes Stück Weges; Goethe muß 
den Apfelschuß mit Geßlers Charakter in Uebereinstimmung 
setzen. — Doch auch das Interesse an der Psychologie der 
Situation^ das z. B. für den. alten englischen Roman so be- 
zeichnend ist, tritt bei Goethe völlig zurück. Goldsmith 
fragt sich: wie werden bestimmte Situationen auf den 
Charakter des Landpredigers von Wakefield wirken? die 
Situationen sind ihm wirkende Faktoren. Goethe fragt: Was 
werden bestimmte Situationen von Eduards oder Öttiliens 
Charakter offenbaren ? die Situationen sind ihm nur Mittel 
zur psychologischen Erkenntniß. Ueberall bleibt dies für 
ihn die Hauptsache: den Charakter vor unseren Augen 
deutlich sichtbar zu machen. Die Individualität ist das 
»Urphänomen«, über das er nicht herauswill, zu dem er 
aber stets gelangen will; das Thun des Menschen hat blos 
experimentelle Bedeutung, ist nur ein Mittel, jenes Ur- 
phänomen blos zulegen. 

Weil aber ebop die menschliche Eigenart ein Ur- 
phänomen bleibt — »individuum est ineflfabile«, schrieb der 
unge Goethe: »die Individualität bleibt ein unaussprech- 
ich Geheimniß« — deshalb bleibt er auch hier seinem 
Grundsatz treu, zu ignoriren, was vom Boden »bis zum 
Mittelpunkt der Erde« verborgen liegt. »Der Begriff des 
Entstehens ist dem Menschen durchaus versagt.« Nirgends 



1 



21* 



12* Festvortrag von Richard M. Meyer. 

finden wir deshalb bei Goethe den Versuch, einen Charakter 
in seinem eigentlichen IVerden zu schildern; nur seine £«/• 
Wickelung aus dem angeborenen, eingeborenen Keim wird 
geschildert. Selbst Homunculus ist sofort ganz das kluge, 
sichere, bewegliche Menschlein, das er bis zu seinem freibch 
so nahen Ende bleibt. So tiefgreifende Umgestaltungen des 
Charakters, wie sie etwa Shakespeare an Othello und Mac- 
beth, Schiller an Teil und der Jungfrau von Orleans vorfühn, 
oder so eingehende Motivirungen der Eigenart, wie sie der 
brittische Dichter seinem Richard III. mitgiebt, wird man bei 
Goethe vergeblich suchen. Die Art, wie Ottilie nach ihrem 
eigenen wiederholten Geständniß, »aus der Bahn geschritten« 
ist, beztHchnet schon das Maximum der von ihm seinen 
Charakteren gestatteten Bewegungsfreiheit. Stärkere Um- 
formungen der Individualität gedachte der junge Goethe zu 
schildern: wieMahomet aus dem Schwärmer zum T3Tanncn, 
aus dem Betrogenen zum Betrüger wird, vielleicht auch 
wie der Ewige Jude sich bekehrt; aber diese Conceptioncn 
liegen eben, wie wir schon sahen, der Abrundung von 
Goethes Psychologie voraus. 

Nachdem er zu dieser gelangt war, sieht er also den 
Charakter als ein Urphänomen an, und zwar als etwas, das 
die Natur aus zwei Elementen formt : aus einem festen 
Kern, der eben die eigentHche »Individualität« ausmacht und 
den er später gern nach Leibniz »die Entelechie« benennt, 
und aus mehr oeweglichen, flüssigen Bestandtheilen. Die 
Analogie mit der modernen naturwissenschaftUchen Auf- 
fassung der morphologischen »Zelle« liegt auf der Hand; 
und in der That hat Goethes Grundidee von der inneren 
Gleichartigkeit alles Naturgeschehens und aller Natur- 

trodukte unzweifelhaft mitgesprochen. Wohl geht schon 
avaters Mitarbeiter (W. A. 37, 350. 352) darauf aus, den 
eigentlichen charakteristischen Kern der Eigenart heraus- 
zufühlen; aber ganz deutlich hat erst der Botaniker die 
Analogie ausgesprochen: »Bei Betrachtung der Pflanzen 
wird ein lebendiger Punkt angenommen, der ewig seines 
Gleichen hervorbringt« (II. 6, 305). Genau so muß der 
Mensch immer wieder thun, was aus dem innersten Kern 
seiner Persönlichkeit fließt, und deshalb sehen die Thaten 
ihrem Vollbringer ähnlich wie Kinder dem Vater. 

Es ist wohlnicht zu verkennen, daß der Dichter hier wie 
auch sonst oft zu real genommen hat, was für ihn selbst 
ursprünglich nur Gleichniß war. Er sah den »Mittelpunkt« 
des Wesens so deutlich in geometrischer Lage, wie er 
»höhere« und »niedere Kräfte« greifbar als »ein Oben und 
ein Unten« vor Augen sah ; der Kern des Wesens ward ihm 
zu einer Realität, wie die Idee der Urpflanze eine solche 



Goethe als Psycholog. 13* 

ward. Ich möchte hier an Gottfried Keller erinnern, der von 
sich selbst bezeugt: »Wie die Dinge neben ihrer sachlichen 
Form in meiner Einbildung zugleich eiiie phantastisch 
typische Gestalt annahmen. . .^.das rührte von der Gewöhnung 
des malerischen Bildwesens her, die sich jetzt einmischte, 
wo das Gedankenwesen herrschen sollte, während dieses 
sich wiederum an die Stelle drängte, die jenem gebührte. 
So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines 
prächtigen Purpurstroms, an welchem wie ein bleiches 
Schemen das weißgraue Nervenwesen saß, eine gespen- 
stische Gestalt, die in den Mantel ihrer Gewebe gehüllt, 
begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich 

Kroteusartig in alle Sinne zu verwandeln« (Der grüne 
[einrieb 4, 13). 

So also faßt auch Goethe den Mittelpunkt des Wesens 
halb metaphorisch, halb real auf. Doch nicht jedes Thun 
geht aus dem innersten unveränderlichen Kern hervor; neben 
ihm liegen die andern Eigenschaften oder Dispositionen, 
die der Einzelne mit Andern theilt, denn »jeder Charakter, 
so eigenthümlich er sein 'möge, und jedes Darzustellende, 
vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit« 
(Zu Eckermann 29. Okt. 182^; Gespr. 4, J04). Vorzugs- 
weise sind sie ererbt, überliefert; und eben deshalb ist 
Goethe ja nicht müde geworden, die Ueberspannung des 
OriginalitätsbegriflFes und insbesondere den Selbstruhm der 
»Originalen« zu verspotten. — Indem nun also in jedem 
Charakter neben dem individuellen Kern andere Elemente 
liegen, gilt auch für die Einzelpersönlichkeit, was Goethe 
allgemein verkündet hat: 

Kein Lebendiges ist ein Eins, 
Immer ists ein Vieles. 

(»Epirrhema« W. A. 3, 58.) 

Und so sagt er denn auch geradezu: »Im Grund sind 
wir alle coUective Wesen« (Zu Soret 17. Febr. 1832; Gespr. 
8, n2). Er nimmt für die Psychologie voraus, was die 
moderne Biologie für jedes lebende Wesen behauptet: daß 
es ein Collectivum sei, ein »Zellenstaat«. 

Durch diese Verbindung von verschiedenartigen Be- 
standtheilen ist nun dem Menschen überhaupt erst Be- 
wegungsfreiheit möglich. Besäße er nichts als jenen 
SeelenKern — wenn wir uns gleichnißweise so ausdrücken 
dürfen — , so wäre jeder Mensch eine Charakterrolle im 
Sinne eines klassicistischen Dramas : er wäre jederzeit und 
in jedem Augenblick nur Held oder nur Feigling, nur 
eifersüchtig oder nur geizig; er lebte so, wie nach Otto 
Ludwigs Tadel die Figuren Hebbels sprechen. Und folge- 



12* Festvortrag von Richard M. Meyer. 

finden wir deshalb bei Goethe den Versuch, einen Charakter 
in seinem eigentlichen W^i^rrf^« zu schildern; nur seine Eni- 
Wickelung aus dem angeborenen, eingeborenen Keim wird 
geschildert. Selbst Homunculus ist sofort ganz das kluge, 
sichere, bewegliche Menschlein, das er bis zu seinem fi'eibch 
so nahen Ende bleibt. So tiefgreifende Umgestaltungen des 
Charakters, wie sie etwa Shakespeare an Othello und Mac- 
beth, Schiller an Teil und der Jungfrau von Orleans vorfühn, 
oder so eingehende Motivirungen der Eigenart, wie sie der 
brittische Dichter seinem Richard III. mitgiebt, wird man bei 
Goethe vergeblich suchen. Die Art, wie Ottilie nach ihrem 
eigenen wiederholten Geständniß, »aus der Bahn geschrittcnt 
ist, bezwchnet schon das Maximum der von ihm seinen 
Charakteren gestatteten Bewegungsfreiheit. Stärkere Um- 
formungen der Individualität gedachte der junge Goethe zu 
schildern: wieMahomet aus dem Schwärmer zum T3rrannen, 
aus dem Betrogenen zum Betrüger wird, vielleicht auch 
wie der Ewige Jude sich bekehrt; aber diese Conceptioncn 
liegen eben, wie wir schon sahen, der Abrundung von 
Goethes Psychologie voraus. 

Nachdem er zu dieser gelangt war, sieht er also den 
Charakter als ein Urphänomen an, und zwar als etwas, das 
die Natur aus zwei Elementen formt : aus einem festen 
Kern, der eben die eigentliche »Individualität« ausmacht und 
den er später gern nach Leibniz »die Entelechie« benennt, 
und aus mehr oeweglichen, flüssigen Bestandtheilen. Die 
Analogie mit der modernen naturwissenschaftUchen Auf- 
fassung der morphologischen »Zelle« Hegt auf der Hand; 
und in der That hat Goethes Grundidee von der inneren 
Gleichartigkeit alles Naturgeschehens und aller Natur- 

trodukte unzweifelhaft mitgesprochen. Wohl geht schon 
avaters Mitarbeiter (W. A. 37, 350. 352) darauf aus, den 
eigentlichen charakteristischen Kern der Eigenart heraus- 
zufühlen; aber ganz deutlich hat erst der Botaniker die 
Analogie ausgesprochen: »Bei Betrachtung der Pflanzen 
wird ein lebendiger Punkt angenommen, der ewig seines 
Gleichen hervorbringt« (II. 6, 305). Genau so muß der 
Mensch immer wieder thun, was aus dem innersten Keni 
seiner Persönlichkeit fließt, und deshalb sehen die Thaten 
ihrem Vollbringer ähnlich wie Kinder dem Vater. 

Es ist wohlnicht zu verkennen, daß der Dichter hier wie 
auch sonst oft zu real genommen hat, was für ihn selbst 
ursprüngHch nur Gleichniß war. Er sah den »Mittelpunkt« 
des Wesens so deutlich in geometrischer Lage, wie er 
»höhere« und »niedere Kräfte« greifbar als »ein Oben und 
ein Unten« vor Augen sah ; der Kern des Wesens ward ihm 
zu einer Realität, wie die Idee der Urpflanze eine solche 



Goethe als Psycholog. 13* 

ward. Ich möchte hier an Gottfried Keller erinnern, der von 
sich selbst bezeugt: »Wie die Dinge neben ihrer sachlichen 
Form in meiner Einbildung zugleich eiiie phantastisch 
typische Gestalt annahmen. . .^.das rührte von der Gewöhnung 
des malerischen Bildwesens her, die sich jetzt einmischte, 
wo das Gedankenwesen herrschen sollte, während dieses 
sich wiederum an die Stelle drängte, die jenem gebührte. 
So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines 
I)rächtigen Purpurstroms, an welchem wie ein bleiches 
Schemen das weißgraue Nervenwesen saß, eine gespen- 
stische Gestalt, die in den Mantel ihrer Gewebe gehüllt, 
begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich 
proteusartig in alle Sinne zu verwandeln« (Der grüne 
Heinrich 4, 13). 

So also faßt auch Goethe den Mittelpunkt des Wesens 
halb metaphorisch, halb real auf. Doch nicht jedes Thun 
geht aus dem innersten unveränderlichen Kern hervor; neben 
ihm liegen die andern Eigenschaften oder Dispositionen, 
die der Einzelne mit Andern theilt, denn »jeder Charakter, 
so eigenthümlich er sein möge, und jedes Darzustellende, 
vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit« 
(Zu Eckermann 29. Okt. 182^; Gespr. 4, J04). Vorzugs- 
weise sind sie ererbt, überhefert; und eben deshalb ist 
Goethe ja nicht müde geworden, die Ueberspannung des 
Originahtätsbegriffes und insbesondere den Selbstruhm der 
»Originalen« zu verspotten. — Indem nun also in jedem 
Charakter neben dem individuellen Kern andere Elemente 
liegen, gilt auch für die Einzelpersönlichkeit, was Goethe 
allgemein verkündet hat: 

Kein Lebendiges ist ein Eins, 
Immer ists ein Vieles. 

(»Epirrhema« W. A. 3, 58.) 

Und so sagt er denn auch geradezu: »Im Grund sind 
wir alle collective Wesen« (Zu Soret 17. Febr. 1832; Gespr. 
8, n2). Er nimmt für die Psychologie voraus, was die 
moderne Biologie für jedes lebende Wesen behauptet: daß 
es ein CoUectivum sei, ein »Zellenstaat«. 

Durch diese Verbindung von verschiedenartigen Be- 
standtheilen ist nun dem Menschen überhaupt erst Be- 
wegungsfreiheit möglich. Besäße er nichts als jenen 
SeeienKern — wenn wir uns gleichnißweise so ausdrücken 
dürfen — , so wäre jeder Mensch eine Charakterrolle im 
Sinne eines klassicistischen Dramas : er wäre jederzeit und 
in jedem Augenblick nur Held oder nur Feigling, nur 
eifersüchtig oder nur geizig; er lebte so, wie nach Otto 
Ludwigs Tadel die Figuren Hebbels sprechen. Und folge- 



12* Festvortrag von Richard M. Meyer. 



finden wir deshalb bei Goethe den Versuch, einen Charakter 
in seinem eigentlichen IVerden zu schildern; nur seine £«/• 
Wickelung aus dem angeborenen, eingeborenen Keim wird 
geschildert. Selbst Homunculus ist sofort ganz das kluge, 
sichere, bewegliche Menschlein, das er bis zu seinem freilich 
so nahen Ende bleibt. So tiefgreifende Umgestaltungen des 
Charakters, wie sie etwa Shakespeare an Othello und Mac- 
beth, Schiller an Teil und der Jungfrau von Orleans vorfühn, 
oder so eingehende Motivirungen der Eigenart, wie sie der 
brittische Dichter seinem Richard III. mitgiebt, wird man bei 
Goethe vergeblich suchen. Die Art, wie Ottilie nach ihrem 
eigenen wiederholten Geständniß, »aus der Bahn geschritten« 
ist, beztHchnet schon das Maximum der von ihm seinen 
Charakteren gestatteten Bewegungsfreiheit. Stärkere Um- 
formungen der Individualität gedachte der junge Goethe zu 
schildern: wieMahomet aus dem Schwärmer zum T3Tannen, 
aus dem Betrogenen zum Betrüger wird, vielleicht auch 
wie der Ewige Jude sich bekehrt ; aber diese Conceptionen 
liegen eben, wie wir schon sahen, der Abrundung von 
Goethes Psychologie voraus. 

Nachdem er zu dieser gelangt war, sieht er also den 
Charakter als ein Urphänomen an, und zwar als etwas, das 
die Natur aus zwei Elementen formt : aus einem festen 
Kern, der eben die eigentliche »Individualität« ausmacht und 
den er später gern nach Leibniz »die Entelechie« benennt, 
und aus mehr beweglichen, flüssigen Bestandtheilen. Die 
Analogie mit der modernen naturwissenschaftüchen Auf- 
fassung der morphologischen »Zelle« liegt auf der Hand; 
und in der That hat Goethes Grundidee von der inneren 
Gleichartigkeit alles Naturgeschehens und aller Natur- 

trodukte unzweifelhaft mitgesprochen. Wohl geht schon 
avaters Mitarbeiter (W. A. 37, 350. 352) darauf aus, den 
eigentlichen charakteristischen Kern der Eigenart heraus- 
zufühlen; aber ganz deutlich hat erst der Botaniker die 
Analogie ausgesprochen: »Bei Betrachtung der Pflanzen 
wird ein lebendiger Punkt angenommen, der ewig seines 
Gleichen hervorbringt« (II. 6, 305). Genau so muß der 
Mensch immer wieder thun, was aus dem innersten Kern 
seiner Persönlichkeit fließt, und deshalb sehen die Thaten 
ihrem Vollbringer ähnlich wie Kinder dem Vater. 

Es ist wohl nicht zu verkennen, daß der Dichter hier wie 
auch sonst oft zu real genommen hat, was für ihn selbst 
ursprünglich nur Gleichniß war. Er sah den »Mittelpunkt« 
des Wesens so deutlich in geometrischer Lage, wie er 
»höhere« und »niedere Kräfte« greifbar als »ein Oben und 
ein Unten« vor Augen sah ; der Kern des Wesens ward ihm 
zu einer Realität, wie die Idee der Urpflanze eine solche 



Goethe als Psycholog. 13* 

ward. Ich möchte hier an Gottfried Keller erinnern, der von 
sich selbst bezeugt: »Wie die Dinge neben ihrer sachlichen 
Form in meiner Einbildung zugleich eine phantastisch 
typische Gestalt annahmen. . .,.das rührte von der Gewöhnung 
des malerischen Bildwesens her, die sich jetzt einmischte, 
wo das Gedankenwesen herrscnen sollte, während dieses 
sich wiederum an die Stelle drängte, die jenem gebührte. 
So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines 
I)rächtigen Purpurstroms, an welchem wie ein bleiches 
Schemen das weißgraue Nervenwesen saß, eine gespen- 
stische Gestalt, die in den Mantel ihrer Gewebe gehüllt, 
begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich 
proteusartig in alle Sinne zu verwandeln« (Der grüne 
Heinrich 4, 13). 

So also faßt auch Goethe den Mittelpunkt des Wesens 
halb metaphorisch, halb real auf. Doch nicht jedes Thun 
geht aus dem innersten unveränderlichen Kern hervor; neben 
ihm liegen die andern Eigenschaften oder Dispositionen, 
die der Einzelne mit Andern theilt, denn »jeder Charakter, 
so eigenthümlich er sein "möge, und jedes Darzustellende, 
vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit« 
(Zu Eckermann 29. Okt. 182^; Gespr. 4, J04). Vorzugs- 
weise sind sie ererbt, überhefert; und eben deshalb ist 
Goethe ja nicht müde geworden, die Ueberspannung des 
Originahtätsbegriflfes und insbesondere den Selbstruhm der 
»Originalen« zu verspotten. — Indem nun also in jedem 
Charakter neben dem individuellen Kern andere Elemente 
liegen, gilt auch für die Einzelpersönlichkeit, was Goethe 
allgemein verkündet hat: 

Kein Lebendiges ist ein Eins, 
Immer ists ein Vieles. 

(»Epirrhema« W. A. 3, 58.) 

Und so sagt er denn auch geradezu : »Im Grund sind 
wir alle coUective Wesen« (Zu Soret 17. Febr. 1832; Gespr. 
8, n2). Er nimmt für die Psychologie voraus, was die 
moderne Biologie für jedes lebende Wesen behauptet: daß 
es ein CoUectivum sei, ein »Zellenstaat«. 

Durch diese Verbindung von verschiedenartigen Be- 
standtheilen ist nun dem Menschen überhaupt erst Be- 
wegungsfreiheit mögUch. Besäße er nichts als jenen 
SeeienKern — wenn wir uns gleichnißweise so ausdrücken 
dürfen — , so wäre jeder Mensch eine Charakterrolle im 
Sinne eines klassicistischen Dramas : er wäre jederzeit und 
in jedem AugenbUck nur Held oder nur Feigling, nur 
eifersüchtig oder nur geizig; er lebte so, wie nach Otto 
Ludwigs Tadel die Figuren Hebbels sprechen. Und folge- 



12 Festvortrag von Richard M. Meyer. 

finden wir deshalb bei Goethe den Versuch, einen Charakter 
in seinem eigentlichen IVerden zu schildern ; nur seine Bit- 
Wickelung aus dem angeborenen, eingeborenen Keim wird 
geschildert. Selbst Homunculus ist sofort ganz das kluge, 
sichere, bewegliche Menschlein, das er bis zu seinem freibch 
so nahen Ende bleibt. So tiefgreifende Umgestaltungen des 
Charakters, wie sie etwa Shakespeare an Othello und Mac- 
beth, Schiller an Teil und der Jungfrau von Orleans vorfühn, 
oder so eingehende Motivirungen der Eigenart, wie sie der 
brittische Dichter seinem Richard III. mitgiebt, wird man bei 
Goethe vergeblich suchen. Die Art, wie Ottiüe nach ihrem 
eigenen wiederholten Geständniß, »aus der Bahn geschrittene 
ist, beztHchnet schon das Maximum der von ihm seinen 
Charakteren gestatteten Bewegungsfreiheit. Stärkere Um- 
formungen der Individualität gedachte der junge Goethe zu 
schildern: wieMahomet aus dem Schwärmer zum T3rrannen, 
aus dem Betrogenen zum Betrüger wird, vielleicht auch 
wie der Ewige Jude sich bekehrt ; aber diese Conceptionen 
liegen eben, wie wir schon sahen, der Abrundung von 
Goethes Psychologie voraus. 

Nachdem er zu dieser gelangt war, sieht er also den 
Charakter als ein Urphänomen an, und zwar als etwas, das 
die Natur aus zwei Elementen formt: aus einem festen 
Kern, der eben die eigentliche »Individualität« ausmacht und 
den er später gern nach Leibniz »die Entelechiea benennt, 
und aus mehr oeweglichen, flüssigen Bestandtheilen. Die 
Analogie mit der modernen naturwissenschaftlichen Auf- 
fassung der morphologischen »Zelle« liegt auf der Hand; 
und in der That hat Goethes Grundidee von der inneren 
Gleichartigkeit alles Naturgeschehens und aller Natur- 

trodukte unzweifelhaft mitgesprochen. Wohl geht schon 
avaters Mitarbeiter (W. A. 37, 350. 352) darauf aus, den 
eigentlichen charakteristischen Kern der Eigenart heraus- 
zufühlen; aber ganz deutlich hat erst der Botaniker die 
Analogie ausgesprochen: »Bei Betrachtung der Pflanzen 
wird ein lebendiger Punkt angenommen, der ewig seines 
Gleichen hervorbringt« (II. 6, 305). Genau so muß der 
Mensch immer wieder thun, was aus dem innersten Kern 
seiner Persönlichkeit fließt, und deshalb sehen die Thaten 
ihrem Vollbringer ähnlich wie Kinder dem Vater. 

Es ist wohlnicht zu verkennen, daß der Dichter hier wie 
auch sonst oft zu real genommen hat, was für ihn selbst 
ursprünglich nur Gleichniß war. Er sah den »Mittelpunkt« 
des Wesens so deutlich in geometrischer Lage, wie er 
»höhere« und »niedere Kräfte« greifbar als »ein Oben und 
ein Unten« vor Augen sah; der Kern des Wesens ward ihm 
zu einer Realität, wie die Idee der Urpflanze eine solche 



Goethe als Psycholog. 13* 

ward. Ich möchte hier an Gottfried Keller erinnern, der von 
sich selbst bezeugt: »Wie die Dinge neben ihrer sachlichen 
Form in meiner Einbildung zugleich eine phantastisch 
typische Gestalt annahmen. . ., das rührte von der Gewöhnung 
des malerischen Bildwesens her, die sich jetzt einmischte, 
wo das Gedankenwesen herrschen sollte, während dieses 
sich wiederum an die Stelle drängte, die jenem gebührte. 
So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines 

Prächtigen Purpurstroms, an welchem wie ein bleiches 
chemen das weißgraue Nervenwesen saß, eine gespen- 
stische Gestalt, die in den Mantel ihrer Gewebe gehüllt, 
begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich 
proteusartig in alle Sinne zu verwandeln« (Der grüne 
Heinrich 4, 13). 

So also faßt auch Goethe den Mittelpunkt des Wesens 
halb metaphorisch, halb real auf. Doch nicht jedes Thun 
geht aus dem innersten unveränderlichen Kern hervor; neben 
ihm Hegen die andern Eigenschaften oder Dispositionen, 
die der Einzelne mit Andern theilt, denn »jeder Charakter, 
so eigenthümhch er sein 'möge, und jedes Darzustellende, 
vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit« 
(Zu Eckermann 29. Okt. 182^; Gespr. 4, J04). Vorzugs- 
weise sind sie ererbt, überliefert; und eben deshalb ist 
Goethe ja nicht müde geworden, die Ueberspannung des 
Originahtätsbegriflfes und insbesondere den Selbstruhm der 
»Originalen« zu verspotten. — Indem nun also in jedem 
Charakter neben dem individuellen Kern andere Elemente 
liegen, gilt auch für die Einzelpersönlichkeit, was Goethe 
allgemein verkündet hat: 

Kein Lebendiges ist ein Eins, 
Immer ists ein Vieles. 

(»Epirrhema« W. A. 3, 58.) 

Und so sagt er denn auch geradezu: »Im Grund sind 
wir alle coUective Wesen« (Zu Soret 17. Febr. 1832; Gespr. 
8, n2). Er nimmt für die Psychologie voraus, was die 
moderne Biologie für jedes lebende Wesen behauptet: daß 
es ein CoUectivum sei, ein »Zellenstaat«. 

Durch diese Verbindung von verschiedenartigen Be- 
standtheilen ist nun dem Menschen überhaupt erst Be- 
wegungsfreiheit möglich. Besäße er nichts als jenen 
Seelenkern — wenn wir uns gleichnißweise so ausdrücken 
dürfen — , so wäre jeder Mensch eine Charakterrolle im 
Sinne eines klassicistischen Dramas : er wäre jederzeit und 
in jedem Augenblick nur Held oder nur Feigling, nur 
eifersüchtig oder nur geizig; er lebte so, wie nach Otto 
Ludwigs Tadel die Figuren Hebbels sprechen. Und folge- 



,« 



14 Festvortrag von Richard M. Meyer. 



recht ergibt sich weiter: je mächtiger jener Kern ist, desto 
stetiger ist die Entwickelung, desto nothwendiger fließt 
jede Lebensäußerung aus dem innersten Kern. Und so 
kommen eben jene »Dämonischen« zustande, in denen Eine 
charakteristische Disposition alles andere so gewaltig über- 
wiegt, daß sie ihr beständig folgen müssen und die durch die 
Energie ihrer Lebensäusserungen einen ungeheuren Einfluß 
auch auf Andere ausüben: Egmont mit seiner Lebenslust 
und Faust mit seinem Erkenntnißdrang, Napoleon mit 
seiner Herrschergewalt und Lord Byron mit seiner Dichter- 
kraft. Aber die »Dämonischen« bilden die Ausnahme. Bei 
den meisten Sterblichen hält die Kraft der Nebeneigen- 
schaften der des innersten Wesens die Wage. 

Diese Anschauung war Goethe so selbstverständlich 
geworden, daß er sich eigene Kunstworte dafür geprägt 
hatte, die er gar nicht erst glaubt erklären zu müssen. Aus 
jenem innersten Kern der Individualität heraus erwächst 
das Bedürfniß jeder Creatur, sich dem eignen »Formtrieb« 
entsprechend zu entwickeln: 

• 

Denn ein Gott hat 
Jedem seine Bahn 
Vorgezeichnet 

(Harzreise im Winter 2, 61) 

Diesen Drang nun bezeichnet Goethe mit dem spezi- 
fischen Ausdruck y>strebem<. Als nrrenfHy als y>Irrttjumvi be- 
nennt er dagegen jede Ablenkung von dem geraden Wege 
dieser inneren Vorzeichnung, jede Ueberwältigung des 
Eigensten, was wir haben, durch die anderen Kräfte. &> auf- 
gefasst (und nur so, glaube ich, ist er aufzufassen) gewinnt 
einer der berühmtesten, am häufigsten citirten Verse des 
»Faust« ein ganz neues Leben, eine frische Bedeutung, 
der Vers : 

Es irrt der Mensch, so lang er strebt. 

Er drückt eben dies aus, daß mit des Menschen Be- 
dürfniß, sich »auszuleben«, seiner eigenen Natur entspre- 
chend sich auszubilden, Abweichungen und Rückfälle un- 
trennbar verbunden sind. — Die Gesammtheit der Kräfte, 
die uns darniederhalten, benennt der Dichter mit einem 
Wort, das uns viel härter klingt, als er es nahm: es ist 
das y>Niederträchiige(.i (»Wanderers Gemüthsruhe« im Divan 
W. A. 6, 106, vel. Faust II. 7460, Paralip. 83: W. A. 45, 2, 
183). Das Niederträchtige ist das, was uns herabzieht; im 
Gegensatz dazu steht das Wesentliche, das »gewaltsam 
sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen« hebt, das Ewig- 
Weibliche, das uns hinanzieht. Indem er seinem innersten 



ÖOETHE ALS PSYCHOLOG. I 5* 

Wesen gemäß lebte, ließ Schiller das Gemeine, was uns 
alle bändigt, »weit hinter sich in wesenlosem Scheine«. 
Indem sie sich von außen, von Faust und mittelbar von 
Mephisto, bestimmen ließ, »fehlt« Gretchen, in der vorher 
die Natur »den eingebornen Engel« ausgebildet hatte. So 
entwickelt sich Goethes Psychologie ohne Weiteres zur 
Moral; denn das Schöne, das Naturgemäße, das Wesent- 
liche ist ihm eben auch das allein Erstrebenswerthe. — 

Aus diesem beständigen Kampf zwischen dem Kern 
der Individualität und den andern Dispositionen, — einem 
Kampf, der nichts anders ist als das Leben selbst — lassen 
sich nun aber doch gewisse typische Erfahrungen gewinnen. 
Wie die Pflanze sich nach Goethes Lehre »von Knoten 
zu Knoten« entwickelt, so kehren in jedes Menschen 
Leben typisch bestimmte Entwickelungsmomente wied^: 
und gerade sie sind psychologisch besonders wichtig und 
gerade sie sind poetisch besonders fruchtbar. 

So schließt sich an das erste psychologische Urphä- 
nomen, das der Individualität mit ihrem wundersamen 
Aufbau, das zweite an: das der typischen Entwickelung. 

Wir rechnen Alle mit dieser Anschauung. Wir nahen 
Alle bestimmte Vorstellungen von dem Kind, dem Jüngling, 
Mann und Greis ; wir haben Alle wenigstens ungefähr em 
Bild von den Metamorphosen, die der Mensch auf seinem 
Weg durch diese Lebensphasen durchmacht. Für Goethe 
aber steijgert sich diese allgemeine Anschauung zu der Idee 
einer hohen Gesetzmäßijgkeit. Weil eben jeder Charakter 
Antheil an der »AUgememheit« hat, deshalb muß auch jeder 
bestimmte Stufen der Entwickelung durchleben. Und diese 
Stufen sah er ganz klar und greifbar vor sich. 

Zweimal hat er die typische Entwickelung des Men- 
schen vollständig gezeichnet. Einmal in gedrängtesten in- 
haltschweren Worten in ienem Gedicht mit dem monu- 
mentalen Titel yiUrworte, Örphischa (W. A. 4,95) — und das 
andere Mal an einem hervorragenden Vertreter normaler 
Entwickelung: an sich selbst in y>Dichtung und WahrhetU. 

In großartigen Zügen schildert das Gedicht das typische 
Schicksal des Menschen (vgl. dazu Goethes eigenen Kom- 
mentar in »Kunst und Altertnum«; Hempels Ausg. 2, 241 f.). 
Als Urthatsache ist der »Daimon« gegeben, der Kern der 
Individualität, das unverrückbare Urgestein in der Tektonik 
des Charakters. »Die strenge Grenze doch umgeht ge- 
fallig ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt«: 
leisere leichtere Dispositionen und Anlagen tauschen sich 
zwischen uns und unserer Umgebung aus, bildet den Ein- 
zelnen den Andern an. Nun kommt es zu einer gewaltigen 
Berührung zwischen dem Einzelnen und der Welt: zu jener 



l6* Festvortrag von Richard M. Meyer. 



mächtigen Entzündung unserer Seele durch die Aussenwelt, 
die Goethe bezeichnender Weise lediglich unter dem Begriff 
der »Liebe« auffaßt, während sie doch auch etwa in der 
Form des Ehrgeizes, der Ruhmsucht, der Hingabe an irgend 
ein bestimmtes Ideal aufflammen kann. Aber für denDicnter 
ist eben jene Eine Form der Berührung zwischen Mensch und 
Außenwelt die klassische. Doch auch in dieser Begebung 
mit der Geliebten herrscht das Schicksal ; auch nier ist 
»aller Wille nur ein Wollen, weil wir eben solltena — wie 
das der Roman der »Wahlverwandtschaften« mit experimen- 
teller Folgerichtigkeit vorführt. So bleiben wir überall ge- 
bunden, gefesselt, in unsere Individualität eingeschnürt, 
bis. wir das Innerste freimachen und nun über allen Ein- 
flüssen dastehen: 

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet. 
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet. 

Ausführlicher hat Goethe in seiner eigenen Lebens- 
geschichte die typische Entwickelung dargestellt. Er macht 
sich selbst zum typischen Individuum, mit großem Recht, 
aber doch nicht onne hin und wieder Erlebtes, fast zu- 
fällig Erlebtes zum Nothwendigen, zum typisch Gefordenen 
umzudichten. Jede Entwickelungsstelle, jeden »Knoten« 
der Ausbildung hebt er besonders heraus, indem er mit 
Nachdruck auf der Metamorphose verweilt und durch Be- 
trachtungen allgemeinen Inhalts seine umfassendere Be- 
deutung anschaulich zu machen sucht. 

So erleben wir in regelmäßiger Folge die Stufen der 
Charakterentwickelung, deren jede Goethe sonst noch ge- 
legentlich* in eigner poetischer Darstellung verewigt hat 
Wir tauchen mit ihm in die kindliche »Dumpfheit« eines 
fast unbewußten, gleichsam pflanzlichen Dahinlebens ein, 
das gewissermaßen noch vor der Ausbildung des Charakters 
liegt, doch aber schon Anzeichen genug gewährt: 

Die Raupe schon, die Chrysalide deutet 
Den künftigen bunten Schmetterling. 

So läßt sich etwa aus dem Benehmen von Götzens 
Sohn Karl der künftige Domherr oder gelehne Stuben- 
hocker deutlich prophezeihen. — Es folgt als erster Eni- 
wickelungsmoment die Entdeckung der Vaterstadt, das Auf- 
blühen der Außenwelt: was das ICind gedankenlos gesehen, 
wird es nun plötzlich erst wirklich gewahr. Dieser Moment 
ist in der scnon erwähnten Stelle der »Wanderjahre« ge- 
schildert, verhüllt in poetischem Glanz aber schon in dem 
großen Geständniß Pandorens im »Prometheus« (W. A. 
39, 209). — Bald regt sich nun auch schon das kritische 



1 



Goethe als Psycholog. 17* 

Vermögen und aus dem Vergleich der Tradition mit der 
Wirklicnkeit, der überlieferten Ideale mit der Realität des 
Lebens entsteht das erste Grübeln, Ringen, Forschen. Die 
ursprünglich rein ästhetische Conception von Gott und Welt 
wird durch eine realistische verdrängt und in diesem Con- 
flikt wu-d der Denker geboren, der Zweifler: Faust. Diesen 
bedeutsamen Moment nat Goethe an dem für seine Indivi- 
dualität besonders wichtigen Problem der Gerechtigkeit 
illustrirt : das Erdbeben von Lissabon erregt zuerst in dem 
Knaben Zweifel an der schönheitsvollen Ordnung der 
geistigen Welt. Aus dieser Bedrängniß heraus ruft Iphi- 
genie die Götter an: 

O daß in meinem Busen nicht zuletzt 
Ein Widerwille keime, der Titanen, 
Der alten Götter tiefer Haß auf euch, 
Olympier, nicht auch die zarte Brust 
Mit Greierklauen fasse! Rettet mich 
Und rettet euer Bild in meiner Seele! 

(Iphig. V. 17 12.) 

Aus dieser Verzweiflung heraus klagt der Harfner die 
Götter an: 

Und über seinem schuldgen Haupte bricht 
Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen. 

(W.A. 5,1,25.) 

Und aus dieser Stimmung heraus zerschlägt Faust die 
Ideale seiner Jugend und läßt die Geister klagen: 

Weh', weh! 
Du hast sie zerstört. 
Die schöne Welt, 
Mit mächtiger Faust; 
Sie stürzt, sie zerfällt! 

(Faust V. 1607 f.) 

Nun folgen in Goethes Bericht die ersten literarischen 
Eindrücke — gleichsam das Aufblühen der literarischen 
Außenwelt — , an die sich rasch die ersten produktiven 
Regungen anschließen. Dieser Entwickelungsmoment ist 
in Wilhelm Meisters Jugendgeschichte dargestellt, in Tassos 
Erinnerungen (im ersten Auftritt des zweiten Aufzugs) 
wenigstens angedeutet. — Rasch reift der Jüngling auch 
zur Liebe heran, zu jenem »mächtigen Begegnen« mit der 
Außenwelt, zu jenem Fliehen und Leiden, das Faust und 
Gretchen durcherleben. Die Liebe selbst, die im »Werther« 
als Eine gleichmäßijg glühende Leidenscliaft geschildert ist, 
wird in den »Wahlverwandtschaften« fast zu reinlich in 



l8* Festvortrag von Richard M. Meyer. 

weitere typische Entwicklungsstadien zerlegt : wie sich das 
Wohlwollen (W. A. 20, 80) zu einem Bedürfniß der An- 
passung (S. 92) steigert, wie es zur Leidenschaft aufflammt 
(S. 1365 und aiese ms Grenzenlose anwächst (S. 169), wie 
die Beschwichtigungsversuche der Welt (S. 321) nur dazu 
dienen, die ganze Macht der Liebesleidenscnaft zu beleuchten 
(S. 359, 366). — Noch immer ist der Jüngling nicht fer- 
tig; auch äußerlich muß er sich vom Eltemhause frei- 
machen. »So lösen sich in gewissen Epochen Kinder von 
Eltern, Diener von Herren, Begünstigte von Gönnern los, 
und ein solcher Versuch, sich auf seine Füße zu stellen, 
sich unabhängig zu machen, für sein eigen Selbst zu leben, 
er gelinge oder nicht, ist immer dem Willen der Natur 
gemäß.« (Dichtung und WaKrheit B. VI. W. A. 27, 95.) 
Dieses Stadium der Entwickelung läßt der Dichter in 
»Hermann und Dorothea« den Jüngling vor unsem Augen 
durchlaufen und wiederholt die Schilderung, heroisch ge- 
steigert, in »Pandora« an den Kindern der Prometheus und 
Epimetheus. — Den Moment der Reife bezeichnet nun das 
plötzliche Hervorbrechen prophetischerWünsche, die Goethe 
fast zu gern als Verkündigungen künftiger Fähigkeiten an- 
sieht: »Was man sich in der Jugend wünscht, hat man im 
Alter die Fülle.« Das innerste Wesen rührt sich, begehrt 
nach Raum, möchte gern entstehen. Auch diese Phase läßt 
Goethe den Tasso schildern: 

Wenn unerfahren die Begierde sich 
Nach tausend Gegenständen sonst verlor. 
Trat ich beschämt zuerst in mich zurück 
Und lernte nun das Wünschenswerthe kennen. 

(v. 88if.) 

Ob Eueeniens leidenschaftliche Sehnsucht nach einer 
großen Stellung in der Welt sich mit tragischer Ironie er- 
füllen oder nur die Tragik des Verfehlens erhöhen sollte, 
scheint bei dem fragmentarischen Zustand der Schemata 
zur »Natürlichen Tochter« ungewiß. — 

Bleibt so Goethes Psychologie durchweg auf den Ein- 
zelnen geheftet, so hat er es doch nicht ganz versäumt, 
seine Lehre von der typischen Entwickelung gelegentlich 
auch in die Völkerpsychologie, in die Schilderung aer all- 
gemeinen menschlichen Ausbildung zu tragen. Dreimal hat 
er die ältesten Stufen der Kulturgeschichte skizzirt: im 
»Prometheus«, in der »Pandora«, im ersten Theil des Fest- 
zugs im »Faust« (vgl. darüber Euphorion 3, 106 f.). Auch 
hier, am deutlichsten im »Prometheus« Tw. A. 39, 203 f.) 
sehen wir die Reihenfolge: Entdeckung aer Außenwelt — 
erste Probleme : Eigenthum, Gerechtigkeit — Liebe — Los- 



Goethe als Psycholog. 19 



* 



lösung; denn für Goethe wie für seine Lehrer Lessing und 
Herder gilt ja schon jenes von Häckel so glänzend ver- 
kündete »biogenetische Grundgesetz«, daß der Einzelne den- 
selben Plan der Entwickelung in sich allein durchlebt wie 
die Gesammtheit, der er angehörte, im Ganzen: »Wenn 
auch die Welt im Ganzen vorschreitet, die Jugend muß 
doch immer wieder von vom anfangen und als Individuum 
die Epochen der Weltcultur durchmachen« (Zu Eckermann 
17. Jan. 1827; Gespr. 6, 20). — 

So hatte sich uoethe klar und bestimmt eine eigene 
Psychologie aufgebaut, die auf jenen Grundideen von der 
geistigen Struktur der einzelnen Seele und von der ge- 
regelten Folge der Entwickelungsstufen ruhte. Daß sie 
aui die Auswahl poetischer Momente Einfluß übte, sahen 
wir eben ; aber natürlich mußte sie auch auf deren Behand- 
lung wirken. 

Goethes poetische Technik ist von seiner theoretischen 
Psychologie sehr wesentlich mitbestimmt. 

Wir sahen schon, wie sie entsteht: ganz unabhängig 
von der Ueberlieferung bildet schon der Jüngling sich eine 
allgemeine Grundlage der Welt- und Menschenkenntniß 
aus, die dann von seiner reichen Erfahrung nur vervoll- 
ständigt, kaum aber irgend verändert wird. Daß nun bei 
dieser Grundlegung die schulmäßige Psychologie der Zeit — 
wenigstens so weit ich es beurtheuen und aus Dessoirs ge- 
lehrter »Geschichte der deutschen Psychologie bis auf Kant« 
entnehmen kann — gar keine Rolle spielt, wird kaum be- 
fremden ^ihre scholastischen Spekulationen haben für Goethe 
niemals Keiz gehabt und aus vollem Herzen stimmte er Schu- 
barth zu. wenn dieser behauptete, »daß es einen Standpunkt 
außerhalb der Philosophie gebe, nämlich den des gesunden 
Menschenverstandes, und daß Kunst und Wissenschaft unab- 
hängig von der Philosophie, mittelst freier Wirkung natür- 
licher menschlicher Kräfte immer am besten gediehen sei« 
(Zu Eckermann 4. Febr. 1829 y Gespr. 7, 4). Viel erstaun- 
hcher ist es, wie wenig er sich von der herrschenden 
Literaturpsychologie beeinflussen ließ, von den in Drama und 
Roman seiner Zeitgenossen herrschenden Anschauungen über 
Charakter und Entwickelung. Ist diese literarische Seelen- 
kunde doch die eigentliche Quelle und die beständige Er- 
nährerin der »Vulgärpsychologie«: die in allgemeiner 
selbstverständlicher Geltung befindlichen Meinungen über 
das Wesen des Menschen beziehen von hier ihre Principien 
so gut wie ihre liebsten Belege. 

Die herrschende Populärpsychologie in der Zeit des 
jungen Goethe müssen wir also an der Literatur jener 
Epoche Studiren. Sie wird in klassischer Weise vertreten 



20 Festvortrag von Richard M. Meyer. 

zunächst durch das französische Drama und dann durch den 
englischen Roman; beiden ordnet sich die ältere deutsche 
Dichtung, so weit sie sich mit psychologischen Problemen 
überhaupt befaßt, wilUg unter. Lessings Charakterentwicke- 
lung im Drama wird von dieser herrschenden Psychologie 
fast so stark beherrscht wie Wielands Charakterzeichnung 
im Roman: und dabei war Lessing doch in der Theorie 
(zum Theil unter Mendelssohns tmfluß) zu weit moder- 
neren Anschauungen über das Wesen der Charaktere und 
Empfindungen gelangt! — Die Psychologie jener Zeit ist 
nocn immer dieselbe, zu der Aristoteles den Grund gelejgt 
hat; man könnte sie kurzweg als tiEigenschaftspsycbologict 
bezeichnen. Sie glaubt an oestimmte *fest umschriebene 
»Eigenschaften«, die wie selbständige Geister in der 
Seele wohnen. Es gibt eine bestimmte Anzahl solcher 
Eigenschaften und in fast jedem Menschen herrscht eine 
unbedingt vor. So erklärt der Philosoph Theophrast, dessen 
»Charaktere« die Individualpsychologie zwei Jahrtausende 
lang beherrscht haben, das Räthsel, wie trotz der Gleich- 
heit der allgemeinen bestimmenden Faktoren — Klima, 
Sitten, Erzienung u. s. w. — etwa in Hellas ganz ver- 
schiedene Menschennaturen neben einander existiren. Es 
hat sich gleichsam in der einen Seele ein Dämon des 
Geizes niedergelassen, in der andern der der Schwatz- 
haftigkeit oder der Feigheit, und so wird überall das nor- 
male Menschenbild pathologisch verzerrt. — Theophrasts 
Charakterlehre ist eigentlich nur eine Diagnostik, wie denn 
fast jede hellenische Wissenschaft vor allem eine Technik 
zur praktischen Unterscheidung und Beurtheilung der Ein- 
zelfälle ist. Deshalb sammelte er aus der Komödie oder 
aus dem Leben typische Züge, aus denen der Ruhmsüchtige, 
der junßthuende alte Narr, der Kleinliche zu erkennen sind, 
und stellte sie in rascher Folge zusammen, meist so, daß 
die von der betreffenden Eigenschaft beherrschte Persön- 
Hchkeit sich in Worten und Handlungen unmittelbar cha- 
rakterisirt. Es heißt also etwa von dem Schwätzer : »Er 
ist ein Mann von folgender Art. Wenn jemand, der ihm 
begegnet, über irgend etwas zu sprechen beginnt, so sagt 
er, das sei nichts, er wisse alles, und wenn er4n anhören 
wolle, so werde er es erfahren. Und mitten inSJje Ant- 
wort wirft er die Worte ein: »Du, vergiß nicht, ^tt.^" 
sagen wolltest« ; »Schön, daß du mich daran erinnertest« pn 
»Gar schnell hast du die Sache begriffen«. Und noch' an 
dere derartige Anfänge weiß er zu finden, so daß, wer ihn^ 
begegnet, nicht einmal ^u Atem kommen kann . . . hti\ 
Gerichtssitzungen hindert er am Urtheile, in der Schau- 
Stellung am Zuschauen, beim Gastmahle am Essen, indem 



Goethe als Psycholog. 2I 



« 



er sagt: »Schweigen ist schwer für den Schwätzer« . . . 
(Ich citire nach der schönen neuen Ausgabe der Philo- 
logischen Gesellschaft zu Leipzig S. 6i.) Man sieht : das sind 
aus dem Leben — oder auch aus der Bühnenpraxis ge- 
nommene Einzelzüge, die eben immer nur der einen Eigen- 
schaft gelten. Wer nun einen Unbekannten trifft und 
etwa von ihm in dieser Weise angesprochen wird, kann 
ihn sofort als einen Schwätzer diagnosticiren. Diese Art, 
Einzelzüge zu einem Charakterbild zu sammeln, ist uralt. 
Wir besitzen schon in der altindischen Hymnensammlung 
des Rigveda ein Gedicht »Der Spieler«, das völlig in dieser 
Manier typische Züge sammelt; und wer aus Goethes 
»Mitschuldigen« die Worte und Handlungen zusammen- 
stellen würde, durch die der Dichter den vom Spielteufel 
besessenen Söller charakterisirt, würde fast genau dasselbe 
Charakterbild erhalten ! Denn diese Methode der Charakter- 
zeichnung ist nun in der vom klassischen Alterthum ge- 
speisten Literatur zumal der Franzosen in ununterbrochenem 
Ansehen geblieben ; ich erinnere nur an Theophrasts Ueber- 
setzer und genialen Nachahmer Labruyfere. Gerade in 
Goethes Jugend ist das »literarische Porträt« wieder beliebt 
und zwar besonders auch in Deutschland : es ist eine mo- 
saikartige Zusammenfügung von charakteristischen Einzel- 
zügen, die die Mischung der allgemeinen »Eigenschaften« 
in gerade diesem Individuum wiedergeben soll. So haben 
wir etwa von Goethe selbst aus den Wetzlarer Tagen ein 
von Kestner, Lottens Bräutigam, entworfenes Porträt, das 
völlig in dieser Manier entworfen ist: »Aller Zwang ist 
ihm verhaßt. Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen 
sehr beschäftigen. Er ist bizarr und hat in seinem Betragen, 
seinem Aeußerlichen Verschiedenes, das ihn unangenehm 
machen könnte : aber bei Kindern, bei Frauenzimmern und 
vielen anderen ist er doch wohl angeschrieben. Für das 
weibliche Geschlecht hat er sehr viel Hochachtung«. . . Nach 
ganz derselben Methode werden die Figuren in den Ro- 
manen charakterisirt; nach ganz derselben Methode be- 
leuchtet etwa Lessing in »Minna von Bamhelm« Tellheim 
durch kleine Züge, die ihn im Verkehr mit Vorgesetzter^ 
und Untergebenen, mit Gläubiger und Schuldner, oder im 
Conflikt mit Fragen der Ehre und der Liebe zeigen. Nichts 
von dieser Art bei Goethe. Gewiß hat auch Shakespeares 
große Art viel von dieser etwas kleinlichen Manier wegge- 
blasen und ihn gelehrt, statt der vielen Nebenzüge das 
Wesentliche scharf und mächtig herauszustellen; gerade 
dies erkannte Herders genialer Blick als den großen Vor- 
zug an Shakespeares Cnarakterzeichnung und gerade dies 
preist auch der Straßburger Goethe begeistert an seinem 



22 Festvortrag von Richard M. Meyer. 

Heros. Und gewiß hat Shakespeare vor allem an den 
historischen Charakter- Figuren Eigenschaftsmischungen von 
ganz neuer Art studirt und nachgeahmt. Aber Shakespeares 
Kunst fand eben in Goethes eigener Psychologie den frucht- 
barsten Boden. Wie bezeichnend ist es, daß er die alte 
»Eigenschaftspsychologie« sogar beseitigt, wo er sie bei 
einer bestimmten Figur überliefert findet! Mohamet, bei 
Voltaire der Ehrgeizige, wird bei ihm zu einem Wesen 
dämonischer Art, durchaus mit einem herrschenden Kern 
der Individualität ausgestattet — aber durchaus nicht so, 
daß dieser irgendwie mit einem einzelnen Eigenschaftswon 
bezeichnet werden könnte. 

Und wie selten, wie vorsichtig macht Goethe sogar 
in Briefen oder Gesprächen von diesen allgemeinen Eigen- 
schaftsworten wie »ehrgeizig«, »kleinlich«, »heuchlerisch« 
Gebrauch ! Wie vermeidet er im Roman und Drama durch 
kleine Züge auszudrücken, eine Figur gehöre unter eine 
von diesen Rubriken! Wo er einmal solche Einzelheiten 
in Theophrasts Weise mittheilt, da liegen biographbche 
Motive vor — eine Benutzung von Eigenheiten der Modelle, 
die selten bestimmter Absicht entbehrt. So zielt Antonios 
Schilderung von Tassos Diätfehlern auf den Herzog Karl 
August und so enthält Ottiliens Gewohnheit, sich zu bücken, 
wenn Jemand etwas fallen läßt, wahrscheinlich eine An- 
spielung auf Minna HerzHeb. Ebenso haben schon die 
antiken Dichter zur Verstärkung des typischen Zugs »bio- 
graphische Details« herangezogen. 

Wie verfährt nun Goethe selbst? 

Wo bei den Andern jgetrennte Gattungen der Charaktere 
angenommen werden, dk läßt er aus Einer Grundlage der 
Menschennatur Arten hervorgehen, die ohne feste Grenzen 
in einander überfließen. Ein Darwin der Psychologie zer- 
stört er die festen Rollenfächer, die sich aus jener Eigen- 
schaftspsychologie entwickelt hatten, so oft und w^o immer 
ein fester Stand von Berufsschauspielern entstanden war. 
Da war aus dem »Ehrgeizigen« oder dem »Habsüchtigen« 
der »Intrigant« geworden — bei Goethe gibt es keinen 
Jago, keinen Marinelli oder Secretär Wurm; sein einziger 
Intrigant ist ein Teufel und kein Mensch : Mephistopheles. 
Da war aus dem »Verliebten« der »Liebhaber« geworden. 
Bei Goethe finden wir keine Figur, die in dieser Rolle auf- 
ginge wie Shakespeares Romeo oder wie Grillparzers Leander 
und selbst Wertner ist ganz etwas anderes als nur der 
Verliebte, den Rousseau in der »Neuen Heloise«, dem 
Vorbild an Goethes Roman schildert. 

Und dennoch läugnet Goethe die typischen Gattungen 
der Charaktere so wenig, daß er im »Wilhelm Meister« 



Goethe als Psycholog. 23 



« 



geradezu die Rollenfächer des Theaters benutzt, um die 
Charaktere danach einzutheilen; er führt uns Philine, die 
leibhafte Soubrette, führt uns den Pedanten, den Polterer 
so vor, daß theatralische Verwendung und menschliche 
Eigenart sich decken. Aber er glaubt eben, daß nur aus- 
nahmsweise die Art eines Menschen in so scharf zugespitzter 
Weise zum Ausdruck kommt. Er überwindet die feste 
Einleitung der dramatischen Figuren nach den Rollenfächern, 
er zerstört die traditionelle Vorstellung vom Helden des 
Romans, indem er in Wilhelm Meister das Gegentheil 
dieses Romanheldenbildes zeichnet, und ebenso die vom 
Helden des Dramas, indem er den Tasso dichtet: nach 
dem Hamlet den ersten passiven Helden im Drama^ der 
dann bei den Neuesten eine so häufige Nachahmung fanden 
sollte. Goethe wird so zum Begründer der modernen 
literarischen Psychologie, die ganz und gar auf das Indi- 
vidualisiren ausgeht und von den traditionellen Typen, fast 
ängstlich abweicht. 

Und fragen wir näher, wie er diese bewundernswerthe 
That vollbracht hat, die bei einem eifrigen, auf sein Per- 
sonal angewiesenen Theaterleiter noch mehr als bei einem 
Anderen erstaunlich scheint, so können wir kurz antworten: 
Goethes psychologische Technik setzt an die Stelle der 
alten y>Eigenschaften(f. den Begriff der y>Dispositionen,(i 

Ein kaum zu überschätzender Fortschritt in realistischer 
wie m technischer Hinsicht! Denn jede sogenante »Eigen- 
schaft« zeigt den Menschen nur im Verhältniß zu ganz be- 
stimmten Objekten oder Empfindungen. Der Geizige hat 
als solcher nur zu Geld und Geldeswerth ein gegebenes 
Verhältniß, und ebenso der Verschwender: der Feige nur 
zu der Gefahr, der Tollkühne desgleichen; den Neugierigen, 
den Ruhmsüchtigen, die Kokette sehen wir nur in einer 
ganz bestimmten Stellung in scharfem Profil. Das konnte 
uoethe nicht genügen. Wie er bei seiner physiognomischen 
Thätigkeit sofort von den Gesichtszügen, die Lavater fast 
allein ins Auge gefaßt hatte, zu deren Grundlage, dem 
Schädel und demiCnochenbau, fortgeschritten war. so faßt 
er auch die Eigenschaften nur als Symptome tiefer liegender 
Eigenheiten auf. Das Dämonische bekundet sich in Egmonts 
Neigung zum Verschwenden nur nebenbei: er i§t nicht 
schlechtweg der Leichtsinnige oder der Verschwender, 
sondern er ist der ganz im Augenblick lebende Mensch, 
der deshalb, wenn es der Augenolick fordert, auch ernst, 
gehalten, ja großartig zu sein versteht. Faust war vor 
Goethe nur auf Eine Eigenschaft gestellt, auf das Verlangen 
nach übermenschlicher Kenntniß. Wie vertieft das Goethe ! 
Die Sehnsucht, zu erkennen w^as die Welt im Innersten 



24 Festvortrag vom Richard M. Meyer. 

zusammenhält, das Bedürfniß, statt der bloßen Wone eine 
lebendige Anschauung der Urphänomene zu gewinnen, sie 
sind bei Goethes Helden nur Kennzeichen seiner überall 
auf tiefstes leidenschaftlichstes Erfassen gerichteten Natur. 
Oder man vergleiche den eifersüchtigen Eridon in der 
»Laune des Veruebten« mit Tasso ! Dort ein Charakter aus 
Einer Eigenschaft gemacht : hier eine unendliche Fülle von 
Eigenschaften aus einer Disposition, einer dämonischen 
Grundanla^e entwickelt. Tasso — die ausgeführteste psycho- 
logische Dtudie, die Goethe geschaffen hat — kann so 
wenig mit Einem Adjektiv bezeichnet werden wie das große 
Vorbild dieser neuen literarischen Psychologie: wie Hamlet, 
jene einzige Gestalt, in der Shakespeare schon völlig auf 
diesem modernen Standpunkt steht und die gerade deshalb 
auf die Neueren und vor allem auf Goethe so ungeheuer 
gewirkt hat. Tasso ist von der dämonischen Neigung 
erfüllt, sich überall die Wirklichkeit umzudichten ; das macht 
ihn streitsüchtig, wie es ihn hypochondrisch macht; das 
zwingt ihn, sich die Prinzessin zur Geliebten umzudichten 
wie den nur kühlen Antonio zum Feind. Oder Eduard in 
den »Wahlverwandtschaften«, scheinbar ganz auf Eine Note 
gestimmt, die der ungestümen Begehrlichkeit — bei näherer 
Betrachtung bestätigt auch er aie Praxis Goethes: auch 
diese Begehrlichkeit ist nur ein Symptom seiner Unfähig- 
keit, sich irgend zu beherrschen, die Dinge ausreifen zu 
lassen, die eoenso in seinen dilettantischen Kunstübungen 
oder in seiner Art, die Winke des Schicksals aufzufassen, 
zum Ausdruck kommt. 

Auszunehmen sind von dieser allgemeinen Regel der 
Goethischen Literaturpsychologie natürlich alle allegorischen 
Figuren, wie die meisten in »Pandora«, viele im zweiten 
Theil des »Faust«, in dem freiUch auch sonst die Charakter- 
zeichnung von der Lebensfülle heiterer Schöpfungen sich 
nicht selten zu schematischen Typen verengt. Auen unter- 
geordnete Nebenfiguren bleiben wohl gelegentlich Träger 
nur einer Eigenschaft, wie Friedrich im »Wilhelm Meister« 
wirklich nur der verkörperte Leichtsinn ist — was immer- 
hin schon eher eine Disposition als eigentlich eine »Eigen- 
schaft« heißen kann. Auch wuchs dem jungen — und 
wieder dem greisen Dichter wohl einmal eine Eigenschaft 
zu mächtig aus der Gesammtanlage heraus: Adelheid im 
»Götz«, die erst die weit- und thatenfrohe Dame der großen 
Gesellschaft werden wollte, geht ganz in Koketterie auf 
und Euphorion wird ganz nervöse Beweglichkeit. An der 
Gültigkeit der allgemeinen Regel vermögen diese Fälle 
nichts zu ändern. 

Es würde zu weit führen, wollten wir im Einzelnen 



Goethe als Psycholog. 25 



« 



zeigen, welches neue »natürliche System« der Charaktere 
Goethe an die Steile des alten künstlichen Systems der 
Rollen setzt. Im Wesentlichen erblickt Goethe den Kern 
der Individualität wohl in dem Verhältniß des Einzelnen 
zur Natur, zur realen Existenz. Carlos und Clavigo, Tasso 
und Antonio stehen sich nicht gegenüber wie Gut und Böse, 
wie Patriarch und Sultan, wie Teil und Geßler, sondern 
wie zwei verschiedene Arten, das Leben zu betrachten und 
anzufassen. Orests Lebensmüdigkeit und Pylades' Lebens- 
freude bilden Gegensätze, die in Epimetheus und Prometheus 
zu pointirten Allegorien getrieben werden. Das Pbantasie- 
leben Werthers und Mignons oder die großartige Nüchtern- 
heit der Weisen im »Wilhelm Meister«, ja selbst Charlottens 
und des Hauptmanns in den »Wahlverwandtschaften« sind 
andere Beispiele. 

Ebensowenig können wir hier zeigen, welche Fülle tiefer 
Blicke in das Seelenleben aus diesen örundanschauungen 
erwuchs. Gerade dadurch sind Goethes psychologische 
Einzelbeobachtungen oft charakterisirt, daß sie ein Ueber- 
schwanken von emer Eigenschaft zur andern festlegen. Ich 
nenne nur als Beispiel die mehrfach wiederholte Bemerkung 
über den Umschwung vom Idealismus zur Sinnlichkeit 
(Faust V. 3282 f.). 

So wird die französische Psychologie mit ihren zuge- 
spitzten Charakteren für Goethe zur überwundenen Voraus- 
setzung, wie Linn£ mit seiner »trennenden« Naturauffassung 
für die »vereinigende« des Dichters. Und wie ihm »Thun 
und Denken, Denken und Thun« überall eine untrennbare 
Einheit bildeten, so hat er auch in seiner Lebenspraxis die 
Folgerungen aus seiner Theorie gezogen. Aus derselben 
Quelle mit seiner neuen Kunst der Charakterzeichnung 
fließt seine neue pädagogische Art. Er sucht nicht mehr, 
wie die alte kirchliche Erziehung, wie Rousseau, wie Wie- 
land alle Menschen auf Ein gemeinsames Ideal hinzulenken, 
sondern milde und eingehend sucht er Jeden zu seinem 
individuellen Ideal zu fördern. Was in dem Einzelnen 
wesentlich ist, sucht er zu entbinden, was in ihm eigenartig 
ist, zu entwickeln. So handelte er als Freund wie als 
Beamter; so alsRecensent wie alsPädagog. Deshalb ward 
es ihm zur Hauptaufgabe der ersten Weimarer Zeit, das Edle 
und Große, das in Karl August oft noch unklar gährte, zu 
voller Freiheit zu fördern. Deshalb erzog er sich Christianen 
nicht zur gebildeten Dame, sondern zur treulich sorgenden 
Lebensgefährtin, die ihm das Heim mit Behagen erfüllte. 
Sobald eine Persönlichkeit in seinen Bannkreis trat, in der 
eine specifische Anlage noch schlummerte, da wußte er 
dieser Disposition zu voller Entfaltung zu verhelfen; so 

Gobthc-Jahbbvcb XXIL 22 



26* Festvortrag von Richard M. Meyer. 

hinterließ er uns als letztes Geschenk Eckermann, den 
feinsten und zuverlässigsten Vertreter anspruchsloser treuer 
Heroenverehrung. 

Aber auch für seine wissenschaftliche Arbeit war jene 
fruchtbare Grundanschauung segensreich. Für Goethe ist 
der Vergleich von Menschen- und Pflanzenleben, von see- 
lischer und animaUscher Entwickelung ja kein Spiel, keine 
geistreiche Analogie, sondern der Ausdruck seiner tiefsten 
Üeberzeugung von der inneren Gleichartigkeit alles Leben- 
digen. So haben denn seine naturwissenschaftlichen Stu* 
dien seine Psychologie gefördert , so hat aber auch umge- 
kehrt seine Lehre von den fließenden Uebergängen der 
Charaktere, vom Kern der Individualität, von der typischen 
Entwickelung der Menschen seinen morphologischen und 
biologischen Forschungen wesentliche Dienste geleistet 
Als der Ersten einer hat der Beobachter der entoptischen 
Farben die Psychologie in die Naturwissenschaft hinein- 

fetragen. Und was die »Metamorphose der Pflanzen« ver- 
ündet, das ist schließlich nur die theoretische Erfüllung 
jener Ahnungen, die schon dem JüngUng die Orientirung 
m der bunten Mannich faltigkeit der Menschenwelt ermög- 
lichten. Sie haben den Dichter zum Bahnbrecher der neueren 
Psychologie gemacht und den Forscher zum Pfadfinder der 
heutigen Naturkunde. Denn all dies liegt m jenen Wonen 
beschlossen, die in der Metamorphose der Pflanzen den 
Schlüssel zu Goethes naturwissenschaftlichem Glaubens- 
bekenntniß bilden und die gleichzeitig über jede Betrachtung 
von Goethes Figuren als Motto gesetzt werden könnten: 

Alle Gestahen sind ähnlich, und keine gleichet der andern, 
Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz. 




Sechzehnter Jahresbericht 



DER 



Goethe-Gesellschaft. 



22* 



Iunkle Schatten haben sich über die letzten Monate des 
Berichtsjahres gebrettet Um die Wende des Jahres 
hatte das gebildete Deutschland den sorgenden 
Blick auf Weimar gerichtet, insonderheit die Mitglieder 
unserer Gesellschaft. Seit i6 Jahren verehrten sie in dem 
Großherzog Carl Alexander von Sachsen den hohen Pro- 
tektor, hatten ihn in jeder Jahresversammlung begrüßen, 
sich an seiner stets gleichmäßig lebensvollen und warmen 
Theilnahme an den Arbeiten der Gesellschaft erfreuen 
dürfen; was natürlicher als daß auf die Kunde von der 
schweren Erkrankung des Fürsten manche bange, nach 
tröstender Hoffnung verlangende Frage nach Weimar kam? 
Und als das gefürchtete, in ganz Deutschland so herzlich 
und aufrichtig beklagte Ereigniß eingetreten war, da em- 
pfanden doch vor Allem wir, was der Verlust dieses er- 
habenen Hauptes für das geistige Deutschland bedeute. An 
anderer Stelle des Jahrbuchs ist Namens des Vorstandes 
in beredten und stimmungsvollen Worten dem verewigten 
Protektor der Dank für sein Wirken gesagt worden. Hier 
aber sei gestattet zu wiederholen, was in jenen Trauertagen 
eines unserer angesehensten Mitglieder hierher schrieb. 
Denn indem er treffend die Bedeutung unseres Verlustes 
hervorhebt, weist er zugleich auf dauernde würdige Ehrung 
des* Andenkens des Großherzogs Carl Alexander hin: 

»Wir alle wissen, daß mit Ihm unendlich mehr 
ins Grab sinkt, als ein einzelnes Fürsiendasein und 
wer immer ein Herz hat für Ihn und Sein Weimar, 
das denn auch in Seinem Sinne viel mehr ist, als ein 
einzelner On, gelobt jetzt die Pflicht der Treue thitig 
zu erfüllen.« 



Als kostbare Bürgschaft für die Gestaltung der Zukunft 
dürfen wir begrüßen, daß der Nachfolger des verewigten 
Fürsten, Seine Königliche Hoheit der Großherzog Wilbdm 
Ernsty sich bereit erklärt hat, das Protektorat über unsere 
Gesellschaft zu übernehmen, nachdem unser Präsident, Herr 
Geheimer Hofrath Dr. Ruland diese Bitte vorgetragen und 
nachstehendes Gesuch des Vorstandes übergeben hatte: 

Durchlauchtigster Großherzog, 
Gnädigster Fürst und Herr! 

Euere Königliche Hoheit möge gnädigst dem 
ehrfurchtsvollst Unterzeichneten gestatten, im Namen 
und Auftrag des Vorstandes der Goethe-Gesellschaft, 
das Gesuch vorzutragen: 

Euere Königliche Hoheit wolle geruhen, das 
Protektorat über die Goethe- Gesellschaft zu über- 
nehmen. 
Unter dem Schutz Höchstihres Hochseligen Herrn 
Großvaters, des Großherzogs Carl Alexander, König- 
liche Hoheit, hat die Gesellschaft sich einer reich ge- 
segneten Entwickelung erfreuen dürfen. Euere König- 
liche Hoheit aber haben in Höchstihrem Schreiben vom 
19. Januar d. J. Höchstihrer wohlwollenden Gesinnung 
für die Bestrebungen der Gesellschaft einen so warmen, 
dankbarst empfundenen Ausdruck gegeben, daß der 
Vorstand glaubt sich gnädigste Zustimmung zu seinem 
Gesuch versprechen zu dürfen, iü dem freudigen Be- 
wußtsein, daß sich unter Euerer Königlichen Hoheit 
Schutz und Schirm die Gegenwart und die Zukunft 
der Goethe-Gesellschaft nicht minder würdig und 
segensreich gestalten werde als die ruhmvolle Ver- 
gangenheit. 

In tiefster Ehrfurcht 
Weimar, Euerer Königlichen Hoheit 

den 22. Februar unterthänigster 

1901. gez. Dr. C Ruland. 

Die darauf ergangene schriftliche Antwort lautet wie 
folgt : 



Auf das Schreiben, das Sie, Mein sehr verehrter 
Herr Geheimer Hofrath, im Namen der Goethe-Gesell- 
schaft am 22. d. M. an Mich gerichtet haben, erwidere 
ich Ihnen, daß Ich sehr gern bereit bin, der Bitte um 
Uebernahme des Protektorates über diese an Stelle 
Meines heimgegangenen theueren Großvaters zu ent- 
sprechen. Möge deren Gewährung der Goethe-Gesell- 
schaft beweisen, wie sehr ihr ferneres Gedeihen Mir 
am Herzen liegt. 

Weimar, gez. Wilhelm Ernst, 

den 26. Februar 1901. 

In den Annalen des Weimarischen Fürstenhauses steht 
der erste Träger dieses Namens unvergänglich eingezeich- 
net als der Neuerwecker und umsichtige Förderer der 
wissenschaftlichen Lehr- und Arbeitsstätten seines Landes, 
nach der Verwüstung und Verödung, die der dreißigjährige 
Krieg gebracht. Heute harn des Fürsten dieses Landes, 
das, eine blühende Heimstätte der geistigen Arbeit auf 
allen Gebieten, ein Mittelpunkt deutscher Kultur geworden 
ist, eine andere Aufgabe: dies Erbe großer Vorgänger 
im Geiste dieser zu erhalten, es fruchtbringend für die 
Nation zu gestalten, wie in der Pflege der Vergangenheit, so 
auch in der lebensvollen Antheilnahme an den Schöpfungen 
deutschen Geistes in Gegenwart und Zukunft. Unserem 
Dank für die huldvolle Uebernahme des Protektorats über 
die Goethe-Gesellschaft können wir einen besseren Aus- 
druck nicht geben als durch die Versicherung treuer und 
freudiger Mitarbeit an der Erfüllung dieser Aufgabe. 



Die 15. Jahresversammlung der Gesellschaft fand am 
9. Juni 1900 statt. Die Gegenwart des hohen Protektors, 
der sich in freudig begrüßter Frische des Geistes und des 
Körpers unter den Anwesenden bewegte, hielt jeden Ge- 
danken völlig ferne, daß wir zum letzten Male uns seiner 
Anwesenheit erfreuen sollten. Auch Ihre Königliche Ho- 
heit die Frau Erbgroßherzogin-Wittwe zeichnete durch 
Ihre Anwesenheit die Versammlung aus, zu der sich die 



Mitglieder der Gesellschaft überaus zahlreich eingefunden 
hatten. Nach Eröffnung derselben durch den Präsidenten, 
Herrn Dr. Ruland^ und Erstattung des Jahresberichts im 
Namen des Geschäftsführenden Ausschusses durch Herrn 
V. Bojanowski, nahm Professor Dr. Eucken in Jena das 
Wort zu dem Festvortrag : »Goethe und die Philosophie«. 
Die geistvolle und inhaltreiche Rede — sie ist den Mit- 
gliedern bereits im XXI. Bande des Jahrbuchs mitgetheilt 
worden — übte auf die Hörer eine tiefe Wirkung aus 
und erzielte lebhaftesten Beifall. Nach einer Pause wurden 
die Jahresberichte über das Goethe- und Schiller-Archiv 
durch Herrn Dr. Suphan und über das Goethe- National- 
Museum durch Herrn Dr. Ruland, der Kassenbericht durch 
Herrn Finanzrath Dr. Nebe erstattet. 

Die Wahl des Vorstandes der Gesellschaft erfolgt auf 
3 Jahre. Die letzte hatte in der XII. Generalversanmilung 
1897 stattgefunden. Da die dreijährige Amtsdauer mit dem 
31. Dezember 1900 ablief, so war die Neuwahl vorzuneh- 
men. In Folge der Aufforderung des Vorsitzenden, Vor- 
schläge in dieser Beziehung zu machen, beantragte Pro- 
fessor Dr. Oncken- Gießen Wiederwahl des Vorstandes 
durch Zuruf. Die Anwesenden schlössen sich einstimmig 
dem an. Geheimer Hofrath Dr. Ruland nahm dankend 
namens des Vorstandes die Wiederwahl an und bestätigte 
zugleich den Geschäftsführenden Ausschuß in seiner gegen- 
wärtigen Zusammensetzung auf die nächste dreijährige 
Periode. Damit war die Tagesordnung erledigt und der 
Vorsitzende erklärte die XV. Generalversammlung für ge- 
schlossen. Am Nachmittag fand in üblicher Weise das 
* gemeinschaftliche Festmahl statt, das den angeregtesten 
Verlauf nahm. Am Abend vereinigte die Mitglieder als 
Gäste des Großherzogs im Hoftheater eine vorzügliche 
Aufführung der Gluckschen Oper: »Iphigenie auf Tauris«. 

Das Programm für die Jahresversammlung sollte eine 
Erweiterung erfahren durch einen Ausflug nach Jena-Dom- 
burg am 10. Juni. Dies Nachspiel nahm den besten Ver- 
lauf, vor allem in Folge der überaus liebenswürdigen Ver- 
anstaltungen der Mitglieder und Freunde unserer Gesell- 
scliaft in Jena. Namentlich die durch Herrn Oberbiblio- 



— 4^ 7 ^— 

thekar Professor Dr. Müller und Professor Dr. Noack ver- 
anstalteten Ausstellungen von Gegenständen der Erinnerung 
an Goethes so häufiges und so langes Verweilen in der 
Musenstadt wurden mit großer Befriedigung in Augen- 
schein genommen. Am Nachmittag weilten die Fest- 
genossen bei köstlichem Wetter auf Domburg als Gäste 
des Großherzogs, dem der Telegraph die lebhaftesten Dank- 
sagungen übermittelte. Am Abend, bevor die Mitglieder 
in alle Richtungen sich zerstreuten, fand ein gemeinsames 
Essen im »Bärena in Jena statt. Ist damals bereits den 
Jenaischen Freunden manch herzliches Dankeswort gesagt 
worden, so darf dasselbe hier noch einmal — gewisser- 
maßen protokollarisch — wiederholt werden. 






Zur vorbereitenden Erledigung der laufenden Geschäfte 
der Goethe-Gesellschaft haben auch im verflossenen Jahre 
mehrere Sitzungen des Geschäftsführenden Ausschusses 
stattgefunden. Die Ausführung erfolgte gemäß den auf 
dem Wege des Umlaufes eingeholten Beschlüssen des Vor- 
standes. 

Das Jahrbuch Bd. XXI ist den Mitgliedern im Juni, 
Anfang Dezember die Schrift der Gesellschaft Bd. XV zu- 
gegangen. Aus Zuschriften, die bei uns einliefen, sowie 
aus Auslassungen der Presse haben wir zu unserer großen 
Freude entnehmen können, daß die diesmalige Gabe: die 
herrliche Dichtung Goethes, die feine und abschließende 
Erläuterung, die Beruh. Suphan ihr gegeben, die äußere 
genau dem Original nachgeahmte Herstellung, in jeder Be- 
ziehung den besonderen Beifall der Mitglieder gefunden hat. 

Wie lebhaft das Interesse an der Schrift gewesen, 
zeigte sich auch in dem Umstand, daß alsbald Wünsche 
nach Erwerbung weiterer Exemplare laut wurden. Da die 
Auflage nur in einer der gegenwärtigen Mitgliederzahl ent- 
sprechenden, und eine mäßige Vermehrung berücksich- 
tigenden Stärke bemessen werden konnte, mußten die 
Wünsche abschläglich beschieden werden. Auch Rekla 
mationen wegen Nichtempfang der Schrift sind eingegangen 



— 4f 8 ^-- 

und vom Geschäftsführenden Ausschuß nach jeder Richtung 
verfolgt worden. Das Ergebniß war zumeist, daß die 
Reklamanten unterlassen hatten, Wohnungsänderungen recht- 
zeitig anzumelden, sie es sich daher selbst zuzuschreiben 
haben, wenn Sendungen an ihre Adresse in Verlust ge- 
rathen sind. Im Jahresbericht sind die Mitglieder stets 
gebeten worden, durch pünktliche Anmeldung der Woh- 
nungsänderungen ihre Pflicht gegen den Geschäftsfuhrenden 
Ausschuß zu erfüllen, der sonst nicht in der Lage ist, die 
Listen ordnungsmäßig zu führen. Ausdrücklich mag übrigens 
erwähnt sein, daß im Fall der Nichtanmeldung eines 
Wohnungswechsels dem betreffenden Mitgliede ein Anspruch 
auf Ersatz der nicht erhaltenen Sendungen nicht zusteht 

Besondere Erwerbungen, sei es durch Spenden, sei es 
aus eignen Mitteln, hat die Gesellschaft im Berichtsjahre 
nicht gemacht, abgesehen von den regelmäßigen Ankäufen 
für die Goethe-Bibliothek im Goethe- und Schiller-Archiv. 

Noch ist zu erwähnen, daß das Comiti für die Er- 
richtung eines Goethe-Denkmals in Straßburg sich an den 
Präsidenten unserer Gesellschaft gewendet hatte, mit der 
Bitte, in das Preisrichter-Kollegium einzutreten. Im Hin- 
blick auf die besondere Theilnahme, die die Goethe-Ge- 
sellschaft dem Plan, durch ein Standbild des jungen Goethe 
das Andenken an die so bedeutungsvolle Zeit des Straß- 
burger Aufenthalts festzuhalten, entgegengebracht hat, ist 
Herr Dr. Ruland dem Wunsche nachgekommen. Das Er- 
gebniß der Preisausschreibung berechtigt zu der Erwar- 
tung, daß der Gedanke bald einer schönen Verwirklichung 
entgegengeführt wird. 

Seitens des Wiener Goethe-Vereins war an das Prä- 
sidium der Goethe-Gesellschaft die liebenswürdige Ein- 
ladung zur Theilnahme an der Enthüllung des dortigen 
Goethe-Denkmals ergangen, ein Vorgang von so großer 
und vielseitiger Bedeutung, daß der Vorstand derselben 
freudig Folge geleistet hat : Der erste Vicepräsident, Herr 
Professor Dr. Erich Schmidt-Berlin, wohnte der Feierlich- 
keit am 15. Dezember bei und überbrachte die Glück- 
wünsche der Gesellschaft zu der Vollendung des von dem 
Bildhauer Edmund Hellmer jun. geschaflfenen trefflichen 



— 4f 9 

Kunstwerks. Auch unser hoher Protektor, weiland Seine 
Königliche Hoheit der Großherzog Carl Alexander sprach 
dem Wiener Goethe- Verein seine Befriedigung über die 
glückliche Durchführung des Planes in nachstehender 
telegraphischer Zuschrift aus: 

An Excellenz dem K. und K. Wirklichen Geheimen 
Rathe Herrn von Stremayr, Wien. 

»Euer Excellenz sage Ich für die im Namen des 
Ausschusses des Wiener Goethe -Vereins an Mich 
gerichtete Zusendung Meinen wärmsten Dank. Mit 
besonderer Freude habe Ich daraus die Kunde von der 
unmittelbar bevorstehenden Enthüllung des Goethe* 
Denkmals in Wien vernommen und ergreife gern die 
Gelegenheit, deni Goethe-Vereine als seinem geistigen 
Urheber und rastlosen Förderer Meine aufrichtigsten 
Glückwünsche zu der heutigen Feier auszusprechen. 
Ich begrüße sie mit wahrer Genugthuung, denn Ich 
erblicke in der Huldigung, die die Wiener Bevölkerung 
dem Genius Goethe darzubringen sich anschickt, ein 
bedeutsames Merkmal echt deutscher und zugleich 
echt humaner Gesinnung. Möge das Standbild des 
großen Dichters und Denkers, das die herrliche Kaiser- 
stadt von jetzt an zieren wird, als ein Wahrzeichen 
dieser Gesinnung bis in ihre fernste Zukunft dauern 
und mit ihm auch sein Geist, als ein unveräußerliches 
ideales Gut für immer in ihren Bewohnern lebendig 
bleiben. gez. Carl Alexander.i< 

Der Vorstand der Gesellschaft und diese selbst sowie 
der Kreis der wissenschaftlichen Arbeiter auf dem Gebiete 
der Goethe-Literatur hat wenige Tage nach dieser Feier 
durch den Tod des Professors Dr. Feit Valentin einen tief- 
empfundenen und aufrichtig betrauerten Verlust erlitten. Der 
durch seine vielseitigen hervorragenden Arbeiten über Goethe 
rühmlichst bekannte Schriftsteller und Vorsitzende des aka- 
demischen Gesammt- Ausschusses des Freien Deutschen 
Hochstifts in Frankfurt war in der Jahresversammlung vom 
31. Mai 1890 in den Vorstand der Gesellschaft gewählt 
worden, hat demselben also über 10 Jahre angehört. Der 



10 '•«• — 

Vorstand richtete an die Wittwe desselben ein Theilnahme- 
schreiben. Aber auch an dieser Stelle ist des trefflichen 
Mannes zu gedenken, der am 8. Mai 1891 in der Jahres- 
versammlung den Festvortrag über »Goethes klassische 
Walpurgisnacht« hielt. Sein Andenken wird unvergessen 
bleiben. Vor allem bei dem Vorstand, der in ihm einen 
pflichttreuen einsichtsvollen stets zu Rath und That bereiten 
Mitarbeiter verloren hat. 

Im Geschäftsführenden Ausschuß hat eine Veränderung 
nicht stattgefunden. 

Die Verhältnisse der Gesellschaft stellen sich auch in 
diesem Berichtsjahre als befriedigend dar. Die Zahl der 
Mitglieder hat um 114 zugenommen, obwohl gerade in 
diesem Jahre eine größere Anzahl solcher, die seit zwei 
Jahren und mehr mit ihren Beiträgen rückständig waren, in 
den Listen gestrichen worden Jst. Das Vermögen belauft 
sich auf M. 82,628. 

Wir lassen nun die Berichte des Herrn Finanzrath 
Dr. Nebe (A) über die Finan:(verhäUnisse der Gesellschaft, 
sowie die Berichte des Herrn Geheimen Hofrath Dr. Supban 
(B) über die Bibliothek der Goethe-Gesellschaft in Verbindung 
mit dem Goethe- und Schiller-Archiv und des Herrn Ge- 
heimen Hofrath Dr. Ruland (C) über das Goethe-National' 
Museum folgen: 

A. 

Die erfreuliche Zunahme im Mitgliederbestande der 
Goethe-Gesellschaft, von der wir im XV. Jahresberichte 
Mittheilung machen konnten, hat auch im verflossenen 
16. Geschäftsjahre angehalten. Abermals können wir eine 
Steigerung der Mitgliederzahl um 78 Personen verzeichnen, 
sodaß Ende 1900 die Zahl der Mitglieder 2780 betrug — 
darunter 33 auf Lebenszeit. Diese Aufwärtsbewegung ist 
um so erfreulicher, als im Laufe des Jahres 1900 ein Ab- 
gang von 36 Mitgliedern eingetreten ist, sodaß die Zahl 
der neu geworbenen Mitglieder 114 beträgt. 

Ebenso hat in wirthschaftlicher Beziehung die Goethe- 
Gesellschaft in der erfreulichen Entwickelung, die sie in den 
vergangenen Jahren genommen hatte, beharrt. Obgleich 
die gcsammtcn nicht unerheblichen Kosten der Drucklegung 



— &^ 1 1 <f» — 

der XV. Schrift (Elegie) aus den laufenden Jahreseinnahmen 
bestritten worden sind, auch nicht unbedeutende einmalige 
außerordentliche Ausgaben die Jahresrechnung belasten, 
konnten dennoch wiederum M. 1949.26 zum Reservefonds 
übergeführt werden, der dadurch und durch die aufgelaufenen 
Zinsen abermals um rund M. 5000 gewachsen ist. Der 
Bestand an Werthpapieren der Gesellschaft beträgt heute 
Nom. M. 82,628. Davon entfallen auf den Reservefonds 
Werthpapiere im Nennwerthe von M. 72,662, die einen 
jährlichen Zinsertrag von M. 2613.93 gewähren. 

Bei Einziehung der Beiträge und Vertheilung der Jahr- 
bücher und Schriften unterstützten uns die Herren: 
Hofbuchhändler Th. Ackermann, München, 
Buchhändler Dr. G. Fischer, Jena, 
Buchhändler Lucas Gräfe, Hamburg, 
Buchhändler Paul Kurtz, Stuttgart, 
Buchhändler Ernst Lemcke, New- York, 
Hofbuchhändler G. Liebermann, Karlsruhe, 
Rentier Ferdinand Meyer, Berlin, 
Buchhändler Dr. Max Niemeyer, Halle a. S., 
Buchhändler Alfred Nutt, London, 
Bankier Bernhard Rosenthal, Wien, 
Buchhändler von Zahn & Jaensch, Dresden, sowie 
die Leipziger Buchbinderei-Aktien-Gesellschaft, 

Leipzig und 
die Literarische Anstalt, Rütten & Loening, 
Frankfurt a. M. 
Wir sprechen ihnen für ihre freundliche Mühewaltung 
unsern verbindlichen Dank aus. 

Gleichzeitig bemerken wir, daß alle Zahlungen der 
Mitglieder (Jahresbeiträge u. s. w.) soweit sie nicht durch 
obengenannte Herren, bez. Firmen eingezogen werden, zu 
leisten sind an die: 

Gothaische Privatbank, Filiale Weimar, in Weimar. 

B. 

Die von der Direction des Goethe- und Schiller-Archivs 
verwaltete Bibliothek der Goethe-Gesellschaft beläuft sich 
gegenwärtig auf 4696 Bände (oder Hefte), hat also im 



12 ^ — 

letzten Jahre einen Zuwachs von 156 Bänden (oder Heften) 
erfahren. Bei den Einkäufen sind wie bisher auch die 
Zeitgenossen Goethes sowie nahestehende Schriftsteller 
der folgenden Generation in Betracht gezogen w^den. 
Gönner und Freunde, hauptsächlich Mitglieder der Gesell- 
schaft, haben auch im letzten Jahre zur Vermehrung des 
Bücherschatzes beigetragen. Den freundlichen Gebern wird 
auch an dieser Stelle namens des Vorstandes herzlich Dank 
gesagt: 

Isaia V. Arendal, Amtsrichter a. D. Beck (Ravensburg), 
Giuseppe Biangi (Florenz), Dr. A. Bielschowsky (Berlin), 
Georg Birnbaum (Berlin), Hermann Böhlaus Nachfolger 
(Weimar), Geh. Hofrath Paul von Bojanowski (Weimar), 
Prof. Dr. Hermann Cohh (Breslau), Ludwig Delbrück 
(Berlin), Geh. Regierungsrath Ernst Friedel (Berlin), Prof. 
Dr. Heinrich Funck (Gernsbach i. B.), Prof. Dr. Ludwig 
Geiger (Berlin), James T. Hatfield (Evanston, Illinois), 
Director Prof. Dr. Hermann Henkel (Wernigerode), Th. 
Heyse (St. Petersburg), A. R. Hohlfeld (Vanderbilt Uni- 
versity), Dr. Fr. Ilwof (Graz), P. Klemm (Karlsbad), Prof. 
Dr. A. Koch (Stettin), Prof. Dr. G. Laube (Prag), Lite- 
rarische Anstalt Rütten & Loening (Frankfurt a. M.), 
Director Prof. Dr. G. Lotholz (Halle a. S.), Dr. Max Morris 
(Charlottenburg), Albert Oesterreicher (Leipzig), Dr. A. 
Pick (Meseritz), Prof. Dr. S. M. Prem (Graz), Alexander 
Riese (Frankfurt a. M.), Dr. Milan Savic (Neusatz in Un- 
garn), Prof. Dr. Erich Schmidt (Berlin), Frau Schubart- 
Czermack (München), Dr. Carl Schüddekopf (Weimar), 
Prof. Dr. Bernhard SeufFert (Graz), Dr. Reinhold Steig 
(Berlin), Veit Freiherr v. Steyern (Kaggenholra bei Stock- 
holm), Dr. Michael Urban (Plan), Heinrich Vogel (Char- 
lottenburg), Prof. Dr. Paul Vogt (Kassel), Prof. Dr. Max 
Freiherr v. Waldberg (Heidelberg), Prof. Dr. Alexander 
V. Weilen (Wien), Prof. Dr. Richard Maria Werner (Lem- 
berg), Goetheverein in Zwickau, Lesezirkel Hottingen der 
Literarischen Gesellschaft (Zürich), Lese- und Redehalle 
der deutschen Studenten (Prag), English Goethe Society 
(London). 

Es schließen sich hier nach der vom Beginn dieser 



—4^ 13 ^— 

Berichte an festgehaltenen Gewohnheit die Mittheilungen 
an, welche der Director des Goethe- und Schiller-Archivs, 
Professor Dr. Suphan, für die mit dem genannten Institut 
aufs engste befreundete Gesellschaft zusammenstellt. 

Die Handschriften-Sammlungen des Goethe- und 
Schiller-Archivs haben ansehnliche Vermehrung erfahren. 
Auf Befehl des hohen Besitzers, des regierenden Groß- 
herzogs Wilhelm Ernst, erfolgte der Ankauf von August 
Kestners (des »römischen« Kestner) Nachlaß, der sich in 
Verwahrsam eines Verwandten, des Sanitätsraths Dr. Kest- 
ner zu Mülhausen i. E. befand. Er umfaßt zunächst einen 
dem Goethe-Archiv im engeren Sinne zugehörigen Be- 
stand (Briefe Goethes und über Goethe, 158 Briefe von 
Charlotte Kestner u. a.), femer die Masse der A. Kestner- 
schen Correspondenz, die, über den Zeitraum von 1817 — 
1852 sich erstreckend, für die Cultur-, namentlich aber 
die Kunstgeschichte der nachgoethischen Periode ein be- 
deutendes Denkmal sein wird: Briefe von nahezu hundert 
Verfassern: Cornelius, Overbeck, Preller, H. Abeken, Sul- 
piz Boisserie, Gervinus u. s. w. In einem Briefe an Kestner 
vom I. Juli 1832 hat Preller seine berühmte Zeichnung 
Goethes auf dem Todtenbette mit größter Zartheit und 
Treue wiederholt. Etliche kleinere Erwerbungen haben 
sich angeschlossen. 

Auch die Gunst der Freunde und Gönner hat nicht 
nachgelassen. Es sind der Anstalt reichliche Geschenke 
an Handschriften zugeflossen. Der Dank für diese Mit- 
wirkung ist hier im Auftrag des hohen Eigenthümers aus- 
zusprechen. Er gilt zuerst und zuletzt dem verewigten 
Protektor der Anstalt, dem Großherzog Carl Alexander 
von Sachsen. Sein Wirken für das Archiv, seine herzliche 
persönliche Theilnahme an dessen Gedeihen und an unse- 
rer Thätigkeit, seine Freude an jedem Erfolg, jeder Zu- 
wendung, soll auch an dieser Stelle treulich anerkannt 
werden. Ihm war es Herzenssache, der Stiftung seiner 
hohen Gemahlin zu übergeben, was ihm selbst an Gedenk- 
und Ehrentagen dargebracht war. Er liebte es, solche 
Spenden bei seinen regelmäßigen Besuchen selbst mitzu- 
bringen. So kamen uns aus seiner Hand nach seinem Ge- 



—4^ 14 ^ — 

burtstage zu ein Brief Carl Augusts und ein solcher von 
Maria Paulowna, später dann das Manuskript von Ernst 
V. Wildenbruchs »Tochter des Erasmus^a Briefe von Paul 
Heyse und Kuno Fischer; von seiner Sommerreise brachte 
er mit einen unterwegs erworbenen schönen Brief Wie- 
lands; seine letzte Gabe war das bisher in der Bibliothek 
des Großherzoglichen Hoftheaters befindliche Theater- 
manuscript von Hebbels »Nibelungen« mit eigenhändigen 
Zusätzen und Aenderungen für die erste AuflFuhning in 
Weimar. Herr Oberst a. D. Otto Schult:(^ in Wiesbaden 
schenkte, zugleich im Namen seines Bruders, 69 Briefe und 
ein Stammbuchblatt Goethes gn seinen Vater, den Staats- 
rath Schultz. Frau Christine Hebbel in Wien, die Wittwe 
des Dichters, überwies 71 Briefe desselben an Elise Lensing, 
Kirchspielschreiber Voß, Julius Campe, Hauff und andere, 
theils eigenhändig, theils in Abschriften, sowie den seltenen 
erstenDruck: Julia, Ein Trauerspiel. Als Manuscript gedruckt 
o. J. Herr Prof. Dr. Richard Maria Werner in Lemberg 
schenkte einen Brief Hebbels an Julius Campe, Herr 
Alexander Meyer Cohn in Berlin das eigenhändige Manus- 
cript von Hebbels Autobiographie und einen mit eigen- 
händigen Aenderungen versehenen Correcturabzug des 
ersten Druckes von Hebbels Ballade »Die heilige Drei«, 
Herr Hugo Schlomer in Hamburg Acten, die Erneuerung 
der Grabstätte von Elise Lensing betreffend. Adolf Picbler 
(t 15. November 1900 zu Innsbruck) hatte schon zu 
seinen Lebzeiten die Bestimmung getroffen, daß sein hand- 
schriftlicher Nachlaß einst dem Goethe- und Schiller- Archiv 
zugeführt werden solle, und diese Stiftung war von der 
Frau Großherzogin Sophie angenommen worden; demzu- 
folge überwies nach dem Tode des Dichters dessen Tochter 
Fräulein Mathilde von Pichler dem Archiv 18 Packetc, 
theils Aufzeichnungen Pichlers, theils Briefe an ihn ent- 
haltend; letzterer hat die Verfügung getroffen, daß dieses 
Material erst 20—30 Jahre nach seinem Tode benützt werden 
darf. Aus dem Nachlaß von Dr. Karl Sickel, Professor 
an der Klosterschule zu Roßleben (f 1887), stiftete dessen 
Sohn Professor Dr. W. Sickel in Straßburg Namens der 
Erben eine 102 Nummern umfassende Handschriftensamm- 



15 ^— 

lung, Briefe, Gedichte und sonstige Autographen von 
Schriftstellern und hervorragenden Persönlichkeiten aus dem 
i8. und 19. Jahrhundert enthaltend, darunter: Goethe, 
Wieland, Lavater, Caroline Herder, Bettina, A. W. und F. 
• Schlegel, Tieck, Novalis, Rückert, Uhland. Herr Professor 
Dr. Julius Rodenbcrg in Berlin schenkte die an ihn gerich- 
teten Briefe von Auerbach und Gutzkow ; Frau Therese Deecke 
in Greifswald einen Brief von Lotte Kestner an ihren Sohn 
August nebst Porträts von Lotte Kestner, deren Tochter 
Lotte und August Kestner. Herr Prof. Dr. Ernst Martin 
in Straßburg schenkte einen Brief von Wilhelmine Herz- 
lieb an Karl Wilh. Stark in photographischer Reproduction; 
Herr Stiftslehrer Hermann Francke in Weimar eine in seinen 
Besitz gekommene Masse Gerstenbergkscher Fälschungen 
(»Schillera-Handschriftcn); Herr Verlagsbuchhändler Oswald 
MutT^e in Leipzig mehrere Faszikel Goethestudien und 
sonstige Aufzeichnungen des Kurhessischen Staatsministers 
O. Volmar ; Frau Hof baumeister Minna Minkert, die Wittwe 
des Erbauers des Goethe- und Schiller-Archivs, dessen Ent- 
würfe und Zeichnungen zu dem Bau nebst darauf bezüglichen 
Urkunden. Herr Dr. Hjalmar Schacht (Beriin-Schlachtensee) 
deponirte im Archiv auf Anregung von Prof. Dr. R. M. 
Werner die in seinem Besitze befindlichen Briefe Hebbels 
an seinen ersten Lateinlehrer W. Schacht in Wesselburen ; 
Herr Geh. Ob. Finanzrath Dr. Felix Lewald in Berlin einen 
Band »Arbeitsstoffe und Notizen« von Fanny Lewald. 

Auch die Büchersammlung, welche das Goethe- und 
Schiller- Archiv eigenthümlich besitzt, hat sich in dem ver- 
gangenen Jahre vergrößert, sowohl durch Ankauf von 
literarischen Hülfsmitteln für die Arbeiten an der Goethe- 
Ausgabe wie auch durch freundliche Zuwendungen. Auf- 
richtig zu danken ißt dafür den Spendern, die hier nament- 
lich angeführt werden: 

Ihre Königl. Hoheit die Frau Erbgroßherzogin-Wittwe 
von Sachsen, die Herren Böhlaus Nachfolger (Weimar), 
Prof. Dr. von Boltenstern (Köslin), Oberbibliothekar Dr. 
Karl Theodor Gaedertz (Berlin), Otto Franz Gensichen 
(Berlin), Fräulein Magdalene Krehan (Weimar), Literarische 
Anstalt Rütten & Loening (Frankfurt a. M.), Dr. A. Mirus 

Goethe-Jahebvoi XXn. 2 3 



—4^ i6 ^-- 

(Weimar), Dr. Max Morris (Charlottenburg), Dr. Ernst 
Müller (Tübingen), Dr. Friedrich Noack (Rom), Gebrüder 
Ramann (Erfurt), Oberbibliothekar Dr. Reicke (Königsberg), 
Professor Dr. Julius Rodenberg (Berlin), Kammerhor 
Victor V. Scheffel (Karlsruhe), Dr. Rudolf Schlösser (Jena), 
Dr. Carl Schüddekopf (Weimar), Prof. Dr. Richard Maria 
Werner (Lemberg), Prof. Dr. Georg Witkowski (Leipzig), 
der Goetheverein in Zwickau. 

Durch Darleihung von Handschriften, durch Nach- 
weisungen, Collationen oder sonstige wissenschaftliche Mit- 
theilungen haben dem Archiv dankenswerthe Beihfilfe ge- 
leistet: die Universitäts-Bibliothek in Dorpat, das Freie 
Deutsche Hochstift (Frankfurt a. M.), das Geheime Haapt- 
und Staatsarchiv (Weimar), Cottasche Buchhandlung Nach- 
folger (Stuttgart), Prof. Dr. Guido Adler (Wien), Alexander 
Meyer Cohn (Berlin), Kammerherr Kekul6 von Stradooitz 
(Groß-Lichterfelde), Director Jean Andreae (Frankfun a.M-), 
Woldemar Freiherr von Biedermann (Dresden), Prof. Dr. 
Otto Heuer (Frankfurt a. M.), Prof. Dr. Max von Wald- 
berg (Heidelberg), Geh. Hofrath Dr. Cari Ruland (Wehnar), 
Prof. Dr. Georg Witkowski '(Leipzig), Dr. Harry Mapc 
(BerUn). 

Dem Archiv seinerseits hat neben seiner »im Auftrage 
der Großherzogin Sophie von Sachsen« zu fördemdeo 
Hauptaufgabe, der Mitarbeit an der Herausgabe von Goethes 
Werken, die Pflege vielseitiger Beziehungen zu Gunsten 
der deutschen Literatur und Literaturgeschichte obgelegen; 
es hat Anfragen von auswärts in großer Zahl erledigt, und 
die Benutzung seiner Schätze, so weit es die für das Goethe- 
Archiv erlassenen Bestimmungen erlauben, ausgiebig ge- 
währt. Diese erstreckt sich, wie hervorgehoben werden 
darfy jetzt besonders auch auf die stattlichen Bestände der 
nachgoethischen Zeit: die Hebbel- Abtheilung ist durch 
Richard M. Werner für seine historisch-kritische Ausgabe 
und Nachlese zur Correspondenz ausgeschöpft und hat zn 
beiden einen stattlichen Ertrag geliefert. Ebenso aber haben 
sich unsere reichen Quellen der Immermann- und Mörike- 
Forschung erschlossen. Ueber die Weimarische Goethe- 
Ausgabe und ihren Fortgang ist an anderer Stelle in diesem 



— ♦■ 17 ^— 

Jahrbuch berichtet worden. Die Beendigung einzelner Bände, 
die längst vor dem Erscheinen, ja von den ersten Stadien 
der Bearbeitung an das »habent sua fata« gründlich er- 
fahren und erlitten haben, ist jetzt mit Sicherheit abzusehen, 
und es sind Vorkehrungen getroffen, acht Bände bis zum 
Schlüsse von 1901 herauszugeben. 

c. 

Der Bericht, welchen die Direction des Goethe-National^ 
Museums an dieser Stelle den Mitgliedern zu erstatten pflegt, 
steht natürlich auch unter dem schmerzlichen Eindruck des 
traurigen Ereignisses vom 5. Januar 1901. Hat doch das 
Goethe-National-Museum in dem Verewigten den einsichts- 
vollen Begründer und Protektor, den stets hülfsbereiten 
Förderer und Gönner verloren! Wenn die Tausende von 
Besuchern das Goethehaus annähernd so sehen, wie es zu 
Lebzeiten des Dichters dessen Freunde und Gäste empfangen 
hat, so denken nur wenige an die große Schwierigkeit, die 
man gehabt hat, um aus den Erinnerungen weniger Ueber- 
lebenden, aus den flüchtigen Andeutungen in Briefen, den 
früheren Zustand zu reconstruiren. 

Die Aufgabe erregte das lebhafteste Interesse des hoch- 
seligen Großherzogs ; Sein vorzügliches Gedächtniß konnte 
manchen zweifelhaften Punkt aufklären, unermüdlich war 
er im Hinweisen auf noch vorhandene Quellen der Beleh- 
rung; nichts geschah ohne Sein Vorwissen, Seine Billigung. 
Als Seine Schwester, I. M. die Kaiserin Augusta, wenige 
Monate vor Ihrem Tode, das Goethehaus besuchte, rief 
Ihre Majestät beim Betreten des Junozimmers aus: »Das 
ist alles genau so, wie Ich es mir noch so gut erinnere« — 
eine Aeußerung, über die sich der Großherzog mit Redit 
freuen durfte, denn sie war das beste Lob Seiner vielen 
Bemühungen um die Wiederherstellung der alten Räume. 

Aber nicht nur an der Einrichtung hatte sich der Ver- 
ewigte betheiligt: Er blieb auch die folgenden fünfzehn 
Jahre der treueste Besucher, an allen Arbeiten der Ver- 
waltung den regsten Antheil nehmend. Er erkannte es als 
eine Pflicht, um vorkommenden Falls mit Sachkenntniß 
entscheiden zu können. Sich mit dem Inhalte der Samm- 



i8 -»«— 

langen auf das eingehendste bekannt zu machen : niemand 
hat von dem gesamnUen Inhalte des Goethe-National- 
Museums eine so gründliche Kenntniß sich verschafft wie 
der verewigte Fürst. Jede Woche erschien Seine König- 
liche Hoheit zu bestimmter Stunde um Sich bald diesen, 
bald jenen Theil, die Handzeichnungen und Stiche, die 
MedaUlen und Plaketten, die Portraits, die Werke über 
Kunst, zu ruhiger Durchsicht und erläuternder Besprechung 
vorlegen zu lassen. Wenn der Hof im Herbst nach Weimar 
zurückkehrte, war es für den Großherzog eine Freude, 
Sich in der ersten freien Stunde wieder in den alten Räumen 
einzufinden — fast noch mehr als frühere Male im letzten 
Herbst, Am Tage vor der zum Tode führenden Erkrankung, 
am 22. Dezember, verweilte der Hochselige Herr lange in 
dem kleinen Directionszimmer, über die Enthüllung des 
Wiener Goethe-Denkmals plaudernd, mit warmen Worten 
aufrichtiger Theilnahme an Sachen und Menschen und mit 
der Hoffnung auf den nächsten Besuch nach den Festtagen 
scheidend. Gottes Rathschluß hat es anders gefügt, den 
Zurückbleibenden nur das unverlöschliche Andenken an 
so viel Güte und Pflichttreue hinterlassend. 

In der letztwilligen Verfügung des Großherzogs war 
auch des Goethe-National-Museums gedacht, eine Anzahl 
wcrthvoUer Autographen (Mme de Sivigni, Voltaire, Fürst 
Blücher etc.) für dasselbe bestimmt ; am 19. Februar wurden 
sie von den Testamentsvollstreckern übergeben und werden 
neben den von Goethe in einer Lade seines Schreibtisches 
geborgenen Briefen seiner fürstlichen Gönner und einiger 
Freunde, mit einer Niederschrift des verewigten Großherzogs 
über Goethes Beziehungen zu dem Weimarischen Fürsten- 
hause, zum Gedächtnisse Carl Alexanders treu bewahrt 
werden. 



Aus dem verflossenen Geschäftsjahre ist wenig hervor- 
ragendes zu berichten: stille Arbeit im Museum, erfreu- 
liches Wirken nach außen, um Forschem und Kunstfreunden 
Belehrung und Nachweise aus den Sammlungen zu be- 
schaffen, geben keinen Anlaß zu längeren Mittheilungen, 



« 

so erfreulich es in jedem Falle ist, wenn das Goethe- 
National-Museum wieder einmal gewissenhafte Arbeit in 
Goethes Sinne hat fördern können. 

Für die Sammlungen wurden aus eigenen Mitteln eine 
Anzahl Goethe-Medaillen und Plaketten neu erworben, 
meist aus dem Jahre 1899, so daß dieser Theil jetzt nahezu 
vollständig ist; — femer das von A. vonBinzer hergestellte, 
jetzt sehr selten gewordene Facsimile der Zeichnung Goethes, 
sein Zimmer im väterlichen Hause zu Frankfurt darstellend. 

An Geschenken gingen dem Goethe-National-Museum 
auch in dem verflossenen Jahre mehrere sehr werthvolle 
Stucke zu, die mit wiederholtem Ausdrucke herzlichen 
Dankes für die Geber hier verzeichnet werden. 

Graf /. de Clermont- Tannerre in Paris vervollständigte 
seine frühere Schenkung durch mehrere Gegenstände, welche 
seine Großmutter, Gräfin Vaudreuil in den Jahren 183 1 und 
1832 von Goethe erhalten hatte: die silbernen Medaillen 
von Brandt (1826) und Bovy (183 1) in einem Etui mit 
Widmung, ein Notizbuch, eine Haarlocke etc. — Der Bild- 
hauer Hans Busse in München sandte zum 28. August eine 
lebensgroße Goethe-Maske in Bronze ; das sehr bedeutende 
Werk wurde am Eingange des Arbeitszimmers aufgehängti 
alle Besucher mit seinen ernsten Zügen begrüßend. — Frau 
Lilli Haas, geb. Baisserie in Bonn schenkte durch Vermitt- 
lung von Fräulein Agnes Simrock eine Sepiazeichnung von 
Frau Bürgermeister Thomas, ihr Wohnhaus am Rechnei- 
graben in Frankfurt darstellend. Frau Thomas, die als 
Rosette Stadel aus dem Suleika-Briefwechsel wohlbekannte 
Stieftochter von Marianne Willemer, hatte die Zeichnung 
1828 Sulpiz Boisser^e zu seiner Hochzeit geschenkt; fbr 
die Sammlungen des Goethehauses ist sie wichtig zum 
Vergleich mit den Ansichten der Gerbermühle und Frank- 
furts aus dem August 181 5, die man früher für eigene 
Arbeiten Rosettens gehalten hat. — Herrn Dr. Ferdinand 
Reuß in Würzburg verdanken wir ein von Schillers Enkel, 
L. von Gleichen-Rußwurm, nach Tischbein gezeichnetes 
Bild des Großvaters, das Frau Emilie von Gleichen ihrem 
Hausarzte, dem Vater des Dr. Reuß, zum 10. November 1859 
geschenkt hatte. 



—^ 20 

Die Portraitsammlung wurde vermehrt durch eine 
Photographie des im Besitze Heim Professor Vaüm^ers 
in Halle befindlichen Goethebildnisses von Jagemaon; — 
eine Photographie des Jugendfreundes Goethes, Ludwig 
Passavant aus Frankfurt, verehrt von dessen Großncffeii, 
Geh. Justizrath F. L. Ziegler in Berlin; — Herr Dr. JuUus 
Vogel in Leipzig schenkte eine Nachbildung eines voo 
Oeser gezeichneten Bildnisses seiner Tochter Friederike. 

Von den zahheichen Zuwendungen an die Bibliotbd 
des Goethe-Hauses erwähnen wir nur: Prof. H Funcks 
Abhandlung über Bildnisse der Frau v. Stein, — den 
Aufsatz Prof. Dr. H. Cohns in Breslau über Goethes an- 
gebliche Kurzsichtigkeit und die von ihm benutzten Augen- 
gläser, — den IL Band der Briefe an Frau v. Stein und 
den XXI. Band des Goethe- Jahrbuchs, geschenkt von der 
literarischen Anstalt (Rütten dk Loening) in Frankfurt a- M., - 
das Leben Goethes von Prem, geschenkt von dem Ver- 
leger Herrn Ernst Hoppe in Leipzig, — die Festschrift znr 
Enthüllung des Wiener Goethedenkmals am 18. Dezember, 
übersandt von dem Wiener Goethe- Ferein u. a. m. 

Nach all dem Erfreulichen ist noch eines Verlustes ro 
gedenken, den das Goethe-National-Museum durch den Tod 
des allen Besuchern wohlbekannten Hausmeisters G. Braon 
eriitten hat; nach langem Leiden ist der pflichttreue Mann 
am 21. September gestorben. Zuverlässig in allen An- 
gelegenheiten des Dienstes, hatte er sich so gut in den 
ganzen Besund der Sammlungen wie der Bibliothek ein- 
gearbeitet, daß die Direction in ihm einen tüchtigen Helfer 
verliert, dem sie stets ein dankbares Andenken bewahren 
wird. 



Die Einzelnheiten der Berichte bestätigen in erfreu- 
licher Weise, was oben über das Ganze des Jahres gesagt 
worden ist. Sie geben, werden sicherlich auch in Zukunft 
geben ein Bild jenes »folgerechten Thuns, auf das die ver- 
nünftige Welt entschieden angewiesen ist«, und das nadi 
dem weitem Worte unseres Dichters den menschlichen 
Geist ermuthigt, wenn er auch zugleich gestehen muß, daß 



— ♦• 21 ^ — 

er, eben in der Gliederung dieser Folge, selbst an und ab- 
tretend so Freude als Schmerz — wie in dem Wechsel 
der Jahreszeiten, so in dem Menschenleben — an Andere 
wie an sich selbst zu erwarten habe. Diese Aeußening 
Goethes in dem Brief an v. Beulwitz vom 14. Juli 1828 führt 
uns zurück zu dem Dornburger Schloß, zu den herrlichen 
Landschaftsbildem, den nahen wie fernen, in deren Be- 
trachtung Goethe Trost suchte und fand nach dem Tode 
seines fürstlichen Freundes, dessen landesherrliches und 
menschliches Wirken er in ihrer Symbolik unvergleichlich 
darstellt. Dem Wort an der Thüre des Schlosses: 

»Freudig trete herein und froh entferne dich wieder. 
Gehst du als Wanderer vorbei, segne die Pfade 

dir Gott« 

giebt Goethe im höchsten Sinne eine wahlspruchartige 
Bedeutung für das Leben Carl Augusts, der jederzeit mehr 
für die Kommenden, Scheidenden und Vorüberwallenden 
besorgt gewesen sei, als für sich selbst, der weniger seiner 
Wohnung, seines Daches gedacht habe als Derjenigen, 
welche da zu beherbergen, mit Gunst zu verabschieden 
oder vorbeigehend zu begrüßen seien. Dankbar bezeugt 
die Goethe-Gesellschaft, wie in solcher Pflege edelster 
Gastlichkeit für deutsche Wissenschaft, Literatur und Kunst 
Carl Alexander des großen Ahnherrn würdiger Enkel 
gewesen ist. 

Weimar, April 1901. 

Im Auftrage des Geschäftsführenden Ausschusses: 

P. von Bojanowski. 




— «»» 22 4» — 



Mitglieder -Verzeichniss 



DER 



Goethe-Gesellschaft. 

(Abgeschlossen Mai 1901.) 



Protector: 

Seme KSnigL Hoheit der Grosahenog Wilhelm Ernst 

Yon Sachsen-Weimar-Eiseiiaoh. 



Vorstand: 
Präsident : 



Geh. Hofrath Dr. C Ruland, Direaor des Großh. Museums 
und des Goethe-National-Museums in Weimar. 



Vice-Prisidenten : 

Professor Dr. Erich Schmidt in Berlin. 

Geh. Rath Dr. Freiherr fV. v. Biedermann in Dresden. 



Vorsiapds-Mitglieder : 

Geh. Staatsrath Dr. Eggelingy Curator der Universität in Jena. 
Wirkl. Geh. Rath Professor Dr. Kuno Fischer^ Exccüenzy 

in Heidelberg. 
Freiherr Dr. L. van Gleichen-Russwurm, Königl. Bayerischer 

Kämmerer, in Weimar. 
Dr. Paul Heyse in München. 
Professor Dr. Ernst Martin in Straßburg i. E. 
Wirkl. Geh. Rath Dr. Carl von Stremayr, Präsident des 

K. K. obersten Gerichtshofes a. D., Excellenz, in Wien. 
Geh. Hofrath Professor Dr. B. Suphan, Director des Goethe- 

und Schiller-Archivs in Weimar. 



—4^ 23 4— 



Geschäftsführender Ausschuss 

in Weimar: 



Vorsitzender: Geh. Hofrath, Oberbibliothekar 

P. von Bojanowski. 
Stellvertreter: Geh. Hofrath, Archivdirector Dr. 

H. Burkhardt. 
Schriftführer: Finanzrath Dr. K. Nebe. 
Stellvertreter : Bürgermeister Dr. M. Donndorf. 



Kammerherr, Cabinetssecretär Dr. H. Reichsfreiherr 

von und t^u Egloffstein. 
Staatsrath Dr. K. Kuhn. 
Commer2;ienrath Dr. R. Morit:(^. 
Geh. Hofrath Professor Dr. B. Suphan. 
Kammerherr. General-Intendant H.v. Vignau, Major z. D. 
Ober-Schloßhauptmann Wirkl. Geh. Rath Graf 0. v. Wedel, 
Exe. 




— "^ 24 4— 



Mitglieder: 

Seine E. n. K. Majestät Wilhelm IL, Deutscher Kaiser 

und König von Flrenssen. 
Hure K. n. K. Majestät Angosta Victoria, Deutsche Kaiserin 

und Königin von Frenssen. 
Ihre K. u. K. Majestät Victoria, Kaiserin und Königin 

Friedrich. 
Seine K. u. K. Apost. Majestät der Kaiser von 0est6^ 

reich, König von Ungarn. 
Seine Majestät der König von Schweden nnd Norwegen. 
Ihre Majestät die Königin Wittwe Maigherita von ItaheoL 
Ihre Majestät die Königin Marie von Neapel 
Ihre Majestät die Königin Elisabeth von BnmSnien, 
Ihre Kaiserliohe Hoheit die Frau Grossfarstin Elisabeth 

Manrikiewna von Bussland. 
Seine Königliche Hoheit der Grossherzog von Baden. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Grosshersogin von Baden. 
Seme Königliche Hoheit der Grossherzog von Oldenboig. 
Seine Königliche Hoheit der Grossherzog von Sachsen. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Erbgrossherzogin -Wittwe 

Yon Sachsen. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin Oarl Theodor 

in Bayern. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin Amalie von üraoL 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Prinzessin Ludwig 

Ferdinand von BaTom. 
Seine Königliche Hoheit Alezander Friedrich, Landgraf 

Yon Hessen. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Gräfin von Flandern« 
Seine Hoheit der Herzog von Sachsen-Altenburg. 



—4^ 25 

Hure Kaiserlich Eonigliche Hoheit die Frau Herzogin 
Wittwe Mari6 von Sachsen-Ooburg und (kfiäiAf 
Herzogin von Edmbnrg, GrossfOrstin von Bussland. 

Seine Grossherzogliohe Hoheit Prinz Haz von Baden. 

Ihre Hoheit die Frau Herzogin Wittwe Alezandrine von 
Saohsen-Goburg und Gotha. 

Seine Durohlauoht Fürst Heinrich MV. Beuss j. L. 

SeineDurchlauohtFfirst Heinrich XXIV. j. L. Beuss-Koestritz. 

IhreDurchlaucht FurstmHeinrichXXIV. j.L.Beuss-Eoestritz. 

Seme Hoheit der Erbprinz von Sachsen-Meiningen. 

Seine Hoheit der Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg- 
Schwerin. 

Ihre Hoheit die Frau Herzogin Johann Albrecht von 
Mecklenburg-Schwerin. 

Seine Durchlaucht der Prinz Heinrich VII. Beuss. 

Ihre Hoheit Frau Prinzessin Heinrich VIL Beuss. 

Ihre Hoheit Frau Prinzessin Moritz von Sachsen-Altenburg. 

Ihre Hoheit Frau Prinzessin Helene von Sachsen-Alten- 
burg, Herzogin von Mecklenburg-Strelitz. 

Ihre Hoheit Prinzessin Marie von Sachsen-Meiningen. 

Seine Hoheit Prinz Herrmann von Sachsen-Weimar. 

Seine Hoheit Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen. 

Seine Hoheit Prinz Friedrich von Sachsen-Meiningen. 

Seine Durchlaucht Erbprinz Heinrich XXVII. y. Beuss. j.L. 

Seine Hoheit Prinz Friedrich Garl von Hessen. 

Ihre Hoheit die Frau Fürstin zu Schaumburg-Lippe. 

Ihre Hoheit die Frau Erbprinzessin Leopold von Anhalt. 

SeineHoheit der HerzogEmst Günther zu Schleswig-Holstein. 




26 4— 



Ehren-Mitglied: 

von GUichen-Russwurm, Freiherr L^ Dr^ Königl. Bayerischer 
Kämmerer in Greifenstein ob Bonnland. 



Berlin: 



Mitglieder auf Lebenszeit: 

Seine K. u. K Apostol. Majestät der Kaiser von Oesterreicb, 

Konig von Ungarn. 
Ihre K. K. Hoheit die Frau Her:(Ogin Wittwe Marie von Sachsen- 
Coburg und Gotha, Herzogin von Edinburg, Grossfurstin 
von Russland. 
Seine K. Hoheit Alexander Friedrich, Landgraf von Hessen. 

von Dirksen, W., Geh. Legationsrattu 
Friedländer, Frau Professor. 
Liebemumn, Dr. Fdix, Professor. 
Maas, Heinrich, Fabrikbesitzer und 

Handelsrichter. 
Manheimer, Ferdinand, Commerzien- 

rath. 
Raschdau, Geh. Legationsrath. 
von Rheinbaben, Geh. Ober-Regie- 

rungsrath. 
Frau Anna Jägermayer. 
Kornfeld, Sigmund, Director der 
Ungarischen AUgem. Creditbank. 
Sturd^a, Demetrius, KgL rumän. 
Staatsminister a. D., Excellenz. 
Frau Geh. Reg.*Rath von Siemens. 
Frau Geh. Commerzienrath E. Spaeter. 
Frau Kreisrichter M. Führling. 
Masing, Dr. Woldemar, Docent a. d. 
Universität. 
Keyl, Georg Albert. 



Budapest : 



Bukarest : 

Charlottenburg : 
Coblenz :. 
Dallau (Baden): 
Dorpat : 

Frankfurt a: M. 



Godeaberg bei Bonn : 
GötUngen : 
Hamburg: 
HUdburghaiueii : 
Klein-Eiohholz: 
Mönchen : 
Nieder-Ingelhelm : 
Nikolajew : 
Rathenow : 
Schlitz: 
Weimar: 

Wien: 



— * 27 ^fr— 

Frau Lucy Hoesch, 

Manheimer, Stud. phil. Victor. 

von Dehn, Adolf Axel, Dr. jur. 

Pdifl von Petrovics, Redacteur. 

Meyer, Lothar, Rittergutsbesitzer. 

Fräulein Marie von Ritter. 

Frau Baronin von Erlanger -Bemus. 

Reyhir, Rudolf fVolfgang. 

Frau Clara Rhein. 

Gört}^ von Schliß Graf, Erlaucht. 

Frau Marie von Gäben. 

Fulpius, Dr. Walther, Arzt. 

Ihre Durchlaucht Frau Fürstin M. s^u 

Hohenloht - Schillingsfür si , geb. 

Prinzessin Wiltgenslein. 
Frau Rosa von Gerold, geb. Henneberg. 




28 ^— 



Die Namen der Hitglieder auf Lebensaeit aind in der 
atehenden Llate nochmala earaiT abgedradct. 



DEUTSCHES REICH. 



Aachen. 

Messow, Franz G. 

Stadtbibliothek. 

V. Wagner, Frau Geh. Raih Marie. 

Aehem i/Baden. 
Wagner, Gusuv, Privatier. 

Allenatein i/Ostpr. 

Grass, Franz, Rechtsanwalt. 
Schey, S., Rechtsanwalt 
Szost;ücowski, Amtsgerichts-Rath. 

Altenbnrg 

(Sachsen-AUenburg). 

Höfer, Dr. Arno, Rechtsanwalt. 
Landesbibliothek, Herzogliche. 

Altona. 

Callisen, Frau Dr. 
Kahler, C, Pastor. 
Kahler, Julius, Rentier. 
Lehmann, O., Museums-Director. 
Rauchfuß,FrauWally , gb.Rauchiuß. 
Sieveking, Carl, Rechtsanwalt und 
Notar, Justizrath. 

Altwasser (Schles.). 

Faist, Frau Director Anna, geb. 
Kaehlmann. 

Amtitx i/Lausitz (Kr. Guben). 
Heinrich, Prinz zu Carolath-Schön- 
aich, Durchlaucht, Freier Stan- 
desherr und Majoratsherr. 

Annettenhoh b/Schleswig. 
V. Brockdorff, Frau Baronin. 

Apolda. 

Mi]tsch,FrauCommerzienrathAnna. 
Opel, Louis, Fabrikant, Commer- 
zienrath. 



Arnsberg (Westf.). 

Baltz, Fräulein Joluuma, Schrift- 
stellerin. 

Schloss Amahavak 
b/Neusudt a/Orla. 

V. Mohl, Ottmar, Kf L Kammer- 
herr, Geh. Leg.-Kath, derz. in 
Cairo (Egypten). 

Arnstadt. 

Maempel, Major a. D. 

Ars a/Mosel (Lothringen). 
Carlebach, Dr. Ed., Notar. 

Aschaffenbmrg. 

Fränkel,Dr.Ludwig»Kgl.Reallehrer. 

Angsbnrg. 

Bauer, Ludwig, Rechtsanwalt. 

Enderlein, Friedrich, Landgerichts- 
präsident. 

Flesch, Gusuv, Bankier. 

Herzfelder, J., Rechtsanwalt,Justiz- 
ratb. 

Stadtbibliothek. 

Baden-Baden. 

Jordan, Kais. Wirkl. Geh. Rath, Exe 
Koeder, Emil, Commerzienrath. 
V. Ysselstein, Paul, Reg.-Rath z. D. 

Bamberg. 

Marschalk v.Ostheim,Freiherr EmiL 
Reber, Dr. Jos., Kgl. Scminar- 
Director. 

Barbj a/Elbe. 
Thierbach, Otto. 



— "*> 29 ^ — 



Barmen. 

Liedtke, Dr. Heinrich, Oberlehrer. 
Nordhaus, Hermann, Kaufmann. 
Stadtbibliothek. 

Baatxen. 

Fritzsche, Georg, Gymnasial-Ober- 

lehrer. 
Klee, Dr. Gotthold, Professor, 

Gymnasial-Oberlehrer. 
zur Lippe, Graf Clemens, 

Regierungs- Assessor. 

Bayreuth (Bayern). 

Gynmasialbibliothek. 
Wagner, Siegfried. 
Würzburger, Frau Jenny, Rechts- 
anwaltswittwe. 

Bellln b/Bärwalde (Neu-Mark). 
V. Kahle, Fräulein Julie. 

Bemerode b/ Hannover. 
Schmidt, Frau Dr. Julian. 

Bennigsen b/Hannover. 

V. Bennigsen, Rudolph, Oberpräsi- 
dent a. D., Exe 

Bensheim (Hessen). 
Lugenbühl, Frl. Helene, Rentnerin. 

Bergxabem. 

Moschel, Rob., Rentamtmann. 

Berlin. 

Abraham-Römer, Dr. jur.A., Schrift- 
steller, Herausa;eber d. Corresp. 
für Kunst una Wissenschaft. 

Aegidi, Dr. L., Professor, Ge- 
neimer Legationsrath. 

Alexander, Felix, Procurist. 

Andresen, Waldemar, Bankbeamter. 

Amheim, Fräulein Amalie. 

Ascher, Hugo. 

V. Asten, Fräulein Julie. 

Bading, Stud. jur. Curt 

Baerwald, S. 

Bamberg, Kaufmann. 

Bardt. Dr. C., Gymnasialdirector. 

Barschall, Dr. M., Geh. Sanitätsrath. 

Baruch, Rieh., Kaufmann. 

Baumann, Dr., Oberlehrer. 

Becherer, Dr., Rechtsanwalt. 



Berlin. 

Bechstein, Edwin, Pianoforte- 
Fabrikant. 

Becker, Carl, Beamter der Handels- 
gesellschaft. 

V. Heckerath, A. 

Behrend, Adolf, Buchhändler. 

Behrendt, Severin, Rechtsanwalt. 

Bellermann, Dr. L., Director des 
Berlinischen Gymnasiums zum 
Grauen Kloster. 

V. Benckendorf u. v. Hindenburg, 
Frau, geb. Gräfin zu Münster- 
Demeburfi^. 

V. Berg, Karl, Amtsgerichtsrath. 

Bew^er, Dr. phil. Arnold E., Prof. 

V. Bergmann, Frau Geh. Rath. 

Bernhard, Arthur, Bankier. 

Bernhard, Stud. phys. Ludwig. 

Bernstein, Frau Professor Dr. C. 

Bibliothek, Königliche. 

Bibliothek, Städtische der Goeritz- 
Lübeck-Stiftune; (O. Goeritz). 

Bibliothek d. Kgl. Realgymnasiums. 

Bibliothek des Kgl Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Bielschowsky, Dr. Albert, Ober- 
lehrer. 

Birnbaum, Georg, Schriftsteller. 

V. Bissinj^, Freiherr Dr. jur. 
Friedrich Wilhelm. 

Block, Paul, Redacteur d. Berliner 
Tageblatts. 

Blumenthal, Dr. Oskar, Director 
des Lessinfi[-Theaters. 

Bock, Hugo, Commerzienrath. 

Bodländer, Rechtsanwalt. 

Bondi, Dr. phil. Georg, Verlags- 
buchhändler. 

Borchardt, Dr. Oskar. 

Borchardt, Frau Comm.-Rath Rud. 

Boretius, Fräulein Charlotte. 

Brahm, Dr. Otto, Director des 
Deutschen Theaters. 

Brasch, Dr. Martin, Nervenarzt. 

Braumüller, Dr., Professor, Ober- 
lehrer. 

Braun, Landgerichtspräsident. 

V. Braunschweig, Kaiserl. Ge- 
sandter z. D. 

BreiderhofF, Frau Dr. 

Breslauer, Bernhard, Justizrath. 

Broicher,Ottö,Kammergerichtsrath. 

V. Brühl, Gräfin Hedwig, Palast- 
dame, Exe 

Buchholtz, Dr. Arend, Bibliothekar. 



V 



30 



Berlin. 

V. Bülow, Gräfin, geb. Prinzess 
Camporeale, Exe 

Bimsen, Fräulein Marianne. 

V. Bunsen, Fräulein Marie. 

Burgers, Max, Bankier. 

Bürgner, Hedwig, gepr. Sprach- 
lehrerin. 

Busse, Moritz, Kaufmann. 

Cahn, Dr., KaiserL Geh. Legations- 
rath. 

Cahn, Frau, Geh. Legationsrath. 

Caro, Dr. Georg. 

Carrenno, Teresa, Künstlerin. 

Cassirer, Ernst. 

Cohn, Albert, Buchhändler. 

Cohn, Alexander Meyer, Bankier. 

Cohn, Alfred, Bankier. 

Cohn, Frau Dr. Anna. 

Cohn, Dr. Heinrich, Rechtsanwalt. 

Cohn, Dr. jur. Martin, Referendar. 

Cohn, Fräulein Therese. 

V. Cramm-Burgdorf, Freiherr, Her- 
zogl. Braunschweig. Gesandter. 

Crome, Rechtsanwalt und Nour. 

V. Crompten, Ewans, Oberleumant 
a. D., Versicherungs-Inspector. 

Daffis, Dr. Anton. 

V. DaUwitz, Frau W., geb. v. Gräfe. 

Darmstädter, Dr. Ludwig, Fabrik- 
besitzer. 

V. Decker, Frau. 

Delbrück, Dr., Staatsminister, Exe 

Delbrück, Ludwig, Bankier. 

Delbrück, Frau Geh. Conmierzien- 
rath Luise. 

Dickhuth, Major im Großen Ge- 
neralstabe. 

V. Dirksen, W„ Geh, Legationsrath. 

Dohme, Frau Geh.-Rath. 

V. Donop, Dr. L., Professor. 

Doss, Fräulein Marie. 

Douglas, Frau Gräfin. 

Douglas, Theobald, Bergwerks- 
besitzer. 

Dümmler, Dr. E., Professor. 

Egcr, W. 

Eggers, Fräulein Auguste. 

V. Eichhorn, WirkL Geh. Legations- 
rath. 

Elias, Dr. phiL Julius. 

Elias, Max, Rentier. 

Ellinger, Dr. Georg, Oberlehrer. 

Eloesser, Dr. phiL Arthur. 

Eisner, Georg, Verlagsbuchhändler. 

Ende, H., Professor, Geh.-Rath. 



Berlin. 

Epstein, Dr. M., Gerichtsassessor. 

V. Erdberg, Dr. Robert. 

Ernst, Eberhard, Verlagsbuchhdlr. 

Euchel, F., Justizrath. 

Eulenburg-Prassen, Graf, Exe 

Feist, Ricnard, Referendar. 

Fischer, Adolf. 

Fischer, Balduin, Kaufinann. 

Flatow, Max, Rechtsanwalt. 

Fleischhammer, Dr., Geh. Hof- 
justizrath. 

Flinsch, Alexander, Kaufmann. 

Fränkel, Dr. Max« Professor. 

Fraenkel, Max, Maurermeister. 

V. Frankenberg, Rittmeister im 
Garde-Kürassierre^iment. 

Franzos, K. E., Schrittsteller. 

Frenkel, H., Bankier. 

Frenzel, Frau Bertha. 

Frenzel, Dr. Karl, Professor, Re- 
dacteur der Nationalzeitung. 

Fresenius, Dr. August. 

Freund, Ernst 

Freund, Hubert, Oberlehrer. 

Frey, Dr. Karl, Professor. 

Friedenthal, Frau Margaretha. 

Friedländer, Frau Professor. 

Friedländer, Max,Amtsgerichtsratfa. 

Friedländer, Dr. phil. Max, Privat- 
docent der Musikwissenschaft 

Friedmann, Dr. Alfired, Schrift- 
steller. 

Fromberg, Frau Martha. 

Gebhard, Frau Rudolf. 

Geiger^ Dr. Ludwig, Professor. 

Geifer, Frau Professor Martha. 

Gero, Fräulein Franziska. 

Gemsheim, Friedr., Professor. 

Gerstäcker, Otto, Amtsgerichtsrath. 

Gesch, Paul,Kgl. Reg.-Rath, Haupt- 
mann der Reserve im Garoe- 
fusilierregiment. 

Geschke, Karl, Justizrath. 

Gesenius, Stadtältester, Direaor 
des Berliner Pfandbrief-Amtes. 

V. Glasenapp, Geh.Ober-Finanzratfa. 

Glaser, Dr. Adolph, Redaaeur. 

Glaue, Arthur, Buchhändler. 

Gloeden,Lehrer an dSophienschule. 

V. Gneist, Regierungs-Assessor. 

Goldbeck, Dr. Ernst, Gynmasial- 
Oberlehrer. 

Goldberg, Alfred, Kaufmann. 

Gottheiner, Fräulein Marie. 

Gottheiner, P., Stadt-Bauinspector. 



—^ 31 "^— 



Berlin. 

Gotthelf, Cand. phil. Friedrich. 

Gotthelf, M. 

Gottschalk, Gustav, Kaufmann. 

Graue, Paul, Prediger. 

Grimm, Dr. Herman, Professor, 
Geheimer Regierun^rath. 

Grisebach, Hans, Architect. 

von der Groeben, Frau Gräfin, Exe. 

de Gruyter, Dr. Walter, Verlags- 
bucnhändler. 

Gubitz, Frau Maria, Buchh.- u. 
Schriftst.-Wittwe. 

Günther, Franz, Hofgoldschmied. 

Günther, Dr. jur. Fritz, Gerichtsass. 

Güterbock, Stud. phil. Eduard. 

V. Guldencrone, Frau Baronin. 

Gumbert, Friedrich Moritz, Bankier. 

Gwinner, Arthur, Director der 
Deutschen Bank. 

Hamburger, Dr. phil. Paul. 

Hartleben, OttoEnch, Schriftsteller. 

Hecht, Rieh., Kaufmann. 

Heinemann, Stud. jur. Franz. 

Heinitz, Frau Anna. 

Heinitz, Franz, Rechtsanwalt. 

Heitmüller, Dr. phil. Ferdinand. 

Henning, Theodor, Architect. 

Henschel, Stud. Ernst. 

Herold, Hugo. 

Herrmann, Dr. phil. Max, Privat- 
docent an der Universität. 

Hertz, Wilh., Verlagsbuchhändler. 

Herz, Stud. phil. Max. 

Herzfeld, Dr. phil. Georg. 

Hesse, D., Rentier. 

Heydemann, Dr. phil. V. 

von der Hey dt, Carl, Commerzien- 
rath. 

Heyfelder, Stud. phil. Erich. 

Hildebrandt, Dr. phil. Edmund. 

Hiller v.Gaertringen, FreiherrDr.F., 
Professor. 

V. Hochberg, Graf, General-Inten- 
dant, Exe. 

Hoffmann, Dr. Ed.,Geh.Ober-Reg.- 
Rath. 

Hofmatm, Rudolf, Veriagsbuch- 
händler. 

V. Hohenthal und Bergen, Graf, 
Kgl. Sachs. Gesandter, Exe. 

Hollaender, Felix, Schriftsteller. 

V. Holst, Mathias, Baumeister. 

Horsfall, Charles. 

Hübler, Dr. jur. Bernhard, Pro- 
fessor, Geh. Ober-Reg.-Rath. 

Goitbb-Jahrbuch XXII. 



Berlin. 

Hünke, Fritz, Regier.-Referendar. 
V. Humbracht, Baron J., Legations- 

rath, Kgl. Kammerjunker. 
V. Hutten-Czapski, Graf, Mitglied 

des Herrennauses. 
Jackson, John B., Amerikanischer 

Botschaftsrath. 
Jacobi, Leopold, Kaufmann und 

Stadtverordneter. 

Jacobs, Dr. phil. Montage, 
aeoby, Dr. Daniel, Gymnasial- 
Professor. 

J aeoby, Edmund, Kaufmann, 
aequet, Dr. med. W., Sanitätsrath. 
ähns, Frau Oberstleutnant Marie, 

geb. Tannhäuser. 
Jahns, Fräulein Hildegard. 
Jaflfö, Frau Dr. Helene. 
Jahn, Dr. phil. Kurt. 
Ihne, Frau Geh. Rath. 
Bberg, Frau Oberstabsarzt Dr. 
Imelmatm, Dr. J., Professor am 

Joachimsthalsehen Gymnasium. 
Joachim, Prof. Dr. Joseph. Director 

der Kgl. Hochschule für Musik. 
Jonas, Dr. Fr., Städtischer Sehul- 

Inspector. 
Jonas, Frau Clara. 
V. Kaiekreuth, Frau Gräfin B., geb. 

Meyer. 
Kalischer, Dr. S., Professor. 
Kallmann, Eugen, Rechtsanwalt. 
Kapp, Fräulein Ida. 
Karneles, Dr. Gustav. 
KasKel, Frau Carl. 
Kastan, Dr. Isidor. 
Kastan, Dr. Albert. 
v. Kaufmann, Dr., Professor, Geh. 

Regierungs-Rath. 
Kaufmann, Carl, Fabrikbesitzer. 
Kekul^ V. Stradonitz, Dr. Reinhard, 

Professor, Geh. Reg.-Rath. 
Kerb, Robert, Fabrikbesitzer und 

Handelsrichter. 
Kessler, Graf Harry. 
Kette, Fräulein Marie, 
von dem Koesebeck, Kabinetsrath 

I. M. der deutschen Kaiserin. 
Koch, Rudolph, Director der 

Deutsehen Bank. 
Koehne, Frau Clara. 
Koenigs, Fräulein Elise. 
Koffka, Dr. J., Justizratb. 
Kraft, BemHard, Rechtsanwalt. 
Kraft, Dr. med. Ludwig. 

24 



— -♦ 32 



Berlin. 

Kriefi[er,Dr.BogdaD3ibliothekar der 

Hausbibliouiek S. M. des Kaisers. 
Kronecker, Fräulein Elisabeth. 
Kronenber&^y Dr. M., Redacteur der 

»Ethiscnen Kultur«. 
Kronfeld, Dr., Rechtsanwalt. 
Kronheim, Georg. 
Kubier, Dr., Professor, Director 

des Wilhelm-Gymnasiums. 
V. Kühlewein, Regierungsrath. 
Landeker, Director. 
Lassar, Dr. med. Oscar, Professor. 
Lautenburg, Director Sigmund. 
Lazarus, Gustav, Tonkünstler. 
Leffmann, Gustav, Kaufmann. 
Lehmann, Gustav, Wirkl. Geh. 

Kriegsrath. 
Lehmann, Paul, Buchhändler. 
Leppmann, Cand. phil. Franz. 
V. Lerchenfeld-Köfering, Graf, KgL 

bayr. Gesandter, Exe. 
Leske, Dr., Geh. Justizrath. 
Lesse, Justizrath, Rechtsanwalt und 

Notar. 
Lesser, Paul Ph. 
Lessing, Frau Alma, geb. Marschall 

V. Biberstein. 
Lessing, C. R., Geh. Justizrath. 
Lessing, Dr. phil. Oscar. 
Levin, Dr. Moritz, Prediger. 
Levinstein, Dr. phil. Kurt. 
Lcvy, Frau Alfred. 
Levy, Martin. 
Levy, Norbert, Kaufmann. 
Levy, Richard, Bankier. 
Levysohn, Frau Dr. Auguste. 
Lewald, Dr. Felix, Geh. Finanzrath. 
Lewald, Theodor, Regierungs-Rath. 
Lewin, Frau Alice. 
Lewy, Julius, Kaufmann, 
v. Leyden, Frau Geh. Rath. 
v.der Leyen,Dr.Geh.Ob.-Reg.-Rath. 
Uebemtann, Dr» Felix, Professor, 
Liepmannssohn, Leo, Budmändler. 
Lindau, Dr. Paul. 
v. Lipperheide, Freiherr Franz. 
Lisco, Dr. Hermann, Geh. Justizrath. 
Lisco, Walter, Rechtsanwalt. 
Lobe, Frau Magda. 
Lochner, M., Geh. Baurath. 
Loeffler, Ldw.,Verlagsbuchhändler. 
v. Lucius, Frh., Oberleumant. 
Maas, Heinrich, Fabrikbesitzer und 

Handelsrichter. 
Maass, Dr. Felix, Rechtsanwalt. 



Berlin. 

Magnus,FrauGeh.Reg.-Rath Bertha. 
Magnus, Frau Reg^erunc^srath Nina. 
Malachowski , Frau Regier.-Bau- 

meister Rose. 
Manasse- Waldeck . 
Manheimer, Ferdinand, CommerxUn- 

rath, 
Martins, Frau Margarethe, geb. Veit 
Marx, S. 
Matthiae, Dr. Otto, Professor, 

Oberlehrer. 
Mayer, Alfred, Kaufmann. 
Mayer, Fräulein Ellen. 
Mayer, Stud. jur. et cam. Karl. 
Meäer, Louis, Kunsthändler, 
v. Meier, Dr. jur. Ernst, Geh. 

Ober-Reg.-Rath, Universitäts- 

Curator a. D. 
Meirowsky, Frau Emestine, geb. 

Soutowsky. 

Mendelssohn-Bartholdy,FrauMane. 
Menzer, Dr. phil. Paul. 
Meydam, Frau General Marie, Exe 
Meyer, Dr. iur. Alexander. 
Meyer, Fräulein Alice. 
Meyer, Carl, Fabrikant. 
Meyer, Ferdinand, Rentier. 
Meyer, Georg Heinridi, Vcrlags- 

Duchhändler. 
Meyer, Frau Dr. Hedwig. 
Meyer, Dr. Ludwig. 
Meyer, Ludwig, Kaufmann. 
Meyer, Paul, Rechtsanwalt. 
Meyer, Dr. Richard M., Professor. 
Meyerhof, Felix, Kaufmann. 
Meyer-Michaelis, Frau Elise. 
Michaelis, Dr. Carl Theodor, 

Director. 
Michaels, Frau Mathilde. 
Michel, Stud. jur. et phil. Herrn. 
Mirauer, Frau Zerline. 
Möbius, Dr. Karl, Professor, Geh. 

Regierungsrath, Director der 

zool. Abth. des Museums für 

Naturkunde. 
Möller, Stud. phil. Heinrich. 
Möller, Dr. W., Oberiehrer am 

Königstädtischen Gymnasium. 
Morsch, Dr. Hans, Realgymnasial- 

Oberlehrer. 
Müller, Conrad, Oberlehrer am 

Toachimthalschen G3rmnasium. 
Müfler-Grote, Carl, Verlagsbudi- 

händler. 
Munck, W., Landrichter. 



— *^ 33 *— 



Berlin. 

Munk, Frau Professor Pauline. 

Muth, J. F., Hauptmann. 

Nathan, Dr. P. 

Naumann, Dr., Geh. Ober-Reg.- 
Rath. 

Nehring, K., Oberlehrer. 

Nelke, Dr., Rechtsanwalt. 

Nelke, Frau Emma. 

Neubauer, Dr.Richard,Professor am 
Gymnasium zumGrauenKloster. 

Neubner, Stud. rer. techn. Alfred. 

Neumann, Dr. H., Rechtsanwalt. 

V. Oettingen, Dr. Wolfgang, Prof. 

Ohmstede, Adolf, Dirätor einer 
höheren Knabenschule. 

Oldenberg, C. M. 

Orgler, Cand. phiL Adolf. 

OsDorn, Dr. phil. Max. 

Paetel, Elwin, Verlagsbuchhändler, 
Commerzienrath. 

Paetel, Dr. phil. Georg. 

Pasch, Max, Hofbuchhändler. 

Pernice, Dr. A., Professor, Geh. 
Justizrath. 

Peters, Ministerialdirector, Wirkl. 
Geh. Ober-Reg.-Rath. 

Petersen, Stud. phil. Julius. 

PfafF, Albert, Commerzienrath. 

Philipp, Fräulein Marie. 

Pieper, Oberlehrer. 

Pietsch, Ludwig, Professor. 

Pietsch, Dr. P., Professor. 

Pilger, Dr., Geh. Reg.- u. Schulrath. 

Pincus, Frau Johanna. 

Pinn, Georg, Rechtsanwalt. 

Pitsch, Fräulein Charlotte. 

Plessner, Landgerichtsrath. 

Plessner, Dr., Sanitätsrath. 

Pniower, Dr. phil. Otto. 

Posner, Dr. med. Karl, prakt. Arzt. 

Preuss, Dr. R., Bibliothekar an der 
Kgl. Bibliothek. 

Prinz Heinrich-Gymnasium, Kgl. 

Rading, F. 

V. Radowitz, Frau Bertha, General- 
leu toants-Wittwe, Exe. 

Raehmel, Dr. jur. Wilhelm, Refe- 
rendar. 

Raschdau, Geh. Legationsrath» 

Raschdau, Frau Geh. Legationsrath. 

vom Rath, Fräulein Adi. 

vom Rath, Adolf. 

vom Rath, Frau Anna. 

Rathenau, Stud. rer. techn., Kurt. 

Reichau, Geh. Ober- Justizrath. 



Berlin. 

Reimann, Rud., Fabrikbesitzer. 
Reissert, Dr. Arnold, Regierungs- 

rath. 
Reschke, Max, Schiffskapitän a. D. 
Reschke, Oskar. 

Reuleaux, Dr. Prof.,Geh.Reg.-Rath. 
V. Rheinbaben, Geh, Ober-Regierungs- 

rath, 
Rhenius, Dr. jur.,Kaiserl. Reg.Rath. 
Richter, Frau Professor. 
V. Richthofen, Freifrau, geb. 

Mendelssohn- Barthbldy. 
V. Richthofen, Freifrau, geb. Freiin 

V. Richthofen. 
Riesenfeld, Hugo, Kaufmann. 
Riesser, Frau Justizrath Dr. 
Rodenberg, Dr. Julius, Professor. 
Rödiger, Dr. Max, Professor. 
Roethe, Fräulein Elisabeth. 
Rohde, Jolin, Director. 
Rosenberger, Dr. Arthur, Rechts- 
anwalt. 
Rothstein, Dr. Max, Privatdocent. 
Rubensohn, Hermann. 
Sachs, Hujg^o, Rechtsanwalt. 
Saegert, Fräulein Anna. 
Schaper, Fritz, Professor, Bildhauer. 
Schaum, Frau Professor Clara. 
V. Schelling, Dr., Staatsminister, 

Exe. 
Schelske, Dr. R., Privatdocent. 
Schiff, Alfred, Privatgelehrter. 
Schiff, Frau Anna. 
Schiff^ Georg, Assessor. 
Schleicher, Dr. Iwan. 
Schienther, Amtsgerichtsrath. 
Schlesinger, Frau Alice. 
Schlesinger, P., Gymnasiallehrer. 
Schlesinger-Trier, Frau C. 
Schlieper, Frau Helene. 
V. Schlippenbach, Frau Gräfin. 
Schmidt, Dr. Erich, Professor. 
Schmidt, Dr. Max C. P., Professor, 

ordentl. Lehrer am Askanischen 

Gymnasium. 
Schmidtlein, Dr. med. C, Arzt. 
Schmieden, Kgl. Baurath. 
Schmoller, Dr. Gustav, Professor. 
Schneider, Dr. E. 
Scholl, Robert, Geh. Legationsrath. 
Schöne, Dr., Wifkl. Geheimer 

Ober-Regierungsrath, General- 

director der Kgl. Museen. 
Schönlank, Frau General-Consul 

William. 

24* 



■^ 34 *— 



Berlin. | 

Schröder, Dr. Otto, Professor am 
Joachimthalschen Gymnasium. 

Schroeder, Dr. 

Schubart, Dr. Wilhelm, Directorial- 
Assistent bei den Kgl. Museen. 

SchulhofF, Fräulein Else. 

Schnitzen- v. Asten, Frau Professor. 

Schweitzer, Eueren, Kaufmann. 

Schwieger, Dr. Paul, Oberlehreram 
Friedrich- Wilhelm-Gymnasium. 

Seckt, Dr. Felix, Oberlehrer am 
Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. 

Sello, Dr. F., Rechtsanwalt. 

Seminar, Kgl., für Germanistische 
Philologie. 

Siemenroth, Franz, Verlagsbuch- 
händler. 

V. Siemens, C. H. 

V. Siemens, Wilhelm. 

V.Siemens, Frau Elly,geb. v.Siemens. 

Silberstein, Dr. Max, Rechtsanwalt. 

Simon, Dr. Hermann Veit, Rechts- 
anwalt. 

Simrock, Fritz, Musik verlegen 

V. Simson,Aug., Justizrathu. Notar. 

V. Simson, Fräulein Elisabeth. 

V. Simson, Fräulein Margarethe. 

Sobemheim, Siegfried, Aeltester 
der Kaufmannschaft. 

Spannagel-Karthaus, Frau Auguste. 

Stechow, Dr., Generaloberarzt 

Stein, Philipp, Redacteur. 

V. Steinau - oteinrück, Frau Dr. 
Martha. 

Stengel, Dr. Paul, Oberlehrer am 
Joachimthalschen Gymnasium« 

Stern, Dr. med. E. 

Stern, Dr. med. Julius. 

Stettenheim, Julius, Schriftsteller. 

Stettiner, Frau Mathilde. 

Strassmann, Dr. med. P., Privat- 
docent und Frauenarzt. 

Strauss, Frau Hermine. 

Studt, Dr., Staatsminister, Exci 

Stümcke, Chefredacteur. 

van Tets van Goudriaan, Kgl. 
Niederl. Gesandter, Exe. 

Thiem, Frau Therese, geb. Hollex. 

Thoms, Dr. Hermann, Professor. 

Thost, Dr. Robert, i. Firma Gebr. 
Bomträger, Verlags-Buchhand- 
lung. 

Tiktin, Dr. Paul. 

Tobias, Dr. Ernst, Arzt. 

Tobler, Dr. A., Professor. 



Berlin. 

Toeche, Dr. Theodor, Königlicher 
Hofbuchhändler. 

Trippel, Frau Marie, verw. Bau- 
meister, geb. Gutike. 

Türk, Hugo, Rechtsanwalt 

Ullrich, Dr. phil. Richard, Ober- 
lehrer am Humboldt - Gym- 
nasium. 

Universitätsbibliothek, Königliche. 

Vahlen, Dr., Professor, Geh. Re- 
gierungsrath. 

Victoria-Lyceum. 

Vierling, 6., Professor. 

Violet, Dr. Franz, Gymnasial-Ober- 
lehrer. 

Vogeler, Julius, Schuldirector. 

Vogeler, Richard, Director einer 
Höheren Mädchenschule. 

Vollert,Ernst,Verlags-Buchhändler. 

Waetzoldt, Dr., Professor, Geh. 
Reg.-Rath. 

Wagner, Dr. A., Professor, Geh. 
Regierungsrath. 

Wagner, Dr. B. A., Professor. 

Weber, Otto, Landgerichtsrath. 

V. Wedel, Frau, Exe. 

V. Wedel, Graf E., Kaiserl. Ober- 
stallmeister, Exe. 

Wehrenpfennig, Frau Geheimrath 
Emilie, geb. Kopp. 

Weigert, Dr. Max, Stadtrath. 

Weinhagen, Ernst. 

Weinhold, Dr. Carl, Professor,. 
Geh. Regierungsrath. 

Weissenfeis, Dr. phil. Rieh., Prof. 

Weisstein, Gotthilf, Schriftsteller. 

Wellmann, Dr. E., Professor am 
Königstädtisehen Gymnasium. 

Welti, Dr. Heinrieh, Schriftsteller. 

Werner, Dr. R., Oberlehrer. 

Wertheim, Albert, Rechtsanwalt 

Wesendonck, Dr. Carl. 

Wesendonck, Frau Mathilde. 

Wessely, Dr. Hermann. 

Wetzel, Johannes,Gymnasiallehrcr. 

White, Andrew D., Amcrik. Bot- 
sehafter, Exe. 

White, Mrs., Exe. 

V. Wildenbrueh, Dr. Ernst, Geh. 
Legationsrath. 

Wilmanns, Dr. A., Professor, Gene- 
raldireetor der Kgl. Bibliothek. 

Wilmersdörffer, Rechtsanwalt 

Winkler, Siegfried, Director. 

V. Wittieh, Frau Luise. 



—4fr 35 *^— 



Berlin. 

Wolff, Frau Adelheid. 

Wolff, Frau Geh. Mediz.-Rath, 
Prof. Anna. 

Wolff, Charles. 

Wolff Hermann, Concertdirector. 

Wolff, Dr., Oberstabsarzt. 

Wolle, George, Fabrikbesitzer. 

Wrede, Dr. jur. Richard, Schrift- 
steller. 

Zimmermann, Dr.A., Legationsrath« 

Zinmiermann, Frau Legationsrath 
Ebbeth. 

Bernburg. 

Lehrerbibliothek des HerzogLKarls- 

Gymnasiums. 
Karls-Realgymnasium, Herzogl. 

Benthen O/L. 
Kreyssig, Fräulein Marie, Lehrerin. 

Bielefeld. 

Loebell'sche Bibliothek. 
Ransohoff, Dr. phil. Georg. 

Blankenburg a/Harz. 
Wellmer, Arnold, Schriftsteller. 

Boehum i/Westf. 
Broicher, Frau Elise, geb. Vischer. 

Bogenhausen b/München. 
Weigand, Wilhelm, Schriftsteller. 

SehloM B5rln bei DaUen. 
(Sachsen.) 

V. Zech-Burkersroda, Frau Gräfin, 
geb. V. Lüttichau. 

Bonn. 

Drescher, Dr. phil. Carl, Professor. 
Franck, Dr. Joh., Professor. 
Frank, Max, Landgeriditsrath. 
Gräfe, Dr., Professor. 
Hüffer, Dr. Hermann, Professor, 

Geh. Justizrath. 
Kayser, Dr. H., Professor. 
Leo, Fräulein Therese. 
Litzmann, Dr. B., Professor. 
Loeschke, Dr. G., Professor. 
Prym, Dr. Eugen, Professor. 
Rosenmund, Dr. phil. Richard, 

Privatgelehrter. 



Bonn. 

Schnitze, Dr. Fr., Prof., Director der 

med. Klinik, Geh. Medicinairath. 
Seminar, Kgl. germanistisches der 

Universität. 
Stier-Somlo, Dr. Fritz, Gerichtsass. 

u. Privatdocent a. d. Univers. 
Universitäts-Bibliothek^Köniffliche. 
Usener, Dr. Hermann, Professor, 

Geh. Regierungs-Rath. 
Walter, Oberpostdirector a. D., 

Geh. Ober-Postrath. 
Wilmanns, Dr. W., Professor, Geh. 

Regierungs-Rath. 
Zitelmann, Dr. Ernst, Professor. 

SchloMi Bothmer bei Klütz. 
(Mecklenburg-Schwerin.) 

v. Bothmer, Frau Gräfin Bertha. 

Brandenburg a/Havel. 

Köpke, Fräulein Suse. 

Ullrich, Dr. phil. Herm., Oberlehrer. 

Braunschweig. 

Aronheim, Dr. med. Felix. 

Bergmann, Ernst, Gymnasial-Ober- 
lehrer. 

Bibliothek desGymnasiumsMartius- 
Katharineum. 

Blasius, Dr. Wilhelm, Professor, 
Geh. Hofrath. 

Flechsig, Dr. phil. Eduard. 

Grundner, Dr. F., Kammerrath. 

Helle, Carl. 

Huch, Dr. jur. Richard, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Magnus, Karl, Bankier. 

Magnus, Dr. Otto, Justizrath. 

Westermann, Friedrich, Verlags- 
buchhändler. 

Wolff, Hermann, Commerzienrath. 

Bremen. 

Frese, Fräulein Anna. 

Fritze. Dr. phil. Edmund, Professor. 

Hackleld, Frau M., geb. PflQger. 

Hartlaub, Fräulein Franziska. 

Krug, E., Director der Deutschen 
Sank. 

Matthaei, Kgl. Eisenbahnbau- und 
Betriebs-Inspector. 

Oppenheim, Fritz, Kaufmann. 

Pauli, Dr. jur., Senator, Bürger- 
meister. 



— * 36 *— 



Bremen. 

Rassow, Dr., Geh. Oberschulrath. 

Rassow, Gustav. 

Stadtbibliothek. 

Stettenheim, Dr. phil. Ludwig. 

Bremerhaven. 

Scholtz, FräuL H., Schulvorsteherin. 

Breslau. 

Aust, Dr. Rudolf, Oberlehrer. 

Bienko, Dr., Polizeipräsident. 

Breslauer Dichterschule. 

Cassirer, Ludwig. 

Enslin, Dr. med. Fritz, Assistenzarzt 

Fielitz, Dr. W., Professor. 

Franck, Fräulein A. H. 

Friedenthal, Adolf, Kaufmann. 

Germanistisches Seminar der Uni- 
versität. 

Gesellschaft der Freunde. 

Goldstein, Cand. med. Kurt. 

Haertel, Fräulein Emmy. 

Henry, Felix, Architect. 

Hensel, Frau Stadtgerichtsrath 
Selma. 

Heyne, Alfred, Eisenbahn-Secretär. 

Hirt, Dr. med. Ludwig, Professor. 

{änicke, Karl, Stadtrath. 
mmerwahr, Leopold, Kaufmann. 

Koch, Dr. Max, Professor. 

Ladenburg, Frau Geheimrath, Pro- 
fessor M. 

Luc^e, C., Buchhändler. 

Milch, Dr. phil. Louis, Professor. 

Molinari, Frau Geheime Rath. 

Neisser, Dr. med., Professor, Geh. 
Medicinalrath. 

Nösselt, Dr. jur, Hermann, Ver- 
sicherungs-Inspector. 

Partsch, Dr. med. Carl, Professor. 

Finder, Frau Caroline. 

Ponfick,£miI, Professor, Medicinal- 
rath. 

Richter, Dr., Professor. 

Roesler, Frau Marie, geb. 'Skohr. 

Simonson,FrauOberlandesgerichts- 
rath Gertrud, geb. Mende. 

Stadtbibliothek. 

Trewendt & Graniers Buchhand- 
lung (Alfred Preuss). 

Universitäts-Bibliothek, Kgl. 

Vogt, Dr. F., Professor. 

Wendriner, Dr. phil. R. 

Wolf, Dr. Julius, Professor. 

Zimpel, Frau Professor Helene. 



B&desheim (Oberhessen). 
v. Oriola, Frau Gräfin M. 

Burgsteinfart (Westfalen). 
Eschmann, Dr. Gustav. 

Calw (Württemberg). 

Weizsäcker, Dr. phil. Paul, Director 
des Reallyceums. 

CasseL 

Förster, Fräul. Auguste, Lehrerin. 
Landesbibliotheck, Ständische. 
Stölting, G., Consistorialrath. 

Celle. 

Echte, Oberlandesgerichtsrath. 

Charlottenburg. 

Beiger, Dr. Chr., Professor. 
Bergengrün, Frau Elisabeth, geb. 

V. Dieckhoff. 
Brandis, Dr. phil. K. 
V. Bremen, Geh. Oberregicr.-Rath. 
Comicelius, Dr. phil. Max. 
Daffis, Dr. E., Gerichtsassessor. 
Fulda, Dr. L, Schriftsteller. 
Goering, Dr. Robert, Chemiker. 
Groebenschütz, Oberverwaltungs- 

gerichtsrath. 
Hildebrandt, Frau Louise, geb. 

Gruson. 
Hirschfeld, Dr. Otto, Professor. 

iablonski. Berthold, 
[ehrbach, Dr. phil. Karl, Professor. 

V. Keudell, Wirkl. Geh. Rath, Exe 

Knöfier, Dr. Oscar. 

Krähe, Stud. phil. Ludwig. 

Krause, Frau Marie. 

Kühlstein, Frau Ernst. 

Lehrerbibliothek des Kaiserin 
Augusta-Gymnasiums. 

Lessmann, Otto, Herausgeber der 
Allg. Deutschen Musik' Zeitung. 

Manasse, Julius, Kaufmann. 

Meyer, Dr. Alfred Gotthold, 
Professor. 

Mommsen, Dr. Theodor, Professor. 

Morris, Dr. M., prakt. Arzt. 

Neumann- Hof er, Otto, Director. 

Poppenberg, Dr. phil. Felix, Schrift- 
steller. 

Scherer, Frau Geh. Reg. Rath Marie. 

Siemens, Frau Geh. Keg.-Rath, 

V. Simson, Georg. 



^ 37 *^— 



Charlottenbnrg. 

Spielhagen, Friedrich, Schriftsteller. 
Strehlke, Frau Director Marie. 
Strützki, Ed., Kammergerichtsrath 

a. D., Geh. Tustizrath. 
Stücklen, Frau Margarete. 
Thür, Fräulein Anna. 
Weber, Dr. jur. M., Stadtrath von 

Berlin. 
WolfF, juhus. 
Zabel, Dr. Eugen, Redacteur der 

Nationalzeitung. 
Zimmermann, Frau Generalmajor 

Johanna. 

Chemnitz. 

Bibliothek des Kgl. Gymnasiums. 
Kirchner, Dr. Carl, Professor, 

Oberlehrer. 
Kühn, Dr. Bernhard, Landrichter. 
Morell, Georg. 
Stadtbibliothek. 
Wächter, Dr. med. R., Hofrath. 

Goblenz. 

Deiters, Dr. Hermann, Geh. Reg.- 
Rath. ^ 

Mostcrt, Heinrich, Fabrikant. 

Reinhard, Consislor.-Rath. 

S fader, Frau Geh, Cammer(ienrath E, 

Wahl, G., Realgymnasial-Ober- 
lehrer. 

Coburg. 

Beck, Dr. Heinrich, Schulrath, Gym- 
nasialdirector. 

Kötschau, Dr., Director der Samm- 
lungen auf der Veste Coburg. 

Colmar i/Elsass. 
Curtius, Dr., Kreisdirector. 
Weber, Dr. Wolf, Ober-Landge- 
richtsrath. 

Coln a/Rhein. 

Bürgers-Stein, Frau Geh. Justiz- 

rath J. 
Curtius, Dr. Rud., Reg.-Assessor. 
Deichmann, Carl Theodor. 
Deichmann, Frau Otto. 
Düntzer, Dr. Heinrich, Professor, 

Bibliothekar. 
Hersutt, Arthur, Landgerichtsrath 

a. D. 



Coln a/Rhein. 

Herstatt, Eduard. 

Heuser, Frau Eugenie, geb. Nico- 

lovius. 
Heuser, F. Robert. 
Heuser-Nicolovius, Frau Commer- 

zienrath Robert. 

Joest, Frau Geheimrath W. 
ungbluth, Dr. Rieh., Gymnasial- 
Oberlehrer. 

Meuser, Paul, Rechtsanwalt. 

V. Mevissen, Fräulein Mathilde. 

V. Mevissen, Frau Geheimrath 
Therese. 

Peill, Wilh., Kaufmann. 

Pfeifer-Schnitzler, Frau Paula. 

vom Rath, Arthur. 

vom Rath, Emil, Commerzienrath. 

vom Rath, Frau Julius. 

vom Rath, Frau Wilhelmine. 

Schneider, Frau Professor Lina. 

Schnitzler, Frau Geheimrath Clara. 

Schnitzler, Dr. jur. Victor, Rechts- 
anwalt. 

Schuch, Paul, Regierungsrath. 

Schuch, Frau Paula, geb. Deich- 
mann. 

Stein, Frau Elise, geb. v. Mevissen. 

Vorster , Julius , Fabrikbesitzer , 
Commerzienrath. 

Wieruszowski , Alfred , Landge- 
richtsrath. 

Wüllner, Dr. Franz, Professor, 
Kapellmeister. 

Zanders, Frau Fabrikant. 

Cothen (Anhalt). 

Friedrichs-Realschule, Herzogl. 
Ludwigs-Gymnasium, Herzogl. 
Schrader, Fräulein Else, Lehrerin. 

Cottbus (Lausitz). 
Reyersbach, Waldemar, Kaufmann. 

Crefeld. 

Peltzer, Dr. jur. Rudolf. 

C&8trin. 

v. Wurmb, Frau E., geb. Gräfia 
v. Bothmer. 

DaUan (Baden). 
Fäljrlingy Frau Kreisrichter Af. 



38 ^- 



Dancig. 

Bibliothek des städtischen Gym- 
nasiums, 

BischofF, Landgerichtsrath. 

Dass^, Dr., Kaufmann. 

V. Gossler, Dr., Staatsminister, 
Oberpräsident, Excellenz. 

Löschins Bibliothek des Real- 

fymnasiums zu St. Johann« 
tbibliothek. 
Thun, Rechtsanwalt. 

Dannstadt. 

Bibliothek der Grossherzoglichen 
Technischen Hochsdiule. 

Edward, Hugo, Hofrath. 

Harnack, Dr. Otto, Professor. 

Hepp, C. 

Hofoibliothek, Grossherzogliche. 

Literarischer Verein. 

Merck, Dr. phil. C. E. 

Merck, Dr. Louis, Geheimer 
Commerzienrath. 

Riester, Dr. Max. 

Wuickow, Dr., Director. 

Dessau. 

Antoinettenschule, Herzogliche. 

Extor, Pastor z. D. 

Friedrichs-Gymnasium, Herzogl. 

Meinert, Carl, Fabrikbesitzer. 

Oechelhäuser, Dr., Geh. Commer- 
zienrath. 

V. Oechelhäuser, W., General- 
Director der Deutschen Con- 
tinental-Gasgesellschaft. 

Detmold. 

Gynmasium Leopoldinum. 
v.Afeysenbug, Freiherr, Major a. D. 
und Kammerherr. 

Dentsoh-Wilmersdorf b/Berlin. 

Coste, Dr. David, Professor, Gym- 

nasialdirector. 
Gymnasium. 
V. Pritzbuer, Fr., Redacteur. 

DSbern b/Forst. 
Gülke, Frau Auguste, geb. Vulpius. 

DSlitJB b/Leipzig. 
Dodel, Friedr. Wilh., Kaufmann. 



Donaneschingen. 

Hofbibliothek, Fürstlich Fürsten- 
bergische. 

Dortmund. 

Gymnasial-Curatorium. 

Nagel, Bernhard, Amtsgerichtsrath. 

Dresden. 

Amen, Frau Dr. 

Arndt, Jul. Max, Grosskaufnaann. 

Aulhom, Stud. med. Ernst Rud. 

Aulhom, Paul Rud^ Fabrikbesitzer. 

V. Biedermaim, Freiherr Dr. W., 
Gch.-Rath. 

Bondi, Dr. Felix. 

V. Boxberf -Zschoma, Frau Oswine, 
«b. Keil. 

Bun-Giessen,Hans, Kammersänger. 

Diestel, Dr., Professor. 

Droste, Carlos, Musik-Schriftsteller. 

Ehlermann, Dr. phil. Erich, Ver- 
lagsbuchhändler. 

V. Finck-Nöthnitz, Freiherr, Kam- 
merherr. 

Fleischhauer,Ernst,Theaterrefercnt. 

Förster, Dr. med. Fritz. 

Förster, Dr. med. Richard, Hofrath. 

Gmeiner-Benndorf, Frau Commer- 
zienrath Rosa. 

Götze, Dr. Edmund, Professor beim 
Kadetteucorps. 

V. Haber, Baron R., Oberleutnant 
a. D. 

Hasper, Dr. Theodor, Professor. 

Hassel, Dr. Paul, Geh. Jleg.-Rath, 
Director des Hauptstaatsarchivs . 

Heyl, Frau Anna, geb. Hübler. 

Jaenscti, Emil, Buchhändler (i. Fa. 
V. Zahn & Jaensch). 

Jensen, Paul, Kgl. Hofopemsänger. 
ordan, Fräulein Doris. 
La3rser-Langerhanns, Frau Sanitäts- 
rath Agnes. 

Knoop, Wilhelm, ConsuL 

V. Könneritz, Fräulein Marie, Staats- 
dame a. D. 

Körner-Museum der Stadt Dresden. 

Krausse, Robert, Maler, Professor. 

Lehrs, Dr. Max, Professor, Direct. 
d. Königl. Kupferstichcabinets. 

Leopold, Dr., Professor, Geheimer 
Medicinalrath. 

Lewinger, Ernst, Oberregisseur. 

V. Lindenfels, G., Kgl. Oberförster. 



— *• 39 *^— 



Dresden. 

Lübbe, Frau Elly, geb. Eckert. 

Lücke, Dr. Herrn., Professor. 

V. Malapert-Neufville,Freifrau M.C. 

V. Macgoldt, Fräulein Helene. 

Mannl, Johannes. 

Meinen, Dr. med. £. 

Meyer, Dr. Wolfffang Alexander, 
Hofrath, K^l. Homramaturg. 

Michaelsen, Heinrich,Rechtsanwalt. 

Müller, Dr. Theodor, Landgerichts- 
präsident. 

V. Nostitz-Drzewiecki, Hans Gott- 
fried, Legationsrath im Königl. 
Ministerium. 

Osborne, Stud. phil. Walter. 

V. Overbeck, Fräulein CamiUa. 

Pechwell, Dr. jur. Alfred, Königl. 
Sachs. Ober-Kriegsgerichtsratn. 

Posse, Dr. phil., Regierungsrath. 

Prinzhorn, Realschuldirector. 

Pusinelli, Dr. med., prakt Arzt 

Rachel, Dr. Paul, Professor. 

Rhode, Fräulein Helene. 

Richelsen, Christel, Regisseur am 
Kgl. Hoftheater. 

Ritterstädt, Dr., Geh. Finanzrath. 

Sauer, Frau Dr. 

Sauer, Julius, Kaufmann. 

Schanze, Dr. jur. Oscar, KaiserL 
Reg.-Rath a. D. 

Scheidemantel, K., Kammersänger. 

Schnorr v. Carolsfeld, Dr. Franz, 
Professor,Kgl.Oberbibliothekar. 

V. Schölten, Fräulein Grete. 

V. SchultzendorfF, W., Kammerherr. 

Sendig, Rudolf, Hotelbesitzer. 

Stern, Dr. A., Professor. 

Stürenburg, Dr. H., Professor, 
Rector der Kreuzschule. 

Undeutsch, Max, Rechtsanwalt. 

Vasmagides, Dr. jur. Kimon. 

Vasmagides, Frau Sophie. 

Villers, Dr. Alexander. 

Vogel, Dr. Theodor, Professor, 
Geh. Schulrath. 

Vollmöller, Dr. Karl, Professor. 

Vorländer, H., Renmer. 

V. Weber, Freiherr, Oberstleutnant 
z. D. 

Wiecke, Paul, Königl. Hofschau- 
spieler. 

Wiesand, Dr. jur. Paul Alfred, 
Reichsgerichtsrath a. D. 

Woermann, Dr. Karl, Prof., Director 
der Kgl. Gemäldegalerie. 



Dresden. 

Würzburger, Dr. Eugen, Director 
des Stadt. Statistischen Amtes. 

V. Zahn, Robert, Buchhändler (i. Fa. 
V. Zahn & Jaensch). 

Zschille, Frau Therese, geb. v. Ein- 
siedel. 

Droyssig b/Zeitz. 

Bibliothek d. Königl. Erziehungs- 
u. Bildungsanstalten. 

Duisburg a/Rh. 

Feller, W., Professor, Gymnasial- 
Oberlehrer. 

Mauritz, Dr. jur. Julius. 

Vijgen, Dr. jur. Max, Gerichts- 
Assessor. 

Dulxen b/Preuss. Eylau. 

Roscnow, Frau Johanna, geb. Fre- 
denhagen, Rittergutsbesitzerin. 

Dürkheim (Pfalz). 
Chally, P., Kgl. Gymnasiallehrer. 

Düsseldorf. 

Böninger,Ferdinand,Fabrikbesitzer. 
Giemen, Dr. Paul, Professor und 

Provinzialconservator. 
Künstler-Verein »Malkasten«. 
Menn, Fräulein Magdalena. 

Eberstadt b/Darmstadt. 
Hilsz, Karl, Kaufmann. 

Eberswalde. 

Klein, Dr. J., Gymnasialdirector. 

Egem (Baiern). 

zu Sayn -Wittgenstein - Berleburg, 
PnnzOtto,Durchlaucht,General- 
major und Flügel- Adjutant Sr. 
Kgl. Hoheit des Großherzogs 
von Sachsen. 

Eisenach. 

Apelt, Dr. phil. O., Professor, 
Gymnasialdirector. 

Hossteld,Dr.Carl,Gymnasiallehrer. 

Kieser, Dr. theoL Hugo, Super- 
intendent. 

Koellner, Dr., Arzt. 



— * 40 



Eisenach. 

Kürschner, Joseph, Prof., Geh. 
Hofrath. 

Michels -Schuitzler, Anna, Frau 
Kaufmann Julius. 

Reinhardt, Dr. med. Gh., Arzt. 

S^wabe, Fräulein Luise, Instituts- 
vorsteherin. 

Streck, Garl, Apotheker. 

Eisenberg (Sachsen-Altenburg). 
Gymnasial-Bibliothek. 

Elberfeld. 

Blank, Frau Alexander. 
Böttinger, Dr. Henry F., Mitglied 

des Abgeordnetenhauses. 
Gräfe, Frau Hermann. 
Martens, Dr. Ludwig, Professor, 

Gymnasial-Oberlehrer. 
Simons, Walter, Commerzienrath. 



Sprin^mann, Ed., Fabrikant. 

Weychar 

Zurnellen, Frau Justizrath. 



lardt, Gonrad. 



Ellwangeo. 
Frik, G., Rechtsanwalt. 

Emden. 

Bibliothek des Königl. Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Freytag, Dr. Hans, Oberlehrer am 
König]. Wilhelms-Gymnasium. 

Emmendingen. 

Feldbausch, Dr. Otto, Arzt an der 
Irrenanstalt. 

Erdeborn ([Rittergut) b/Ober- 
röblingen a/See. 

Marckwald, Fräulein Marie. 

Erdmannsdorf (Sachsen). 
MatzdorfF, Dr. Hans, prakt. Arzt. 

Erfurt. 

Barth, M., Re^ierungs-Rath. 

V. Dewitz, Kurt, Regierungs- 
präsident. 

V. Dewitz, Frau Regierungs- 
präsident Lina. 

Grunwald, Max, Ghefredacteur. 

Gymnasium, Königl. 



Erfurt. 

Heinzelmann, Dr. Wilhelm., Prof. 
am Kgl. Gymnasium. 

Lorenz, Dr. phiL Theodor. 

Lucius,Ferd.,Geh. Gommerzienrath. 

Realgymnasium, Königl. 

Stürcke, Hermann, Geh. Commer- 
zienrath« 

Wilson, Karl, Landgerichtsrath. 

Erlangen. 

Rosenthal, Dr. J., Professor. 
Universitäts-Bibuothek, Königliche. 
Vogel, Frau Professor Dr. W. 

Essen a/Ruhr. 

Becher, Frau Präsident. 
Krupp, Fried. (Krupp'sche Bücher- 
halle). 

Finsterwalde i/Neumark. 
Rhode, Fräulein Anna. 

Flensburg. 

Grespel A., Rechtsanwalt. 
Graet, Dr. phiL Fritz, Oberlehrer. 
Pindter, Dr. jur. Ludwig, Kriegs- 
gerichtsrath. 

Flonheim (Rheinhessen). 
Knell, Dr. Karl, prakt. Arzt. 

Forst i/L. 
Köhn, Dr. phil. Karl, Oberlehrer* 

Frankenthal (Rheinpfalz). 

Baum, W., Landgerichts-Präsident. 
Mündler, Albert, Landgerichtsrath. 

Frankfurt a/M. 

Stadt Frankfurt a/M. 

Abendroth, Moritz, Buch- und 

Kunsthändler. 
Albert, Frau Elisabeth. 
Auerbach, Fritz. 

Baer, Simon Leopold, Buchhändler. 
Baerwald, Dr. Hermann, Realschul- 

Director. 
de Bary, Dr. med. Job. Jacob^ 

Sanitätsrath. 
Beil, Dr. med. W. 
Beit, Frau Eduard. 
Benkard, Dr. Jur. E., Justizrath. 
Berghoeffer, Dr., Bibliothekar der 

Freiherr!. Carl von Rothschild- 

sehen öffentlichen Bibliothek. 



—4fr 41 *— 



Frankfurt a/M. 

v.Bethmann, Freiherr SimonMoritz. 

Bibliothek des Freien Deutschen 
Hochstifts. 

Bibliothek der Polytechnischen Ge- 
sellschaft. 

Bibliothek, Freiherrl. Carl v. Roth- 
schildsche öffentliche. 

Binswanger, Rudolf, Kaufmann. 

Braunfels, Otto. 

V. Brüning, Frau Dr. Clara. 

Bürgerverein. 

Burghold, Dr. Julius, Rechtsanwalt. 

Cahn-Blumentnal, Hch., Kaufmann. 

Detloff, Adolf, Buchhändler. 

Dondorf, Bernhard, Rentier. 

Donner- v. Richter, Otto, Historien- 
maler. 

Dotter, Fräulein Doris. 

Dreyfus, Georges. 

Ehler, Frau Rosa. 

Eckhard, Frau Dr., Oberlandes- 
gerichtsrath-Wwe. 

Ehlers, Dr. R., Consistorialrath. 

Ellissen, August. 

Emden, Heinrich. 

Flersheim, Robert. 

Frankfurter Zeitung (Redaction). 

Friedländer, Dr. Adolph, Gerichts- 
Assessor. 

Fries, Jacob, Ingenieur u. Fabrikant. 

Geifi;er,Dr. Berthold, Rechtsanwalt, 
Tustizrath. 

Goldschmidt, Dr. jur. Hermann. 

Goldschmidt, Marcus Moritz, 
Bankier. 

Grisebach, Erich, Landrichter. 

Günther, Ferdinand, Kunsthändler. 

Hammeran, Dr. phil. A. 

Hanau, Heinrich A. 

Hartmann-Kempf,Eugen,Ingemeur. 

Hellfeld, Frau Lina. 

Hering, Dr. Robert Eugen. 

Herxheimer, Dr. med. S., prakt. 
Arzt, Sanitätsrath. 

Heuer, Dr. Otto, Professor, General- 
secretär des Freien Deutschen 
Hochstifts. 

HofFmann, Frau Dr. Therese, Geh. 
Sanitätsraths-Wwe. 

Jung, Dr. phil.Rudolf,Stadtarchivar. 
^ahn, Bernhard, Bankier. 
Kahn, Julius. 
Keyl, Georg Albert, 
Koch, Frau Anna Louise, geb. 
V. St. George. 



Frankfurt a/M. 

Küchler, Eduard. 

Küchler- Genth, Frau. 

Küchler, Fräulein Sofie. 

Levy, Felix, Director. 

Liebmann, Dr., Rechtsanwalt. 

Lucius, Dr. Eugen. 

Marsson, Dr. jur. Rieh., Amts- 
gerichtsrath. 

May, Eduard Gustav. 

Mayerfeld, Anton, Kaufmann. 

Meister, Frau C. F. Wilhelm. 

Melber, Walter Wolfgang. 

Merian-Genast, Dr. Haus, Ober- 
lehrer am Goethe-Gymnasium. 

Merton, W., Kaufmann. 

V. Mumm, P. Hermann. 

Neher, Ludwig, Architect. 

Neumann, Dr. jur. Paul, Rechts- 
anwalt. 

Ochs, Richard, Kaufmann. 

Osterrieth, Alexander, Kaufmann. 

Osterrieth, Eduard. 

Osterrieth-Laurin, August. 

Oswalt, Frau Wwe. Brandine, Ver- 
lafiTsbuchhän dlerin. 

Oswalt, Dr. jur. H., Rechtsanwalt, 
Justizrath. 

Peschel, Frau Prof. Dr., geb. Kamp. 

Pfeiffer, C. W. 

Phillippi, Fräulein Helene. 

Pinner, Dr. Oscar, Arzt 

Posen, Sidney. 

Quincke, Wolfgang;, Schauspiel- 
regisseur der verem.Stadttheater . 

vom Rath, Walter. 

Rebner, Adolf, Violinist. 

Reinhardt Dr. phil. Carl, Director 
des Goethe-Gymnasiums. 

Reitz & Köhler, Buchhandlung. 

Rosenmeyer, Dr. med. Ludwig. 

Rumpf, Karl, Bildhauer. 

Sanct-Goar, Ludolph. 

Schacko, Fräulein Hedwig, Opern- 
sängerin. 

Scharf^Fellner, Julius, Kaufmann. 

Schmidt-Metzler, Dr. Moritz, Geh. 
Sanitätsrath. 

Scholderer, Dr. Emil, Director. 

Scholz, Dr. Bernhard, Professor. 

Schott, Sigmund. 

Schulz-Euler, Frau Sophie. 

Siebert, Dr. jur. Jacob, Justizrath. 

Sommer, Frau Landgerichtsrath 
Dr. S. 

Sondheim, Moritz, Buchhändler. 



—4fr 42 



Frankfurt a/M. 

Speyer, Georg, Bankier. 
Stern, Dr. jur. Hans, Referendar. 
Stern, Frau Theodor. 
Stiebel, Dr. med. Fritz. 
Strasburger, Paul, Bankier. 
Textor, C. W. 

Trommershausen, Dr. E., Ober- 
lehrer am Gymnasium. 
Valentin, Frau Professor. 
Varrentrapp, Dr. A., Bürgermeister. 
Vohsen, Dr. med. Carl. 
Völcker, Georg, Buchhändler. 
Weib-Ritter, Frau Architect. 
Werner, Julius. 
Wohl, Jacques. 

Wurzmann, Dr. Leo, Rechtsanwalt 
Ziegler, Frau, geb. PfafF. 

Frankfurt a/0. 

Bachmann, Dr. Prof., Oberlehrer 
am Königl. Friedrichs-Gymnas. 
HofFmann, Paul, Lehrer. 
Klaerich, Rechtsanwalt. 
Kühn-Schuhmann, Frau Antonie. 
Scheller, Fräulein Emilie. 

Freiberg i/S. 

Heisterbergk, Ulrich, Justizrath. 
Leber, Engelbert, Bergakademiker. 

Freiburg i/Br. 

Cohn, Dr. phil. Jonas, Privatdocent. 

Cornelius, Dr. phil. Carl, Privat- 
docent. 

Graf, Dr. phil. Hans Gerhard, 
Bibliothekar. 

Hasse, Frau Magdalena. 

Heyfelder, Dr. pnil. Victor. 

Höcker, Heinrich, Professor. 

Jaenisch, C, Geh. Reg.-Rath. 
Uuge, Dr. F., Professor. 
Manz, Dr. med. Otto, Privatdocent. 
Mettler, Eugen, Fabrikant u. Kauf- 
mann. 
Rümelin, Dr., Professor. 
V. Simson, Dr. B., Professor. 
Universitäts-Bibliothek, Grossher- 
zogliche. 

Freiburg i/ Schlesien. 
Realschule. 

Freienwalde a/Oder. 

Quedefeld, Dr. G., Professor, Gym- 
nasial-Oberlehrer. 



Freistett b/KehL 
(Baden.) 

Christlieb, Dr. phiL Max, Pfarrer. 

Friedberg (Hessen). 
Trapp, Carl, Commerzienrath. 

Friedenau b/Berlin. 

V. Biedermann, Freiherr B. W., 
Major und Bataillons-Comman- 
deur. 

Crampe, Stud. med. R. 

Düsel, Dr. Friedrich, Redacteur d. 
Westermannschen Monatshefte. 

Marwitz, Dr. Bruno, Reditsanwait. 

Müller, Adolf, Referendar. 

Paetow, Dr. phil. Walter, Schrift- 
steller. 

Raabe, Dr. phil. 

Roenneberg, Frau Melida, Schul- 
vorsteherin. 

Steig, Dr. Reinhold, G3nnnasial- 
Oberlehrer, Professor. 

Friedriohstein b/Löwenhaffen 
(O.-Pr.). 

Doenhoff, Graf August, Wirkl. 
Geh.-Rath. 

Fürstenau (Hannover). 
Graef, Frau Dr. 

Fulda. 

Landesbibliothek, Ständische. 

Fürth i/Bayem. 
Besels, Heinrich, Kaufmatm. 

Adl. Gausaen b/Memel (O.-Pr.). 
Friede, Fräulein Lucie. 

Georgengarten b/Dessau. 

V. Ditfurth, Fräulein Else, Hofdame 
LK. H. der Landgräfin v. Hessen. 

Gera (Reuss j. L.). 

Bütmer, Dr. jur. Gustav, Rechts- 
anwalt. 

Golle, Rügold, Kaufmann. 

Gymnasial und Landesbibliothek, 
Fürstliche. 

V. Meysenbug, Freiherr, Ober- 
Hofmarschall, Excellenz. 



—4fr 43 *^— 



Gera (Reuss j. L.). 

Müller, Rudolf, Justizrath, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Schlotter, Dr. jur. Alfred, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Schrader, Dr. med., Augenarzt. 

Gemsbach i/B. 
Funck, Heinrich, Professor. 

Giesaen. 

Behaghel, Dr. Otto, Professor. 
Bock, Alfred, Schriftsteller. 
Collin, Dr. J., Privatdocent. 
Gaffky, Dr., Professor, Geh. Med.- 

Rath. 
Höhlbaum, Dr., Professor. 

ßnff, Dr. Erich, Privatdocent. 
nkel, Dr. Walter, Privatdocent. 

Löhlein, Dr. med. Hermann, Pro- 
fessor, Geh. Med.-Rath. 

Oncken, Dr. Wilhelm, Professor, 
Geh. Hofrath. 

Schmidt, Dr. jur. Arthur Benno, 
Professor. 

Siebeck, Dr. H., Professor. 

Strack, Dr. Adolf, Professor. 

Universitäts-Bibliothek, Grossh . 

V. Wagner, Dr. F., Professor. 

Wetz, Dr. Wilhelm, Professor. 

Ber^fisch-Gladbach. 

Zanders, Frau Maria« 

M.-Gladbaoh. 

Quack, Wm., Commerzienrath. 

Glogan i/Schl. 
Diehl, Dr. phil. Ernst. 

Gl&okBtadt. 

Gymnasium, Königliches. 

Godesberg b/Bonn. 

Hoesch, Frau Lu^. 
Hoesch-Pfeifer, Frau G. 

Godesberg-Plittersdorf b/Bonn. 
Demen, Hermann, Director. 

Göppingen. 

Gutmann, Frau Fabrikant Bernhard. 



Görlitz. 

Drevin, Helmuth, Apotheker. 
Rörig, A., Kgl.Eisenbahn-Verkehrs- 
Inspector a. D. 

Gotha. 

Bibliothek des Gymnasium Ernesti- 

num. 
Bibliothek, Herzogliche, 
v. Ebart, Freiherr r., Kammerherr. 
Fleischmann, Julius. 
Hentig, Wirkl. Geh. Rath, Staats- 

mmister. Exe. 
Liebenam, Dr. W., Professor. 
Purgold, Dr. K., Geh. Reg.-Rath, 

Director des Herzog!. Museums. 
Rohrbach, Dr. phil. Carl E. M., 

Gymnasiallehrer. 
Schwarz, Dr. med., Sanitätsrath. 

Gottingen. 

Coehn,Dr.phil.Alfred,Privatdocent. 

Dilthey, Dr. Karl, Professor. 

Droysen, Dr. med. Felix, Professor 
und prakt. Arzt. 

Ehlers, Dr., Professor. 

Frensdorff, Dr. F., Professor, Geh. 
Justizrath. 

Haynel, Dr. phil., Woldemar. 

Hentze, Dr. Kr., Professor. 

Kaibel, Dr. G., Professor. 

Lehmann, Max, Professor. 

Leo, Dr. F., Professor. 

Lexis, Dr., Professor. 

Manheimer, Siud.phiL Victor, 

Meyer, Dr. Leo, Professor, Kaiserl. 
Russ. Wirkl. Staatsrath. 

Röthe, Dr., Professor. 

Schlote, Fräulein Helene, Lehrerin. 

Schulze, Dr. W., Professor. 

Seminar, Königliches, für deutsche 
Philologie. 

Universitäts-Bibliothek, Königliche. 

Wentzel, Dr. phil. Georg, Privat- 
docent. 

Greifenatein ob/Bonnland. 

v. Gleichen -Russwurm, Freiherr 
Alexander, Kgl. bayr. Kammer- 
herr. 

Greifswald. 

Berg, Dr. phil. Otto. 
Bibuothek des germanistischen Se- 
minars. 



— *• 44 *'-" 



Greifswald. 

Reifferscheid, Dr. A., Professor, 

Geh. Rath. 
RewoIdt,Dr.,Rechtsanwalt u. Notar 
Siebs, Dr. Th., Professor. 
Universitäts-BibliothekJCönigliche. 

Greis. 

Stier, Paul, Geh. Reg.-Rath. 

Grimma b/Leipzig. 

Fürsten- und Landesschule. 
Schroeder, Max, Commerzienrath. 

Grosa-Gammin. 

zu Stolbenj -Wernigerode, Gräfin 



Denj-^ 



Udo 



Grosskarben (Hessen). 

V. Leonhardi, Freiherr Moritz, Guts- 
besitzer. 

Gross-Lichterfelde b/Berlin. 

Booth, Fräulein Esther. 
Delbrück, Heinr., Geh. Reg.-Rath. 
V. Hopfen, Dr. Hans, Schriftsteller. 

Jaffi^, Rechtsanwalt und Notar. 
kekul6 von Stradonitz, Dr. jur. utr. 
et phil. Stephan, Fürstl. Schaum- 
burg-Lippescher Kammerherr. 

Müller, Paul, Gymnasialoberlehrer. 

Quincke, Walter, Kaufmann. 

Rudorff, Ernst, Professor an der 
Kgl. Hochschule für Musik. 

Schubert, Dr. phil. Joli. 

Sommerfeld, Otto, Fabrikbesitzer. 

GrfingräboheD, Post Schwepnitz 
(Sachsen). 

Seidel, Rudolf, Rittergutsbes. 

Grunewald b/Berlin. 

BarnstorfF, Frau Wwe. D. 
Böckh, Dr. R., Professor, Geh. Rath. 
Danneel, Geh. Admiralitätsrath. 
Danneel, Frau Margarethe. 
Grandke, Wirkl. Geh. Ober-Finanz- 

rath. 
Mauthner, Fritz, Schriftsteller. 
Voss, Dr. Georg, Professor. 

Guben. 

Hoemann, Rechtsanwalt u. Notar, 

Justizrath. 
Mende, Albert, Landrichter. 



Gumbinnen (Ostpr.). 

Bibliothek des Kgl. Gymnasiums. 
Moldaenke, Gymnasiallehrer, Pro- 
fessor. 

Hagenau i/£lsass. 
Brodrück, Georg, Major. 

Haggn (Schloss) b/Bogen a/Donau. 

V. Schrenck-Notzing, Freiherr Leo- 
pold, Kgl. bayr. Hauptmann 
a. D. und Rittergutsbesitzer. 

Hainholz (vor Hannover). 
Seligmann,Sigmund,Fabrikbesitzer. 

Halberstadt. 

Zimmer, Frau Rittmeister. 

Haiensee b/Berlin. 

Servaes, Dr. phil. Franz. 
V. Zahn, Gustav. 

Halle a/S. 

Belling, Frau Oberlehrer Dr. Marie. 

Bereut, Fräulein Selma. 

Bertram, Frau Constanze, Ober- 

bürgermeisterswitiwe. 
Bethke, L., Bankier. 
Bibliothek des Stadtgymnasiums. 
Burdach, Dr. Konrad, Professor. 
Erdmann, Dr. Hugo, Professor. 
Fränkel, Dr. Carl, Professor. 
Friedberg, Dr. R., Professor. 
Fries, Dr., Professor, Director der 

Franke^schen Stiftung. 
V. Fritsch, Dr. K., Professor, Geh. 

Reg.-Rath. 
Genzmer, Dr. A., Professor. 
Goeschen, Assessor. 
Gosche, Fräulein Agnes. 
Grenacher, Dr. H., Professor. 
Gründig, A., Administrator der 

Buchdruckerci d. Waisenhauses. 
Hamack, Dr. Erich, Professor. 
Haym, Dr. R., Professor. 
Hessler, Dr. H., Privatdocent. 
Hiller, Frau Professor Dr. E. 
Kohlschütter, Dr. E., Professor. 
Kühn, Dr. J., Geh. Re^ierungsrath. 
Lehmann, Heinrich, Bankier. 
Leser, Dr. Edmund, Privatdocent. 
V. Lippmann, Dr. Edmund, Director 

der Zuckerraffinerie. 



— * 45 ^— 



^alle a/S. 

Lothholz, Dr., Professor, Gym- 
nasialdirector a. D. 

Mekus, Dr., Arzt. 

Nicmeyer, Fräulein Marianne. 

Niemeyer, Dr. Max, Verlagsbuch- 
handler. 

Pott, Dr. jur. R., Professor. 

Rachfahl, Dr. Felix, Professor. 

Rausch, Dr. Alfred, Gymnasial- 
director. 

Robert, Dr. Karl, Professor. 

Ross, Frau Professor Emma, geb. 
Schwetschke. 

Saran, Dr. phil. Franz. 

Schmeitzer, Geh. Ober-Finanzrath. 

Schulze, August, Director der 
Zuckerrafimerie. 

Schwarz, Dr. E., Professor. 

Strauch, Dr. Philipp, Professor. 

Universitäts-Bibliothek,Königliche. 

Vaihinger, Dr. H., Universitäts- 
Professor. 

V. Voss, Frau Geh.-Rath. 

Wagner, Dr. Albrecht, Professor. 

Hamburg. 

Arndt, Oskar (i/Fa. Arndt & Cohn). 

Barth, Richard, Professor. 

Behn, Dr. jur. Hermann. 

Behrmann, Dr. theol. G., Haupt- 
pastor. 

v.Berenberg-Gossler, John,Bankier. 

Bertheau, Dr. theol. Carl, Pastor. 

Brackenhoeft, Dr. jur. E., Rechts- 
anwalt. 

Daffis, Alfred Th., Ingenieur. 

V, Dd}n, Dr. jur, Adolf Axel. 

Duncker, Richard. 

Ehlers, Frau Emilie, Oberin im 
St. Georg Schmilinski-Stift. 

Elkan, Ed. Ferdinand. 

Erdmann, Dr. H., Oberlehrer. 

Fertsch, F. (i/F. Fertsch & Laeisz). 

Gerstenberg, Dr. phil. Heinr., Ober- 
lehrer. 

Gloede, Dr. phil. Hermann. 

Goldschmidt, Dr. phil. Adolf. 

Gräfe, Lucas, Bucnhändler. 

Grooüioff, H., Architect. 

Groth, G. J. Th., Kreisgerichtsrath. 

Grüner, Dr. Th. W. 

Güssefeld, Dr. 

Hahn, Emil. 

Hartmann, Dr. jur.K.,Rechtsanwalt. 

Hertz, Dr. G., Senator. 



Hamburg. 

Heylbut, Dr. phil. G. 

Hinrichsen, Sifl;mund, stellv. Vor- 
sitzender der Handelskammer. 

Hottenroth, Hans, General-Agent. 

Ikl^, Fräulein Elsa. 

Johler, A. B. Gustav (i/Fa. Mühl- 
meister & Tohler). 

Kiehn, Heinricn. 

Koehne, Ernst, Kaufmann. 

Köster, Paul, Kaufmann. 

Kreusler, Fräulein L. 

Lappenberg, Dr. Joh.,Rechtsanwalt. 

Lehmann, Prau Dr. Emil. 

Levy, Dr. H. B. 

Lewandowsky, A. 

Lippert, Dr. jur. Ludwig J., Kaufm. 

Lorenz, Dr. phil. Karl, Oberlehrer 
an der Ooerrealschule. 

Marcus, Frau Adele. 

May, Anton. 

Meissner, jun., Otto, Buchhändler. 

V. Melle, Dr. Werner, Syndicus 
des Senats. 

Metz, Adolf, Lic. theol., Professor 
am Tohanneum. 

Mönckeberg, Dr. Rudolf. 

Newman, Fräulein Julie. 

Oehrens, Dr. med. Wilhelm. 

V. Oeynhausen, Frau Gräfin S. 

Oppeimeim, Emil. 

Oppenheim, Frau Marie. 

Paul,Albert,SchauspieleramThalia- 
Theater. 

Petersen, Rudolf, Director. 

Pflüger, Dr. M. 

Polack, Dr. phil. Alfred. 

Rebattu, Dr. Albert, Pastor zu St. 
Gertrud. 

Redlich, Dr. C., Director der 
höheren Bürgerschule. 

Rosenhagen, Dr. phil. Gustav, 
Oberlehrer. 

Rudolph, G. A., Buchhändler. 

Ruperti, Joh., Kaufmann. 

Sasse, Wilhelm. 

Sauerlandt, Stud. phil. Max. 

Scharlach, Dr. jur., Advokat. 

Schemmann, K. U., Senator. 

Schiff, Fräulein Jenny. 

Schroeder, Dr., Senator. 

Schwabach, Frau Reg.-Rath Hen- 
riette. 

Sieveking, Dr. med. Wilhelm. 

Sohle, Dr. jur. Martin. 

Sokolowsky, Dr. phil. Rudolf. 



— ♦ 4^ -»fr — 



Hamburg. 

Sporn', Dr. H., ev. Prediger. 

Stadtbibliothek. 

Stemann,Dr., Landgerichts director. 

Suse, Dr. Theodor. 

Thöl, Dr., Oberlandesgerichts rath. 

Tietfi^ens, Hermann, iQufmann. 

WarDurg, Aby S. 

Westphal, Dr. Ed., Rechtsanwalt 

Wohlwill, Dr. Adolf, Professor. 

Wolffson, Dr. Albert. 

Hamm i/Westf. 

Hanow, Oberlandesgerichs-Senats- 

Präsident. 
Litten, Dr., Oberlandesgerichts rath. 

Hanau. 

Hosse, Georg. 
Zimmermann, Frau Emma. 

Hannover. 

Berding, Stud. phil. Friedrich. 

Breul, ür. Ludolf, Arzt. 

Ewert, Dr. Max, Oberlehrer. 

V. Goldbeck, Präsident. 

Graetzel v. Graetz, Dr. P., Ober- 
lehrer. 

Heine, Paul. 

Hüncke, Herm., Kaufmann. 

Hüpeden, Fräulein Minna. 

Juncken, FrauTohanna, geb. Maudt. 

Schaefer, H., Professor, Gymnasial- 
Director. 

Schläger, Dr. med. Hermann. 

Schmorl u. v. Seefeld Nachf., Buch- 
händler. 

Spiegelberg, Frau Elsbeth, geb. 
Frank. 

Hattenheim i/Rheingau. 

Wilhelmy, A., Obergerichts- 
Procurator. 

Heidelberg. 

Abbott, Frau Dr. 

V. ßemus, Freiherr. 

Braune, Dr. W., Professor. 

Buhl, Dr. H., Professor. 

Erb, Dr. Wilhelm, Professor, Geh. 

Rath. 
Erdmannsdörffer, Frau Geh. Hof- 

rath. 
Fischer, Dr. Kuno, Professor, Wirkl. 

Geh. Rath, Exe. 



Heidelberg. 

Fraenkel, Stud. phil. Fritz. 

Fürst, Dr., Rechtsanwalt. 

Gegenbauer, Dr. Karl, Professor, 
Geh. Rath. 

Germanisch-Romanisches Seminar 
an der Universität. 

Gemand, Dr. phil. Carl, Professor. 

Groos, Karl, Buchhändler. 

Hausrath, Dr. Adolf, Professor, 
Kirchenrath. 

HofFmeister, H., Lederfabrikant. 

Tannasch, Dr. Paul, Professor. 

Kahn, Dr. Franz, Amtsrichter a. D. 

Knaps, Fräulein Anna. 

Koenler, Dr. Karl, Professor. 

V. Lilienthal, Dr. Carl, Professor. 

Meinhold, Fräul. Elfrida. 

Meyer, Frau Geh. Rath Georg. 

Petters, Otto, Buchhändler. 

Scholl, Dr. F., Professor. 

Schwinger, Dr. phil. Richard. 

Thode, Dr. Henry, Professor. 

Universitäts-Bibliothek, Grossher- 
zoglich Badische. 

V. Waldberg, Freiherr, Dr. Max, 
Professor. 

Wunderlich, Dr. H., Professor. 



Heidenheim. 

Meebold, Frau Geheime 

Natalie, geb. Guyet. 
Meebold, Fräulein Ulla. 



Rath 



Heilbronn. 

Harmonie-Gesellschaft. 
Sigmund, Gottlob, Kaufmann. 

Heinriohau b/ Breslau. 

Eberhardt, Julius, Generaldirector. 
Gottwald, Lic theoL, Superinten- 
dent und Schlossprediger. 

Heinriohsdorf b/Wilhelmsfelde 
(Reg.-Bez. Stettin). 

Lenke, Fräulein Jenny. 

Helmstedt. 

Quasthoff, Ernst, Bergwerksdirect. 

Hildburghausen. 

Gymnasium Georgianum, Herzog- 
liches. 
V. Peirovics, Paia, 



—4fr 47 <«— 



Hildesheim (Hannover). 

Glasewald, Kgl. Ober-Reg.-Rath. 
Gymnasium Andreanum, Königl. 
V. Philipsborn, Ernst, Regierungs- 
Präsident. 

Hoerde (Westf.). 

Vohwinkel, Dr. med. Karl, prakt. 
Arzt. 

Hof i/B. 

Putz, Gottfried, Pfarrer. 

Hofgeismar b/Cassel. 
V. Ulrich, Frau Ilse. 

Hohenfiohte (Sachsen). 

Hauschild, Max E., Geheimer 
Conmierzienrath. 

Hohen-Pähl, Schloss b/Wilzhofen 
(Oberbayem). 

Czermak, Ernst, Gutsbesitzer. 

Husum (Schleswig-Holstein). 
Tönnies, Fräulein Elisabeth. 

Jena. 

Binswanger, Dr., Professor,Hofrath. 

Boeckh, Oberstleutnant a. D. 

V. Brüger, Dr., Oberlandesgerichts- 

Präs., Wirkl. Geh.-Rath, Exe. 
Buchholz, Frau Malvina, geb. v. 

Knebel. 
Delbrück, Dr. B., Professor. 
Dinger, Dr. Hueo, Privatdocent. 
Du(&n, Dr. Paul, Professor. 
Eggeling, Dr. H., Geh. Staatsrath, 

Curator der Universität. 
Eichhorn, Dr. med. Gustav, prakt. 

Arzt. 
Eucken, Dr. R., Professor, Geh. 

Hofrath. 
Fischer, Dr.G.,Verlagsbuchhändler. 
Fürbringer, Dr. M., Professor, Geh. 

Hofrath. 
Genthe, Theodor, Lehrer. 
Gleistein, Frau Rentner. 
Götz, Dr., Professor, Geh. Hofrath. 
Gutzmer, Dr. A., Professor. 
Haeckel, Dr. Ernst, Professor. 
Tobst, Major a. D. 
Kniep, Dr., Professor. 
Knorr, Dr. L., Professor. 
Leitzmann, Dr. Albert, Professor. 

' GoiTn-jABKBUCB XXII. 



Jena. 

Liebmann, Dr. Otto, Professor, 
Geh. Hofrath. 

Lorenz. Dr. O., Professor, Geh. 
Hofrath. 

Ludewig, Fräulein Antonie, Vor- 
steherin der höheren Mädchen- 
schule. 

Michels, Dr. Victor, Professor. 

Noack, Dr. Fer-dinand, Professor. 

Passow, Frau Professor. 

Rein, Dr. Wilhelm, Professor. 

Richter, Dr. G., Gymnasialdirector, 
Geh. Hofrath. 

Rosenthal, Dr. Eduard, Professor. 

Scheer, Oberstleutnant a. D. 

Scheler, Dr. Max, Privatdocent. 

Schlösser, Dr. Rudolf, Professor. 

Settegast, Dr. Henry, Professor, 
Director des landwirthschaftl. 
Instituts. 

Siefert, Dr., Gynmasiallehrer. 

Singer, Oberbürgermeister. 

Stoy, Dr. Heinrich, Privatdcoent. 

Stoy, Dr. Stephan, Privatdocent. 

Türck, Dr. phil. Hermann. 

Universitäts-Bibliothek. 

Unrein, Dr. Otto, Gymnasiallehrer. 

Urban, Arno, Rittergutsbesitzer. 

V. Vogel-Fromannsnausen, Frau 
Anna, k. k. Regierungsraths- 
u. o. ö. Professors- Wittwe. 

Vogt, Aug., Landkammerrath. 

Volkmann, Dr. D., Geh. Reg.-Rath, 
Professor. 

Walther, Dr. phil. Johannes, 
Professor. 

Wilhelm, Dr. Eugen, Professor. 

Illenau b/ Achern. 
Schule, Dr. H., Geh. Hofrath. 

Ilmenau. 

»Gemeinde Gabelbachc , Gesell- 
schaft. 

Ilsenburg (Harz). 

zuSiolberg-Wemigerode,Prinzessin 
Marie, Durchl. 

Insterburg. 

Bibliothek des Kgl. Gymnasiums. 
Kalau vom Hofe, Oberlehrer. 

25 



48 * 



Isselburg b/ Wesel. 

Nering-Bögel, G., Kgl. Commer- 
zienratn. 

Kappeln (Schleswig-HobteiD). 

Thomsen iun., Dr. med. Julius, 
prakt. Arzt. 

Karlmmbe i/B. 

Amspcrger, Dr. phil. Walther. 
Bemays, Ulrich. 

Bielefeld, Jos., Verlagsbuchhandler, 
K. K. öster.-ungar. Consul. 

Boeckh, Stadtrath. 

Bürklin, Dr. jur. Albert, General- 
Intendant d. Grossherzogl. Hof- 
theaters. 

V. Chelius, Rieh., Geh. Kabinets- 
rath, Kammerherr. 

V. Edelsheim, Freiherr, Grossh. bad. 
Obersthofmeister, Exe. 

V. Eisendecher, Frau, geb. Freiin 
V. Eickstedt, Exe. 

Eller, Dr. Carl, OberJandesgeriehts- 
rath. 

Ettlinger, Fräulein Anna. 

Ettlinger, Dr. Emil. 

von und zu Gemmingen, Freiherr, 
Oberstkammerherr, Exe. 

GöUer, L., Geh, Ober-Finanzrath. 

Hauser, Joseph, Grossh. badiseher 
Kammersänger. 

Heinsheimer, Frau Oberlandesge- 
riehtsrath. 

Hof- und Landesbibliothek, Grossh. 

Kilian, Dr. Eugen, Regisseur am 
Hoftheater. 

Liebermann, Gustav (i/Fa. A. Biele- 
felds Hofbuehhandlung). 

Mainzer, Fräulein Helene. 

Ministerium der Justiz, des Kultus 
und Unterrichts. 

Mottl, Felix, Generalmusikdireetor. 

V. Oeehelhäuser, Dr. A., Professor 
am Polytechnikum. 

Ordenstein, Heinrieh, Director des 
Conservatoriums für Musik. 

Roffhack, Dr. jur.. Geh. Reg.-Rath. 

Schnorr von Carolsfeld, Frau Mal- 
vina, königl. bayr. Kammer- 
sängerin. 

Seubert,Emil, Geh.Rath,Ministerial- 
director. 

Weltzien, Alexander. 

Wendt, Dr. Gustav, Geh. Hofrath. 



Kaukehmen (Ostpreussen). 
Meyerowitz, Max, Amtsrichter. 

Kennenburg b/Esslingen a.Neckar. 

Landerer, Dr. med. Paul, Hofrath, 
Director der Heilanstalt. 

Kerpen b/Cöln. 
Wenzel, Amtsrichter. 

Kesaenich. 

Tille, Dr. Alexander. 

KieL 

Deussen, Dr. Paul, Professor. 

Gering, Dr. H., Professor. 

Kauffmann, Dr. Fr., Professor. 

Kirchhoff, Frau AdmiraL 

Mühlau, Dr. F., Professor. 

von Müller, Hans. 

Niepa, Alexander, Chefredacteur. 

Rogge, Frau Clara, geb. Plantier. 

Scheppig, Dr. phil. Richard, Pro- 
fessor, Oberlehrer. 

Schlossmann, Dr., Professor. 

Schöne, Dr. Alfred, Professor, Geh. 
Rath. 

Siemerling, Dr. E., Professor. 

Stange, H., Professor. 

Toecne, Paul, Hofbuchhindler. 

Universitäts-Bibliothek, Königliche. 

Wolff, Dr. Eugen, Professor. 

Klein-Eiehholx, Post Prieros 
(Mark). 

Meyer, Loihar^ Rittergutsbesitzer. 

Klein-Oela b/Ohlau i/Schlesien. 
Yorck V. Wartenburg, Graf Hans. 
Yorek v.Wartenburg, Graf Heinrich. 

KoberwiU (Kr. Breslau). 

vom Rath, Carl, Geh. Commer- 
zienrath. 

Kohlhohe b/Gutschdorf (Schles.). 

V. Richthofen-Damsdorf, Freiherr, 
Ober-Reg.-Rath. 

Königsberg i/Pr. 

Alscher, Dr. Walter, Rechtsanwalt. 
Baumgart, Dr. Hermann, Professor. 
Bibliothek der städtischen Real- 
schule. 



— *• 49 *^— 



Königsberg i/Pr. 

Bibliothek des Altstädtischen Gym- 
nasiums. 

Bibliothek des KneiphöfischenGym- 
nasiums. 

Bibliothek des Königl. Friedrichs- 
CoUe^ums. 

Bibliothek der Kgl. Oberrealschule 
auf der Burg. 

Bibliothek des städtischen Real- 
gymnasiums. 

Bibliothek des Königl. Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Brode, Max, Professor, Dirigent 
der Kgl. Sinfonie-Konzerte. 

Frohmann, Dr. med. Julius, prakt 
Arzt. 

Gerber, Dr. med. P. H., Privat- 
docent. 

Goldberg, Julius, Bankier, General- 
Consul. 

Gruenhagen, Dr., Professor, Ge- 
heimrath. 

Güterbock, Dr. jur., Professor, 
Geheimrath. 

Gyssling, Robert, Rechtsanwalt. 

Jacoby, Albert, Fabrikbesitzer. 

Jacoby, Frau Sophie. 

Kammer, Dr., Professor, Ober-Reg.- 
Rath, Prov.-Schulraih. 

KochendörfFer, Dr. Karl, Ober- 
bibliothekar der Königl. und 
Universitäts-Bibliothek. 

Königl. u. Universitäts-Bibliothek. 

Lehnert, Dr. phil. Max, Gymnasial- 
Oberlehrer. 

Rosenfeld, Ernst, Kaufmann. 

Scherschewsky, Dr. jur., Kaufmann. 

SchöndörfFer, Dr. Otto, Gymnasial- 
lehrer. 

Seelig, Dr. med. Albert, prakt. Arzt. 

Stern, Frau Dr. Agnes, geb. Wiehler. 

Teppich, Frau Emil. 

Töchterschule, städtische höhere. 

Vogel, Rudolf, Rechtsanwalt. 



KSnigslutter. 

Lustig, Dr. Max, Assistenzarzt an 
der Herzogl. Irrenanstalt. 



Schloss KonitJB i/Thüringen. 

Reiss,Dr.Wilhelm,Geh.Regierungs- 
Rath. 



Konstanz. 

Brandes, Wilhelm, Bankdirector. 
Fischer, Dr. med. Gg., Hofrath. 
Mathy, Joh. Wolfg. 
Mülbcrger, Dr. F. 
Ottendörfer, Dr. Hermann, Land- 
gerichtsrath. 

Bad Kosen. 

Neumaun, Hauptmann a. D. 
Schütze, Dr. med. Carl. 

Krotosohin (Posen). 

Bibliothek des Königl. Wilhehns- 
Gymnasium. 

Lahr i/Baden. 
Stadtbibliothek. 

Landau (Pfalz). 

Zahn, August, Kgl. Landgerichts- 
director. 

Landeshnt i/Schlesien. 
Realgynmasium. 

Langenburg (Württemberg). 

zu Hohenlohe-Langenburg, Frau 
Fürstin Leopoldine, Grossher- 
zogliche Honeit.